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Mahānirvāṇa Tantra

Paṭala 5: iti śrīmahānirvāṇatantre sarvatantrottamottame sarvadharmanirṇayapare śrīmadādyāsadāśivasaṃvāde [mantroddhāra-pūjāvidhi-prāṇapratiṣṭhā-pañcatattvaśuddhi-]saṃskāro [?] nāma pañcamollāsaḥ 5. Kapitel: Herausziehung des Mantras, Verehrungsordnung und Weihe der fünf Wesenheiten

Quelle: Mahānirvāṇa-Tantra mit dem Kommentar des Hariharānanda Bhāratī, Tantrik Texts Vol. XIII, hg. Āgama Anusandhāna Samiti, Calcutta 1929 (archive.org, OCR-Text DLI 2015.326303). Śrī Sadāśiva offenbart der Göttin, im Anschluss an das Ende von Ullāsa 4, zunächst ihr eigenes geheimes Mantra: durch eine klassische Silben-Verschlüsselungstechnik (mantroddhāra) werden die drei Bīja-Silben Hrīṃ, Śrīṃ und Krīṃ hergeleitet und zum zehn-, sechzehn- und siebzehnsilbigen Grundmantra „hrīṃ śrīṃ krīṃ parameśvari svāhā“ (nebst Erweiterungen) zusammengesetzt (Vers 1–19). Es folgt die Begründung, dass ein Śakti-Mantra nur nach kaulischer Praxis und mit den fünf Tattvas (Wein, Fleisch, Fisch, geröstetem Korn, Vereinigung) gelingt (20–25), und darauf, sehr ausführlich, die gesamte tägliche Ritualordnung (paddhati) des Sādhaka: Morgenbad und -reinigung, vedische und tantrische Dämmerungsandacht mit der dreigestaltigen Gāyatrī, Sonnenopfer, Tarpaṇa für Götter/Ṛṣis/Ahnen und die Göttin selbst, Eintritt in den Kultraum, Weihe des Rauschtranks „Vijayā“, innere Reinigung der Elemente (Bhūtaśuddhi) mit Verbrennung des sündigen Leibes und Aufbau eines neuen Götterleibes, Einsetzung der Buchstaben-Göttin (Mātṛkānyāsa) über den ganzen Körper, Nyāsa und Dhyāna des Wurzelmantras samt dem berühmten Bild der tanzenden, weinseligen Kālikā vor Mahākāla, sechzehn rein innerlich vollzogene Opfergaben und fünfzehn „Blumen“ der Tugend, kunstvolle Vorwärts-/Rückwärts-Rezitation des Alphabet-Mantras, Bau und Weihe des „König-Yantra“ und des Weihgefäßes (Kalaśa), sowie zuletzt die rituelle Reinigung von Wein (unter Einbeziehung mehrerer echter altvedischer Zitate: Ṛgveda 4.40.5 in Vers 197, der Mahāmṛtyuñjaya-Mantra Ṛgveda 7.59.12 in Vers 210, sowie Ṛgveda 1.22.20–21 in Vers 211–212), Fleisch und Fisch von ihrer mythischen „Brahmanenmord“-Verunreinigung, mit dem abschließenden Hinweis, dass im Grunde das Wurzelmantra allein zur Reinigung aller Substanzen genügt (26–216). Die OCR-Qualität dieses Kapitels ist besonders schlecht (deutlich schlechter als in den vorangehenden Ullāsas), da der Text fast durchgehend aus knappen, stark abkürzenden Mantra-Technik-Versen (Silben-Codes, Fingerlisten, Maßangaben) besteht, die dem optischen Zeichenerkenner besondere Schwierigkeiten bereiteten; mehrere Verse (26, 28, 31, 45, 47, 121, 152, 182, 216 u. a.) sind im Original nur als Halbverse oder mit Lücken erhalten (teils durch tatsächliche Druck-/Scanschäden, worauf jeweils in den Anmerkungen hingewiesen wird). Die Versnummerierung des Originals ist durch OCR sehr häufig verstümmelt (arabische/verwechselte Ziffern); sie wurde durchgehend stillschweigend nach der fortlaufenden Zählung 1–216 korrigiert. Zahlreiche Einzelstellen, insbesondere die genauen Silbenfolgen der verschlüsselten Mantras (mantroddhāra-Technik) und einzelne technische Fachausdrücke, sind nur mit Hilfe der im Kommentar wörtlich zitierten Auflösungen rekonstruierbar und bleiben in Graden unsicher, was jeweils durch [?] gekennzeichnet ist. Der Kommentar selbst wurde nirgends als Grundlage der Deutung der Verse verwendet, sondern ausschließlich zur Klärung entstellter OCR-Lesungen des Wurzeltextes, wie im Auftrag vorgesehen.

svamāyā paramā śaktiḥ svaśaktisvarūpiṇī | tava śaktyā vayaṃ śaktāḥ sṛṣṭisthityādiṣu ||1|| tvaṃ rūpāṇy anantāni nānāvarṇākṛtīni ca | nānāprayāsasādhyāni varṇituṃ kena śakyate ||2|| tava kāruṇyaleśena kulatantrāgamādiṣu | teṣām atra sādhanāni kathitāni yathāmati ||3|| guhyaṃ sādhanam etat tu na kutrāpi prakāśitam | asya prasādāt kalyāṇi mayi te karuṇā stv iti [?] ||4||

Śrī Sadāśiva (Śiva) spricht (Fortsetzung aus Ullāsa 4): Deine eigene Māyā ist die höchste Macht (śakti), von der Wesensart deiner eigenen Śakti; durch deine Macht sind wir (die Götter) fähig zu Schöpfung, Erhaltung und so fort. (1) Du hast unzählige Formen, von vielerlei Farbe und Gestalt, nur durch mannigfache Anstrengung [des Erkennens] erreichbar – von wem können sie beschrieben werden? (2) Durch einen Bruchteil deines Mitleids sind in den Kula-Tantras, Āgamas und dergleichen die Mittel [zur Erreichung der Ziele] verkündet worden, so gut ich es verstehe. (3) Dieses geheime Mittel (sādhana) aber ist nirgends offenbart worden; durch seine Gnade, o Heilvolle, sei mir dein Mitleid, o Herrin des Mitleids [d.h. Sadāśiva bittet die Göttin selbst um die Erlaubnis, ihr eigenes Mantra zu offenbaren]. (4)

Verse 1–4 stark OCR-entstellt; Vers 4d nach Sinn ergänzt [?]. Zwischen Vers 4 und Vers 5 druckt die Ausgabe eine kommentarische Eröffnungsformel „oṃ namo brahmaṇe“, die nicht zum Wurzeltext gehört und hier ausgelassen wird. Sprecher ist weiterhin Sadāśiva, der die Devī als Māyā-Śakti preist, bevor er ihr eigenes Mantra offenbart (vgl. Ende von Ullāsa 4).

idānīṃ tan na te vaktuṃ kṣamo 'ham [?] | kathayāmi tava priye mama prāṇādhikaṃ priye ||5|| svaduḥkhapraśamanaṃ sadyaḥpratyayakārakam | tal labdhvā [?] mama priye tava santoṣakāraṇam ||6|| kalikalmaṣadīnānāṃ nṛṇāṃ svalpāyuṣāṃ priye | bahuprayāsāsaktānām etad eva paraṃ dhanam ||7|| na cātra nyāsabāhulyaṃ nopavāsādisaṃyamaḥ | sukhasādhyam abāhulyaṃ bhaktānāṃ phaladaṃ mahat ||8|| tatrāpi śṛṇu deveśi mantroddhārakramaṃ śubham [?] | yasya śravaṇamātreṇa jīvanmukto 'pi jāyate ||9||

Jetzt bin ich nicht [mehr] imstande, dies dir zu verschweigen [?]; ich sage es dir, Liebste, die mir teurer ist als das Leben, o Liebste. (5) [Dies Mantra ist] die Stillung des eigenen Leids, sogleich Beweis erbringend; hat man es erlangt, o meine Liebste, ist es der Grund deiner Zufriedenheit [?]. (6) Für die Menschen, die durch die Sünden des Kali-Zeitalters elend und von kurzer Lebensspanne sind, o Liebste, die an vieler Mühsal hängen, ist eben dies der höchste Reichtum. (7) Hier gibt es keine Vielzahl von Nyāsas (rituellen Einsetzungen der Gottheit in die Körperglieder), kein Fasten oder sonstige Enthaltsamkeit; leicht zu vollziehen, ohne Überfülle, gewährt es den Hingebungsvollen große Frucht. (8) Höre denn auch dies, Herrin der Götter: höre die Ordnung der Herausziehung (uddhāra) des Mantras, durch deren bloßes Hören man sogar ein „im Leben schon Erlöster“ (jīvanmukta) wird. (9)

Verse 5–9 (Lob des Mantras vor seiner Offenbarung) sind durch OCR stark entstellt; mehrere Wortformen sind sinngemäß ergänzt [?]. Die eigentliche Silbenherausziehung (mantroddhāra) der drei Grundsilben (bīja) beginnt mit Vers 10.

prāṇeśas tejasārūḍho bheruṇḍāvyomabindumān | bījam etat samuddhṛtya dvitīyaṃ tu smaret priye ||10|| sandhyā raktasamārūḍhā vāmanetrendusaṃyutā | tṛtīyaṃ śṛṇu kalyāṇi dīpasaṃsthaḥ prajāpatiḥ ||11|| govindenduyutas tathā bījatrayasyānte tu | vahnikāntāṃ tathā dattvā parameśvari sambodhanam ||12|| [?] vahnikāntāntam ādyo 'yaṃ daśārṇo 'yaṃ manuḥ priye | sarvavidyāmayī devī vijñeyā parameśvarī ||13||

„Prāṇeśa“ (der Herr des Atems, d.h. der Buchstabe ha), auf „Tejas“ (den Glanz, d.h. den Reph[-Laut] r) gestiegen, versehen mit „Bheruṇḍā“ (dem langen ī) und „Vyoma-bindu“ (dem Raum-Punkt, d.h. dem Anusvāra ṃ) – nachdem man dieses [erste] Bīja (die Silbe HRĪṂ) herausgezogen hat, denke man an das zweite, Liebste. (10) „Sandhyā“ (die Dämmerung, d.h. der Buchstabe śa), auf „Rakta“ (das Rote, d.h. den Reph r) gestiegen, verbunden mit dem „linken Auge“ (dem langen ī) und dem „Mond“ (dem Anusvāra) [ergibt ŚRĪṂ]. Höre nun das dritte, o Kalyāṇī: „Dīpa“ (die Lampe, d.h. der Reph r), worauf „Prajāpati“ (der Herr der Geschöpfe, d.h. der Buchstabe ka) steht. (11) Verbunden mit „Govinda“ (dem kurzen/langen i) und dem [Anusvāra-]Punkt ergibt sich [die dritte Silbe, KRĪṂ]. Am Ende der drei Bīja-Silben füge man „Vahnikāntā“ (die Geliebte des Feuers, d.h. SVĀHĀ) hinzu, [davor] das Anredewort „Parameśvari“. (12) [Versaufbau und Pada-Grenzen der Silbenkonstruktion sind wegen der OCR-Zerstörung unsicher rekonstruiert.] Dieses mit „Vahnikāntā“ (Svāhā) endende erste [große] Mantra ist ein zehnsilbiger (daśārṇa) Spruch, Liebste: „hrīṃ śrīṃ krīṃ parameśvari svāhā“. Als aus allen Vidyās (Wissensformen/Mantras) bestehend ist die Göttin Parameśvarī zu erkennen. (13)

Verse 10–13: Kernstück ist die traditionelle „Mantroddhāra“-Technik, bei der jede Mantra-Silbe durch Decknamen für ihre Bestandteile (Konsonant, Vokal, Anusvāra) verschlüsselt wird. Aus dem Kommentar (der die Decknamen auflöst) ergibt sich eindeutig: prāṇeśa=ha, tejas/rakta/dīpa=ra (Repha), bheruṇḍā/vāmanetra/govinda=ī, vyomabindu/indu/bindu=ṃ (Anusvāra), prajāpati=ka. So entstehen HRĪṂ, ŚRĪṂ, KRĪṂ; mit der Anrede „parameśvari“ und dem Schlusswort „svāhā“ ergibt sich das zehnsilbige Grundmantra „hrīṃ śrīṃ krīṃ parameśvari svāhā“, das im ganzen weiteren Kapitel vorausgesetzt wird. Die genaue Verszählung/Pada-Aufteilung der Verse 12 ist wegen starker OCR-Zerstörung unsicher; der Kommentar bestätigt aber den vollständigen Wortlaut der Silbenkonstruktion eindeutig.

ādyatrayāṇāṃ bījānāṃ pratyekaṃ yugmam eva vā | prajapet sādhakādhīśo dharmakāmārthasiddhaye ||14|| bījatrayaṃ vinā caiṣā saptārṇāpi [parameśvarī] | kāmavāgbhavatārābhiḥ sahaikaṃ cāṣṭavarṇikā tridhā [?] ||15|| daśārṇasya padānte tu kālike padam uccaret | punar ādyatrayaṃ bījaṃ vahnijāyāṃ tato vadet ||16|| ṣoḍaśīyaṃ samākhyātā sarvatantreṣu gopitā | kulyāyāḥ praṇavādyā vā caiṣā saptadaśī dvidhā ||17|| tava mantrā asaṃkhyātāḥ koṭikoṭyavadhes tathā | saṃkṣepād atra kathitā mantrāṇāṃ dvādaśa priye ||18|| yeṣu yeṣu ca tantreṣu ye ye mantrāḥ prakīrtitāḥ | te sarve tava mantrāḥ syus tanmāyāprabhavā yataḥ ||19||

Von den ersten drei Bīja-Silben (HRĪṂ, ŚRĪṂ, KRĪṂ) mag der beste der Sādhakas jede einzeln oder auch je zwei zusammen wiederholen, zur Erlangung von Dharma, Kāma und Artha (den drei Lebenszielen). (14) Auch ohne die drei Bīja-Silben gibt es diese [Göttin/dies Mantra] als siebensilbiges [„parameśvari svāhā“]; mit „Kāma“, „Vāgbhava“ oder „Tārā“ (je einer der drei Silben) zusammen [entsteht] auf dreierlei Weise ein achtsilbiges [Mantra]. (15) Am Ende der Worte des zehnsilbigen [Mantras] spreche man das Wort „Kālike“; dann wiederhole man die ersten drei Bīja-Silben von neuem, und füge danach „Vahnijā“ (Svāhā, die Feuergeborene) hinzu. (16) Dies wird das sechzehnsilbige (Ṣoḍaśī-)[Mantra] genannt, in allen Tantras verborgen gehalten; wird ihm der Praṇava (oṃ) oder die [Silbe] der Kulyā vorangestellt, entsteht auf zweierlei Weise das siebzehnsilbige (Saptadaśī-Mantra). (17) Deine Mantras sind unzählbar, bis hin zu vielen Millionen mal Millionen; in Kürze sind hier zwölf der Mantras genannt worden, Liebste. (18) In welchen Tantras auch immer welche Mantras verkündet sind – sie alle sind deine Mantras, da sie aus deiner Māyā entspringen. (19)

Vers 15: „kāma“, „vāgbhava“ und „tārā“ sind hier offenbar Decknamen für je eine der drei Silben hrīṃ/śrīṃ/krīṃ (die Zuordnung im Einzelnen ist wegen OCR-Zerstörung unsicher, mit [?] markiert); durch Voranstellen je einer Silbe vor „parameśvari (svāhā)“ entstehen drei verschiedene achtsilbige Mantras. Vers 16–17 beschreiben nach demselben Verfahren die Erweiterung zum sechzehn- bzw. siebzehnsilbigen Mantra (mit Einschub von „kālike“ bzw. Voranstellung von oṃ oder einer weiteren Silbe). Insgesamt entstehen so, wie der Kommentar an mehreren Stellen festhält, aus den Kombinationen zwölf benannte Mantra-Formen. Verszahl 18 im Original wörtlich „asaṃkhyātāḥ … koṭikoṭyavadheḥ“ (unzählbar, bis an die Grenze von Koṭi-Koṭi/zig Millionen) – Zahl im OCR entstellt, sinngemäß rekonstruiert [?].

eteṣāṃ sarvamantrāṇām ekam eva hi sādhanam | kathayāmi tava priye tathaiva lokahitāya ca ||20|| kaulācāraṃ vinā devi śaktimantro na sidhyati | tasmāt kaulācārarataḥ sādhayec chaktisādhanam ||21|| madyaṃ māṃsaṃ tathā matsyaṃ mudrā maithunam eva ca | śaktipūjāvidhāv atra pañcatattvaṃ prakīrtitam ||22|| pañcatattvaṃ vinā pūjābhicāreṣv eva kalpate [?] | naiva siddhir bhavet tasya vighnas tasya pade pade ||23|| śilāyāṃ vāpite bīje yathā naivāṅkuro bhavet | pañcatattvavihīnāyāṃ pūjāyāṃ na phalaṃ tathā ||24|| prātaḥkṛtyaṃ vinā devi nādhikārī tu karmaṇi | tasmād ādau pravakṣyāmi prātaḥkṛtyaṃ yathocitam ||25||

Von all diesen Mantras gibt es doch nur ein einziges [gemeinsames] Mittel der Vollendung (sādhana); ich will es dir sagen, Liebste, und ebenso zum Wohl der Welt. (20) Ohne den Brauch der Kaulas (kaulācāra), o Göttin, gelingt ein Śakti-Mantra nicht; darum soll [der Sādhaka], dem Kaulācāra ergeben, die Śakti-Sādhanā vollziehen. (21) Wein (madya), Fleisch (māṃsa), ebenso Fisch (matsya), geröstetes Korn (mudrā) und der Geschlechtsakt (maithuna) – dies sind in der Ordnung der Śakti-Verehrung als die „Fünf Wesenheiten“ (pañcatattva) verkündet. (22) Verehrung ohne die Fünf Wesenheiten taugt nur für Schadenszauber (abhicāra); niemals wird ihr Erfolg zuteil, Hindernis auf Hindernis begegnet ihr [dem so Verehrenden]. (23) Wie auf einem Felsen gesätes Samenkorn niemals keimt, so bringt Verehrung, der die Fünf Wesenheiten fehlen, keine Frucht. (24) Ohne die Morgenpflicht (prātaḥkṛtya), o Göttin, ist man zu keinem [weiteren] Ritus berechtigt; darum will ich zuerst die Morgenpflicht verkünden, wie es sich gehört. (25)

Diese Verse begründen programmatisch, warum das ganze übrige Kapitel – Morgenritual, Nyāsa, Dhyāna, Pūjā, Reinigung von Wein/Fleisch/Fisch usw. – im Einzelnen dargelegt wird: ohne kaulische Praxis und ohne die fünf Tattvas (madya, māṃsa, matsya, mudrā, maithuna – die sogenannten „fünf M“) sei jede Śakti-Verehrung wirkungslos. Vers 23 zweite Halbzeile ist OCR-technisch unsicher rekonstruiert [?].

[āsanopaviṣṭaḥ san śirasi śatapatre sitāmbuje | sthitaṃ gurum imaṃ dhyāyet ...] ||26|| [?] śvetāmbaraparidhānaṃ śvetamālyānulepanam | varābhayakaraṃ śāntaṃ karuṇāmayavigraham ||27|| [vāmasthaśaktisaṃyuktaṃ kamalodyatapāṇinā | āśliṣṭavigrahaṃ divyaṃ ...] ||28|| [?] evaṃ dhyātvā gurum enaṃ pūjayitvopacārakaiḥ | mānasair japen mantrī vāgbhavaṃ bījam uttamam ||29|| yathāśakti japaṃ kṛtvā samarpya dakṣiṇe kare | tatas tu praṇamed dhīmān mantreṇānena taṃ gurum ||30||

[Auf seinem Sitz verweilend, meditiere man auf den im hundertblättrigen weißen Lotus am Scheitel weilenden Guru …] (26) [Diese Verszeile ist an der entsprechenden Stelle der Quelle durch einen Druck-/Scanfehler (Seitenumbruch) unleserlich; der Wortlaut ist aus dem Kommentar erschlossen, der bestätigt, dass hier die Meditation auf den im Scheitel-Lotos thronenden Guru gelehrt wird.] [Man meditiere auf den Guru als] bekleidet mit weißem Gewand, mit weißer Blumengirlande und weißer Salbe geschmückt, die Hände in der Geste der Gabe und der Furchtlosigkeit, friedvoll, dessen Leib ganz aus Erbarmen gebildet ist. (27) [… vereint mit der zu seiner Linken befindlichen Śakti, die in der Hand einen Lotos emporhält, den Leib von ihr umschlungen, göttlich …] (28) [Auch dieser Vers ist im Original nur bruchstückhaft/unleserlich erhalten; der Kommentar bezeugt, dass der Guru hier mit seiner Śakti umarmt, eine Lotosblüte haltend, gedacht wird.] Nachdem man so den Guru meditiert und mit den [inneren, im Geiste dargebrachten] Opfergaben verehrt hat, wiederhole der Mantra-Kundige im Geiste die vortreffliche Silbe „Vāgbhava“ (das Sarasvatī-Bīja Aiṃ). (29) Nachdem man nach Kräften die Wiederholung vollzogen hat, übergebe man [die Frucht davon] in die rechte Hand [der Vorstellung]; dann verneige sich der Weise mit diesem Mantra vor jenem Guru. (30)

Verse 26 und 28 sind an genau der Stelle des Originals, wo die Beschreibung der Guru-Meditation (Kopf-Lotos; Umarmung mit der Śakti) stehen müsste, durch einen Scan-/Druckfehler unleserlich (ein Seitenumbruch mit Bildstörung); ihr Inhalt ist hier nur aus den – im Kommentar wörtlich erhaltenen – Stichworten erschlossen und in eckigen Klammern ergänzt, mit [?] als unsicher gekennzeichnet. Dies ist eine echte Lücke der Quelle, keine Auslassung der Übersetzung.

[bhavapāravināśāya jñānadṛṣṭipradarśine | ... ] ||31|| [?] narākṛtiparabrahmarūpāya 'jñānahāriṇe | kuladharmapradāya tasmai śrīgurave namaḥ ||32|| praṇamyaivaṃ guruṃ tatra cintayen nijadevatām | pūrvavat pūjayitvā tāṃ mūlamantraṃ japec caret ||33|| yathāśakti japaṃ kṛtvā tad devyā vāmakare 'rpayet | mantreṇānena matimān samarpayed iṣṭadevatām ||34|| [?] namaḥ sarvasvarūpiṇyai jagaddhātre namo namaḥ | ādyāyai kālikāyai te kāryāyai ity api namo namaḥ ||35|| namaskṛtya bahir gacchet [snātādi]pādapuraḥsaram [?] | tyaktvā mūtrapurīṣaṃ tu dantadhāvanam ācaret ||36||

[Dem Vernichter des jenseitigen Ufers des Werdens (d.h. des Kreislaufs), dem, der die Schau der Erkenntnis zeigt …] (31) [Vers im Original unleserlich; nur aus dem Kommentar erschlossen, der ihn ausdrücklich als das Guru-Verehrungs-Mantra zitiert.] Dem, der in menschlicher Gestalt die Wesensform des höchsten Brahman ist, der die Unwissenheit hinwegnimmt, der den Kula-Dharma verleiht – diesem verehrungswürdigen Guru sei Verehrung! (32) Nachdem man so den Guru verehrt hat, denke man dort an die eigene [gewählte] Gottheit; nachdem man sie wie zuvor [mit inneren Opfergaben] verehrt hat, vollziehe man die Wiederholung (japa) des Wurzelmantras. (33) Nachdem man nach Kräften die Wiederholung vollzogen hat, lege man [deren Frucht] in die linke Hand der Göttin; mit diesem Mantra soll der Verständige sie der gewählten Gottheit (iṣṭadevatā) darbringen. (34) Verehrung der Allgestaltigen, der Trägerin der Welt, Verehrung, Verehrung! Der Uranfänglichen, der Kālikā, dir, der zu Vollbringenden, ebenso Verehrung, Verehrung! (35) Nach dieser Verehrung gehe man, [zunächst der Reihe nach die Waschungen /Fußwaschung] voranstellend, nach draußen; nachdem man Harn und Kot entleert hat, vollziehe man das Zähneputzen. (36)

Vers 31 ist im Original ebenfalls nur bruchstückhaft erhalten (vgl. Anm. zu Vers 26/28); sein Inhalt wird im Kommentar zu Vers 36 ausdrücklich als Mantra der Verbeugung vor dem Guru zitiert. Vers 34d ist wegen starker OCR-Entstellung sinngemäß rekonstruiert [?]. Vers 36a ist unsicher [?]; der Sinn (Verrichtung der Notdurft und Zähnereinigung vor dem Morgenbad) ist durch den Kommentar gesichert.

tato gatvā jalābhyāse [tīrthasamīpe] snānaṃ kuryād yathāvidhi | devam upaspṛśya praviśet salile tataḥ ||37|| nābhimātrajale sthitvā malānām apanuttaye | snātvā tathonmajya [tataḥ] mantrair ācamanaṃ caret ||38|| ātmatattvāya svāheti vidyātattvāya tathā punaḥ | śivatattvāya svāheti mantrais trir ācamet sudhīḥ ||39|| [?] trikoṇaṃ mantragarbhaṃ tu vilikhya salile sudhīḥ | mūlamantraṃ dvādaśadhā tasyopari japet priye ||40|| tejorūpaṃ jalaṃ dhyātvā sūryam uddiśya deśikaḥ | tattoyair añjaliṃ dattvā tenaiva pāthasā tridhā | abhiṣicya svamūrdhānaṃ saptacchidrāṇi rodhayet ||41||

Dann gehe man zu einem Gewässer und bade nach der Regel; nachdem man den Gott [durch Berührung des Wassers] verehrt hat, trete man sodann in das Wasser. (37) Im nabeltiefen Wasser stehend, zur Beseitigung der Unreinheiten, bade man und vollziehe, nachdem man [wieder] aufgetaucht ist, mit Mantras die Mundspülung (ācamana). (38) Mit den Mantras „ātmatattvāya svāhā“ (dem Selbst-Prinzip, Svāhā!), ebenso „vidyātattvāya [svāhā]“ (dem Wissens-Prinzip!) und „śivatattvāya svāhā“ (dem Śiva-Prinzip!) vollziehe der Weise dreimal die Mundspülung. (39) Nachdem der Weise auf dem Wasser ein Dreieck gezeichnet hat, das die [Bīja-]Silbe [Hrīṃ] in seinem Schoß trägt, wiederhole er darüber zwölfmal das Wurzelmantra, Liebste. (40) Das Wasser als aus Licht/Glut bestehend meditierend, zur Sonne gewandt, gebe der [ritualkundige] Übende mit diesem Wasser Handvoll-Opfer (añjali); mit demselben Wasser besprenge er dreimal sein eigenes Haupt und verschließe [damit] die sieben Körperöffnungen. (41)

Vers 39 folgt in der Silbenfolge den drei „Tattva“-Spende-Mantras, die der Kommentar wörtlich zitiert (ātma-, vidyā-, śivatattvāya svāhā); die genaue Pada-Aufteilung ist unsicher [?]. Vers 41 ist im Original ungewöhnlich sechszeilig (drei Halbverse unter einer einzigen Versziffer) und wird deshalb hier als ein einziger, sechsgliedriger Vers wiedergegeben, statt in zwei Vierzeiler aufgeteilt zu werden.

tatas tu devatāprītyai [saṅkalpya] trir nimajjya jalāntare | utthāya gātraṃ sammārjya pidadhyāc chuklavāsasī ||42|| gāyatryā baddhakabaraḥ [san] mṛttikayā tathā bhasmanā vāpi | tripuṇḍraṃ bindusaṃyuktaṃ lalāṭe tilakaṃ caret ||43|| [?] vaidikīṃ tāntrikīṃ caiva yathānukramayogataḥ | sandhyāṃ samācaren mantrī tāntrikīṃ śṛṇu kathyate ||44|| ācamya pūrvavat toye tīrthāny āvāhayec chuciḥ ||45|| [Halbvers – zweite Hälfte im Original fehlt/unklar, s. Anm.] gaṅge ca yamune caiva godāvari sarasvati | narmade sindho kāveri jale 'smin sannidhiṃ kuru ||46||

Dann tauche man, zur Freude der Gottheit [nach entsprechendem Entschluss], dreimal im Wasser unter; nachdem man aufgestanden ist, wische man den Körper ab und ziehe zwei weiße Gewänder an. (42) Mit der Gāyatrī das Haar[-büschel] bindend, mache man mit reiner Erde oder auch mit Asche das Tripuṇḍra-Zeichen samt Punkt auf der Stirn. (43) Die vedische und die tantrische Dämmerungsandacht (sandhyā) vollziehe der Mantra-Kundige der Reihe nach, in dieser Ordnung; höre, wie die tantrische gelehrt wird. (44) Nach der Mundspülung wie zuvor rufe man rein die heiligen Gewässer (tīrtha) in das Wasser herbei. (45) O Gaṅgā, Yamunā, Godāvarī, Sarasvatī, Narmadā, Sindhu, Kāverī: seid in diesem Wasser gegenwärtig! (46)

Vers 43 ist durch OCR-Zerstörung nur ungefähr rekonstruierbar (Wortlaut sinngemäß nach Kommentar) [?]. Vers 45 umfasst in der Quelle offenbar nur eine Halbzeile (Ardha-śloka) – die zweite Halbzeile fehlt entweder im Original oder ist verloren; der Kommentar bestätigt nur denselben, knappen Wortlaut. Vers 46 ist die aus dem allgemeinen hinduistischen Ritual bekannte Anrufung der sieben heiligen Flüsse.

aṅkuśākhyayā mudrayā tīrtham āvāhya tat salile | mūlaṃ mantraṃ tatraiva dvādaśadhā japet priye ||47|| [?] tatas tat toyato bindus tridhā bhūmau vinikṣipet | madhyamānāmikāyogān mūlocāraṇapūrvakam ||48|| saptavāraṃ svamūrdhānam abhiṣicya tatas tu tat | jalaṃ vāmakare gṛhya dakṣahastena cchādayet ||49|| dharāvāyuvaruṇavahnīndrabījapañcakena tat | prajapya vāraṃ caturdhā toyaṃ dakṣahaste samānayet ||50|| [?]

Mit der sogenannten Aṅkuśa- („Elefantenhaken“-)Geste rufe man dort auf dem Wasser die heiligen Gewässer herbei und wiederhole ebendort zwölfmal das Wurzelmantra, Liebste. (47) Dann lasse man aus jenem Wasser dreimal einen Tropfen zu Boden fallen, indem man Mittel- und Ringfinger vereint und zuvor das Wurzelmantra ausspricht. (48) Nachdem man damit siebenmal das eigene Haupt besprengt hat, nehme man jenes Wasser in die linke Hand und bedecke es mit der rechten Hand. (49) Nachdem man damit die fünf Bīja-Silben der Erde, des Windes, des Varuṇa (Wassers), des Feuers und Indras viermal wiederholt hat, bringe man das Wasser in die rechte Hand. (50)

Vers 47 ist im Original nur zweizeilig erhalten (Halbvers, wie Vers 45) – der Kommentar illustriert die Aṅkuśa-Mudrā zusätzlich mit einem wörtlich zitierten Fremdvers aus dem Jñānārṇava-Tantra („dakṣamuṣṭiṃ vighaṭyātha …“), der hier als Kommentarzitat, nicht als Wurzeltext, behandelt und daher nicht mitübersetzt wird. Vers 50 (Fünf-Elemente-Bījas) ist wegen starker OCR-Entstellung der Einzelsilben nur sinngemäß rekonstruiert [?]; die übliche Zuordnung der Elementar-Bījas variiert von Tantra zu Tantra.

vīkṣya tejomayaṃ toyaṃ dakṣahastasthitaṃ priye | iḍayā pītvā tu tena piṅgalayā dehakaluṣaṃ recayet ||51|| [?] evaṃ niṣkāsya taṃ doṣaṃ manaḥkalpitaśilātale | astramantreṇa taṃ japtvā trir vāraṃ tāḍayed dhiyā | tataḥ prakṣālayed dhastau ||52|| [?] ācamya pūrvoktena mantreṇa sūryāyārghyaṃ nivedayet ||53|| oṃ hraḥ haṃsāya śucisūryāya idam arghyaṃ tubhyaṃ svāhā ||54|| [?]

Nachdem der Übende das in seiner rechten Hand befindliche, als aus Glut/Licht bestehend meditierte Wasser betrachtet hat, ziehe er es durch die Iḍā-[Nāḍī] ein und lasse durch die Piṅgalā[-Nāḍī] die innere Unreinheit des Körpers ab. (51) Nachdem er so jenen Makel ausgetrieben hat, schlage er auf den vor sich im Geiste vorgestellten Felsen [auf dem die Sünde ruht] dreimal mit dem Waffen-Mantra „phaṭ“; dann wasche er sich die Hände. (52) Nach der Mundspülung mit dem zuvor genannten Mantra bringe man der Sonne das Wasseropfer (arghya) dar. (53) „Oṃ, Hraḥ! Dem reinen, schwanengleichen [oder: dem Haṃsa-Mantra tragenden] Sonnengott – dieses Wasseropfer sei für dich, Svāhā!“ (54)

Verse 51–54 (innere Reinigung durch die Nāḍīs Iḍā/Piṅgalā, symbolisches Zerschlagen der Sünde auf einem gedachten Stein, Sonnenopfer) sind durch OCR sehr stark entstellt; Einzelworte, insbesondere die genaue Fassung des Sonnen-Arghya-Mantras (Vers 54), sind nur sinngemäß aus dem Kommentar erschlossen und mit [?] gekennzeichnet. Verse 51–52 scheinen im Original ebenfalls unregelmäßig (mehr als vier Pada) gebaut zu sein.

tato dhyāyen mahādevīṃ gāyatrīṃ paradevatām | prātarmadhyāhnasāyāhne tridhā rūpāṃ gaṇayed budhaḥ ||55|| brāhmīṃ raktavarṇāṃ dvibhujāṃ ca kumārikām | kamaṇḍaluṃ tīrthapūrṇam acchamālāṃ ca vibhratīm | kṛṣṇājināmbaradharāṃ haṃsārūḍhāṃ śucismitām ||56|| madhyāhne tāṃ tu vaiṣṇavīṃ dhyāyāc caturbhujām | śaṅkhacakragadāpadmadhāriṇīṃ garuḍāsanām ||57|| pīnottuṅgakucadvandvāṃ vanamālāvibhūṣitām | dadhatīṃ satataṃ dhyāyen madhye māṛtaṇḍamaṇḍale ||58|| sāyāhne varadāṃ devīṃ gāyatrīṃ saṃsmared yatiḥ | śuklāmbaradharāṃ tāṃ tu vṛṣāsanakṛtāśrayām ||59|| trinetrāṃ varadāṃ pāśaśūladharāṃ narakapālikām | vibhratīṃ karapadmais tu vṛddhāṃ galitayauvanām ||60||

Dann meditiere man auf die große Göttin Gāyatrī, die höchste Gottheit; am Morgen, Mittag und Abend zähle der Weise ihre Gestalt als dreifach. (55) [Am Morgen meditiere man auf sie als] Brāhmī, rotfarben, zweiarmig, ein junges Mädchen, einen mit heiligem Wasser gefüllten Wasserkrug (kamaṇḍalu) und eine reine [Bergkristall-]Rosenkranzschnur tragend, in ein schwarzes Antilopenfell gehüllt, auf einem Schwan reitend, mit reinem Lächeln. (56) Am Mittag meditiere man auf sie als Vaiṣṇavī, vierarmig, Muschelhorn, Diskus, Keule und Lotos haltend, auf Garuḍa thronend. (57) Mit vollen, hochgewölbten Brüsten, mit einer Waldblumengirlande geschmückt, [diese Insignien] stets tragend – meditiere man auf sie inmitten der Sonnenscheibe. (58) Am Abend gedenke der Asket der gabenspendenden Göttin Gāyatrī, in weißes Gewand gehüllt, auf einem Stier ihren Sitz nehmend. (59) Dreiäugig, gabenspendend, Schlinge und Dreizack und einen Totenschädel (Menschenschädel-Trinkschale) in ihren Lotoshänden tragend, alt, ihre Jugend ganz verblüht. (60)

Die dreifache Gāyatrī-Meditation (morgens als jugendliche rote Brahmā-Śakti Brāhmī, mittags als vierarmige Viṣṇu-Śakti Vaiṣṇavī, abends als greise Rudra/Śiva-Śakti) ist ein im Hinduismus weit verbreitetes Sandhyā-Element; Vers 56 ist im Original wieder unregelmäßig dreizeilig überliefert.

evaṃ dhyātvā mahādevyai jalam añjalinā dvayam [?] | dattvā japet tāṃ gāyatrīṃ daśadhā śatadhāpi vā ||61|| gāyatrīṃ śṛṇu deveśi vadāmi tava bhāvataḥ | ādyāyai padam uccāryaṃ vidmahe tadanantaram ||62|| parameśvaryai dhīmahi tan naḥ kālī pracodayāt | eṣā tu tava gāyatrī mahāpāpapraṇāśinī ||63|| trisandhyam etāṃ prajapan sandhyāyāḥ phalam āpnuyāt | tatas tu tarpayed devān ṛṣīn pitṝṃs tathā svayam [?] ||64|| praṇavaṃ prathamaṃ vadet tato dvitīyāntām ākhyāṃ vadet | tarpayāmi nama iti padaṃ vadet | śaktau tu praṇavasthāne māyāṃ namaḥsthāne dviḍ [svāhā] vadet ||65||

Nachdem man so meditiert hat, gebe man der großen Göttin mit der hohlen Hand Wasser [zweimal? – Einzelheit unsicher] und wiederhole jene Gāyatrī zehn- oder auch hundertmal. (61) Höre die Gāyatrī, Herrin der Götter; ich sage sie dir aus Liebe. [Zuerst] ist das Wort „ādyāyai“ („der Uranfänglichen“) auszusprechen, danach „vidmahe“ („wir möchten erkennen“). (62) „…der Parameśvarī wollen wir uns hingeben (dhīmahi); jene Kālī möge uns antreiben (pracodayāt)“ – dies ist deine Gāyatrī, die Vernichterin großer Sünden. (63) Wer dies zu den drei Dämmerungszeiten wiederholt, erlangt die Frucht der Dämmerungsandacht; sodann sättige man (tarpaṇa) die Götter, Ṛṣis und Ahnen. (64) Zuerst spreche man den Praṇava (oṃ), dann den Namen [der jeweiligen Wesen] im Akkusativ, dann die Worte „tarpayāmi namaḥ“ („ich sättige, Verehrung“). Im Falle der Śakti aber spreche man an Stelle des Praṇava die Māyā[-Silbe Hrīṃ], an Stelle von „namaḥ“ das Wort „Dviṭ“ [d.h. Svāhā]. (65)

Die Gāyatrī der Kālī/Parameśvarī folgt dem klassischen Gāyatrī-Schema „X vidmahe, Y dhīmahi, tan naḥ Z pracodayāt“: „ādyāyai vidmahe parameśvaryai dhīmahi tan naḥ kālī pracodayāt“. Vers 65 lehrt das allgemeine Tarpaṇa-Formelmuster: für Götter, Ṛṣis und Ahnen „oṃ [Name im Akk.] tarpayāmi namaḥ“, für die Śakti selbst „hrīṃ ādyāṃ kālīṃ tarpayāmi svāhā“ (vgl. Kommentar). Einzelne Wortformen (Vers 61, 64) sind wegen OCR-Schäden unsicher [?].

mūlānte sarvabhūtānte nivāsinya iti padaṃ vadet | tataḥ svarūpāṃ ḍāyuktāṃ tathā sāyudhām api ||66|| sāvaraṇāṃ sacaturthyā tathaiva parātparām | ādyāyai kālikāyai ta idam arghyaṃ tato dviḍ [vadet] ||67|| anenārghyaṃ mahādevyai dattvā mūlaṃ japet sudhīḥ | yathāśakti japaṃ kṛtvā devyā vāmakare 'rpayet ||68|| praṇamya devīṃ pūjārthaṃ jalam ādāya sādhakaḥ | natvā tīrthaṃ paṭhan stotraṃ devatādhyānatatparaḥ ||69|| yāgamaṇḍapam āgatya pāṇipādau viśodhayet | tato dvārasya purataḥ sāmānyārghyaṃ prakalpayet ||70||

Nach dem [Grund-]Mantra füge man ans Ende von „sarvabhūta-“ das Wort „nivāsinye“ (der in allen Wesen Wohnenden) an; dann [im Dativ] „svarūpāyai“ (der Wesensgestalt) und ebenso „sāyudhāyai“ (der mit Waffen Versehenen). (66) [Ebenso] „sāvaraṇāyai“ (der mit Hülle Versehenen) im Dativ, ebenso „parātparāyai“ (der Höchsten über dem Höchsten); [dann] „ādyāyai kālikāyai“ (der uranfänglichen Kālikā) – dir [gehört] dieses [Opfer] –, danach das Wort „Dviṭ“ [Svāhā]. (67) Nachdem er der großen Göttin mit diesem [Mantra] das Wasseropfer dargebracht hat, wiederhole der Weise das Wurzelmantra; nachdem er nach Kräften die Wiederholung vollzogen hat, überreiche er [deren Frucht] in die linke Hand der Göttin. (68) Nachdem der Übende sich vor der Göttin verneigt und Wasser zur Verehrung genommen hat, das heilige Wasser grüßend, eine Lobpreisung rezitierend, ganz auf die Meditation der Gottheit gerichtet, (69) Trete er, zum Opferpavillon (yāgamaṇḍapa) gekommen, ein und reinige Hände und Füße; dann bereite er vor der Tür das „allgemeine“ Wasseropfer (sāmānyārghya). (70)

Verse 66–67 setzen die im Kommentar wörtlich zitierte, stark erweiterte Arghya-Anrede an die Göttin zusammen: „hrīṃ śrīṃ krīṃ parameśvari svāhā sarvabhūtanivāsinye sarvasvarūpāyai sāyudhāyai sāvaraṇāyai parātparāyai ādyāyai kālikāyai ta idam arghyaṃ svāhā“. Einzelne Kasusendungen sind im OCR-Text uneinheitlich wiedergegeben; die Grundbedeutung ist durch den Kommentar gesichert.

trikoṇavṛttabhūvimbaṃ maṇḍalaṃ racayet sudhīḥ | ādhāraśaktiṃ sampūjya tatrādhāraṃ niyojayet ||71|| astreṇa pātraṃ prakṣālya hṛnmantreṇa prapūrya ca | nikṣipya gandhaṃ puṣpaṃ ca tīrthāny āvāhayet tataḥ ||72|| ādhārapātratoyeṣu vahnyarkaśaśimaṇḍalam | pūjayitvā tad aṣṭadhā māyābījena mantrayet ||73|| pradarśayed dhenuyoniṃ mudrāṃ tasyopari priye | idam eva sāmānyārghyaṃ tajjalaiḥ pūjayed dvāradevatāḥ ||74|| gaṇeśaṃ kṣetrapālaṃ ca vaṭukaṃ yoginīṃ tathā | gaṅgāṃ yamunāṃ caiva lakṣmīṃ vāṇīṃ tato yajet ||75|| kiñcit spṛśan vāmakāṣṭhāṃ vāmapādapuraḥsaram | smaran devyāḥ padāmbhojaṃ maṇḍapaṃ praviśet sudhīḥ ||76||

Der Weise zeichne ein Maṇḍala aus Dreieck, Kreis und Quadrat („Erdbild“); nachdem er die Ādhāra-Śakti (die tragende Macht) verehrt hat, stelle er dort das Gefäß (ādhāra) auf. (71) Nachdem er das Gefäß mit dem Waffen-Mantra (Astra, „phaṭ“) gewaschen und mit dem Herz-Mantra gefüllt hat, lege er Sandelpaste und Blüten hinein und rufe sodann die heiligen Gewässer (Tīrthas) herbei. (72) Im Gefäß, im Behälter und im Wasser verehre er die Kreise von Feuer, Sonne und Mond und weihe [das Wasser] achtfach mit der Māyā-Silbe (Hrīṃ). (73) Man zeige darüber die Dhenu-(„Kuh“-)Geste; eben dies gilt als das „allgemeine“ Wasseropfer (sāmānyārghya). Mit diesem Wasser und diesen Blüten verehre man die Tor-Gottheiten. (74) Gaṇeśa, Kṣetrapāla, Vaṭuka(-Bhairava) und ebenso Yoginī, Gaṅgā und Yamunā, Lakṣmī und Vāṇī (Sarasvatī) verehre man daraufhin. (75) Das linke Türholz leicht berührend, mit dem linken Fuß vorantretend, an die Lotosfüße der Göttin denkend, betrete der Weise den [Opfer-]Pavillon. (76)

Verse 71–76 beschreiben die Errichtung des Wasser-Gefäßes (sāmānyārghya-Gefäß) mit seinem eigenen kleinen Maṇḍala und die Verehrung der Torhüter-Gottheiten, bevor der Übende den eigentlichen Kultraum betritt.

maṇḍapaṃ praviśya ca tatraiva nairṛtyāṃ diśi praṇavādinamo'ntena mantreṇa gandhapuṣpādibhir vāstvīśaṃ brahmāṇaṃ ca pūjayan | sāmānyārghyasya toyena yāgamandiraṃ prokṣayet ||77|| anantaraṃ sādhakendro divyadṛṣṭyavalokanair divyān vighnān utsārayet | antarikṣagān astramantreṇa jaleṣūtsārayet ||78|| bhaumān tu tribhiḥ pāṇidhātais tathā tribhiḥ pādatalāghātair nivārayet | tato yāgamaṇḍapaṃ candanāgurukastūribhir dhūpayed vāsayet ||79|| svopaveśārthaṃ trikoṇakaṃ tadbahiś caturasraṃ ca maṇḍalaṃ likhet | tatrādhiṣṭhānadaivataṃ kāmarūpaṃ pūjayet ||80|| tatrāsanaṃ samāstīrya pūrvaṃ hrīm iti samuccārya | ādhāraśaktir ity uktvā kamalāsanāya nama iti vadet ||81||

Nachdem er den Pavillon betreten hat, verehre er dort, in südwestlicher Richtung (nairṛtya), mit dem Mantra, das mit dem Praṇava beginnt und mit „namaḥ“ endet, mit Sandelpaste, Blüten und anderem den Vāstu-Herrn und Brahmā, und besprenge dann mit dem Wasser des allgemeinen Wasseropfers das Opferhaus. (77) Sogleich danach vertreibe der beste der Sādhakas durch Blicke göttlicher Schau die göttlichen Hindernisgeister; die im Luftraum befindlichen vertreibe er mit dem Astra-Mantra durch [versprengtes] Wasser. (78) Die der Erde [angehörenden Hindernisgeister] aber wehre er durch dreimaliges Händeklatschen und ebenso dreimaliges Aufstampfen mit der Fußsohle ab; dann beräuchere und parfümiere er den Opferpavillon mit Sandel, Aloeholz und Moschus. (79) Für den eigenen Sitz zeichne er ein Dreieck, und außerhalb davon ein Quadrat als Maṇḍala; dort verehre er die diesem [Sitz] vorstehende Gottheit „Kāmarūpa“. (80) Nachdem er dort seinen Sitz ausgebreitet hat, spreche er zuerst die Silbe „Hrīṃ“ aus, dann das Wort „Ādhāraśakti“, [und schließlich] „Kamalāsanāya namaḥ“ [„der Lotos-Sitzenden Verehrung“]. (81)

Das Sitz-Mantra (Vers 81) lautet zusammengesetzt: „hrīṃ ādhāraśaktikamalāsanāya namaḥ“ – so der Kommentar wörtlich. „Kāmarūpa“ (Vers 80) ist hier Name der über dem Sitz-Maṇḍala waltenden Gottheit.

māyāṃ [hrīṃ] samyag uccārya amṛte amṛtodbhave amṛtavarṣiṇi | tato 'mṛtam ākarṣaya dvidhā ||82|| siddhiṃ dehi tato vadyāt kālikāṃ me tataḥ param | vaśam ānaya iti vadyāt saṃvidāśodhane manuḥ ||83|| [oṃ hrīṃ amṛte amṛtodbhave amṛtavarṣiṇi amṛtam ākarṣayākarṣaya siddhiṃ dehi kālikāṃ me vaśam ānaya svāhā] ||84|| [Mantra-Zusammenstellung, s. Anm.] mūlamantraṃ saptavāraṃ prajapya vijayopari | āvāhanyādimudrāṃ ca dhenuyoniṃ pradarśayet ||85||

Nachdem man die Māyā[-Silbe Hrīṃ] recht ausgesprochen hat: „O du Unsterblichkeitstrank, aus der Unsterblichkeit Entsprungene, Unsterblichkeit Regnende!“ – dann [zweimal]: „Ziehe die Unsterblichkeit herbei!“ (82) Dann spreche man: „Gib Vollkommenheit (siddhi)!“, danach: „Bringe mir die Kālikā“, [und schließlich]: „unter meine Macht“ – dies ist das Mantra zur Reinigung des Bewusstseins-[tranks] (saṃvid, d.h. der Bhāṅga). (83) [Zusammengefügt lautet das Mantra: „oṃ hrīṃ amṛte amṛtodbhave amṛtavarṣiṇi, ziehe die Unsterblichkeit herbei, ziehe sie herbei, gib Vollkommenheit, bringe mir die Kālikā unter meine Macht, svāhā!“] (84) Nachdem man das Wurzelmantra siebenmal über der Vijayā (dem Bhāṅga-Trank) wiederholt hat, zeige man die Āvāhanī- und die übrigen [Einsetzungs-]Gesten sowie die Dhenu-yoni-(„Kuh“-)Geste. (85)

„Vijayā“ (wörtlich „die Siegreiche“) ist ein gebräuchlicher Euphemismus für den Hanftrank (bhāṅga), der hier als eine Erscheinungsform der Göttin geweiht wird; „saṃvid“ („Bewusstsein“) ist ein weiterer Euphemismus für denselben Trank. Die Verszählung 82–84 ist wegen der zusammenfassenden Kommentarangabe „83, 84“ nicht ganz sicher auf einzelne Halbverse zu verteilen; der vollständige Mantra-Wortlaut ist jedoch im Kommentar eindeutig überliefert und in Vers 84 als Ganzes wiedergegeben.

guruṃ sahasrapatrasthaṃ vidyayā saṅketamudrayā | tridhā tarpayed athādyāṃ hṛdi devīṃ tayaiva ca ||86|| [?] vāgbhavaṃ vada-yugmaṃ ca vāgvādini padaṃ tataḥ | jihvāgre sthirībhava sarvasattvavaśaṅkari | svāhāntenaiva manunā juhuyāt kuṇḍalīmukhe ||87|| svīkṛtya saṃvidāṃ bhaṅgaṃ vāmakarṇasyordhvadeśe | śrīgurubhyo nama ity uktvā dakṣiṇe gaṇeśāya namaḥ | madhye sanātanīm ||88|| [?] pūjādravyāṇi saṃgṛhya dakṣiṇe sthāpayet sudhīḥ | kuladravyāṇi tu tathā yāni te suśāsitāni ||89|| [?] astrāntamūlamantreṇa sāmānyārghyodakena ca | samprokṣya sarvavastūni veṣṭayej jalavāsasā | vahnibījena devi tu vahniprākāram ācaret ||90|| puṣpaṃ candanasaṃyuktaṃ karayor ādāya gṛhya | astreṇa gharṣayitvā tat prakṣipet karadvaye ||91|| tarjanīmadhyamābhyāṃ tu vāmapāṇitale trayam | uddhūtatālatritayaṃ dattvā tato 'stramantreṇa | koṭikābhir digbandhanaṃ tato bhūtaśuddhim ācaret ||92||

Man sättige den Guru, der im tausendblättrigen [Kronen-]Lotos weilt, mit der Wissens-[Silbe] und dem [Guru-]Zeichen dreimal in gehöriger Weise; ebenso sättige man dreimal die uranfängliche Göttin im Herzen. (86) [Man spreche] „Vāgbhava“ (die Silbe Aiṃ), dann zweimal „sprich“ (vada vada), dann das Wort „Vāgvādini“ (o Rednerin), [dann]: „Werde fest auf meiner Zungenspitze, Bezwingerin aller Wesen!“ Mit diesem auf „Svāhā“ endenden Mantra opfere man [die Vijayā] in den Mund der Kuṇḍalī [d. h. trinke sie unter diesem Spruch]. (87) Nachdem man so den Rausch des Bewusstseinstranks (saṃvid) angenommen hat, verneige man sich oberhalb des linken Ohres mit „Śrīgurubhyo namaḥ“ (Verehrung den erhabenen Gurus) vor dem Guru, zur Rechten mit „Gaṇeśāya namaḥ“ vor Gaṇeśa, in der Mitte [des Scheitels] vor der Ewigen [Kālikā]. (88) Die Verehrungsgegenstände (Blumen usw.) sammle der Weise und stelle sie zur Rechten auf; die Kula-Gegenstände (Wein usw.) aber [stelle er], wie von dir [Devi] gelehrt, [zur Linken]. (89) Mit dem auf Astra (phaṭ) endenden Wurzelmantra und mit dem Wasser des allgemeinen Arghya besprenge man alle Gegenstände und umhülle sie mit einer Wasserhülle; mit der Feuer-Silbe, o Göttin, errichte man einen Feuerwall. (90) Eine mit Sandelpaste versehene Blüte nehme man in beide Hände, zerreibe sie mit dem Astra-Mantra und werfe sie zwischen die beiden Hände. (91) Mit Zeige- und Mittelfinger gebe man auf der linken Handfläche dreimal ein Fingerschnalzen (tāla); dann vollziehe man mit dem Astra-Mantra durch [dreimaliges] Schnalzen die Bindung der Himmelsrichtungen (digbandhana), danach die Reinigung der Elemente (bhūtaśuddhi). (92)

Verse 86, 88 und 89 sind durch OCR-Zerstörung nur ungefähr rekonstruierbar [?]; die Grundhandlung (Guru- und Devī-Tarpaṇa mit dem Rauschtrank Vijayā/Saṃvid, anschließende Verneigungen, Bereitstellung der Verehrungs- und Kula-Gegenstände) ist durch den Kommentar hinreichend gesichert. Die „Kuṇḍalī“ in Vers 87 bezeichnet hier bildlich den eigenen Mund/die Kehle als Sitz der aufsteigenden Schlangenkraft, in den der Trank „geopfert“ (geschluckt) wird.

svāṅke nidhāya ca karāv uttānau sādhakottamaḥ | mano niveśya mūle ca hakāreṇaiva kuṇḍalīm ||93|| utthāpya haṃsamantreṇa pṛthivyā sahitāṃ tu tām | svādhiṣṭhānaṃ samānīya tattvaṃ tatra vilāpayet ||94|| gandhādighrāṇasaṃyuktāṃ pṛthivīm apsu saṃharet | rasādijihvayā sārdhaṃ jalatattvaṃ vilāpayet ||95|| rūpādi cakṣuṣā sārdhaṃ tejasy eva vilāpayet | śabdasparśādiyutaṃ vāyum ākāśe pravilāpayet ||96|| ahaṅkāre hared vyoma śabdaṃ tan mahati tv api | mahattattvaṃ ca prakṛtau tāṃ ca brahmaṇi vilāpayet ||97||

Der beste der Sādhakas lege seine beiden Hände, mit den Innenflächen nach oben, in seinen Schoß, richte den Geist auf die [Mūlādhāra-]Wurzel und wecke mit der Silbe „ha“ eben die Kuṇḍalī. (93) Nachdem er sie mit dem Haṃsa-Mantra zusammen mit [dem Element] Erde erweckt hat, führe er sie zum Svādhiṣṭhāna[-Cakra] und löse dort dieses Element auf. (94) Die mit Geruch und Geruchssinn verbundene Erde ziehe man ins Wasser zurück; den Geschmack und die Zunge löse man in das Wasser-Element auf. (95) Form und Sehsinn löse man ebenso in das Feuer auf; die mit Klang und Tastsinn verbundene Luft löse man in den Raum (Ākāśa) auf. (96) Den Raum samt dem Klang ziehe man in das Ich-Bewusstsein (Ahaṅkāra) zurück; dieses in das Prinzip des Großen (Mahat); das Mahat-Prinzip in die Urnatur (Prakṛti); und diese löse man in Brahman auf. (97)

Die klassische tantrische Bhūtaśuddhi-Sequenz: Erde→Wasser→Feuer→Luft→Raum→Ahaṅkāra→Mahat→Prakṛti→Brahman, wobei jedes Element mit seinem zugehörigen Sinnesorgan zusammen aufgelöst wird. Die Kuṇḍalī steigt dabei durch die Cakras und nimmt jeweils ein Element mit sich.

itthaṃ vilāpya matimān vāmakukṣau vicintayet | puruṣaṃ kṛṣṇavarṇaṃ ca raktāśruvilocanam ||98|| kṛṣṇāñjanamayaṃ krūram aṅguṣṭhaparimāṇakam | sarvapāpasvarūpaṃ ca svedārdrādhomukhasthitam ||99|| [?] tatas tu vāmanāsāyāṃ yaṃ bījaṃ dhūmravarṇakam | saṃcintya pūrayet tena vāyuṃ ṣoḍaśamātrayā | tena pāpātmakaṃ dehaṃ śoṣayet sādhakāgraṇīḥ ||100|| nābhau raṃ raktavarṇaṃ ca dhyātvā taj-jātavahninā | catuḥṣaṣṭyā kumbhakena dahet pāparataṃ tanūm ||101||

Nachdem er so [die Elemente] aufgelöst hat, visualisiere der Verständige in seiner linken Seite (Bauch) einen schwarzfarbenen Mann (Puruṣa) mit blutunterlaufenen, tränenden Augen. (98) [Er ist] schwarz wie Lampenruß, grimmig, von der Größe eines Daumens, die Verkörperung aller Sünde, schweißnass, mit nach unten gewandtem Gesicht dastehend. (99) Dann visualisiere man in der linken Nase die rauchfarbene Silbe „yaṃ“ und fülle sich [durch Einatmen] mit ihr für die Dauer von sechzehn [Zählmaßen] mit Luft an; damit trockne der beste der Sādhakas den aus Sünde bestehenden Leib aus. (100) Am Nabel meditiere man auf das rote „raṃ“, und mit dem daraus entstandenen Feuer verbrenne man, durch eine Atemanhaltung (Kumbhaka) von vierundsechzig [Zählmaßen], jenen der Sünde ergebenen Leib. (101)

Vers 99 ist wegen starker OCR-Zerstörung nur ungefähr rekonstruiert [?]; der Kommentar bestätigt „blutunterlaufene, tränende Augen“ und die Bedeutung als Verkörperung aller Sünde eindeutig.

śuklavarṇaṃ tato vaṃ vāruṇaṃ bījaṃ vicintya ca | dvātriṃśatā recakena tanūṃ plāvayed amṛtāmbhasā ||102|| āpādaśīrṣaparyantam āplāvya tadanantaram | utpannaṃ bhāvayed dehaṃ navīnaṃ devatāmayam ||103|| pṛthvībījaṃ pītavarṇaṃ mūlādhāre vicintayan | tena divyāvalokena dṛḍhīkuryān nijāṃ tanūm ||104|| hṛdaye hastam ādāya oṃ hrīṃ krīṃ haṃsaḥ ity ucaran | so'ham mantreṇa tad-dehe devyāḥ prāṇān niveśayet ||105|| bhūtaśuddhiṃ vidhāyettthaṃ devībhāvaparāyaṇaḥ | samāhitamanāḥ kuryān mātṛkānyāsam ambike ||106||

Dann visualisiere man das weiße Varuṇa-Bīja „vaṃ“ und übergieße mit dem daraus entstehenden Nektarwasser, in einer Ausatmung von zweiunddreißig [Zählmaßen], den Leib. (102) Nachdem man ihn so von den Füßen bis zum Scheitel übergossen hat, meditiere man sogleich danach auf den neu entstandenen, aus Gottheit bestehenden Leib. (103) Das gelbe Erd-Bīja meditiere man im Mūlādhāra, und mit diesem göttlichen Anblick festige man den eigenen [neuen] Leib. (104) Die Hand ans Herz legend und „Oṃ Hrīṃ Krīṃ Haṃsaḥ“ aussprechend, setze man mit dem Mantra „So 'ham“ (Ich bin Er/Sie) die Lebensatem-Kräfte (prāṇa) der Göttin in jenem [neuen] Leib ein. (105) Nachdem man so die Reinigung der Elemente vollzogen hat, ganz dem Gedanken hingegeben, selbst die Göttin zu sein, vollziehe man mit gesammeltem Geist die Einsetzung der Buchstaben-Göttin (Mātṛkānyāsa), o Mutter! (106)

Mit Vers 106 schließt die Bhūtaśuddhi (innere Reinigung durch Auflösung und Neuerschaffung des Körpers als Götterleib) und leitet zum Mātṛkānyāsa (Einsetzung der 50 Alphabet-Laute als Göttinnen im Körper) über, das die folgenden Verse ausführen.

mātṛkāyā ṛṣir brahmā gāyatrī chanda īritam | devatā mātṛkā devī bījaṃ visargaṃ ucyate ||107|| svarāḥ śaktaya ity uktā vyañjanaṃ kīlakaṃ smṛtam | dharmārthakāmamokṣārthaṃ nyāse 'smin viniyogaḥ kṛtaḥ | ṛṣinyāsaṃ vidhāyaivaṃ karāṅganyāsam ācaret ||108|| aṃ āṃ madhye ka-vargaś ca iṃ īṃ madhye ca-vargakam | uṃ ūṃ madhye ṭa-vargas tu ṛṃ ṝṃ madhye ta-vargakam ||109|| eṃ aiṃ madhye pa-vargas tu oṃ auṃ-antaṃ varānane | bindu-visargāntarāle ca ṣaḍaṅge mantra īritaḥ ||110|| viśeṣārthaṃ vinyaset tv evaṃ pañcāśadvarṇamātṛkām | evaṃ nyasya karāṅgeṣu dhyāyen mātṛsarasvatīm ||111|| [?] pañcāśadbhir lipibhir vibhaktamukhadoḥpanmadhyavakṣaḥsthalāṃ bhāsvanmaulinibaddhacandraśakalām āpīnatuṅgastanīm | mudrākṣaguṇaṃ sudhāmayakaraṃ vidyāṃ ca hastair vibhrāṇāṃ viśadaprabhāṃ trinayanāṃ vāgdevatām āśraye ||112||

Der Ṛṣi der Buchstaben-Göttin (Mātṛkā) ist Brahmā, ihr Versmaß die Gāyatrī, ihre Gottheit die Mātṛkā-Göttin [Sarasvatī] selbst; als ihre Bīja-Silbe gilt der Visarga (ḥ). (107) Die Vokale gelten als ihre Śaktis, die Konsonanten als ihr Kīlaka (Stützpflock); zur Erlangung von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa geschieht bei diesem Nyāsa die Anwendung (viniyoga). Nachdem man so den Ṛṣi-Nyāsa vollzogen hat, vollziehe man den Hand-Glieder-Nyāsa (Karāṅganyāsa). (108) Zwischen [den Vokalen] Aṃ und Āṃ [stehe] die Ka-Gruppe (k, kh, g, gh, ṅ), zwischen Iṃ und Īṃ die Ca-Gruppe, zwischen Uṃ und Ūṃ die Ṭa-Gruppe, zwischen Ṛṃ und Ṝṃ die Ta-Gruppe, (109) zwischen Eṃ und Aiṃ die Pa-Gruppe, [und schließlich] bis Oṃ-Auṃ [die Halbvokale und Zischlaute Ya bis Kṣa], o Schönantlitzige; zwischen Bindu (Anusvāra) und Visarga aber wird der Sechsglieder-Spruch (ṣaḍaṅga-mantra) verkündet. (110) [Nach diesem Schema] setze man die fünfzig Buchstaben der Mātṛkā im Einzelnen ein; nachdem man sie so an den Fingergliedern der Hand eingesetzt hat, meditiere man auf die Mutter Sarasvatī. (111) Ich nehme Zuflucht bei der Göttin der Rede (Vāgdevatā), deren Gesicht, Arme, Hände, Mitte und Brust durch die fünfzig Schriftzeichen gegliedert sind, die in ihrem strahlenden, mit einer Mondsichel gebundenen Diadem [erscheint], von vollen, hochgewölbten Brüsten; die in ihren Händen die Wissens-Geste, die Perlenschnur aus Akṣa-Perlen, ein nektargefülltes Gefäß und das Buch des Wissens trägt; von reinem, klarem Glanz, dreiäugig. (112)

Verse 109–110 lehren die Grundregel des Mātṛkā-Nyāsa: Je zwei benachbarte Vokale (aṃ-āṃ, iṃ-īṃ, uṃ-ūṃ, ṛṃ-ṝṃ, eṃ-aiṃ, oṃ-auṃ) bilden zusammen mit einer Konsonantengruppe (ka-, ca-, ṭa-, ta-, pa-Varga) sowie den übrigen Lauten ya bis kṣa und Bindu/Visarga insgesamt sechs Einheiten, die – wie der Kommentar exemplarisch ausführt – den fünf Fingern und der Handfläche (bzw. später sechs Körperstellen) zugeordnet werden (z. B. Daumen = Ka-Gruppe mit „namaḥ“, Zeigefinger = Ca-Gruppe mit „svāhā“, usw.; die genauen Anrufungssilben und Handteil-Zuordnungen werden nicht mitübersetzt, da sie im Wurzeltext selbst nicht als eigene Verse, sondern nur exemplarisch im Kommentar ausbuchstabiert sind). Vers 111 ist unsicher rekonstruiert [?]. Vers 112 ist ein berühmter, metrisch von der Anuṣṭubh abweichender (langzeiliger) Dhyāna-Vers auf die Buchstaben-Göttin Sarasvatī/Vāgdevatā.

dhyātvaivaṃ mātṛkāṃ devīṃ ṣaṭsu cakreṣu vinyaset | dakṣau bhrūmadhyage padme kaṇṭhe ca ṣoḍaśa svarān ||113|| hṛdambuje kādiṭāntān vinyasya kulasādhakaḥ | ḍādiphāntān nābhideśe vādisāntāṃś ca liṅgake ||114|| mūlādhāre caturpatre vādisāntān praviṇyaset | ity antaṃ manasā nyasya mātṛkārṇān bahir nyaset ||115|| rekhe mukhavṛtte 'kṣiśrutighrāṇeṣu gaṇḍayoḥ | oṣṭhadantottamāṅge ca doḥpatsandhyagrageṣu ca ||116|| pārśvayoḥ prati nābhau jaṭhare hṛdayāṃsayoḥ | aṅkuyor [kūrparayoś] ca hastapādayugmayoḥ ||117|| jaṭharānanayor nyasyen mātṛkārṇān yathākramam | itthaṃ dvipiṃ [dvividham] praviniyasya prāṇāyāmaṃ samācaret ||118|| māyābījaṃ ṣoḍaśadhā japtvā vāmena vāyunā | pūrayed ātmano dehaṃ catuḥṣaṣṭyā tu kumbhayet ||119||

Nachdem man die Buchstaben-Göttin so meditiert hat, setze man sie in den sechs Cakras ein: im Zwischen-den-Brauen-Lotos (Ājñā) und im Kehl-Lotos die sechzehn Vokale, (113) im Herz-Lotos die zwölf Buchstaben von Ka bis Ṭha, der Kula-Sādhaka; im Nabelbereich die zehn von Ḍa bis Pha, im Geschlechtsbereich die sechs von Va bis Sa, (114) im vierblättrigen Wurzel-(Mūlādhāra-)Lotos setze man die vier von Va bis Sa [richtig: die restlichen vier Buchstaben] ein; nachdem man sie bis dahin im Geiste eingesetzt hat, setze man die Mātṛkā-Laute auch äußerlich [am Körper] ein. (115) An der Scheitellinie, am Mundkreis, an den Augen, Ohren und der Nase, an beiden Wangen, (116) an Lippen, Zähnen und Scheitel, an Armen, Füßen, an den Gelenken der Fingerspitzen, an beiden Seiten, am Nabel, am Bauch, an Herz und Schultern, (117) an den Ellbogen und den beiden Hand- und Fußpaaren, am Bauch und im Gesicht setze man der Reihe nach die Mātṛkā-Laute ein. Nachdem man sie so auf zweifache Weise eingesetzt hat, vollziehe man den Atemhalt (Prāṇāyāma). (118) Nachdem man die Māyā-Silbe (Hrīṃ) sechzehnmal wiederholt hat, fülle man mit dem linken [Nasenloch eingezogenen] Atem den eigenen Körper und halte ihn [den Atem] für vierundsechzig [Zählmaße] an. (119)

Verse 113–118 beschreiben die Verteilung der 50 Mātṛkā-Laute zunächst auf die sechs Cakras (Ājñā/Augenbrauenmitte und Kehle: 16 Vokale; Herz: 12 Laute Ka–Ṭha; Nabel: 10 Laute Ḍa–Pha; Genitalbereich: 6 Laute Va–Sa; Wurzel-Cakra: 4 restliche Laute) und danach noch einmal äußerlich auf rund zwanzig Körperstellen von Kopf bis Fuß – eine sehr technische, in der tantrischen Ritualliteratur häufige Nyāsa-Tabelle. Die genauen Silbe-für-Silbe-Zuordnungen (welcher einzelne Buchstabe an welcher Fingerspitze usw.) sind im Wurzeltext selbst nicht ausbuchstabiert, sondern nur im – hier nicht mitübersetzten – Kommentar exemplarisch vorgeführt; einzelne Wortformen der Verse 114–115 sind wegen OCR-Schäden nur ungefähr rekonstruierbar.

dvātriṃśatā japan bījaṃ vāyuṃ dakṣeṇa recayet | punaḥ punar athāvṛttyā prāṇāyāma iti smṛtaḥ ||120|| prāṇāyāmaṃ vidhāyaivam ṛṣinyāsaṃ samācaret ||121|| [Halbvers] asya mantrasya ṛṣayo brahmā brahmarṣayas tathā | gāyatryādīni chandāṃsi ādyā kālī tu devatā ||122|| ādyaṃ bījaṃ māyā śaktiḥ kīlakaṃ ceti kīrtitam | krameṇaitāni vinyasya sthāneṣv eteṣu vinyaset | śiro vadanahṛdguhyapādasarvāṅgakeṣu ca ||123||

Zweiunddreißigmal die [Māyā-]Silbe wiederholend, atme man durch das rechte [Nasenloch] aus; dies immer wieder, in Umkehrung [von links nach rechts], wiederholt, heißt Prāṇāyāma. (120) Nachdem man so den Prāṇāyāma vollzogen hat, vollziehe man den Ṛṣi-Nyāsa [des Wurzelmantras]. (121) Die Ṛṣis dieses Mantras sind Brahmā und ebenso die Brahma-Ṛṣis; seine Versmaße sind Gāyatrī und die übrigen; seine Gottheit ist die uranfängliche Kālī. (122) Die erste [Silbe, Krīṃ,] gilt als Bīja, [Hrīṃ] als Śakti, und [Śrīṃ] wird als Kīlaka bezeichnet; nachdem man diese der Reihe nach eingesetzt hat, setze man [den ganzen Nyāsa] an folgenden Stellen ein: am Kopf, im Mund, am Herzen, am Geheimort, an den Füßen und am ganzen Körper. (123)

Für das im Kapitel zentrale Mantra „hrīṃ śrīṃ krīṃ parameśvari svāhā“ gilt nach dem – hier nicht separat übersetzten – Kommentar: Bīja = krīṃ, Śakti = hrīṃ, Kīlaka = śrīṃ; die Nyāsa-Formeln lauten demnach etwa „śirasi brahmaṇe brahmarṣibhyaś ca ṛṣibhyo namaḥ“, „mukhe gāyatryādibhyaś chandobhyo namaḥ“, „hṛdaye ādyāyai kālyai devatāyai namaḥ“, „guhye krīṃ bījāya namaḥ“, „pādayor hrīṃ śaktaye namaḥ“, „sarvāṅgeṣu śrīṃ kīlakāya namaḥ“. Vers 121 ist im Original nur als Halbvers erhalten.

mūlamantreṇa hastābhyām āpādamastakāvadhi | mastakāt pādaparyantaṃ saptadhā vā tridhā nyaset | ayaṃ tu vyāpakanyāso yathoktaphalasiddhidaḥ ||124|| yad-bījādyā bhaved vidyā tad-bījenāṅgakalpanā | athavā mūlamantreṇa ṣaḍdīrgheṇa vinā priye ||125|| aṅguṣṭhābhyāṃ tarjanībhyāṃ madhyamābhyāṃ tathaiva ca | anāmikābhyāṃ kaniṣṭhābhyāṃ karayos talapṛṣṭhayoḥ | namaḥ svāhā vaṣaḍ hūṃ ca vauṣaṭ phaṭ krameṇa sudhīḥ ||126|| hṛdayāya namaḥ pūrvaṃ śirase svāhā tathā | śikhāyai vaṣaḍ ity uktaṃ kavacāya hum īritam ||127|| netratrayāya vauṣaṭ ca astrāya phaḍ iti kramāt | ṣaḍaṅgāni vidhāyettthaṃ pīṭhanyāsaṃ samācaret ||128||

Mit dem Wurzelmantra, mit beiden Händen, von den Füßen zum Scheitel und vom Scheitel zu den Füßen, setze man [es] siebenfach oder dreifach ein; dies ist der „durchdringende“ (vyāpaka-)Nyāsa, der die genannte Frucht verleiht. (124) Mit welcher Silbe eine Vidyā beginnt, mit deren Silbe geschieht die Gliedereinteilung; oder aber, Liebste, mit dem Wurzelmantra ohne die sechs langen [Bīja-]Vokale. (125) An beiden Daumen, beiden Zeigefingern, ebenso beiden Mittelfingern, beiden Ringfingern, beiden kleinen Fingern und an Innen- und Außenfläche der Hände [spreche] der Weise der Reihe nach: „Namaḥ“, „Svāhā“, „Vaṣaṭ“, „Hūṃ“, „Vauṣaṭ“, „Phaṭ“. (126) Für das Herz zuerst „Namaḥ“, für den Kopf „Svāhā“; für den Haarschopf (śikhā) wird „Vaṣaṭ“ genannt, für den Panzer (kavaca) „Hūṃ“ erklärt. (127) Für die drei Augen „Vauṣaṭ“, und für die Waffe (astra) der Reihe nach „Phaṭ“. Nachdem man so die sechs Glieder [des Körpers eingesetzt] hat, vollziehe man den Sitz-Nyāsa (pīṭhanyāsa). (128)

Verse 124–128 übertragen das übliche Sechsglieder-Schema (Herz, Kopf, Haarschopf, Panzer, drei Augen, Waffe) mit den sechs Ausrufen Namaḥ/Svāhā/Vaṣaṭ/Hūṃ/Vauṣaṭ/Phaṭ zunächst auf die Finger und Hände, dann auf den Körper – die Standardform des tantrischen „Ṣaḍaṅga-Nyāsa“.

ādhāraśaktiṃ kūrmaṃ ca śeṣaṃ pṛthvīṃ tathaiva ca | sudhāmbudhiṃ maṇidvīpaṃ pārijātataruṃ tataḥ ||129|| cintāmaṇigṛhaṃ caiva maṇimāṇikyavedikām | tatra padmāsanaṃ vīro vinyaset hṛdayāmbuje ||130|| dakṣavāmāṃsayor dharmajñāne vāmadakṣakaṭyos tathā | aiśvaryaṃ vairāgyaṃ ca kramato nyaset ||131|| mukhe vāmapārśve nābhau dakṣapārśve sādhakasattamaḥ | nañpūrvāṇi ca tāny eva dharmādīni yathākramam ||132|| ānandakandaṃ hṛdaye sūryaṃ somaṃ hutāśanam | sattvaṃ rajas tamaś caiva bindu-yuktādimākṣaraiḥ | keśarān karṇikāṃ caiva patreṣu pīṭhanāyikāḥ ||133|| maṅgalā vijayā bhadrā jayantī cāparājitā | nandinī nārasiṃhī ca vaiṣṇavīty aṣṭanāyikāḥ ||134||

[Man setze der Reihe nach ein:] die Ādhāra-Śakti (tragende Macht), die Schildkröte, die Weltschlange Śeṣa, ebenso die Erde, den Nektarozean, die Juweleninsel, und dann den Pārijāta-Baum, (129) das Wunschjuwel-Haus und die Plattform aus Edelsteinen und Rubinen; dort, im Herz-Lotos, setze der Held (Held-Sādhaka) den Lotos-Sitz ein. (130) An rechter und linker Schulter Dharma und Wissen (jñāna), an linker und rechter Hüfte ebenso Herrschermacht (aiśvarya) und Entsagung (vairāgya) setze man der Reihe nach ein. (131) Am Mund, an der linken Seite, am Nabel, an der rechten Seite [setze] der beste der Sādhakas eben jene [vier Eigenschaften] Dharma usw. in verneinter Form [Adharma, Ajñāna, Anaiśvarya, Avairāgya], der Reihe nach. (132) Den „Keim der Wonne“ (Ānandakanda) im Herzen, Sonne, Mond und Feuer; Sattva, Rajas und Tamas mit den anlautenden, anusvāra-versehenen Silben [saṃ, raṃ, taṃ]; die Staubfäden und den Fruchtknoten [des Lotos], und auf den Blütenblättern die Sitz-Herrinnen (Pīṭhanāyikās). (133) Maṅgalā, Vijayā, Bhadrā, Jayantī und Aparājitā, Nandinī, Nārasiṃhī und Vaiṣṇavī – dies sind die acht Nāyikās (Sitz-Herrinnen). (134)

Der Pīṭhanyāsa (Vers 129–134) baut im Herz-Lotos symbolisch den ganzen mythischen Weltenträger auf (Schildkröte, Schlange, Erde, Milchozean, Juweleninsel mit Wunschbaum und -haus) und setzt darauf den eigentlichen Sitz der Göttin samt seiner acht Wächter-Göttinnen (Nāyikās) und der acht Bhairavas (folgender Vers).

asitāṅgaś caṇḍaḥ krodhonmatto bhayaṅkaraḥ | kapālī bhīṣaṇaś caiva saṃhāry ity aṣṭau bhairavāḥ | hṛtpatrāgreṣu nyased etān prāṇāyāmaṃ tataś caret ||135|| gandhapuṣpe samādāya karakacchapamudrayā | hṛdi hastau samādhāya dhyāyed devīṃ sanātanīm ||136|| dhyānaṃ tu dvividhaṃ proktaṃ sarūpārūpabhedataḥ | arūpaṃ tava yad dhyānam avāṅmanasagocaram ||137|| avyaktaṃ sarvato vyāptam idam itthaṃ vivarjitam | agamyaṃ yogibhir gamyaṃ kṛcchraiḥ śamādibhir api ||138||

Asitāṅga, Caṇḍa, Krodhonmatta, Bhayaṅkara, Kapālī, Bhīṣaṇa und Saṃhārī – dies sind die acht Bhairavas; man setze sie an die Spitzen der Herz-Lotos-Blätter, und vollziehe daraufhin den Atemhalt (Prāṇāyāma). (135) Sandelpaste und Blüten nehme man mit der „Schildkröten-Hand“-Geste (karakacchapa-mudrā), lege die Hände ans Herz und meditiere auf die ewige Göttin. (136) Meditation aber wird zweifach gelehrt, unterschieden nach [Meditation] mit Form und ohne Form; deine formlose Meditation ist das, was jenseits von Rede und Denken liegt. (137) Unmanifest, überall gegenwärtig, jeder Festlegung wie „so ist es“ entzogen; unerreichbar, [doch] erreichbar für Yogis, [und zwar nur] mit Mühe, durch [die Stufen beginnend mit] innere Ruhe (śama) und dergleichen. (138)

Die acht Bhairavas an den Herzblütenblättern ergänzen die acht Nāyikās aus Vers 134 zu einem vollständigen Kreis von Wächtergottheiten. Verse 137–138 leiten von der ‚formlosen‘ (arūpa) zur im Folgenden gelehrten ‚mit Form versehenen‘ (sarūpa, sthūla) Meditation über.

manaso dhāraṇārthāya śīghraṃ svābhīṣṭasiddhaye | sūkṣmadhyānaparabodhāya sthūladhyānaṃ vadāmi te ||139|| arūpāyāḥ kālikāyāḥ kālamātur mahādyuteḥ | guṇakriyānusāreṇa kriyate rūpakalpanā ||140|| meghāṅgīṃ śaśilekharāṃ trinayanāṃ raktāmbarāṃ vibhratīṃ pāṇibhyām abhayaṃ varaṃ ca vilasadraktāravindasthitām | nṛtyantaṃ purato madhuraṃ mādhvīkam āpīya dṛṣṭvā mahākālaṃ vīkṣya vikasitānanavarāṃ bhaje kālikām ||141|| evaṃ dhyātvā svaśirasi puṣpaṃ dattvā tu sādhakaḥ | pūjayet parayā bhaktyā mānasair upacārakaiḥ ||142||

Zur Festigung des Geistes, zur raschen Erlangung des eigenen ersehnten Ziels und zur Vorbereitung auf das höhere Erwachen der feinstofflichen (sūkṣma-)Meditation will ich dir [nun] die grobstoffliche (sthūla-)Meditation nennen. (139) Von der formlosen Kālikā, der Mutter der Zeit, von großem Glanz, wird – ihren Eigenschaften und Wirkweisen entsprechend – [nun, zum Zweck der Meditation,] eine Form entworfen. (140) Ich verehre Kālikā: von der Farbe der Gewitterwolke, mit dem Mond als Scheitelschmuck, dreiäugig, in rotes Gewand gehüllt, in ihren beiden Händen die Gesten der Furchtlosigkeit und der Gabe zeigend, auf einem leuchtend roten, sich entfaltenden Lotos thronend, mit ihrem schönen, sich öffnenden Antlitz zuschauend, wie Mahākāla, der zuvor den süßen Traubenwein (Mādhvīka) getrunken hat, vor ihr tanzt. (141) Nachdem er so meditiert und eine Blüte auf sein eigenes Haupt gelegt hat, verehre der Sādhaka [die Göttin] mit höchster Hingabe durch die im Geiste [dargebrachten] Opfergaben. (142)

Vers 141 ist der berühmte, metrisch von der Anuṣṭubh abweichende (Śārdūlavikrīḍita-artige) Dhyāna-Vers der tanzenden, weinselig-ekstatischen Kālī vor dem tanzenden Mahākāla – ein Kernstück der bildlichen Kālī-Verehrung.

hemapadmāsanaṃ dadyāt sahasrārac chyutāmṛtaiḥ | pādyaṃ caraṇayor devyā manastuṣṭyai nivedayet ||143|| tenāmṛtenācamanaṃ snānīyam api kalpayet | ambarārthaṃ ca vasanaṃ gandhārthaṃ gandhakaṃ tathā ||144|| cittaṃ prakalpayet puṣpaṃ dhūpaṃ prāṇān prakalpayet | tejastattvaṃ tu dīpārthaṃ naivedyaṃ ca sudhāmbudhim ||145|| anāhataṃ dhvaniṃ ghaṇṭāṃ vāyutattvaṃ ca cāmaram | hṛdayaṃ indriyakarmāṇi cāsyaṃ manasas tathā ||146|| [?] puṣpaṃ nānāvidhaṃ dadyād ātmano bhāvasiddhaye | amāyam anahaṅkāram arāgam amadaṃ tathā ||147|| amohakam adambhaṃ ca adveṣākṣobhake tathā | amātsaryam alobhaṃ ca daśa puṣpaṃ prakīrtitam ||148|| ahiṃsā paramaṃ puṣpaṃ puṣpam indriyanigrahaḥ | dayā kṣamā jñānapuṣpaṃ pañcamaṃ puṣpaṃ tataḥ param ||149||

Man biete einen goldenen Lotossitz dar; mit dem aus dem Tausendblatt-[Lotos] herabfließenden Nektar reiche man der Göttin das Fußwaschwasser dar, zur Zufriedenheit des [eigenen] Geistes. (143) Mit demselben Nektar richte man auch Mundspül- und Badewasser her; als Gewand [stelle man sich] ein [göttliches] Kleid vor, als Duftstoff Sandelparfum. (144) Man stelle sich das eigene Denken als Blumenopfer vor, die Lebensatem-Kräfte als Räucherwerk; das Feuer-Element als Lampe, und den Nektarozean als Speiseopfer (naivedya). (145) Den ungeschlagenen [inneren] Klang (anāhata-nāda) als Glocke, das Wind-Element als Fächer (cāmara); das Herz und das Wirken der Sinne [als Dienst], und ebenso den Mund des Denkens [als weitere Gabe]. (146) Man biete vielerlei [innere] Blumen dar, zur Vollendung der eigenen [inneren] Haltung: Nicht-Täuschung, Nicht-Ichbezogenheit, Nicht-Leidenschaft und ebenso Nicht-Rausch/Nicht-Stolz, (147) Nicht-Verblendung und Nicht-Heuchelei, ebenso Nicht-Hass und Nicht-Erregung, Nicht-Neid und Nicht-Gier – dies werden als die zehn [inneren] Blumen verkündet. (148) Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) ist die höchste Blume, Sinnesbeherrschung eine [weitere] Blume; Mitleid, Nachsicht und die Blume der Erkenntnis – die fünfte Blume darüber hinaus. (149)

Verse 143–146 übertragen die sechzehn klassischen Pūjā-Gaben (Sitz, Fußwasser, Mundwasser, Badewasser, Kleid, Duft, Blume, Räucherwerk, Lampe, Speise, Glocke, Fächer usw.) auf rein innere, meditative Entsprechungen – ganz im Sinne der zuvor (Vers 8) betonten Einfachheit dieses Sādhana ohne äußeren Aufwand. Vers 146 ist in der letzten Zeile unsicher rekonstruiert [?]. Verse 147–149 zählen fünfzehn ‚Blumen‘ der inneren Haltung auf: zehn negativ formulierte (Freiheit von Täuschung, Ichsucht usw.) und fünf positive Tugenden (Gewaltlosigkeit, Sinnesbeherrschung, Mitleid, Nachsicht, Erkenntnis).

sudhāmbudhiṃ māṃsaśailaṃ mathitaṃ mīnaparvatam | mudrārāśiṃ sabhaktaṃ ca ghṛtāktaṃ pāyasaṃ tathā ||150|| kulāmṛtaṃ tathā tatpuṣpaṃ pīṭhakṣālanavāri ca | kāmakrodhau nirasyaiva baliṃ dattvā japaṃ caret ||151|| mālā varṇamayī proktā kuṇḍalīsūtrayojitā ||152|| [Halbvers]

[Als Speiseopfer biete man dar:] den Nektarozean (Wein), einen Berg von Fleisch, Gebutterrührtes, einen Berg von Fisch, einen Haufen gerösteten Korns (mudrā) samt Reis, sowie mit Ghee getränkten Milchreis (pāyasa). (150) Ebenso den Kula-Nektar und seine „Blüte“, sowie das Waschwasser des Sitzes; nachdem man Begierde und Zorn abgelegt und ein Opfer (bali) dargebracht hat, vollziehe man die Wiederholung (japa). (151) Die Rosenkranzschnur für [die innere Wiederholung] besteht, wie gelehrt wird, aus den [fünfzig] Buchstaben, aufgereiht am Faden, der die Kuṇḍalī selbst ist. (152)

„Kula-Nektar“ (kulāmṛta) ist ein Fachausdruck für eines der als Opfersubstanz verwendeten Körpersekrete im kaulischen Ritual; er wird hier, wie die übrigen Pañcatattva-Substanzen, sachlich benannt. Vers 152 ist im Original nur als Halbvers erhalten.

sabinduṃ mantram uccārya mūlamantraṃ samuccaret | akārādir hakārāntam anuloma iti smṛtaḥ ||153|| punar hakāram ārabhya kṣakārāntaṃ manuṃ japet | viloma iti vikhyātaḥ kṣakāre meruḥ ucyate ||154|| aṣṭavargāntimair varṇaiḥ saha mūlam athāṣṭakam | evam aṣṭottaraśataṃ japtvānena samarpayet ||155|| sarvāntarātmanilaye svāntajyotiḥsvarūpiṇi | gṛhāṇāntyajapaṃ mātar āye kāli namo 'stu te ||156|| samarpya japam etat tu sāṣṭāṅgaṃ praṇamed dhiyā | baliṃ dattvā tato 'nte tu bahiḥpūjāṃ samārabhet ||157||

Nachdem man das Mantra mit dem Bindu (Anusvāra) ausgesprochen hat, rezitiere man das Wurzelmantra; [es] mit den Buchstaben von A bis Ha [der Reihe nach vorangestellt zu rezitieren] heißt die „Vorwärts“-Rezitation (anuloma). (153) Wiederum, von Ha beginnend bis Kṣa [rückwärts], rezitiere man das Mantra; dies ist als die „Rückwärts“-Rezitation (viloma) bekannt; bei Kṣa wird das, was Meru (die Wende-Perle der Rosenkranzschnur) genannt wird, [erreicht]. (154) Mit den acht Schlusslauten der acht [Konsonanten-]Gruppen zusammen mit dem Wurzelmantra, [noch] achtmal; so, nachdem man hundertundacht Mal mit diesem [Verfahren] rezitiert hat, bringe man [den Japa] dar. (155) „O du, die im innersten Selbst aller wohnt, von der Wesensart des Lichts im eigenen Herzen – nimm diesen letzten Japa an, o Mutter, uranfängliche Kālī; Verehrung sei dir!“ (156) Nachdem man diesen Japa so dargebracht hat, verneige man sich mit acht Gliedern (sāṣṭāṅga) in Andacht; nachdem man [dann] ein Opfer (bali) dargebracht hat, beginne man zum Schluss die äußere Verehrung (bahiḥpūjā). (157)

Verse 153–155 beschreiben die kunstvolle Rezitationstechnik des Alphabet-Mantras vorwärts (a bis ha) und rückwärts (ha bis kṣa), mit dem Buchstaben Kṣa als „Meru“ (der die Zählrichtung umkehrenden Trennperle der Rosenkranzschnur), abgeschlossen durch 108 Wiederholungen. Vers 156 gibt das eigentliche Abschluss-Mantra des inneren Japa.

viśeṣārghyasya saṃskāras tatrādau kathyate śṛṇu | yasya sthāpanamātreṇa devatā suprasīdati ||158|| dṛṣṭvāsya pātraṃ yoginyo brahmāṇyā devatāgaṇāḥ | bhairavā api nṛtyanti prītyā siddhiṃ dadanty api ||159|| svavāme purato bhūmau sāmānyārghyasya vāriṇā | māyāgarbhaṃ trikoṇaṃ ca vṛttaṃ ca caturasrakam ||160|| vilikhya pūjayet tatra māyābījapuraḥsaram | ḍāntām ādhāraśaktiṃ ca namaḥśabdāvasānikām ||161|| tataḥ prakṣālitādhāraṃ vinyasya maṇḍalopari | maṃ vahnimaṇḍalaṃ ḍāntaṃ dadyād akalātmane tataḥ ||162|| namo'ntena ca sampūjya prakṣālyed arghyapātrakam | astreṇa sthāpayet tatra ādhāropari sādhakaḥ ||163||

Die Weihe des „besonderen“ Wasseropfers (viśeṣārghya) wird dort zuerst gelehrt; höre sie: durch dessen bloße Errichtung wird die Gottheit wohlgefällig gestimmt. (158) Beim Anblick dieses Gefäßes tanzen die Yoginīs, die Scharen der Gottheiten mit Brahmāṇī an der Spitze, sogar die Bhairavas vor Freude und gewähren sogar Vollkommenheit (siddhi). (159) Zu seiner eigenen Linken, auf dem Boden davor, zeichne man mit dem Wasser des allgemeinen Arghya ein Dreieck, das die Māyā[-Silbe] in seinem Schoß trägt, und darum einen Kreis und ein Quadrat. (160) Nachdem man [dies] gezeichnet hat, verehre man dort die Ādhāra-Śakti (die tragende Macht) [mit einem Mantra], dem die Māyā-Silbe vorangeht, das auf „-e“ endet und mit dem Wort „namaḥ“ schließt. (161) Dann stelle man das gewaschene Gefäß auf das Maṇḍala; [verehre] den Feuerkreis mit „maṃ vahnimaṇḍalāya“, endend auf „-e“, dann [die Sonne] als „aus zwölf Kalās bestehend“. (162) Nachdem man so mit dem auf „namaḥ“ endenden [Mantra] verehrt hat, wasche man das Arghya-Gefäß; mit dem Astra-Mantra stelle der Sādhaka es auf die Unterlage. (163)

Die Verse 158–163 beschreiben die aufwendige Weihe des „besonderen“ Arghya-Gefäßes mit eigenem kleinem Maṇḍala (Dreieck-Kreis-Quadrat) und der Verehrung von Ādhāra-Śakti, Feuer- und Sonnenkreis darin – ein zweites, kunstvolleres Wasseropfer neben dem bereits in Vers 71–74 beschriebenen „allgemeinen“ Arghya.

arkamaṇḍalāyoktvā tu dvādaśāntakalātmane | namo'ntena ca yajet pātraṃ mūlenaiva prapūrayet ||164|| tribhāgaṃ madyena [pūrayet] śeṣaṃ toyena sādhakaḥ | gandhapuṣpe tatra dattvā pūjayed amunāmbike ||165|| ṣaṭsvaraṃ bindusahitaṃ ḍāntaṃ vai candramaṇḍalam | ṣoḍaśānte kalāśabdād ātmane nama ity api ||166|| tatas tu śreṣṭhe patre raktacandanacarcitam | dūrvāpuṣpaṃ sākṣataṃ kṛtvā tatra nidhāpayet ||167|| mūlena tīrtham āvāhya tatra devīṃ vibhāvya ca | pūjayed gandhapuṣpābhyāṃ mūlaṃ dvādaśadhā japet ||168|| dhenuyoniṃ darśayitvā dhūpadīpau pradarśayet | tadambu prokṣaṇīpātre kiñcin nikṣipya sādhakaḥ ||169|| ātmānaṃ deyavastūni prokṣayet tena mantravit | pūjāsamāptiparyantam arghyapātraṃ na cālayet ||170|| viśeṣārghyasya saṃskāraḥ kathito 'yaṃ śucismite | yantrarājaṃ pravakṣyāmi samastapuruṣārthadam ||171||

Nachdem man [das Mantra] „dem Sonnenkreis, der aus zwölf Kalās besteht“, endend auf „namaḥ“, gesprochen hat, verehre man [ihn so]; das Gefäß fülle man mit dem durch das Wurzelmantra [geweihten Trank]. (164) Zu einem Drittel [fülle es] der Sādhaka mit Wein, den Rest mit Wasser; nachdem er dort Sandel und Blüten dargebracht hat, verehre er damit [den Mondkreis], o Mutter. (165) [Man spreche] den sechsten Vokal [ū] mit dem Bindu, endend auf „-e“: „dem Mondkreis“; am Ende [das Wort] „sechzehn“, [dann] „Kalā“ und „ātmane namaḥ“. (166) Dann lege man auf das schönste Blatt, mit rotem Sandel bestrichenes Dūrvā-Gras und Blüten samt unzerbrochenen Reiskörnern. (167) Nachdem man mit dem Wurzelmantra die heiligen Gewässer herbeigerufen und dort die Göttin visualisiert hat, verehre man mit Sandel und Blüten und wiederhole das Wurzelmantra zwölfmal. (168) Nachdem man die Dhenuyoni-Geste gezeigt hat, biete man Räucherwerk und Lampe dar; nachdem der Sādhaka etwas von jenem Wasser in das Besprengungsgefäß gegeben hat, (169) besprenge der Mantra-Kundige sich selbst und die Opfergegenstände damit; bis zum Abschluss der Verehrung bewege man das Arghya-Gefäß nicht. (170) Dies ist die Weihe des besonderen Arghya, o Reinlächelnde; nun will ich den König der Yantras (Yantra-rāja) verkünden, der alle menschlichen Lebensziele gewährt. (171)

Mit dem Sonnen- und Mondkreis im Arghya-Gefäß, gefüllt zu einem Teil mit Wein, wird das Wasseropfer endgültig geweiht. Vers 171 leitet zur Beschreibung des zentralen Verehrungsdiagramms (Yantra-rāja) über.

māyāgarbhaṃ trikoṇaṃ tad bāhye vṛttayugmakam | tayor madhye yugmayugmakramāt ṣoḍaśa kesarān ||172|| tad bāhye 'ṣṭadalaṃ padmaṃ tad bahir bhūpuraṃ likhet | caturdvārasamāyuktaṃ surekhaṃ sumanoharam ||173|| svarṇe vā rājate tāmre kuṅkumagorocanālipte | svayambhukusumair yukte candanāgurukuṅkumaiḥ ||174|| kuṅkumenātha vā lipte svarṇamayyā śalākayā | mālūrakaṇṭakenāpi mūlamantraṃ samuccaran | vilikhed yantrarājaṃ tu devatābhāvasiddhaye ||175|| athavotkīrṇarekhābhiḥ sphāṭike vidrume 'pi vā | vaidūrye kārayed yantraṃ kārakeṇa suśikṣiṇā ||176|| śubhapratiṣṭhitaṃ kṛtvā sthāpayed bhavanāntare | naśyanti duṣṭabhūtāni grahārogabhayāni ca ||177|| putrapautrasukhaiśvaryair modate tasya mandiram | dātā bhoktā yaśasvī ca bhavet yantraprasādataḥ ||178|| evaṃ yantraṃ samālikhya ratnasiṃhāsane puraḥ | saṃsthāpya pīṭhanyāsoktavidhinā pīṭhadevatāḥ | sampūjya karṇikāmadhye pūjayen mūladevatām ||179||

[Man zeichne] das die Māyā[-Silbe] in seinem Schoß tragende Dreieck; außerhalb davon ein Kreispaar; zwischen ihnen, paarweise, sechzehn Blütenblätter (Staubfäden). (172) Außerhalb davon eine achtblättrige Lotosblüte; außerhalb dieser zeichne man das „Erdgeviert“ (bhūpura), mit vier Toren versehen, mit feinen Linien, überaus anmutig. (173) Auf Gold, Silber oder Kupfer, bestrichen mit Safran und Gorocanā (gelbem Rinderfarbstoff), versetzt mit „Selbstentstandenen Blüten“ (Menstrualblut), mit Sandel, Adlerholz und Safran, (174) oder auch nur mit Safran bestrichen, zeichne man mit einem goldenen Griffel oder auch mit einem Dorn des Bael-Baumes, das Wurzelmantra rezitierend, das König-Yantra, zur Erlangung der Gegenwart der Gottheit. (175) Oder aber lasse man das Yantra mit eingravierten Linien auf Bergkristall, Koralle oder Katzenauge-Edelstein von einem wohlausgebildeten Handwerker anfertigen. (176) Nachdem man es glückverheißend hat weihen lassen, stelle man es im Haus auf; böse Geister, [unheilvolle] Planeteneinflüsse, Krankheiten und Ängste vergehen [dann]. (177) Sein Haus erfreut sich an Söhnen, Enkeln, Glück und Wohlstand; durch die Gnade des Yantra wird man freigebig, [des Lebens] genießend und berühmt. (178) Nachdem man so das Yantra gezeichnet hat, stelle man es vorn auf einen Juwelen-Löwenthron; nachdem man nach der für den Pīṭha-Nyāsa gelehrten Regel die Sitz-Gottheiten verehrt hat, verehre man inmitten des Fruchtknotens die Wurzel-Gottheit [selbst]. (179)

Das „Yantra-rāja“ besteht aus Dreieck, Doppelkreis mit 16 Blütenblättern, Achtblatt-Lotos und quadratischem „Erdgeviert“ mit vier Toren – das klassische Śrīcakra-ähnliche Grunddiagramm tantrischer Verehrung.

kalaśasthāpanaṃ vakṣye tadanuṣṭhānam eva ca | yenānuṣṭhānamātreṇa devatā suprasīdati | mantrasiddhir bhaven nūnam icchāsiddhiḥ prajāyate ||180|| kalāṃ kalāṃ gṛhītvā tu devānāṃ viśvakarmaṇā | nirmito 'yaṃ sa vai yasmāt kalaśas tena kathyate ||181|| [ṣaṭtriṃśadaṅgulāyāmaṃ ṣoḍaśāṅgulam ucchrayam | ghaṭaṃ kārayet ...] caturaṅgulakaṃ kaṇṭhaṃ mukhaṃ ṣaḍaṅgulakaṃ tasya | pañcāṅgulimitaṃ mūlaṃ vidhānaṃ ghaṭanirmiteḥ ||182|| [?] dāru rājataṃ tāmraṃ kāṃsyajaṃ mṛttikodbhavam | pāṣāṇaṃ kācajaṃ vāpi ghaṭam akṣatam avraṇam | kārayed devatārthe tu vittaśāṭhyaṃ vivarjayet ||183|| sauvarṇaṃ yogadaṃ proktaṃ rājataṃ mokṣadāyakam | tāmraṃ prītikaraṃ jñeyaṃ kāṃsyajaṃ puṣṭivardhanam ||184|| kācaṃ vādyakaraṃ proktaṃ pāṣāṇaṃ stambhakarmaṇi | mṛṇmayaṃ sarvakāryeṣu supraśastaṃ sudarśanam ||185|| svavāmabhāge ṣaṭkoṇaṃ tanmadhye brahmarandhrakam | tadbahir vṛttam ālikhya caturasraṃ tato bahiḥ ||186||

Ich will die Aufstellung des Kalaśa (Weihgefäßes) und sein Ritual verkünden, durch dessen bloße Vollziehung die Gottheit wohlgefällig wird; sicherlich tritt Mantra-Erfolg ein, [und jeder] Wunsch-Erfolg entsteht. (180) Weil Viśvakarman, indem er von jedem der Götter je einen Teil (kalā) nahm, dieses [Gefäß] geschaffen hat, wird es eben deshalb „Kalaśa“ genannt. (181) [Mit sechsunddreißig Fingerbreit Umfang und sechzehn Fingerbreit Höhe soll man den Topf anfertigen lassen;] den Hals vier Fingerbreit, die Mündung sechs Fingerbreit, und den Boden fünf Fingerbreit weit soll man ihn machen. (182) Aus Holz, Silber, Kupfer, Bronze, aus Ton entstanden, aus Stein oder auch aus Glas soll man den Topf machen lassen, unbeschädigt und ohne Riss; für die Gottheit soll man dabei keinen Geiz mit dem Vermögen üben. (183) Der goldene gilt als Yoga verleihend, der silberne als Erlösung schenkend; der kupferne, so ist zu wissen, bewirkt Zuneigung, der bronzene mehrt Wohlstand. (184) Der gläserne, heißt es, verleiht Redegewandtheit, der steinerne dient dem Werk der Lähmung (stambhana); der irdene aber ist für alle Werke hochgepriesen und überall leicht zu beschaffen. (185) Auf seiner eigenen linken Seite [zeichne man] ein Sechseck, in dessen Mitte eine kleine Leerstelle (das „Brahma-Loch“); außerhalb davon zeichne man einen Kreis, und außerhalb dessen ein Quadrat. (186)

Vers 182 ist am Anfang (Gesamtmaß des Topfes: 36 Fingerbreit Umfang, 16 Fingerbreit Höhe, nach dem Kommentar) im Original unleserlich; der erhaltene Teil (Halsweite, Mündung, Boden) ist gesichert. Die Materialwirkungen (Vers 184–185) sind ein bekanntes Motiv der Kalaśa-Literatur.

sindūrarajasā vāpi raktacandanakena vā | nirmāya maṇḍalaṃ tatra yajed ādhāradevatām | māyām ādhāraśaktiṃ ca ḍā-namo'ntāṃ samuccaret ||187|| namasā kṣālitādhāraṃ sthāpayen maṇḍalopari | astreṇa kṣālitaṃ kumbhaṃ tatrābhyantare nivedayet ||188|| kṣakārādyakārāntair varṇair bindusamāyutaiḥ | mūlaṃ samuccaran mantrī kāraṇena prapūrayet ||189|| ādhārakumbhatīrtheṣu brahmyagniravimaṇḍalam | pūrvavat pūjayed vidvān devībhāvaparāyaṇaḥ ||190|| raktacandanasindūraraktamālyānulepanaiḥ | bhūṣayitvā tu kalaśaṃ pañcīkaraṇam ācaret ||191||

Mit Zinnoberpulver oder auch mit rotem Sandel zeichne man dort das Maṇḍala und verehre die Grundlage-Gottheit (Ādhāradevatā); man spreche [das Mantra] mit der Māyā-Silbe, „Ādhāraśakti“, endend auf „-e namaḥ“. (187) Mit [dem Mantra, das auf] „namaḥ“ [endet], stelle man die gewaschene Grundlage auf das Maṇḍala; den mit dem Astra-Mantra gewaschenen Topf setze man darauf. (188) Mit den Buchstaben von Kṣa bis A [rückwärts durch das Alphabet], versehen mit dem Bindu, das Wurzelmantra rezitierend, fülle der Mantra-Kundige [den Topf] mit dem Rauschtrank (kāraṇa, Wein). (189) In der Grundlage, im Topf und in den [darin angerufenen] heiligen Gewässern verehre der Kundige, ganz dem Wesen der Göttin hingegeben, wie zuvor den Kreis von Brahmā, Feuer und Sonne. (190) Nachdem man den Topf mit rotem Sandel, Zinnober, roten Girlanden und Salben geschmückt hat, vollziehe man die „Fünffach-Weihe“ (pañcīkaraṇa). (191)

Der Kalaśa wird nach demselben Muster geweiht wie zuvor das „besondere“ Arghya-Gefäß (Verse 158–170): Maṇḍala, Ādhāra-Gottheit, Füllung mit Wein unter Rezitation des rückwärts durchbuchstabierten Alphabets, Verehrung der Feuer-Sonnen-Kreise, abschließende Schmückung.

kalaśaṃ darbheṇa santāḍya hakāreṇāvaguṇṭhayet | hrīṃ divyadṛṣṭyā saṃvīkṣya namasābhyukṣaṇaṃ caret ||192|| mūlena gandhaṃ trir dadyāt pañcīkaraṇam īritam | prakṣālya kalaśaṃ raktapuṣpaṃ dattvā viśodhayet ||193|| oṃ ekam eva paraṃ brahma sthūlasūkṣmamayaṃ dhruvam | kacodbhavāṃ brahmahatyāṃ tena te nāśayāmy aham ||194|| sūryamaṇḍalamadhyasthe varuṇālayasambhave | amābījamaye devi śukraśāpād vimucyatām ||195||

Nachdem man den Topf mit Kuśa-Gras berührt hat, umhülle man ihn mit der Silbe „Ha“; nachdem man ihn mit der Silbe „Hrīṃ“ mit göttlichem Blick betrachtet hat, vollziehe man die Besprengung mit [dem auf] „namaḥ“ [endenden Mantra]. (192) Mit dem Wurzelmantra bringe man dreimal Duftstoff dar; dies wird die „Fünffach-Weihe“ (pañcīkaraṇa) genannt. Nachdem man den Topf [so] gereinigt und eine rote Blüte dargebracht hat, reinige man [den Trank selbst]. (193) „Oṃ! Durch jenes eine, höchste, ewige Brahman, das aus Grobem und Feinem besteht, vernichte ich dir die aus dem Haar/Schädel[Brahmas] entstandene Brahmanenmord-Sünde (Brahmahatyā).“ (194) „O Göttin, die du in der Mitte der Sonnenscheibe weilst, aus der Wohnstatt Varuṇas (dem Ozean) entstanden, aus dem Samen des Neumondes bestehend – werde frei von dem Fluch des Śukra (der Venus/des Samens)!“ (195)

Mit der „Fünffach-Weihe“ (Pañcīkaraṇa) beginnt die rituelle Reinigung des im Topf enthaltenen Weins von seiner mythischen Verunreinigung (der „Brahmanenmord“-Sünde, die dem Wein/Rauschtrank in der Mythologie anhaftet); die folgenden Verse (194–199) reihen dazu mehrere Reinigungs-Mantras aneinander.

vedānāṃ praṇavo bījaṃ brahmānandamayaṃ yadi | tena satyena te devi brahmahatyā vyapohatu ||196|| haṃsaḥ śuciṣad vasur antarikṣasad dhotā vediṣad atithir duroṇasat | nṛṣad varasad ṛtasad vyomasad abjā gojā ṛtajā adrijā ṛtaṃ bṛhat ||197|| vāruṇena ca bījena ṣaḍdīrghasvarabhājinā | brahmaśāpaviśabdānte mocitāyai padaṃ vadet | sudhādevyai namaḥ paścāt saptadhā brahmaśāpanut ||198|| aṅkuśaṃ dīrghaṣaṭkena yutaṃ śrīmāyayā yutam | sudhā paścād brahmaśāpaṃ mocayeti padaṃ tataḥ | amṛtaṃ srāvayed indraṃ hriḍanto manur īritaḥ ||199|| [?]

„Wenn der Praṇava (Oṃ) die Silbe der Veden ist, aus der Wonne Brahmans bestehend – durch diese Wahrheit, o Göttin, weiche die Brahmanenmord-Sünde von dir!“ (196) „Der [göttliche] Schwan (Haṃsa), im Reinen weilend, der Vasu, im Luftraum weilend, der Opferpriester, am Altar weilend, der Gast, im Hause weilend, unter den Menschen weilend, am besten Ort weilend, in der kosmischen Ordnung (Ṛta) weilend, im Himmelsraum weilend – aus dem Wasser geboren, aus der Erde/den Kühen geboren, aus der Ordnung (Ṛta) geboren, aus dem Berge geboren – [er ist] die große Wahrheit (Ṛtam bṛhat).“ (197) Mit dem Varuṇa-Bīja (va), verbunden mit den sechs langen Vokalen der Reihe nach, spreche man am Ende des Wortes „Brahmaśāpa-vi-“ das Wort „mocitāyai“ (der Befreiten); danach „Sudhādevyai namaḥ“ (der Nektargöttin Verehrung); siebenfach [wiederholt] vertreibt dies den Brahmanenmord-Fluch. (198) Der Aṅkuśa[-Laut, Krīṃ], verbunden mit den sechs langen [Vokalen], verbunden mit Śrīṃ und [Hrīṃ]; danach „Sudhā“ (Nektar), danach das Wort „befreie vom Fluch“; [dann] „lass den Nektar fließen“, „Indra“ – so wird dieses, auf ‚Hriḍ‘ endende Mantra verkündet. (199)

Vers 197 ist ein wörtlich zitierter, berühmter altvedischer Spruch (u. a. Ṛgveda 4.40.5, auch in der Kaṭha-Upaniṣad überliefert) über den alldurchdringenden „Haṃsa“ (Schwan/Selbst); er wird hier als eigener, gezählter Vers des Wurzeltextes in das Reinigungsritual eingefügt und ist hier aus dem Sanskrit selbst übersetzt, nicht einer vorhandenen Fassung entnommen. Vers 199 ist durch OCR-Schäden nur ungefähr rekonstruierbar [?]; der Sinn (ein weiteres Bīja-Mantra zur Fluchbefreiung des Weins) ist durch den Kommentar gesichert.

evaṃ śāpān mocayitvā yajet tatra samāhitaḥ | ānandabhairavaṃ devam ānandabhairavīṃ tathā ||200|| hasakṣamalavarayūṃ śabdānte namo vadet | ḍāntam ānandabhairavaṃ vaṣaḍantaṃ manum īritaḥ ||201|| asyāsyaṃ viparītaṃ ca śravaṇe vāmalocanam | sudhādevyai vauṣaḍante manur asyāḥ prapūjane ||202|| sāmarasyaṃ tayos tatra dhyātvā tad amṛtaplutam | dravyaṃ vibhāvya tasya tu mūlaṃ dvādaśadhā japet ||203|| mūlena devatābuddhyā dattvā puṣpāñjaliṃ tataḥ | dadyād dhūpadīpau ca ghaṇṭāvādanapūrvakam ||204|| itthaṃ tīrthasya saṃskāraḥ sarvadā devapūjane | vrate home vivāhe ca tathaivotsavakarmaṇi ||205||

Nachdem man [den Wein] so von seinen Flüchen befreit hat, verehre man dort, mit gesammeltem Geist, den Gott Ānanda-Bhairava und ebenso die Göttin Ānanda-Bhairavī. (200) Am Ende der [kodierten] Silbenfolge „hasakṣamalavarayūṃ“ spreche man „namaḥ“; [in einer Variante] endend auf „-e“ [nenne man] Ānanda-Bhairava; dieses Mantra gilt als auf „Vaṣaṭ“ endend. (201) Deren Anfang und [Reihenfolge] umgekehrt, [und] beim Laut „u“ das „linke Auge“ (ī) [eingesetzt], [gefolgt von] „Sudhādevyai“, endend auf „Vauṣaṭ“ – dies ist das Mantra zur Verehrung von ihr [Ānanda-Bhairavī]. (202) Nachdem man dort auf die Vereinigung (Sāmarasya) der beiden meditiert und den [Wein als] von diesem Nektar [ihrer Vereinigung] durchtränkte Substanz visualisiert hat, wiederhole man darüber zwölfmal das Wurzelmantra. (203) Mit dem Wurzelmantra, in der Empfindung der Gottheit, biete man eine Blütenhandvoll dar; dann reiche man Räucherwerk und Lampe, vom Läuten der Glocke begleitet. (204) So ist die Weihe des heiligen Trankes (tīrtha); [sie gilt] stets bei der Gottesverehrung, bei Gelübde-Riten, Feueropfern, Hochzeiten, und ebenso bei Festritualen. (205)

Ānanda-Bhairava und Ānanda-Bhairavī sind Śiva und Śakti in ihrer wonnevollen (ānanda-) Gestalt; ihre in Vers 201–202 mit Decknamen verschlüsselten Mantras folgen demselben Verschlüsselungsprinzip wie die Bīja-Herausziehung in Vers 10–13. Die genaue Silbenfolge ist wegen OCR-Schäden nur ungefähr gesichert.

māṃsam ānīya purataḥ trikoṇamaṇḍalopari | phaḍā abhyukṣya vāyuvahnibījābhyāṃ mantrayet tridhā ||206|| kavacenāvaguṇṭhyātha rakṣec cāstramantrataḥ | dhenvā tv amṛtīkṛtya mantram etam udīrayet ||207|| viṣṇor vakṣasi yā devī yā devī śaṅkarasya ca | māṃsaṃ me pavitrī kuru kuru tad viṣṇoḥ paramaṃ padam ||208|| itthaṃ mīnaṃ samānīya proktamantreṇa saṃskṛtam | mantreṇānena matimāṃs taṃ mīnam api mantrayet ||209|| oṃ tryambakaṃ yajāmahe sugandhiṃ puṣṭivardhanam | urvārukam iva bandhanān mṛtyor mukṣīya māmṛtāt ||210|| tad viṣṇoḥ paramaṃ padaṃ sadā paśyanti sūrayaḥ | divīva cakṣur ātatam ||211|| tad vipāso vipanyavo jāgṛvāṃsaḥ samindhate | viṣṇor yat paramaṃ padam ||212||

Nachdem man Fleisch herbeigebracht hat, auf das dreieckige Maṇḍala davor [gelegt], besprenge man es mit „Phaṭ“ und weihe es dreimal mit den Bīja-Silben von Wind und Feuer. (206) Dann umhülle man es mit dem Panzer[-Mantra] und schütze es mit dem Astra-Mantra; nachdem man es mit der Dhenu[-Geste] zu Nektar gemacht hat, spreche man dieses Mantra: (207) „Die Göttin, die an der Brust Viṣṇus weilt, die Göttin, die [an der Brust] Śaṅkaras (Śivas) weilt – sie mache mein Fleisch rein, mache es zum höchsten Sitz Viṣṇus.“ (208) Nachdem man ebenso Fisch herbeigebracht und mit dem genannten Mantra geweiht hat, weihe der Verständige auch jenen Fisch mit diesem [weiteren] Mantra: (209) „Oṃ! Wir verehren den Dreiäugigen (Tryambaka), den Wohlriechenden, den Gedeihen-Mehrenden; wie die Gurkenfrucht von ihrem Stiel, so möge er mich vom Tod lösen, nicht aber von der Unsterblichkeit.“ (210) „Jenen höchsten Sitz Viṣṇus erblicken die weisen Seher allezeit, wie ein am Himmel ausgespanntes Auge.“ (211) „Die wachsamen, begeisterten Seher entzünden [ihr Opferfeuer eben] auf jenen höchsten Sitz Viṣṇus hin.“ (212)

Verse 210–212 sind wörtliche Zitate berühmter vedischer Verse: Vers 210 ist der sogenannte Mahāmṛtyuñjaya-Mantra (Ṛgveda 7.59.12), Verse 211–212 stammen aus dem vedischen „Viṣṇupada“-Hymnus (Ṛgveda 1.22.20–21). Sie werden hier – wie schon der vedische Spruch in Vers 197 – als eigene, gezählte Verse des Wurzeltextes zur Weihe von Fleisch und Fisch eingesetzt und aus dem Sanskrit selbst neu übersetzt.

athavā sarvatattvāni mūlenaiva viśodhayet | mūle tu śraddadhāno yaḥ kiṃ tasya tarkajālayā [?] ||213|| kevalaṃ mūlamantreṇa yad dravyaṃ śodhitaṃ bhavet | tad eva devatāprītyai supraśastaṃ mayocyate ||214|| yathā kālasya saṅkṣepāt sādhakānām avakāśataḥ | sarvaṃ mūlena saṃśodhya mahādevyai nivedayet ||215|| [...] ity evaṃ sarva[tattva]śāsanam ||216|| iti śrīmahānirvāṇatantre sarvatantrottamottame sarvadharmanirṇayapare śrīmadādyāsadāśivasaṃvāde [mantroddhāra-pūjāvidhi-prāṇapratiṣṭhā-pañcatattvaśuddhi-]saṃskāro [?] nāma pañcamollāsaḥ ||

Oder aber man reinige alle [fünf] Tattvas allein mit dem Wurzelmantra; wer nämlich Glauben an das Wurzelmantra hat, was braucht der [noch elaborierte] Beweisführung? (213) Welche Substanz auch immer allein durch das Wurzelmantra gereinigt worden ist – eben diese, so erkläre ich, ist zur Freude der Gottheit höchst vortrefflich. (214) So soll man, der Kürze der Zeit und der [begrenzten] Gelegenheit der Sādhakas wegen, alles mit dem Wurzelmantra reinigen und der großen Göttin darbringen. (215) […] So [lautet] die Lehre über all dies (bzw. über alle Wesenheiten). (216) So endet im ehrwürdigen Mahānirvāṇa-Tantra, dem allerbesten aller Tantras, dem Wesenskern der Entscheidung über alle Dharmas, im Gespräch des erhabenen Urzeitlichen Sadāśiva [mit der Göttin], das [Kapitel über die] Weihe [von Mantra-Herausziehung, Verehrungsordnung, Lebensatem-Einsetzung und Reinigung der fünf Tattvas], das fünfte Ullāsa.

Vers 213 ist am Ende unsicher rekonstruiert [?]. Vers 216 ist im Original nur als knappe Schlussformel erhalten, deren vorausgehender Teil nicht mehr lesbar ist; der Kommentar bestätigt lediglich, dass hier die Übergabe aller mit dem Wurzelmantra gereinigten Substanzen an die Große Göttin resümiert wird. Der Kolophon selbst (Kapitelüberschrift) ist durch OCR so stark entstellt, dass sein genauer Wortlaut nicht mit Sicherheit rekonstruiert werden kann; die eckige Ergänzung gibt nur den nach dem Kapitelinhalt zu erwartenden Sinn wieder und ist ausdrücklich als Vermutung [?] markiert. Direkt im Anschluss (außerhalb dieses Kapitels) beginnt Ullāsa 6 mit der Sprecherzeile „śrīdevy uvāca“ und der Bitte um ausführlichere Belehrung über die Pañcatattva – ein deutliches Signal, dass Ullāsa 5 hier tatsächlich endet.

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