Quellen der Menschheit

Mātṛkābhedatantra

Paṭala 1: Mātṛkābhedatantra, prathamaḥ paṭalaḥ Paṭala 1: Alchemistische Grundlagen – Edelmetall-Transmutation und Wein-Reinigung

Eröffnungsrahmen (Dialog Bhairava/Caṇḍikā auf dem Kailāsa) und sogleich eine praktisch-alchemistische Unterweisung: Herstellung eines quecksilberbasierten Reagens zur Verwandlung von Kupfer in Silber (V.5-16), Herstellung der dazugehörigen borax-basierten "Milch-Form" (V.17-20), und eine kodierte Bīja-Mantra-Formel zur Geruchsreinigung von Wein (V.21-23). Charakteristisch für die spätere, praxisorientierte Tantra-Literatur, die rituelle Verehrung eng mit angewandter Alchemie (Rasaśāstra) verknüpft.

kailāsaśikhare ramye nānāratnopaśobhite / papraccha parayā bhaktyā bhairavaṃ parameśvaram // MBhT_1.1 // śrīcaṇḍikovāca / tripurāpūjanaṃ nātha svarṇaratnair viśeṣataḥ / kalikāle svarṇarūpyaṃ guptabhāvaṃ tathā maṇim // MBhT_1.2 // kenopāyena deveśa svarṇarūpyādi labhyate / tad vadasva viśeṣeṇa yathā ratnādikaṃ bhavet // MBhT_1.3 // yan noktaṃ sarvatantreṣu tad vadasva dayānidhe // MBhT_1.4 //

Auf dem lieblichen Gipfel des Kailāsa, geschmückt mit mancherlei Juwelen, befragte [Caṇḍikā] mit höchster Hingabe Bhairava, den höchsten Herrn. Śrī Caṇḍikā sprach: „O Herr, [was] die Verehrung der Tripurā [betrifft], besonders mit Gold und Juwelen – im Kali-Zeitalter, Gold, Silber, und ebenso einen geheimnisvoll [alchemisch hergestellten] Edelstein – durch welches Mittel, o Gebieter der Götter, werden Gold, Silber usw. erlangt? Sage das im Einzelnen, wie ein Edelstein u.a. entsteht. Was in allen [anderen] Tantras nicht gesagt wurde, das sage mir, o Schatz des Mitleids.“

Wort für Wort
kailāsa-śikhare ramye nānā-ratna-upaśobhite
auf dem lieblichen, mit mancherlei Juwelen geschmückten Kailāsa-Gipfel
papraccha parayā bhaktyā bhairavam parameśvaram
befragte mit höchster Hingabe Bhairava, den höchsten Herrn
śrī-caṇḍikā uvāca
Śrī Caṇḍikā sprach
tripurā-pūjanam nātha svarṇa-ratnaiḥ viśeṣataḥ
die Tripurā-Verehrung, o Herr, besonders mit Gold und Juwelen
kalikāle svarṇa-rūpyam gupta-bhāvam tathā maṇim
im Kali-Zeitalter Gold, Silber, und ebenso einen geheimen Edelstein
kena upāyena deveśa svarṇa-rūpya-ādi labhyate
durch welches Mittel, Götterherr, wird Gold, Silber usw. erlangt
tad vadasva viśeṣeṇa yathā ratna-ādikam bhavet
sage das im Einzelnen, wie ein Edelstein usw. entsteht
yat na uktam sarva-tantreṣu tad vadasva dayā-nidhe
was in allen Tantras nicht gesagt wurde, das sage, Schatz des Mitleids

Eröffnungsrahmen des Werks (Dialogform Bhairava–Caṇḍikā auf dem Kailāsa, wie bei den meisten Tantras). Das Werk beginnt untypisch nicht mit einer Anrufung, sondern direkt mit einer alchemistisch-rasaśāstrischen Frage (Goldgewinnung für die Tripurā-Verehrung) – Mātṛkābhedatantra gehört damit zu einer Gruppe später tantrischer Texte, die rituelle Alchemie (rasāyana) und Göttinnenverehrung eng verknüpfen.

śrīśaṅkara uvāca / śṛṇu devi pravakṣyāmi yathā ratnādikaṃ bhavet / mattejasā pāradena kiṃ ratnaṃ na hi labhyate // MBhT_1.5 // tathā sāmudrakeṇaiva suśubhralavaṇena ca / sambalasya prakāraṃ hi śṛṇu devi prayatnataḥ // MBhT_1.6 // cīnatantrānusāreṇa pūjayet siddhakālikām / athavā pūjayed devīṃ dakṣiṇāṃ kālikāṃ parām / kālītantroktavidhinā saptāhaṃ japapūjanam // MBhT_1.7 // satye caikaṃ tu tretāyāṃ dviguṇaṃ dvāpare trayam / evaṃ sarvatra jānīyāc caturguṇajapaḥ kalau // MBhT_1.8 //

Śrī Śaṅkara sprach: „Höre, Göttin, ich will verkünden, wie ein Edelstein u.a. entsteht. Durch mit [meiner] Kraft erfülltes Quecksilber [Pārada] – welcher Edelstein wäre da nicht erlangbar? Ebenso mit reinem, glänzend-weißem Meersalz – höre, Göttin, mit Sorgfalt die Art des [alchemischen] Reagens. Gemäß dem Cīna-Tantra [der ‚chinesischen' Überlieferung] verehre man die Siddha-Kālikā, oder man verehre die Göttin, die höchste Dakṣiṇā-Kālikā, sieben Tage lang mit Mantra-Wiederholung und Verehrung nach der im Kālī-Tantra gelehrten Vorschrift. Im Satya[-Zeitalter genügt] eine [Wiederholung], in der Tretā das Doppelte, im Dvāpara das Dreifache – so wisse man überall: im Kali [ist] die Mantra-Wiederholung vierfach.“

Wort für Wort
śrī-śaṅkaraḥ uvāca
Śrī Śaṅkara sprach
śṛṇu devi pravakṣyāmi yathā ratna-ādikam bhavet
höre, Göttin, ich verkünde, wie ein Edelstein usw. entsteht
mat-tejasā pāradena kim ratnam na hi labhyate
durch mit meiner Kraft erfülltes Quecksilber, welcher Edelstein wäre nicht erlangbar
tathā sāmudrakeṇa eva su-śubhra-lavaṇena ca
ebenso mit reinem, glänzend-weißem Meersalz
sambalasya prakāram hi śṛṇu devi prayatnataḥ
die Art des Reagens höre, Göttin, mit Sorgfalt
cīna-tantra-anusāreṇa pūjayet siddha-kālikām
gemäß dem Cīna-Tantra verehre man Siddha-Kālikā
athavā pūjayet devīm dakṣiṇām kālikām parām
oder man verehre die höchste Göttin Dakṣiṇā-Kālikā
kālī-tantra-ukta-vidhinā saptāham japa-pūjanam
nach der im Kālī-Tantra gelehrten Vorschrift sieben Tage Mantra-Wiederholung und Verehrung
satye ca ekam tu tretāyām dviguṇam dvāpare trayam
im Satya eine, in der Tretā doppelt, im Dvāpara dreifach
evam sarvatra jānīyāt catur-guṇa-japaḥ kalau
so wisse man überall: im Kali vierfache Mantra-Wiederholung

Der Sprecher wird ab hier durchgehend als „Śrī Śaṅkara“ (Śiva) bezeichnet, während die Fragende als „Śrī Caṇḍikā“ auftritt – ein für Śākta-Tantras typisches Dialogpaar (Bhairava/Caṇḍikā = Śiva/Devī). Der Verweis auf ein „Cīnatantra“ (,chinesisches Tantra') ist ein bekanntes Motiv später tantrischer Texte, die bestimmte (v.a. kaula-vāmācāra-artige) Praktiken auf eine exotische, ferne Herkunft zurückführen.

ānīya bahuyatnena sambalaṃ toladvayam / vasur ādyaṃ śivaṃ cādyaṃ māyābinduvibhūṣitam / bījatrayaṃ cāṣṭaśataṃ prajapet sambalopari // MBhT_1.9 // aśītitolakaṃ mānaṃ kṛṣṇadhenusamudbhavam / dugdham ānīya yatnena cāṣṭottaraśataṃ japet // MBhT_1.10 // vastrayuktena sūtreṇa dugdhamadhye vinikṣipet / uttāpaṃ janayed dhīmān mandamandena vahninā // MBhT_1.11 // bindu vedāntaparyantam ardhaśoṣaṃ bhaved yadā / tadaivottolya tad dravyaṃ toyamadhye vinikṣipet // MBhT_1.12 // tataḥ parīkṣā kartavyā pradadyāt pāvakopari / nirdhūmaṃ vāvake dravyaṃ dṛṣṭvā utthāpya yatnataḥ // MBhT_1.13 //

Nachdem man mit großer Mühe das Reagens [Sambala], zwei Tola [an Gewicht], beschafft hat – [rezitiere man das aus] Vasu zuerst, Śiva zuerst [gebildete, mit dem Nasalierungszeichen Māyā-Bindu geschmückte Keimsilben-Mantra] –, wiederhole man den dreifachen Keimsilben-Mantra hundertundacht Mal über dem Reagens. [Dann,] nachdem man, im Maß von achtzig Tola, Milch von einer schwarzen Kuh sorgfältig beschafft hat, wiederhole man [den Mantra] hundertundacht Mal. Mittels eines mit Tuch versehenen Fadens tauche man [das Reagens] in die Milch; der Kundige erzeuge Hitze mit ganz sanftem Feuer. Wenn der Tropfen [des Stoffes], bis zur Stufe „Vedānta“ [?, alchemischer Fachbegriff unklar], halb eingetrocknet ist, dann hebe man den Stoff sogleich heraus und lege ihn ins Wasser. Danach ist die Prüfung vorzunehmen: man lege [den Stoff] über das Feuer; sobald man sieht, dass der Stoff im Feuer rauchfrei ist, hebe man ihn sorgfältig heraus.

Wort für Wort
ānīya bahu-yatnena sambalam tola-dvayam
nachdem man mit großer Mühe das Reagens, zwei Tola, beschafft hat
vasuḥ ādyam śivam ca ādyam māyā-bindu-vibhūṣitam
[der Mantra] mit Vasu zuerst, Śiva zuerst, geschmückt mit dem Māyā-Bindu
bīja-trayam ca aṣṭaśatam prajapet sambala-upari
den dreifachen Keimsilben-Mantra 108-mal wiederhole man über dem Reagens
aśīti-tolakam mānam kṛṣṇa-dhenu-samudbhavam
im Maß von 80 Tola, aus einer schwarzen Kuh entstanden
dugdham ānīya yatnena ca aṣṭottara-śatam japet
Milch sorgfältig beschafft, wiederhole 108-mal
vastra-yuktena sūtreṇa dugdha-madhye vinikṣipet
mit einem tuchversehenen Faden tauche man in die Milch
uttāpam janayet dhīmān manda-mandena vahninā
der Kundige erzeuge Hitze mit ganz sanftem Feuer
bindu vedānta-paryantam ardha-śoṣam bhavet yadā
wenn der Tropfen bis zur Vedānta-Stufe [?] halb eingetrocknet ist
tadā eva uttolya tad dravyam toya-madhye vinikṣipet
dann hebe man den Stoff heraus und lege ihn ins Wasser
tataḥ parīkṣā kartavyā pradadyāt pāvaka-upari
danach ist die Prüfung vorzunehmen: man lege es über das Feuer
nirdhūmam vā avake dravyam dṛṣṭvā utthāpya yatnataḥ
sobald man den Stoff im Feuer rauchfrei sieht, hebe man ihn sorgfältig heraus

Technisch-alchemistische (rasaśāstra-artige) Verfahrensanweisung zur Herstellung eines Quecksilber-Reagens, verbunden mit ritueller Mantra-Wiederholung (108- bzw. 8-fach). Der Begriff „vedāntaparyantam“ (V.12) ist als alchemischer Fachterminus für eine bestimmte Trocknungs-/Reifestufe des Präparats nicht sicher zu identifizieren [?] und daher wörtlich-transliteriert belassen; ebenso bleibt die genaue Bedeutung des Keimsilben-Mantras („vasur ādyaṃ śivaṃ cādyam“) in V.9 als kodierte Bīja-Formel unaufgelöst [?] – solche Verschlüsselungen sind in tantrischer Mantraśāstra-Literatur üblich und nur mit spezialisiertem Kommentarwissen sicher zu entschlüsseln.

tatraiva prajapen mantraṃ sarvavandyanavātmakam / ānīya bahuyatnena śuddhaṃ tāmraṃ manoharam // MBhT_1.14 // sārdhena tolakaṃ tāmraṃ vahnimadhye vinikṣipet / yathā vahnis tathā tāmraṃ dṛṣṭvā utthāpya yatnataḥ // MBhT_1.15 // guñjāpramāṇaṃ tad dravyaṃ tatkṣaṇād yadi yojayet / satyaṃ satyaṃ hi girije raupyaṃ bhavati niścitam // MBhT_1.16 //

Ebendort wiederhole man den aus neun, von allen verehrten [Silben bestehenden] Mantra. Nachdem man mit großer Mühe reines, schönes Kupfer beschafft hat, lege man anderthalb Tola Kupfer ins Feuer; sobald man sieht, dass das Kupfer wie das Feuer selbst [glüht], hebe man es sorgfältig heraus. Wenn man jenen Stoff, im Maß eines Guñjā-Samens, sogleich [mit dem Kupfer] vereinigt – wahrlich, wahrlich, o Tochter des Berges, wird es gewiss zu Silber.

Wort für Wort
tatra eva prajapet mantram sarva-vandya-nava-ātmakam
ebendort wiederhole man den aus neun, allverehrten [Silben] bestehenden Mantra
ānīya bahu-yatnena śuddham tāmram manoharam
nachdem man mit großer Mühe reines, schönes Kupfer beschafft hat
sārdhena tolakam tāmram vahni-madhye vinikṣipet
anderthalb Tola Kupfer lege man ins Feuer
yathā vahniḥ tathā tāmram dṛṣṭvā utthāpya yatnataḥ
sobald das Kupfer wie das Feuer selbst [glüht], hebe man sorgfältig heraus
guñjā-pramāṇam tad dravyam tat-kṣaṇāt yadi yojayet
wenn man jenen Stoff im Maß eines Guñjā-Samens sogleich vereinigt
satyam satyam hi girije raupyam bhavati niścitam
wahrlich, wahrlich, Tochter des Berges, wird es gewiss zu Silber

„Guñjā“ ist das traditionelle kleine Gewichtsmaß nach dem Samen der Abrus-precatorius-Pflanze (Paternostererbse), in der indischen Alchemie/Medizin gebräuchlich für sehr geringe Mengen. Die feierliche Beteuerungsformel „satyaṃ satyaṃ“ (,wahrlich, wahrlich') markiert den Abschluss eines alchemischen Verfahrens-Abschnitts und kehrt im Werk mehrfach wieder.

śrīcaṇḍikovāca / kāraṇaṃ dugdharūpaṃ vā kena rūpeṇa śaṅkaraḥ / tatprakāraṃ mahādeva kṛpayā vada śaṅkara // MBhT_1.17 // śrīśaṅkara uvāca / ṭaṅkanam ānayed dhīmān tolakaṃ tu catuṣṭayam / vahniyogena girije lājarūpaṃ cakāra ha // MBhT_1.18 // āmrapuṣpaṃ tad dviguṇaṃ piṣṭvā milanam ācaret / tasyopari japen mantraṃ mahāmāyāṃ hi caṇḍike // MBhT_1.19 // etat tu guṭikāṃ kṛtvā melanaṃ kārayed yadi / tadaiva dugdharūpaṃ syāt satyaṃ satyaṃ hi śailaje // MBhT_1.20 //

Śrī Caṇḍikā sprach: „In welcher Form, o Śaṅkara, [entsteht] das Reagens [Kāraṇa], oder seine ‚Milch-Form'? Diese Art, o Großer Gott, sage aus Mitleid, Śaṅkara.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Der Kundige beschaffe Borax [Ṭaṅkana], vier Tola; durch Anwendung von Feuer, o Tochter des Berges, mache man [ihn] zur Form von geröstetem Korn [Lāja]. Nachdem man Mangoblüte, das Doppelte davon, zermahlen hat, vollziehe man die Vermengung; darüber wiederhole man den Mahāmāyā-Mantra, o Caṇḍikā. Wenn man dies aber zu einer Kugel geformt hat und die Vermengung durchführt, dann entsteht sogleich die ‚Milch-Form' – wahrlich, wahrlich, o Tochter des Bergherrn.“

Wort für Wort
śrī-caṇḍikā uvāca
Śrī Caṇḍikā sprach
kāraṇam dugdha-rūpam vā kena rūpeṇa śaṅkaraḥ
das Reagens oder seine Milch-Form, in welcher Form, Śaṅkara
tat-prakāram mahādeva kṛpayā vada śaṅkara
diese Art, Großer Gott, sage aus Mitleid, Śaṅkara
ṭaṅkanam ānayet dhīmān tolakam tu catuṣṭayam
der Kundige beschaffe Borax, vier Tola
vahni-yogena girije lāja-rūpam cakāra ha
durch Feueranwendung mache man [ihn] zur Form gerösteten Korns
āmra-puṣpam tad dviguṇam piṣṭvā milanam ācaret
Mangoblüte, das Doppelte, zermahlen, vollziehe man die Vermengung
tasya upari japet mantram mahāmāyām hi caṇḍike
darüber wiederhole man den Mahāmāyā-Mantra, Caṇḍikā
etat tu guṭikām kṛtvā melanam kārayet yadi
wenn man dies zur Kugel geformt und vermengt
tadā eva dugdha-rūpam syāt satyam satyam hi śailaje
dann entsteht sogleich die Milch-Form, wahrlich, Tochter des Bergherrn

„Ṭaṅkana“ (Borax, Natriumborat) ist ein Standardreagens der klassischen indischen Alchemie/Rasaśāstra-Tradition, hier mit „Lāja“ (geröstetes/gepufftes Korn) hinsichtlich seiner physischen Umwandlungsform verglichen.

śrīcaṇḍikovāca / gandhahīnaṃ bhaven madyaṃ kenopāyena śaṅkara / tat sarvaṃ śrotum icchāmi yadi sneho 'sti mā prati // MBhT_1.21 // śrīśaṅkara uvāca / śivaṃ vahnisamārūḍhaṃ vāmanetravibhūṣitam / bindunādasamāyuktaṃ gandham ādāya saṃlikhet // MBhT_1.22 // uhyatāṃ padam uccāryaṃ cāṣṭottaraśataṃ yadi / prajapet sādhakaśreṣṭho durgandhādivināśanam // MBhT_1.23 //

Śrī Caṇḍikā sprach: „Durch welches Mittel, Śaṅkara, wird der Wein [Madya] frei von [seinem üblen] Geruch? All das möchte ich hören, wenn du Zuneigung zu mir hegst.“ Śrī Śaṅkara sprach: „[Die Keimsilbe] Śiva, dem [Feuer-Bīja] aufgesetzt, geschmückt mit [dem Bīja des] linken Auges, verbunden mit Bindu und Nāda – diese [als Formel für den] Duft nehmend, schreibe man [sie] auf. Das zu rezitierende Wort ‚uhyatām' [?, unklar] – wenn der beste der Übenden dies hundertundacht Mal wiederholt, vernichtet es den üblen Geruch u.a.“

Wort für Wort
śrī-caṇḍikā uvāca
Śrī Caṇḍikā sprach
gandha-hīnam bhavet madyam kena upāyena śaṅkara
wodurch wird der Wein frei von Geruch, Śaṅkara
tat sarvam śrotum icchāmi yadi snehaḥ asti mā prati
all das möchte ich hören, wenn du Zuneigung zu mir hegst
śrī-śaṅkaraḥ uvāca
Śrī Śaṅkara sprach
śivam vahni-samārūḍham vāma-netra-vibhūṣitam
[die Keimsilbe] Śiva, dem Feuer aufgesetzt, mit dem linken Auge geschmückt
bindu-nāda-samāyuktam gandham ādāya saṃlikhet
verbunden mit Bindu und Nāda, als Duft-Formel nehmend schreibe man auf
uhyatām padam uccāryam ca aṣṭottara-śatam yadi
das zu rezitierende Wort 'uhyatām' [?], wenn 108-mal
prajapet sādhaka-śreṣṭhaḥ durgandha-ādi-vināśanam
der beste Übende wiederholt, vernichtet üblen Geruch usw.

Ein weiteres Beispiel kodierter Bīja-Mantra-Konstruktion nach dem klassischen tantrischen Verfahren, Keimsilben über ikonographisch-symbolische Umschreibungen (,Śiva', ,Feuer', ,linkes Auge', ,Bindu', ,Nāda') anzudeuten, statt sie offen zu nennen – ihre exakte lautliche Gestalt bleibt ohne Kommentar-Tradition nicht mit Sicherheit rekonstruierbar [?]. Auch das explizit als Rezitationswort genannte „uhyatām“ (wörtl. etwa ,es werde verborgen/getragen', 3.Sg.Passiv-Imperativ von √vah oder √guh) bleibt in seiner rituellen Funktion unsicher [?]. Mit V.23 endet der erste Paṭala, der ganz der alchemistisch-magischen Grundausstattung (Edelmetall-Transmutation, Wein-Reinigung) gewidmet ist – ein für spätere, praxisorientierte Tantras charakteristischer Einstieg vor den in Paṭala 2 folgenden Themen der Kuṇḍalinī-Physiologie.

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