Quellen der Menschheit

Mātṛkābhedatantra

Paṭala 12: Mātṛkābhedatantra, dvādaśaḥ paṭalaḥ Paṭala 12: Verehrungsträger-Hierarchie, Śivaliṅga-Materialtypologie, Devī-Identitätslehre, Mantra-Fehlerlehre und Śmaśāna-Sādhana

Umfangreiches Kapitel (71 Verse): Rangfolge der Verehrungsträger (Śālagrāma, Edelstein, Yantra, Bildnis, Topf, Wasser, Buch, Gaṅgā, Liṅga, Blüte) mit Verdienst-Multiplikatoren und Kombinationsverboten; materialgestufte Śivaliṅga-Typologie; extreme Suprematie-Rhetorik der Śiva-Verehrung (ein Bilva-Blatt übertrifft Meru-großes Gold); eine theologisch bedeutsame Passage, die Tāriṇī/Sāvitrī, Lakṣmī und Tripurasundarī/Śāmbhavī als bloß namentlich verschiedene Erscheinungsformen einer einzigen Mahāvidyā erklärt; eine systematische achtfache Mantra-Fehlerlehre (mantracchanna) mit drastischen Folgen und einem gestuften Bußsystem; abschließend die Śmaśāna-Sādhana (Verbrennungsplatz-Übung) mit Fleisch-/Alkohol-Opfergaben.

Mātṛkābhedatantra, dvādaśaḥ paṭalaḥ / śrīśaṃkara uvāca / athātaḥ sampravakṣyāmi pūjādhāraṃ sudurlabham // MBhT_12.1 // śālagrāme maṇau yantre pratimāyāṃ ghaṭe jale // MBhT_12.2 // pustikāyāṃ ca gaṅgāyāṃ śivaliṅge prasūnake / śālagrāme śataguṇaṃ maṇau tadvat phalaṃ labhet // MBhT_12.3 // yantre lakṣaguṇaṃ puṇyaṃ mūrtau lakṣaṃ sulocane / ghaṭe caikaguṇaṃ puṇyaṃ jale caikaguṇaṃ priye // MBhT_12.4 // pustikāyāṃ sahasraṃ tu gaṅgāyāṃ tatsamaṃ phalam / śivaliṅge hy anantaṃ hi vinā pārthivaliṅgake // MBhT_12.5 // puṣpayantre maheśāni pūjanāt sarvasiddhibhāk / śālagrāme ca pūjāyāṃ na likhed yantram uttamam // MBhT_12.6 // maṇau sthite maheśāni na likhed yantram uttamam / pratimāyāṃ ca pūjāyāṃ na likhed yantram uttamam // MBhT_12.7 // pratimāyāś ca purato ghaṭaṃ saṃsthāpya yatnataḥ / parivārān yajet tatra ghaṭe tu parameśvari // MBhT_12.8 // yantrādhiṣṭhātṛdevāṃś ca ghaṭe yantre prapūjayet / samastadevatārūpaṃ ghaṭaṃ tu paricintayet / suradrumasvarūpo 'yaṃ ghaṭo hi parameśvari // MBhT_12.9 // janmasthānaṃ mahāyantraṃ yadi kuryāt tu sādhakaḥ / tatra mūrtiṃ na kuryāt tu kadācid api mohataḥ // MBhT_12.10 // yadi mūrtiṃ prakuryāt tu tatra yantraṃ na kārayet / yadi kuryāt tu mohena yajed vāradvayaṃ priye // MBhT_12.11 // dviguṇaṃ pūjanaṃ tatra dviguṇaṃ balidānakam / dviguṇaṃ prajapen mantraṃ dviguṇaṃ homayet sudhīḥ // MBhT_12.12 // anyathā viphalā pūjā viphalaṃ balidānakam / sarvaṃ hi viphalaṃ yasmāt tasmād yantraṃ na kārayet // MBhT_12.13 // iti te kathitaṃ kānte pūjādhāraṃ sudurlabham // MBhT_12.14 //

Mātṛkābhedatantra, zwölfter Paṭala. Śrī Śaṅkara sprach: „Nun will ich die schwer erlangbaren Träger (Ādhāra) der Verehrung verkünden: im Śālagrāma[-Stein], im Edelstein (Maṇi), im Yantra, im Bildnis (Pratimā), im [Wasser-]Topf (Ghaṭa), im Wasser, und im [rituellen] Büchlein (Pustikā) und in der Gaṅgā, im Śivaliṅga, in der Blüte – im Śālagrāma erlangt man hundertfache Frucht, im Edelstein ebenso. Im Yantra hunderttausendfaches Verdienst, im Bildnis hunderttausendfaches, o Schönäugige; im Ghaṭa einfaches Verdienst, im Wasser einfaches, Geliebte. Im Büchlein tausendfaches, in der Gaṅgā eine gleiche Frucht; im Śivaliṅga [ist sie] geradezu unendlich – ausgenommen beim erdenen Liṅga. Im Blüten-Yantra, große Herrscherin, wird man durch Verehrung Teilhaber aller Vollendungen; aber bei der Verehrung im Śālagrāma soll man kein weiteres Yantra zeichnen. Wenn ein Edelstein vorhanden ist, große Herrscherin, soll man kein weiteres Yantra zeichnen; und bei der Verehrung im Bildnis soll man kein weiteres Yantra zeichnen. Vor dem Bildnis aber, nachdem man mit Sorgfalt einen Topf aufgestellt hat, verehre man dort die Begleitgottheiten (Parivāra), im Topf, höchste Herrscherin. Und die dem Yantra vorstehenden Gottheiten verehre man im Topf [und] im Yantra; den Topf betrachte man als von der Gestalt aller Gottheiten; dieser Topf hat ja die Wesensnatur des Götterbaums, höchste Herrscherin. Wenn der Übende das große Yantra als Ausgangsgrund [Anm.: ,janmasthāna', wörtl. ,Geburtsort' – hier wohl im Sinne der primären Verehrungsgrundlage] verwendet, soll er dort niemals, selbst aus Verblendung, auch ein Bildnis anfertigen. Wenn er ein Bildnis anfertigt, soll er dort kein Yantra machen; tut er es dennoch aus Verblendung, verehre er zweimal [so oft], Geliebte: doppelte Verehrung dort, doppelte Tiergabe; doppelt rezitiere man den Mantra, doppelt vollziehe der Weise das Feueropfer. Andernfalls [ist] die Verehrung fruchtlos, fruchtlos die Tiergabe; da alles fruchtlos wäre, soll man deshalb [Yantra und Bildnis nicht zugleich] verwenden.“ So wurde dir, Geliebte, der schwer erlangbare Träger der Verehrung verkündet.

Wort für Wort
athātaḥ sampravakṣyāmi pūjā-ādhāram sudurlabham
nun will ich die schwer erlangbaren Träger der Verehrung verkünden
śālagrāme śata-guṇam maṇau tadvat phalam labhet
im Śālagrāma erlangt man hundertfache Frucht, im Edelstein ebenso
yantre lakṣa-guṇam puṇyam mūrtau lakṣam sulocane
im Yantra hunderttausendfaches Verdienst, im Bildnis hunderttausendfaches, Schönäugige
ghaṭe ca eka-guṇam puṇyam jale ca eka-guṇam priye
im Topf einfaches Verdienst, im Wasser einfaches, Geliebte
śivaliṅge hi anantam hi vinā pārthiva-liṅgake
im Śivaliṅga ist sie geradezu unendlich, ausgenommen beim erdenen Liṅga
śālagrāme ca pūjāyām na likhet yantram uttamam
bei der Verehrung im Śālagrāma soll man kein weiteres Yantra zeichnen
maṇau sthite maheśāni na likhet yantram uttamam
wenn ein Edelstein vorhanden ist, große Herrscherin, soll man kein weiteres Yantra zeichnen
pratimāyāḥ ca purataḥ ghaṭam saṃsthāpya yatnataḥ
vor dem Bildnis, nachdem man mit Sorgfalt einen Topf aufgestellt hat
ghaṭam tu paricintayet suradruma-svarūpaḥ ayam
den Topf betrachte man als von der Wesensnatur des Götterbaums
janma-sthānam mahā-yantram yadi kuryāt tu sādhakaḥ
wenn der Übende das große Yantra als Ausgangsgrund verwendet
tatra mūrtim na kuryāt tu kadācit api mohataḥ
soll er dort niemals, selbst aus Verblendung, ein Bildnis anfertigen
yadi kuryāt tu mohena yajet vāra-dvayam priye
tut er es dennoch aus Verblendung, verehre er zweimal, Geliebte
dviguṇam pūjanam tatra dviguṇam bali-dānakam
doppelte Verehrung dort, doppelte Tiergabe
anyathā viphalā pūjā viphalam bali-dānakam
andernfalls ist die Verehrung fruchtlos, fruchtlos die Tiergabe

Zwölfter Paṭala, ein umfangreiches Kapitel (71 Verse). Eröffnung mit einer Rangfolge der Verehrungsträger (Śālagrāma-Stein, Edelstein, Yantra, Bildnis, Topf, Wasser, Büchlein, Gaṅgā, Śivaliṅga, Blüte) nach Verdienst-Multiplikator, verbunden mit der Regel, dass Yantra und Bildnis nicht gleichzeitig als Verehrungsgrundlage verwendet werden dürfen.

athātaḥ sampravakṣyāmi śivaliṅgasya lakṣaṇam / pārthive śivapūjāyāṃ sarvasiddhiyuto bhavet // MBhT_12.15 // pāṣāṇe śivapūjāyāṃ dviguṇaṃ phalam īritam / svarṇaliṅge ca pūjāyāṃ śatrūṇāṃ nāśanaṃ matam // MBhT_12.16 // sarvasiddhīśvaro raupye phalaṃ tasmāc caturguṇam / tāmre puṣṭiṃ vijānīyāt kāṃsye ca dhanasaṃcayam // MBhT_12.17 // pāradasya ca māhātmyaṃ puraiva kathitaṃ mayā / gaṅgāyāṃ ca lakṣaguṇaṃ lākṣāyāṃ rogavān bhavet // MBhT_12.18 // sphāṭike sarvasiddhiḥ syāt tathā mārakate priye / lauhaliṅge ripor nāśaṃ kāmadaṃ bhasmaliṅgake // MBhT_12.19 // vālukāyāṃ kāmyasiddhir gomaye ṛtuhiṃsanam / sarvaliṅgasya māhātmyaṃ dharmārthakāmamokṣadam // MBhT_12.20 // ādhārabhede yat puṇyaṃ cādhikaṃ kathitaṃ tu te / atiriktaphalāny etaddhārasya sulocane // MBhT_12.21 //

Nun will ich die Merkmale des Śivaliṅga verkünden: bei der Śiva-Verehrung [in einem] erdenen [Liṅga] wird man mit allen Vollendungen ausgestattet. Bei der Śiva-Verehrung [in einem] steinernen [Liṅga] wird eine zweifache Frucht erklärt; und bei der Verehrung [in einem] goldenen Liṅga gilt die Vernichtung der Feinde. Zum Herrn aller Vollendungen [wird man] im silbernen, die Frucht davon vierfach; im kupfernen erkenne man Gedeihen (Puṣṭi), und im bronzenen die Anhäufung von Reichtum. Und die Größe des Quecksilbers wurde bereits von mir zuvor verkündet [Anm.: Rückverweis auf die Alchemie-Kapitel P5/8/9]; im [tonartigen] Gaṅgā[-Liṅga eine hundert-]tausendfache; im Lack-Liṅga wird man krank. Im Bergkristall gibt es alle Vollendung, ebenso im Smaragd, Geliebte; im eisernen Liṅga die Vernichtung des Feindes, im Asche-Liṅga die Erfüllung von Wünschen. Im Sand-Liṅga die Erfüllung [bestimmter] Wünsche, im Kuhmist-Liṅga [Anm.: ,ṛtuhiṃsanam', wörtl. ,Verletzung der [Menstruations-]Periode' – Sinn unsicher, evtl. eine negative Wirkung auf Fruchtbarkeit/Zyklus, unaufgelöst wiedergegeben]; die Größe jedes [beliebigen] Liṅga gewährt Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa. Das Verdienst, das je nach Träger [verschieden ist] und was darüber hinaus [gilt], wurde dir gesagt; die überschüssigen Früchte gehören zu dieser Trägerhierarchie, o Schönäugige.

Wort für Wort
athātaḥ sampravakṣyāmi śiva-liṅgasya lakṣaṇam
nun will ich die Merkmale des Śivaliṅga verkünden
pārthive śiva-pūjāyām sarva-siddhi-yutaḥ bhavet
bei der Śiva-Verehrung im erdenen Liṅga wird man mit allen Vollendungen ausgestattet
pāṣāṇe śiva-pūjāyām dviguṇam phalam īritam
bei der Verehrung im steinernen Liṅga wird eine zweifache Frucht erklärt
svarṇa-liṅge ca pūjāyām śatrūṇām nāśanam matam
bei der Verehrung im goldenen Liṅga gilt die Vernichtung der Feinde
sarva-siddhi-īśvaraḥ raupye phalam tasmāt catur-guṇam
zum Herrn aller Vollendungen wird man im silbernen, die Frucht vierfach
tāmre puṣṭim vijānīyāt kāṃsye ca dhana-saṃcayam
im kupfernen erkenne man Gedeihen, im bronzenen die Anhäufung von Reichtum
pāradasya ca māhātmyam pura eva kathitam mayā
und die Größe des Quecksilbers wurde bereits von mir zuvor verkündet
sphāṭike sarva-siddhiḥ syāt tathā mārakate priye
im Bergkristall gibt es alle Vollendung, ebenso im Smaragd, Geliebte
lauha-liṅge ripoḥ nāśam kāma-dam bhasma-liṅgake
im eisernen Liṅga die Vernichtung des Feindes, im Asche-Liṅga die Wunscherfüllung
sarva-liṅgasya māhātmyam dharma-artha-kāma-mokṣa-dam
die Größe jedes Liṅga gewährt Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa

Materialgestufte Verdienst-Hierarchie des Śivaliṅga (erdenes, steinernes, goldenes, silbernes, kupfernes, bronzenes, Quecksilber-, Ton-, Lack-, Kristall-, Smaragd-, Eisen-, Asche-, Sand- und Kuhmist-Liṅga); der Quecksilber-Verweis (V.18) knüpft explizit an die Rasaśāstra-Kapitel P5/8/9 an. Der Ausdruck ,ṛtuhiṃsanam' beim Kuhmist-Liṅga (V.20) bleibt unsicher und ist mit [?] markiert.

śivasya pūjanād devi caturvargādhipo bhavet / aṣṭaiśvaryayuto martyaḥ śambhunāthasya pūjanāt // MBhT_12.22 // svayaṃ nārāyaṇaḥ prokto yadi śambhuṃ prapūjayet / svarge martye ca pātāle ye devāḥ saṃsthitāḥ sadā / teṣāṃ pūjā bhaved devi śambhunāthasya pūjanāt // MBhT_12.23 // svarṇapuṣpasahasreṇa yat phalaṃ labhate naraḥ / tasmāl lakṣaguṇaṃ puṇyaṃ bhagnaikabilvapattrake // MBhT_12.24 // bhagnaikabilvapattrasya sahasrakena bhāgataḥ / merutulyasuvarṇena tatphalaṃ na hi labhyate // MBhT_12.25 // śuddhāśuddhavicāro 'pi nāsti tac chivapūjane / yena tena prakāreṇa bilvapattraiḥ prapūjanāt / sarvasiddhiyuto bhūtvā sa naraḥ siddho hi // MBhT_12.26 // brahmāṇḍamadhye ye devās tadbāhye yāś ca devatāḥ / te sarve tṛptim āyānti kevalaṃ śivapūjanāt // MBhT_12.27 //

Durch die Verehrung Śivas, Devī, wird man Herr der vier Lebensziele (Caturvarga); ein Sterblicher wird mit den acht [übernatürlichen] Kräften (Aiśvarya) ausgestattet durch die Verehrung des Herrn Śambhu. Nārāyaṇa selbst, so heißt es, verehrt Śambhu; wenn man Śambhu verehrt, kommt die Verehrung all jener Götter zustande, die im Himmel, auf der Erde und in der Unterwelt beständig weilen, Devī, [eben] durch die Verehrung des Herrn Śambhu. Die Frucht, die ein Mensch durch tausend goldene Blüten erlangt – hunderttausendfach [ist] jenes Verdienst bei einem einzigen zerbrochenen Bilva-Blatt. Selbst mit einem Tausendstel-Teil des Verdienstes eines einzigen zerbrochenen Bilva-Blattes wird jene Frucht nicht einmal durch [eine Gabe von] Gold in der Größe des [Berges] Meru erlangt. Es gibt bei der Śiva-Verehrung nicht einmal eine Unterscheidung von rein und unrein; auf welche Weise auch immer – durch die Verehrung mit Bilva-Blättern wird jener Mensch, mit allen Vollendungen ausgestattet, wahrhaft vollendet. Die Götter innerhalb des Weltenei (Brahmāṇḍa) und die Gottheiten außerhalb desselben – sie alle gelangen zur Sättigung allein durch die Verehrung Śivas.

Wort für Wort
śivasya pūjanāt devi catur-varga-adhipaḥ bhavet
durch die Verehrung Śivas, Devī, wird man Herr der vier Lebensziele
aṣṭa-aiśvarya-yutaḥ martyaḥ śambhu-nāthasya pūjanāt
ein Sterblicher wird mit den acht Kräften ausgestattet durch die Verehrung des Herrn Śambhu
svayam nārāyaṇaḥ proktaḥ yadi śambhum prapūjayet
Nārāyaṇa selbst, so heißt es, verehrt Śambhu
teṣām pūjā bhavet devi śambhu-nāthasya pūjanāt
die Verehrung all jener kommt zustande, Devī, eben durch die Verehrung des Herrn Śambhu
svarṇa-puṣpa-sahasreṇa yat phalam labhate naraḥ
die Frucht, die ein Mensch durch tausend goldene Blüten erlangt
tasmāt lakṣa-guṇam puṇyam bhagna-eka-bilva-pattrake
hunderttausendfach ist jenes Verdienst bei einem einzigen zerbrochenen Bilva-Blatt
meru-tulya-suvarṇena tat-phalam na hi labhyate
jene Frucht wird nicht einmal durch Gold in der Größe des Meru erlangt
śuddha-aśuddha-vicāraḥ api na asti tat śiva-pūjane
es gibt bei der Śiva-Verehrung nicht einmal eine Unterscheidung von rein und unrein
sarva-siddhi-yutaḥ bhūtvā sa naraḥ siddhaḥ hi
mit allen Vollendungen ausgestattet, wird jener Mensch wahrhaft vollendet
te sarve tṛptim āyānti kevalam śiva-pūjanāt
sie alle gelangen zur Sättigung allein durch die Verehrung Śivas

Rhetorik der absoluten Suprematie der Śiva-Verehrung: ein einziges zerbrochenes Bilva-Blatt übertrifft selbst eine Goldgabe in der Größe des Meru-Bergs, und Reinheitsvorschriften entfallen ausdrücklich – ein bemerkenswert egalitärer Zug innerhalb eines ansonsten stark ritualistisch-hierarchischen Kapitels.

puṣpaṃ gandhaṃ jalaṃ dravyaṃ liṅgopari niyojayet / liṅgamadhye mahāvahniḥ saiva rudraḥ prakīrtitaḥ // MBhT_12.28 // rudropari kṣiped yat tu tad eva bhasmatāṃ gataḥ // MBhT_12.29 // sākṣād dhomo maheśāni śivasya pūjanād bhavet / mahāyajñeśvaro martyaḥ śivasya pūjanād bhavet // MBhT_12.30 // kuśāgramānaṃ yat toyaṃ tat toyena yajed yadi / satyaṃ satyaṃ hi girije taj jalaṃ sāgaropamam // MBhT_12.31 // puṣpaṃ ca merusadṛśaṃ liṅgopari niyojanāt / liṅgasya mastake devi yad annaṃ paritiṣṭhati // MBhT_12.32 // tadannasya ca dānena kṣitidānaphalaṃ labhet // MBhT_12.33 // ekena taṇḍulenaiva yadi liṅgaṃ prapūjayet / brahmāṇḍapātrasampūrṇam annadānaphalaṃ labhet // MBhT_12.34 // ekayā dūrvayā vāpi yo 'rcayec chivaliṅgakam / sarvadevasya śīrṣe tu cārdhadānaphalaṃ labhet // MBhT_12.35 // sāmānyatoyam ānīya yadi snāyān maheśvaram / sārdhatrikoṭitīrthasya snānasya phalabhāg bhavet // MBhT_12.36 //

Blume, Duftstoff, Wasser, [jede beliebige] Substanz lege man oben auf das Liṅga; im Innern des Liṅga [ist] das große Feuer, eben dieses wird als Rudra verkündet. Was immer man auf Rudra [d.h. jenes Feuer] gießt, das eben geht in den Zustand der Asche über. Ein unmittelbares Feueropfer, o große Herrscherin, kommt durch die Verehrung Śivas zustande; ein Sterblicher wird zum Herrn des großen Opfers durch die Verehrung Śivas. Wenn man mit Wasser im Maße einer Kuśa-Grasspitze verehrt – wahrlich, wahrlich, o Bergestochter, [wird] jenes Wasser dem Ozean gleich. Und [durch] das Darbringen einer dem [Berg] Meru gleichenden Blüte oben auf das Liṅga – die Speise, Devī, die auf dem Haupt des Liṅga verweilt: durch die Verschenkung jener Speise erlangt man die Frucht der Verschenkung der [ganzen] Erde. Wenn man das Liṅga mit auch nur einem einzigen Reiskorn verehrt, erlangt man die Frucht der Speisespende, [die] ein mit dem Weltenei [an Größe] gleiches Gefäß füllen [würde]. Wer den Śivaliṅga auch nur mit einem einzigen [Halm] Dūrvā-Gras verehrt, erlangt die Frucht der halben Gabe am Haupte [Anm.: ,sarvadevasya śīrṣe', Sinn unsicher, evtl. Bezug auf eine höchste Opferstätte oder symbolische ,Spitze' göttlicher Gaben] aller Götter. Wenn man, gewöhnliches Wasser herbeigeholt, den großen Herrn badet, wird man Teilhaber der Frucht des Badens an dreieinhalb Crore [35 Millionen] Wallfahrtsorten (Tīrtha).

Wort für Wort
puṣpam gandham jalam dravyam liṅga-upari niyojayet
Blume, Duftstoff, Wasser, jede Substanz lege man oben auf das Liṅga
liṅga-madhye mahā-vahniḥ sā eva rudraḥ prakīrtitaḥ
im Innern des Liṅga das große Feuer, eben dieses wird als Rudra verkündet
rudra-upari kṣipet yat tu tat eva bhasmatām gataḥ
was man auf Rudra gießt, das geht in den Zustand der Asche über
sākṣāt homaḥ maheśāni śivasya pūjanāt bhavet
ein unmittelbares Feueropfer kommt durch die Verehrung Śivas zustande
kuśa-agra-mānam yat toyam tat toyena yajet yadi
wenn man mit Wasser im Maße einer Kuśa-Grasspitze verehrt
taj jalam sāgara-upamam
jenes Wasser ist dem Ozean gleich
tat-annasya ca dānena kṣiti-dāna-phalam labhet
durch die Verschenkung jener Speise erlangt man die Frucht der Erd-Verschenkung
ekena taṇḍulena eva yadi liṅgam prapūjayet
wenn man das Liṅga mit nur einem einzigen Reiskorn verehrt
brahmāṇḍa-pātra-sampūrṇam anna-dāna-phalam labhet
man erlangt die Frucht der Speisespende, die ein weltenei-großes Gefäß füllen würde
ekayā dūrvayā vā api yaḥ arcayet śiva-liṅgakam
wer den Śivaliṅga auch nur mit einem einzigen Dūrvā-Halm verehrt
sāmānya-toyam ānīya yadi snāyāt maheśvaram
wenn man, gewöhnliches Wasser herbeigeholt, den großen Herrn badet
sārdha-tri-koṭi-tīrthasya snānasya phala-bhāk bhavet
man wird Teilhaber der Frucht des Badens an dreieinhalb Crore Wallfahrtsorten

Die Identifikation des im Liṅga verborgenen Feuers mit Rudra selbst (V.28-29) liefert eine kultische Begründung für die im Śivaismus zentrale Liṅga-Abhiṣeka-Praxis (rituelle Übergießung): jede dargebrachte Substanz wird symbolisch 'zu Asche', dem klassischen Śiva-Attribut (Bhasma). Die anschließenden extremen Verdienst-Hyperbeln (ein Reiskorn = ein weltenei-großes Speiseopfer) setzen die bereits in V.24-25 etablierte Bilva-Blatt-Rhetorik fort.

śrīcaṇḍikovāca / tāriṇī brahmaṇaḥ śaktis tripurā vaiṣṇavī parā / kathaṃ śākambharī tārā tripurā śāmbhavī katham // MBhT_12.37 // śrīśaṃkara uvāca / kālī dehād yadā jātā sāvitrī vedamātṛkā / trivargadātrī sā devī brahmaṇaḥ śaktir eva ca // MBhT_12.38 // guptarūpā mahāvidyā śaivī saikajaṭā parā / tasmāl lakṣmīr vaiṣṇavī yā trivargadāyinī śivā // MBhT_12.39 // guptarūpā mahāvidyā śrīmattripurasundarī / śāmbhavī paramā māyā tripurā mokṣadāyinī // MBhT_12.40 // ekaiva hi mahāvidyā nāmamātraṃ pṛthak pṛthak / tathaiva puruṣaś caiko nāmamātravibhedakaḥ // MBhT_12.41 //

Śrī Caṇḍikā sprach: „Tāriṇī [ist] die Kraft (Śakti) Brahmās, Tripurā die höchste Vaiṣṇavī – wie [verhält es sich] mit Śākambharī, Tārā, wie mit Tripurā-Śāmbhavī?“ Śrī Śaṅkara sprach: „Als aus Kālīs Leib Sāvitrī, die Mutter der Veden, geboren wurde – jene Göttin, die Geberin der drei [weltlichen Lebensziele, das ist] eben die Kraft Brahmās. [Sie ist] die verborgengestaltige große Wissenskraft (Mahāvidyā), die höchste Śaiva-Göttin mit der einzigen Haarlocke (Ekajaṭā); aus ihr [kommt] Lakṣmī, die Vaiṣṇavī, die Heilbringende, die Geberin der drei Lebensziele. [Sie ist] die verborgengestaltige große Wissenskraft, die glorreiche Tripurasundarī; die Śāmbhavī, die höchste Māyā, [ist] die Tripurā, die Geberin der Erlösung. Denn es gibt nur eine einzige Mahāvidyā, [ihre Namen] unterscheiden sich bloß dem Namen nach; ebenso gibt es auch nur einen einzigen Puruṣa [Urwesen], der bloß dem Namen nach unterschieden wird.“

Wort für Wort
tāriṇī brahmaṇaḥ śaktiḥ tripurā vaiṣṇavī parā
Tāriṇī ist die Kraft Brahmās, Tripurā die höchste Vaiṣṇavī
kathaṃ śākambharī tārā tripurā śāmbhavī katham
wie verhält es sich mit Śākambharī, Tārā, wie mit Tripurā-Śāmbhavī
kālī dehāt yadā jātā sāvitrī veda-mātṛkā
als aus Kālīs Leib Sāvitrī, die Mutter der Veden, geboren wurde
trivarga-dātrī sā devī brahmaṇaḥ śaktiḥ eva ca
jene Göttin, die Geberin der drei Lebensziele, ist eben die Kraft Brahmās
gupta-rūpā mahāvidyā śaivī sa-eka-jaṭā parā
die verborgengestaltige große Wissenskraft, die höchste Śaiva-Göttin mit der einzigen Haarlocke
tasmāt lakṣmīḥ vaiṣṇavī yā trivarga-dāyinī śivā
aus ihr Lakṣmī, die Vaiṣṇavī, die Heilbringende, die Geberin der drei Lebensziele
gupta-rūpā mahāvidyā śrīmat-tripurasundarī
die verborgengestaltige große Wissenskraft, die glorreiche Tripurasundarī
śāmbhavī paramā māyā tripurā mokṣa-dāyinī
die Śāmbhavī, die höchste Māyā, ist die Tripurā, die Geberin der Erlösung
ekā eva hi mahāvidyā nāma-mātram pṛthak pṛthak
denn es gibt nur eine einzige Mahāvidyā, ihre Namen unterscheiden sich bloß
tathā eva puruṣaḥ ca ekaḥ nāma-mātra-vibhedakaḥ
ebenso gibt es auch nur einen einzigen Puruṣa, bloß dem Namen nach unterschieden

Theologisch bedeutsamer Abschnitt: die Göttinnen Tāriṇī/Sāvitrī (der Kraft Brahmās zugeordnet), Lakṣmī (der Kraft Viṣṇus) und Tripurasundarī/Śāmbhavī (der Kraft Śivas, hier ausdrücklich mit der bereits in Paṭala 7 behandelten Śrīvidyā-Tripurā identifiziert) werden explizit als bloß namentlich verschiedene Erscheinungsformen EINER einzigen Mahāvidyā erklärt – ein klares nondualistisch-universalistisches Bekenntnis, das die verschiedenen großen Devī-Traditionen (und implizit auch Śaiva/Vaiṣṇava/Brahmā-Verehrung) unter einer einzigen höchsten Weiblichkeits-Prinzip vereint, mit dem Puruṣa-Vergleich in V.41 als Analogie.

śrīcaṇḍikovāca / mantradhāraṇamātreṇa tadātmā tanmayo bhavet / kathaṃ vā vātulaḥ so 'pi kathaṃ vā rogavān bhavet // MBhT_12.42 // śrīśaṃkara uvāca / mantracchannād vātulatvaṃ rogo dehe na jāyate / mantracchannaṃ pravakṣyāmi śṛṇu devi samāhitā // MBhT_12.43 // abhaktiś cākṣare bhrāntir luptiś channas tathaiva ca / hrasvo dīrghaś ca kathanaṃ svapne tu cāṣṭadhā smṛtaḥ // MBhT_12.44 // abhaktyā naiva siddhiḥ syāt kalpakoṭiśatair api / evaṃ mantraś cānyathā vā ceti bhrāntyā ca vātulaḥ // MBhT_12.45 // luptavarṇe buddhināśaś chinne nāśo bhavet kila / hrasvoccāre vyādhiyukto dīrghajāpe vasukṣayaḥ // MBhT_12.46 // kathane mṛtyum āpnoti svapne 'pi śṛṇu śailaje / kālikāyāś ca tārāyā mantro 'pi jvaladagnivat // MBhT_12.47 // viprarūpeṇa devena premabhāvena cetasā / yadi mantraṃ hared devi śṛṇu sādhakalakṣaṇam // MBhT_12.48 // sarvāṅge vai bhavej jvālā dehamadhye viśeṣataḥ / toye śaityaṃ na jāyeta tathaivauṣadhasevane // MBhT_12.49 // sadā vātulavat sarvaṃ pratyakṣe svapnavad bhavet / varṣamadhye trivarṣe vā mṛtyus tasya na saṃśayaḥ // MBhT_12.50 //

Śrī Caṇḍikā sprach: „Allein durch das Halten (Dhāraṇa) [d.h. beständige Rezitieren] eines Mantra wird [der Übende] mit ihm identisch, [von ihm] durchdrungen (Tanmaya) – wie aber wird er [zuweilen] wahnsinnig (Vātula), wie wird er krank?“ Śrī Śaṅkara sprach: „Ohne Mantra-Verderbnis (Mantracchanna) entstehen weder Wahnsinn noch Krankheit im Körper; die Mantra-Verderbnis will ich verkünden, höre, Devī, mit gesammeltem Geist. Mangel an Hingabe, und Irrtum bei der Silbe, Auslassung, und ebenso Verhüllung/Verheimlichung, kurze und lange [Fehlaussprache], und das [unbefugte] Aussprechen – auch im Traum – wird als achtfach überliefert. Durch Mangel an Hingabe kommt selbst in hundert Millionen Weltzeitaltern (Kalpa) keine Vollendung zustande; ebenso [führt] ein anders [als korrekt rezitierter] Mantra, oder [einer, der] durch Irrtum [entstellt ist], zum Wahnsinn. Bei ausgelassener Silbe [entsteht] Verlust des Verstandes, bei abgeschnittener [Silbe] entsteht, wahrlich, Vernichtung; bei kurzer Aussprache wird man von Krankheit befallen, bei langer Rezitation [entsteht] Vermögensverlust. Durch [unbefugtes] Aussprechen erlangt man den Tod, [auch] im Traum, höre, o Bergestochter; der Mantra der Kālikā und der Tārā [ist] geradezu wie loderndes Feuer. Wenn, in Gestalt eines Brahmanen, von einem Gott, mit liebevoller Gesinnung des Geistes [Anm.: Sinn unsicher – möglicherweise eine Prüfung/Täuschung durch eine verkleidete Gottheit], der Mantra entwendet/weitergegeben wird, Devī, höre die Kennzeichen des [davon betroffenen] Übenden: In allen Gliedern entsteht Brennhitze, besonders im Innern des Körpers; im Wasser entsteht keine Kühle, ebenso wenig bei der Einnahme von Arznei. Beständig wird alles wie bei einem Wahnsinnigen, im Wachzustand wird es traumgleich; innerhalb eines Jahres, oder [spätestens] innerhalb dreier Jahre, [tritt] sein Tod [ein] – daran besteht kein Zweifel.“

Wort für Wort
mantra-dhāraṇa-mātreṇa tat-ātmā tanmayaḥ bhavet
allein durch das beständige Rezitieren eines Mantra wird man mit ihm identisch
kathaṃ vā vātulaḥ saḥ api kathaṃ vā roga-vān bhavet
wie aber wird er zuweilen wahnsinnig, wie wird er krank
mantracchannāt vātulatvam rogaḥ dehe na jāyate
ohne Mantra-Verderbnis entstehen weder Wahnsinn noch Krankheit im Körper
abhaktiḥ ca akṣare bhrāntiḥ luptiḥ channaḥ tathā eva ca
Mangel an Hingabe, Irrtum bei der Silbe, Auslassung, ebenso Verhüllung
hrasvaḥ dīrghaḥ ca kathanam svapne tu ca aṣṭadhā smṛtaḥ
kurze, lange Fehlaussprache, und das Aussprechen im Traum – als achtfach überliefert
abhaktyā na eva siddhiḥ syāt kalpa-koṭi-śataiḥ api
durch Mangel an Hingabe kommt selbst in hundert Millionen Kalpas keine Vollendung zustande
lupta-varṇe buddhi-nāśaḥ chinne nāśaḥ bhavet kila
bei ausgelassener Silbe Verlust des Verstandes, bei abgeschnittener Vernichtung
hrasva-uccāre vyādhi-yuktaḥ dīrgha-jāpe vasu-kṣayaḥ
bei kurzer Aussprache Krankheit, bei langer Rezitation Vermögensverlust
kathane mṛtyum āpnoti svapne api śṛṇu śailaje
durch unbefugtes Aussprechen erlangt man den Tod, auch im Traum, höre, Bergestochter
kālikāyāḥ ca tārāyāḥ mantraḥ api jvalat-agni-vat
der Mantra der Kālikā und der Tārā ist geradezu wie loderndes Feuer
sarva-aṅge vai bhavet jvālā deha-madhye viśeṣataḥ
in allen Gliedern entsteht Brennhitze, besonders im Innern des Körpers
sadā vātula-vat sarvam pratyakṣe svapna-vat bhavet
beständig wird alles wie bei einem Wahnsinnigen, im Wachzustand traumgleich
varṣa-madhye tri-varṣe vā mṛtyuḥ tasya na saṃśayaḥ
innerhalb eines Jahres oder dreier Jahre tritt sein Tod ein, kein Zweifel

Bemerkenswerte technisch-systematische Mantra-Fehlerlehre (,mantracchanna', achtfach: Hingabemangel, Silbenirrtum, Auslassung, Verheimlichung, Kurz-/Langfehlaussprache, unbefugtes Aussprechen wach wie im Traum) mit drastischen körperlichen und tödlichen Folgen (Wahnsinn, Krankheit, Vermögensverlust, Tod binnen 1-3 Jahren) – eine Art tantrische ,Nebenwirkungslehre' der Mantra-Praxis, die die immense Ernsthaftigkeit korrekter Rezitationstechnik unterstreicht. Der ,Diebstahl durch einen verkleideten Gott' (V.48) bleibt in seiner genauen Bedeutung unsicher.

śrīcaṇḍikovāca / mantracchannaṃ cāṣṭavidhaṃ tava vaktrāc chrutaṃ mayā / yadi daivād bhaved deva tasyopāyaṃ vadasva me // MBhT_12.51 // śrīśaṃkara uvāca / bahujāpāt tathā homāt kāyakleśādivistarāt / yadi bhaktir bhaved devi tasya siddhir adūrataḥ // MBhT_12.52 // guruṇā tatsutenaiva sādhakena varānane / akṣare dūṣaṇaṃ hitvā punar mantraṃ prakāśayet // MBhT_12.53 // guruṇā tatsutenaiva sādhakena samāhitaḥ / luptavarṇaṃ samutthāpya punar mantraṃ prakāśayet // MBhT_12.54 // cakrabhedena ṣaṭkoṇaṃ tathaiva yonimudrayā / ekoccāre japen mantraṃ lakṣam ekaṃ varānane / gurvādinā maheśāni chinnadoṣanikṛntanam // MBhT_12.55 // guruṇā lakṣajāpena tan mantraṃ śrāvayet tridhā / dūṣaṇaṃ hrasvadīrghasya śāntiś cātra na saṃśayaḥ // MBhT_12.56 // guruṇā tatsutenaiva sādhakenaiva śailaje / uktamārgeṇa deveśi japel lakṣacatuṣṭayam // MBhT_12.57 // taddaśāṃśaṃ hunet paścāt tarpaṇādi samācaret // MBhT_12.58 // tato 'pi yadi naivābhūt sādhakaḥ sthiramānasaḥ / caturguṇaṃ hi kartavyaṃ śiṣyasya muktihetave // MBhT_12.59 // yadi mṛtyur bhavet tasya tathāpi muktibhāg bhavet / kathanasya doṣaśāntir bhavaty eva na saṃśayaḥ // MBhT_12.60 // svapne 'pi mantrakathane śmaśāne caiva śailaje / uktamārgeṇa deveśi japel lakṣaṃ catuṣṭayam // MBhT_12.61 // taddaśāṃśaṃ hunet paścāt tarpaṇādi samācaret / tato 'pi yadi naivābhūt sādhakaḥ sthiramānasaḥ // MBhT_12.62 // caturguṇaṃ hi kartavyaṃ pūrvoktaṃ pūjanaṃ caret / kuje vā śanivāre vā prathame gamanaṃ caret / saptāhaṃ vā yajed devīṃ turīyaṃ vādinaṃ yajet // MBhT_12.63 //

Śrī Caṇḍikā sprach: „Die achtfache Mantra-Verderbnis habe ich aus deinem Mund gehört; wenn sie schicksalhaft eintreten sollte, o Gott, sage mir das Mittel dagegen.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Durch ausgiebige Rezitation, ebenso durch Feueropfer, durch ausgedehnte Körperkasteiung u.a. – wenn Hingabe entsteht, Devī, ist seine Vollendung nicht fern. Durch den Guru, oder durch dessen Sohn, oder durch den Übenden selbst, o Schönantlitzige, soll man, nachdem man den Fehler in der Silbe beseitigt hat, den Mantra erneut offenbaren. Durch den Guru, oder durch dessen Sohn, oder durch den gesammelten Übenden selbst soll man, nachdem man die ausgelassene Silbe wiederhergestellt hat, den Mantra erneut offenbaren. Durch das Durchbrechen des [Ritual-]Rades in ein Sechseck, ebenso mit der Yoni-Mudrā, rezitiere man den Mantra in einem einzigen [ununterbrochenen] Aussprechen hunderttausendmal, o Schönantlitzige; durch den Guru u.a., große Herrscherin, [erfolgt so] die Beseitigung des Fehlers der abgeschnittenen [Silbe]. Durch den Guru soll man, mittels hunderttausendfacher Rezitation, jenen Mantra dreifach [öffentlich] hörbar machen; der Fehler der kurzen oder langen [Aussprache] findet hierin, ohne Zweifel, seine Befriedung. Durch den Guru, oder durch dessen Sohn, oder durch den Übenden selbst, o Bergestochter, rezitiere man nach dem genannten Verfahren, Herrscherin der Götter, vierhunderttausendmal; ein Zehntel davon opfere man danach im Feuer, [und] vollziehe die Wasserspende (Tarpaṇa) u.a. Wenn selbst dann der Übende nicht standhaften Geistes wurde, ist ein Vierfaches zu vollziehen, um der Befreiung des Schülers willen. Sollte ihm dabei der Tod widerfahren, wird er dennoch Teilhaber der Befreiung; die Befriedung des Fehlers des [unbefugten] Aussprechens tritt gewiss ein, ohne Zweifel. Auch beim [Fehler des] Mantra-Aussprechens im Traum rezitiere man, am Verbrennungsplatz (Śmaśāna), o Bergestochter, nach dem genannten Verfahren, Herrscherin der Götter, vierhunderttausendmal; ein Zehntel davon opfere man danach im Feuer, [und] vollziehe die Wasserspende u.a. Wenn selbst dann der Übende nicht standhaften Geistes wurde, ist ein Vierfaches zu vollziehen, [man] vollziehe die zuvor genannte Verehrung; an einem Dienstag oder Samstag vollziehe man den ersten Gang [zum Verbrennungsplatz]; eine Woche lang verehre man die Göttin, oder verehre den ,vierten Sprecher' [Anm.: ,turīyaṃ vādinam', Sinn unsicher].“

Wort für Wort
mantracchannam ca aṣṭa-vidham tava vaktrāt śrutam mayā
die achtfache Mantra-Verderbnis habe ich aus deinem Mund gehört
yadi daivāt bhavet deva tasya upāyam vadasva me
wenn sie schicksalhaft eintreten sollte, sage mir das Mittel dagegen
bahu-jāpāt tathā homāt kāya-kleśa-ādi-vistarāt
durch ausgiebige Rezitation, Feueropfer, ausgedehnte Körperkasteiung u.a.
yadi bhaktiḥ bhavet devi tasya siddhiḥ adūrataḥ
wenn Hingabe entsteht, ist seine Vollendung nicht fern
guruṇā tat-sutena eva sādhakena akṣare dūṣaṇam hitvā
durch den Guru, dessen Sohn oder den Übenden, nachdem der Silbenfehler beseitigt ist
punaḥ mantram prakāśayet
soll man den Mantra erneut offenbaren
luptavarṇam samutthāpya punaḥ mantram prakāśayet
nachdem man die ausgelassene Silbe wiederhergestellt hat, offenbare man den Mantra erneut
eka-uccāre japet mantram lakṣam ekam varānane
rezitiere man den Mantra in einem einzigen Aussprechen hunderttausendmal
guruṇā lakṣa-jāpena tam mantram śrāvayet tridhā
durch den Guru mache man, mittels hunderttausendfacher Rezitation, jenen Mantra dreifach hörbar
uktamārgeṇa deveśi japet lakṣa-catuṣṭayam
nach dem genannten Verfahren rezitiere man vierhunderttausendmal
tat-daśa-aṃśam hunet paścāt tarpaṇa-ādi samācaret
ein Zehntel davon opfere man danach im Feuer, und vollziehe die Wasserspende u.a.
yadi mṛtyuḥ bhavet tasya tathāpi mukti-bhāk bhavet
sollte ihm der Tod widerfahren, wird er dennoch Teilhaber der Befreiung
svapne api mantra-kathane śmaśāne ca eva śailaje
auch beim Fehler des Mantra-Aussprechens im Traum, am Verbrennungsplatz, Bergestochter
kuje vā śani-vāre vā prathame gamanam caret
an einem Dienstag oder Samstag vollziehe man den ersten Gang

Detailliertes Bußsystem zur Behebung der acht Mantra-Fehler, gestuft nach Fehlertyp mit stark ansteigenden Rezitationszahlen (100.000 bis 400.000-fach) und eigenen Ritualtechniken (Cakra-Sechseck, Yoni-Mudrā); bemerkenswert V.60: selbst der Tod während der Buße wird als Erlösung (nicht als Scheitern) gedeutet – eine für tantrische Sādhanā charakteristische Umdeutung des Todesrisikos in ein spirituelles Gut.

śmaśānasādhanaṃ vakṣye śṛṇu caikāgracetasā / svarṇaṃ raupyaṃ tathā vastraṃ dattvā varaṇam ācaret // MBhT_12.64 // svarṇapīṭhaṃ pradātavyaṃ caturaṅgulivistṛtam / bhogayogyaṃ pradātavyaṃ madhuparkaṃ yathoditam // MBhT_12.65 // rājapatnī yena tuṣṭā toṣayet tena vāsasā / alaṃkāraṃ yathāyogyaṃ tatra tatra niyojayet // MBhT_12.66 // naivedyaṃ vividhaṃ ramyaṃ nānādravyasamanvitam / sāmiṣānnaṃ guḍaṃ chāgaṃ surāpiṣṭakapāyasam // MBhT_12.67 // bhogyadravyaṃ jale dadyād yadi bhoktā na tiṣṭhati / evaṃ pūjāṃ samāpyādau śivapūjāṃ samācaret // MBhT_12.68 // ṣoḍaśair upacāraiś ca liṅgānāṃ caikaviṃśatim / aṣṭottaraśatenaiva bilvapattraiḥ sacandanaiḥ // MBhT_12.69 // pratyekaṃ pūjayen mantraṃ gajāntakasahasrakam / sahasraṃ homayet paścād bilvapattrair varānane // MBhT_12.70 // evaṃ kṛte labhec chāntiṃ dīrghāyur nātra saṃśayaḥ // MBhT_12.71 //

Ich will die Verbrennungsplatz-Übung (Śmaśāna-Sādhana) verkünden, höre mit einsgerichtetem Geist: nachdem man Gold, Silber und ebenso Gewand gegeben hat, vollziehe man die [rituelle] Einladung (Varaṇa). Ein goldener Sitz, vier Finger breit, ist darzureichen; genussgerechte [Gaben] sind darzureichen, Madhuparka, wie erwähnt. Womit eine Königsgattin zufrieden wäre, mit diesem Gewand befriedige man [sie]; Schmuck, wie es sich geziemt, ordne man an den entsprechenden Stellen zu. Ein mannigfaltiges, erfreuliches Speiseopfer (Naivedya), mit verschiedenen Substanzen versehen: fleischhaltige Speise, Melasse, Ziegenfleisch, [und] ein Wein-Mehl-Grießbrei (Surāpiṣṭakapāyasam) [Anm.: ungewöhnlicher Kompositum-Begriff, offenbar ein rituelles Gericht, das Alkohol, Mehl und Reisbrei verbindet]. Ist kein [ritueller] Genießer zugegen, gebe man die genussfähigen Substanzen ins Wasser; hat man die Verehrung so vollendet, vollziehe man zunächst die Śiva-Verehrung. Mit dem sechzehnfachen Opferdienst [verehre man] einundzwanzig Liṅgas; mit genau hundertundacht Bilva-Blättern, mit Sandelholz [bestrichen], verehre man jedes einzeln mit dem tausendfachen ,Elefantenbezwinger'-Mantra [Anm.: Epitheton Śivas als Bezwinger des Elefantendämons Gajāsura]; danach opfere man tausend[fach] mit Bilva-Blättern, o Schönantlitzige. Hat man so gehandelt, erlangt man Frieden [und] langes Leben – daran besteht kein Zweifel.

Wort für Wort
śmaśāna-sādhanam vakṣye śṛṇu ca eka-agra-cetasā
ich will die Verbrennungsplatz-Übung verkünden, höre mit einsgerichtetem Geist
svarṇam raupyam tathā vastram dattvā varaṇam ācaret
nachdem man Gold, Silber und Gewand gegeben hat, vollziehe man die Einladung
svarṇa-pīṭham pradātavyam catur-aṅguli-vistṛtam
ein goldener Sitz, vier Finger breit, ist darzureichen
rāja-patnī yena tuṣṭā toṣayet tena vāsasā
womit eine Königsgattin zufrieden wäre, mit diesem Gewand befriedige man
naivedyam vividham ramyam nānā-dravya-samanvitam
ein mannigfaltiges, erfreuliches Speiseopfer, mit verschiedenen Substanzen versehen
sa-āmiṣa-annam guḍam chāgam surā-piṣṭaka-pāyasam
fleischhaltige Speise, Melasse, Ziegenfleisch, Wein-Mehl-Grießbrei
bhogya-dravyam jale dadyāt yadi bhoktā na tiṣṭhati
ist kein Genießer zugegen, gebe man die genussfähigen Substanzen ins Wasser
ṣoḍaśaiḥ upacāraiḥ ca liṅgānām ca ekaviṃśatim
mit dem sechzehnfachen Opferdienst einundzwanzig Liṅgas
aṣṭa-uttara-śatena eva bilva-patraiḥ sa-candanaiḥ
mit genau hundertundacht sandelholzbestrichenen Bilva-Blättern
pratyekam pūjayet mantram gaja-antaka-sahasrakam
verehre man jedes einzeln mit dem tausendfachen 'Elefantenbezwinger'-Mantra
evam kṛte labhet śāntim dīrgha-āyuḥ na atra saṃśayaḥ
hat man so gehandelt, erlangt man Frieden und langes Leben, ohne Zweifel

Abschluss des zwölften Paṭala mit der Śmaśāna-Sādhana (Verbrennungsplatz-Übung), die explizit Fleisch, Ziegenfleisch und ein alkoholhaltiges Grießbrei-Gericht als Opferspeise vorschreibt – ein weiteres Beispiel des durchgehend faithful übersetzten Kaula-/vāmācāra-Materials dieses Werks (vgl. bereits Paṭala 3, 6, 8). Der abschließende einundzwanzigfache Liṅga-Kult mit dem Gajāntaka('Elefantenbezwinger')-Mantra bildet den rituellen Höhepunkt und Abschluss des Kapitels.

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