Paṭala 3: Mātṛkābhedatantra, tṛtīyaḥ paṭalaḥ
Paṭala 3: Bhoga als Befreiungsweg – Kuṇḍalinī-Speisung, Feuergruben-Symbolik und rituelle Rechtfertigung des Weingenusses
Das Leitmotiv 'Befreiung durch Genuss' (bhogena mokṣam) wird in drei Stufen entfaltet: ein Speiseritual, bei dem jeder Bissen Fleisch/Fisch der im Körper visualisierten schlangengestaltigen Kuṇḍalinī geopfert wird (V.4-16); eine an die vier Stände gebundene Symbolik der (äußeren wie inneren) Opferfeuergrube samt vierstufiger Befreiungshierarchie (V.17-29); und schließlich eine ausführliche Rechtfertigung des rituellen Weingenusses (madyapāna) für den Brahmanen als Weg zur höchsten Befreiung, unter Berufung auf das vedische Sautrāmaṇī-Ritual (V.30-45). Durchgehend mit der stehenden Geheimhaltungsformel 'vor dem Paśu' – klassisches Kaula-/vāmācāra-Material, hier rein philologisch übersetzt.
Mātṛkābhedatantra, dritter Paṭala. Śrī Devī sprach: „Überall habe ich gehört, o Herr, von Genuss [Bhoga] und dem, was die Sinne nährt. Wie sagst du, o Träger des Yoga, dass man durch Genuss Befreiung erlangt?“ Śrī Śaṅkara sprach: „Durch Genuss erlangt man Yoga, durch Genuss die Verwirklichung des Kula, durch Genuss erlangt man Siddhi, durch Genuss möge man Befreiung erlangen. Deshalb ist Genuss stets zu vollziehen, äußere Verehrung nach Belieben; die Vorschrift für das [rituelle] Essen, höre sie, o Süßredende.“
Wort für Wort
sarvatra aham śrutā nātha bhogam ca indriya-puṣṭidam
überall habe ich gehört, Herr, von Genuss und dem, was die Sinne nährt
bhogena mokṣam āpnoti kathaṃ vadasi yoga-bhṛt
durch Genuss erlangt man Befreiung, wie sagst du das, Träger des Yoga
bhogena labhate yogam bhogena kula-sādhanam
durch Genuss erlangt man Yoga, durch Genuss die Kula-Verwirklichung
bhogena siddhim āpnoti bhogena mokṣam āpnuyāt
durch Genuss erlangt man Siddhi, durch Genuss möge man Befreiung erlangen
deshalb ist Genuss stets zu vollziehen, äußere Verehrung nach Belieben
bhojanasya vidhānam yat tat śṛṇuṣva priyaṃ-vade
die Vorschrift des Essens, die höre, Süßredende
Übergang zum dritten Paṭala: das Prinzip ,Befreiung durch Genuss' (bhogena mokṣam) – programmatisch für die im Folgenden entfaltete Kaula-artige Ritualpraxis (Kuṇḍalinī-Speisung, Fleisch-/Weingenuss als Sādhanā), die weltliche Erfahrung nicht verwirft, sondern als Weg zur Befreiung nutzt.
„Die Kraft aber, die im [Mūlādhāra-]Behälter [weilt], von Schlangengestalt, das Selbst, o höchste Herrscherin, verweilt stets in dessen Mitte. Daraus entsteht das Verlangen nach Nahrung; unbefleckt [dennoch] wird [dieses Prinzip] ‚Jīva' genannt. Sie [die Kuṇḍalinī] selbst ist unmittelbar aus den Guṇas gebildet, [doch] wird der Jīva als eigenschaftslos bezeichnet [Anm.: paradoxe Formulierung, s.u.]. Des Jīva Essen, o Göttin, ist zweifellos nur Täuschung; die mit den Guṇas verbundene Kuṇḍalinī hat die Gestalt von Mond, Sonne und Feuer. Vom Mūlādhāra aus visualisiere man jene Göttin bis zur Zungenspitze reichend; gereinigten Fisch, Fleisch u.a. stelle der Kundige [ihr] gegenüber auf. Nachdem man den Wurzelmantra ausgesprochen hat: ‚Ich opfere [dies] in den Mund der Kuṇḍalī' – mit dieser Formel, o Göttin, nehme man jeden Bissen [als Opfergabe]. Bei jedem Bissen, o höchste Herrscherin, handle so der Kundige; dann eben wird er selbst von der Gestalt des Brahman – wahrlich, wahrlich, o Göttin-Herrscherin.“
Wort für Wort
ādhāre tu yā śaktiḥ bhujaga-ākāra-rūpiṇī
die Kraft aber im Behälter, von Schlangengestalt
ātmā parameśāni tan-madhye vartate sadā
das Selbst, höchste Herrscherin, weilt stets in dessen Mitte
gereinigten Fisch, Fleisch usw. stelle der Kundige gegenüber auf
mūla-mantram samuccārya juhomi kuṇḍalī-mukhe
nach Aussprechen des Wurzelmantras: 'ich opfere in den Mund der Kuṇḍalī'
anena manunā devi prati-grāsam samāharet
mit dieser Formel, Göttin, nehme man jeden Bissen
prati-grāse pareśāni evam kuryāt vicakṣaṇaḥ
bei jedem Bissen, höchste Herrscherin, handle so der Kundige
tadā eva brahma-rūpaḥ asau satyam satyam sura-īśvari
dann eben wird er von Brahman-Gestalt, wahrlich, wahrlich, Götter-Herrscherin
Kernstück des Paṭala: ein Speiseritual, bei dem gereinigtes Fleisch/Fisch mit einem Wurzelmantra symbolisch der im Körper (vom Mūlādhāra bis zur Zunge) visualisierten schlangengestaltigen Kuṇḍalinī ,geopfert' wird – jeder Bissen wird so zum inneren Opfer statt zum bloßen Verzehr. Die Aussage, der Jīva sei zugleich ,aus den Guṇas gebildet' und ,eigenschaftslos' (V.5) bleibt philosophisch spannungsvoll und ist wörtlich wiedergegeben, ohne die Spannung aufzulösen [Anm.].
„,Die Göttin Kuṇḍalī wird gespeist' – wer diesem Gedanken hingegeben ist, dem wird Mantra-Vollendung zuteil, [und ebenso] Erkenntnis-Vollendung, nicht anders. Wenn dies vollzogen ist, [wird er] von der Gestalt Brahmans, von der Gestalt Śivas, selbst Hari; ihm wird Yoga-Vollendung zuteil, und die achtfache Siddhi wird eintreten. Was aber von Feinden gegeben wird, künstliches, schreckliches Gift – im Augenblick des Verzehrs, o Göttin, wird es zweifellos zu Amṛta. Die durch Mantra gereinigte Substanz wird durch den Verzehr zu Amṛta – so wie einst das Kālakūṭa[-Gift] bei der Quirlung des Ozeans, o Geliebte. Da wurde es von mir mit ebendiesem Mantra augenblicklich verzehrt [Anm.: Śiva spricht hier von sich selbst in der bekannten Mythe vom Verschlucken des Weltgifts]. Die schlangengestaltige Kuṇḍalinī, jene Göttin, höchste Kalā, wird in Schlangengestalt gespeist; eben dort [wird durch sie] das schreckliche Gift [neutralisiert]. So wurde dir, o Geliebte, die Vorschrift für das [rituelle] Essen mitgeteilt; all dies, o große Herrscherin, ist vor dem Paśu [dem Uneingeweihten] geheim zu halten.“
Wort für Wort
bhujyate kuṇḍalī devī iti cintā-paraḥ hi yaḥ
'die Göttin Kuṇḍalī wird gespeist' – wer diesem Gedanken hingegeben ist
mantra-siddhiḥ bhavet tasya jñāna-siddhiḥ na ca anyathā
dem wird Mantra-Vollendung zuteil, Erkenntnis-Vollendung, nicht anders
evam kṛte brahma-rūpaḥ śiva-rūpaḥ svayam hariḥ
wenn dies vollzogen, von Brahman-Gestalt, Śiva-Gestalt, selbst Hari
yoga-siddhiḥ bhavet tasya ca aṣṭa-siddhiḥ bhaviṣyati
Yoga-Vollendung wird ihm zuteil, und die achtfache Siddhi wird eintreten
śatrubhiḥ dīyate yat tu kṛtrimam dāruṇam viṣam
was aber von Feinden gegeben wird, künstliches, schreckliches Gift
bhakṣaṇāt tat kṣaṇe devi hi amṛtam na atra saṃśayaḥ
durch Verzehr wird es im Augenblick, Göttin, zweifellos zu Amṛta
mantreṇa śodhitam dravyam bhakṣaṇāt amṛtam bhavet
die durch Mantra gereinigte Substanz wird durch Verzehr zu Amṛta
yadā eva kālakūṭam tu samudra-mathane priye
so wie das Kālakūṭa[-Gift] bei der Ozeanquirlung, Geliebte
tadā ca anena manunā tat-kṣaṇāt khāditam mayā
da wurde es mit diesem Mantra augenblicklich von mir verzehrt
sarpa-ākārā kuṇḍalinī yā devī paramā kalā
die schlangengestaltige Kuṇḍalinī, jene Göttin, höchste Kalā
bhujyate sarpa-rūpeṇa tatra eva dāruṇam viṣam
sie wird in Schlangengestalt gespeist, eben dort das schreckliche Gift
iti te kathitam kānte bhojanasya vidhānakam
so wurde dir, Geliebte, die Speise-Vorschrift mitgeteilt
etat sarvam maheśāni goptavyam paśu-saṅkaṭe
all dies, große Herrscherin, ist vor dem Paśu geheim zu halten
Die Wirkung des Rituals wird über eine Kette von Vollendungen (Mantra-, Erkenntnis-, Yoga-, achtfache Siddhi) bis zur Gift-Transmutation gesteigert, mit Rückgriff auf die bekannte purāṇische Mythe von Śivas Verschlucken des bei der Milchozean-Quirlung entstandenen Kālakūṭa-Giftes (hier von Śiva selbst als Ich-Erzähler berichtet). Schluss mit der wiederkehrenden Geheimhaltungsformel (,vor dem Paśu').
Śrī Devī sprach: „Höre, o Herr, höchste Wonne, o Wesen des höheren und niederen Kula! Sage mir, o höchster Gebieter, wie die Opferfeuergrube [Homakuṇḍa] beschaffen ist.“ Śrī Śiva sprach: „Außerhalb des Maṇipūra [befindet sich] der bezaubernde Nabellotos, achtblättrig und ebenso rund; in dessen Mitte [liegt] eine schwer zu erlangende [innere] Feuergrube. Vierseitig o.ä., o Göttin, [ist] jene Feuergrube, beliebig gestaltbar; für jede Feuergrube, o Göttin-Herrscherin, wird der Brahmane als [rechtmäßiger] Ausführender bestimmt. Rund [ist sie] für den aus dem Arm [des Puruṣa] Geborenen [den Kṣatriya], für den Vaiśya aber halbmondförmig, dreieckig für den aus dem Fuß Geborenen [den Śūdra], o Götter-Herrscherin. So ist die Feuergrube, o große Herrscherin, mit einer Dreiheit von Kanälen geschmückt: der aufwärtsführende Kanal [reicht] zum Sahasrāra, geschmückt mit dem höchsten Nektar; der mittlere Kanal [ist] im Nabellotos, [der untere] im Mūlādhāra, o Schöne. Der untere Kanal, dessen Spitze bis zum Liṅga reicht [?], ist stets von Wonne erfüllt, o Huldreiche. Diese Opferfeuergrube, o Göttin, ist in allen Tantras [als Lehre] festgelegt.“
Wort für Wort
śṛṇu nātha para-ānanda parāpara-kula-ātmaka
höre, Herr, höchste Wonne, Wesen des höheren und niederen Kula
vada me parama-īśāna homa-kuṇḍam tu kīdṛśam
sage mir, höchster Gebieter, wie die Opferfeuergrube beschaffen ist
für jede Feuergrube, Göttin-Herrscherin, wird der Brahmane als Ausführender bestimmt
vartulam bāhu-jātasya vaiśyasya ca ardha-candrakam
rund für den aus dem Arm Geborenen, für den Vaiśya halbmondförmig
trikoṇam pāda-jātasya homa-kuṇḍam sura-īśvari
dreieckig für den aus dem Fuß Geborenen die Opferfeuergrube, Götter-Herrscherin
evam kuṇḍam maheśāni nāla-traya-vibhūṣitam
so die Feuergrube, große Herrscherin, mit einer Dreiheit von Kanälen geschmückt
ūrdhva-nālam sahasrāre parāmṛta-vibhūṣitam
der aufwärtige Kanal zum Sahasrāra, mit dem höchsten Nektar geschmückt
madhya-nālam nābhi-padme mūlādhāre ca sundari
der mittlere Kanal im Nabellotos, [der untere] im Mūlādhāra, Schöne
ā-liṅga-agram adho-nālam sadā-ānanda-mayam śive
der untere Kanal, dessen Spitze bis zum Liṅga reicht, stets wonneerfüllt, Huldreiche
homa-kuṇḍam idam devi sarva-tantre pariṣkṛtam
diese Opferfeuergrube, Göttin, ist in allen Tantras festgelegt
Die vier klassischen Feuergruben-Formen (viereckig/rund/halbmondförmig/dreieckig) werden hier – ungewöhnlich gegenüber der sonst in der Ritualliteratur üblichen Zuordnung nach Ritualzweck (Friedens-, Bezauberungs-, Vernichtungsritus usw.) – stattdessen den vier Ständen (Brahmane/Kṣatriya/Vaiśya/Śūdra) zugeordnet [Anm.], mit klarer Anspielung auf die Puruṣasūkta-Kosmogonie (Kṣatriya aus dem Arm, Śūdra aus dem Fuß des Urwesens geboren). Die ,innere' Feuergrube wird zugleich – parallel zum Nabellotos aus Paṭala 2 – mit einer dreifachen Kanalstruktur (aufwärts/mittig/abwärts) beschrieben, die die äußere Opferhandlung mit der inneren Kuṇḍalinī-Physiologie verschränkt.
„Durch dessen Opfer-Gnade man unmittelbar zum Wesen des Brahman wird [wird nun dargelegt]: Beim Brahmanen ist zu wissen, dass das Opferfeuer-Opfer vierfach ist, beim Kṣatriya dreifach, o Göttin, beim Vaiśya zweifach; beim Śūdra eine Opfergabe, o Göttin – und auch die Befreiung ist vierfach: die große Befreiung [gilt] für den Brahmanen, Sāyujya für den Kṣatriya, Sārūpya für den aus dem Schenkel Geborenen [Vaiśya], Sālokya für die Śūdra-Geborenen. Die äußere Feuergrube [gilt] für das äußere Opfer, o von den Göttern Verehrte; je nach Kasten-Unterschied soll der beste der Übenden einen entsprechenden Unterschied der Feuergrube machen. Durch das äußere Opfer wird zweifellos die Erfüllung [weltlicher] Wünsche eintreten; durch das Erkenntnis-Opfer erlangt man zweifellos die Vollendung der Befreiung. So wurde dir, Geliebte, das höchste Wesen der Tantras mitgeteilt; vor dem Paśu darf es nicht ausgesprochen werden – dies [ist] mein Schwur dir gegenüber, Geliebte.“
Wort für Wort
yena homa-prasādena sākṣāt brahma-mayaḥ bhavet
durch dessen Opfer-Gnade man unmittelbar zum Wesen des Brahman wird
viprasya ca āhuti-homam vijñātavyam catuṣṭayam
beim Brahmanen ist das Oblations-Opfer als vierfach zu wissen
kṣatriyasya trayam devi vaiśyasya ca āhuti-dvayam
beim Kṣatriya dreifach, Göttin, beim Vaiśya zweifach
śūdrasya eka āhutiḥ devi muktiḥ ca api catur-vidhā
beim Śūdra eine Opfergabe, Göttin, und auch die Befreiung ist vierfach
mahā-mokṣam brāhmaṇasya sāyujyam kṣatriyasya ca
große Befreiung für den Brahmanen, Sāyujya für den Kṣatriya
sārūpyam ca uru-jātasya sālokyam śūdra-jātiṣu
Sārūpya für den aus dem Schenkel Geborenen, Sālokya bei den Śūdra-Geborenen
bāhya-kuṇḍam bāhya-home eva hi sura-vandite
die äußere Feuergrube für das äußere Opfer, von den Göttern Verehrte
jāti-bhede kuṇḍa-bhedam kuryāt sādhaka-sattamaḥ
je nach Kasten-Unterschied mache der beste Übende einen Feuergruben-Unterschied
bāhya-home kāmya-siddhiḥ bhaviṣyati na saṃśayaḥ
durch das äußere Opfer wird zweifellos Wunscherfüllung eintreten
jñāna-home mokṣa-siddhiḥ labhate na atra saṃśayaḥ
durch das Erkenntnis-Opfer erlangt man zweifellos Befreiungs-Vollendung
iti te kathitam kānte tantrāṇām sāram uttamam
so wurde dir, Geliebte, das höchste Wesen der Tantras mitgeteilt
na vaktavyam paśoḥ agre śapathaḥ me tvayi priye
vor dem Paśu nicht auszusprechen, dies mein Schwur dir gegenüber, Geliebte
Die klassische vierstufige Befreiungshierarchie (Sālokya/,Mit-der-Welt-Sein', Sārūpya/,Gleichgestaltigkeit', Sāyujya/,Vereinigung', und die höchste, hier ,Mahāmokṣa' genannte Stufe – in anderen Traditionen oft Kaivalya) wird ungewöhnlich direkt den vier Ständen zugeordnet, wobei die Zahl der Opfergaben (4/3/2/1) mit dem Rang der jeweiligen Befreiung korrespondiert – eine hierarchisierende Systematisierung, die in dieser expliziten Form nicht zu den verbreiteten śivaitischen oder vaiṣṇavischen Standarddarstellungen der vier Mukti-Stufen gehört [Anm.].
Śrī Devī sprach: „Von großem Verdienst beim Weingenuss [Madyapāna] habe ich in allen Tantras gehört; den Kasten-Unterschied [dabei] hast du [aber] nicht mitgeteilt – offenbare das jetzt.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Der Brahmane ist der Herr aller Opfer, kein Zweifel, o Pārvatī; bei der Sautrāmaṇī [Anm.: ein vedisches, mit Surā verbundenes Ritual] und im Kula-Brauch [gelten] die vier [Stände], angefangen mit dem Brahmanen. Für den Brahmanen [ergibt sich] beim Weingenuss die große Befreiung, o Süßredende; wenn der Brahmane, o höchste Herrscherin, das Trinken u.a. vollzieht, wird er im selben Augenblick von der Gestalt Śivas – wahrlich, wahrlich, o Tochter des Berges. Wie Wasser in Wasser sich auflöst, wie Feuer(-glanz) in Feuer(-glanz), wie, wenn ein Krug zerbricht, der [darin eingeschlossene] Raum [sich mit dem äußeren vereint], wie Wind sich in Wind [auflöst], o Geliebte – ebenso löst sich, o Geliebte, der Brahmane durch den Weingenuss zweifellos in das Brahman auf, in das höchste Selbst, o Tochter des Berges. Die große Befreiung, beginnend mit Sāyujya, ist den Kṣatriyas u.a. zugeordnet; jene menschliche Frau [erlangt Entsprechendes] durch Weingenuss, o Göttin, ohne Zweifel [Anm.: Bezug unklar, ob auf Frauen allgemein oder eine bestimmte Gruppe].“
Wort für Wort
madya-pāne mahā-puṇyam sarva-tantre śrutam mayā
vom Weingenuss großen Verdienst habe ich in allen Tantras gehört
jāti-bhedam na kathitam idānīm tat prakāśaya
den Kasten-Unterschied hast du nicht mitgeteilt, offenbare das jetzt
sarva-yajña-adhipaḥ vipraḥ saṃśayaḥ na asti pārvati
der Brahmane ist Herr aller Opfer, kein Zweifel, Pārvatī
sautrāmaṇyām kula-ācāre catvāraḥ brāhmaṇa-ādayaḥ
bei der Sautrāmaṇī, im Kula-Brauch, die vier beginnend mit dem Brahmanen
brāhmaṇasya mahā-mokṣam madya-pāne priyaṃ-vade
für den Brahmanen die große Befreiung beim Weingenuss, Süßredende
brāhmaṇaḥ parama-īśāni yadi pāna-ādikam caret
wenn der Brahmane, höchste Herrscherin, das Trinken u.a. vollzieht
tat-kṣaṇāt śiva-rūpaḥ asau satyam satyam hi śailaje
im selben Augenblick von Śivas Gestalt, wahrlich, wahrlich, Tochter des Berges
toye toyam yathā līnam yathā tejasi tejasam
wie Wasser in Wasser sich auflöst, wie Feuer in Feuer
ghaṭe bhagne yathā ākāśam vāyau vāyuḥ yathā priye
wie beim zerbrochenen Krug der Raum, wie Wind in Wind, Geliebte
tathā eva madya-pānena brāhmaṇaḥ brahmaṇi priye
ebenso löst sich durch den Weingenuss der Brahmane in Brahman, Geliebte
līyate na atra saṃdehaḥ parama-ātmani śailaje
er löst sich auf, kein Zweifel, in das höchste Selbst, Tochter des Berges
sāyujya-ādi mahā-mokṣam niyuktam kṣatriya-ādiṣu
die große Befreiung, beginnend mit Sāyujya, den Kṣatriyas u.a. zugeordnet
sā nārī mānavī madya-pāne devi na saṃśayaḥ
jene menschliche Frau durch Weingenuss, Göttin, ohne Zweifel
Kernstelle der Kaula-vāmācāra-artigen Lehre: Weingenuss (Madyapāna) wird dem Brahmanen ausdrücklich als Weg zur höchsten Befreiung zugewiesen, unter Berufung auf das altvedische Sautrāmaṇī-Ritual (bei dem tatsächlich Surā an Indra geopfert wurde) als Präzedenzfall. Die vierfache Auflösungs-Analogie (Wasser/Feuer/Raum/Wind) ist ein klassisches advaitisches Gleichnisrepertoire für die Verschmelzung des individuellen mit dem höchsten Selbst, hier auf den rituellen Weingenuss angewandt. Solche Lehren gehören zum historisch belegten, in mehreren mittelalterlichen Tantras bezeugten ,linkshändigen' (vāmācāra) Ritualzweig und werden hier rein philologisch wiedergegeben.
sūkṣmasūtre yathā vahnir dehamadhye tathā śivā / taporūpaṃ bṛhatsūtraṃ pūjārūpaṃ tathā hariḥ // MBhT_3.37 // saṃyuktaṃ kurute yatra vardhamāno mahāṅkuśaḥ / madyapānaṃ vinā devi tajjñānaṃ na hi labhyate / ata eva hi vipreṇa madyapānaṃ sadā caret // MBhT_3.38 // vedamātājapenaiva brāhmaṇo na hi śailaje / brahmajñānaṃ yadā devi tadā brāhmaṇa ucyate // MBhT_3.39 // devānām amṛtaṃ brahma tad iyaṃ laukikī surā / suratvaṃ bhogamātreṇa surā tena prakīrtitā // MBhT_3.40 // mantratrayaṃ sadā pāṭhyaṃ brahmaśāpādi mocanam / prakuryāt tu dvijenaiva tadā brahmamayī surā // MBhT_3.41 // havir āropamātreṇa vahnir dīpto yathā bhavet / śāpamocanamātreṇa surā muktipradāyinī // MBhT_3.42 // ata eva hi deveśi brāhmaṇaḥ pānam ācaret / sa brāhmaṇaḥ sa vedajñaḥ so 'gnihotrī sa dīkṣitaḥ // MBhT_3.43 // bahu kiṃ kathyate devi sa eva triguṇātmakaḥ // MBhT_3.44 // muktimārgam idaṃ devi goptavyaṃ paśusaṃkaṭe / prakāśāt kāyahāniḥ syān nindanīyo na cānyathā // MBhT_3.45 //
„Wie Feuer sich entlang eines feinen Dochtfadens [fortbewegt], so [bewegt sich] Śivā innerhalb des Leibes; der große Faden hat die Gestalt der Askese, und ebenso hat Hari die Gestalt der Verehrung [Anm.: Bildvergleich im Einzelnen unklar]. Wo [sie] die Vereinigung bewirkt, [erscheint] der wachsende große Elefantenstachel [Aṅkuśa, Anm.: Symbol unklar]; ohne Weingenuss, o Göttin, wird jenes Wissen nicht erlangt. Eben deshalb soll der Brahmane stets Weingenuss vollziehen. Allein durch das Murmeln der Veda-Mutter [Gāyatrī] ist man nicht [wirklich] Brahmane, o Tochter des Berges; wenn Brahman-Erkenntnis [vorhanden ist], o Göttin, dann wird man ,Brahmane' genannt. Der Götter Nektar ist das Brahman; diese weltliche Surā [ist eben dieses, nur auf weltlicher Ebene]. Ihr Wein-Sein [besteht] bloß im [äußerlichen] Genuss – deswegen wird sie ,Surā' genannt. Eine Dreiheit von Mantras ist stets zu rezitieren, [welche] die Loslösung vom Brahma-Fluch u.a. [bewirkt]; diese vollziehe nur der Zweifachgeborene – dann wird die Surā Brahman-durchdrungen. Wie das Feuer allein durch das Aufsetzen der Opfergabe zum Lodern gebracht wird, so wird die Surā allein durch die Fluchlösung zur Verleiherin der Befreiung. Eben deshalb, o Göttin-Herrscherin, soll der Brahmane das Trinken vollziehen; er [ist] der [wahre] Brahmane, er der Vedakenner, er der Agnihotrī, er der Geweihte. Was soll man viel sagen, o Göttin – er allein ist der Wesensträger der drei Guṇas [Anm.: gemeint wohl, dass er über deren gewöhnliche Bedingtheit erhaben ist]. Dieser Pfad der Befreiung, o Göttin, ist vor dem Paśu geheim zu halten; durch [öffentliche] Offenlegung entstünde Schaden am Leib, [man würde] tadelnswert – nicht anders.“
Wort für Wort
sūkṣma-sūtre yathā vahniḥ deha-madhye tathā śivā
wie Feuer entlang eines feinen Fadens, so Śivā im Leib
tapo-rūpam bṛhat-sūtram pūjā-rūpam tathā hariḥ
der große Faden von Askese-Gestalt, ebenso Hari von Verehrungs-Gestalt
saṃyuktam kurute yatra vardhamānaḥ mahā-aṅkuśaḥ
wo [sie] Vereinigung bewirkt, der wachsende große Elefantenstachel
madya-pānam vinā devi tat-jñānam na hi labhyate
ohne Weingenuss, Göttin, wird jenes Wissen nicht erlangt
ata eva hi vipreṇa madya-pānam sadā caret
eben deshalb soll der Brahmane stets Weingenuss vollziehen
veda-mātā-japena eva brāhmaṇaḥ na hi śailaje
allein durch das Murmeln der Veda-Mutter ist man nicht Brahmane, Tochter des Berges
brahma-jñānam yadā devi tadā brāhmaṇaḥ ucyate
wenn Brahman-Erkenntnis, Göttin, dann wird man Brahmane genannt
devānām amṛtam brahma tat iyam laukikī surā
der Götter Nektar ist Brahman, dies die weltliche Surā
suratvam bhoga-mātreṇa surā tena prakīrtitā
ihr Surā-Sein bloß durch Genuss, deshalb Surā genannt
eine Dreiheit von Mantras stets zu rezitieren, Lösung vom Brahma-Fluch u.a.
prakuryāt tu dvijena eva tadā brahma-mayī surā
vollziehe nur der Zweifachgeborene, dann wird die Surā Brahman-durchdrungen
haviḥ āropa-mātreṇa vahniḥ dīptaḥ yathā bhavet
wie Feuer allein durchs Aufsetzen der Opfergabe entflammt
śāpa-mocana-mātreṇa surā mukti-pradāyinī
allein durch die Fluchlösung wird Surā zur Befreiungs-Spenderin
ata eva hi deveśi brāhmaṇaḥ pānam ācaret
eben deshalb, Göttin-Herrscherin, soll der Brahmane das Trinken vollziehen
sa brāhmaṇaḥ sa veda-jñaḥ saḥ agnihotrī sa dīkṣitaḥ
er ist der Brahmane, der Vedakenner, der Agnihotrī, der Geweihte
bahu kim kathyate devi sa eva tri-guṇa-ātmakaḥ
was soll viel gesagt werden, Göttin, er allein Wesensträger der drei Guṇas
mukti-mārgam idam devi goptavyam paśu-saṅkaṭe
dieser Befreiungspfad, Göttin, vor dem Paśu geheim zu halten
prakāśāt kāya-hāniḥ syāt nindanīyaḥ na ca anyathā
durch Offenlegung entstünde Körperschaden, [man würde] tadelnswert, nicht anders
Abschluss des dritten Paṭala mit einer Rechtfertigungskette für den rituellen Weingenuss: Surā wird über eine Mantra-,Fluchlösung' zum irdischen Abbild des göttlichen Amṛta erklärt, wodurch der wahre (,erkenntnishabende', nicht bloß rezitierende) Brahmane definiert wird – eine bewusste Umdeutung/Erweiterung des Brahmanen-Begriffs weg von bloßer Herkunfts-/Rezitationsorthopraxie hin zu innerer Erkenntnis, verbunden mit einer transgressiven Ritualpraxis. Wie zuvor endet der Paṭala mit der stehenden Geheimhaltungs-/Paśu-Formel.