Paṭala 9: Mātṛkābhedatantra, navamaḥ paṭalaḥ
Paṭala 9: Bhasma-Alchemie – Ausführenden-Weihe, Homa-Kuṇḍa, Quecksilber-Verzehr-Rituale und das Viśveśvara-Verfahren
Ein weiteres Bhasma(Asche)-Alchemie-Kapitel, thematisch parallel zu Paṭala 5, jedoch mit eigener Substanz und Prozedur: Auswahl und Schmückung eines rituellen Ausführenden, Homa-Kuṇḍa-Bau und -Vollzug, ein Ritual des Quecksilber-Verzehrs zusammen mit Muttermilch und dem Verbrennen eines 'neuntorigen Kalbs', sowie das abschließende Viśveśvara-Verfahren (Quecksilber-Schwefel-Präparat gegen Hautaussatz) samt eindringlicher Warnung vor unqualifizierter Anwendung.
Mātṛkābhedatantra, neunter Paṭala. Śrī Śiva sprach: „Höre, o Herrscherin der Götter, die Art der Bhasma[-Herstellung], o Geliebte meines Lebens: zuerst wähle man den Ausführenden entsprechend dem zuvor genannten Vermögensumfang. Gold, mit Perlen versehen, biete man für das Ohrenpaar dar; für das Händepaar einen Armreif und ebenso einen Ring. Ein Paar Armbänder [Toḍha] für das Armpaar, aus reinem Gold gefertigt; für den Hals gebe man Gold, vierseitig und lieblich. Ein Gewandpaar, aus Seidenband gefertigt und wohlgestaltet; einen weißfarbenen Turban und einen Turban mit gelbem Gewand [Anm.: ,uṣṇīṣaṃ pītavāsasam', wörtl. ,Turban [mit] gelbem Gewand' – wohl zwei getrennte Kleidungsstücke gemeint]. So wähle man [ihn], o Devī, [und] betrachte [ihn als] für das Werk geeignet; man meditiere über die Śiva-Gestalt und meditiere über [ihn als] aus den drei Guṇas bestehend.“
Wort für Wort
bhasma-prakāram deveśi śṛṇu mat-prāṇa-vallabhe
höre die Art der Bhasma-Herstellung, Herrscherin der Götter, Geliebte meines Lebens
kartāram varayet ādau yathā-ukta-vibhava-avadhi
zuerst wähle man den Ausführenden nach dem genannten Vermögensumfang
suvarṇam mauktika-yutam karṇa-yugme nivedayet
Gold mit Perlen versehen biete man für das Ohrenpaar dar
hasta-yugme ca valayam aṅgurīyam tathā eva ca
für das Händepaar einen Armreif und ebenso einen Ring
toḍha-dvayam bāhu-yugme śuddha-kāñcana-nirmitam
ein Paar Armbänder für das Armpaar, aus reinem Gold gefertigt
grīvāyām dāpayet svarṇam catuṣkoṇam manoramam
für den Hals gebe man Gold, vierseitig und lieblich
vastra-yugmam paṭṭasūtra-nirmitam ca suśobhanam
ein Gewandpaar, aus Seidenband gefertigt und wohlgestaltet
uṣṇīṣam śukla-varṇam ca uṣṇīṣam pīta-vāsasam
einen weißfarbenen Turban und einen Turban mit gelbem Gewand
evam hi varayet devi karma-yogyam vicintayet
so wähle man, Devī, und betrachte als für das Werk geeignet
cintayet śiva-rūpam ca cintayet tri-guṇa-ātmakam
man meditiere über die Śiva-Gestalt, über die aus drei Guṇas bestehende
Neunter Paṭala: ein weiteres Bhasma(Asche)-Alchemie-Kapitel, thematisch parallel zu Paṭala 5, doch mit anderer Substanz/Prozedur – zunächst die Auswahl und rituelle Schmückung eines Ausführenden, ganz analog zur Liṅga-Weihe in Paṭala 8.
Dann, am folgenden Tag, vollziehe man ein Friedens- und Segensritual, mit reinem Gold gefertigt, mit Bilva-Blättern, Schöne. Mit der Zahl Tausend verehre man, o Devī, die zwölf erdenen [Bildnisse], mit dem sechzehnfachen Opferdienst und mit einem Paar Seidengewändern. Mit mannigfaltigem Schmuck verehre man den höchsten Herrn; genussgerechte [Gaben] sind darzureichen, Madhuparka biete man dar. Nachdem man [sie] auf einen goldenen Sitz gestellt hat, vollziehe man einzeln die Verehrung; am Ende der Verehrung rezitiere der Weise den Mantra hundertundacht Mal. Den sechssilbigen großen Mantra, dann den ,Prāsāda' genannten Manu; man rezitiere den Mantra tausendfach in [alle] Richtungen [Anm.: ,diksahasram', Sinn unsicher, evtl. richtungsbezogene tausendfache Rezitation; derselbe Begriff bereits in Paṭala 3 unsicher], und opfere dessen Zehntel im Feueropfer, Geliebte.
Wort für Wort
tataḥ parasmin divase śānti-svastyayanam caret
dann am folgenden Tag vollziehe man ein Friedens- und Segensritual
nirmitam śuddha-svarṇena bilva-patreṇa sundari
gefertigt aus reinem Gold, mit Bilva-Blättern, Schöne
sahasra-saṅkhyayā devi pārthivam dvādaśam yajet
mit der Zahl Tausend verehre man die zwölf erdenen Bildnisse
ṣoḍaśena upacāreṇa paṭṭa-vastra-yugena ca
mit dem sechzehnfachen Opferdienst und einem Paar Seidengewändern
alaṃkāra-vicitraiḥ ca pūjayet parama-īśvaram
mit mannigfaltigem Schmuck verehre man den höchsten Herrn
bhoga-yogyam pradātavyam madhuparkam nivedayet
genussgerechte Gaben sind darzureichen, Madhuparka biete man dar
svarṇa-āsanena saṃsthāpya pratyekam pūjanam caret
auf einen goldenen Sitz gestellt, vollziehe man einzeln die Verehrung
man rezitiere den Mantra tausendfach in den Richtungen und opfere dessen Zehntel im Feuer
'diksahasram' (wörtl. 'Richtung(en)-Tausend') bleibt in seiner genauen ritualtechnischen Bedeutung unsicher; vermutlich eine tausendfache Rezitation mit Wendung in die Himmelsrichtungen.
Höre, o Herrscherin der Götter, den Stoff des Feueropfers, o Geliebte meines Lebens: entweder in einer aus Sand gefertigten [Grube] oder in einer Feuergrube (Kuṇḍa), o höchste Herrscherin. In einem Maß von zweiunddreißig Aṅgulas Breite, dem entsprechend [tief]; ein Maß von sechzehn Aṅgulas [tief] mache man die wohlgeformte Kuṇḍa, Geliebte. Darüber, o höchste Herrscherin, [in einem Maß von] ,Veda-Auge'-Fingern [Anm.: verschlüsselte Bhūtasaṃkhyā-Zahlenangabe, ,veda'=4, ,netra'=2 – genaue Anwendung auf das Maß unsicher], o Huldreiche; ebenso [nehme man] einen goldenen Topf, oder, wenn man dazu nicht in der Lage ist, einen kupfernen Topf. Einen dieser beiden Töpfe stelle man oben auf die Plattform (Vedikā), nachdem man ihn mit einem Paar Seidengewändern sorgfältig umwickelt hat. Man vollziehe das Feueropfer mit Bilva-Blättern wie vorgeschrieben, o Herrscherin der Götter, nach der Regel [der Beträufelung] mit den drei süßen Substanzen [Trimadhu]; dann wird gewiss Erfolg [erlangt]. Danach ist die Opfergabe (Dakṣiṇā) zu leisten, entsprechend dem zuvor genannten Vermögensumfang; man gebe als Lohn den doppelten Wert aller verwendeten Stoffe. Opfer ohne Dakṣiṇā gewähren weder Erfolg noch Befreiung; deshalb, o große Herrscherin, [gebe man] Dakṣiṇā nach [eigenem] Vermögen.
Wort für Wort
homasya dravyam deveśi śṛṇu mat-prāṇa-vallabhe
höre den Stoff des Feueropfers, Herrscherin der Götter, Geliebte meines Lebens
vālukā-nirmite vā api kuṇḍe vā parama-īśvari
entweder in einer aus Sand gefertigten Grube oder in einer Feuergrube
dvātriṃśat-aṅguli-mānam vistṛtam tat-samam priye
ein Maß von zweiunddreißig Aṅgulas Breite, dem entsprechend
ṣoḍaśa-aṅguli-mānam hi kuṇḍam kuryāt sulakṣaṇam
ein Maß von sechzehn Aṅgulas mache man die wohlgeformte Kuṇḍa
etat anyataram kumbham sthāpayet vedikā-upari
einen dieser beiden Töpfe stelle man oben auf die Plattform
paṭṭa-vastreṇa yugmena saṃveṣṭya bahu-yatnataḥ
mit einem Paar Seidengewändern sorgfältig umwickelt
homayet bilva-patreṇa yathā-uktena sura-īśvari
man vollziehe das Feueropfer mit Bilva-Blättern wie vorgeschrieben
nach der Regel der Beträufelung mit den drei süßen Substanzen wird gewiss Erfolg erlangt
tataḥ tu dakṣiṇā kāryā yathā-ukta-vibhava-avadhi
danach ist die Dakṣiṇā zu leisten, nach dem genannten Vermögensumfang
sarva-dravya-mayam mūlyam dviguṇam vā pradāpayet
man gebe als Lohn den doppelten Wert aller Stoffe
dakṣiṇā-vihīnāḥ yajñāḥ siddhi-dāḥ na ca mokṣa-dāḥ
Opfer ohne Dakṣiṇā gewähren weder Erfolg noch Befreiung
'vedanetrāṅguliṃ' (V.13) ist eine verschlüsselte Zahlenangabe nach dem Bhūtasaṃkhyā-System (Veda=4, Netra=2); die genaue Anwendung auf das Kuṇḍa-Maß bleibt unsicher und ist mit [?] markiert.
Nachdem man [es] wie von einem Eber [herbeigeschafft] [Anm.: ,varāhavat', Sinn unsicher] herbeigeschafft hat, verzehre man, sogar im bloßen Zustand [seiner] Entstehung [Anm.: ,janmamātre', unsicher – evtl. ,frisch gewonnen'], Schöne, ein Tolaka-Maß Quecksilber mit großer Sorgfalt. Danach wiederum ein Tolaka-Maß Muttermilch; wiederum verzehre der Kluge [das Quecksilber], danach trinke er die Milch. Dann, nachdem man mit Sorgfalt ein neuntoriges Kalb [Anm.: ,navadvāraṃ vatsam', unsicher – möglicherweise ein rituelles Gefäß/Abbild mit neun Öffnungen, nicht notwendig ein wirkliches Tier] herbeigebracht hat, binde man es, o Herrscherin der Götter, sorgfältig mittels einer Faden-Technik. Dann rezitiere man den Helakī-Mantra hundertundacht Mal; [man grabe] eine elefantengroße, o Herrscherin der Götter, lang ausgedehnte Grube. Mit Kuhmist-Fladen fülle der Kundige [sie], o Herrscherin der Götter, ganz; in ihrer Mitte stelle man das Kalb auf [und] verbrenne es mit großer Sorgfalt gänzlich. Solange das Feuer brennt, o große Herrscherin, berühre man die vortreffliche Kuṇḍa nicht; ist sie in der Kuṇḍa gut abgekühlt, hebe man [die Substanz] mit großer Sorgfalt heraus. Man rezitiere den alles erhellenden Mantra hundertundacht Mal. Ich will nun das Viśveśvara[-Verfahren] verkünden – höre, Pārvatī, mit Ehrfurcht.
Wort für Wort
varāha-vat samānīya janma-mātre api sundari
wie von einem Eber herbeigeschafft, sogar im bloßen Entstehungszustand, Schöne
pāradam tolakam mānam bhakṣayet bahu-yatnataḥ
verzehre man ein Tolaka-Maß Quecksilber mit großer Sorgfalt
punaḥ tolaka-mānam hi mātṛ-dugdham tataḥ param
danach wiederum ein Tolaka-Maß Muttermilch
tataḥ ca vatsam ānīya nava-dvāram prayatnataḥ
dann, ein neuntoriges Kalb sorgfältig herbeigebracht
sūtra-yogeṇa deveśi baddham kuryāt prayatnataḥ
mittels einer Faden-Technik binde man es sorgfältig
tataḥ ca helakī-mantram aṣṭa-uttara-śatam japet
dann rezitiere man den Helakī-Mantra hundertundacht Mal
in ihrer Mitte stelle man das Kalb auf, verbrenne es mit großer Sorgfalt
vahni-sthite maheśāni na spṛśet kuṇḍam uttamam
solange das Feuer brennt, berühre man die vortreffliche Kuṇḍa nicht
kuṇḍe suśītale jāte utthāpya bahu-yatnataḥ
ist sie in der Kuṇḍa abgekühlt, hebe man es mit Sorgfalt heraus
sarva-prakāśakam mantram aṣṭa-uttara-śatam japet
man rezitiere den alles erhellenden Mantra hundertundacht Mal
viśveśvaram pravakṣyāmi śṛṇu pārvati sa-ādaram
ich will das Viśveśvara-Verfahren verkünden, höre, Pārvatī, mit Ehrfurcht
V.18-20 enthalten mehrere unsichere Ausdrücke: 'varāhavat' ('wie von einem Eber') und 'janmamātre' ('im bloßen Entstehungszustand') bleiben in ihrem genauen alchemistischen Sinn unklar; 'navadvāraṃ vatsam' ('neuntoriges Kalb') könnte trotz des anschließenden Verbrennungsrituals eher ein rituelles Tongefäß oder Abbild als ein wirkliches Tier bezeichnen. Alle drei mit [?] markiert, ohne die wörtliche Übersetzung zu glätten.
Ein Tolaka-Maß Quecksilber bestreiche man in einem Kupfergefäß; man mache Pulver, o große Herrscherin, von Schwefel [im Umfang] eineinhalb Tolaka. Nachdem man [es] sorgfältig mit dem Pulver bedeckt hat, o höchste Herrscherin, verbrenne man es mit großer Sorgfalt bei ganz gemächlichem Feuer. Hat man [es] schwarzfarben, mit Körnern versehen, gesehen [und] herausgehoben, Schöne, so verzehre man jene Substanz im Maß eines Ratti, wenn man will, Schöne. Wahrlich, wahrlich – durch [dieses] Verzehren erlangt jeder Hautaussatz (Kuṣṭha) [seine] Vernichtung; als Begleittrank [diene] warmes Wasser, Fisch u.ä. meide man. Diese Anwendung, o Herrscherin der Götter, soll ein Hausherr, der Söhne hat, nicht vollziehen: am ersten Tag [gehen] die Söhne [verloren], am zweiten Tag der Reichtum, am dritten Tag die [rituelle] Kraft, am vierten Tag das Haus, am fünften Tag die Krankheit [tritt ein] – die Vernichtung tritt gewiss ein. Deshalb, o große Herrscherin, vollziehe man ein Selbst-Segensritual; nach der zuvor genannten Vorschrift vollziehe der Mantra-Kundige [es] vierfach.
Wort für Wort
pāradam tolakam mānam tāmra-pātre tu lepayet
ein Tolaka-Maß Quecksilber bestreiche man in einem Kupfergefäß
cūrṇam kuryāt maheśāni gandhakam sārdham tolakam
man mache Pulver von Schwefel im Umfang eineinhalb Tolaka
samācchādya prayatnena cūrṇena parama-īśvari
sorgfältig mit dem Pulver bedeckt
saṃdahet bahu-yatnena manda-mandena vahninā
verbrenne man es mit großer Sorgfalt bei ganz gemächlichem Feuer
kṛṣṇa-varṇam reṇu-yutam dṛṣṭvā utthāpya sundari
schwarzfarben, mit Körnern versehen, gesehen und herausgehoben
ratti-pramāṇam tat dravyam bhakṣayet yadi sundari
im Maß eines Ratti verzehre man jene Substanz, wenn man will
wahrlich, durch das Verzehren erlangt jeder Hautaussatz Vernichtung
anupānam uṣṇa-toyam matsya-ādīn parivarjayet
als Begleittrank warmes Wasser, Fisch u.ä. meide man
evam prayogam deveśi na kuryāt putravān gṛhī
diese Anwendung soll ein Hausherr mit Söhnen nicht vollziehen
prathame divase putrān dvitīye divase dhanam
am ersten Tag die Söhne, am zweiten Tag den Reichtum
tṛtīye divase śaktim caturthe divase gṛham
am dritten Tag die Kraft, am vierten Tag das Haus
pañcame divase rogam nāśam tu jāyate dhruvam
am fünften Tag die Krankheit – die Vernichtung tritt gewiss ein
ata eva maheśāni ātma-svastyayanam caret
deshalb vollziehe man ein Selbst-Segensritual
pūrva-ukta-vidhinā mantrī catur-guṇam samācaret
nach der zuvor genannten Vorschrift vollziehe der Mantra-Kundige es vierfach
Deutliche Parallele zur Tāḍana-Warnstruktur aus Paṭala 8: auch hier wird ein alchemistisches Verfahren mit einer fünftägigen Kaskade von Unglücksfolgen (Sohnverlust, Vermögensverlust, Kraftverlust, Hausverlust, Krankheit/Tod) belegt, sofern es von einem 'Hausherrn mit Söhnen' – also ohne die nötige asketische Qualifikation – ausgeführt wird.