Paṭala 6: Mātṛkābhedatantra, ṣaṣṭaḥ paṭalaḥ
Paṭala 6: Cāmuṇḍā-Mantra, die esoterische Deutung der Finsternis und die Caṇḍī-Rezitation
Mit 69 Versen das umfangreichste Kapitel seit Paṭala 3. Themen: Befreiung von existenziellen Nöten durch den Cāmuṇḍā-Kālikā-Mantra (V.1-5); eine bemerkenswerte esoterische Umdeutung der Sonnen-/Mondfinsternis als Śiva-Śakti-Vereinigung, mit Rāhu = Śiva selbst (V.6-20); ausführliches Cāmuṇḍā-Ritual mit Pañcatattva und Kula-Śakti (V.21-35); und schließlich eine vollständige liturgische Anleitung zur Rezitation der 'Caṇḍī' (des eigenständig überlieferten Devīmāhātmya/Durgā-Saptaśatī), samt dessen traditionellem Dhyāna-Vers und Viniyoga-Formel, die das Werk in sein eigenes Ritualsystem integriert (V.36-69).
Mātṛkābhedatantra, ṣaṣṭaḥ paṭalaḥ / śrīcaṇḍikovāca / vada īśāna sarvajña sarvatattvavidāṃ vara / mahāroge mahāduḥkhe mahādāridryasaṃkaṭe // MBhT_6.1 // nānā vyādhigate vāpi nānāpīḍādisaṃkaṭe / rājyanāśe rājabhaye kārāgāragate punaḥ // MBhT_6.2 // rāyadaṇḍe ca deveśa tathā ca grahapīḍite / kenopāyena deveśa mucyate vada śaṃkara // MBhT_6.3 // śrīśaṃkara uvāca / śṛṇu cārvaṅgi subhage yan māṃ tvaṃ paripṛcchasi / tat tat sarvaṃ pravakṣyāmi sāvadhānāvadhāraya // MBhT_6.4 // yā cādyā paramā vidyā cāmuṇḍā kālikā parā / tasyāḥ prayogamātreṇa kiṃ na sidhyati bhūtale // MBhT_6.5 //
Mātṛkābhedatantra, sechster Paṭala. Śrī Caṇḍikā sprach: „Sprich, o Herr, Allwissender, Bester der Kenner aller Wahrheiten: bei großer Krankheit, großem Leid, großer Armuts-Bedrängnis, bei mancherlei Krankheitszuständen, mancherlei Plagen-Bedrängnis, bei Reichsverlust, Königsfurcht, [oder] Gefängnishaft, bei königlicher Strafe, o Götterherr, sowie bei Planeten-Bedrängnis [Graha-Pīḍā] – durch welches Mittel, o Götterherr, wird man [davon] befreit? Sage es, Śaṅkara.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Höre, o Schöngliedrige, Glückliche, was du mich fragst; all das will ich verkünden, vernimm es mit Aufmerksamkeit. Die uranfängliche, höchste Vidyā, die höchste Cāmuṇḍā-Kālikā – durch bloße Anwendung [ihres Mantras], was gelänge da nicht auf Erden?“
Wort für Wort
mahā-roge mahā-duḥkhe mahā-dāridrya-saṃkaṭe
bei großer Krankheit, großem Leid, großer Armuts-Bedrängnis
nānā vyādhi-gate vā api nānā-pīḍā-ādi-saṃkaṭe
bei mancherlei Krankheitszuständen, mancherlei Plagen-Bedrängnis
rājya-nāśe rāja-bhaye kārāgāra-gate punaḥ
bei Reichsverlust, Königsfurcht, wiederum bei Gefängnishaft
rāya-daṇḍe ca deveśa tathā ca graha-pīḍite
bei königlicher Strafe, Götterherr, sowie bei Planeten-Bedrängnis
kena-upāyena deveśa mucyate vada śaṃkara
durch welches Mittel, Götterherr, wird man befreit, sage es, Śaṅkara
yā ca ādyā paramā vidyā cāmuṇḍā kālikā parā
die uranfängliche, höchste Vidyā, die höchste Cāmuṇḍā-Kālikā
tasyāḥ prayoga-mātreṇa kim na sidhyati bhū-tale
durch bloße Anwendung von ihr, was gelänge nicht auf Erden
Sechster Paṭala, mit 69 Versen das längste bisherige Kapitel des Werks nach Paṭala 3. Thema: Befreiung von existenziellen Nöten (Krankheit, Armut, Gefängnis, Planeteneinfluss) durch den Cāmuṇḍā-Kālikā-Mantra.
Śrī Caṇḍikā sprach: „Rāhu ist überall als Caṇḍāla [Ausgestoßener] bekannt, o höchster Herr; wie [entsteht dann] eine günstige Zeit [Puṇyakāla], o Gott, bei seiner Berührung der Sonne? Ebenso beim Mond, o Herr – dies ist mein Zweifel im Herzen; erkläre es, höchste Wonne, und offenbare danach noch mehr.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Höre, o Schöngliedrige, Glückliche, von der allerhöchsten [Bedeutung der] Finsternis [Grahaṇa]: die Finsternis ist dreifach, o Göttin, mit Mond, Sonne und Feuer verbunden. In der Śakti Stirnauge weilt stets das Feuer; im linken Auge [weilt] ebenso der Mond, im rechten die Sonne befindet sich. Wenn der Herr Śambhu [mit ihr] den Liebesvollzug vollführt, o Göttin-Herrscherin, eben dann [geschieht] die Finsternis, wenn Śiva mit der Śakti verbunden ist. Beim Kuss des linken Auges [geschieht] dann die Mondfinsternis, beim Kuss des rechten Auges dann die Sonnenfinsternis. Beim Kuss der Stirn [geschieht] die Feuerfinsternis, o höchste Herrscherin, denn Śivas Same, im Feuer entzückt [?], wird unsichtbar, o Göttin-Herrscherin. Rāhu wird [in Wahrheit] als Śiva selbst bezeichnet, die Śakti als dreigunig verkündet; die Vereinigung von Śiva und Śakti ist [die wahre] Finsternis, o höchste Herrscherin.“
Wort für Wort
rāhuḥ caṇḍālaḥ vikhyātaḥ sarvatra parama-īśvara
Rāhu ist überall als Caṇḍāla bekannt, höchster Herr
puṇya-kālaḥ katham deva tasya sparśe divākare
wie [entsteht] eine günstige Zeit, Gott, bei seiner Berührung der Sonne
niśākare tathā nātha iti me saṃśayaḥ hṛdi
ebenso beim Mond, Herr, dies mein Zweifel im Herzen
śṛṇu cāru-aṅgi subhage grahaṇam ca uttama-uttamam
höre, Schöngliedrige, Glückliche, von der allerhöchsten Finsternis
weil Śivas Same, im Feuer entzückt, unsichtbar wird, Götterherrscherin
rāhuḥ śivaḥ samākhyātaḥ tri-guṇā śaktiḥ īritā
Rāhu wird als Śiva selbst bezeichnet, die Śakti als dreigunig verkündet
śiva-śaktyoḥ samāyogaḥ grahaṇam parama-īśvari
die Vereinigung von Śiva und Śakti ist die Finsternis, höchste Herrscherin
Eine bemerkenswerte esoterische Umdeutung der Mythologie der Sonnen-/Mondfinsternis (grahaṇa): statt eines astronomischen Ereignisses (des Dämons Rāhu, der traditionell als unrein/Caṇḍāla gilt und Sonne/Mond ,verschlingt') wird die ,Finsternis' hier vollständig auf die sexuelle Vereinigung von Śiva und Śakti umgedeutet – Rāhu = Śiva selbst, die drei Finsternis-Typen (Mond/Sonne/Feuer) = drei Körperstellen (linkes Auge/rechtes Auge/Stirn) der Śakti, die geküsst werden. Damit wird eine als unrein geltende astronomische Randerscheinung zum Symbol höchster tantrischer Vereinigung transformiert – ein typisches Verfahren tantrischer Hermeneutik, öffentlich-orthodoxe Kategorien esoterisch-körperlich umzudeuten.
„Die Vereinigung von Śiva und Śakti ist Brahman-durchdrungene Zeit, o Geliebte; eben deshalb, o große Herrscherin, betrachte man [dabei] nicht [gewöhnliche] Tierkreiszeichen u.a. Nur wenn [gewöhnliche] Konjunktion durch Tithi-Nakṣatra-Verbindung [vorliegt], o höchste Herrscherin, vollziehe man dann die Berechnung der Tierkreiszeichen u.a. Durch die Vereinigung von Śiva und Śakti ist die ganze Welt Brahman-durchdrungen; die [gewöhnlichen] Monate, Monatshälften und Tithis brauchen [dabei] nicht ausgesprochen zu werden, o höchste Herrscherin. Allein durch [inneres] Schauen ist zu rezitieren – dann tritt gewiss Siddhi ein; jene Zeit ist als die höchste Zeit zu erkennen, o von den Vīras Verehrte. Was auch immer dort [zu jener Zeit] getan wird, [bringt] unendliche Frucht, wie [schon] verkündet; [es wurde] schon zuvor alles gesagt – was soll man jetzt viel [weiter] sagen? Dies ist ein wohlgehütetes Geheimnis, aus Zuneigung zu dir offenbart; es darf nicht vor dem Paśu ausgesprochen werden, darf nicht ausgesprochen werden, o Götterherrscherin. Diese Wahrheit [Tattva] kennen [selbst] Brahmā [und] Mādhava [Viṣṇu] nur mit Mühe; mit Sorgfalt ist sie zu hüten wie die eigene Yoni [der eigene Ursprungsschoß], o Tochter des Berges.“
Wort für Wort
śiva-śakti-samāyogaḥ kālam brahma-mayam priye
die Śiva-Śakti-Vereinigung ist Brahman-durchdrungene Zeit, Geliebte
ata eva maheśāni rāśi-ādīn na vicārayet
eben deshalb, große Herrscherin, betrachte man nicht Tierkreiszeichen u.a.
tithi-nakṣatra-yogena yat yogam parama-īśvari
durch Tithi-Nakṣatra-Verbindung, welche Konjunktion, höchste Herrscherin
tadā eva parama-īśāni rāśi-ādi-gaṇanam caret
dann erst vollziehe man die Berechnung der Tierkreiszeichen u.a.
śiva-śakti-samāyogāt sarvam brahma-mayam jagat
durch die Śiva-Śakti-Vereinigung ist die ganze Welt Brahman-durchdrungen
māsa-pakṣa-tithīnām ca na uccāryam parama-īśvari
Monate, Monatshälften, Tithis brauchen nicht ausgesprochen zu werden
allein durch Schauen ist zu rezitieren, dann tritt Siddhi gewiss ein
tat-kālam paramam kālam vijñeyam vīra-vandite
jene Zeit ist als höchste Zeit zu erkennen, von Vīras Verehrte
tatra yat yat kṛtam sarvam ananta-phalam īritam
was dort getan wird, bringt alles unendliche Frucht, wie verkündet
etat sugupta-bhedam hi tava snehāt prakāśitam
dies ein wohlgehütetes Geheimnis, aus Zuneigung zu dir offenbart
na vaktavyam paśoḥ agre na vaktavyam sura-īśvari
nicht auszusprechen vor dem Paśu, nicht auszusprechen, Götterherrscherin
etat tattvam prayatnena brahmā jānāti mādhavaḥ
diese Wahrheit kennen mit Mühe [nur] Brahmā, Mādhava
pragoptavyam prayatnena sva-yoniḥ iva śailaje
mit Sorgfalt zu hüten wie die eigene Yoni, Tochter des Berges
Konsequente Fortführung: die innere Śiva-Śakti-Vereinigung setzt die gewöhnliche kalendarisch-astrologische Zeitrechnung außer Kraft und schafft ihre eigene ,höchste Zeit'. Abschluss mit doppelter Geheimhaltungsformel, hier ungewöhnlich verstärkt durch den Vergleich mit der eigenen Yoni als Bild äußerster Schutzbedürftigkeit.
Śrī Caṇḍikā sprach: „Wie ist der große Cāmuṇḍā-Mantra, o höchster Herr, und wie [ist] die dazugehörige Verehrung? Sage das, o Schatz des Mitleids.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Höre, o Schöngliedrige, Glückliche, den höchsten Cāmuṇḍā-Mantra, durch dessen bloße Kenntnis keine Wiedergeburt [mehr] stattfindet: das Paar der Kālī-Keimsilben, o Göttin, dann der Kūrca-Keimlaut darüber hinaus – die dreisilbige höchste Vidyā ist Cāmuṇḍā-Kālikā selbst. Man verehre die Göttin sieben Tage mit dem sechzehnfachen Opferdienst; am Ende der Verehrung wiederhole man den Mantra dreitausendmal, o Schönmündige. Nachts aber verehre man die höchste Herrscherin mit dem Pañcatattva [den ‚fünf Wahrheiten', Anm.: klassische Kaula-Bezeichnung der fünf Ma-Substanzen]; ebenso rezitiere man nachts den Mantra, verbunden mit der Kula-Śakti [der rituellen weiblichen Partnerin]. Man gebe einen für die Yantra-Errichtung geeigneten, geräumigen Sockel; genussgerechte Madhuparka-Gaben sind darzureichen, wie es sich gebührt. Wie es einer jungen Śakti [d.h. der rituellen Partnerin] gebührt, so sei ihr ein Gewand darzureichen, zum allgemeinen Heil. Schmuck, wie angemessen, ordne man da und dort an; eine mannigfaltige, prächtige Speisegabe, versehen mit verschiedenen Substanzen. Fleischgemischte Speise ist zu geben, süße Reisspeise mit Zucker; man verehre mit höchster Hingabe, dann darüber hinaus die Darbringung des Bali[-Opfers]. Täglich, o höchste Herrscherin, entweder zu Beginn oder am Ende bringe man den Bali dar; oder, o große Herrscherin, wenn die [Neben-]Riten vollständig sind, bringe man den Bali dar.“
Wort für Wort
cāmuṇḍāyāḥ mahā-mantram kīdṛśam parama-īśvara
der Cāmuṇḍā großer Mantra, wie [ist er], höchster Herr
yasya vijñāna-mātreṇa punar-janma na vidyate
durch dessen bloße Kenntnis keine Wiedergeburt stattfindet
kālī-bīja-yugam devi kūrca-bījam tataḥ param
das Paar der Kālī-Keimsilben, Göttin, dann der Kūrca-Keimlaut
try-akṣarī paramā vidyā cāmuṇḍā kālikā svayam
die dreisilbige höchste Vidyā ist Cāmuṇḍā-Kālikā selbst
saptāham pūjayet devīm upacāraiḥ ca ṣoḍaśaiḥ
sieben Tage verehre man die Göttin mit dem sechzehnfachen Opferdienst
pūjā-ante prajapet mantram tri-sahasram varānane
am Ende der Verehrung rezitiere den Mantra dreitausendmal, Schönmündige
rātrau tu pañca-tattvena pūjayet parama-īśvarīm
nachts aber verehre man die höchste Herrscherin mit dem Pañcatattva
tathā rātrau japet mantram kula-śakti-samanvitam
ebenso rezitiere man nachts den Mantra mit der Kula-Śakti
yantra-nirmāṇa-yogyam hi pīṭham dadyāt su-vistaram
einen für die Yantra-Errichtung geeigneten, geräumigen Sockel gebe man
bhoga-yogyam pradātavyam madhuparkam yathā-ucitam
genussgerechte Madhuparka-Gaben sind darzureichen, wie sich gebührt
śakteḥ yathā vidheyam syāt yuvatyāḥ parama-īśvari
wie es einer jungen Śakti gebührt, höchste Herrscherin
tathā vastram pradātavyam sarva-kalyāṇa-hetave
so sei ein Gewand darzureichen, zum allgemeinen Heil
alaṃkāram yathā-yogyam tatra tatra niyojayet
Schmuck, wie angemessen, ordne man da und dort an
naivedyam vividham ramyam nānā-dravya-samanvitam
eine mannigfaltige, prächtige Speisegabe mit verschiedenen Substanzen
fleischgemischte Speise ist zu geben, süße Speise mit Zucker
pūjayet parayā bhaktyā bali-dānam tataḥ param
man verehre mit höchster Hingabe, dann die Bali-Darbringung
pratyaham parama-īśāni ca ādya-ante vā balim haret
täglich, höchste Herrscherin, zu Beginn oder Ende bringe man den Bali dar
sa-aṅge jāte maheśāni ca athavā balim āharet
wenn die Nebenriten vollständig sind, große Herrscherin, bringe den Bali dar
Ausführliches Ritual für den Cāmuṇḍā-Mantra (wieder als kodierte Keimsilben-Formel angedeutet, nicht offen genannt) mit ausdrücklicher Nennung des ,Pañcatattva' (der klassischen fünf Kaula-,M'-Substanzen: Wein/Fleisch/Fisch/geröstetes Korn/rituelle Vereinigung) und einer ,Kula-Śakti' als rituelle weibliche Partnerin – zentrales Element linkshändig-tantrischer (vāmācāra) Praxis, hier unverhüllt beschrieben.
„Ist dies vollzogen, erlangt man große Siddhi, ohne Zweifel; wer nach Reichtum verlangt, erlangt Reichtum, wer nach einem Sohn verlangt, wird sohnbegabt. In Rechtsstreit erlangt man Sieg, wird siegreich am Tor des Königs [d.h. bei Hofe]; überall siegreich werdend, wie ein Sohn der Göttin auf Erden. Von schrecklichen Krankheiten wird man, nach Verehrung, befreit; Wunscherfüllung wird ihm zuteil, All-Siddhi, nicht anders. Aus Gefängnishaft wird man befreit, o Göttin, ohne Zweifel; diese Praxis, o höchste Herrscherin, [ist] das Wesentliche, überaus schwer Erlangbare. Aus großer Zuneigung, o Göttin-Herrscherin, wurde sie dir an dieser Stelle offenbart. Oder aber, o höchste Herrscherin, rezitiere man die ewige Caṇḍī [d.h. das Devīmāhātmya].“
Wort für Wort
evam kṛte mahā-siddhim labhate na atra saṃśayaḥ
ist dies vollzogen, erlangt man große Siddhi, ohne Zweifel
wer nach Reichtum verlangt erlangt Reichtum, wer nach einem Sohn wird sohnbegabt
vivāde jayam āpnoti rāja-dvāre jayī bhavet
im Rechtsstreit erlangt man Sieg, wird siegreich am Königstor
sarvatra vijayī bhūtvā devī-putraḥ iva kṣitau
überall siegreich, wie ein Sohn der Göttin auf Erden
rogebhyaḥ ghora-rūpebhyaḥ pūjayitvā pramucyate
von schrecklichen Krankheiten wird man nach Verehrung befreit
icchā-siddhiḥ bhavet tasya sarva-siddhiḥ na ca anyathā
Wunscherfüllung wird ihm zuteil, All-Siddhi, nicht anders
kārāgāra-gate devi mucyate na atra saṃśayaḥ
aus Gefängnishaft wird man befreit, Göttin, ohne Zweifel
prayogam parama-īśāni sāram parama-durlabham
diese Praxis, höchste Herrscherin, das Wesentliche, überaus schwer erlangbar
ati-snehena deveśi tava sthāne prakāśitam
aus großer Zuneigung, Göttin-Herrscherin, an dieser Stelle offenbart
athavā parama-īśāni paṭhet caṇḍīm sanātanīm
oder aber, höchste Herrscherin, rezitiere man die ewige Caṇḍī
Wirkungskatalog des Cāmuṇḍā-Rituals (Reichtum, Nachkommenschaft, Rechtssieg, Krankheitsheilung, Gefängnisbefreiung), gefolgt vom Übergang zu einer alternativen Praxis: der Rezitation der ,Caṇḍī' – gemeint ist das Devīmāhātmya (auch Durgā-Saptaśatī genannt), ein bekanntes, eigenständig überliefertes Lobpreis-Werk auf die Göttin, dessen Rezitationsvorschrift in den folgenden Versen dargelegt wird.
„Man verehre die Göttin Caṇḍikā mit duftenden Blumen, mit Räucherwerk, Licht, Duftstoff, Speiseopfer, o Götterherrscherin; notwendig verehre man die höchste Caṇḍikā [auch] mit dem Pañcatattva. Zu Beginn mit dem Ṛṣi-u.a.-Sūkta [der üblichen Vorformel], am Ende mit Arghya[-Wasser], o höchste Herrscherin; nachdem man das Pañcatattva zusammengetragen hat, reinige es der Schriftkundigste. Dann, nach Vollzug der Tarpaṇa[-Libation], gebe man [sie] in das Arghya-Gefäß; mit dem Arghya-Wasser besprengt, verehre man die Sitz-Gottheit [Pīṭhadevatā]. Nachdem man den Praṇava [Oṃ] und dann den Māyā-Keimlaut [Hrīṃ] hervorgeholt hat, verehre man vollständig Prabhā, Māyā, Jayā, Sūkṣmā, Viśuddhā und ebenso Nandinī, Suprabhā, Vijayā, die All-Siddhi-Gebenden; [mit der Formel] ‚vajranakhadaṃṣṭrāyudhāya hūṃ phaṭ' am Ende, dann mit ‚namaḥ' am Ende, o Götterherrscherin, verehre man auch den Sitz [Āsana]. Nachdem man die Guru-Reihe verehrt hat, vollziehe man erneut die Meditation. Dann Anrufung [Āvāhana], Mudrā, Lebens-Nyāsa, Verehrung; mit dem Sechs-Glieder-Ritus verehrt, verehre man vollständig die Begleitgottheiten. Den Muschelschatz [Śaṅkhanidhi], den Lotosschatz [Padmanidhi] und ebenso Brāhmī u.a. [die Mātṛkās] verehre man; Indra u.a. und Vajra u.a. [die Richtungshüter mit Waffen] verehre der beste der Übenden. Mit Praṇava-Anfang und Namaḥ-Ende verehre der beste Übende; erneut verehre man die Göttin, o große Herrscherin, mit dem Pañcatattva.“
Wort für Wort
pūjayet caṇḍikām devīm sugandhi-puṣpa-saṃyutaiḥ
man verehre die Göttin Caṇḍikā mit duftenden Blumen
dhūpa-dīpena gandhena naivedyena sura-īśvari
mit Räucherwerk, Licht, Duftstoff, Speiseopfer, Götterherrscherin
avaśyam pañca-tattvena pūjayet caṇḍikām parām
notwendig verehre man die höchste Caṇḍikā mit dem Pañcatattva
ādau ṛṣi-ādi-sūktena ca arghya-ante parama-īśvari
zu Beginn mit dem Ṛṣi-Sūkta, am Ende mit Arghya, höchste Herrscherin
pañca-tattvam samānīya śodhayet śāstra-vit-tamaḥ
nach Zusammentragen des Pañcatattva reinige es der Schriftkundigste
tarpaṇam ca tataḥ kṛtvā ca arghya-pātre vinikṣipet
dann nach der Tarpaṇa gebe man es in das Arghya-Gefäß
arghya-udakena saṃprokṣya pūjayet pīṭha-devatām
mit dem Arghya-Wasser besprengt verehre man die Sitz-Gottheit
praṇavam ca samuddhṛtya māyā-bījam tataḥ param
nach Hervorholen des Praṇava und dann des Māyā-Keimlauts
den Muschel-, den Lotosschatz, und ebenso Brāhmī u.a. verehre man
indra-ādīn ca eva vajra-ādīn pūjayet sādhaka-uttamaḥ
Indra u.a. und Vajra u.a. verehre der beste Übende
praṇava-ādi-namaḥ-antena pūjayet sādhaka-uttamaḥ
mit Praṇava-Anfang, Namaḥ-Ende verehre der beste Übende
punaḥ devīm maheśāni pañca-tattvena pūjayet
erneut verehre man die Göttin, große Herrscherin, mit dem Pañcatattva
Detaillierte, technisch-liturgische Beschreibung eines vollständigen tantrischen Pūjā-Ablaufs für die Caṇḍī-Rezitation (Nyāsa, Mudrā, Āvāhana, Verehrung von Begleitgottheiten wie den acht Mātṛkās [Brāhmī u.a.], den Schatzgottheiten Śaṅkhanidhi/Padmanidhi, den Richtungshütern Indra u.a.) – ein Standardschema, wie es in vielen tantrischen Pūjā-Handbüchern zu finden ist, hier mit wiederholtem Einschluss des Pañcatattva.
„Nachdem man dann Prāṇāyāma vollzogen hat, die Einheit mit der Guru-Mantra-Wunschgottheit visualisiert, o Götterherrscherin, rezitiere man den Wurzelmantra hundertmal. Nachdem man dann [erneut] Prāṇāyāma vollzogen hat, sammle man das Kāraṇa u.a. [die rituellen Substanzen]; nachdem man ihr [der Göttin/Partnerin] davon gegeben und selbst getrunken hat, rezitiere man die Caṇḍī, o Götterherrscherin. Ist das Māhātmya mit seinen Nebenriten vollständig, vollziehe man erneut das Trinken; dann rezitiere der Kundige der Reihe nach, vollziehe das Trinken. Ist [die Rezitation] beendet, rezitiere man mit umgekehrter [Reihenfolge] erneut den Mantra hundertmal; wenn durch Schicksalsgunst, o Göttin, ein Mann die Vereinigung mit der Śakti erlangt – in diesem Augenblick wisse man: All-Siddhi ruht in [seiner] Hand. Vollzieht man so, o große Herrscherin, die Rezitation – die Erhabenheit dieser Rezitation, was könnte ich davon sagen? Hätte ich hundert Münder, könnte man es dennoch nicht sagen. Mit fünf Mündern, o Götterherrscherin, was könnte man jetzt sagen? Was denn, mit einmaliger Rezitation, [wird da erlangt, wenn nicht] das bloße Brahman selbst? Gewiss erlangt man überall Frieden, o höchste Herrscherin; erlangt man den Frieden nicht, dann ist mein Wort falsch.“
Wort für Wort
prāṇāyāmam tataḥ kṛtvā guru-mantra-iṣṭa-devatām
nach Vollzug des Prāṇāyāma, die Guru-Mantra-Wunschgottheit
aikyam vibhāvya deveśi mūla-mantram japet śatam
als Einheit visualisiert, Götterherrscherin, rezitiere den Wurzelmantra hundertmal
ihr gegeben, selbst getrunken, rezitiere die Caṇḍī, Götterherrscherin
sa-aṅge jāte tu māhātmye punaḥ pānam samācaret
ist das Māhātmya mit den Nebenriten vollständig, vollziehe erneut das Trinken
tataḥ tu prapaṭhet dhīmān krameṇa pānam ācaret
dann rezitiere der Kundige der Reihe nach, vollziehe das Trinken
samāpte tu vilomena punaḥ mantram śatam japet
nach Beendigung mit umgekehrter Reihenfolge rezitiere erneut den Mantra hundertmal
yadi bhāgya-vaśāt devi śakti-yogam labhet naraḥ
wenn durch Schicksalsgunst ein Mann die Vereinigung mit der Śakti erlangt
tat-kṣaṇe hi vijānīyāt sarva-siddhiḥ kare sthitā
in diesem Augenblick wisse man: All-Siddhi ruht in der Hand
māhātmyam tasya pāṭhasya kim vaktum śakyate mayā
die Erhabenheit dieser Rezitation, was könnte ich sagen
śata-vaktram yadi bhavet tadā vaktum na śakyate
hätte ich hundert Münder, könnte man es nicht sagen
pañca-vaktreṇa deveśi kim vaktum śakyate adhunā
mit fünf Mündern, Götterherrscherin, was könnte man jetzt sagen
sakṛt pāṭhena deveśi kim punaḥ brahma kevalam
mit einmaliger Rezitation, was denn, [wird da erlangt] das bloße Brahman
avaśyam labhate śāntim sarvatra parama-īśvari
gewiss erlangt man überall Frieden, höchste Herrscherin
yadi śāntim na labhate mama vākyam mṛṣā tadā
erlangt man den Frieden nicht, ist mein Wort falsch
Die Caṇḍī-Rezitation wird mit Prāṇāyāma, Kāraṇa-Genuss (Wein-Trinken, geteilt mit der rituellen Partnerin) und wiederholter Mantra-Rezitation (auch in ,umgekehrter' Reihenfolge, vilomena – eine bekannte tantrische Technik) verwoben; ihr höchster Erfolg wird als Vereinigung mit der Śakti (der rituellen Partnerin bzw. der Göttin-Kraft) und darüber hinausgehend als unmittelbare Brahman-Erfahrung beschrieben, mit rhetorisch gesteigerten Unaussprechlichkeits-Formeln (,selbst mit hundert/fünf Mündern nicht zu sagen').
„Beim ersten Mal vollziehe man die Verehrung mit dem sechzehnfachen Opferdienst; beim zweiten Mal verehre man Caṇḍikā mit dem Pañcatattva, o Geliebte. Die Frucht, die ein Mann durch tausendfach wiederholte Rezitation erlangt, erreicht die einmalige Rezitation, o Götterherrscherin, nicht [einmal] zu einem Sechzehntel [Anm.: d.h. wiederholte Rezitation übertrifft die einmalige um ein Vielfaches – oder umgekehrt gelesen: schon die einmalige erreicht nicht ein Sechzehntel jener Kraft, s.u. widersprüchlich zu V.52]. Ich will dir ihre Meditationsform [Dhyāna] verkünden, wie ein Mann, sie meditierend, rezitieren soll: ‚Oṃ, sie, die Caṇḍī, die Bezwingerin der Dämonen Madhu, Kaiṭabha u.a., die den Büffel[-Dämon] Rasende, die Bezwingerin von Caṇḍa und Muṇḍa vor den Augen des rauchfarbenen [Dhūmralocana], die Verzehrerin des Raktabīja, die Kraft, die die Dämonen Śumbha und Niśumbha bezwang, die höchste Siddhi-Lakṣmī – jene Göttin, mit neunzig Millionen Gestalten versehen, die Allherrscherin, möge mich beschützen!' Dies ist die Meditationsform der Caṇḍikā, höre sie, o von den Vīras Verehrte. Höre den Mantra, den ich verkünden will, in den drei Welten schwer erlangbar: das mit dem Veda beginnende [Silbe Aiṃ], Vāgbhava, [dann] Māyā [Hrīṃ], danach das Kāma-Bīja [Klīṃ]; die feststehende Māyā, Mahāmāyā, das Kāma-Bīja, dann Namaḥ – den neunsilbigen großen Mantra rezitiere zu Beginn hundertmal, Geliebte. Den umgekehrten großen Mantra rezitiere am Ende der Rezitation hundertmal. Höre, Göttin, ich will [dir] den Ṛṣi und das Versmaß verkünden, überaus schwer erlangbar: ‚Oṃ, des großen Saptaśatī-Lobpreises Ṛṣi ist Medhātithi, Gāyatrī-Anuṣṭubh-Bṛhatī-Paṅkti-Triṣṭubh-Jagatī sind die Versmaße, Mahākālī-Mahālakṣmī-Mahāsarasvatī die Gottheiten, Aiṃ-Hrīṃ-Klīṃ die Keimsilben, Kṣrauṃ die Śakti, zur Erfüllung meines jeweiligen Wunsches [ist dies] die Anwendung.' Mit dem Praṇava, o große Herrscherin, vollziehe man den Sechs-Glieder-Nyāsa; so wurde dir, Geliebte, das Kennzeichen [die Vorschrift] der Caṇḍī-Rezitation mitgeteilt.“
Wort für Wort
ṣoḍaśena upacāreṇa prathamam pūjanam caret
beim ersten Mal vollziehe man die Verehrung mit dem sechzehnfachen Opferdienst
dvitīye pañca-tattvena pūjayet caṇḍikām priye
beim zweiten Mal verehre man Caṇḍikā mit dem Pañcatattva, Geliebte
sahasra-āvṛtti-pāṭhena yat phalam labhate naraḥ
die Frucht, die ein Mann durch tausendfache Rezitation erlangt
sakṛt pāṭhasya deveśi kalām na arhati ṣoḍaśīm
erreicht die einmalige Rezitation, Götterherrscherin, nicht ein Sechzehntel
jene Göttin, mit neunzig Millionen Gestalten, möge mich beschützen, Allherrscherin
śṛṇu mantram pravakṣyāmi trai-lokyeṣu ca durlabham
höre den Mantra, den ich verkünden will, in den drei Welten schwer erlangbar
veda-ādyam vāgbhavam māyām kāma-bījam tataḥ param
das Veda-beginnende, Vāgbhava, Māyā, danach das Kāma-Bīja
navākṣaram mahā-mantram japet ādau śatam priye
den neunsilbigen großen Mantra rezitiere zu Beginn hundertmal, Geliebte
viparītam mahā-mantram pāṭha-ante tu śatam japet
den umgekehrten großen Mantra rezitiere am Ende hundertmal
saptaśatī-mahā-stotrasya medhātithi-ṛṣiḥ
des großen Saptaśatī-Lobpreises Ṛṣi ist Medhātithi
mahākālī-mahālakṣmī-mahāsarasvī-devatā-stavakam
Mahākālī-Mahālakṣmī-Mahāsarasvatī sind die Gottheiten der Hymne
aiṃ hrīṃ klīṃ bījāni kṣrauṃ śaktiḥ
Aiṃ, Hrīṃ, Klīṃ die Keimsilben, Kṣrauṃ die Śakti
mama amuka-kāma-siddhi-arthe viniyogaḥ
zur Erfüllung meines jeweiligen Wunsches ist [dies] die Anwendung
praṇavena maheśāni ṣaḍ-aṅga-nyāsam ācaret
mit dem Praṇava vollziehe man den Sechs-Glieder-Nyāsa
iti te kathitam kānte caṇḍī-pāṭhasya lakṣaṇam
so wurde dir, Geliebte, das Kennzeichen der Caṇḍī-Rezitation mitgeteilt
Bemerkenswerte Textstelle: V.57 ist ein tatsächlich überliefertes, aus der traditionellen Caṇḍī-/Durgā-Saptaśatī-Rezitationspraxis bekanntes Dhyāna-Śloka (mit den klassischen Episodenanspielungen Madhu-Kaiṭabha, Mahiṣāsura, Caṇḍa-Muṇḍa/Dhūmralocana, Raktabīja, Śumbha-Niśumbha aus dem Devīmāhātmya), und V.62 gibt nahezu wörtlich die aus derselben Tradition bekannte Ṛṣi-Chandas-Devatā-Bīja-Viniyoga-Formel wieder, mit der die Rezitation des Saptaśatī-Hymnus traditionell eingeleitet wird. Das Mātṛkābhedatantra bindet damit ein eigenständig überliefertes, breiter bekanntes Lobpreiswerk (das Devīmāhātmya/Caṇḍī bzw. Durgā-Saptaśatī) explizit in sein eigenes Ritualsystem ein. Die Bewertung des Frucht-Verhältnisses zwischen ein- und tausendfacher Rezitation (V.55) bleibt in ihrer genauen Aussagerichtung leicht unklar [?].
„,Sāvarṇi [ist] die Sonne' u.a. [beginnend], ,Sāvarṇi wird der [künftige] Manu sein' [Anm.: Anspielung auf die bekannte Rahmenformel des Devīmāhātmya] – nur so viel rezitiere man, o Göttin, nichts weniger, nichts mehr. Man rezitiere dreimal, o Göttin, nach dreitägiger [vorheriger] Rezitation. Bei großer Krankheit, großem Leid, schrecklicher Königs-Bedrängnis u.a., bei mancherlei Krankheitszuständen, bei Reichsverlust sowie bei Furcht, bei Planetenbedrängnis u.a. entstandenem [Übel], bei der Sünde des Brahmanenmords u.a. – durch solche Rezitation, o Götterherrscherin, wird man befreit, ohne Zweifel. Was soll man viel sagen, o Göttin: der Mensch erlangt vollständigen Frieden; von aller Furcht befreit, wird er dem Liebesgott vergleichbar. Tritt, so vollzogen, o große Herrscherin, keine Siddhi ein, ist [das Ritual] mit ebendiesem [Verfahren] erneut zu vollziehen; dann wird er gewiss vollendet.“
Wort für Wort
sārvaṇiḥ sūryaḥ iti ādi sārvaṇiḥ bhavitā manuḥ
'Sāvarṇi ist die Sonne' u.a., 'Sāvarṇi wird der künftige Manu sein'
etat-mātram paṭhet devi kiṃcit nyūna-adhikam na hi
nur so viel rezitiere man, Göttin, nichts weniger, nichts mehr
vāra-trayam paṭhet devi saṃjapya tu dina-trayam
man rezitiere dreimal, Göttin, nach dreitägiger Rezitation
mahā-roge saha-duḥkhe rāja-pīḍā-ādi-dāruṇe
bei großer Krankheit, Leid, schrecklicher Königs-Bedrängnis u.a.
nānā vyādhi-gate vā api rājya-nāśe tathā bhaye
bei mancherlei Krankheitszuständen, Reichsverlust, Furcht
graha-pīḍā-ādi-saṃjāte brahma-hatyā-ādi-pātake
bei Planetenbedrängnis u.a. entstandenem Übel, Brahmanenmord-Sünde u.a.
evam pāṭhena deveśi mucyate na atra saṃśayaḥ
durch solche Rezitation, Götterherrscherin, wird man befreit, ohne Zweifel
bahu kim kathyate devi sarva-śāntim labhet naraḥ
was soll viel gesagt werden, der Mensch erlangt vollständigen Frieden
sarva-śaṅkā-vinirmuktaḥ jāyate madana-upamaḥ
von aller Furcht befreit, wird er dem Liebesgott vergleichbar
evam kṛte maheśāni yadi siddhiḥ na jāyate
so vollzogen, wenn keine Siddhi eintritt, große Herrscherin
punaḥ tena eva kartavyam tataḥ siddhaḥ bhavet dhruvam
ist es mit ebendiesem erneut zu vollziehen, dann wird er gewiss vollendet
Abschluss des sechsten Paṭala mit einem weiteren Verweis auf eine bekannte Devīmāhātmya-Rahmenformel (die Sāvarṇi-Manu-Ankündigung aus dessen Prolog) und einem zusammenfassenden Wirkungskatalog, der den Kreis zum Kapitelanfang (V.1-3: Befreiung von Krankheit, Leid, Armut, Gefängnis, Planetenübel) schließt. Kein eigener Geheimhaltungs-Schlussvers diesmal – ungewöhnlich gegenüber den vorigen Paṭalas.