Paṭala 11: Mātṛkābhedatantra, ekādaśaḥ paṭalaḥ
Paṭala 11: Tempel-, Brunnen- und Teichweihe, Guru-Auswahl, Verdienst-Gleichsetzungen und Yajñopavīta-Maßregeln
Vorschriften zur Stiftung und Weihe von Tempeln, Brunnen und Wasserbecken (Kumbha-Ritual, 64-facher Opferdienst, Pfahl-Bohr-Ritual), verbunden mit Regeln zur Guru-Auswahl unter ausdrücklichem Ausschluss gewöhnlicher vedischer Ritualfunktionäre, klassischer Verdienst-Vervielfachungs-Rhetorik, und abschließend detaillierten, nach Vedazweig gestaffelten Längenvorschriften für die heilige Opferschnur (Yajñopavīta).
Mātṛkābhedatantra, ekādaśaḥ paṭalaḥ / śrīcaṇḍikovāca / prāsādaṃ maṇḍapaṃ vāpi yadi devyai nivedayet / vidhānaṃ tasya māhātmyaṃ vada me parameśvara // MBhT_11.1 // kūpādikaṃ mahādeva yadi devyai nivedayet / vidhānaṃ tasya māhātmyaṃ vada me parameśvara // MBhT_11.2 //
Mātṛkābhedatantra, elfter Paṭala. Śrī Caṇḍikā sprach: „Wenn man der Göttin einen Tempel (Prāsāda) oder auch eine Pavillonhalle (Maṇḍapa) darbringt, sage mir das Verfahren [und] dessen Größe/Herrlichkeit (Māhātmya), o höchster Herr. Wenn man der Göttin einen Brunnen (Kūpa) u.a. darbringt, o großer Gott, sage mir das Verfahren [und] dessen Größe, o höchster Herr.“
Wort für Wort
prāsādam maṇḍapam vā api yadi devyai nivedayet
wenn man der Göttin einen Tempel oder auch eine Pavillonhalle darbringt
vidhānam tasya māhātmyam vada me parama-īśvara
sage mir das Verfahren und dessen Größe, höchster Herr
kūpa-ādikam mahādeva yadi devyai nivedayet
wenn man der Göttin einen Brunnen u.a. darbringt, großer Gott
Elfter Paṭala: Vorschriften zur Stiftung religiöser Bauwerke (Tempel, Brunnen, Teiche) für die Göttin, ein in purāṇischer wie tantrischer Literatur verbreitetes Genre (Dāna-/Pratiṣṭhā-Māhātmya).
Śrī Śaṅkara sprach: „Höre, Devī, ich will [es] verkünden: durch wen man den Tempel weiht (Utsṛjet) – eben in dessen westlichem Teil [errichte man] eine viereckige Plattform (Vedikā). Man fertige [sie] mit großer Sorgfalt, umwickle [sie] mit Tuch; in dessen Fehlen, große Herrscherin, umwickle man sie auch mit Gras. Nachdem man ein Kumbha-Paar aufgestellt hat, umwickle man [es] mit Leinentuch (Kṣauma); Paar für Paar ordne man das Leinentuch dem Kumbha-Paar zu. Im Īśa-Kumbha verehre man die Göttin, im Agni[-Kumbha, Anm.: āgneya = südöstlich] die Feuergottheit, mit dem vierundsechzigfachen Opferdienst verehre man die gewünschte Gottheit. In deren Fehlen verehre man die Göttin mit der Hälfte davon, mit Sorgfalt; oder, höchste Herrscherin, nach Vermögen mit [entsprechendem] Opferdienst. Man verehre mit großer Sorgfalt, dann vollziehe man das Feueropfer u.a.; nach der im Āgama gelehrten Vorschrift vollziehe man dort die Feuergruben-Reinigung (Kuśaṇḍikā). Man opfere, o Herrscherin der Götter, mit den drei süßen [Substanzen] beträufelten Bilva-Blättern; der Mantra-Kundige opfere tausendfach, nicht weniger als hundert soll man machen.“
Wort für Wort
śṛṇu devi pravakṣyāmi yena prāsādam utsṛjet
höre, Devī, ich will verkünden, durch wen man den Tempel weiht
tasya eva paścime bhāge vedikām catur-asrakām
eben in dessen westlichem Teil eine viereckige Plattform
nachdem man ein Kumbha-Paar aufgestellt hat, umwickle man es mit Leinentuch
īśa-kumbhe yajet devīm āgneyām agni-daivatam
im Īśa-Kumbha verehre man die Göttin, im Agni-Kumbha die Feuergottheit
catuḥṣaṣṭi-upacāreṇa pūjayet iṣṭa-devatām
mit dem vierundsechzigfachen Opferdienst verehre man die gewünschte Gottheit
pūjayet bahu-yatnena tataḥ homa-ādikam caret
man verehre mit großer Sorgfalt, dann vollziehe man das Feueropfer u.a.
āgama-uktena vidhinā kuryāt tatra kuśaṇḍikām
nach der im Āgama gelehrten Vorschrift vollziehe man dort die Kuśaṇḍikā-Reinigung
tri-madhu-aktena deveśi bilva-patreṇa homayet
man opfere, Herrscherin der Götter, mit den drei süßen Substanzen beträufelten Bilva-Blättern
sahasram homayet mantrī śata-nyūnam na kārayet
der Mantra-Kundige opfere tausendfach, nicht weniger als hundert soll man machen
Der 64-fache Opferdienst (catuḥṣaṣṭy-upacāra) ist eine bekannte erweiterte Form der klassischen 16-teiligen Pūjā (ṣoḍaśopacāra), wie sie bereits in Paṭala 9 (V.7) für die Bhasma-Weihe verwendet wurde.
pūrṇāhutiṃ tato dattvā tato vākyaṃ samācaret / adyetyādi samuccāryaṃ sauramāsaṃ samuccaret // MBhT_11.10 // tithigotraṃ cāmuko 'haṃ dharmārthakāmam eva vā / prāptaye parameśāni tato mūlaṃ samuccaret // MBhT_11.11 // devatāyai namaḥ paścād dakṣiṇāṃ dāpayed gurau / kumbhatoyena deveśi snāpayed yajamānakam // MBhT_11.12 // surās tv ādīn samuccārya śāntiṃ kuryāt tato guruḥ / sarvādau gurudevasya varaṇaṃ kārayet sudhīḥ // MBhT_11.13 //
Nachdem man dann die Vollopferung (Pūrṇāhuti) dargebracht hat, spreche man danach die Formel (Vākya); man rezitiere ,adya' u.a. [Anm.: Beginn der Saṃkalpa-Formel, ,heute...'], man nenne den Sonnenmonat (Saura-Māsa). Tithi und Gotra: ,Ich, der und der...', oder auch [zum Zweck von] Dharma, Artha, Kāma; zum Erlangen [dessen], höchste Herrscherin, rezitiere man dann den Wurzel-Mantra (Mūla). Danach [spreche man] ,Verehrung der Gottheit', danach lasse man dem Guru die Opfergabe (Dakṣiṇā) zukommen; mit dem Kumbha-Wasser, Herrscherin der Götter, bade man den Opferherrn (Yajamāna). Nachdem man die Götter u.a. genannt hat, vollziehe der Guru danach das Friedensritual; zuallererst vollziehe der Weise die Auswahl (Varaṇa) des Guru-Gottes.
Wort für Wort
pūrṇa-āhutim tataḥ dattvā tataḥ vākyam samācaret
nachdem man die Vollopferung dargebracht hat, spreche man danach die Formel
tithi-gotram ca amukaḥ aham dharma-artha-kāmam eva vā
Tithi und Gotra: ich, der und der, oder auch für Dharma, Artha, Kāma
devatāyai namaḥ paścāt dakṣiṇām dāpayet gurau
'Verehrung der Gottheit', danach lasse man dem Guru die Opfergabe zukommen
kumbha-toyena deveśi snāpayet yajamānakam
mit dem Kumbha-Wasser, Herrscherin der Götter, bade man den Opferherrn
surāḥ tu ādīn samuccārya śāntim kuryāt tataḥ guruḥ
nachdem man die Götter u.a. genannt hat, vollziehe der Guru danach das Friedensritual
sarva-ādau guru-devasya varaṇam kārayet sudhīḥ
zuallererst vollziehe der Weise die Auswahl des Guru-Gottes
Die Saṃkalpa-Formel (,adya...', V.10) ist die im Hinduismus universale Selbstverpflichtungsformel zu Beginn eines Rituals; ihre Nennung hier bestätigt, dass das Mātṛkābhedatantra trotz seiner tantrisch-esoterischen Inhalte formal in die brahmanische Ritualgrammatik eingebettet bleibt.
suvarṇaṃ campakākāraṃ karṇayugme nivedayet / catuṣkoṇayutaṃ svarṇaṃ grīvāyāṃ pariyojayet // MBhT_11.14 // uṣṇīṣaṃ ca tato dadyāt kaṇṭhe mālāṃ niyojayet / tāḍayugmaṃ tato bāhau valayaṃ maṇibandhake // MBhT_11.15 // aṅgulyām aṅgurī deyā divyavastraṃ niyojayet / evaṃ hi varaṇaṃ kṛtvā karmayogyaṃ vicintayet // MBhT_11.16 // guruṃ vā guruputraṃ vā varayed yatnataḥ sudhīḥ / sadasyaṃ na hi kartavyaṃ tantradhāraṃ na tatra vai // MBhT_11.17 // brahmāṇaṃ na hi kartavyaṃ kevalaṃ varayed gurum / guror bhṛtyo maheśāni bhairavo nātra saṃśayaḥ // MBhT_11.18 // svīyena paridhānena vāsasā toṣayet svayam / svayaṃ hotā bhaved vipro guror ājñānusārataḥ // MBhT_11.19 //
Gold in Campaka-Blütenform biete man für das Ohrenpaar dar; vierseitiges Gold ordne man dem Hals zu. Dann gebe man auch einen Turban, dem Hals ordne man eine Girlande zu; ein Armbänder-Paar dann am Oberarm, einen Armreif am Handgelenk. Am Finger sei ein Ring zu geben, ein göttliches Gewand ordne man zu; hat man so die Auswahl vollzogen, betrachte man [ihn als] für das Werk geeignet. Man wähle mit Sorgfalt den Guru oder den Guru-Sohn, o Weiser; ein [bloßer] Ratsversammlungs-Teilnehmer (Sadasya) darf nicht dafür eingesetzt werden, [auch] kein Tantra-Verwalter (Tantradhāra) dort. Ein [gewöhnlicher] Ritual-Aufsichtspriester (Brahmā) [Anm.: hier wohl einer der vier vedischen Hauptpriester, nicht der Schöpfergott] darf nicht eingesetzt werden – man wähle einzig den Guru; der Diener des Guru, große Herrscherin, [ist] Bhairava selbst – daran besteht kein Zweifel. Durch die eigene Kleidung [und] das [eigene] Gewand befriedige man [ihn] selbst; der Brahmane werde selbst zum Hotā-Priester, gemäß dem Befehl des Guru.
Wort für Wort
suvarṇam campaka-ākāram karṇa-yugme nivedayet
Gold in Campaka-Blütenform biete man für das Ohrenpaar dar
catuṣkoṇa-yutam svarṇam grīvāyām pariyojayet
vierseitiges Gold ordne man dem Hals zu
guruṃ vā guru-putram vā varayet yatnataḥ sudhīḥ
man wähle mit Sorgfalt den Guru oder den Guru-Sohn, Weiser
sadasyam na hi kartavyam tantra-dhāram na tatra vai
ein Sadasya darf nicht eingesetzt werden, auch kein Tantradhāra dort
brahmāṇam na hi kartavyam kevalam varayet gurum
ein Brahmā-Priester darf nicht eingesetzt werden, man wähle einzig den Guru
guroḥ bhṛtyaḥ maheśāni bhairavaḥ na atra saṃśayaḥ
der Diener des Guru, große Herrscherin, ist Bhairava, kein Zweifel daran
svayam hotā bhavet vipraḥ guroḥ ājñā-anusārataḥ
der Brahmane werde selbst zum Hotā-Priester, gemäß dem Befehl des Guru
Die Vorschrift, dass allein der Guru (oder sein Sohn) die zentrale Priesterrolle einnehmen darf – unter ausdrücklichem Ausschluss gewöhnlicher vedischer Ritualfunktionäre (Sadasya, Tantradhāra, Brahmā) – und die Identifikation des Guru-Dieners mit Bhairava selbst (V.18) unterstreichen die für tantrische Traditionen typische Suprematie der Guru-Linie über die brahmanisch-vedische Priesterhierarchie.
Nachdem man den Māyā-Bīja-Laut ausgesprochen hat: ,Verehrung der Trägerin-Kraft (Ādhāraśakti)' – mit diesem Mantra, Devī, vollziehe man die Weihe der Plattform (Vedi). Mit dem ,bhūr asi' u.a.-Mantra, [das] dem Kumbha-Paar zugesprochen wurde, mit dem allein mit dem Waffen[-Bīja] endenden Wurzel[-Mantra] ordne man den Turban zu. Den in Veda [und] Smṛti gelehrten Mantra soll der Weise nicht [hier] anwenden; so [ist es] auch bei der Brunnen-u.a.-Stiftung zu vollziehen, höchste Herrscherin. Alles Übrige [ist] gleich – am Ort des Tempels u.a. wiederum vollziehe man auch die Brunnen-u.a.-Anlage, das Pfahl-Bohr-Ritual (Yaṣṭi-Protana) vollziehe man.
Wort für Wort
māyā-bījam samuccārya ādhāra-śaktaye namaḥ
nachdem man den Māyā-Bīja-Laut ausgesprochen hat: Verehrung der Trägerin-Kraft
anena manunā devi vedi-saṃskāram ācaret
mit diesem Mantra, Devī, vollziehe man die Weihe der Plattform
veda-uktam ca eva smṛti-uktam mantram na yojayet sudhīḥ
den in Veda und Smṛti gelehrten Mantra soll der Weise nicht anwenden
evam kūpa-ādi-dāneṣu kartavyam parama-īśvari
so ist es auch bei der Brunnen-u.a.-Stiftung zu vollziehen, höchste Herrscherin
kūpa-ādi-yojanam kuryāt yaṣṭi-protanam ācaret
man vollziehe die Brunnen-u.a.-Anlage, das Pfahl-Bohr-Ritual vollziehe man
V.22 untersagt ausdrücklich die Verwendung vedischer/smṛti-gelehrter Mantras bei diesem tantrischen Ritual – eine bewusste Abgrenzung des eigenen Mantra-Systems vom brahmanisch-vedischen, die im Spannungsverhältnis zur gleichzeitigen Einbettung in vedische Ritualformen (Saṃkalpa, Hotā-Priester, s.o.) steht.
caturhastapramāṇaṃ ca madhyabhāge tu protanam / mūlamantraṃ samuccārya tato vahnivadhūṃ nyaset // MBhT_11.24 // tato yaṣṭiṃ samuccārya potayāmi vadet sudhīḥ / tatra saṃtaraṇaṃ dhenuṃ naiva kuryād vicakṣaṇaḥ // MBhT_11.25 // dhenusaṃtaraṇenaiva phalahāniḥ prajāyate / svarṇaṃ rūpyaṃ pravālaṃ ca dakṣiṇāṃ pariyojayeta // MBhT_11.26 // snāpayitvā kumbhatoyaiḥ śāntiṃ kuryāt tato guruḥ // MBhT_11.27 // anenaiva vidhānena kūpādyutsargam ācaret / vāpīkūpataḍāgādi hy anenotsargam ācaret // MBhT_11.28 // dīrghikāṃ ca puṣkariṇīṃ hy anenaiva jalāśayam / utsṛjya parayā bhaktyā mahādevyai prayatnataḥ // MBhT_11.29 //
Ein Maß von vier Handspannen (Hasta), in der Mitte [erfolge] die Bohrung; nachdem man den Wurzel-Mantra ausgesprochen hat, setze man dann die Feuer-Braut (Vahnivadhū) [Anm.: vermutlich eine rituelle Bezeichnung für den Bohrstab/-block] ein. Dann, nachdem man den Pfahl (Yaṣṭi) ausgesprochen hat, spreche der Weise ,ich lasse übersetzen' [Anm.: ,potayāmi', unsicher, evtl. ,ich reinige/weihe']; dort soll der Kundige niemals eine Kuh [zum] Übersetzen [einsetzen]. Allein durch das Kuh-Übersetzen entsteht Fruchtverlust; Gold, Silber und Koralle ordne man als Opfergabe (Dakṣiṇā) zu. Nachdem man mit Kumbha-Wasser gebadet hat, vollziehe der Guru danach das Friedensritual. Nach eben diesem Verfahren vollziehe man die Einweihung (Utsarga) von Brunnen u.a.; Teich, Brunnen, Wasserbecken u.a. – mit eben diesem [Verfahren] vollziehe man die Einweihung. Einen langgestreckten [Teich] und einen Lotosteich (Puṣkariṇī), mit eben diesem [Verfahren jedes] Wasserbecken – nachdem man [es] mit höchster Hingabe der großen Göttin geweiht hat, mit Sorgfalt.
Wort für Wort
catur-hasta-pramāṇam ca madhya-bhāge tu protanam
ein Maß von vier Handspannen, in der Mitte die Bohrung
mūla-mantram samuccārya tataḥ vahni-vadhūm nyaset
nachdem man den Wurzel-Mantra ausgesprochen hat, setze man die Feuer-Braut ein
tatra saṃtaraṇam dhenum na eva kuryāt vicakṣaṇaḥ
dort soll der Kundige niemals eine Kuh zum Übersetzen einsetzen
dhenu-saṃtaraṇena eva phala-hāniḥ prajāyate
allein durch das Kuh-Übersetzen entsteht Fruchtverlust
svarṇam rūpyam pravālam ca dakṣiṇām pariyojayeta
Gold, Silber und Koralle ordne man als Opfergabe zu
anena eva vidhānena kūpa-ādi-utsargam ācaret
nach eben diesem Verfahren vollziehe man die Einweihung von Brunnen u.a.
dīrghikām ca puṣkariṇīm hy anena eva jala-āśayam
einen langgestreckten Teich und einen Lotosteich, mit eben diesem jedes Wasserbecken
utsṛjya parayā bhaktyā mahā-devyai prayatnataḥ
nachdem man es mit höchster Hingabe der großen Göttin geweiht hat, mit Sorgfalt
Das Pfahl-Bohr-Ritual (,yaṣṭi-protana', V.24-25) und die ausdrückliche ,Kuh-Übersetzen'-Symbolik (V.25-26, Sinn im Detail unsicher – möglicherweise ein rituelles Baden/Überqueren einer Kuh am neu geweihten Gewässer, das hier verboten wird) bleiben in ihren technischen Einzelheiten unsicher und sind mit [?]/[Anm.] markiert.
Der siebte Nachkomme (Puruṣa), Geliebte, in der väterlichen Linie und bei der Mutter, der siebte Nachkomme, Geliebte, in der mütterlichen Linie ebenso – er wohne beständig auf dem Kailāsa, durch die Gnade der Göttin Gabe; er selbst, von göttlicher Wesensnatur und im Leben schon erlöst (Jīvanmukta) – daran besteht kein Zweifel. Die Frucht, die man durch tausend Aśvamedha[-Opfer] und hundert Vājapeya[-Opfer] erlangt, o Devī – ein Hunderttausendfaches davon werde [durch dies erlangt]. Nachdem man einem im Veda bewanderten Brahmanen so viel Gold wie der [Berg] Meru gegeben hat – die Frucht, die man dadurch erlangt, [wird] ein Hunderttausendfaches davon. Nachdem man, Herrscherin der Götter, mit vollem Getreide die siebeninselige Erde einem im Veda bewanderten Brahmanen mit großer Sorgfalt gegeben hat – dadurch [wird] das Verdienst ein Hunderttausendfaches, höchste Herrscherin. Jedes mit Opfergabe versehene Gelübde, jede im Veda anerkannte Spende – dadurch [wird] das Verdienst ein Hunderttausendfaches, höchste Herrscherin.
Wort für Wort
puruṣam saptamam kānte pitṛ-vaṃśe ca mātari
der siebte Nachkomme, Geliebte, in der väterlichen Linie und bei der Mutter
kailāse nivaset nityam devyāḥ vara-prasādataḥ
er wohne beständig auf dem Kailāsa, durch die Gnade der Göttin
svayam deva-svarūpaḥ ca jīvan-muktaḥ na saṃśayaḥ
er selbst von göttlicher Wesensnatur und im Leben schon erlöst, kein Zweifel
aśvamedha-sahasreṇa vājapeya-śatena ca
durch tausend Aśvamedha-Opfer und hundert Vājapeya-Opfer
yat phalam labhate devi tasmāt lakṣa-guṇam bhavet
die Frucht, die man erlangt, Devī, davon werde ein Hunderttausendfaches
meru-tulyam suvarṇam tu brāhmaṇe veda-pārage
so viel Gold wie der Meru einem im Veda bewanderten Brahmanen
sadakṣiṇam vratam sarvam dānam yat veda-saṃmatam
jedes mit Opfergabe versehene Gelübde, jede im Veda anerkannte Spende
Klassische Verdienst-Vervielfachungs-Rhetorik (X-mal die Frucht des Aśvamedha/Vājapeya), strukturell identisch mit den bereits im Mahāpurāṇa-Übersetzungsprojekt beobachteten Verdienst-Gleichsetzungsreihen.
Śrī Caṇḍikā sprach: „Durch das Tragen der Opferschnur (Yajñasūtra) [wird man] auf Erden verehrungswürdig – daran besteht kein Zweifel; jetzt möge mir die Vorschrift der Opferschnur mitgeteilt werden.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Höre das Maß der Opferschnur, o Schönantlitzige: der Ṛgvedin trage die Schnur oberhalb des Nabels, unterhalb der Brust. Das Schnurmaß der Yajuṣ-Anhänger, das ist wunderbar/erstaunlich, o Bergtochter, ist das höchste: nach dem Maß der Oberarmwurzel soll die Opferschnur von den Zweifachgeborenen mit Sorgfalt getragen werden, niemals eine andere Länge. Die Opferschnur des Sāmaveda-Sängers [ist] dreifach, o Schönfarbige: vom Brahmarandhra bis zum Nabelbereich [reicht] die Opferschnur. Oder auch, nachdem man [sie] auf den Nacken gelegt hat, berühre sie den Nabel; von dort auf dem Rücken bis zum Ende der Wirbelsäule (Meru-Daṇḍa) [reicht] die Opferschnur. Oder, höchste Herrscherin, höre eine andere Art: vom Nacken bis zum rechten Daumen [reicht] die Opferschnur. Oder man trage die Schnur mit Sorgfalt nach der Ansicht der Yajuṣ-Anhänger, oder man trage die Schnur nach dem Maß des Sāmaveda-Sängers. Der Atharvaveda-Anhänger trage die höchst verwirrende [Anm.: ,paramamohana', Sinn unsicher, evtl. eine besonders komplexe/geheimnisvolle Form] Opferschnur: vom Ājñā-Cakra bis zum Nabelbereich [reicht] die Opferschnur. Wer, ohne diese Übereinkunft (Saṃketa) zu kennen, das Tragen der Schnur vollzöge – der ist, Devī, einem Caṇḍāla [Unberührbaren] gleich, selbst wenn er einem Vyāsa gliche [an Gelehrsamkeit].“
Wort für Wort
yajña-sūtra-dhāraṇena bhū-pūjyaḥ na atra saṃśayaḥ
durch das Tragen der Opferschnur wird man auf Erden verehrungswürdig, kein Zweifel
idānīm yajña-sūtrasya vidhānam mayi kathyatām
jetzt möge mir die Vorschrift der Opferschnur mitgeteilt werden
vom Brahmarandhra bis zum Nabelbereich reicht die Opferschnur
atharvī dhārayet yajña-sūtram parama-mohanam
der Atharvaveda-Anhänger trage die höchst verwirrende Opferschnur
ājñā-cakrāt nābhi-deśa-paryantam yajña-sūtrakam
vom Ājñā-Cakra bis zum Nabelbereich reicht die Opferschnur
etat saṃketam ajñātvā yaḥ kuryāt sūtra-dhāraṇam
wer, ohne diese Übereinkunft zu kennen, das Tragen der Schnur vollzöge
sa caṇḍāla-samaḥ devi yadi vyāsa-samaḥ bhavet
der ist, Devī, einem Caṇḍāla gleich, selbst wenn er einem Vyāsa gliche
Bemerkenswerte Vedazweig-spezifische Längenvorschriften für die heilige Opferschnur (Yajñopavīta), gestaffelt nach Körperlandmarken (Nabel, Brust, Oberarmwurzel, Scheitelöffnung/Brahmarandhra, Ājñā-Cakra); die Erwähnung des Ājñā-Cakra (des ,Stirn-Cakra' der tantrischen Subtilkörper-Lehre) beim Atharvaveda-Zweig verbindet hier explizit vedische Ritualpraxis mit tantrischer Körpermystik. Der Schlussvers stellt die exakte Kenntnis dieser Konvention über selbst überragende Gelehrsamkeit (Vergleich mit Vyāsa, dem legendären Veda-Ordner) – ein rhetorischer Topos zur Betonung ritueller Detailtreue.