Quellen der Menschheit

Mātṛkābhedatantra

Paṭala 2: Mātṛkābhedatantra, dvitīyaḥ paṭalaḥ Paṭala 2: Kuṇḍalinī-Physiologie – Zeugung, Geschlechtsbestimmung und Empfängnis

Nach dem alchemistischen Paṭala 1 wendet sich das Werk der Kuṇḍalinī-/Cakra-Physiologie zu: Maṇipūra/Nabellotos mit drei Kanälen (aufwärts zum Sahasrāra, mittig durch die Suṣumṇā, abwärts zur Yoni), die Empfängnis durch Vereinigung von Same und weiblichem Blut im Nabellotos, eine Geschlechtsbestimmungslehre nach dem Samen-Blut-Verhältnis, die Schwangerschaft als Wachsen einer inneren ,Blüte' bis zur Geburt, und eine abschließende Einladung zum rituellen Liebesspiel als Quelle kosmischer Fruchtbarkeit.

Mātṛkābhedatantra, dvitīyaḥ paṭalaḥ / śrīdevy uvāca / vada īśāna sarvajña sarvatattvavidāṃ vara / yat tvayā kathitaṃ nātha mama saṅge vihārataḥ // MBhT_2.1 // kathaṃ vā jāyate putraḥ śukrasya katra saṃsthitiḥ / vardhamānaṃ sadā liṅgaṃ praveśo vā kathaṃ bhavet // MBhT_2.2 // bhītiyuktā hy ahaṃ nātha trāhi māṃ duḥkhasaṅkaṭāt // MBhT_2.3 //

Mātṛkābhedatantra, zweiter Paṭala. Śrī Devī sprach: „Sprich, o Herr, Allwissender, Bester der Kenner aller Wahrheiten! [Erkläre], was du mir während unseres Beisammenseins beim Liebesspiel [bereits angedeutet, aber nicht ausgeführt] hast: Wie wird ein Sohn geboren, wo befindet sich der Same? Wie geschieht das ständige Anschwellen des Liṅga, oder wie erfolgt das Eindringen? Denn ich bin von Furcht erfüllt, o Herr – rette mich aus der Bedrängnis des Leids.“

Wort für Wort
śrī-devī uvāca
Śrī Devī sprach
vada īśāna sarvajña sarva-tattva-vidām vara
sprich, Herr, Allwissender, Bester der Kenner aller Wahrheiten
yat tvayā kathitam nātha mama saṅge vihārataḥ
was von dir gesagt wurde, Herr, in unserem Beisammensein beim Liebesspiel
kathaṃ vā jāyate putraḥ śukrasya katra saṃsthitiḥ
wie wird ein Sohn geboren, wo ist der Same gelegen
vardhamānam sadā liṅgam praveśaḥ vā kathaṃ bhavet
das stets anschwellende Liṅga, oder wie geschieht das Eindringen
bhīti-yuktā hi aham nātha trāhi mām duḥkha-saṅkaṭāt
voll Furcht bin ich, Herr, rette mich aus der Bedrängnis des Leids

Übergang zum zweiten Paṭala: von der Alchemie (P1) zur Kuṇḍalinī-/Zeugungsphysiologie. Devīs Frage bezieht sich auf ein zuvor (außerhalb des Textes bzw. beim Liebesspiel selbst) Angedeutetes – ein für Tantras typischer Rahmen, in dem der eigentliche Lehrinhalt als Fortsetzung eines intimen Zwiegesprächs präsentiert wird.

śrīśaṅkara uvāca / maṇipūraṃ mahāpadmaṃ suṣumṇāmadhyasaṃsthitam / tasya nālena deveśi nābhipadmaṃ manoharam // MBhT_2.4 // vakratrayasamāyuktaṃ sadā śukravibhūṣitam / ūrdhvaṃ nālaṃ sahasrāre ataḥ śukravibhūṣitam // MBhT_2.5 // tasmād eva stanadvandvaṃ vardhamānaṃ dine dine // MBhT_2.6 // madhyanālaṃ suṣumṇāntaṃ vṛntākāraṃ suśītalam / āyonyagram adhonālaṃ sadānandamayi śive // MBhT_2.7 //

Śrī Śaṅkara sprach: „Das Maṇipūra, der große Lotos, befindet sich inmitten der Suṣumṇā; durch seinen Stängel [ist es verbunden], o Göttin-Herrscherin, mit dem bezaubernden Nabellotos. [Dieser ist] mit einer dreifachen Biegung versehen, stets mit Same geschmückt [?]; der aufwärtsführende Kanal [reicht] zum Sahasrāra, von dort ebenfalls mit Same geschmückt [?, Anm.: Wiederholung im Sanskrit unklar]. Von eben diesem [Kanal] aus wächst das Brustpaar Tag für Tag. Der mittlere Kanal, der in der Suṣumṇā endet, ist stängelförmig, sehr kühl; der untere Kanal, dessen Spitze bis zur Yoni reicht [?], [gehört dir], o stets wonnevolle, huldreiche [Göttin].“

Wort für Wort
maṇipūram mahāpadmam suṣumṇā-madhya-saṃsthitam
das Maṇipūra, der große Lotos, in der Mitte der Suṣumṇā gelegen
tasya nālena deveśi nābhi-padmam manoharam
durch seinen Stängel, Göttin-Herrscherin, [verbunden mit] dem bezaubernden Nabellotos
vakra-traya-samāyuktam sadā śukra-vibhūṣitam
mit dreifacher Biegung versehen, stets mit Samen geschmückt
ūrdhvam nālam sahasrāre ataḥ śukra-vibhūṣitam
der aufwärtige Kanal [reicht] zum Sahasrāra, von dort mit Samen geschmückt
tasmāt eva stana-dvandvam vardhamānam dine dine
von eben diesem wächst das Brustpaar Tag für Tag
madhya-nālam suṣumṇā-antam vṛnta-ākāram su-śītalam
der mittlere Kanal, in der Suṣumṇā endend, stängelförmig, sehr kühl
ā-yoni-agram adho-nālam sadā-ānanda-mayi śive
der untere Kanal, dessen Spitze bis zur Yoni reicht, o stets wonnevolle Huldreiche

Beschreibung dreier Kanäle (nāla), die vom Maṇipūra-/Nabellotos ausgehen: ein aufwärtiger zum Sahasrāra (Scheitel), ein mittlerer innerhalb der Suṣumṇā, ein unterer zur Yoni. Die genaue anatomisch-yogische Zuordnung bleibt, wie in tantrischer Kuṇḍalinī-Literatur häufig, bildhaft-metaphorisch und nicht im modernen physiologischen Sinn zu verstehen. Die zweimalige Wendung „sadā śukravibhūṣitam“ (V.5) ist im Sanskrit auffällig wiederholt [?] – möglicherweise Textverderbnis oder bewusste Wiederholung zur Betonung.

śṛṇu cārvaṅgi subhage tanmadhye liṅgatāḍanāt / yad rūpaṃ paramānandaṃ tan nāsti bhuvanatraye // MBhT_2.8 // nābhipadmaṃ tu yad rūpaṃ tac chṛṇuṣva samāhitaḥ / bindusthānaṃ madhyadeśe sadā padmavirājitam // MBhT_2.9 // bāhyadeśe cāṣṭapatraṃ caturasraṃ tu tadbahiḥ / caturdvārasamāyuktaṃ suvarṇābhaṃ savṛttakam // MBhT_2.10 // tatpatreṇa bhavet puṣpaṃ vṛntayuktaṃ tripattrakam / praphulle tu tripatrāre bāhye rudhiradarśanam // MBhT_2.11 // etanmadhye maheśāni yadi syāl liṅgatāḍanam / padmamadhye gate śukre saṃtatis tena jāyate // MBhT_2.12 //

„Höre, o Schönglied­rige, Glückliche: Was für eine Gestalt höchster Wonne durch das Stoßen des Liṅga inmitten dessen [entsteht] – das gibt es sonst nicht in den drei Welten. Was aber die Gestalt des Nabellotos betrifft, so höre das mit gesammeltem Geist: In der Mittelregion [befindet sich] die Bindu-Stätte, stets lotosgleich erstrahlend. Im äußeren Bereich [sind] acht Blütenblätter, außerhalb davon aber ein Viereck, versehen mit vier Toren, goldfarben und rund. Aus jenem Blatt entsteht eine Blüte, stängelversehen, dreiblättrig; ist aber das Dreiblatt voll erblüht, zeigt sich außen ein Blutschein [Anm.: möglicherweise Anspielung auf die Menstruation]. Wenn inmitten dessen, o große Herrscherin, ein Stoßen des Liṅga stattfindet [und] der Same in die Mitte des Lotos gelangt, entsteht dadurch Nachkommenschaft.“

Wort für Wort
śṛṇu cāru-aṅgi subhage tan-madhye liṅga-tāḍanāt
höre, Schönglied­rige, Glückliche, in dessen Mitte durch das Stoßen des Liṅga
yat rūpam parama-ānandam tat nāsti bhuvana-traye
was für eine Gestalt höchster Wonne, das gibt es nicht in den drei Welten
nābhi-padmam tu yat rūpam tat śṛṇuṣva samāhitaḥ
des Nabellotos Gestalt aber, das höre mit gesammeltem Geist
bindu-sthānam madhya-deśe sadā padma-virājitam
die Bindu-Stätte im Mittelbereich, stets lotosgleich erstrahlend
bāhya-deśe ca aṣṭa-patram catur-asram tu tad-bahiḥ
im äußeren Bereich acht Blütenblätter, außerhalb davon ein Viereck
catur-dvāra-samāyuktam suvarṇa-ābham sa-vṛttakam
versehen mit vier Toren, goldfarben und rund
tat-patreṇa bhavet puṣpam vṛnta-yuktam tri-pattrakam
aus jenem Blatt entsteht eine Blüte, stängelversehen, dreiblättrig
praphulle tu tri-patra-are bāhye rudhira-darśanam
bei voll erblühtem Dreiblatt außen ein Blutschein
etat-madhye maheśāni yadi syāt liṅga-tāḍanam
inmitten dessen, große Herrscherin, wenn ein Stoßen des Liṅga geschieht
padma-madhye gate śukre saṃtatiḥ tena jāyate
wenn der Same in die Mitte des Lotos gelangt ist, entsteht dadurch Nachkommenschaft

Detaillierte bildhafte Beschreibung des Nabellotos (aṣṭapatra, mit vierseitigem/vier-torigem äußeren Umriss – ein klassisches Yantra-/Cakra-Schema) und der darin entstehenden dreiblättrigen Blüte als Ort der Empfängnis. „Rudhiradarśanam“ (,Anblick von Blut') ist hier tentativ als Hinweis auf die Menstruation gedeutet, könnte aber auch rein bildhaft-farblich gemeint sein [?].

puruṣasya tu yac chukraṃ śakteraktādhiko bhavet / tadā kanyā bhaved devi viparītaḥ pumān bhavet // MBhT_2.13 // ubhayos tulyaśukreṇa klībaṃ bhavati niścitam // MBhT_2.14 // śṛṇu cārvaṅgi subhage puṣpamāhātmyam uttamam / madhye tacchukrasaṃyoge vardhate tad dine dine / evaṃ diṅmāsasamprāpte tatpuṣpaṃ vṛntasaṃyutam // MBhT_2.15 // galite parameśāni vyakto bhavati saṃtatiḥ // MBhT_2.16 //

„Ist aber der Same des Mannes geringer als das Blut der Śakti [der Frau], so entsteht, o Göttin, ein Mädchen; im umgekehrten [Fall] entsteht ein Knabe. Bei gleichem Samen beider entsteht mit Sicherheit ein Klība [ein Geschlechtsloser]. Höre, o Schönglied­rige, Glückliche, von der höchsten Erhabenheit der Blüte: In ihrer Mitte wächst sie, bei Vereinigung mit jenem Samen, Tag für Tag; wenn so der [zehnte(?)] Monat erreicht ist, [löst sich] jene Blüte samt ihrem Stängel. Ist sie abgefallen, o höchste Herrscherin, wird die Nachkommenschaft offenbar [geboren].“

Wort für Wort
puruṣasya tu yat śukram śakti-rakta-adhikaḥ bhavet
des Mannes Same aber, wenn er vom Blut der Śakti übertroffen wird
tadā kanyā bhavet devi viparītaḥ pumān bhavet
dann entsteht ein Mädchen, Göttin, im umgekehrten Fall ein Knabe
ubhayoḥ tulya-śukreṇa klībam bhavati niścitam
bei beiderseits gleichem Samen entsteht gewiss ein Geschlechtsloser
śṛṇu cāru-aṅgi subhage puṣpa-māhātmyam uttamam
höre, Schönglied­rige, Glückliche, die höchste Erhabenheit der Blüte
madhye tat-śukra-saṃyoge vardhate tat dine dine
in der Mitte, bei Vereinigung mit jenem Samen, wächst sie Tag für Tag
evam diṅ-māsa-samprāpte tat-puṣpam vṛnta-saṃyutam
wenn so der [zehnte(?)] Monat erreicht ist, jene Blüte samt Stängel
galite parameśāni vyaktaḥ bhavati saṃtatiḥ
wenn sie abgefallen ist, höchste Herrscherin, wird die Nachkommenschaft offenbar

Geschlechtsbestimmungslehre nach dem relativen Verhältnis von männlichem Samen (śukra) und weiblichem „Blut“ (rakta, hier als Śaktis Anteil bezeichnet) – ein in āyurvedischer wie tantrischer Literatur verbreitetes Motiv. Der Ausdruck „diṅmāsa“ (V.15) ist nicht sicher zu deuten [?]; denkbar wäre eine Verschreibung für „daśamāsa“ (,zehnter Monat', d.h. der übliche Geburtstermin), was inhaltlich gut passen würde, hier aber nicht stillschweigend korrigiert, sondern offen als Unsicherheit markiert wird.

śrīdevy uvāca / kiṃcid rogādisambhūte kṛmikīṭādisambhave / tasmajjīvaṃ praṇaśyanti sā nārī jīvyate katham // MBhT_2.17 // śrīśaṅkara uvāca / asya puṣpasya māhātmyaṃ kiṃ vaktuṃ śakyate mayā / bindusthānaṃ sahasraṃ tu puṣpamadhye priyaṃvade // MBhT_2.18 // budbudā yatra tiṣṭhanti tatraiva saṃtatir bhavet / evaṃ krameṇa deveśi sahasraṃ saṃtatir yadi / vardhamānaṃ mahāpuṣpaṃ pīḍā kiṃcin na jāyate // MBhT_2.19 //

Śrī Devī sprach: „Wenn irgendeine Krankheit o.ä. entsteht, [wenn] Würmer, Insekten u.ä. entstehen, [und] dadurch die Lebenskeime [?] zugrunde gehen – wie überlebt jene Frau dann?“ Śrī Śaṅkara sprach: „Wie könnte ich die Erhabenheit dieser Blüte überhaupt in Worte fassen? Tausend Bindu-Stätten [gibt es] inmitten der Blüte, o Süßredende. Wo Blasen verweilen, dort eben entsteht Nachkommenschaft. Wenn so der Reihe nach, o Göttin-Herrscherin, tausendfach Nachkommenschaft [entstünde, während] die große Blüte wächst, entstünde dennoch keinerlei Schmerz.“

Wort für Wort
śrī-devī uvāca
Śrī Devī sprach
kiṃcit roga-ādi-sambhūte kṛmi-kīṭa-ādi-sambhave
wenn irgendeine Krankheit u.ä. entsteht, Würmer, Insekten u.ä. entstehen
tasmāt jīvam praṇaśyanti sā nārī jīvyate katham
wodurch die Lebenskeime zugrunde gehen, wie überlebt jene Frau
śrī-śaṅkaraḥ uvāca
Śrī Śaṅkara sprach
asya puṣpasya māhātmyam kim vaktum śakyate mayā
dieser Blüte Erhabenheit, was kann ich [überhaupt] sagen
bindu-sthānam sahasram tu puṣpa-madhye priyaṃ-vade
tausend Bindu-Stätten aber inmitten der Blüte, Süßredende
budbudāḥ yatra tiṣṭhanti tatra eva saṃtatiḥ bhavet
wo Blasen verweilen, dort eben entsteht Nachkommenschaft
evam krameṇa deveśi sahasram saṃtatiḥ yadi
so der Reihe nach, Göttin-Herrscherin, wenn tausendfach Nachkommenschaft
vardhamānam mahā-puṣpam pīḍā kiṃcit na jāyate
während die große Blüte wächst, entsteht keinerlei Schmerz

Die Frage nach Fehlgeburt/Krankheitsgefahr (V.17, „tasmajjīvaṃ“ vermutlich für „tasmāj jīvaṃ“, Sandhi-Fuge unklar [?]) wird von Śaṅkara nicht direkt beantwortet, sondern mit einer erneuten Lobpreisung der unerschöpflichen Fruchtbarkeit der ‚Blüte' (tausend Bindu-Stätten, jede ein potentieller Ursprung neuer Nachkommenschaft) pariert – eine für den Dialogstil des Werks typische, eher enkomiastische als sachlich-erklärende Antwort.

mayā sārdhaṃ maheśāni vihāraṃ kuru yatnataḥ / vihāre yo bhavet putro gaṇeśaḥ sa ca kīrtitaḥ // MBhT_2.20 // apare parameśāni tava putraprasādataḥ / pṛthivyāṃ jāyate sṛṣṭir nirvighnena yathocitam // MBhT_2.21 // etac chrutvā tato devi madanānalavihvalā / śivenāliṅgitā devī śivākāreṇa vai tadā // MBhT_2.22 //

„Vollziehe mit mir, o große Herrscherin, eifrig das Liebesspiel. Der Sohn, der im Liebesspiel entsteht, wird als Gaṇeśa [Anm.: hier wohl ,Herr einer Schar/eines Gaṇa', nicht zwingend der Gott Gaṇeśa] gepriesen. Ferner, o höchste Herrscherin, entsteht durch die Gnade deines Sohnes auf Erden die Schöpfung ungehindert, wie es sich gebührt.“ Nachdem sie dies gehört hatte, o Göttin [Erzählerin-Anrede], wurde die Göttin, überwältigt vom Feuer des Liebesverlangens, sogleich von Śiva in dessen [Śiva-]Gestalt umarmt.

Wort für Wort
mayā sārdham maheśāni vihāram kuru yatnataḥ
mit mir, große Herrscherin, vollziehe eifrig das Liebesspiel
vihāre yaḥ bhavet putraḥ gaṇeśaḥ saḥ ca kīrtitaḥ
der Sohn, der im Liebesspiel entsteht, wird als Gaṇeśa gepriesen
apare parameśāni tava putra-prasādataḥ
ferner, höchste Herrscherin, durch die Gnade deines Sohnes
pṛthivyām jāyate sṛṣṭiḥ nirvighnena yathocitam
auf Erden entsteht die Schöpfung ungehindert, wie es sich gebührt
etat śrutvā tataḥ devi madana-anala-vihvalā
nachdem sie dies gehört hatte, Göttin, überwältigt vom Feuer des Liebesverlangens
śivena āliṅgitā devī śiva-ākāreṇa vai tadā
wurde die Göttin von Śiva in dessen Gestalt sogleich umarmt

Abschluss des zweiten Paṭala mit einer Einladung zum rituellen Liebesspiel (vihāra) als Ursprung sowohl göttlicher Nachkommenschaft (,Gaṇeśa' als Sohn) als auch kosmischer Fruchtbarkeit auf Erden – ein für Kaula-/Śākta-Traditionen charakteristisches Verschränken von sexuellem Ritual und kosmogonischer Wirkung. Die Schlusszeile mit der Rahmen-Anrede „devi“ und der erneuten Umarmungsszene deutet auf die im ersten Paṭala etablierte Dialog-im-Liebesspiel-Fiktion zurück.

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