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Mātṛkābhedatantra

Paṭala 4: Mātṛkābhedatantra, caturthaḥ paṭalaḥ Paṭala 4: Kāraṇa, Nirmālya und der Mahāśaṅkha-Rosenkranz

Kurzes Kapitel zu einem scheinbaren rituellen Paradox: das Kāraṇa (Wein) und Śivas Nirmālya (Opferreste) gelten als befreiungsspendend, dürfen aber nicht berührt werden; ebenso verliert der aus dem Kontakt mit dem Kāraṇa gespeiste Mahāśaṅkha-Rosenkranz (in dem Mahākālī und die fünfzig-lautige Mātṛkā wohnen) seine Kraft bei Berührung mit Gaṅgā-Wasser, Steinyantra oder Tulasī – aufgelöst durch eine Hierarchisierung der Wirkbereiche (Kāraṇa = kastenübergreifende Befreiung, Gaṅgā = bloß Himmel). Schließt mit einem Tīrtha-Katalog und der Geheimhaltungsformel.

Mātṛkābhedatantra, caturthaḥ paṭalaḥ / śrīcaṇḍikovāca / kāraṇena mahāmokṣaṃ nirmālyena śivasya ca / śrutaṃ vede purāṇe ca tava vaktre sureśvara // MBhT_4.1 // agrāhyaṃ tava nirmālyam agrāhyaṃ kāraṇaṃ vibho / mṛṣā vākyaṃ mahādeva kathaṃ vadasi yogabhṛt // MBhT_4.2 // kāraṇena vinā devi mokṣajñānādikaṃ na hi / mahāśaṅkhaṃ vinā devi na mantraḥ siddhidāyakaḥ // MBhT_4.3 // sākṣād brahmamayī mālā mahāśaṅkhākhyayā punaḥ / śilāyantre ca vṛndāyāṃ gaṅgāyāṃ surapūjite / naiva spṛśen mahāśaṅkhaṃ sparśanāt kāṣṭhavad bhavet // MBhT_4.4 //

Mātṛkābhedatantra, vierter Paṭala. Śrī Caṇḍikā sprach: „Durch das Kāraṇa [den rituellen Wirkstoff, d.h. Wein] [erlangt man] die große Befreiung, und ebenso durch Śivas Nirmālya [die Opferreste] – so habe ich es im Veda und im Purāṇa gehört, [auch] aus deinem Mund, o Götterherr. [Doch zugleich gilt]: Dein Nirmālya ist nicht zu berühren, das Kāraṇa ist nicht zu berühren, o Mächtiger. [Ist das] eine falsche Aussage, o großer Gott? Wie kannst du das sagen, o Träger des Yoga?“ [Śrī Śaṅkara sprach:] „Ohne das Kāraṇa, o Göttin, gibt es keine Befreiungserkenntnis u.a.; ohne den Mahāśaṅkha [den ‚großen Muschel'-Rosenkranz], o Göttin, ist kein Mantra siddhi-verleihend. Die Rosenkranzkette mit Namen Mahāśaṅkha ist unmittelbar Brahman-durchdrungen; [doch] auf einem Steinyantra, bei Tulasī[-Perlen], [oder] im [Wasser der] von den Göttern verehrten Gaṅgā darf man den Mahāśaṅkha nie berühren: durch [solche] Berührung wird er zu [bloßem, wirkungslosem] Holz.“

Wort für Wort
kāraṇena mahā-mokṣam nirmālyena śivasya ca
durch das Kāraṇa die große Befreiung, und durch Śivas Nirmālya
śrutam vede purāṇe ca tava vaktre sura-īśvara
gehört im Veda und Purāṇa, aus deinem Mund, Götterherr
agrāhyam tava nirmālyam agrāhyam kāraṇam vibho
nicht zu berühren ist dein Nirmālya, nicht zu berühren das Kāraṇa, Mächtiger
mṛṣā vākyam mahādeva kathaṃ vadasi yoga-bhṛt
eine falsche Aussage, großer Gott, wie sagst du das, Träger des Yoga
kāraṇena vinā devi mokṣa-jñāna-ādikam na hi
ohne das Kāraṇa, Göttin, gibt es keine Befreiungserkenntnis u.a.
mahā-śaṅkham vinā devi na mantraḥ siddhi-dāyakaḥ
ohne den Mahāśaṅkha, Göttin, ist kein Mantra siddhi-verleihend
sākṣāt brahma-mayī mālā mahā-śaṅkha-ākhyayā punaḥ
die Rosenkranzkette, mit Namen Mahāśaṅkha, ist unmittelbar Brahman-durchdrungen
śilā-yantre ca vṛndāyām gaṅgāyām sura-pūjite
auf einem Steinyantra, bei Tulasī, in der von Göttern verehrten Gaṅgā
na eva spṛśet mahā-śaṅkham sparśanāt kāṣṭha-vat bhavet
berühre man den Mahāśaṅkha nie, durch Berührung wird er wie Holz

Vierter Paṭala, kürzer als die vorigen. Neues Thema: das ,Kāraṇa' (der Wein als Wirkstoff) und das ,Nirmālya' (Śivas gebrauchte Opferreste/Blumen) als Mittel höchster Befreiung, sowie der ,Mahāśaṅkha' – wörtl. ,große Muschel', hier ein spezieller (vermutlich aus Muschelperlen gefertigter) Rosenkranz für die Mantra-Rezitation, dessen Kraft durch Berührung mit bestimmten anderen heiligen Objekten (Gaṅgā-Wasser, Steinyantra, Tulasī) paradoxerweise ausgelöscht wird, statt verstärkt.

śrīcaṇḍikovāca / gaṅgā tu kāraṇaṃ vāri madyaṃ paramakāraṇam / kāraṇasparśamātreṇa mālāḥ śuddhā bhavanti hi // MBhT_4.5 // gaṅgāsparśena deveśa kāṣṭhavan mālikā katham / vada me parameśāna iti me saṃśayo hṛdi // MBhT_4.6 // śrīśaṃkara uvāca / kāraṇaṃ devadeveśi mokṣadaṃ sarvajātiṣu / tathā svargādijanakaṃ gaṅgātoyaṃ na saṃśayaḥ // MBhT_4.7 //

Śrī Caṇḍikā sprach: „Aber die Gaṅgā ist [selbst nur] Wasser-Wirkstoff, der Wein [hingegen] der höchste Wirkstoff; allein durch Berührung mit dem Kāraṇa werden Rosenkränze doch rein [Anm.: warum sollte dann Gaṅgā-Berührung sie entkräften?]. Wie [kann] durch Berührung mit der Gaṅgā, o Götterherr, der Rosenkranz zu Holz [werden]? Sage mir das, o höchster Gebieter – dies ist mein Zweifel im Herzen.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Das Kāraṇa, o höchste Götterherrscherin, ist befreiungsspendend bei allen Kasten; ebenso ist das Gaṅgā-Wasser himmelserzeugend, ohne Zweifel.“

Wort für Wort
gaṅgā tu kāraṇam vāri madyam parama-kāraṇam
die Gaṅgā aber ist Wasser-Wirkstoff, der Wein der höchste Wirkstoff
kāraṇa-sparśa-mātreṇa mālāḥ śuddhāḥ bhavanti hi
allein durch Berührung mit dem Kāraṇa werden Rosenkränze rein
gaṅgā-sparśena deveśa kāṣṭha-vat mālikā katham
durch Gaṅgā-Berührung, Götterherr, wie [wird] der Rosenkranz wie Holz
vada me parama-īśāna iti me saṃśayaḥ hṛdi
sage mir, höchster Gebieter, dies mein Zweifel im Herzen
kāraṇam deva-deveśi mokṣa-dam sarva-jātiṣu
das Kāraṇa, höchste Götterherrscherin, befreiungsspendend bei allen Kasten
tathā svarga-ādi-janakam gaṅgā-toyam na saṃśayaḥ
ebenso himmelserzeugend das Gaṅgā-Wasser, ohne Zweifel

Śiva löst den scheinbaren Widerspruch nicht durch Widerlegung, sondern durch Hierarchisierung auf: Kāraṇa (Wein) und Gaṅgā-Wasser wirken auf verschiedenen Ebenen – ersteres kastenübergreifend befreiungsspendend (mokṣa), letzteres ,nur' himmelserzeugend (svarga), ein klassisch niedrigeres Ziel innerhalb der tantrischen Wertehierarchie.

kāraṇe nivased devi mahākālī parā kalā / mahāvidyā vasen nityaṃ surāyāṃ parameśvari // MBhT_4.8 // mahāśaṅkhe vasen nityaṃ pañcāśadvarṇarūpiṇī / mahāvidyā vasen nityaṃ mahāśaṅkhe ca sarvadā // MBhT_4.9 // gaṅgāsparśanamātreṇa gaṅgāyāṃ līyate priye / kāṣṭhasparśanamātreṇa kāṣṭhe vahnis tṛṇe yathā // MBhT_4.10 // gaṅgāsparśe tathā devi gaṅgāyāṃ līyate priye / tatkṣaṇe ca mahāśaṅkhaḥ kāṣṭhavan nātra saṃśayaḥ // MBhT_4.11 // śilāyantre tulasyādau tathaiva parameśvari // MBhT_4.12 // mahāśaṅkhākhyamālāyāṃ yo japet sādhakottamaḥ / aṣṭasiddhiḥ kare tasya sa eva śambhur avyayaḥ / maulau gaṅgā sthitā yasya gaṅgāsnānena tasya kim // MBhT_4.13 //

„Im Kāraṇa weilt, o Göttin, Mahākālī, die höchste Kalā; die Mahāvidyā weilt ewig in der Surā, o höchste Herrscherin. Im Mahāśaṅkha weilt ewig sie, die die Gestalt der fünfzig Laute [der Mātṛkā] hat; die Mahāvidyā weilt ewig, allzeit, im Mahāśaṅkha. Allein durch Berührung mit der Gaṅgā löst sie sich in die Gaṅgā auf, o Geliebte – so wie [durch bloße] Berührung mit Holz das Feuer sich in Holz [oder] Stroh [auflöst]. Bei Berührung mit der Gaṅgā löst sie sich ebenso in die Gaṅgā auf, o Geliebte; und in demselben Augenblick wird der Mahāśaṅkha zu Holz, ohne Zweifel. Ebenso [verhält es sich] auf einem Steinyantra, bei Tulasī[-Perlen] u.a., o höchste Herrscherin. Wer auf der Mahāśaṅkha genannten Rosenkranzkette rezitiert, der beste der Übenden – die achtfache Siddhi [liegt] in seiner Hand, er selbst wird zum unvergänglichen Śambhu. Wessen Haupt [wie Śivas] [schon] die Gaṅgā trägt, was [braucht] der noch das Bad in der Gaṅgā?“

Wort für Wort
kāraṇe nivaset devi mahākālī parā kalā
im Kāraṇa weile, Göttin, Mahākālī, die höchste Kalā
mahāvidyā vaset nityam surāyām parama-īśvari
die Mahāvidyā weile ewig in der Surā, höchste Herrscherin
mahā-śaṅkhe vaset nityam pañcāśat-varṇa-rūpiṇī
im Mahāśaṅkha weile ewig die, die die Gestalt der fünfzig Laute hat
mahāvidyā vaset nityam mahā-śaṅkhe ca sarvadā
die Mahāvidyā weile ewig, allzeit im Mahāśaṅkha
gaṅgā-sparśana-mātreṇa gaṅgāyām līyate priye
allein durch Gaṅgā-Berührung löst sie sich in der Gaṅgā auf, Geliebte
kāṣṭha-sparśana-mātreṇa kāṣṭhe vahniḥ tṛṇe yathā
wie durch bloße Holzberührung das Feuer sich in Holz, in Stroh [auflöst]
gaṅgā-sparśe tathā devi gaṅgāyām līyate priye
bei Gaṅgā-Berührung ebenso, Göttin, löst sie sich in der Gaṅgā auf
tat-kṣaṇe ca mahā-śaṅkhaḥ kāṣṭha-vat na atra saṃśayaḥ
und in dem Augenblick wird der Mahāśaṅkha wie Holz, ohne Zweifel
śilā-yantre tulasī-ādau tathā eva parama-īśvari
auf dem Steinyantra, bei Tulasī u.a. ebenso, höchste Herrscherin
mahā-śaṅkha-ākhya-mālāyām yaḥ japet sādhaka-uttamaḥ
auf der Mahāśaṅkha genannten Rosenkranzkette, wer rezitiert, bester Übender
aṣṭa-siddhiḥ kare tasya sa eva śambhuḥ avyayaḥ
die achtfache Siddhi in seiner Hand, er selbst der unvergängliche Śambhu
maulau gaṅgā sthitā yasya gaṅgā-snānena tasya kim
wessen Haupt die Gaṅgā trägt, was [braucht] der das Gaṅgā-Bad

Die fünfzig Laute (pañcāśadvarṇa) beziehen sich auf die Mātṛkā, die als Alphabet-Göttin dem Werktitel ,Mātṛkābhedatantra' zugrundeliegt – ihre Identifikation mit der im Mahāśaṅkha-Rosenkranz wohnenden Kraft verknüpft hier Buchstaben-Mystik, Wein-Ritual und Mantra-Rezitation. Das Bild vom im Gaṅgā-Wasser ,erlöschenden' Feuer (V.10) veranschaulicht, warum Kontakt mit einem niedrigeren Wirkungsbereich (Gaṅgā = Himmel) die höhere, an das Kāraṇa gebundene Kraft des Rosenkranzes neutralisiert.

vārāṇasī kāmarūpaṃ haridvāraṃ prayāgakam / gaṇḍakī badarikā devi gaṅgāsāgarasaṃgamam // MBhT_4.14 // yasya bhaktir mahāśaṅkhe tasya darśanamātrataḥ / tīrthasnānaphalaṃ sarvaṃ labhate nātra saṃśayaḥ // MBhT_4.15 // iti te kathitaṃ kānte sarvaṃ paramadurlabham / na vaktavyaṃ paśor agre prāṇānte parameśvari // MBhT_4.16 //

„Vārāṇasī, Kāmarūpa, Haridvāra, Prayāga, [der Fluss] Gaṇḍakī, Badarikā, o Göttin, [und] die Mündung der Gaṅgā ins Meer – wer Hingabe zum Mahāśaṅkha hat, dem wird allein durch dessen Anblick der gesamte Lohn des Bades an [all diesen] Wallfahrtsorten zuteil, ohne Zweifel. So wurde dir, Geliebte, all dies, überaus schwer Erlangbare, mitgeteilt; auch am Ende des Lebens darf es nicht vor dem Paśu ausgesprochen werden, o höchste Herrscherin.“

Wort für Wort
vārāṇasī kāma-rūpam haridvāram prayāgakam
Vārāṇasī, Kāmarūpa, Haridvāra, Prayāga
gaṇḍakī badarikā devi gaṅgā-sāgara-saṃgamam
Gaṇḍakī, Badarikā, Göttin, die Gaṅgā-Meer-Mündung
yasya bhaktiḥ mahā-śaṅkhe tasya darśana-mātrataḥ
wessen Hingabe zum Mahāśaṅkha, dem allein durch den Anblick
tīrtha-snāna-phalam sarvam labhate na atra saṃśayaḥ
wird der gesamte Lohn des Wallfahrts-Bades zuteil, ohne Zweifel
iti te kathitam kānte sarvam parama-durlabham
so wurde dir, Geliebte, all dies überaus schwer Erlangbare mitgeteilt
na vaktavyam paśoḥ agre prāṇa-ante parama-īśvari
nicht auszusprechen vor dem Paśu, auch am Lebensende, höchste Herrscherin

Abschluss des vierten Paṭala mit einem Katalog von sieben real existierenden großen Wallfahrtsorten (Vārāṇasī/Benares, Kāmarūpa in Assam, Haridvāra, Prayāga/Allahabad, der Fluss Gaṇḍakī, Badarikā/Badrinath, die Gaṅgā-Mündung bei Sāgar) – Hingabe zum Mahāśaṅkha-Rosenkranz übertrifft den Wert des tatsächlichen Wallfahrens zu allen. Die Geheimhaltungsformel wird hier verschärft: selbst im Angesicht des Todes (prāṇānte) nicht vor dem Paśu preiszugeben.

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