Quellen der Menschheit

Mātṛkābhedatantra

Paṭala 5: Mātṛkābhedatantra, pañcamaḥ paṭalaḥ Paṭala 5: Bhasma-Alchemie, ein sechsfacher Sekret-Katalog und die Wirkkraft des vollendeten Präparats

Ausführliches alchemistisches Kapitel: Herstellung von Bhasma (kalzinierter Asche) aus Quecksilber, eingebettet in ein Vorbereitungsritual mit sechzehn Ton-Liṅgas und vollem Pūjā-Zeremoniell (V.1-15); die eigentliche Bhasma-Prozedur in zwei Varianten, davon eine unter Verwendung ritueller weiblicher Sekrete ('Blüten', puṣpa) als Bindemittel (V.16-26); ein Exkurs, der sechs solcher 'Blüten'-Typen nach Herkunftsumständen definiert (V.27-33) – klassisches Kaula-Material, philologisch unverkürzt wiedergegeben; abschließend Goldprobe, medizinische Wirkung und eine hymnische Beschreibung der übermenschlichen Fähigkeiten des vollendeten Adepten (V.34-43).

Mātṛkābhedatantra, pañcamaḥ paṭalaḥ / śrīcaṇḍikovāca / pāradaṃ bhasmanirmāṇaṃ kenopāyena śaṃkara / tad ahaṃ śrotum icchāmi yadi te 'sti kṛpā mayi // MBhT_5.1 // śrīśaṃkara uvāca / pārade bhasmanirmāṇe nānāvighnāni pārvati / ata eva hi tatrādau śāntiṃ kuryād dvijottamaḥ // MBhT_5.2 // varayet karmakartāraṃ vakṣyamāṇavidhānataḥ / pūjayet ṣoḍaśaliṅgaṃ pārthivaṃ parvatātmaje // MBhT_5.3 // ṣoḍaśenopacāreṇa toḍaloktavidhānataḥ / bhogayogyaṃ pradātavyaṃ madhuparkaṃ sureśvari // MBhT_5.4 //

Mātṛkābhedatantra, fünfter Paṭala. Śrī Caṇḍikā sprach: „Durch welches Mittel, Śaṅkara, wird aus Quecksilber Bhasma [kalzinierte Asche] hergestellt? Das möchte ich hören, wenn du Mitleid mit mir hast.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Bei der Herstellung von Bhasma aus Quecksilber gibt es mancherlei Hindernisse, o Pārvatī; deshalb soll zu deren Beginn der beste der Zweifachgeborenen ein Friedensritual [Śānti] vollziehen. Man wähle den Ausführenden gemäß der sogleich zu verkündenden Vorschrift; man verehre sechzehn Liṅgas aus Ton, o Tochter des Berges, mit dem sechzehnfachen Opferdienst, gemäß der im Toḍala[-Tantra?] gelehrten Vorschrift [Anm.: Referenz unsicher identifizierbar]; genussgerechte [Gaben] sind darzureichen, [darunter] Madhuparka, o Götterherrscherin.“

Wort für Wort
pāradam bhasma-nirmāṇam kena-upāyena śaṃkara
des Quecksilbers Bhasma-Herstellung, durch welches Mittel, Śaṅkara
tat aham śrotum icchāmi yadi te asti kṛpā mayi
das möchte ich hören, wenn du Mitleid mit mir hast
pārade bhasma-nirmāṇe nānā-vighnāni pārvati
bei der Bhasma-Herstellung aus Quecksilber mancherlei Hindernisse, Pārvatī
ata eva hi tatra ādau śāntim kuryāt dvija-uttamaḥ
deshalb vollziehe zu deren Beginn der beste Zweifachgeborene ein Friedensritual
varayet karma-kartāram vakṣyamāṇa-vidhānataḥ
man wähle den Ausführenden gemäß der sogleich zu verkündenden Vorschrift
pūjayet ṣoḍaśa-liṅgam pārthivam parvata-ātmaje
man verehre sechzehn Liṅgas aus Ton, Tochter des Berges
ṣoḍaśena upacāreṇa toḍala-ukta-vidhānataḥ
mit dem sechzehnfachen Opferdienst, gemäß der im Toḍala gelehrten Vorschrift
bhoga-yogyam pradātavyam madhuparkam sura-īśvari
genussgerechte Gaben sind darzureichen, Madhuparka, Götterherrscherin

Fünfter Paṭala, wieder alchemistisch (rasaśāstra-artig): Herstellung von Bhasma (kalzinierter Asche) aus Quecksilber, eingebettet in ein vorbereitendes Ritual mit sechzehn Ton-Liṅgas. Der Verweis auf eine ,Toḍala'-Vorschrift bleibt als konkrete Textreferenz nicht sicher identifizierbar [?].

pañcāmṛtena deveśaṃ snāpayec chuddhavāriṇā / puruṣasya yathāyogyaṃ yugmavastraṃ nivedayet // MBhT_5.5 // caturaṅgulivistāraṃ raupyanirmāṇapīṭhakam / alaṃkāraṃ yathāyogyaṃ puruṣasya nivedayet // MBhT_5.6 // alaktakayutaṃ vāpi dadyān malayajaṃ śive / ṣaḍaṅgadhūpaṃ deveśi pradadyāc ca punaḥ punaḥ // MBhT_5.7 // ghṛtayuktaṃ tathā dīpaṃ dadyāt kalyāṇahetave / naivedyaṃ vividhaṃ ramyaṃ nānāphalasamanvitam // MBhT_5.8 // śarkarāsaṃyutaṃ kṛtvā pāyasaṃ vinivedayet / dadyāt toyaṃ maheśāni vijayāsaṃyutaṃ priye // MBhT_5.9 //

„Mit den fünf Nektarsubstanzen [Pañcāmṛta] und reinem Wasser bade man den Gott; wie es einem Mann geziemt, biete man ein Gewandpaar dar. Ein vier Finger breites, aus Silber gefertigtes Sockelchen [biete man dar]; Schmuck, wie es angemessen ist, biete man dar. Mit rotem Lack-Farbstoff versehen, oder auch, gebe man Sandelholz, o Huldreiche; den sechsteiligen Räucherstoff, o Göttin-Herrscherin, gebe man immer wieder. Und eine mit Ghee gespeiste Lampe gebe man zum Wohle; eine mannigfaltige, prächtige Speiseopfergabe, versehen mit verschiedenen Früchten. Mit Zucker vermischt bereitet, biete man Milchreis dar; man gebe Wasser, o große Herrscherin, vermischt mit Vijayā [Anm.: gebräuchlicher ritueller Name für ein Hanf-/Bhang-Getränk], o Geliebte.“

Wort für Wort
pañcāmṛtena deveśam snāpayet śuddha-vāriṇā
mit den fünf Nektarsubstanzen und reinem Wasser bade man den Gott
puruṣasya yathā-yogyam yugma-vastram nivedayet
wie es einem Mann geziemt, biete man ein Gewandpaar dar
catur-aṅguli-vistāram raupya-nirmāṇa-pīṭhakam
ein vier Finger breites, aus Silber gefertigtes Sockelchen
alaṃkāram yathā-yogyam puruṣasya nivedayet
Schmuck, wie angemessen, biete man dar
alaktaka-yutam vā api dadyāt malayajam śive
mit Lack-Farbstoff versehen oder Sandelholz gebe man, Huldreiche
ṣaḍ-aṅga-dhūpam deveśi pradadyāt ca punaḥ punaḥ
den sechsteiligen Räucherstoff, Göttin-Herrscherin, gebe man immer wieder
ghṛta-yuktam tathā dīpam dadyāt kalyāṇa-hetave
eine ghee-gespeiste Lampe gebe man zum Wohle
naivedyam vividham ramyam nānā-phala-samanvitam
eine mannigfaltige, prächtige Speiseopfergabe mit verschiedenen Früchten
śarkarā-saṃyutam kṛtvā pāyasam vinivedayet
mit Zucker vermischt bereite man Milchreis, biete dar
dadyāt toyam maheśāni vijayā-saṃyutam priye
man gebe Wasser, große Herrscherin, mit Vijayā vermischt, Geliebte

Ausführliche Ritualdetails der Verehrung (Bad, Kleidung, Schmuck, Duftstoffe, Licht, Speiseopfer) nach dem Muster der klassischen Pūjā-Vorschriften. ,Vijayā' ist ein in tantrischer Literatur gebräuchlicher Name für ein Cannabis-/Bhang-Getränk, das dem rituellen Wasser beigemischt wird.

ṣaḍakṣaraṃ mahāmantraṃ gajāntakasahasrakam / prajapet sādhakaśreṣṭhas tataḥ siddho bhaved dhruvam // MBhT_5.10 // athavā parameśāni dhanadāṃ dhanadāyinīm / pūjayed bahuyatnena ṣoḍaśenopacārataḥ // MBhT_5.11 // dvādaśāhvaṃ yajed dhīmān diksahasraṃ tato japet / taddaśāṃśaṃ maheśāni homaṃ kuryād vicakṣaṇaḥ // MBhT_5.12 // homakarmādyaśaktaś ced dviguṇaṃ japam ācaret / yadi prītā bhavet sā hi tadā kiṃ vā na sidhyati // MBhT_5.13 // pratyahaṃ parameśāni kubero dīyate vasu / bhasmanirmāṇakaṃ devi vicitraṃ tasya kiṃ śive // MBhT_5.14 // gurave dakṣiṇāṃ dadyād yathāvibhavavistaraiḥ / tataḥ siddho bhaven mantrī nātra kāryā vicāraṇā // MBhT_5.15 //

„Den sechssilbigen großen Mantra, [verbunden mit] Gajāntaka [einem Śiva-Beinamen], wiederhole der beste Übende tausendmal; dann wird er gewiss vollendet. Oder aber, o höchste Herrscherin, verehre man mit großer Mühe die Reichtum-Spenderin, die Reichtum-Gebende, mit dem sechzehnfachen Opferdienst. Der Kundige verehre zwölf Tage lang, rezitiere dann [den Mantra] vieltausendfach [?]; ein Zehntel davon vollziehe der Kluge als Feueropfer. Ist man zum Feueropfer-Ritus u.a. nicht imstande, vollziehe man die doppelte Mantra-Wiederholung; ist sie [die Göttin] dann zufrieden, was gäbe es dann noch, das nicht gelänge? Täglich, o höchste Herrscherin, gibt [dann] Kubera [der Reichtumsgott] Vermögen; was wäre da an der Bhasma-Herstellung noch Erstaunliches für ihn, o Huldreiche? Man gebe dem Guru eine Dakṣiṇā, entsprechend den eigenen Mitteln, in reichem Maße; dann wird der Mantra-Übende vollendet – hierüber ist kein Zweifel zu hegen.“

Wort für Wort
ṣaḍ-akṣaram mahā-mantram gajāntaka-sahasrakam
den sechssilbigen großen Mantra, [mit] Gajāntaka, tausendmal
prajapet sādhaka-śreṣṭhaḥ tataḥ siddhaḥ bhavet dhruvam
rezitiere der beste Übende, dann wird er gewiss vollendet
athavā parama-īśāni dhanadām dhanadāyinīm
oder aber, höchste Herrscherin, die Reichtum-Spenderin, Reichtum-Gebende
pūjayet bahu-yatnena ṣoḍaśena upacārataḥ
verehre mit großer Mühe mit dem sechzehnfachen Opferdienst
dvādaśa-āhvam yajet dhīmān tataḥ japet
zwölf Tage verehre der Kundige, dann rezitiere er
tat-daśāṃśam maheśāni homam kuryāt vicakṣaṇaḥ
ein Zehntel davon vollziehe der Kluge als Feueropfer, große Herrscherin
homa-karma-ādya-aśaktaḥ cet dviguṇam japam ācaret
ist man zum Feueropfer-Ritus nicht imstande, vollziehe die doppelte Rezitation
yadi prītā bhavet sā hi tadā kim vā na sidhyati
wenn sie zufrieden wird, was gäbe es dann, das nicht gelänge
pratyaham parama-īśāni kuberaḥ dīyate vasu
täglich, höchste Herrscherin, gibt Kubera Vermögen
bhasma-nirmāṇakam devi vicitram tasya kim śive
was wäre die Bhasma-Herstellung ihm noch Erstaunliches, Huldreiche
gurave dakṣiṇām dadyāt yathā-vibhava-vistaraiḥ
dem Guru gebe man eine Dakṣiṇā, entsprechend den eigenen Mitteln, reichlich
tataḥ siddhaḥ bhavet mantrī na atra kāryā vicāraṇā
dann wird der Mantra-Übende vollendet, kein Zweifel hierüber

Zwei alternative Mantra-Praktiken (Śiva-Mantra oder Verehrung der ,Reichtum-Gebenden', vermutlich einer Lakṣmī-artigen Gestalt) werden dem eigentlichen Bhasma-Ritual vorangestellt; die genaue Häufigkeitsangabe in V.12 (,diksahasram') bleibt unsicher [?], da ,dik' (,Richtung') in diesem Zahlenkontext ungewöhnlich ist – denkbar wäre eine Verschreibung für eine höhere Tausenderzahl.

śrīcaṇḍikovāca / vidhānaṃ devadeveśa bhasmanirmāṇakarmaṇi / sakṛt kṛte yena rūpe bhasmasāj jāyate vibho // MBhT_5.16 // śrīśaṃkara uvāca / ānīya pāradaṃ devi sthāpayet prastaropari / tasyopari japen mantraṃ sarvavandyanavātmakam // MBhT_5.17 // sāṣṭasahasraṃ deveśi prajapet sādhakāgraṇīḥ / syayambhupuṣpasaṃyukte vastre cāruṇasaṃnibhe // MBhT_5.18 // saṃsthāpya pāradaṃ devi mṛtpātrayugale śive / puṣpayuktena sūtreṇa badhnīyād bahuyatnataḥ // MBhT_5.19 // muktidhārājalenaiva dhānyasya parameśvari / lepayed bahuyatnena raudre śuṣkaṃ ca kārayet // MBhT_5.20 // punaś ca lepayed dhīmān tato vahnau vinikṣipet / aṣṭamīnavamīrātrau kṣipen naiva sureśvari // MBhT_5.21 //

Śrī Caṇḍikā sprach: „Die Vorgehensweise, o höchster Götterherr, beim Bhasma-Herstellungsritus, durch welche, einmal ausgeführt, [der Stoff] zu Bhasma wird, o Mächtiger [erkläre das].“ Śrī Śaṅkara sprach: „Nachdem man Quecksilber beschafft hat, o Göttin, lege man es auf eine Steinplatte; darüber rezitiere man den aus neun, von allen verehrten [Silben] bestehenden Mantra. Tausendundacht Mal rezitiere, o Göttin-Herrscherin, der vorderste der Übenden, auf einem morgenrot-farbenen Tuch, versehen mit der ,Svayambhū-Blüte' [Anm.: siehe die Definition der Blütenarten weiter unten]. Nachdem man das Quecksilber, o Göttin, in ein Paar Tongefäße gelegt hat, o Huldreiche, binde man es mit einem mit der ,Blüte' versehenen Faden, mit großer Sorgfalt. Mit dem [aus] Getreide [gewonnenen] Sud [?], o höchste Herrscherin, bestreiche man mit großer Sorgfalt [das Gefäß] und lasse es in der Sonnenglut trocknen. Und wiederum bestreiche der Kundige [es], dann lege man es ins Feuer; an der achten oder neunten Nacht [des Mondmonats] werfe man es jedoch niemals [hinein], o Götterherrscherin.“

Wort für Wort
vidhānam deva-deveśa bhasma-nirmāṇa-karmaṇi
die Vorgehensweise, höchster Götterherr, beim Bhasma-Herstellungsritus
sakṛt kṛte yena rūpe bhasmasāt jāyate vibho
durch welche, einmal ausgeführt, [der Stoff] zu Bhasma wird, Mächtiger
ānīya pāradam devi sthāpayet prastara-upari
nachdem man Quecksilber beschafft, lege man es auf eine Steinplatte
tasya upari japet mantram sarva-vandya-nava-ātmakam
darüber rezitiere man den aus neun, allverehrten [Silben] bestehenden Mantra
sa-aṣṭa-sahasram deveśi prajapet sādhaka-agraṇīḥ
tausendundacht Mal, Göttin-Herrscherin, rezitiere der vorderste Übende
svayambhu-puṣpa-saṃyukte vastre āruṇa-saṃnibhe
auf einem morgenrot-farbenen, mit der Svayambhū-Blüte versehenen Tuch
saṃsthāpya pāradam devi mṛt-pātra-yugale śive
nachdem man das Quecksilber in ein Tongefäß-Paar gelegt hat, Huldreiche
puṣpa-yuktena sūtreṇa badhnīyāt bahu-yatnataḥ
mit einem mit der Blüte versehenen Faden binde man mit großer Sorgfalt
mukta-dhārā-jalena eva dhānyasya parama-īśvari
mit dem ausströmenden Wasser des Getreides [?], höchste Herrscherin
lepayet bahu-yatnena raudre śuṣkam ca kārayet
bestreiche mit großer Sorgfalt und lasse in der Sonnenglut trocknen
punaḥ ca lepayet dhīmān tataḥ vahnau vinikṣipet
und wiederum bestreiche der Kundige, dann lege ins Feuer
aṣṭamī-navamī-rātrau kṣipet na eva sura-īśvari
an der achten oder neunten Nacht werfe man niemals [hinein], Götterherrscherin

Die eigentliche Bhasma-Herstellungsvorschrift, wieder mit ritueller Mantra-Wiederholung (1008-fach) verbunden. Die ,Svayambhū-Blüte' (menstruales Sekret einer unverheirateten Jungfrau, s. Definition unten V.27ff.) wird hier als rituelle Substanz zur Imprägnierung des Bindetuchs verwendet – ein für Kaula-Alchemie charakteristisches Element, das körperliche Sekrete als machtvolle Ritualstoffe behandelt. ,Muktidhārājala' (V.20) bleibt als genauer Fachbegriff für einen Getreide-Sud unsicher [?].

athavā parameśāni mṛtpātre sthāpayed rasam / vallīrasena taddravyaṃ śodhayed bahuyatnataḥ // MBhT_5.22 // ghṛtanārīrasenaiva tathaiva śodhanaṃ caret / evaṃ kṛte tu guṭikā yadi syād dṛḍhabandhanam // MBhT_5.23 // dhusturaṃ ca samānīya madhye śūnyaṃ ca kārayet / kṛṣṇākhyatulasīyoge tathā ghṛtakumārikā // MBhT_5.24 // evaṃ kṛte vahniyoge bhasmasāj jāyate kila / bhasmayoge bhavet svarṇaṃ dhanadāyāḥ prasādataḥ // MBhT_5.25 // vivarṇaṃ jāyate dravyaṃ yadi pūjāṃ na cācaret // MBhT_5.26 //

„Oder aber, o höchste Herrscherin, lege man das Quecksilber in ein Tongefäß; mit dem Saft einer Kletterpflanze reinige man jene Substanz mit großer Sorgfalt. Mit dem Saft der Ghṛtanārī [Anm.: Pflanzenname unsicher] vollziehe man ebenso die Reinigung; ist, wenn dies getan ist, eine feste, zusammenhaltende Pille entstanden – und nachdem man Dhattura [Stechapfel] beschafft hat, mache man in der Mitte eine Aushöhlung, in Verbindung mit ,Kṛṣṇa-Tulasī' [schwarzem Basilikum] und ebenso Ghṛtakumārikā [Aloe vera]. Ist dies vollzogen, wird [der Stoff] bei Feuerkontakt tatsächlich zu Bhasma; durch Anwendung des Bhasma entsteht Gold, durch die Gnade der Reichtum-Gebenden. Verfärbt wird der Stoff, wenn man die [vorgeschriebene] Verehrung nicht vollzieht.“

Wort für Wort
athavā parama-īśāni mṛt-pātre sthāpayet rasam
oder aber, höchste Herrscherin, lege das Quecksilber in ein Tongefäß
vallī-rasena tat-dravyam śodhayet bahu-yatnataḥ
mit Kletterpflanzensaft reinige jene Substanz mit großer Sorgfalt
ghṛta-nārī-rasena eva tathā eva śodhanam caret
mit dem Saft der Ghṛtanārī vollziehe ebenso die Reinigung
evam kṛte tu guṭikā yadi syāt dṛḍha-bandhanam
ist, wenn dies getan, eine feste zusammenhaltende Pille entstanden
dhusturam ca samānīya madhye śūnyam ca kārayet
und nach Beschaffung von Dhattura mache man in der Mitte eine Aushöhlung
kṛṣṇa-ākhya-tulasī-yoge tathā ghṛta-kumārikā
in Verbindung mit der Kṛṣṇa-Tulasī und ebenso Ghṛtakumārikā
evam kṛte vahni-yoge bhasmasāt jāyate kila
ist dies vollzogen, wird es bei Feuerkontakt tatsächlich zu Bhasma
bhasma-yoge bhavet svarṇam dhanadāyāḥ prasādataḥ
durch Anwendung des Bhasma entsteht Gold, durch die Gnade der Reichtum-Gebenden
vivarṇam jāyate dravyam yadi pūjām na ca ācaret
verfärbt wird der Stoff, wenn man die Verehrung nicht vollzieht

Alternatives Reinigungs- und Präparationsverfahren mit pflanzlichen Zutaten (Kletterpflanzensaft, Dhattura/Stechapfel, schwarzes Basilikum, Aloe vera) – klassische Ingredienzien der āyurvedisch-alchemistischen Rasaśāstra-Tradition zur Quecksilberreinigung (śodhana).

śrīcaṇḍikovāca / svayambhu kīdṛśaṃ nātha kuṇḍagolaṃ tu kīdṛśam / svapuṣpaṃ kīdṛśaṃ nātha vajrapuṣpaṃ tu kīdṛśam / sarvakālodbhavaṃ nātha kīdṛśaṃ vada śaṃkara // MBhT_5.27 // śrīśaṃkara uvāca / vivāharahitā kanyā prathamaṃ puṣpasaṃyutā / tacchoṇitaṃ maheśāni svayambhu nātra saṃśayaḥ // MBhT_5.28 // bhartari vidyamāne tu yā kanyā cānyajā śive / tadudbhavaṃ kuṇḍapuṣpaṃ sarvakāryārthasādhakam // MBhT_5.29 // mṛte bhartari deveśi yā kanyā anyajā śive / tadudbhavaṃ golapuṣpaṃ devavaśyakaraṃ param // MBhT_5.30 // vivāhitāyāḥ kanyāyāḥ prathame ṛtusambhave / tacchoṇitaṃ maheśāni svapuṣpaṃ sarvamohanam // MBhT_5.31 // vivāhitāyāḥ kanyāyāḥ puruṣasya ca tāḍanāt / yadi puṣpaṃ samudbhūtaṃ vajraṃ tat parikīrtitam // MBhT_5.32 // vivāhitāyāḥ kanyāyāḥ pratimāse ca yad bhavet / sarvakālodbhavaṃ puṣpaṃ kathitaṃ vīravandite // MBhT_5.33 //

Śrī Caṇḍikā sprach: „Was ist Svayambhu, o Herr, und was Kuṇḍa[-puṣpa] und Gola[-puṣpa]? Was ist Svapuṣpa, o Herr, und was Vajrapuṣpa? Was ist ,zu jeder Zeit Entstehendes' [Sarvakālodbhava], o Herr – sage es, Śaṅkara.“ Śrī Śaṅkara sprach: „Bei einem unverheirateten Mädchen, wenn es mit der ersten ,Blüte' [Menstruation] versehen ist – jenes Blut, o große Herrscherin, ist Svayambhu, ohne Zweifel. Wenn aber, während der Ehemann lebt, ein Mädchen von einem anderen [gezeugt] geboren wird, o Huldreiche – die daraus entstehende ,Blüte' [ist] Kuṇḍapuṣpa, alle Zwecke erfüllend. Wenn aber der Ehemann tot ist, o Göttin-Herrscherin, [und] ein Mädchen von einem anderen [gezeugt wird] – die daraus entstehende ,Blüte' [ist] Golapuṣpa, das höchst wirksam macht, selbst Götter gefügig. Bei der ersten Menstruation einer verheirateten Frau – jenes Blut, o große Herrscherin, [ist] Svapuṣpa, alles bezaubernd. Wenn bei einer verheirateten Frau durch den Beischlaf des Mannes eine ,Blüte' entsteht, wird jene ,Vajra[-Blüte]' genannt. Was bei einer verheirateten Frau monatlich [regelmäßig] eintritt, wird ,zu jeder Zeit Entstehende Blüte' genannt, o von den Vīras Verehrte.“

Wort für Wort
svayambhu kīdṛśam nātha kuṇḍa-golam tu kīdṛśam
was ist Svayambhu, Herr, und was Kuṇḍa- und Gola-[Blüte]
svapuṣpam kīdṛśam nātha vajra-puṣpam tu kīdṛśam
was ist Svapuṣpa, Herr, und was Vajrapuṣpa
sarva-kāla-udbhavam nātha kīdṛśam vada śaṃkara
was die 'zu jeder Zeit entstehende', Herr, sage es, Śaṅkara
vivāha-rahitā kanyā prathamam puṣpa-saṃyutā
ein unverheiratetes Mädchen, mit der ersten Blüte versehen
tat-śoṇitam maheśāni svayambhu na atra saṃśayaḥ
jenes Blut, große Herrscherin, ist Svayambhu, ohne Zweifel
bhartari vidyamāne tu yā kanyā ca anyajā śive
während der Ehemann lebt, ein von einem anderen gezeugtes Mädchen, Huldreiche
tat-udbhavam kuṇḍa-puṣpam sarva-kārya-artha-sādhakam
die daraus entstehende Blüte ist Kuṇḍapuṣpa, alle Zwecke erfüllend
mṛte bhartari deveśi yā kanyā anyajā śive
bei totem Ehemann ein von einem anderen gezeugtes Mädchen, Göttin-Herrscherin
tat-udbhavam gola-puṣpam deva-vaśya-karam param
die daraus entstehende Blüte ist Golapuṣpa, höchst Götter-bezwingend
vivāhitāyāḥ kanyāyāḥ prathame ṛtu-sambhave
einer verheirateten Frau bei der ersten Menstruation
tat-śoṇitam maheśāni svapuṣpam sarva-mohanam
jenes Blut, große Herrscherin, ist Svapuṣpa, alles bezaubernd
vivāhitāyāḥ kanyāyāḥ puruṣasya ca tāḍanāt
einer verheirateten Frau durch das Schlagen des Mannes [Beischlaf]
yadi puṣpam samudbhūtam vajram tat parikīrtitam
wenn eine Blüte entsteht, wird jene Vajra[-Blüte] genannt
vivāhitāyāḥ kanyāyāḥ prati-māse ca yat bhavet
was bei einer verheirateten Frau monatlich eintritt
sarva-kāla-udbhavam puṣpam kathitam vīra-vandite
wird die 'zu jeder Zeit entstehende Blüte' genannt, von Vīras Verehrte

Eine für Kaula-/vāmācāra-Tantras charakteristische Klassifikation weiblicher menstrualer/sexueller Sekrete (,Blüten', puṣpa) nach Herkunftsumständen (unverheiratet/verheiratet, Ehemann lebend/tot, aus Beischlaf, regelmäßig) als rituell einzusetzende Substanzen – hier als Zutat für das Bhasma-Ritual (V.18: 'Svayambhū-Blüte'). Solche Sekret-Taxonomien sind historisch in mehreren Śākta-Tantras belegt und werden hier philologisch wörtlich, ohne Beschönigung oder Auslassung, wiedergegeben.

samakrośaṃ vahnimadhye sthāpayed bahuyatnataḥ / tata utthāya tad dravyaṃ svarṇapātre nidhāya ca // MBhT_5.34 // prajapet parameśāni prāsādākhyaṃ mahāmanum / tataḥ siddho bhaven mantrī nānyathā mama bhāṣitam // MBhT_5.35 // etan mantraṃ maheśāni gajāntakasahasrakam / japitvā pūjayet paścāt pārthivaṃ śivaliṅgakam // MBhT_5.36 // tataḥ parīkṣā kartavyā śṛṇu matprāṇavallabhe / śuddhatāmraṃ vahnimadhye mṛtpātre tolakaṃ mitam // MBhT_5.37 // dravībhūte ca tāmre ca guñjāmānaṃ kṣiped yadi / tatkṣaṇe parameśāni svarṇaṃ bhavati niścitam // MBhT_5.38 // guñjāpramāṇaṃ tad dravyaṃ bhojanaṃ kurute yadi / sarvarogaparityakto jāyate madanopamaḥ / mantrasiddhir bhavet tasya jāyate cirajīvitā // MBhT_5.39 //

„Für eine gewisse Zeitspanne [Anm.: ,samakrośam' unklar, wörtl. etwa 'in der Dauer eines Krośa'] lege man [den präparierten Stoff] mit großer Sorgfalt ins Feuer; danach nehme man jenen Stoff heraus und lege ihn in ein goldenes Gefäß. Man rezitiere, o höchste Herrscherin, den großen, ,Prāsāda' genannten Mantra; dann wird der Mantra-Übende vollendet – mein Wort ist nicht anders. Diesen Mantra, o große Herrscherin, [verbunden mit] Gajāntaka, tausendmal rezitiert, verehre man danach [zusammen mit] einem kleinen tönernen Śiva-Liṅga. Danach ist eine Prüfung vorzunehmen, höre, o Geliebte meines Lebens: reines Kupfer, im Maß eines Tola, [gebe man] in einem Tongefäß ins Feuer. Und wenn das Kupfer geschmolzen ist, wirft man [den Stoff] im Maß eines Guñjā-Samens hinein – im selben Augenblick, o höchste Herrscherin, wird es gewiss zu Gold. Wenn man jenen Stoff im Maß eines Guñjā-Samens verzehrt, wird man frei von jeder Krankheit, dem Liebesgott vergleichbar; Mantra-Vollendung wird ihm zuteil, und langes Leben entsteht.“

Wort für Wort
sama-krośam vahni-madhye sthāpayet bahu-yatnataḥ
für die Dauer eines Krośa [?] lege man mit großer Sorgfalt ins Feuer
tataḥ utthāya tat dravyam svarṇa-pātre nidhāya ca
danach herausgenommen, jenen Stoff in ein goldenes Gefäß gelegt
prajapet parama-īśāni prāsāda-ākhyam mahā-manum
rezitiere, höchste Herrscherin, den 'Prāsāda' genannten großen Mantra
tataḥ siddhaḥ bhavet mantrī na anyathā mama bhāṣitam
dann wird der Mantra-Übende vollendet, mein Wort ist nicht anders
etat mantram maheśāni gajāntaka-sahasrakam
diesen Mantra, große Herrscherin, mit Gajāntaka, tausendmal
japitvā pūjayet paścāt pārthivam śiva-liṅgakam
rezitiert, verehre danach ein kleines tönernes Śiva-Liṅga
tataḥ parīkṣā kartavyā śṛṇu mat-prāṇa-vallabhe
danach ist eine Prüfung vorzunehmen, höre, Geliebte meines Lebens
śuddha-tāmram vahni-madhye mṛt-pātre tolakam mitam
reines Kupfer, im Maß eines Tola, in einem Tongefäß ins Feuer
dravī-bhūte ca tāmre ca guñjā-mānam kṣipet yadi
wenn das Kupfer geschmolzen, wirft man im Maß eines Guñjā-Samens hinein
tat-kṣaṇe parama-īśāni svarṇam bhavati niścitam
im selben Augenblick, höchste Herrscherin, wird es gewiss zu Gold
guñjā-pramāṇam tat dravyam bhojanam kurute yadi
wenn man jenen Stoff im Maß eines Guñjā-Samens verzehrt
sarva-roga-parityaktaḥ jāyate madana-upamaḥ
wird man frei von jeder Krankheit, dem Liebesgott vergleichbar
mantra-siddhiḥ bhavet tasya jāyate cira-jīvitā
Mantra-Vollendung wird ihm zuteil, langes Leben entsteht

Abschluss der eigentlichen Bhasma-Prozedur mit Goldprobe (analog zur Kupfer-Silber-Transmutationsprobe aus Paṭala 1) und medizinisch-alchemistischer Wirkbeschreibung des fertigen Präparats (Krankheitsfreiheit, Langlebigkeit, jugendliche Schönheit).

pratyahaṃ parameśāni śatanārīṃ ramed yadi / vīryādirahitaṃ na syāt tejovṛddhikaraṃ param // MBhT_5.40 // maraṇaṃ naiva paśyāmi yadi dhyānayuto bhavet / tasya vittaṃ vilokyaiva kubero 'pi tiraskṛtaḥ // MBhT_5.41 // gānena tumburuḥ sākṣād dānena vāsavo yathā / maheśa iva yogīndro nirṛtir iva durdharaḥ // MBhT_5.42 // mahābalo mahāvīryo mahāsāhasikaḥ śuciḥ / mahāsvaccho dayāvāṃś ca sarvaprāṇihite rataḥ / bahu kiṃ kathyate devi sa eva gaṇanāyakaḥ // MBhT_5.43 //

„Selbst wenn man täglich, o höchste Herrscherin, mit hundert Frauen Umgang pflegte, würde man nicht an Kraft u.a. verlieren – [dieser Stoff] ist höchst wirksam für die Mehrung der Leuchtkraft [Tejas]. Wenn man dabei der Meditation hingegeben ist, sehe ich [Śiva] überhaupt keinen Tod [mehr für ihn]; allein beim Anblick seines Reichtums wird sogar Kubera beschämt. Im Gesang [wird er] geradezu wie Tumburu, in Freigebigkeit wie Vāsava [Indra], wie Maheśa unter den Herren des Yoga, unbezwingbar wie Nirṛti. Von großer Kraft, großer Tatkraft, großem Wagemut, rein, von großer Lauterkeit und mitfühlend, dem Wohl aller Lebewesen zugetan – was soll man viel sagen, o Göttin: er selbst wird zum Anführer der [göttlichen] Scharen [Gaṇanāyaka].“

Wort für Wort
pratyaham parama-īśāni śata-nārīm ramet yadi
wenn man täglich, höchste Herrscherin, mit hundert Frauen Umgang pflegte
vīrya-ādi-rahitam na syāt tejo-vṛddhi-karam param
würde man nicht an Kraft u.a. verlieren, höchst tejas-mehrend
maraṇam na eva paśyāmi yadi dhyāna-yutaḥ bhavet
ich sehe überhaupt keinen Tod, wenn man der Meditation hingegeben ist
tasya vittam vilokya eva kuberaḥ api tiraskṛtaḥ
allein beim Anblick seines Reichtums wird sogar Kubera beschämt
gānena tumburuḥ sākṣāt dānena vāsavaḥ yathā
im Gesang geradezu wie Tumburu, in Freigebigkeit wie Vāsava
maheśaḥ iva yogi-indraḥ nirṛtiḥ iva durdharaḥ
wie Maheśa unter den Herren des Yoga, unbezwingbar wie Nirṛti
mahā-balaḥ mahā-vīryaḥ mahā-sāhasikaḥ śuciḥ
von großer Kraft, großer Tatkraft, großem Wagemut, rein
mahā-svacchaḥ dayā-vān ca sarva-prāṇi-hite rataḥ
von großer Lauterkeit und mitfühlend, dem Wohl aller Lebewesen zugetan
bahu kim kathyate devi sa eva gaṇa-nāyakaḥ
was soll viel gesagt werden, Göttin, er selbst wird zum Scharenführer

Abschluss des fünften Paṭala mit einer hymnischen Wirkbeschreibung des vollendeten Bhasma-Adepten: übermenschliche sexuelle Vitalität ohne Kraftverlust, Todlosigkeit bei meditativer Praxis, Reichtum, der selbst Kubera übertrifft, sowie eine Reihe von Vergleichen mit Gestalten aus dem klassischen Pantheon (Tumburu, Vāsava/Indra, Maheśa/Śiva, Nirṛti), die Gesang, Freigebigkeit, Yoga-Meisterschaft und Unbezwingbarkeit verkörpern.

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