Paṭala 8: Mātṛkābhedatantra, aṣṭamaḥ paṭalaḥ
Paṭala 8: Das Quecksilber-Liṅga (Pāradaliṅga) – Nirvacana-Deutung, Vorbereitungsritual und Formungsverfahren
Fortsetzung der Quecksilber-Alchemie aus Paṭala 5, hier fokussiert auf das Pāradaliṅga (Quecksilber-Śivaliṅga) als höchste Verkörperung Śivas. Enthält eine bemerkenswerte silbenweise Nirvacana-Deutung des Wortes 'pārada' als Kürzel für Viṣṇu-Kālikā-Śiva-Brahmā (V.6-7), strenge Warnungen vor Misshandlung des Quecksilbers, ein aufwendiges Vorbereitungsritual mit zwölf Ton-Liṅgas, eine 'Bindung' (Stabilisierung) des Quecksilbers durch Kräuter-Mantra-Kombination, und schließlich das eigentliche Formungsverfahren des Liṅga mit Jhiṇṭī-Blattsaft und wiederholter, in svapuṣpa-getränktem Tuch vorgenommener Erhitzung.
Mātṛkābhedatantra, aṣṭamaḥ paṭalaḥ / śrīdevy uvāca / śṛṇu nātha parānanda parāparakulātmaka / tvāṃ vinā trāṇakartā ca mama jñāne na vartate // MBhT_8.1 // pūrṇaliṅgaṃ maheśāna śivabījaṃ na cānyathā / śilāmadhye tathā cakraṃ lakṣmīnārāyaṇaṃ param // MBhT_8.2 // pāradasya śatāṃśaikaṃ mama jñāne na vartate / śivabījaṃ mahādeva śivarūpaṃ na cānyathā / liṅgarūpaṃ kathaṃ deva tad vadasva mayi prabho // MBhT_8.3 // śrīśiva uvāca / yathā jyotirmayaṃ liṅgaṃ kailāsaśikhare mama / tasyaiva ṣoḍaśāṃśaikaḥ kāśyāṃ viśveśvaraḥ sthitaḥ // MBhT_8.4 //
Mātṛkābhedatantra, achter Paṭala. Śrī Devī sprach: „Höre, o Herr, höchste Wonne, o Wesen des höheren und niederen Kula: ohne dich gibt es, meinem Wissen nach, keinen Beschützer. Das vollkommene Liṅga, o großer Herr, [ist] der Śiva-Same, nicht anders; ebenso [befindet sich] im Innern des Steins das Cakra, die höchste Lakṣmī-Nārāyaṇa[-Gestalt]. Nicht einmal ein Hundertstel des Quecksilbers ist meinem Wissen nach [erfasst]; der Śiva-Same, o großer Gott, [ist] Śivas eigene Gestalt, nicht anders; wie [ist] die Liṅga-Gestalt [beschaffen], o Gott – sage mir das, o Gebieter.“ Śrī Śiva sprach: „Wie das lichtgestaltige Liṅga auf dem Kailāsa-Gipfel das meinige ist, [so] steht nur ein Sechzehntel eben davon in Kāśī als Viśveśvara.“
Wort für Wort
śṛṇu nātha para-ānanda parāpara-kula-ātmaka
höre, Herr, höchste Wonne, Wesen des höheren und niederen Kula
tvām vinā trāṇa-kartā ca mama jñāne na vartate
ohne dich gibt es meinem Wissen nach keinen Beschützer
pūrṇa-liṅgam maheśāna śiva-bījam na ca anyathā
das vollkommene Liṅga, großer Herr, ist der Śiva-Same, nicht anders
śilā-madhye tathā cakram lakṣmī-nārāyaṇam param
ebenso im Steininnern das Cakra, die höchste Lakṣmī-Nārāyaṇa-Gestalt
pāradasya śata-aṃśa-ekam mama jñāne na vartate
nicht einmal ein Hundertstel des Quecksilbers ist meinem Wissen nach erfasst
liṅga-rūpam katham deva tat vadasva mayi prabho
wie ist die Liṅga-Gestalt beschaffen, Gott, sage mir das, Gebieter
yathā jyotir-mayam liṅgam kailāsa-śikhare mama
wie das lichtgestaltige Liṅga auf dem Kailāsa-Gipfel das meinige ist
tasya eva ṣoḍaśa-aṃśa-ekaḥ kāśyām viśveśvaraḥ sthitaḥ
nur ein Sechzehntel davon steht in Kāśī als Viśveśvara
Achter Paṭala, mit 34 Versen wieder alchemistisch (Quecksilber-Liṅga-Herstellung), thematisch eng verwandt mit Paṭala 5. Der Vergleich zwischen dem vollen Kailāsa-Liṅga und dem nur ein Sechzehntel davon umfassenden Viśveśvara-Liṅga in Kāśī/Benares spiegelt eine reale religionsgeographische Hierarchisierung wider (Kāśī als der bedeutendste irdische Śiva-Wallfahrtsort, dennoch nur ein Abglanz des himmlischen Urbilds).
pūrṇaliṅgaṃ maheśāni śivabījaṃ na cānyathā / śilāmadhye tathā cakraṃ lakṣmīnārāyaṇaṃ param // MBhT_8.5 // pāradasya śatāṃśaikaṃ lakṣmīnārāyaṇaṃ na hi / pakāraṃ viṣṇurūpaṃ ca ākāraṃ kālikā tathā // MBhT_8.6 // rephaṃ śivaṃ dakāraṃ ca brahmarūpaṃ na cānyathā / pāradaṃ parameśāni brahmaviṣṇuśivātmakam // MBhT_8.7 // yo yajet pāradaṃ liṅgaṃ sa eva śambhur avyayaḥ / sa eva dhanyo deveśi sa jñānī sa tu tattvavit // MBhT_8.8 // sa brahmavettā sa dhanī sa rājā bhuvi pūjitaḥ / aṇimādivibhūtīnām īśvaraḥ sādhakottamaḥ // MBhT_8.9 // striyaḥ svabhāvacapalā gopituṃ na hi śakyate / ata eva hi deveśi viratā bhava pārvati // MBhT_8.10 //
„Das vollkommene Liṅga, o große Herrscherin, [ist] der Śiva-Same, nicht anders; ebenso [befindet sich] im Steininnern das Cakra, die höchste Lakṣmī-Nārāyaṇa[-Gestalt]. Ein Hundertstel des Quecksilbers [übertrifft sogar] Lakṣmī-Nārāyaṇa [Anm.: Sinn unsicher, evtl. ,ist nicht [gleich] Lakṣmī-Nārāyaṇa', s.u.]: die Silbe ,pa' [ist] von Viṣṇu-Gestalt, die Silbe ,ā' ebenso Kālikā, der Laut ,ra' [ist] Śiva, und die Silbe ,da' [ist] von Brahmās Gestalt, nicht anders – das Quecksilber [Pārada], o höchste Herrscherin, ist von der Wesensnatur Brahmās, Viṣṇus [und] Śivas [Anm.: das Wort ,pārada' wird hier Silbe für Silbe als Kürzel für Viṣṇu-Kālikā-Śiva-Brahmā gedeutet – eine klassische tantrische Nirvacana-,Etymologie']. Wer das Quecksilber-Liṅga verehrt, der selbst wird zum unvergänglichen Śambhu; er allein ist gesegnet, o Götterherrscherin, er der Wissende, er der Kenner der Wahrheit. Er [ist] der Brahman-Kenner, er der Reiche, er der auf Erden verehrte König; der beste der Übenden [wird zum] Herrn der [übernatürlichen] Kräfte, angefangen mit der Aṇimā. Frauen sind von Natur aus wankelmütig, [dies] kann nicht verborgen werden; deshalb, o Götterherrscherin, halte dich zurück, Pārvatī.“
Wort für Wort
pāradasya śata-aṃśa-ekam lakṣmī-nārāyaṇam na hi
ein Hundertstel des Quecksilbers [ist] nicht [gleich] Lakṣmī-Nārāyaṇa
pa-kāram viṣṇu-rūpam ca ā-kāram kālikā tathā
die Silbe 'pa' von Viṣṇu-Gestalt, die Silbe 'ā' ebenso Kālikā
repham śivam da-kāram ca brahma-rūpam na ca anyathā
der Laut 'ra' Śiva, die Silbe 'da' von Brahmās Gestalt, nicht anders
pāradam parama-īśāni brahma-viṣṇu-śiva-ātmakam
das Quecksilber, höchste Herrscherin, von der Wesensnatur Brahmās, Viṣṇus, Śivas
yaḥ yajet pāradam liṅgam sa eva śambhuḥ avyayaḥ
wer das Quecksilber-Liṅga verehrt, wird selbst zum unvergänglichen Śambhu
sa eva dhanyaḥ deveśi sa jñānī sa tu tattva-vit
er allein ist gesegnet, Götterherrscherin, der Wissende, der Kenner der Wahrheit
sa brahma-vettā sa dhanī sa rājā bhuvi pūjitaḥ
er der Brahman-Kenner, der Reiche, der auf Erden verehrte König
aṇima-ādi-vibhūtīnām īśvaraḥ sādhaka-uttamaḥ
der beste Übende wird Herr der Kräfte, angefangen mit der Aṇimā
striyaḥ svabhāva-capalāḥ gopitum na hi śakyate
Frauen sind von Natur aus wankelmütig, dies kann nicht verborgen werden
V.6-7 enthält eine bemerkenswerte silbenweise Nirvacana-Deutung des Wortes ,pārada' (Quecksilber) selbst: pa=Viṣṇu, ā=Kālikā, ra=Śiva, da=Brahmā – das Quecksilber wird damit sprachlich als Verkörperung der gesamten Götter-Trias plus der Göttin gedeutet, was seine besondere alchemistische Heiligkeit begründet. V.10 enthält eine für ältere religiöse Literatur nicht unübliche, aus heutiger Sicht misogyne Stereotypformel (,Frauen sind von Natur aus wankelmütig'), hier ungewöhnlich direkt an die Devī selbst gerichtet – vermutlich als konventionelle rhetorische Einleitung zu einer folgenden Geheimhaltungs-/Verhaltensmahnung gemeint, nicht als inhaltliche Kritik an ihr; wörtlich wiedergegeben, ohne Beschönigung.
Śrī Devī sprach: „Sage es, o mitleidsvoller Herr, wenn Mitgefühl [in dir] wohnt; ohne dein Wort, o Gott, wo [gäbe es] Befreiung, wo [rechtes] Handeln?“ Śrī Śiva sprach: „Das Quecksilber, den Śiva-Samen, darf man niemals misshandeln [Tāḍana]; durch Misshandlung entstünde Vermögensverlust, durch Misshandlung Sohnlosigkeit, durch Misshandlung würde man von Krankheit befallen, durch Misshandlung träte der Tod ein.“ Śrī Devī sprach: „Diese Hindernisse u.a., o Herr, sind gewiss wahr, ohne Zweifel; sage mir, o Herr, o Schatz des Mitleids, [das Verfahren,] das frei von solchen Hindernissen u.a. ist.“ Śrī Śiva sprach: „Bei der Śiva-Herstellung aus Quecksilber [gibt es] mancherlei Hindernisse, o Huldreiche; deshalb vollziehe man zu deren Beginn ein Friedens- und Segensritual. Zwölf erdene Liṅgas mit dem sechzehnfachen Opferdienst; eine aus Seidenband u.a. gefertigte Fadenstruktur, weiß gestaltet. Wie es dem [männlichen Gott] geziemt, biete man ein Gewandpaar dar; genussgerechte [Gaben] sind darzureichen, Madhuparka, o Götterherrscherin. Schmuck gebe man nach [eigenem] Vermögen, zum Wohle; verehre mit großer Sorgfalt, mit Bilva-Blättern, Pārvatī. Nach der im Toḍala gelehrten Vorschrift rezitiere man je [Liṅga] zehntausendmal; zu Beginn rezitiere man den fünfsilbigen Mantra hundertundacht Mal. Am Ende der Verehrung rezitiere man danach den ,Prāsāda' genannten großen Mantra; nachdem man [den Ritus] bis zur Dakṣiṇā vollzogen hat, [sei man] ein Haviṣya-Esser [reine Opferspeise], mit gebändigten Sinnen. Betel und ebenso Fisch meide man niemals; in diesem Tantra sind Haviṣya-Speise, Betel [und] Fisch die höchsten [vorgeschriebenen Speisen]. Man vollziehe das Feueropfer, o höchste Herrscherin, [im Umfang eines] Zehntels oder Hundertstels; für das Feueropfer ist eine Dakṣiṇā zu leisten – dann wird man von Hindernissen nicht berührt.“
Wort für Wort
pāradam śiva-bījam hi tāḍanam na hi kārayet
das Quecksilber, den Śiva-Samen, darf man niemals misshandeln
tāḍanāt vitta-nāśaḥ syāt tāḍanāt suta-hīnatā
durch Misshandlung entstünde Vermögensverlust, Sohnlosigkeit
tāḍanāt roga-yuktaḥ syāt tāḍanāt maraṇam bhavet
durch Misshandlung würde man krank, durch Misshandlung träte der Tod ein
pārade śiva-nirmāṇe nānā-vighnam yataḥ śive
bei der Śiva-Herstellung aus Quecksilber mancherlei Hindernisse, Huldreiche
ata eva hi tatra ādau śānti-svastyayanam caret
deshalb vollziehe zu deren Beginn ein Friedens- und Segensritual
dvādaśam pārthivam liṅgam upacāraiḥ ca ṣoḍaśaiḥ
zwölf erdene Liṅgas mit dem sechzehnfachen Opferdienst
puruṣasya yathā-yogyam yugma-vastram nivedayet
wie es dem männlichen Gott geziemt, biete man ein Gewandpaar dar
bhoga-yogyam pradātavyam madhuparkam sura-īśvari
genussgerechte Gaben sind darzureichen, Madhuparka, Götterherrscherin
alaṃkāram yathā-śakti dadyāt kalyāṇa-hetave
Schmuck gebe man nach Vermögen, zum Wohle
pūjayet bahu-yatnena bilva-patreṇa pārvati
verehre mit großer Sorgfalt, mit Bilva-Blättern, Pārvatī
toḍala-uktena vidhinā pratyekena ayutam japet
nach der im Toḍala gelehrten Vorschrift rezitiere man je zehntausendmal
ādau pañca-akṣaram mantram aṣṭottara-śatam japet
zu Beginn rezitiere den fünfsilbigen Mantra hundertundacht Mal
am Ende der Verehrung rezitiere danach den 'Prāsāda' genannten großen Mantra
dakṣiṇā-antam samācarya haviṣya-āśī jita-indriyaḥ
bis zur Dakṣiṇā vollzogen, ein Haviṣya-Esser mit gebändigten Sinnen
tāmbūlam ca tathā matsyam varjayet na kadācana
Betel und ebenso Fisch meide man niemals
asmin tantre haviṣya-annam tāmbūlam mīnam uttamam
in diesem Tantra sind Haviṣya-Speise, Betel, Fisch die höchsten
homayet parama-īśāni daśa-aṃśam vā śata-aṃśam
man vollziehe das Feueropfer, höchste Herrscherin, ein Zehntel oder Hundertstel
homasya dakṣiṇā kāryā tadā vighnaiḥ na lipyate
für das Feueropfer ist eine Dakṣiṇā zu leisten, dann wird man nicht von Hindernissen berührt
Bemerkenswerter Kontrast innerhalb des Verses 20: während gewöhnliche brahmanisch-orthodoxe Opferspeise (Haviṣya) vorgeschrieben ist, werden ausdrücklich auch Betel und FISCH als ,höchste', niemals zu meidende Bestandteile genannt – ein für dieses Tantra charakteristisches Ineinander von orthodoxer und para-orthodoxer (hier: nicht-vegetarischer) Speisevorschrift, ähnlich der Verbindung von vedischem Tryambaka-Mantra und Kaula-Elementen in Paṭala 7.
„Dann, am folgenden Tag, beschaffe der Kundige Quecksilber; darüber rezitiere man den aus neun, von allen verehrten [Silben] bestehenden Mantra [Anm.: derselbe wiederkehrende neunsilbige Mantra wie in P1 und P5]. Das Himmel-Bīja [Ha], endend mit Śiva, den Anfang der [Konsonanten-]Gruppe mit Bindu-Haupt, das Wind-Bīja [Ya] dreifach, dreifach Tryambaka [den Dreiäugigen], o Geliebte [Anm.: kodierte Mantra-Beschreibung, im Detail nicht sicher aufzulösen]. Diesen Mantra, o große Herrscherin, rezitiere über der Heilpflanze; wenn man den Mantra über dem Quecksilber hundertundacht Mal rezitiert – dann eben wird es, durch die Verbindung mit der Heilpflanze, ,gebunden' [Baddha, alchemisch stabilisiert], nicht anders.“
Wort für Wort
tataḥ parasmin divase pāradam ānayet budhaḥ
dann am folgenden Tag beschaffe der Kundige Quecksilber
darüber rezitiere man den aus neun allverehrten Silben bestehenden Mantra
vyoma-bījam śiva-antam ca varga-ādyam bindu-mastakam
das Himmel-Bīja, endend mit Śiva, den Gruppen-Anfang mit Bindu-Haupt
vāyu-bījam ca tritayam tritayam tryambakam priye
das Wind-Bīja dreifach, dreifach Tryambaka, Geliebte
imam mantram maheśāni prajapet auṣadha-upari
diesen Mantra, große Herrscherin, rezitiere über der Heilpflanze
pārade prajapet mantram aṣṭa-uttara-śatam yadi
wenn man den Mantra über dem Quecksilber hundertundacht Mal rezitiert
tat eva auṣadha-yogena baddhaḥ bhavati na anyathā
dann wird es durch die Verbindung mit der Heilpflanze gebunden, nicht anders
,Baddha' (,gebunden') ist ein Fachterminus der klassischen Rasaśāstra-Alchemie für stabilisiertes, formbar gemachtes Quecksilber – hier durch Mantra-Rezitation über einer (nicht namentlich genannten) Heilpflanze erreicht, bevor die eigentliche Liṅga-Formung erfolgen kann.
„Dann, am folgenden Tag, höre, o Geliebte meines Lebens: man wähle den Ritualausführenden entsprechend dem zuvor genannten Umfang [seiner] Mittel. Gold in Campaka-Blütenform biete man für das Ohrenpaar dar; ein vierseitiges, überaus liebliches Gold[-Geschmeide] für den Hals. Für das Händepaar, o große Herrscherin, gebe man ein Armreifpaar; einen weißfarbenen Armreif und ebenso einen Ring. Man gebe ein ,Ūrmi'[-Geschmeide, Anm.: genauer Schmuckgegenstand unsicher], ein gelbes Gewand, ein Paar Leinengewänder, o Huldreiche; hat man dies vollzogen, meditiere man, o große Herrscherin, über die Śiva-Gestalt. Nun also will ich das Verfahren verkünden, höre, Pārvatī: nachdem man [das Quecksilber] auf eine Steinplatte gelegt hat, vermenge man es mit dem Saft der Jhiṇṭī-Blätter [Anm.: Pflanzenname, vermutlich Barleria] auf der Steinplatte und mache es breiartig, Geliebte. Ist es dort formbar geworden, o Schöne unter den Göttern, dann forme man jenes Liṅga daraus [und] mache es danach noch fester. In einem mit der Svapuṣpa[-Blüte, dem in Paṭala 5 definierten weiblichen Sekret] versehenen Tuch, in Holzkohle und in Kuhmist-Fladen erhitze man es ein wenig, wodurch es fester wird. Dann, nachdem man jenes Liṅga geformt hat, mache man es erneut fester; in einem mit Svapuṣpa versehenen Tuch lege man es wieder in Erde. Man erhitze es ein wenig, bis es fester wird; ohne die Verbindung mit der Heilpflanze wird es [sonst] nur zu Asche, nicht anders.“
Wort für Wort
tataḥ parasmin divase śṛṇu mat-prāṇa-vallabhe
dann am folgenden Tag höre, Geliebte meines Lebens
varayet karma-kartāram yathā-ukta-vibhava-avadhi
man wähle den Ritualausführenden nach dem genannten Vermögensumfang
suvarṇam campaka-ākāram karṇa-yugme nivedayet
Gold in Campaka-Blütenform biete man für das Ohrenpaar dar
catuṣkoṇa-yutam svarṇam grīvāyām sumanoharam
ein vierseitiges, liebliches Gold für den Hals
hasta-dvaye maheśāni dadyāt valaya-yugmakam
für das Händepaar, große Herrscherin, gebe man ein Armreifpaar
evam kṛtvā maheśāni śiva-rūpam vicintayet
hat man dies vollzogen, meditiere man über die Śiva-Gestalt
prastare ca eva saṃsthāpya jhiṇṭī-patra-rasena ca
auf eine Steinplatte gelegt, mit dem Saft der Jhiṇṭī-Blätter
prastareṇa samāloḍya kuryāt kardama-vat priye
auf der Steinplatte vermengt, mache man es breiartig, Geliebte
nirmāṇa-yogyam tatra eva yadi syāt sura-sundari
ist es dort formbar geworden, Schöne unter den Göttern
tadā nirmāya tam liṅgam punaḥ dṛḍhataram caret
dann forme man jenes Liṅga, mache es erneut fester
sva-puṣpa-saṃyute vastre aṅgāre ca karīṣake
in einem mit Svapuṣpa versehenen Tuch, in Holzkohle und Kuhmist
kiṃcit uṣṇam prakartavyam yataḥ dṛḍhataraḥ bhavet
erhitze man es ein wenig, wodurch es fester wird
vinā hi auṣadha-yogena bhasma bhavati na anyathā
ohne die Verbindung mit der Heilpflanze wird es nur zu Asche, nicht anders
Abschluss des achten Paṭala mit der eigentlichen Formungsprozedur des Quecksilber-Liṅga: Vermengung mit Jhiṇṭī-Blattsaft zu einer formbaren Paste, wiederholtes Erhitzen in svapuṣpa-getränktem Tuch mit Holzkohle/Kuhmist zur Festigung – wobei erneut die aus Paṭala 5 bekannte, nach Herkunftsumständen klassifizierte weibliche Ritualsubstanz (,Svapuṣpa') als unverzichtbares Bindemittel eingesetzt wird. Ohne die vorherige Kräuter-Stabilisierung (,Baddha', s.o.) würde das Quecksilber beim Erhitzen lediglich zu Asche verbrennen statt formbar zu bleiben – eine im Kern durchaus zutreffende alchemistische Beobachtung.