Paṭala 13: Mātṛkābhedatantra, trayodaśaḥ paṭalaḥ
Paṭala 13: Rosenkranz-Materialien nach Gottheit und Knotentechnik der Mālā, Fehler-Diagnostik und Sühne-Riten
Katalog der Rosenkranz-Materialien (Mālā) nach Zielgottheit (Tulasī, Elfenbein, Rudrākṣa, Mahāśaṅkha, Bergkristall, Koralle, Edelmetall, Stechapfelsamen), Vorschriften zur Knotentechnik (Brahma-Knoten, ,Schlangenfessel', Meru-Perle), eine Fehler-Diagnostik ritueller Störungen beim Rezitieren (Zittern, Schütteln, Geräusch, Herabfallen, Zerreißen der Schnur) mit jeweiligen Unglücksfolgen, sowie die zugehörigen Sühne-Riten (Guru-Einladung, Homa, Puraścaraṇa).
Mātṛkābhedatantra, dreizehnter Paṭala. Śrī Caṇḍikā sprach: „Höre, o Herr, [du] höchste Wonne, Herr der höheren und niederen Welt! Jetzt möchte ich hören, wie die Rezitation mit der Rosenkranz-Schnur (Mālā) beschaffen ist – welche Rosenkranz-Schnur zu welcher Gottheit gehört; das sage mir, gesammelten Sinnes.“ Śrī Śaṃkara sprach: „Für den Viṣṇu-Kult [gilt] die Tulasī-Rosenkranz-Schnur, beim Herrn der Scharen (Gaṇeśa) eine [Schnur] aus Elefantenzähnen; den großen Mantra der Kālikā rezitiere man mit einer Rudrākṣa-Rosenkranz-Schnur. Und [den Mantra] der Tārā rezitiere der Mantra-Kundige mit der sogenannten ,Großmuschel'-Rosenkranz-Schnur; mit der ,Großmuschel'-Rosenkranz-Schnur rezitiere der Kluge jedes [Mantra-]Wissen. Durch die ,Großmuschel'-Rosenkranz-Schnur entsteht unversehens eine große Siddhi; ebenso wohne jedes [Mantra-]Wissen stets in der Großmuschel. Die Bergkristall-Schnur [dient] für jede Gottheit, mit Korallen rezitiere man das gesamte [Wissen]; die aus Gold und Silber entstandene [Schnur] ist bei allen Gottheiten einzusetzen. Und [den Mantra] der Kālikā [und] der Sundarī rezitiere man stets mit Rudrākṣa[-Beeren]; [den Mantra] der Bhairavī rezitiere der Mantra-Kundige mit der sogenannten ,Muschel-Lotos'-Schnur, o Liebste. Auf dem Kremationsplatz rezitiere man mit einer Rosenkranz-Schnur aus Stechapfelsamen beim Ritual der Dhūmāvatī. So wurde dir, o Geliebte, die endgültige Entscheidung über die großen Rosenkranz-Schnüre mitgeteilt.“
Wort für Wort
mālāyāḥ kīdṛśo japaḥ kā mālā kasya devasya
wie die Rezitation mit der Rosenkranz-Schnur beschaffen ist, welche Mālā zu welcher Gottheit gehört
vaiṣṇave tulasī-mālā gaja-dantaiḥ gaṇa-īśvare
beim Viṣṇu-Kult die Tulasī-Mālā, beim Herrn der Scharen eine aus Elefantenzähnen
kālikāyāḥ mahā-mantram japet rudrākṣa-mālayā
den großen Mantra der Kālikā rezitiere man mit der Rudrākṣa-Mālā
mit der sogenannten Großmuschel-Mālā rezitiere der Kluge jedes Wissen
sphāṭikī sarva-devasya pravālaiḥ sakalām japet
die Bergkristall-Schnur für jede Gottheit, mit Korallen rezitiere man das gesamte Wissen
kālikāyāḥ ca sundaryāḥ rudrākṣaiḥ prajapet sadā
der Kālikā und der Sundarī Mantra rezitiere man stets mit Rudrākṣa
śmaśāne dhusturaiḥ mālā japet dhūmāvatī-vidhau
auf dem Kremationsplatz mit einer Stechapfelsamen-Mālā beim Dhūmāvatī-Ritual
Dreizehnter Paṭala: Katalog der Rosenkranz-Materialien (Mālā) nach Zielgottheit – Tulasī (Basilikum) für Viṣṇu, Elfenbein für Gaṇeśa, Rudrākṣa für Kālikā/Sundarī, ,Großmuschel' (Mahāśaṅkha) für Tārā und allgemein universell wirksam, Bergkristall/Koralle/Edelmetall für beliebige Gottheiten, Stechapfelsamen (Dhustūra, eine giftige, halluzinogen wirkende Pflanze) für das Kremationsplatz-Ritual der Dhūmāvatī (einer der zehn Mahāvidyās, ikonographisch mit Witwenschaft/Unglück assoziiert) – Beleg für die systematische Materialsymbolik tantrischer Ritualpraxis.
Nun will ich über den Knoten sprechen; höre, o Geliebte, gesammelten Sinnes, wodurch die Rosenkranz-Schnur wohl-vollendet und den Menschen jede Frucht gewährend wird. Und, o Geliebte, ein zusätzlicher Knoten an der Rosenkranz-Schnur gewährt eine [besondere] Frucht – [dies gilt] bei einer Rosenkranz-Schnur aus einundfünfzig [Perlen], o höchste Herrin. Man [fertige] die Rosenkranz-Schnur versehen mit einem Brahma-Knoten, zweieinhalbfach umwickelt [?]; mit einer Umwicklung von eineinviertelfacher [Länge, ?], o Göttin, [wird sie zur] bezaubernden ,Schlangenfessel' (Nāgapāśa). Bei der Rosenkranz-Schnur für jede Gottheit [verfahre man] überall, o höchste Herrin, indem man so den Brahma-Knoten anlegt, oder auch die ,Schlangenfessel'. An der Rosenkranz-Schnur aber lege man, o Göttin, einen zusätzlichen einzelnen Knoten an; man verknüpfe [ihn] mit dem Wurzelmantra oder mit der Silbe Praṇava (Oṃ), o Liebste. Und in der Mitte des Knotens fertige man eine sehr bezaubernde Perle (Guṭikā); die beiden Schnurenden lasse man dann, o große Herrin, zusammentreffen. Und man knüpfe den Meru [die Hauptperle], darüber mit einem Knoten versehen; nachdem man so die Rosenkranz-Schnur fertiggestellt hat, hüte man sie mit großer Sorgfalt.
Wort für Wort
atha granthim pravakṣyāmi śṛṇu kānte samāhitā
nun will ich über den Knoten sprechen, höre, Geliebte, gesammelten Sinnes
mālāyāḥ ca adhikā kānte granthiḥ ca ekā phala-pradā
ein zusätzlicher Knoten an der Mālā gewährt eine Frucht
die Mālā versehen mit einem Brahma-Knoten, zweieinhalbfach umwickelt
sapāda-veṣṭanam devi nāga-pāśam manoharam
mit eineinviertelfacher Umwicklung, Göttin, die bezaubernde Schlangenfessel
granthi-madhye ca guṭikām kuryāt ati-manoharām
in der Mitte des Knotens fertige man eine sehr bezaubernde Perle
merum ca grathanam kuryāt tad-ūrdhve granthi-saṃyutam
man knüpfe den Meru, darüber mit einem Knoten versehen
evam mālām vinirmāya gopayet bahu-yatnataḥ
nachdem man so die Mālā fertiggestellt hat, hüte man sie mit großer Sorgfalt
Die genauen Maßangaben ,sārdhadvitaya' (,zweieinhalbfach') und ,sapāda' (,eineinviertelfach', V.10) für die Knotenumwicklung der ,Schlangenfessel'-Mālā bleiben in ihrer technischen Anwendung unsicher [?] und wurden wörtlich übersetzt. Der ,Meru' (V.14) bezeichnet die traditionelle Hauptperle am Ende einer Rosenkranz-Schnur (auch ,Sumeru' genannt), an der beim Zählen umgekehrt wird – benannt nach dem kosmischen Weltenberg.
Zittern, Schütteln [und] Geräusch [der Perlen] lasse man dabei keineswegs zutage treten; ebenso ist ein Herabfallen aus der Hand oder ein Zerreißen [der Schnur] Ursache eines großen Hindernisses. Bei Zittern [der Schnur] entstünde ein Verlust der Siddhi; Schütteln bringt vielfaches Leid; entsteht ein Geräusch, so entsteht Krankheit; durch Herabfallen aus der Hand entsteht Vernichtung. Bei zerrissener Schnur entstünde der Tod; deshalb sei man eifrig auf Sorgfalt bedacht. Dies wissend, o große Herrin, vollziehe man ein Friedens- und Segensritual (Śānti-Svastyayana). Wer, wenn [die Schnur] zittert, dennoch den Mantra rezitiert – falls er [gleichwohl] eine Siddhi erlangen will [Anm.: Lesart unsicher, wörtlich ,falls es Siddhi gewährt'] –, der hole mit Sorgfalt den Guru herbei [und verehre ihn] mit zweiundzwanzigfachem Opferdienst; nachdem er die Kumbha-Aufstellung vollzogen hat, verehre er die gewünschte Gottheit; danach opfere er im Feuer mit Bilva-Blättern hundertundacht Oblationen, nach der Vorschrift mit den drei süßen [Substanzen] Beträufelten – auch bei [dem Fehler des] Schüttelns, o Schöne; und bei Geräusch während der Rezitation, o Caṇḍī, verfahre der Kluge ebenso.
Wort für Wort
kampanam dhūnanam śabdam naiva tatra prakāśayet
Zittern, Schütteln und Geräusch lasse man dabei keineswegs zutage treten
bei zerrissener Schnur entstünde der Tod, deshalb sei man auf Sorgfalt bedacht
evam jñātvā maheśāni śānti-svastyayanam caret
dies wissend, große Herrin, vollziehe man das Friedens- und Segensritual
yatnena gurum ānīya dvāviṃśat-upacārataḥ
man hole mit Sorgfalt den Guru herbei, mit zweiundzwanzigfachem Opferdienst
tataḥ hunet bilva-pattraiḥ aṣṭottara-śata-āhutim
danach opfere er im Feuer mit Bilva-Blättern hundertundacht Oblationen
V.18 (,yadi siddhiṃ prayacchati') ist syntaktisch unsicher [?] – wörtlich ,falls es Siddhi gewährt'; hier als konzessive Fortsetzung interpretiert, die in einen fortlaufenden Sühne-Ritus für den Kampana-Fehler übergeht (V.18-20: Guru-Einladung, Kumbha-Aufstellung, Pūjā, 108-facher Bilva-Homa mit Trimadhu-Beträufelung). Das ,Trimadhu' (,dreifach Süßes', V.20) bezeichnet vermutlich eine Mischung aus Honig, Ghee und Zucker bzw. Milch, ein verbreitetes Substrat tantrischer Homa-Rituale; die genaue Zusammensetzung bleibt [?].
Bei [dem Fehler des] Herabfallens aus der Hand sowie bei Zerreißen [der Schnur] vollziehe man ein Puraścaraṇa (vorbereitende Wiederholungsbuße); am Ende der Rezitation verehre man die Göttin mit sechzehnfachem Opferdienst. Täglich rezitiere man den Mantra, täglich [bringe man] eine kleine Opfergabe dar; nach dem Maß des Fünfgliedrigen (Pañcāṅga [?]) vollende man jedes rituelle Werk. Ist [der Praktizierende] arm, o höchste Herrin, [oder] den Hindernissen ausgeliefert, [so] vollziehe er am Anfang und Ende eine große Verehrung [und] rezitiere den Mantra zehntausendmal (Dik-Sahasram). Danach opfere er tausendundeinmal im Feuer, zur Befriedung jedes Hindernisses; nachdem er [die Schnur] mit dem Wasser des [geweihten] Kumbha-Topfes gebadet hat, übergebe (weihe) er die Rosenkranz-Schnur erneut. Eben durch diese Vorschrift wird man nicht von Hindernis-Netzen befleckt.
Wort für Wort
kara-bhraṣṭe tathā chinne puraś-caraṇam ācaret
bei Herabfallen aus der Hand und Zerreißen vollziehe man ein Puraścaraṇa
japa-ādyante yajet devīm ṣoḍaśaiḥ upacārakaiḥ
am Ende der Rezitation verehre man die Göttin mit sechzehnfachem Opferdienst
daridraḥ parameśāni yadi vighna-parāyaṇaḥ
ist der Praktizierende arm, höchste Herrin, oder den Hindernissen ausgeliefert
dik-sahasram japet manum
man rezitiere den Mantra zehntausendmal
sahasra-ekam hunet paścāt sarva-vighnasya śāntaye
danach opfere er tausendundeinmal im Feuer, zur Befriedung jedes Hindernisses
anena eva vidhānena vighna-jālaiḥ na lipyate
eben durch diese Vorschrift wird man nicht von Hindernis-Netzen befleckt
Dreizehnter Paṭala damit abgeschlossen. ,Diksahasram' (V.23) folgt der schon in Paṭala 9 belegten Bhūtasaṃkhyā-Konvention (,diś' = zehn Himmelsrichtungen mal ,sahasra' = 1000 = 10.000). ,Pañcāṅga' (V.22, wörtl. ,Fünfglied') bezeichnet vermutlich die fünfteilige Grundstruktur eines Sādhana-Rituals, bleibt hier aber ohne nähere Spezifikation [?].