Quellen der Menschheit

Mātṛkābhedatantra

Paṭala 10: Mātṛkābhedatantra, daśamaḥ paṭalaḥ Paṭala 10: Guru-Mantra-Einheit, Śabdabrahman-Meditation, Tieropfer-Vorschriften und Kali-Zeitalter-Theologie

Theologischer Auftakt zur Wesenseinheit von Guru, Mantra und Meditationsgottheit, gefolgt von der Śabdabrahman-Lehre (formlose Gottheit allein durch Klang erfahrbar). Zentraler Abschnitt: detaillierte Vorschriften zum Tieropfer (Balidāna) einschließlich Formel-Nomenklatur, Fleischverzehrverbot und Pflicht zum Genuss der Opferreste, sowie eine explizite Ersatz-Theologie, wonach das Balidāna im Kali-Zeitalter das nicht mehr durchführbare vedische Aśvamedha ersetzt. Schließt mit einer Phalaśruti, die das Tantra über Veden und Purāṇas stellt.

Mātṛkābhedatantra, daśamaḥ paṭalaḥ / śrīdevy uvāca / narākṛtiṃ guruṃ nātha mantraṃ varṇātmakaṃ tathā / dhyānānurūpiṇaṃ devam ekatvaṃ vā kathaṃ vada // MBhT_10.1 // śrīśiva uvāca / guruvaktrān mahāmantro labhyate sādhakottamaiḥ / yady eko jāyate vīryas tasya mūrtir bhaved dhruvam // MBhT_10.2 // devatāyāḥ śarīraṃ ca bījād utpadyate priye / guror ājñānusāreṇa cānyamūrtis tu jāyate // MBhT_10.3 // gurvādibhāvanād devi bhāvasiddhiḥ prajāyate / ata eva maheśāni caikatvaṃ parikathyate // MBhT_10.4 //

Mātṛkābhedatantra, zehnter Paṭala. Śrī Devī sprach: „Den menschengestaltigen Guru, o Herr, und ebenso den aus Lauten bestehenden Mantra, und den der Meditation entsprechenden Gott – wie [ist] deren Einheit [zu verstehen]? Sage es.“ Śrī Śiva sprach: „Aus dem Mund des Guru wird der große Mantra von den besten Übenden erlangt; wenn eine einzige Kraft (Vīrya) entsteht, wird deren Gestalt (Mūrti) gewiss. Und der Gottheit Leib entsteht aus dem Samen (Bīja), Geliebte; gemäß dem Befehl des Guru entsteht dann eine andere Gestalt. Durch die mit dem Guru beginnende Kontemplation (Bhāvanā), Devī, entsteht die Vollendung des [meditativen] Zustands (Bhāvasiddhi); eben deshalb, o große Herrscherin, wird [ihre] Einheit gelehrt.“

Wort für Wort
narākṛtim gurum nātha mantram varṇa-ātmakam tathā
den menschengestaltigen Guru, Herr, und ebenso den aus Lauten bestehenden Mantra
dhyāna-anurūpiṇam devam ekatvam vā katham vada
und den der Meditation entsprechenden Gott – wie ist ihre Einheit, sage es
guru-vaktrāt mahā-mantraḥ labhyate sādhaka-uttamaiḥ
aus dem Mund des Guru wird der große Mantra von den besten Übenden erlangt
yadi ekaḥ jāyate vīryaḥ tasya mūrtiḥ bhavet dhruvam
wenn eine einzige Kraft entsteht, wird ihre Gestalt gewiss
devatāyāḥ śarīram ca bījāt utpadyate priye
und der Gottheit Leib entsteht aus dem Samen, Geliebte
guroḥ ājñā-anusāreṇa ca anya-mūrtiḥ tu jāyate
gemäß dem Befehl des Guru entsteht dann eine andere Gestalt
guru-ādi-bhāvanāt devi bhāva-siddhiḥ prajāyate
durch die mit dem Guru beginnende Kontemplation, Devī, entsteht die Vollendung des Zustands
ata eva maheśāni ca ekatvam parikathyate
eben deshalb, große Herrscherin, wird ihre Einheit gelehrt

Zehnter Paṭala: eröffnet mit einer knappen theologischen Erörterung der Wesenseinheit von Guru, Mantra und Meditationsgottheit – ein Kernthema tantrischer Guru-Theologie, das bereits in Paṭala 7 (Śrīvidyā-Guru-Verehrung) anklang.

śrīdevy uvāca / yac cākṣuṣaṃ mahādeva tadākaraṃ vicintayet / acākṣuṣe mahādeva dhyānaṃ vā kīdṛśaṃ bhavet // MBhT_10.5 // śrīśiva uvāca / śabdabrahmamayaṃ devi mama vaktrād vinirgatam / ākārarahite devi yathā dhyānādikaṃ bhavet // MBhT_10.6 // tathaivoccāraṇenaiva bhaktiyuktena cetasā / satyaṃ satyaṃ maheśāni pratyakṣaṃ nātra saṃśayaḥ // MBhT_10.7 //

Śrī Devī sprach: „Was sichtbar (Cākṣuṣa) ist, großer Gott, dessen Gestalt mag man kontemplieren; [aber] bei dem, was unsichtbar (Acākṣuṣa) ist, großer Gott, wie wäre da die Meditation beschaffen?“ Śrī Śiva sprach: „Aus dem Wort-Brahman (Śabdabrahman) bestehend, Devī, aus meinem Mund hervorgegangen; bei dem, was ohne Gestalt (Ākārarahita) ist, Devī, so [geschieht] die Meditation u.a. Ebenso eben durch das bloße Aussprechen, mit einem von Hingabe erfüllten Geist; wahrlich, wahrlich, große Herrscherin, [wird es] unmittelbar wahrnehmbar (Pratyakṣa) – daran besteht kein Zweifel.“

Wort für Wort
yat cākṣuṣam mahādeva tat-ākaram vicintayet
was sichtbar ist, großer Gott, dessen Gestalt mag man kontemplieren
acākṣuṣe mahādeva dhyānam vā kīdṛśam bhavet
bei dem Unsichtbaren, großer Gott, wie wäre da die Meditation
śabda-brahma-mayam devi mama vaktrāt vinirgatam
aus dem Wort-Brahman bestehend, Devī, aus meinem Mund hervorgegangen
ākāra-rahite devi yathā dhyāna-ādikam bhavet
bei dem Gestaltlosen, Devī, so geschieht die Meditation u.a.
tathā eva uccāraṇena eva bhakti-yuktena cetasā
ebenso eben durch das bloße Aussprechen, mit hingebungsvollem Geist
satyam satyam maheśāni pratyakṣam na atra saṃśayaḥ
wahrlich, große Herrscherin, unmittelbar wahrnehmbar, kein Zweifel daran

Die Lehre, dass die formlose Gottheit allein durch klangliche Rezitation (Śabdabrahman-Doktrin) meditativ erfahrbar wird, korrespondiert mit der bereits in Paṭala 6 und 7 zentralen Bedeutung der Mantra-Rezitation als eigenständigem Erkenntnisweg.

śrīdevy uvāca / paśupradāne vākyaṃ tu kīdṛśaṃ vada śaṃkara / yena vākyena deveśa devī tuṣṭā bhavaty api // MBhT_10.8 // śrīśiva uvāca / mṛge mahiṣe coṣṭre ca paśuśabdaṃ na yojayet / chāgale ca tathā siṃhe vyāghre ca parameśvari // MBhT_10.9 // paśuśabdaṃ yojayitvā mahādevyai nivedayet / paśubhāvasthito mantrī mahiṣo dīyate yadi // MBhT_10.10 //

Śrī Devī sprach: „Aber wie sollte, o Śaṃkara, die Formel (Vākya) bei der Tier-Übergabe (Paśupradāna) beschaffen sein – durch welche Formel, o Herr der Götter, wird auch die Göttin zufrieden?“ Śrī Śiva sprach: „Bei Hirsch, Büffel und Kamel wende man das Wort ,Paśu' nicht an, ebenso bei Ziegenbock, Löwe und Tiger, o höchste Herrscherin. Nachdem man das Wort ,Paśu' angewandt hat, biete man [es] der großen Göttin dar; der im Paśu-Zustand [Anm.: ,paśubhāva' – vermutlich die erste, niedrigste der drei tantrischen Übungshaltungen paśu/vīra/divya, hier auf den ausführenden Mantra-Kundigen angewandt] befindliche Mantra-Kundige [handle so], wenn ein Büffel gegeben wird.“

Wort für Wort
paśu-pradāne vākyam tu kīdṛśam vada śaṃkara
wie sollte die Formel bei der Tier-Übergabe beschaffen sein, sage es, Śaṃkara
yena vākyena deveśa devī tuṣṭā bhavati api
durch welche Formel, Herr der Götter, wird auch die Göttin zufrieden
mṛge mahiṣe ca uṣṭre ca paśu-śabdam na yojayet
bei Hirsch, Büffel und Kamel wende man das Wort 'Paśu' nicht an
chāgale ca tathā siṃhe vyāghre ca parama-īśvari
ebenso bei Ziegenbock, Löwe und Tiger, höchste Herrscherin
paśu-śabdam yojayitvā mahā-devyai nivedayet
nachdem man das Wort 'Paśu' angewandt hat, biete man es der großen Göttin dar
paśu-bhāva-sthitaḥ mantrī mahiṣaḥ dīyate yadi
der im Paśu-Zustand befindliche Mantra-Kundige, wenn ein Büffel gegeben wird

V.9-10 enthalten eine scheinbare Spannung: V.9 untersagt die Anwendung des Wortes ,paśu' u.a. auf den Büffel, V.10 spricht dann von der Anwendung des Wortes ,paśu' im Zusammenhang mit einer Büffelgabe – möglicherweise regelt der Text unterschiedliche Fälle oder unterscheidet nach der Übungsstufe des Praktizierenden (,paśubhāva', die niedrigste der drei klassischen tantrischen Sādhaka-Stufen paśu/vīra/divya – vgl. ,divyavīramate' in V.12); wörtlich wiedergegeben, ohne die Spannung aufzulösen.

balidānaṃ prakartavyaṃ na māṃsaṃ bhakṣayen naraḥ / samyak phalaṃ na labhate daśāṃśaṃ labhate priye // MBhT_10.11 // mahiṣādi pradātavyaṃ divyavīramate sthitaḥ / sa eva siddhim āpnoti phalaṃ samyak priyaṃvade // MBhT_10.12 // paśudānaṃ vinā devi pūjayen na kadācana / tathā ca nityapūjāyāṃ yadi śakto bhaven naraḥ // MBhT_10.13 // kevalaṃ balidānena siddho bhavati nānyathā / nirdhanaḥ parameśāni yadi pūjādikaṃ caret // MBhT_10.14 // vatsarānte pradātavyaṃ balim ekaṃ sureśvari / anyathā naiva siddhiḥ syād ājanma pūjanād api // MBhT_10.15 //

Die Tiergabe (Balidāna) ist zu vollziehen; das Fleisch soll der Mensch nicht verzehren – [sonst] erlangt er nicht die volle Frucht, [nur] ein Zehntel erlangt er, Geliebte. Büffel u.a. ist darzubringen von dem, der in der Haltung des göttlichen Helden (Divyavīra) [Anm.: vermutlich die höchste bzw. mittlere der drei Sādhaka-Stufen, s.o. zu V.10] steht; er allein erlangt die Vollendung, die volle Frucht, o Holdsprechende. Ohne die Tiergabe, Devī, verehre man niemals; und so [gilt] auch bei der täglichen Verehrung, wenn ein Mensch dazu imstande ist: allein durch die Tiergabe wird man vollendet, nicht anders. [Aber] ein Mittelloser, o höchste Herrscherin, wenn er die Verehrung u.a. vollzieht: am Jahresende ist eine einzige Tiergabe darzubringen, o Herrscherin der Götter; sonst würde die Vollendung selbst durch ein von Geburt an [fortgesetztes] Verehren nicht eintreten.

Wort für Wort
bali-dānam prakartavyam na māṃsam bhakṣayet naraḥ
die Tiergabe ist zu vollziehen, das Fleisch soll der Mensch nicht verzehren
samyak phalam na labhate daśa-aṃśam labhate priye
er erlangt nicht die volle Frucht, nur ein Zehntel erlangt er, Geliebte
mahiṣa-ādi pradātavyam divya-vīra-mate sthitaḥ
Büffel u.a. ist darzubringen von dem, der in der Haltung des göttlichen Helden steht
sa eva siddhim āpnoti phalam samyak priyaṃ-vade
er allein erlangt die Vollendung, die volle Frucht, Holdsprechende
paśu-dānam vinā devi pūjayet na kadācana
ohne die Tiergabe, Devī, verehre man niemals
kevalam bali-dānena siddhaḥ bhavati na anyathā
allein durch die Tiergabe wird man vollendet, nicht anders
nirdhanaḥ parama-īśāni yadi pūjā-ādikam caret
ein Mittelloser, höchste Herrscherin, wenn er die Verehrung u.a. vollzieht
vatsara-ante pradātavyam balim ekam sura-īśvari
am Jahresende ist eine einzige Tiergabe darzubringen, Herrscherin der Götter
anyathā na eva siddhiḥ syāt ā-janma pūjanāt api
sonst träte die Vollendung selbst durch von Geburt an fortgesetztes Verehren nicht ein

Der Verzehr des Opferfleischs wird untersagt (V.11), was im scheinbaren Spannungsverhältnis zur später (V.17-18) geforderten verpflichtenden Einnahme der ,Opferreste' (yajñāvaśeṣa) steht – vermutlich unterscheidet der Text zwischen dem rohen Fleisch des Opfertiers selbst (verboten) und den geweihten Speiseresten der gesamten Opferzeremonie (vorgeschrieben); nicht ausdrücklich im Text aufgelöst.

balidānaṃ mahāyajñaṃ kalikāle ca caṇḍike / aśvamedhādikaṃ yajñaṃ kalau nāsti sureśvari // MBhT_10.16 // kevalaṃ balidānena cāśvamedhaphalaṃ bhavet / yajñāvaśeṣaṃ yad dravyaṃ bhojanīyaṃ na cānyathā // MBhT_10.17 // yajñāvaśeṣabhogena sa yajñī nātra saṃśayaḥ / na bhakṣed yadi mohena na yajñaphalabhāg bhavet // MBhT_10.18 //

Die Tiergabe [ist] das große Opfer im Kali-Zeitalter, o Caṇḍikā; das Aśvamedha und die anderen [vedischen] Opfer gibt es im Kali[-Zeitalter] nicht, o Herrscherin der Götter. Allein durch die Tiergabe käme die Frucht des Aśvamedha zustande; welche Substanz vom Opfer übrig bleibt, ist zu verzehren, nicht anders [d.h. nur diese]. Durch den Genuss des Opferrests ist er wahrhaft der Opfernde – daran besteht kein Zweifel; verzehrt er [ihn] aus Verblendung nicht, wird er kein Teilhaber an der Opferfrucht.

Wort für Wort
bali-dānam mahā-yajñam kali-kāle ca caṇḍike
die Tiergabe ist das große Opfer im Kali-Zeitalter, Caṇḍikā
aśvamedha-ādikam yajñam kalau na asti sura-īśvari
das Aśvamedha und andere Opfer gibt es im Kali-Zeitalter nicht, Herrscherin der Götter
kevalam bali-dānena ca aśvamedha-phalam bhavet
allein durch die Tiergabe käme die Frucht des Aśvamedha zustande
yajña-avaśeṣam yat dravyam bhojanīyam na ca anyathā
welche Substanz vom Opfer übrig bleibt, ist zu verzehren, nicht anders
yajña-avaśeṣa-bhogena sa yajñī na atra saṃśayaḥ
durch den Genuss des Opferrests ist er der Opfernde, kein Zweifel daran
na bhakṣet yadi mohena na yajña-phala-bhāk bhavet
verzehrt er es aus Verblendung nicht, wird er kein Teilhaber der Opferfrucht

Eine ausdrückliche Ersatz-Theologie: das blutige Tieropfer (Balidāna) ersetzt im gegenwärtigen Kali-Zeitalter das große vedische Pferdeopfer (Aśvamedha), da Letzteres als im Kali nicht mehr durchführbar gilt – ein verbreitetes Motiv spätvedisch-tantrischer Literatur zur Legitimierung neuer Ritualformen.

tyājyaṃ dravyaṃ kathaṃ devi mahādevyai nivedayet / brahmarūpaṃ mahātantraṃ mama vaktrād vinirgatam // MBhT_10.19 // sa pūtaḥ sarvapāpebhyo yadi caikākṣaraṃ śrutam / mahābhaktiyuto bhūtvā śṛṇoti paṭalaṃ yadi // MBhT_10.20 // kiṃ tasya dhyānapūjāyāṃ tīrthasnānena tasya kim / śabdabrahmamayaṃ jñātvā samastaṃ yadi caṇḍike // MBhT_10.21 // kevalaṃ śravaṇenaiva sa siddho nātra saṃśayaḥ / aṣṭādaśapurāṇānāṃ śravaṇenaiva yat phalam // MBhT_10.22 // caturvedena sāṅgena śravaṇenaiva yataḥ phalam / asya tantrasya deveśi kalāṃ nārhanti ṣoḍaśīm // MBhT_10.23 // brahmarūpam idaṃ tantraṃ sārāt sāraṃ parāt param // MBhT_10.24 //

„[Und] wie sollte die zu entsagende Substanz [Anm.: Bezug unklar, evtl. Fortsetzung der Devī-Frage nach der auszuschließenden Substanz] der großen Göttin dargebracht werden, Devī?“ [Śiva:] „Dieses große Tantra, von Brahmans Gestalt, ist aus meinem Mund hervorgegangen. Er wird rein von allen Sünden, selbst wenn nur eine einzige Silbe [davon] gehört wurde; wenn er, von großer Hingabe erfüllt, den [ganzen] Paṭala hört – was [bräuchte] der noch Meditation-Verehrung, was bräuchte er das Baden an Wallfahrtsorten (Tīrtha), wenn er, o Caṇḍikā, das Ganze als aus dem Wort-Brahman bestehend erkannt hat? Durch das bloße Hören allein wird er vollendet – daran besteht kein Zweifel; welche Frucht es vom Hören der achtzehn Purāṇas gibt, welche Frucht es vom Hören der vier Veden samt ihren Hilfswissenschaften (Aṅgas) gibt – [all das] verdient nicht einmal ein Sechzehntel dieses Tantra[s], o Herrscherin der Götter. Dieses Tantra, von Brahmans Gestalt, [ist] das Wesen des Wesens, das Höchste über dem Höchsten.“

Wort für Wort
tyājyam dravyam katham devi mahā-devyai nivedayet
wie sollte die zu entsagende Substanz der großen Göttin dargebracht werden, Devī
brahma-rūpam mahā-tantram mama vaktrāt vinirgatam
dieses große Tantra, von Brahmans Gestalt, ist aus meinem Mund hervorgegangen
sa pūtaḥ sarva-pāpebhyaḥ yadi ca eka-akṣaram śrutam
er wird rein von allen Sünden, wenn auch nur eine einzige Silbe gehört wurde
mahā-bhakti-yutaḥ bhūtvā śṛṇoti paṭalam yadi
wenn er, von großer Hingabe erfüllt, den Paṭala hört
kim tasya dhyāna-pūjāyām tīrtha-snānena tasya kim
was bräuchte der an Meditation-Verehrung, was an Wallfahrtsort-Baden
śabda-brahma-mayam jñātvā samastam yadi caṇḍike
wenn er das Ganze als aus dem Wort-Brahman bestehend erkannt hat, Caṇḍikā
kevalam śravaṇena eva sa siddhaḥ na atra saṃśayaḥ
durch das bloße Hören allein wird er vollendet, kein Zweifel daran
aṣṭādaśa-purāṇānām śravaṇena eva yat phalam
welche Frucht es vom Hören der achtzehn Purāṇas gibt
catur-vedena sa-aṅgena śravaṇena eva yataḥ phalam
welche Frucht es vom Hören der vier Veden samt Hilfswissenschaften gibt
asya tantrasya deveśi kalām na arhanti ṣoḍaśīm
verdient nicht einmal ein Sechzehntel dieses Tantra, Herrscherin der Götter
brahma-rūpam idam tantram sārāt sāram parāt param
dieses Tantra, von Brahmans Gestalt, ist das Wesen des Wesens, das Höchste über dem Höchsten

Klassische Phalaśruti (Verkündigung des Hörlohns) am Kapitelende, die das eigene Tantra über die Veden samt Aṅgas und die achtzehn Purāṇas stellt – ein Standardtopos hinduistischer Textliteratur zur Selbstlegitimierung, hier mit der bereits aus Paṭala 6 bekannten Śabdabrahman-Theologie (Heiligkeit des bloßen Klangs) verbunden.

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