nārāyaṇaṃ namas kṛtya naraṃ caiva narottamam / devīṃ sarasvatīṃ caiva tato jayam udīrayet
Nachdem er Nārāyaṇa Verehrung erwiesen hat, und ebenso Nara, den Besten der Menschen, und die Göttin Sarasvatī, möge er sodann 'Sieg' ausrufen.
Jñānāmṛtasāra-Saṃhitā
Eröffnungskapitel: Maṅgala-Invokation (V.1-11); die Rahmenerzählung, wie Vyāsa seinem Sohn Śuka auf dessen Frage die Lehrkette des Werks erklärt - vom Kṛṣṇa-Rādhā-Dialog über Brahmā, Śiva, Nārada bis zu ihm selbst (V.12-43); eine Worterklärung des Titels "Pañcarātra" als "fünffaches Wissen" mit Aufzählung der fünf Wissensarten und der acht Yoga-Siddhis (V.44-57); und ein langes abschließendes Lob des Werks in Form einer Kette von "wie X das Höchste unter Y ist"-Vergleichen (V.58-83).
nārāyaṇaṃ namas kṛtya naraṃ caiva narottamam / devīṃ sarasvatīṃ caiva tato jayam udīrayet
Nachdem er Nārāyaṇa Verehrung erwiesen hat, und ebenso Nara, den Besten der Menschen, und die Göttin Sarasvatī, möge er sodann 'Sieg' ausrufen.
gaṇeśa-śeṣa-brahmeśa-dineśa-pramukhāḥ surāḥ / kumārādyāś ca munayaḥ siddhāś ca kapilādayaḥ
Die Götter, angeführt von Gaṇeśa, Śeṣa, Brahmā, Śiva und der Sonne, und die Weisen angefangen mit den Kumāras, und die Vollendeten angefangen mit Kapila –
lakṣmī sarasvatī durgā sāvitrī rādhikā parā / bhaktyā namanti yaṃ śaśvat taṃ namāmi parāt paraṃ
Lakṣmī, Sarasvatī, Durgā, Sāvitrī, und die höchste Rādhikā – ihn, den sie beständig mit Hingabe verehren, ihn, den Höchsten über dem Höchsten, verehre ich.
dhyāyante satataṃ santo yogino vaiṣṇavās tathā / jyotir-abhyantare rūpam atulaṃ śyāma-sundaram
Beständig meditieren die Guten, die Yogins, ebenso die Vaiṣṇavas über ihn: die unvergleichliche, dunkel-schöne Gestalt im Inneren des Lichts.
dhyāyet taṃ paramaṃ brahma paramātmānam īśvaram / nirīham ati-nirliptam nirguṇaṃ prakṛteḥ paraṃ
Man möge über ihn meditieren, das höchste Brahman, das höchste Selbst, den Herrn, den Wunschlosen, den gänzlich Unberührten, den Eigenschaftslosen, den jenseits der Urnatur Stehenden.
sarveśaṃ sarva-rūpaṃ ca sarva-kāraṇa-kāraṇam / satyaṃ nityaṃ ca puruṣaṃ purāṇaṃ param avyayam
Den Herrn über alles, den Allgestaltigen, die Ursache aller Ursachen, den Wahrhaftigen, den Ewigen, den Puruṣa, den Uralten, den höchsten Unvergänglichen.
maṅgalyaṃ maṅgalārhaṃ ca maṅgalaṃ maṅgalālayam / svecchā-mayaṃ paraṃ dhāma bhagavantaṃ sanātanam
Den Heilbringenden, den des Segens Würdigen, den Segen selbst, den Sitz des Segens, den aus eigenem Willen Bestehenden, die höchste Stätte, den ewigen Erhabenen.
stuvanti vedā yaṃ śaśvann ānantaṃ jānanti yasya te / taṃ staumi paramānandaṃ sānandaṃ nanda-nandanam
Den die Veden beständig preisen, den Endlosen, dessen Wesen jene nur teilweise kennen – ihn preise ich, die höchste Wonne, den Wonnevollen, den Sohn Nandas.
bhakta-priyaṃ ca bhakteśaṃ bhaktānugraha-vigrahaṃ / śrīdaṃ śrīśaṃ śrī-nivāsaṃ śrī-kṛṣṇaṃ rādhikeśvaram
Den den Hingebungsvollen Lieben, den Herrn der Hingebungsvollen, dessen Gestalt Gnade für die Hingebungsvollen ist; den Glanz-Gewährenden, den Herrn des Glücks, den Wohnsitz der Glücksgöttin, Śrī Kṛṣṇa, den Herrn der Rādhikā.
jñānāmṛtaṃ jñāna-sindhoḥ saṃprāpya śaṅkarād guroḥ / parāvarāc ca paramād yogīndrāṇāṃ guror guroḥ
Nachdem ich den Wissens-Nektar vom Ozean des Wissens erlangt habe, von Śaṅkara, dem Lehrer, dem höchsten unter Höher- und Niedergestellten, dem Lehrer der Lehrer der Herrscher unter den Yogins,
vedebhyo dadhi-sindhubhyaś caturbhyaḥ sumanoharam / taj jñāna-mantha-daṇḍena saṃnirmathya navaṃ navam
nachdem ich diesen aus den vier Veden, den Sahne-Ozeanen, gewonnen habe, den überaus herzerfreuenden, ihn mit dem Butterstab des Wissens durchgequirlt habend, immer wieder neu,
navanītaṃ samuddhṛtya natvā śambhoḥ padāmbujam / vidhi-putro nārado 'haṃ pañca-rātraṃ samārabhe
nachdem ich die frische Butter herausgeholt und mich vor dem Lotosfuß Śambhus verneigt habe – ich, Nārada, der Sohn des Weltenordners Vidhi (Brahmā), beginne nun das Pañcarātra.
oṃ nārāyaṇāśrame puṇye puṇya-kṣetre ca bhārata / siddhe nārāyaṇa-kṣetre vaṭa-mūle supuṇyade
Oṃ. In der heiligen Nārāyaṇa-Einsiedelei, o Bhārata, im heiligen Gebiet, im vollendeten Nārāyaṇa-Gebiet, am Fuß des Feigenbaums, dem großen Heil Verleihenden,
kṛṣṇāṃśaṃ kṛṣṇa-bhaktaṃ ca palaṃ kṛṣṇa-parāyaṇam / śrī-kṛṣṇa-caraṇāmbhoja-dhyānaikatāna-mānasam
dort saß ein Teil-Avatāra Kṛṣṇas, ein Kṛṣṇa-Hingebungsvoller, mit Kṛṣṇa als höchstem Ziel, dessen Geist einzig auf die Meditation über den Lotosfuß Śrī Kṛṣṇas gerichtet war,
japantaṃ paramaṃ brahma kṛṣṇa ity akṣara-dvayam / sukhāsane sukhāsīnaṃ kṛṣṇa-dvaipāyanaṃ munim
der das höchste Brahman rezitierte, das zweisilbige Wort 'Kṛṣṇa', bequem auf bequemem Sitz sitzend – der Weise Kṛṣṇa-Dvaipāyana (Vyāsa).
papraccha śukadevaś ca sarva-jñaṃ pitaraṃ muniḥ / kāraṇaṇ ca purāṇānāṃ purāṇaṃ param avyayam
Und Śukadeva, der Weise, befragte den allwissenden Vater nach der Ursache der Ur-Alten, dem höchsten, unvergänglichen Uralten.
[śrī-śuka uvāca] bhagavan sarva-tattva-jña veda-vedāṅga-pāraga / yad yat prakāraṃ jñānaṃ ca nigūḍhaṃ śruti-sammatam // teṣu yat sāra-bhūtaṃ cāpy ajñānāndha-pradīpakam / tat tat sarvaṃ samālocya māṃ bodhayitum arhasi
Śrī Śuka sprach: O Erhabener, Kenner aller Wahrheiten, Meister der Veden und Vedāṅgas – welche Art von Wissen auch immer verborgen und von der Śruti bezeugt ist, was auch immer darin der Wesenskern ist und ein Licht für die von Unwissenheit Verblendeten – all das, nachdem du es überdacht hast, mögest du geruhen, mich zu belehren.
sa pitā jñāna-dātā yo jñānaṃ tat kṛṣṇa-bhaktidam / sā bhaktiḥ paramā śuddhā kṛṣṇa-dāsya-pradā ca yā // tad eva dāsyaṃ śastaṃ yat sākṣāc caraṇa-sevanaṃ / nityaṃ goloka-vāsaṃ ca purataḥ stavanaṃ hareḥ // śaśvan nimeṣa-rahitaṃ tat-pāda-padma-darśanam / śaśvat tat-sārdham ālāpa-sevā-karma-niyojanam // tena sārdham aviccheda-sthānaṃ paraṃ śobhanam / bhaktānāṃ vāñcchitaṃ vastu sāra-bhūtaṃ śrutau śrutam
Jener ist wahrhaft Vater, der Wissen gibt, dessen Wissen zur Kṛṣṇa-Hingabe führt; jene ist wahrhaft höchste Hingabe, die rein ist und die den Dienst an Kṛṣṇa gewährt. Jener Dienst ist wahrhaft der beste, der unmittelbare Verehrung der Füße bedeutet: das ewige Wohnen in Goloka und das Lobpreisen vor dem Angesicht Haris. Das heißt: beständig, ohne Augenblinzeln, den Lotosfuß jenes Gottes zu erblicken; beständig mit ihm im Gespräch zu verweilen und sich in dienenden Tätigkeiten zu üben. Mit ihm ununterbrochen vereint an jenem höchsten, herrlichen Ort zu weilen – das ist die von den Hingebungsvollen ersehnte Sache, der Wesenskern, wie in der Śruti gehört.
putrasya vacanaṃ śrutvā vyāsadevo jahāsa saḥ / vijñāya jñāninaṃ putraṃ paramāhlādam āpa ha // putraṃ śubhāśiṣaṃ kṛtvā sarva-jñaḥ sarva-bhāvanaḥ / yathāprāptaṃ guru-mukhāt pravaktum upacakrame
Nachdem Vyāsadeva die Worte des Sohnes gehört hatte, lachte er; da er erkannte, dass der Sohn ein Wissender war, empfand er höchste Freude. Nachdem er den Sohn mit einem heilvollen Segen bedacht hatte, begann der Allwissende, der Alldurchdringende, ihm das mitzuteilen, was er selbst aus dem Munde seines Lehrers empfangen hatte.
[śrī-vyāsa uvāca] śuka dhanyo 'si mānyo 'si puṇya-rūpo 'si bhārate / putreṇa bhavatāsmākaṃ kulaṃ muktaṃ ca pāvanam // sa putraḥ kṛṣṇa-bhakto yo bhārate suyaśas-karaḥ / punāti puṃsāṃ śatakaṃ janma-mātreṇa līlayā
Śrī Vyāsa sprach: O Śuka, glückselig bist du, verehrungswürdig bist du, von heilvoller Gestalt bist du in Bhārata; durch dich, meinen Sohn, ist unsere Familie befreit und geheiligt. Jener Sohn, der Kṛṣṇa-hingebungsvoll ist, der in Bhārata guten Ruhm bewirkt – er reinigt hundert Generationen von Menschen allein durch seine Geburt, wie im Spiel.
mātā-mahānāṃ śatakaṃ mātaraṃ mātṛ-mātaram / sodarān bāndhavāṃś caiva bhṛtyān patnīṃ sahātmajām // yat-kanyāṃ pratigṛhṇāti tad-ādi-puruṣa-trayam / kanyā-pradātā śvaśuro jīvan-muktaḥ sabhāryakaḥ
Hundert Großväter mütterlicherseits, die Mutter, die Mutter der Mutter, die leiblichen Brüder und Verwandten, die Diener, die Gattin samt den eigenen Kindern reinigt er; auch die drei Generationen von Männern, deren Tochter er zur Frau nimmt; der Vater der Braut, der Schwiegervater, wird zu einem im Leben schon Befreiten samt seiner Gattin;
svayaṃ vidhātā bhagavān paraṃ kṛṣṇa-parāyaṇaḥ / kṛṣṇa-bhakto vasiṣṭas tu tat suto vaiṣṇavaḥ svayam // vaiṣṇavas tat sutaḥ śaktiḥ kṛṣṇa-dhyānaika-mānasaḥ / parāśaraś ca tat-putraḥ kṛṣṇa-pādābja-sevayā // jīvan-mukto mahā-jñānī yogīndrāṇāṃ guror guruḥ / ahaṃ veda-vibhaktā ca śrī-kṛṣṇa-pāda-sevayā
so wie der Weltenordner selbst, der Erhabene, höchstes Ziel nur in Kṛṣṇa habend, Kṛṣṇa-hingebungsvoll war; Vasiṣṭha war dessen Sohn, selbst ein Vaiṣṇava; dessen Sohn Śakti war ein Vaiṣṇava, den Geist einzig auf Kṛṣṇa-Meditation gerichtet; und Parāśara, dessen Sohn, wurde durch Dienst am Lotosfuß Kṛṣṇas ein im Leben schon Befreiter, ein großer Wissender, der Lehrer der Lehrer der Herrscher unter den Yogins; ich bin durch den Dienst am Fuß Śrī Kṛṣṇas zum Verteiler der Veden geworden.
[Anm.: Genealogie der vedischen Überlieferer (Vasiṣṭha→Śakti→Parāśara→Vyāsa) wird hier als Kette von Kṛṣṇa-Hingebungsvollen umgedeutet.]
gurur me bhagavān sākṣād yogīndro nārado muniḥ / guror gurur me śambhuś ca yogīndrāṇāṃ guror guruḥ // teṣāṃ puṇyena putras tvaṃ puṇya-rāśiś ca mūrtimān / padmānāṃ mama puṃsāṃ ca prakāśo bhāskaraḥ svayam // śrī-kṛṣṇa-caraṇāmbhojaṃ pādābjaṃ nāradeśayoḥ / sarasvatīṃ namas kṛtya jñānaṃ vakṣye sanātanam
Mein Lehrer ist der Erhabene selbst, der Herrscher unter den Yogins, der Weise Nārada; der Lehrer meines Lehrers ist Śambhu, der Lehrer der Lehrer der Herrscher unter den Yogins. Durch deren Verdienst bist du, mein Sohn, ein verkörperter Haufen von Verdienst; du bist für die Lotosblumen meiner Nachkommen und für mich selbst die leuchtende Sonne. Nachdem ich dem Lotosfuß Śrī Kṛṣṇas, dem Lotosfuß Nāradas und des Herrn (Śambhu), und der Sarasvatī Verehrung erwiesen habe, werde ich das ewige Wissen darlegen.
śrūyatām pañca-rātraṃ ca veda-sāram abhīpsitam / pañca-saṃvādam iṣṭaṃ ca bhaktānām abhivāñcchitam // prāṇādhikaṃ priyaṃ śuddhaṃ paraṃ jñānāmṛtaṃ śubhaṃ / atha ṣaṭ-saṃvādāḥ [?] hi goloke śata-śṛṅge ca parvate
Höre nun das Pañcarātra, den erwünschten Wesenskern der Veden, den erwünschten Fünffach-Dialog, das von den Hingebungsvollen Ersehnte, das dem Leben Teurere, das Reine, den höchsten, heilvollen Wissens-Nektar. Nun folgen die sechs Dialoge [?], die stattfanden in Goloka, auf dem Hundertgipfel-Berg,
[?][Anm.: Der Quelltext markiert die Stelle selbst mit einer Unsicherheitskennzeichnung des Transkribenten (,?what?'), hier als [?] übernommen. Die Zahl der Dialoge wechselt zwischen 'pañca-saṃvāda' (V.34) und 'ṣaṭ-saṃvāda' (V.35) - womöglich Hinweis auf die im Folgenden (V.36-43) tatsächlich geschilderte mehrstufige Weitergabekette Kṛṣṇa/Rādhā→Brahmā→Śiva→Nārada→Vyāsa/Śuka.]
supuṇye virajā-tīre vaṭa-mūle manohare / purato rādhikāyāś ca brahmāṇaṃ kamalodbhavam // tam uvāca mahā-bhaktaṃ stuvantaṃ praṇataṃ sutam / pañca-rātram idaṃ puṇyaṃ śrutvā ca jagatāṃ vidhiḥ
am hochheiligen Ufer der Virajā, am bezaubernden Fuß des Feigenbaums, vor Rādhikā, an Brahmā, den Lotosgeborenen gerichtet – zu ihm, dem großen Hingebungsvollen, dem Lobpreisenden, dem sich verneigenden Sohn, sprach Kṛṣṇa; und nachdem der Weltenordner dieses heilige Pañcarātra gehört hatte,
praṇamya rādhikāṃ kṛṣṇaṃ prayayau śiva-mandiram / bhaktyā tam pūjayām āsa śaṅkaraḥ paramādaram // sukhāsane sukhāsīnaṃ svasthaṃ bhaktaṃ ca pūjitam / papraccha vārtāṃ vinayī vinayena sukhāvahām // sarvaṃ taṃ kathayām āsa pañca-rātrādikaṃ śubham / vasantaṃ vaṭa-mūle ca svarge mandākinī-taṭe
verneigte er sich vor Rādhikā und Kṛṣṇa und begab sich zum Tempel Śivas; mit Hingabe und höchster Ehrerbietung verehrte ihn Śaṅkara. Den auf bequemem Sitz bequem Sitzenden, den Wohlbefindlichen, den verehrten Hingebungsvollen befragte der Demütige demütig nach der wohltuenden Nachricht. Er erzählte ihm alles, das heilvolle Pañcarātra und mehr – wie es geschah, während er am Fuß des Feigenbaums weilte, im Himmel, am Ufer der Mandākinī.
yogīndrair api siddhendrair munīndraiś ca stutaṃ prabhuṃ / jñānāmṛtaṃ tam uktvā sa brahma-lokaṃ jagāma ha // śambhuś ca kathayām āsa sva-śiṣyaṃ nāradaṃ munim / nāradaḥ kathayām āsa puṣkare sūrya-parvaṇi // māṃ bhaktam anuraktaṃ ca puṇyāhe muni-saṃsadi / pañca-rātram idaṃ śuddhaṃ bhramāndha-dhvaṃsa-dīpakam
den von den Herrschern der Yogins, den Herrschern der Vollendeten und den Herrschern der Weisen gepriesenen Herrn – nachdem er diesen Wissens-Nektar mitgeteilt hatte, begab er sich zur Brahma-Welt zurück. Und Śambhu erzählte es seinem Schüler, dem Weisen Nārada; Nārada erzählte es in Puṣkara, am Sonnenfest-Tag, mir, dem hingebungsvoll Ergebenen, an einem heiligen Tag, in der Versammlung der Weisen – dieses reine Pañcarātra, ein Licht, das die Blindheit des Irrtums zerstreut.
rātraṃ ca jñāna-vacanaṃ jñānaṃ pañca-vidhaṃ smṛtam / tenedaṃ pañca-rātraṃ ca pravadanti manīṣiṇaḥ
'Rātra' bedeutet 'Rede des Wissens'; das Wissen gilt als fünffach – deshalb nennen es die Weisen 'Pañcarātra' (Fünf-Wissen).
jñānaṃ parama-tattvaṃ ca janma-mṛtyu-jarāpaham / tato mṛtyuñjayaḥ śambhuḥ saṃprāpa kṛṣṇa-vaktrataḥ // jñānam dvitīyaṃ paramaṃ mumukṣūṇāṃ ca vāñcchitam / paraṃ mukti-pradaṃ śuddhaṃ yato līnaṃ hareḥ pade // jñānaṃ śuddhaṃ tṛtīyaṃ ca maṅgalaṃ kṛṣṇa-bhaktidam / tad-dāsyam adhīṣṭaṃ ca yato dāsyaṃ labhed dhareḥ // caturthaṃ yaugikaṃ jñānaṃ sarva-siddhi-pradaṃ param / sarvasvaṃ yogināṃ putra siddhānāṃ ca sukha-pradam
Das erste Wissen ist die höchste Wahrheit, die Geburt, Tod und Alter hinwegnimmt; dadurch erlangte Śambhu, der Todesbezwinger, es aus dem Munde Kṛṣṇas. Das zweite höchste Wissen ist das von den nach Befreiung Strebenden Ersehnte, das höchste, reine, Befreiung gewährende, wodurch man im Zustand Haris aufgeht. Das dritte, reine, heilvolle Wissen gewährt Kṛṣṇa-Hingabe; jener Dienst ist das Erstrebte, wodurch man den Dienst an Hari erlangt. Das vierte, das Yoga-Wissen, gewährt höchste All-Vollendung; es ist, o Sohn, das Ein und Alles der Yogins und gewährt den Vollendeten Glück.
aṇimā laghimā vyāptiḥ prākāmyaṃ mahimā tathā / īśitvaṃ ca vaśitvaṃ ca tathākāmāvasāyitā // sāvajñaṃ dūra-śravaṇaṃ para-kāya-praveśanam / kāya-vyūhaṃ jīva-dānaṃ para-jīva-haraṃ param // sarga-kartṛtva-śilpaṃ ca sarga-saṃhāra-kāraṇam / siddhaṃ ca ṣoḍaśa-vidhaṃ jñānināṃ ca yato bhavet
Verkleinerungsvermögen, Verringerungsvermögen, Alldurchdringung, ungehinderte Willenserfüllung, ebenso Größe, Herrschermacht, Bezwingungsmacht, und das Erreichen jedes Wunsches; Fernhören ohne Anstrengung, Eingehen in einen fremden Körper, Körpervervielfältigung, Verleihung von Leben, das höchste Hinwegnehmen fremden Lebens, die Kunstfertigkeit der Schöpfungsurheberschaft, die Fähigkeit zu Schöpfung und Zerstörung – sechzehnfach ist die Vollendung, die den Wissenden zuteilwird.
[Anm.: Klassische Aufzählung der acht Haupt-Siddhis (aṣṭa-siddhi) des Yoga, hier auf sechzehn erweitert.]
jñānaṃ ca paramaṃ proktaṃ tad vai vaiṣayikaṃ nṛṇāṃ / yad iṣṭa-devī māyā sā paraṃ saṃmoha-kāraṇaṃ // viṣaye baddha-citaṃ ca sarvam indriya-sevanam / poṣanaṃ sva-kuṭumbānāṃ svātmanaś ca niranratam // prathamaṃ sāttvikaṃ jñānaṃ dvitīyaṃ ca tad eva ca / nairguṇyaṃ ca tṛtīyaṃ ca jñānaṃ ca sarvataḥ param // caturtham ca rājasikaṃ bhaktas tan nābhivāñcchati / pañcamaṃ tāmasaṃ jñānaṃ vidvāṃs tan nābhivāñcchati
Das fünfte Wissen aber, das genannte, ist das auf Sinnesobjekte bezogene der Menschen, jenes, dessen erwählte Gottheit die Māyā ist – sie ist die höchste Ursache der Verblendung: der an Sinnesobjekte gebundene Geist, das ganze Dienen der Sinne, die ständige Ernährung der eigenen Familie und des eigenen Selbst. Das erste Wissen ist sāttvisch, und auch das zweite ist eben dies; das dritte ist eigenschaftslos (transzendent) und das höchste Wissen überhaupt; das vierte ist rājasisch – der Hingebungsvolle begehrt es nicht; das fünfte ist tāmasisches Wissen – der Wissende begehrt es nicht.
jñānaṃ pañca-vidhaṃ proktaṃ pañca-rātraṃ vidur budhāḥ / pañca-rātraṃ sapta-vidhaṃ jñānināṃ jñānadaṃ param // brāhmaṃ śaivaṃ ca kaumāraṃ vāsiṣṭaṃ kāpilaṃ param / gautamīyaṃ nāradīyam idaṃ sapta-vidhaṃ smṛtam
So wird das fünffache Wissen als 'Pañcarātra' bezeichnet, wie es die Weisen wissen; doch das Pañcarātra ist zugleich siebenfach, das den Wissenden höchstes Wissen gewährt: das Brāhma, das Śaiva, das Kaumāra, das Vāsiṣṭha, das höchste Kāpila, das Gautamīya und dieses vorliegende, das Nāradīya – so gilt es als siebenfach.
[Anm.: Klassifikation der sieben Pañcarātra-Überlieferungslinien nach ihren mythischen Empfängern/Verkündern (Brahmā, Śiva, Kārttikeya/Kumāra, Vasiṣṭha, Kapila, Gautama, Nārada) - erklärt zugleich den Titel des vorliegenden Werks als 'Nāradīya'-Pañcarātra.]
[atha grantha-praśaṃsā] ṣaṭ pañca-rātraṃ vedāś ca purāṇāni ca sarvaśaḥ / itihāsaṃ dharma-śāstraṃ śātraṃ ca siddhi-yoga-jam // dṛṣṭvā sarvaṃ samālokya jñānaṃ saṃprāpya śaṅkarāt / jñānāmṛtaṃ pañca-rātraṃ cakāra nārado muniḥ
Nun das Lob des Werks: Die sechs anderen Pañcarātras, die Veden, sämtliche Purāṇas, die Geschichtswerke, die Rechtslehrbücher und die aus Vollendung und Yoga entstandene Lehre – nachdem er all dies betrachtet und überdacht und das Wissen von Śaṅkara empfangen hatte, verfasste der Weise Nārada dieses 'Jñānāmṛta'-Pañcarātra (den 'Wissens-Nektar').
puṇyaṃ ca pāpa-vighnaṃ bhakti-dāsya-pradaṃ hareḥ / sarvasvaṃ vaiṣṇavānāṃ ca priyaṃ prāṇādhikaṃ suta // sāra-bhūtaṃ ca sarveṣāṃ vedānāṃ paramādbhutam / nāradīyaṃ pañca-rātraṃ purāṇeṣu sudurlabham // sarvāntarātmā bhagavān brahma-jyotiḥ sanātanam / paripūrṇatamaḥ śrīmān yathā kṛṣṇaḥ sureṣu ca
Es ist heilvoll und ein Hindernis für die Sünde, gewährt Hingabe und Dienst an Hari; es ist das Ein und Alles der Vaiṣṇavas, ihnen teuer, wertvoller als das Leben, o Sohn. Es ist der Wesenskern aller Veden, das höchst Wunderbare; dieses Nāradīya-Pañcarātra ist unter den Purāṇas überaus selten zu finden. Es verhält sich damit wie mit Kṛṣṇa unter den Göttern: der innere Selbst von allem, der Erhabene, das ewige Brahman-Licht, der Vollkommenste, der Glückreiche –
yathā devīṣu pūjyā sā mūla-prakṛtir īśvarī / vaiṣṇavānāṃ ca siddhānāṃ jñānināṃ yogināṃ śivaḥ // [...zahlreiche weitere 'yathā X ... yathā Y'-Vergleiche...] // sarvārtha-jñāna-bījaṃ cāpy ajñānāndha-pradīpam / vedasāroddhṛtaṃ tattvaṃ sarveṣāṃ samabhīpsitam
wie unter den Göttinnen jene verehrungswürdige Herrin, die Ur-Natur selbst (Rādhā/Devī), die Höchste ist; wie Śiva der Höchste ist unter den Vaiṣṇavas, den Vollendeten, den Wissenden, den Yogins; wie unter den Sinnesorganen der Geist der schnellste ist; wie Brahmā unter den Vedenkennern, Gaṇeśa unter den Verehrungswürdigen, Sanatkumāra unter den Weisen, Bṛhaspati unter den Klugen, Kapila unter den Vollendeten, Nārāyaṇa unter den Herrschern der Yogins, Śukra unter den Dichtern, Bṛhaspati unter den Gelehrten, die Gaṅgā unter den Flüssen, der Wasserozean unter den Meeren, Vṛndāvana unter den Wäldern, Bhārata unter den Erdregionen, Puṣkara unter den Pilgerstätten, der Vaiṣṇava unter den Verehrungswürdigen, Kāśī unter den Städten, der Wunschbaum unter den Bäumen, Surabhi unter den Wunschkühen, der Pārijāta unter den Blumen, Tulasī unter den Blättern, der Kṛṣṇa-Mantra unter den Mantras, das Wissen unter den Reichtümern, die Sonne unter den Glanzvollen, der Nektar unter den Süßigkeiten, Mahāviṣṇu unter den groben Trägern, das Uratom unter den feinen Dingen, der Mantra-und-Tantra-Lehrer unter den Lehrern, der Sohn unter den Gegenständen der Zuneigung, der Mond unter den Sternen, das Ghī unter den Rindprodukten, das begehrte Korn unter den Feldfrüchten, die Veden unter den Lehrbüchern, der Zweifachgeborene unter denen mit Lebensstufen, das Juwel (Perle, Rubin, Diamant) unter den Glänzenden, die Gāyatrī unter den Versmaßen, Durgā unter den Machtvollen, Lakṣmī unter den gattentreuen Frauen, die Erde unter den Geduldigen, Rādhā unter den schönen und Kṛṣṇa-geliebten Frauen, Hanumān unter den Affen, Garuḍa unter den Vögeln, Śaṅkaras Stier unter den kraftvollen Reittieren, der Śālagrāma-Stein unter den Verehrungsinstrumenten, die Kṛṣṇa-Verehrung unter den Verehrungen, Ekādaśī unter den Gelübden, das Fasten unter den Askesen, das Japa-Opfer unter den Opfern, die Wahrheit unter den Pflichten, guter Charakter unter den Tugenden, das Kṛṣṇa-Lobsingen unter den frommen Werken, Anmut unter den Anblick-Erfreulichen, Glanz unter den leuchtenden Dingen, die Mutter unter den Nährenden und Wohltätern und Freunden, der Weltenherr unter den Welten, Śeṣa unter den Schlangen, das Sudarśana-Rad unter den Waffen, Viśvakarman unter den Handwerkern, Nārada unter den Rechtschaffenen, Mitleidsvollen, Götterweisen, Großen, Viṣṇu-Hingebungsvollen und Weisen - ebenso ist unter allen Lehrschriften das Pañcarātra das verehrte. Wie einer, der Nektar getrunken hat, kein Verlangen mehr nach anderen Dingen hat, so haben die Guten, die das Pañcarātra erkannt haben, kein Verlangen mehr nach anderem. Es ist der Same des Wissens um alle Ziele, ein Licht für die von Unwissenheit Verblendeten, die aus dem Wesenskern der Veden gezogene Wahrheit, von allen gleichermaßen ersehnt.
[Anm.: Verse 63-82 bilden eine lange, gleichförmige Kette von 'wie X das Höchste unter Y ist'-Vergleichen (im Sanskrit-Original jeweils als knappe eigene Halbverse); zur besseren Lesbarkeit hier in der deutschen Übersetzung als fortlaufende Aufzählung wiedergegeben, ohne Verlust der einzelnen Vergleichspaare. Damit endet der erste Adhyāya (,iti śrī-nārada-pañca-rātre grantha-praśaṃsanaṃ nāma prathamo 'dhyāyaḥ').