Quellen der Menschheit

Jñānāmṛtasāra-Saṃhitā

Paṭala 12: Prathamaika-rātre Dvādaśo 'dhyāyaḥ Zwölfter Adhyāya der ersten Nacht - Das Lobgebet des Gandharva (Gandharva-kṛta-Stotra)

Die theophanische Vision Kṛṣṇas löst eine Kette kurzer Lobpreisungen aus: Brahmā, Śiva, Śeṣa (Ananta), Gaṇeśa, Kārttikeya, Dharma, die Götter, die Veden, die Weisen, Sarasvatī, Padmā (Lakṣmī) und Sāvitrī bekennen der Reihe nach die Unmöglichkeit, den Höchsten angemessen zu preisen, während Pārvatī in einer ausführlichen Selbstoffenbarung ihre eigene Identität mit Rādhā, Mahālakṣmī, Durgā, Sarasvatī und der Viṣṇu-Māyā darlegt. Den Abschluss bildet ein eigenes, ausführliches Lobgebet des Gandharva Upabarhaṇa (Nārada), der sich niederwirft.

brahmovāca: paraṃ brahma paraṃ dhāma paramātmānam īśvaram / vande vandyaṃ ca sarveṣāṃ sarva-kāraṇa-kāraṇam ... vedānirvacanīyaṃ ca vedā nirvaktum akṣamāḥ / veda-vijñāta-vākyena vidvāṃsaḥ kiṃ stuvanti tam

Brahmā sprach: 'Das höchste Brahman, die höchste Wohnstatt, das höchste Selbst, den Herrn, verehre ich, den Verehrungswürdigen für alle, die Ursache aller Ursachen; den Herrn von allem, die Allgestalt, den Uranfang von allem, von den Guten gepriesen, den durch die Veden Unerkennbaren, von den Gelehrten selbst im Traum nicht Geschauten.' Śrī Mahādeva sprach: '[Ihn,] dessen Wesen Vollkommenheit ist, den Anfang der Vollkommenheit, den ewigen Samen der Vollkommenheit, den Wohlbekannten, Vollkommenheit-Verleihenden, Friedvollen, den Guru der Guru der Vollkommenen, verehre ich, den Verehrungswürdigen der Großen, den Höheren als das Höchste, den Alldurchdringenden, den in sich selbst Ruhenden, mit erfüllten Wünschen, den den Ergebenen gegenüber zur Gnade Bereiten; den der Hingabe Liebenden, den Herrn der Ergebenen, den höchsten Geber der Dienerschaft an seine eigene Hingabe, den Einen, der allein seine eigene Wohnstatt verleiht, den Geber aller Reichtümer.' Ananta [Śeṣa] sprach: 'Mit tausend Mündern - was, aus der Śruti bekannt, sollte ich preisen? Mit Millionen und Abermillionen Mündern - wer wäre imstande, [dich] zu preisen, Herr? Wird gar Śambhu mit seinen fünf ersehnten Gesichtern [dich vollständig] preisen? Wird der Schöpfer der vier Veden, der Vierköpfige, [dich vollständig] preisen? Der Sechsgesichtige [Skanda] und der Elefantengesichtige [Gaṇeśa], die Götter und selbst die Weisen, oder die Veden, oder die Vedakundigen - preisen sie [wirklich] den, der jenseits der Urnatur ist? Die Veden sind unfähig, [ihn] auszudrücken, die Veden vermögen [ihn] nicht auszusprechen; mit welcher aus dem Veda erkannten Rede preisen die Gelehrten ihn [wirklich]?'

śrī-gaṇeśa uvāca: mūrkho vadati viṣṇāya budho vadati viṣṇave / nama ity evam artham ca dvayor eva samaṃ phalam ... sāvitry uvāca: sāvitrī veda-mātāhaṃ vedānāṃ janako vidhiḥ / tvām eva dhatte dhātaraṃ namāmi tri-guṇāt param

Śrī Gaṇeśa sprach: 'Ein Tor sagt "viṣṇāya" [falsche Kasusform], ein Weiser sagt "viṣṇave" [richtiger Dativ] - in der Bedeutung "Verehrung sei ihm" ist die Frucht für beide dennoch gleich. Wem immer Erkenntnis gegeben wurde - Hari selbst ist der Geber jener Erkenntnis; mit eben jener Erkenntnis preist er ihn, denn Janārdana nimmt [nur] die innere Gesinnung an. Einmündig oder vielmündig, töricht oder gelehrt durch sein eigenes Tun, arm oder reich, mit Sohn oder ohne Sohn - wer wäre wirklich unübertrefflich genug, um den höchsten Herrn durch [rituelles] Handeln [allein] zu preisen? Nach eigenem Vermögen üben die Guten wie die weniger Guten beständig Lobpreis, Verehrung, Anbetung, Erinnerung an Hari, gemeinschaftlichen Lobgesang, Hingabe-Dienst und Mantra-Murmeln in gehöriger geistiger Ordnung zum höchsten Selbst aus.' Kārttikeya sprach: 'Der erhabene Herr ist die innerste Seele von allem und die [eigentliche] Erkenntnis aller Lebewesen; die Guten verlachen niemals einen Lobpreis, der dem [eigenen] Erkenntnisstand des Preisenden entspricht. Unter den Daseinsformen ist die Menschenwelt dreifach - höchste, mittlere, niedrigste - alle ihrem eigenen Karma unterworfen; wer könnte das [dadurch] Festgesetzte abwenden? Wer den Herrn von allem erblickt, nennt ihn alle "mein Herr"; meines Herrn Gleichmut erstreckt sich gleichermaßen auf alle [seine] Diener. Manche verehren das reine, letzte höchste Selbst als Herrn; manche erlangen nach und nach einen Teil eines Teiles von ihm.' Dharma sprach: 'Ich bin der Zeuge von allem, einst von Vidhi (Brahmā) geschaffen; doch du bist der Ordner selbst des Ordners - Verehrung sei dir, Herr von allem!' Die Götter sprachen: 'Den selbst der tausendjährige Vidhi [Brahmā] nicht zu preisen vermag, und Śambhu, die über die Erkenntnis waltende Gottheit - wie sollten wir imstande sein, ihn zu preisen?' Die Veden sprachen: 'Was wissen wir, oder wer [kennt wirklich] die Eigenschaft des unendlichen Herrn? Wir sind die Veden - du bist der Schöpfer selbst unserer [eigenen] Ursache.' Die Weisen sprachen: 'Wenn schon die Veden die Größe des höchsten Selbst nicht kennen, [wieviel weniger] kennen wir, die wir den Veden folgen, deine Eigenschaft!' Sarasvatī sprach: 'Ich bin die über die Erkenntnis waltende Gottheit, und die Veden sind [meinerseits] die über die Erkenntnis waltenden Gottheiten; Vidhi (Brahmā) ist die über die Veden waltende Gottheit - wie [kann ich], Herr, den Herrn selbst noch über ihn preisen?' Padmā (Lakṣmī) sprach: 'Jenen Lotosfuß, den Padmeśa (Viṣṇu) und Śeṣa und die anderen Götter, die Weisen und Götter meditieren - über ihn, jenseits der Urnatur, meditiere auch ich.' Sāvitrī sprach: 'Ich, Sāvitrī, bin die Mutter der Veden; Vidhi [Brahmā] ist der Erzeuger der Veden; [doch] er selbst hält dich als den Ordner - ich verneige mich vor dir, jenseits der drei Guṇas.'

śrī-pārvaty uvāca: tava vakṣasi rādhāhaṃ rāse vṛndāvane vane / mahā-lakṣmīś ca vaikuṇṭhe pāda-padmārcane ratā ... iti saṃvṛtaṃ stotraṃ yaḥ paṭhet saṃyataḥ śuciḥ / ihaiva ca sukhaṃ bhuṅkte yāty ante śrī-hareḥ padam

Śrī Pārvatī sprach: 'An deiner Brust bin ich Rādhā, im Rāsa-Tanz im Wald von Vṛndāvana; in Vaikuṇṭha bin ich Mahālakṣmī, der Verehrung deines Lotosfußes ergeben. Auf der Weißen Insel bin ich die Tochter des Ozeans, an Viṣṇus Brust, [und] auf der Erde; in der Brahma-Welt bin ich Brahmāṇī, die Veda-Mutter Bhāratī (Sarasvatī). Auf deinen Befehl bin ich unter den Göttern erschienen, strahlend, nachdem ich die Feinde der Götter, die Daityas, erschlagen und den Göttern die Herrschaft gegeben hatte [d.h. als Durgā]. Danach bin ich nun, Hari, Dakṣas Tochter Pārvatī, auf deinen Befehl in Haras [Śivas] Umarmung, dir ergeben in jeder Geburt. Für Nārāyaṇa stets die Geliebte, deshalb in der Śruti "Nārāyaṇī" [genannt]; ich bin Viṣṇus höchste Śakti und Viṣṇus Māyā, die Vaiṣṇavī. Endlose Millionen Weltuniversen werden von mir stets betört; unter den Weisen bin ich unmittelbar wahrnehmbar auf der Zungenspitze als Sarasvatī. Ich bin die Mutter des großen Viṣṇu, in dessen Poren alle Welten [ruhen]; ich bin Rāmeśvarī, der Uranfang von allem, von der Wesensart aller Śakti. Weil sie ihn im Rāsa-[Tanz] hält (dhāraṇāt), wird sie von den Gelehrten "Rādhā" genannt. Deinen Lotosfuß höchster Wonne verehre ich, freudevoll.' [Es folgt eine Zusammenfassung:] Wessen Lotosfuß Padmā, Padmeśa, Śeṣa und die anderen, die Weisen, Manus und Götter als Ursache höchster Wonne meditieren, [dessen Lotosfuß] meditiere auch ich stets - erweise deine Gnade, Erhabener! Ich bin deine Verstandeskraft (buddhi-śakti).' Wer dieses so verfasste, umfassende Lobgebet diszipliniert und rein rezitiert, genießt schon hier Glück und geht am Ende zu Śrī Haris Wohnstatt ein.

[Atha gandharva-kṛta-stotram] nivṛtteṣu ca vedeṣu devīṣu muni-puṅgave / upavarhaṇa-gandharvaḥ stutiṃ kartuṃ samudyataḥ ... hari-bhaktiṃ harer dāsyaṃ goloke ca nirāmayaḥ / pārṣada-pravaratvaṃ ca labhate nātra saṃśayaḥ

[Das Lobgebet des Gandharva] Als die Veden [personifiziert], die Göttinnen und der beste der Weisen [mit ihrem Lobpreis] geendet hatten, schickte sich der Gandharva Upabarhaṇa an, sein eigenes Lobgebet darzubringen. Der Gandharva sprach: 'Ich verehre den dunkelblauen, wie eine frische Wolke [glänzenden], in gelbes Seidengewand gekleideten, wonnevollen, schönen, reinen Śrī Kṛṣṇa, jenseits der Urnatur; Rādhās Herrn, der Rādhikā lieber ist als ihr eigenes Leben, den Sohn der Kuhhirtin; von Rādhā bedient an seinem Lotosfuß, auf Rādhās Brust ruhend; Rādhās Zuneigung [erwidernd], Rādhikā ersehnt, dessen Sinn von Rādhā geraubt ist; Rādhās Lippe[nnektar], die Stütze des Werdens, die Stütze von allem - ihn verehre ich. Der beständig, glückverheißend, inmitten von Rādhās Herzlotos weilt, stets Rādhās Begleiter, der Rādhās Befehl bewahrt; den die Yogis durch Yoga meditieren, den die Vollkommenen und die Herren der Vollkommenheit [meditieren] - ihn meditiere auch ich stets, den Reinen, den ewigen Erhabenen. Den Brahmā, Śiva und Śeṣa stets bedienen, die das eigenschaftslose Brahman bedienen, den ewigen Erhabenen; den Unbefleckten, Wunschlosen, das höchste Selbst, den Herrn; den ewigen, wahren und höchsten, den ewigen Erhabenen; den, der der Uranfang der Schöpfung ist, der Same von allem, höher als das Höchste - ihn nehmen die Yogis zur Zuflucht, den ewigen Erhabenen. Den Samen der mannigfachen Inkarnationen, die Ursache aller Ursachen, durch die Veden unerkennbar und [doch zugleich] den Samen der Veden, die Ursache der Ursache der Veden - ihn nehmen die Yogis zur Zuflucht, den ewigen Erhabenen.' So gesprochen habend, fiel der Gandharva zu Boden und verneigte sich stabartig auf der Erde vor dem Gott der Götter, höher als das Höchste. Wer dieses von ihm verfasste Lobgebet diszipliniert und rein rezitiert, wird schon hier zu Lebzeiten befreit und erlangt jenseits den höchsten Zustand; er erlangt Hingabe zu Hari, Dienerschaft an Hari, [Wohnen] im ungetrübten Goloka und den Rang eines vorzüglichen Gefährten [des Herrn] - ohne Zweifel.'

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks