Paṭala 14: Prathamaika-rātre Caturdaśo 'dhyāyaḥ
Vierzehnter Adhyāya der ersten Nacht - Die Entstehung der Kulaṭā (der 'wankelmütigen/lüsternen Frau')
Nach Kṛṣṇas Abschied lehrt Śiva Brahmā eine ausführliche Theologie der Unvergänglichkeit von Kṛṣṇas Ergebenen selbst im kosmischen Weltuntergang (Pralaya) und ordnet an, dass das nach der gestörten Kīrtana-Aufführung freigesetzte 'Zornesfeuer' aller Götter je einem festen Ort zugewiesen wird (u.a. dem Ritualfeuer, dem Waldbrand, dem Blitz, dem Trennungsschmerz Liebender, dem submarinen Feuer, dessen mythischer Ursprung hier im Weisen Aurva verortet wird). Ungelöst bleibt jedoch das 'Zornesfeuer der Begierde' (kāma-kopānala): Die tugendhaften Ehefrauen protestieren, sie müssten einen unverhältnismäßig großen Anteil dieser Glut tragen, woraufhin Śiva vorschlägt, eine eigens erschaffene Kunstfrau (kṛtyā) als Trägerin dieser Last zu formen. Die von Brahmā erschaffene, überirdisch schöne Frau verfolgt der Reihe nach den Mond, den Liebesgott und die Aśvin-Zwillinge mit unverhohlenem Begehren und hält schließlich eine lange, drastisch frauenfeindliche Rede über das angebliche Wesen der 'lüsternen Frau' (kulaṭā-svabhāva). Die übrigen Göttinnen reagieren beschämt und zornig, weisen der Kunstfrau - als Prototyp aller untreuen Frauen - Scham als einzigen Schutz zu und teilen Begierde, Scham und Standhaftigkeit in festen Anteilen zwischen Männern und (tugendhaften) Frauen auf.
śrī-śuka uvāca: prayāte rādhikā-nāthe golokaṃ ca nirāmayam / babhūva kiṃ rahasyaṃ ca gate gandharva-puṅgave ... atra kalpe bhavān brahmā vyavasthātā ca karmasu / sthalaṃ kopānalānāṃ ca vidhānaṃ yad vidhe kuru
Śrī Śuka sprach: 'Als der Herr Rādhikās zum ungetrübten Goloka gegangen und der beste der Gandharvas fortgegangen war, was für ein Geheimnis geschah da?' Śrī Vyāsa sprach: Als das höchste Selbst gegangen war, verstummten alle Götter und Weisen, wie Vögel beim Einbruch der Dämmerung. Śambhu sprach zu Brahmā, dem in der Essenz rechten Verhaltens Kundigen, dem erhabenen, über die Erkenntnis waltenden Herrn, Worte, die in ihrer Wirkung Glück brachten: Śrī Mahādeva sprach: 'Wen der Erhabene beschützt, dessen Wohlergehen ist beständig; wer wäre imstande, den zu beschützen, gegen den er selbst zum Hindernis-Bereiter wird? Die Kṛṣṇa-Ergebenen sind durch die bloße Erinnerung [an ihn] frei von Hindernissen; wer wäre imstande, ihnen ein Hindernis zu bereiten - Weise oder Götter? Wo ist nun ein Ort für die Zornesfeuer der Götter und Weisen, die durch des Herrn Willen im Augenblick gelähmt worden sind? Wenn sie auf der Erde blieben, würden die Feldfrüchte der Erde verbrennen; wenn im Wasser, dann erhitzt, würden die Wasserlebewesen umkommen. Auf dem Land würden sie Menschen und Bäume verbrennen wie ein Weltuntergangsfeuer; es ist angemessen, o Ordner der Welten, dass für diese eine Vorkehrung getroffen wird. Du allein bist der Ordner der Welten und der Vater, Viṣṇu der Herr, [und] Kālāgni-Rudra der Vernichter - [doch] keiner [von euch] ist jetzt zur [begrenzten] Auflösung fähig. Diese alle sind bloß untergeordnete Vollstrecker Kṛṣṇas, des höchsten Selbst, stets seinem Befehl gehorchend, wie Weltenhüter und Richtungsherren. Selbst Dharma ist sein gehorsamer Vollstrecker, der Zeuge der Taten der Menschen; [diese Vollstrecker] wandern beständig in ihrem [zugewiesenen] Bereich, von Haris Māyā getäuscht. Ich bin nicht der Erhalter, nicht der Schöpfer, nicht der Vernichter der Lebewesen; ich bin unbefleckt, ein Asket, der Verehrung Haris zugewandt. Die Aufgabe der Vernichtung gab mir Śrī Kṛṣṇa einst; nachdem ich sie an Rudra weitergegeben habe, bin ich [selbst] der Askese gegenüber Hari zugetan. Durch Verehrung, Meditation, Askese und Anbetung seiner, durch Lobpreis, Kavaca-Rezitation und das Murmeln seines Namens-Mantra bin ich jetzt Mṛtyuñjaya, der Todesbezwinger, und habe keine Furcht vor der Zeit; die Zeit vernichtet alles außer mir und ebenso dem Herrn. Einst, ganz am Anfang der Schöpfung eines gewissen Schöpfers, entstanden jene Rudras aus [seiner] Stirn; unter ihnen bin ich, Śaṅkara, einer. Beim Untergang eines Kalpa Brahmās, in der elementaren Auflösung, gehen alle untergeordneten Vollstrecker zugrunde, nicht aber [seine] Ergebenen, ebenso wie der Herr [selbst]. Unzählig sind die Untergänge [verschiedener] Brahmās, und unzählig die Weltzeitalter; wie viele Arten sind schon vergangen, und wie viele werden immer wieder kommen? Im Wimpernschlag Śrī Kṛṣṇas geschieht der Untergang eines [ganzen] Brahmā; darin verschwinden alle elementaren Wesen, immer wieder. Nicht elementarer Natur, kein untergeordneter Vollstrecker, sondern ewig verkörpert ist der Vaiṣṇava; durch Haris Gnade bin ich unsterblich, immer und immer in Glückverheißung (Śiva) gegründet. Die ganze Masse des Universums wird bei der elementaren Auflösung gewiss von Wasser überflutet, bis hin zur Brahma-Welt - ausgenommen die höchste Wohnstatt Kṛṣṇas. Alle Göttinnen lösen sich auf, [doch] Kṛṣṇa ist die Wahrheit, ganz gewiss; alle [verkörperten] Seelen lösen sich in das wahre, ewige, immerwährende [Kṛṣṇa] auf. Ich, [als] Kṛṣṇas Prakṛti, bin der vorzüglichste Gefährte Haris, ewig, ewig bestehend, im ungetrübten Goloka. Er ist der eine Herr, es gibt keinen zweiten, seit dem allerersten Anfang der Schöpfung; seine Ergebenen gehen gewiss nicht zugrunde bei der Auflösung von Prakṛti und den Elementen. Für seine besten Ergebenen gibt es durch die beständige Erinnerung [an ihn] überhaupt keinen Verbrauch der Lebenszeit - wie sollte da der Tod eintreten? Für die Ergebenen Vāsudevas gibt es niemals irgendetwas Unheilvolles; für diese besten Ergebenen entsteht durch die beständige Erinnerung [an ihn] auch nicht die Furcht vor Geburt, Tod, Alter und Krankheit. In diesem Kalpa bist du, Brahmā, der Anordner in Bezug auf die [rituellen] Handlungen - schaffe, Ordner, eine Vorkehrung für einen Ort der Zornesfeuer.'
śambhoś ca vacanaṃ śrutvā kampitaḥ kamalāsanaḥ / sthalaṃ cakāra vahnīnām ājñayā śaṅkarasya ca ... jagrāhaurva-munis tatra tejasi brahmaṇaḥ sutaḥ / sva-dakṣiṇorau sa muniḥ saṃsthāpya veda-mantrataḥ / brahmaṇaṃ ca namas-kṛtya śaṅkaraṃ tapase yayau / kālena tasmān niḥsṛtya samudre vāḍavānalaḥ / sa babhūva purā putra paramaurvānalaḥ svayam
Als er Śambhus Worte gehört hatte, schuf der Lotosthronende, erzitternd, auf Śaṅkaras Geheiß, einen Ort für die Feuer. Brahmā sprach: 'Das dreifüßige, dreiköpfige, sechsarmige, neunäugige Fieber (Jvara), mit Asche als Waffe, schrecklich, dem Zeit-Ende-Yama gleich - im Werden (Bhava) sei es überall, [als] das Zornesfeuer Bhavas (Rudras) [selbst], jetzt, in den elementaren Körpern - diese Wirkungsweise habe ich ihm zugewiesen. Mein Zornesfeuer, Śambhu, [sei] das geweihte Feuer des Brahmanen; im Werden sei es überall - diese Wirkungsweise habe ich ihm zugewiesen. Śeṣas Zornesfeuer sei nun in Śeṣas eigenem Mund, o Glückbringender, von wo aus es beim Weltuntergang das Universum verbrennt wie einen Kuhdung-Klumpen. Des Feuers eigenes Hauptfeuer sei im Universum das nützliche Alltagsfeuer, der Herr - überall allen zum Nutzen! Dharmas Mund-Zornesfeuer sei das Kṛṣṇa-Feuer [selbst]; es wird alle, die Unrecht tun, verbrennen. Sūryas Zornesfeuer sei der Waldbrand in den Wäldern; sein Aufenthalt sei im Stamm des Baumes, seine Nahrung Vieh und Vögel. Candras Zornesfeuer sei im Universum das Trennungsfeuer der Liebenden; bei der Trennung eines Ehepaares wird es stets beider Leiber verzehren. Indras Zornesfeuer werde sogleich zum Blitz-Feuer; Upendras Feuer werde eben zum Wetterleuchten. Der Rudras Mundfeuer werde zum großen Meteor-Feuer; Gaṇeśas Feuer verweile, wo es sich niederlässt, jeweils im salzigen Ödland - so wissen es die Weisen. Skandas Zornesfeuer wurde zum Schlachtwaffen-Feuer. Das Mundfeuer der übrigen Götter und Weisen (außer dem Liebesgott) fing dort der Weise Aurva auf, Brahmās Sohn, in [seinem eigenen] Glanz; jener Weise, es in seinem eigenen rechten Schenkel niederlegend, durch vedische Mantras, verneigte sich vor Brahmā und ging zur Askese zu Śaṅkara. Mit der Zeit trat es von dort aus in den Ozean hervor als das submarine Feuer (Vāḍavānala); es wurde einst, Sohn, selbst zum höchsten Aurva-Feuer.
[Anm.: Diese Passage bietet eine originelle ätiologische Erklärung für verschiedene Naturphänomene (Ritualfeuer, Waldbrand, Blitz, Trennungsschmerz, Meteore) als 'zugewiesene Orte' der ursprünglich unkontrollierten Zornesfeuer der Götter nach dem gestörten Kīrtana; besonders der Schluss (Weiser Aurva, submarines Feuer/Vāḍavānala) knüpft an den bekannten purāṇischen Mythos vom Aurva-Feuer an, das üblicherweise mit dem Zorn des Weisen Aurva selbst (nicht mit gesammeltem Götterzorn) erklärt wird - hier erscheint eine abweichende, für dieses Werk eigene Variante.]
Als er das gewaltige Feuer der Begierde (Kāma) sah, überlegte Vidhi (Brahmā) im Geiste und beriet sich, zusammen mit den Göttern und den Fürsten der Weisen, in der Versammlung; er rief alle Frauen herbei, die gelübdetreuen, gattentreuen. Alle Frauen kamen und sprachen zum Lotosgeborenen: Die Frauen sprachen: 'Was sollen wir tun, Erhabener? Weise uns an, was wir tun sollen; nachdem du alles im Geiste bedacht hast, gib uns die Last, [wir sind doch nur] Frauen.' Brahmā sprach: 'Nachdem sie das Feuer der Begierde (Madana), das im Liebesvollzug Freude schenkt, angenommen haben, sollen alle Frauen des Universums beständig begehrlich sein.' Als sie Brahmās Worte gehört hatten, mit vor Zorn geröteten Gesichtern und Augen, sprachen alle Frauen zu ihm, die Furcht ablegend, in der Versammlung: Die Frauen sprachen: 'Schande über dich, der du, oh höchster Herr, den Weltenordner sinnlos gemacht hast! Unverehrt [bist du] durch Mohinīs Fluch, [und] jetzt durch den Fluch [deines eigenen] Sohnes! [Wir] nehmen das Feuer der Begierde an, und Männer wie Frauen brennen dadurch beständig, unaufhörlich, wahrhaftig, unerträglich. Ein Teil davon [entfällt] auf den Mann, drei Teile aber auf die Frau; dadurch werden alle Frauen [übermäßig] verbrannt - was geht das uns sonst an? Wenn [stattdessen] dem Mann zugeteilt würde, was an Begierde-Feuer [jetzt] in uns ist, werden wir [dieses Feuer] zu Asche machen - wer wäre dann dein Beschützer?' Als er die Worte der treuen Gattinnen gehört hatte, sprach Śiva selbst zu ihm Worte, die heilsam, wahr, die Essenz rechten Verhaltens und in ihrer Wirkung Glück bringend waren: [Es folgt die Entstehung der Kulaṭā:] Śrī Mahādeva sprach: 'Gib den Streit auf, Hochbeglückter, mit den wohlgesitteten [Frauen], für jetzt; die Kraft der treuen Gattinnen sei über alle [anderen Frauen] erhaben. Erschaffe, Herr der Götter, ein magisches Kunstwesen (kṛtyā) in Frauengestalt; gib ihr den Samen des Leidens, das höchste Feuer von Begierde und Zorn.' Als er Śaṅkaras Worte gehört hatte, erschuf der Ordner der Welten sogleich, in jenem Augenblick, eine Frauengestalt, überaus lieblich: Ach, welche Schönheit, welches Aussehen, welch neue Jugend an ihr! Ach, welch ein Blick, welch ein Seitenblick, der Weisen Sinn betörend!
aho kaṭhinaṃ cāru stana-yugmaṃ suvartulam / vicitraṃ kaṭhinaṃ sthūlaṃ śroṇi-yugmaṃ ca sundaram ... aśvinīja-vacaḥ śrutvā kāmārtā tam uvāca sā / kāmārtānāṃ kva lajjā ca kva bhayaṃ mānam eva ca
Ach, welch ein festes, anmutiges, wohlgerundetes Brustpaar! Welch ein wunderbares, festes, breites und schönes Hüftpaar! Ihr Gesäßpaar, geschwungen, radförmig, überaus zart, von der Farbe weißer Campaka-Blüten, jedes Glied ersehnenswert! Ihr Antlitz, den Herbstvollmond in seinem Glanz beschämend, überaus schön, sanft lächelnd, heiter, freudig mit einem Gewand verhüllt; ihr Leib, überaus zart und beweglich, weder zu lang noch zu grob, stets mit feuerläuterndem Gewebe und Juwelenschmuck geschmückt; von der Gestalt einer Granatapfel- und Seerosenblüte, dicht, zinnoberrot-schön, mit Moschustropfen und glänzenden Sandeltropfen [gesalbt]; ihre Unterlippe wie eine reife Bimba-Frucht, ihre Zahnreihe wie Granatapfelkerne; ihr anmutiger Haarschopf mit einem Mālatī-Blumenkranz geschmückt - eine solche [Gestalt] erblickend, gab ihr der Lotosgeborene das Feuer der Begierde. Als sie die mondgleiche Gestalt [des Mondgottes] erblickte, von Begierde verrückt und sinnlos geworden, sprach sie zu ihm mit lächelndem Seitenblick: 'Erweise mir Dienst [d.h.: genieße mich]!' Beschämt floh der Mond, aus Scham, vom Boden der Versammlung; als sie den Liebesgott erblickte, verliebte sie sich, von Begierde gequält, ohne jede Scham, [in ihn]. Der Liebesgott floh von dort, und sie lief ihm hinterher; alle Götter und Weisen in der Versammlung lachten. Beschämt waren alle [übrigen] Frauen, unfähig, sie zurückzuhalten; alle, Śaṅkara und die anderen, machten sich über die weibliche Sippe lustig. Da jene Frau den Liebesgott nicht erlangt hatte, kehrte sie zurück zur Versammlung und sprach dort, in Gegenwart der Götter, zu den beiden Aśvin-Zwillingen: Die begehrliche Frau sprach: 'Erweise mir Dienst, Sohn der Sonne, [mir,] deiner Geliebten, voll Leidenschaft, in der Liebeskunst Freude schenkend, friedvoll, höchst und übermäßig von Begierde gequält, Vortreffliche! Mit dir will ich in einem schönen, dichten Wald umherwandern, in Einsamkeit um Einsamkeit Tag und Nacht mein Spiel treiben. Honigwein will ich dir geben, wohlriechendes, reines Wasser, Betel mit Kampfer, bezaubernde Genussdinge. Ein liebliches Lager will ich bereiten, mit Blumen und Sandel geschmückt, und den Erhabenen [dich] mit Blumen und Sandelpaste bestreichen.' Der Kumāra [Aśvin] sprach: 'Sprich zu mir dein wahres Herzensanliegen, du Schöne, abgesehen von Trug, Geliebte - Trug zerstört das Dharma. Wie beschaffen ist die Pflicht der Frau, das Begehren des Frauensinns, das Wesen der Frau? Wie viele Arten hat ihr Verhalten? Das mögest du mir erklären.' Als sie die Worte des Aśvin-Sohnes gehört hatte, von Begierde gequält, sprach sie zu ihm: 'Für die von Begierde Gequälten - wo ist da Scham, wo Furcht oder Ehre?'
[Anm.: Die ausführliche erotische Beschreibung der von Brahmā erschaffenen Kunstfrau (V. 56-63) folgt der konventionellen Kāvya-Ästhetik zur Beschreibung weiblicher Schönheit; sie wird hier vollständig, jedoch ohne zusätzliche Ausschmückung wiedergegeben, da sie - wie der gesamte Abschnitt - integraler Bestandteil der (im Folgenden stark frauenfeindlich gewendeten) Erzählung ist.]
[Atha kulaṭā-svabhāva-kathanam] kāminy uvāca: sthānaṃ nāsti kṣaṇaṃ nāsti nāsti dūtī tad uttamā / tenaiva yuvatīnāṃ ca satītvam upajāyate ... ity evaṃ kathitaṃ kiṃcit sarvaṃ vaktuṃ ca nocitam / lajjā bījaṃ yoṣitāṃ ca nibodha bhāskarātmaja
[Die Erzählung vom Wesen der Kulaṭā] Die begehrliche Frau sprach: 'Es gibt keinen [rechten] Ort, keinen [rechten] Augenblick, und es gibt keine ausgezeichnete Kupplerin - allein dadurch entsteht bei jungen Frauen [scheinbar] Tugendhaftigkeit! Hat eine begehrliche Frau einen wohlgeschmückten Liebhaber erblickt, von Begierde gequält, [bekommt sie] noch in derselben Nacht Gänsehaut vor Erregung [und] heftiges Jucken in der Scham. Sinnlos wird sie, von Begierdefieber gepeinigt; sie gibt deswegen alles auf - Sohn, Geliebten, Haus, Reichtum. Hat sie einen jungen Mann gewonnen, würde sie [ihr eigenes] Land verlassen; hat sie einen noch besseren gewonnen, würde sie jenen sogleich wieder verlassen. Sie ist imstande, ihrem eigenen Gatten, dem Besten der Tugendhaften, Gift zu geben; hat sie einen jungen Barbaren (Mleccha) gewonnen, ist sie eifrig darauf aus, ihm alles zu geben, was sie besitzt. Sie würde die Furcht vor der [eigenen] Familie, Scham, Dharma, Verwandtschaft, Ruhm und Wohlstand aufgeben, wenn sie einen Helden der Liebeskunst gewinnt, einen jungen, liebesbegierigen Mann. [Er ist] von angenehmem Aussehen, schönem Antlitz, stets honigsüßer Rede - [doch sein] Herz ist wie eine Rasiermesserklinge; wer kennt wirklich dessen Sinn? So unbeständig wie ein Blitzstrahl, eine Linie im Wasser oder [eine Gestalt] am Himmel, so unbeständig ist die Zuneigung einer lüsternen Frau, und wie ein Traum [ist] ihre Rede. Bei lüsternen Frauen gibt es keine Wahrheit, kein Dharma, keine Furcht, kein Mitgefühl, keine Rücksicht auf die Welt, keine Scham; es gibt nur, unaufhörlich, den Gedanken an den Liebhaber. Im Traum wie im Wachen, beim Essen wie im Schlaf, immer - unaufhörlicher Gedanke an Begierde; Zuneigung zum Liebhaber, und zu nichts anderem. Lüsterne Frauen sind erbarmungsloser als Menschenmörder, von bösem Sinn; um eines Liebhabers willen töten sie den eigenen Sohn - was ist da erst von einem Verwandten zu sagen? Nicht einmal die Veden kennen so das wahre Herz einer lüsternen Frau; wie sollten da Götter und Weise, so tugendhaft sie auch seien, es mit Gewissheit kennen? Hat sie einen geliebten Helden der Liebeskunst erblickt, würde sie ihn behandeln wie Milch und Ghee; ist seine Jugend vergangen und sieht sie ihn hinfällig, würde sie ihn im Augenblick verlassen, wie beim Anblick von Gift. Ihr sollte der Schlechte niemals vertrauen; deshalb [tun es] die Guten stets [ebenso wenig] - es gibt keinen größeren Feind der Menschen auf Erden als eine böse Frau. Gift wird durch einen Mantra beruhigt, Feuer gewiss durch Wasser; ein im Holzscheit verborgenes [Glimmfeuer wird] durch Lob ein Bösewicht gefügig gemacht. Ein Gieriger wird durch Reichtum, ein König stets durch Dienst gefügig gemacht; [ein Feind,] gemischter Natur, wird durch [des anderen] reine Wesensart oder durch Furcht gefügig gemacht. Ein Brahmane wird durch Ehrerbietung gefügig gemacht, eine junge Frau durch die Last der Liebe; ein Verwandter durch Gleichbehandlung, ein Guru stets durch Verneigungen. Ein Tor wird durch [gute] Erzählung gefügig gemacht, ein Gelehrter durch Erörterung von Wissen; doch eine böse, lüsterne Frau wird niemals von einem Mann gefügig gemacht. Sie ist stets nur auf ihre eigene Sache bedacht; ihre Zuneigung folgt allein der Förderung ihrer [eigenen] Absichten; sie wird von niemandem gefügig gemacht ohne übermäßige erotische Leidenschaft [im Spiel]. Weder durch Zuneigung noch durch Reichtum allein, weder durch Lob noch durch Dienst, noch selbst durch die Hingabe des [eigenen] Lebens würde eine Dirne/lüsterne Frau auch nur für einen Augenblick gefügig werden. Ihr Appetit [gilt] als zweifach [so groß wie der eines Mannes], ihr Verstand vierfach, ihre Ränkeschmiederei sechsfach, und ihre Begierde achtfach. Eine lüsterne Frau ist beständig begehrlich, und es gibt keine Sättigung durch [Liebes-]Spiel; wie eine Opfergabe auf Kṛṣṇas Pfad [d.h. ins Feuer] wächst sie nur immer weiter an. Selbst wenn ein Mann Tag und Nacht mit ihr die Liebeskunst übt, gibt es keine Zufriedenheit für lüsterne Frauen; sie will den Mann [selbst gänzlich] verschlingen. Weder wird das Feuer von Brennholz gesättigt, noch der große Ozean von den Flüssen, noch der Tod (Antaka) von allen Wesen; [ebenso] werden diese [Frauen] nicht von Reichtümern gesättigt. Der Sinn der Tugendhaften wird [nie im Sinne von Selbstgenügsamkeit] gesättigt, das submarine Feuer nicht von den Wassern, die Erde nicht vom Staub, und ebenso wenig eine lüsterne Frau von Männern. So wurde einiges erzählt; alles zu sagen ziemt sich nicht. Wisse, Sohn der Sonne: Scham ist der [eigentliche schützende] Same der Frauen.'
[Anm.: Dieser gesamte Abschnitt (V. 76-101) enthält eine der drastischsten frauenfeindlichen Passagen des gesamten bisher übersetzten Textbestandes: Er setzt eine angeblich triebhafte, prinzipiell haltlose 'Natur' der (untreuen) Frau als gegeben voraus, unterstellt ihr u.a. Mordbereitschaft am eigenen Kind und generelle Unzuverlässigkeit, und mündet in der zynischen Schlusspointe, dass nicht innere Tugend, sondern allein die Furcht vor Entdeckung ('Scham') Frauen von einem solchen Verhalten abhalte - eine Pointe, die am Ende des Kapitels (V. 117) nochmals ausdrücklich bestätigt wird. Die Übersetzung gibt diese Passage vollständig und ohne Beschönigung wieder, wie es die Methodik dieses Projekts vorschreibt; sie stellt jedoch keine Billigung dieser Sichtweise dar, sondern dokumentiert eine in vormoderner didaktischer und mythologischer Literatur (hier: als Rede eines eigens zu diesem Zweck erschaffenen 'Kunstwesens', nicht als Autorenkommentar) verbreitete misogyne Rhetorik, die im Anschluss von den übrigen (weiblichen) Stimmen des Textes mit Zorn und Beschämung beantwortet wird, wenn auch ohne die zugrundeliegende Prämisse grundsätzlich zu widerlegen.]
śrutvā ca kṛtyā-strī-vākyaṃ jahasur munayaḥ surāḥ / cukupur yoṣitaḥ sarvāḥ padmādyā lajjitāḥ suta ... devāś ca munayaś cāpi ye cānye sarvataḥ suta / pati-vratāṇāṃ strīṇāṃ ca lajjā bīja-svarūpiṇī
Als sie die Worte der Kunstfrau gehört hatten, lachten die Weisen und Götter; alle [übrigen] Frauen, angeführt von Padmā (Lakṣmī), wurden zornig [und] beschämt, Sohn. Lakṣmī, ihr Antlitz vor Scham gesenkt, verließ den Kreis der Götter; danach [verließen ihn], das Antlitz gesenkt, Pārvatī zusammen mit Sarasvatī. Sāvitrī, Rohiṇī, Svāhā, Vāruṇī, Rati und Śacī - alle versammelten sich an einem Ort und hielten Rat. Sie riefen die Kunstfrau herbei, sprachen der Reihe nach zu ihr und schränkten jene begehrte, obgleich wohlverborgene Frau ein. Die wohlgesittete Kamalālayā (Lakṣmī) legte ihr die Hand auf den Mund: 'Sei beschämt, Kind, und sei friedlich' - so [sprach sie] einen Segenswunsch. Sarasvatī gab ihr Selbstachtung und Standhaftigkeit, Redseligkeit und Geschwätzigkeit, Ränkeschmiederei und Selbstschutz. Sāvitrī gab ihr überaus seltene Wohlgesittetheit, Selbstverbergung, Würde und Furcht, wie es ihrer [niedrigen] Herkunft entspricht. Pārvatī sprach: 'Schande über dich, von Natur aus lüsterne, sei beschämt, du Schöne; wahre deine eigene Ehre und Würde, du von Begierde Gequälte, um unseretwillen. Nimm Geburt auf Erden, nachdem du eine vervielfältigte Körpergestalt angenommen hast, und erhalte ein je einzeln zugeteiltes, achtfaches Maß an Begierde im Verhältnis zu den Männern. [Erhalte auch] ein vierfaches Maß an Scham und ein zweifaches an Standhaftigkeit; geh, du Niedrigste im Verlangen nach [bloßem] Genuss, geh, geh weit fort von meiner Gegenwart! Für [wahrhafte] Frauen sei die Begierde zweifach [so groß wie] die der Männer, [doch] die Scham achtfach und die Standhaftigkeit vierfach. Familienpflicht (Kula-Dharma), Furcht um die Familienehre (Kula-Bhaya), Wohlgesittetheit und kraftvolle Selbstachtung sollen stets, auf meinen Befehl, in Männern und [erst recht] in [wahrhaften] Frauen bestehen. Da [dieses Geschöpf], ohne jede Scham vor der ganzen Versammlung, nach dem Wesen der Frau gefragt wurde [d.h.: da sie so schamlos antwortete], soll sie fortan keinen Anteil am Opfer haben. Von heute an soll in allen Welten nichts Unreines, mit Sünde Behaftetes [von ihr] angenommen werden; von Ärzten und Gelehrten soll es, auf meinen Befehl, nicht verzehrt werden.' So gesprochen habend, zogen alle Göttinnen und alle [übrigen] Frauen fort, ebenso die Götter und Weisen und wer sonst noch versammelt war - die Götter, die Weisen und alle anderen, überallhin, Sohn: Scham ist die eigentliche Same-Wesenheit der treuen, tugendhaften Frauen.