Paṭala 6: Prathamaika-rātre Ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ
Sechster Adhyāya der ersten Nacht - Das Gespräch zwischen Lomaśa und Nārada
Nach der Trennung von Brahmā und Sanatkumāra wandert Nārada zum Kailāsa und trifft am Gandhamādana-Berg auf einen in Meditation versunkenen, nackten Asketen (später als der Weise Lomaśa enthüllt) an dessen paradiesischer Einsiedelei. Der Asket erweist Nārada als Brahmanengast große Ehre und hält eine ausführliche Lehrrede über die Pflicht der Gastfreundschaft (atithi-dharma): Ein Gast ist Hari selbst, seine Bewirtung erfreut zugleich Guru und die drei Welten, während die Verweigerung der Gastfreundschaft dem Gastgeber sämtliche geistigen und weltlichen Güter (Ahnen, Götter, Verdienst, Ruhm, Glück) entzieht und ihn mit einem langen Katalog schwerster Verbrecher (Frauen-, Freundes- und Brahmanenmörder, Vertrauensbrecher, Kindsverkäufer, Meineidige u.a.) gleichsetzt. Nārada stellt sich vor und erfährt, dass sein Gegenüber der große Asket Lomaśa ist, der in radikaler Weltentsagung lebt (nackt, ohne Besitz, die Welt als Traum betrachtend) und ihm - unter Verweis auf das Schweigegebot seines eigenen Guru Śiva - den Kavaca-Wortlaut verweigert, ihn aber zu Śiva nach Kailāsa weiterschickt.
vyāso uvāca: munis tayoś ca gatayoḥ sa ruroda sarit-taṭe / itas tataś ca babhrāma mad-viyoga-śucāspada ... snātvā ca kṛta-mālāyāṃ saṃpūjya parameśvaram / bhuktvā phalaṃ jalaṃ pītvā prayayau gandha-mādanam
Vyāsa sprach: Als jene beiden gegangen waren, weinte der Muni am Flussufer, wanderte hierhin und dorthin, ein Ort des Kummers über die Trennung [Anm.: 'mad-viyoga', wörtl. 'Trennung von mir' - eine im Munde des Erzählers Vyāsa auffällige Ich-Form, die sich nicht auf Vyāsa selbst beziehen kann; vermutlich ein aus der Vorlage übernommener Rest einer anderen Sprecherperspektive oder eine Textverderbnis, mit [?] vermerkt]. In sich selbst nachsinnend, der beste der Weisen, unruhig, über Haris Fuß meditierend, begierig, den heilbringenden Śiva zu sehen, verneigte er sich in Hingabe vor seinem Vater und seinem Bruder Kumāra und zog vom Ort der Askese fort, Kailāsa entgegen. Nachdem er in der heiligen Furt Kṛtamālā gebadet, den höchsten Herrn verehrt, Früchte gegessen und Wasser getrunken hatte, zog er weiter zum Gandhamādana-Berg.
[Āśrama-varṇanam] dadarśa brāhmaṇaṃ tatra vaṭa-mūle manohare / kaṭamastam dhyāyamānaṃ śrī-kṛṣṇa-caraṇāmbujam ... dṛṣṭvāśramaṃ muni-śreṣṭho jagāma muni-saṃsadi / āsane ca samāsīnaṃ dhyāna-hīnaṃ dadarśa tam
[Beschreibung der Einsiedelei] Dort, unter einem bezaubernden Banyan-Baum, sah er einen Brahmanen mit geflochtenem Haarschopf, über Śrī Kṛṣṇas Lotosfuß meditierend: hochgewachsen, nackt, hellhäutig, von langen Haaren bedeckt, mit geschlossenen Augen, wonnevoll, mit Freudentränen. Beim Anblick dieses vollkommenen, alldurchdringenden Selbst, das von Padmā, Padmeśa (Viṣṇu-Lakṣmī-Paar), Śeṣa und den anderen Göttern verehrt und gepriesen wird, geriet der göttliche Weise [Nārada] in Erstaunen. Er wanderte hierhin und dorthin und erblickte die Einsiedelei des Munis - einen überaus geheimen, lieblichen, stets aufs Neue erfrischenden Ort: einen glatten, schönen, reinen, überaus klaren See, geschmückt mit weißen und roten Lotosblütenblättern, umsummt von Bienen, unablässig widerhallend vom balzenden Kuckucksgesang, umgeben von vielerlei Waldbäumen, reich an Früchten und Zweigen - Karañja, Karaja, Bimba, Śākhoṭikā, Tamarinde, Kapittha, Banyan, Śiṃśapā, Sandelbaum, Mandāra, Sindhuvāra, prächtige Fächerpalmen, Betelpalmen, Kokospalmen, Dattelpalmen, Jackfrucht, Palmyrapalmen, Śāla-Bäume, Piyāla, Hintāla, Bakula, Mango, Āmrātaka, Jāmbīra, Granatapfel, Bael, Jujube, Jambu und Orangenbäume, allesamt jung, reich an reifer, glänzender, bezaubernder Frucht, umrankt von Jasmin-, Mālatī-, Kunda- und Ketakī-Blüten, von Mādhavī-Rankenwerk und schönen Campaka-Bäumen bedeckt, mit reinen, weißen Kadamba-Blüten geschmückt, leuchtend von prächtigen Mandāra-Bäumen mit ihren Nāgeśvara-Blütenständen; belebt vom beständigen, klaren, lieblichen Rufen der Schwäne, Kāraṇḍava-Enten, Bakula-Vögel und männlichen Kokilas; geschmückt mit Tigern, Śarabhas, Löwen, Nashörnern, Büffeln, anmutigen Schwarzböcken und Yak-Rindern - und all dies durch die Kraft des großen Weisen frei von aller Gewalttätigkeit, frei von der Furcht vor Räubern, Dieben und reißenden Tieren, ein höchst verdienstvoller, in Bhārata hochgepriesener Pilgerort, eine Stätte der Vollkommenen, Vollkommenheit und sogar Mantra-Vollendung verleihend. Als der beste der Weisen die Einsiedelei erblickt hatte, trat er in die Versammlung des Munis und sah ihn auf seinem Sitz thronend, [nun] ohne Meditation.
[Anm.: Die umfangreiche botanische und zoologische Aufzählung (V. 13-24) wird hier vollständig, aber in zusammenhängender Prosa statt Vers für Vers wiedergegeben, um die charakteristische Fülle der Fauna- und Flora-Kataloge dieses Genres zu bewahren, ohne die Lesbarkeit durch mechanische Einzelübersetzung jeder Verszeile zu beeinträchtigen; einzelne botanische Bezeichnungen (z.B. 'Śiṃśapā', 'Piyāla', 'Hintāla') bleiben, wo keine gesicherte deutsche Entsprechung existiert, transliteriert.]
samuttasthau sa vegena dṛṣṭvā devarṣi-puṅgavam / datvāmalaṃ phalaṃ mūlaṃ saṃbhāṣāṃ sa cakāra ha ... māṃ vā mamāśramaṃ vāpi pūtaṃ kartum ihāgataḥ / mūrtimad-brahma-tejo hi mama bhāgyād upasthitaḥ
Beim Anblick des ausgezeichneten göttlichen Weisen erhob er sich eilends, reichte ihm reine Frucht und Wurzel dar und begann ein Gespräch. Er richtete an den Weisen mit der Vīṇā in der Hand, Nārada, den lächelnden, reinen, aus reiner Familie stammenden, durch gutes Geschick eingetroffenen, von brahmanischer Glut erstrahlenden, verehrungswürdigen Brahmanengast, den Sohn Brahmās, eine Frage: Der Muni sprach: 'Wie ist dein Name, Brahmane? Wohin gehst du, woher bist du gekommen? Wo ist dein Vater, wer ist er, wo wohnst du, wo bist du geboren? Bist du gekommen, um mich oder meine Einsiedelei zu läutern? Denn durch mein Glück ist die verkörperte brahmanische Glut [selbst] eingetroffen.'
[Vaiṣṇava-darśana-phalam] na hy ammayāni tīrthāni na devā mṛcchitāmayāḥ / te punanty urukālena vaiṣṇavo darśanena ca ... adhiṣṭhātātithir gehe santataṃ sarva-devatāḥ / tīrthāny etāni sarvāṇi puṇyāni ca vratāni ca / tapāṃsi yajñāḥ satyaṃ ca śīlaṃ dharmaḥ sukarma ca / apūjitair atithibhir sārdhaṃ sarve prayānti te
[Die Frucht des Anblicks eines Vaiṣṇava] Weder die aus Wasser bestehenden Pilgerstätten noch die aus Lehm und Stein [gebildeten] Götterbilder reinigen [so schnell] - sie reinigen erst nach langer Zeit, ein Vaiṣṇava [dagegen] durch den bloßen Anblick. Sogleich rein werden die Pilgerstätten, sogleich rein die Meere mitsamt den Bergen, Wäldern und Inseln, [ja] die ganze Erde, durch die Berührung seines Fußes. Gesegnet bin ich, mein Ziel erreicht, fruchtbar mein Leben - unversehens ist ein brahmanischer Vaiṣṇava-Gast in mein Haus getreten! Durch wen ein Vaiṣṇava verehrt wird, durch den wird das ganze Universum verehrt; die Einsiedelei mitsamt allem Besitz sei dir hiermit ganz dargeboten. Genieße jetzt die reifen Früchte und Genussmittel, trink das duftende, süße, kühle, reine Wasser, Milch von der Wunschkuh gegeben, lieblichen, süßen Honig, trink immer wieder den reifen, süßen Fruchtsaft; ruhe auf dem angenehmen, schönen Lager, geläutert von kühlem, duftendem, wohlriechendem Wind.' [Die Frucht der Gastverehrung] Wessen Gast genährt wird, dessen Hari selbst wird genährt; ist Hari zufrieden, ist der Guru zufrieden, ist der Guru zufrieden, sind die drei Welten zufrieden. Der Gast im Haus ist beständig [wie] alle Gottheiten zugleich verkörpert; er ist all diese Pilgerstätten, Verdienste und Gelübde, Askesen, Opfer, Wahrheit, guter Charakter, Rechtschaffenheit und gutes Handeln zugleich - all dies entweicht zusammen mit dem unverehrten Gast [aus dem Haus, das ihn nicht ehrt].
[Atithi-vimukhe doṣāḥ] atithir yasya bhagnāśo gṛhāt pratinivartate / pitaras tasya devāś ca puṇyaṃ dharma-vratāśanāḥ ... tulyo bhavati viprendrātithir eva tv anarcitaḥ
[Die Verfehlungen dessen, der dem Gast abgeneigt ist] Von wessen Haus ein Gast mit gebrochener Hoffnung wieder umkehrt, dessen Ahnen, Götter, Verdienst, Rechtschaffenheit und Gelübde, [dessen] Yama, [dessen] Beständigkeit, Lakṣmī, ersehnte Gottheit und Guru wenden sich hoffnungslos ab und verlassen jenen sündigen Menschen. Ein unverehrter Gast wird dem Fürsten der Brahmanen gleichgesetzt mit: Frauenmördern, Undankbaren, Brahmanenmördern, Guru-Bett-Schändern, Vertrauensbrechern, Bösewichten, Freundesverrätern, Wahrheitsverleugnern, Undankbaren [wiederholt], Sündern, [falschen] Behauptern, Spendendieben, Mädchenverkäufern, Grenzverletzern, falschen Zeugen, Brahmanengut-Räubern, Anvertrautes-Raubenden, Stierreitern und Tempeldienern gleichermaßen wie Dorfpriestern, Śūdra-Speise-Essern, Śūdra-Totenopfer-Speise-Essern, Śrī-Kṛṣṇa-abgeneigten Brahmanen, Gewalttätigen, Menschenmördern, dem Guru nicht Ergebenen, ständig Lügenverbreitenden, [Männern, die] mit Brahmanenfrauen [oder] mit der eigenen Mutter Umgang haben, Aśvattha-Baum-Fällern, Gattenmörderinnen, Eltern- und Zufluchtsuchenden-Mördern, sowie Räubern von Stein und Gold, ungeachtet ihrer Kaste (Brahmane, Kṣatriya, Vaiśya, Śūdra).
[Anm.: Der lange, drastische Sündenkatalog (V. 45-51), der den unbewirteten Gast mit den schwersten denkbaren Verbrechen - von Mord an Eltern, Ehepartnern und Brahmanen über Vertrauens- und Eidbruch bis zu sexuellen Verfehlungen - gleichsetzt, wird hier vollständig und ohne Beschönigung wiedergegeben, einschließlich der darin enthaltenen kastenbezogenen Verurteilungen (Stierreiter, Tempeldiener, Dorfpriester, Śūdra-Speise-Esser als Vergleichsgrößen), da er integraler Bestandteil der rhetorischen Übertreibungstechnik ist, mit der der Text die Pflicht zur Gastfreundschaft einschärft.]
So gesprochen habend, verehrte der Muni Nārada, speiste ihn mit Süßem und ließ ihn mit Hingabe ruhen. Śrī Nārada sprach: 'Ich bin Nārada, ein Brahmane, Sohn Brahmās; vom Ort der Askese komme ich her und gehe zum ersehnten Kailāsa - um mich selbst zu läutern und um dich zu sehen, bin ich hierhergekommen; alle Lebewesen werden durch den Anblick eines Viṣṇu-Ergebenen geläutert. Wer bist du, geläutert durch Meditation, nackt, mit geflochtenem Haar? Worüber meditierst du, Hochbeglückter, welcher ist deine höchste Gottheit, wer dein Guru?' Der Muni sprach: 'Du selbst bist zu Lebzeiten befreit (jīvan-mukta) und läuterst die drei Welten; in wessen Familie jemand geboren wird, dessen Rede und Denken [entsprechen jener Familie] - am Sohn, am Ruhm, am Wasser [d.h. an den Totenopfern], an Dichtkunst und Gelehrsamkeit, am Ansehen erkennt man aller Menschen Gesinnung. Der Schöpfer der Welten, Brahmā, dessen Geist einzig auf das Brahman gerichtet ist - dessen Sohn bist du, hochberühmt, der beste, große göttliche Weise. Ich bin Lomaśa, Hochbeglückter, der Läuternde der läuternden Welt selbst! Nackt, von kurzer Lebenszeit [d.h. mit begrenzter, wenn auch langer Lebensspanne], unterscheidungsfähig - was nützt mir ein Gewand? An der Wurzel eines Baumes ist meine Wohnstatt - was nützt mir ein Schirm oder ein Haus? Um mich gegen heftigen Regen zu schützen, trage ich jetzt geflochtenes Haar. Wie eine Wasserblase, wie ein Blitz, ist die dreifache Welt trügerisch, Zweifachgeborener, angefangen von Brahmā bis zum [kleinsten] Grashalm - alles ist bloß Trug, wie ein Traum. Was nützt Gattin, Sohn, Reichtum, Wohlstand, Glück? Was nützt Vermögen und Schönheit einem Leben von kurzer Dauer, Weiser? Durch den [bloßen] Sturz Indras schon [würde] mir das Haar ausgerissen [werden]; und der Sturz Manus dabei - was nützte mir da die Māyā? Durch das Ausreißen all meiner Haare, durch das Ausreißen der Haarfülle, wäre für mich, den kurzlebigen, der Tod, Weiser, gewiss.
Ich meditiere über den Lotosfuß, von Padmā (Lakṣmī) und Padmeśa (Viṣṇu selbst[?]) verehrt, jenes Höchsten, jenseits der Urnatur, Kṛṣṇas, des höchsten Selbst. Meine ersehnte Gottheit, die Ursache von allem - mein Guru, der Herr der Welten, der Guru der Fürsten der Yogis, ist Śiva. Wer mir den an meinem Hals [befindlichen] Kavaca [mitteilen darf], das wird mein Guru [selbst dir] sagen; wo ein Verbot des Guru besteht, wer wäre auf Erden imstande, es dennoch auszusprechen? Wer die Worte des Guru nicht befolgt und dennoch das vom Guru Gesagte [selbst weiter]sagt, jener Sünder erlangt gewiss die Schuld des Brahmanenmords. Wer seinen eigenen Guru, der die Gestalt Śivas hat, für von diesem verschieden hält, erlangt ebenfalls die Schuld des Brahmanenmords, [und] Hindernis auf Hindernis trifft ihn bei jedem Schritt. Das Unerlaubte darf nicht getan werden, das Wort des Guru muss befolgt werden; bei Nichtbefolgung erlangt man ohne Zweifel alle Hindernisse. Durch den Segenswunsch, durch den Staub seines Fußes und durch die Umarmung seines [Speise-]Restes wird man von aller Sünde befreit und wird zu Lebzeiten erlöst. Sieh deinen eigenen Guru Śaṅkara, geh zum ersehnten Kailāsa; von Hindernissen und Sünde wird man durch den Anblick der Füße des Guru befreit.'
[Anm.: 'padma-padmeśa-vanditam' (V. 65) bleibt mehrdeutig - ob hier Lakṣmī und Viṣṇu selbst als Verehrer des höchsten Kṛṣṇa gemeint sind (in einer für dieses Werk charakteristischen Unterscheidung zwischen 'Kṛṣṇa als höchstem Selbst' und dem 'gewöhnlichen' Viṣṇu-Lakṣmī-Paar als dessen Verehrern) oder eine andere Lesart vorliegt, wird mit [?] markiert.]