Quellen der Menschheit

Jñānāmṛtasāra-Saṃhitā

Paṭala 5: Prathamaika-rātre Pañcamo 'dhyāyaḥ Fünfter Adhyāya der ersten Nacht - Der die ganze Welt glückverheißend segnende Schutz-Kavaca (Jagan-maṅgala-maṅgala-Kavacam)

Brahmā trägt Sanatkumāra die von Nārāyaṇa an Subhadra übergebene Dhyāna-Meditation vor und teilt ihm sodann, auf erneute Bitte, den vollständigen Wortlaut des 'die ganze Welt glückverheißend segnenden' Schutz-Kavaca mit - eine klassische Aṅga-nyāsa-Formel, die jeden Körperteil und jede Himmelsrichtung des Betenden einer bestimmten Kṛṣṇa-Anrufungsform (Rādheśa, Gopīśa, Govinda, Keśava, Gadādhara usw.) zur Bewachung unterstellt. Zum Abschluss fragt Nārada erneut nach dem an Subhadra weitergegebenen Kavaca, doch Brahmā verweigert dessen Weitergabe abermals unter Verweis auf das ihm selbst von Hari auferlegte Schweigegebot und schickt Nārada zu Śiva, seinem karmischen Guru aus früherer Geburt.

tavecchā yatra kavace dhyāne tad vada sāmpratam / yac chṛṇomi śubhaṃ tac ca kena śreyasi tṛpyate ... tataḥ stotraṃ ca kavacaṃ bhaktyā ca prapaṭhen naraḥ / japtvā ca mantraṃ bhaktyā daṇḍavat praṇamed bhuvi / iti te kathitaṃ vatsa kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi

Śrī Sanatkumāra sprach: 'Worin dein Wunsch bezüglich des Kavaca und der Meditation liegt, das sage mir jetzt; ich möchte das Heilvolle hören, wodurch man im Heil zufrieden wird.' Brahmā sprach: 'Die im Sāma-Veda gelehrte Meditation wurde von Nārāyaṇa gegeben, samt dem Kavaca, dem rechtschaffenen, großherzigen Subhadra: [Man meditiere über ihn als] von frischem Regenwolken-Dunkel, in gelbe Seide gekleidet, am ganzen Leib mit Sandelpaste gesalbt, lächelnd, dunkel-schön, mit einem Mālatī-Blumenkranz geschmückt, mit Juwelenschmuck geschmückt, von den Fürsten der Weisen, den Fürsten der Vollkommenen, Brahmā, Śiva und Śeṣa verehrt, die Allgestalt, den Allherrn, den Allsamen, den Ewigen, den Uranfang von allem, den Allwissenden, den Purusa, jenseits der Urnatur, eigenschaftslos, wunschlos, unbefleckt - so verehre ich den Herrn. Nachdem man ihn so meditiert hat, gebe man ihm mit der Grundformel (mūla-mantra) freudig Fußwasser und dergleichen dar; dann rezitiere man mit Hingabe das Lobgebet und den Kavaca, und nachdem man den Mantra mit Hingabe gemurmelt hat, verneige man sich stabartig zu Boden. So habe ich dir dies mitgeteilt, Kind - was möchtest du noch weiter hören?'

[Atha jagan-maṅgala-maṅgala-kavacam] śrī-sanatkumāra uvāca: brūhi me kavacaṃ brahman jagan-maṅgala-maṅgalam / pūjyaṃ puṇya-svarūpaṃ ca kṛṣṇasya paramātmanaḥ ... evam indrādayaḥ sarve sarvaiśvaryam āpnuyuḥ / ṛṣiś chandaś ca sāvitrī devo nārāyaṇaḥ svayam / dharmārtha-kāma-mokṣeṣu viniyogaḥ prakīrtitaḥ

[Der die ganze Welt glückverheißend segnende Kavaca] Śrī Sanatkumāra sprach: 'Sage mir den Kavaca, Brahmane, der die ganze Welt glückverheißend segnet, den verehrungswürdigen, verdienstvollen [Kavaca] des Herrn Kṛṣṇa, des höchsten Selbst.' Brahmā sprach: 'Höre, ich will [ihn] verkünden, Fürst der Brahmanen, den überaus wunderbaren Kavaca, der von Śrī Kṛṣṇa selbst [mir] mitgeteilt wurde, mir, aus höchster Gnade. Von mir wurde er Dharma gegeben, von diesem dann Nārāyaṇarṣi, von jenem Weisen wiederum wurde er dem großherzigen Subhadra gegeben. Überaus geheim, rein, hohen [Wert habend], aus Zuneigung spreche ich [ihn] aus; wer ihn trägt und rezitiert, erlangt Vollkommenheiten (siddhi) durch Vollendete. So erlangen auch Indra und die anderen [Götter] alle Herrschaftsmacht. Der Ṛṣi [dieses Mantra] ist Sāvitrī als Versmaß, die Gottheit ist Nārāyaṇa selbst; die Anwendung wird für [die vier Lebensziele] Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa verkündet.

rādheśo me śiraḥ pātu kaṇṭhaṃ radheśvaraḥ / gopīśaś cakṣuṣī pātu tālu ca bhagavān svayam ... pātu vṛndāvaneśaś ca māṃ bhaktaṃ śaraṇāgatam

Rādhās Herr möge mein Haupt beschützen, Rādhās Herrscher meinen Hals; Gopīs Herr möge meine beiden Augen beschützen, den Gaumen der Erhabene selbst. Govinda [beschütze] das Wangenpaar, Keśava das Ohrenpaar. Gadādhara möge den Kehlkopf beschützen, Kṛṣṇa selbst, der Herr, die Schultern; Vāsudeva die Brust, und Acyuta den Bauch. Padmanābha möge den Nabel beschützen, Kaṃsas Bezwinger das Skelett/den Rumpf, Puruṣottama den Rücken, Nityānanda die Hüften. Puṇḍarīka [beschütze] das Fußpaar, Hari selbst das Handpaar, Narasiṃha selbst, der Herr, die Nase und die Nägel. Der Allherr [beschütze] die ganze Gestalt, beständig Madhusūdana; im Osten möge Rāma beschützen, im Feuer[-Südosten] der Flötenträger (Vaṃśīdhara) selbst. Dāmodara möge im Süden beschützen, im Südwesten der Beste der Männer (Narottama); im Westen der Lotosäugige, im Nordwesten Vāmana selbst. Ananta möge im Norden beschützen, im Nordosten Īśvara selbst; im Wasser, auf dem Land, im Luftraum, im Traum, im Wachen ebenso möge der Herr von Vṛndāvana mich, den Ergebenen, der Zuflucht sucht, beschützen.

[Anm.: Dies ist die klassische Form eines Aṅga-nyāsa- bzw. Digbandha-Kavaca, das - wie in der tantrischen Schutzformel-Tradition üblich - jeden Körperteil des Betenden sowie die zehn Himmelsrichtungen (die vier Haupt-, vier Zwischenrichtungen sowie Zenit/Oben und Nadir/Unten, hier ergänzt um Wasser, Land, Luftraum, Traum und Wachzustand) je einer Anrufungsform Kṛṣṇas zur Bewachung unterstellt.]

iti te kathitaṃ vatsa kavacaṃ paramādbhutam / sukhadaṃ mokṣadaṃ sāraṃ sarva-siddhi-pradaṃ satām ... nārāyaṇarṣiṇā dattaṃ kavacaṃ yat sudurlabham / subhadrāya brāhmaṇāya tan me vaktum ihārhasi

So habe ich dir, Kind, den überaus wunderbaren Kavaca mitgeteilt, Glück schenkend, Befreiung schenkend, die Essenz, allen Vollkommenheiten den Guten gewährend. Wer diesen erwünschten Kavaca zur Zeit der Verehrung rezitiert, erlangt Haris Dienerschaft, das höchste Wohnen in Goloka; noch hier [auf Erden] wird ein Mensch durch Hingabe zu Hari zu Lebzeiten befreit (jīvan-mukta).' Nārada sprach: 'Das von Nārāyaṇarṣi gegebene, überaus schwer erlangbare Kavaca, das dem Brahmanen Subhadra [zuteilwurde] - das mögest du mir hier mitteilen.'

brahmovāca: mad-iṣṭa-devyāḥ kavacaṃ kathaṃ tat kathayāmi te / mat-kaṇṭhe paśya kavacaṃ sad-ratna-guṭikānvitam ... ājñayā brahmaṇaś cāpi nārado gantum udyataḥ / brahmā yayau brahma-lokaṃ janma-mṛtyu-jarāpaham

Brahmā sprach: 'Wie soll ich dir den Kavaca meiner Wunschgottheit mitteilen? Sieh an meinem Hals den mit echten Juwelenperlen versehenen Kavaca. Der von Nārāyaṇarṣi gegebene, mit einer Juwelenperle versehene Kavaca - dennoch wurde dieser [Wortlaut] nicht mitgeteilt, [da er] von Hari als verboten bezeichnet wurde. Jenem Weisen wurde von seiner Wunschgottheit dieser [Wortlaut] nicht mitgeteilt, [ebenso wie] mir die Juwelenperle nicht gegeben wurde, von den Verwandten getadelt. Sein eigenes Kavaca und den [eigentlichen] Mantra darf man nicht selbst weitergeben; durch das [unrechte] Geben gehen die Lebenskräfte verloren, so wissen es die Vedakundigen. Geh zu Śaṅkara, dem Erhabenen, deinem Guru aus einer früheren Geburt; er wird dir gewiss den Kavaca geben, ohne Zweifel. Durch dein früheres [karmisches Verdienst], Fürst der Brahmanen, wirst du durch einen guten, heilsamen Wunsch gewiss jenen überaus schwer erlangbaren Kavaca erlangen. Kumāra, geh nach Vaikuṇṭha, sieh deinen eigenen Guru, den guten Gewährenden; Nārāyaṇa wird dir den Kavaca gewiss geben.' Der erhabene Sanatkumāra ging nach Vaikuṇṭha, dem ersehnten, und erlangte dort, Kind, den überaus schwer erlangbaren Kavaca. Auf Brahmās Geheiß machte sich auch Nārada auf den Weg [zu Śiva]; Brahmā [selbst] ging zur Brahma-Welt, die Geburt, Tod und Alter aufhebt.

[Anm.: Bemerkenswert ist, dass Brahmā hier erklärt, selbst nie den vollständigen Kavaca-Wortlaut von Nārāyaṇarṣi (bzw. von seiner eigenen Wunschgottheit) erhalten zu haben, sondern nur die einzelne Juwelenperle - ein Motiv, das die im 4. Adhyāya geschilderte Weigerungskette (Kṛṣṇa/Nārāyaṇa verweigert Subhadra den körperlichen Kavaca) auf einer höheren Ebene widerspiegelt: Das Prinzip, dass das eigene Schutzamulett nicht selbst weitergegeben werden darf, gilt demnach für alle Empfänger in der Überlieferungskette gleichermaßen. Die Erzählung endet an dieser Stelle mit der Aufspaltung der Wege: Sanatkumāra empfängt den Kavaca direkt von Nārāyaṇa in Vaikuṇṭha, während Nārada zu Śiva weitergeschickt wird - der tatsächliche Wortlaut dieses zweiten, 'eigentlichen' Kavaca wird im vorliegenden Adhyāya nicht mitgeteilt.]

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks