Paṭala 9: Prathamaika-rātre Navamo 'dhyāyaḥ
Neunter Adhyāya der ersten Nacht - Nāradas Empfang der Unterweisung
Śiva verehrt seinen Brahmanengast Nārada mit vedischem Ritus; nach längerem Aufenthalt fragt er ihn erneut nach seinem tiefsten Wunsch. Nārada bittet um eine umfassende Zusammenstellung der gesamten Lehre: die fünf Arten spiritueller Erkenntnis, die Lebensstufen-Regeln, den vollständigen Kṛṣṇa-Verehrungsritus samt Lobgebet, Kavaca und Mantra, die Karma-Lehre, das Wesen von Prakṛti und Puruṣa sowie insbesondere den Kavaca, den einst Nārāyaṇarṣi dem Subhadra gab. Śiva antwortet zunächst mit einem ausführlichen Lob der reinigenden Kraft des bloßen Anblicks, der Berührung und des Mantra-Empfangs eines Vaiṣṇava, bevor er Nārada gemeinsam mit Pārvatī zum himmlischen Fluss Mandākinī führt und ihm dort, nach rituellem Bad, den Kṛṣṇa-Mantra selbst überträgt. Ein Blumenregen und himmlische Musik begleiten das Ereignis; Nāradas Tanz vor Freude, gefolgt vom Erscheinen und Segen Brahmās, beschließen den Adhyāya.
Śrī Vyāsa sprach: Nachdem er den Wunsch gewährt hatte, verehrte der große Gott selbst, der Beste der Vedakundigen, mit Hingabe jenen brahmanischen Gast nach vedischem Ritus. Nachdem der beste der Weisen im Tempel des großen Gottes gegessen und getrunken hatte, verweilte er dort und übte Verehrung für Pārvatī und den höchsten Herrn. Einst, nach langer Zeit, sprach der große Gott, der Schatz des Mitgefühls, aus Gnade mitten in der Versammlung zu jenem großen Weisen: Śrī Mahādeva sprach: 'Was ist dein Wunsch, Kind? Sage es mir, wenn es dir beliebt; welcher [weitere] Wunsch, außer dem gewährten, liegt dir im Sinn?' Als er Mahādevas Worte gehört hatte, sprach der große Weise zu ihm, was ihm mitten auf Kailāsa im Sinn lag als Wunsch: Śrī Nārada sprach: 'Die geistige Erkenntnis (jñānam ādhyātmikam), die Essenz der Veden, lieblich, Hingabe zu Hari schenkend, Befreiung schenkend, ersehnt; die mit Yoga verbundene Erkenntnis und die vollkommenheitsschenkende Erkenntnis, die weltlich-gegenständliche Erkenntnis - fünffach wird die Erkenntnis überliefert. Den rechten Lebenswandel der [vier] Lebensstufen (āśrama), von Dharma geregelt, der Witwen, der Bettelmönche, der Asketen (yati) und der Brahmacārin; den Verehrungsritus für Kṛṣṇa, dessen Lobgebet, Kavaca und Mantra, den vorbereitenden Ritus (puraścaryā) und den vollständigen Tagesritus; die Reifung des Lebewesen-Karma und dessen Wurzel-Abschneidung; welches ist das Wesen des weltlichen Verlangens (vāsanā), welches das Kennzeichen von Prakṛti und Puruṣa; welches ist das Höchste jenseits von beiden, die Beschreibung von dessen Inkarnationen; wer ist dessen Teil-Manifestation, wer die vollständige, wer die vollkommenste? Den Kavaca, den Nārāyaṇarṣi dem besten Subhadra gab - was ist dieser, Herr der Götter, [und] wie ist er sorgfältig zu verehren? Was mir an Erkenntnis noch nicht mitgeteilt wurde, was es auch sei, Bester der Götter - das sage mir der Wahrheit gemäß, erweise mir deine Gnade! Durch das Aussprechen der Erkenntnis des Guru entsteht die Erkenntnis von Mantra und Tantra; jenes ist das Tantra und jener der Mantra, wodurch Hingabe zum Alldurchdringenden entsteht. Erkenntnis kommt den Gelehrten [nur] durch Nachdenken über die Veda-Erklärung zuteil; du selbst bist der Schöpfer der Veden, die über der Erkenntnis waltende Gottheit.' Als er Nāradas Worte gehört hatte, lächelte der Gatte Pārvatīs, blickte auf Pārvatīs Antlitz und sprach zum Elefantenantlitzigen [Gaṇeśa].
[Atha nāradopadeśa-grahaṇam] śrī-mahā-deva uvāca: aho ananta-dāsānāṃ māhātmyaṃ paramādbhutam / kurvanty ahaitukīṃ bhaktiṃ ye ca śaśvad dhareḥ pade ... darśanaṃ vaiṣṇavānāṃ ca devā vāñchanti nityaśaḥ / na vaiṣṇavāt paraḥ pūto viśveṣu nikhileṣu ca
[Nāradas Empfang der Unterweisung] Śrī Mahādeva sprach: 'Ach, die überaus wunderbare Größe der endlosen Diener [Haris], die stets uneigennützige Hingabe an Haris Fuß üben! Die Tag und Nacht über den Lotosfuß Padmanābhas meditieren, von Padmā (Lakṣmī) und Padmeśvara (Viṣṇu, bzw. hier vielleicht: von Śiva selbst[?]) verehrt und von Śeṣa und den anderen Göttern gepriesen - deren Gespräch, deren Körperberührung, den Staub ihres Fußes wünschen sich sogar die Pilgerstätten und die Erde zu ihrer eigenen Läuterung. Das reine Fußwasser der Kṛṣṇa-Mantra-Verehrer, Sohn, reinigt alle Pilgerstätten und selbst die Erde, Pārvatī! Wessen Ohr der Kṛṣṇa-Mantra aus dem Mund eines Zweifachgeborenen erreicht, jenen Vaiṣṇava nennen die Alten 'die Welt läuternd'. Durch das bloße Empfangen des Mantra wird ein Mensch von der Wesensart Nārāyaṇas; er reinigt spielend hundertmal hundert Menschen. Wodurch [ein Mensch] durch bloße Geburt rein wird, dadurch [werden] hundertmal hundert seiner Ahnen sogleich nach Goloka gehen und vom Genuss ihres Karma befreit werden. Er kann sieben [Generationen] mütterlicherseits schon durch bloße Geburt erretten; wessen Tochter er annimmt [zur Ehe], dessen sieben [Generationen ebenso] mühelos. Mutter, deren Erzeugerin, Gattin, sieben Generationen des Sohnes, Bruder, Schwester [und] Tochter kann ein Kṛṣṇa-Ergebener erretten. Er hat an allen Pilgerstätten gebadet, ist in alle Opfer eingeweiht, hat die Frucht aller Verehrungen erlangt, ist gelübdetreu in allen Gelübden. Wer den Viṣṇu-Mantra von einem vaiṣṇavitischen besten Zweifachgeborenen empfängt, wird von Sünden befreit, die über Millionen Geburten angehäuft wurden, ohne Zweifel. Durch den bloßen Anblick der Kṛṣṇa-Mantra-Verehrer wird man sogleich von Sünden befreit, die über hundert Geburten angehäuft wurden, ohne Zweifel. Durch den bloßen Anblick und die Berührung eines Vaiṣṇava, Pārvatī, wird sogleich das Wasser rein, das Feuer, die Welt, der Wind. Den Anblick der Vaiṣṇavas wünschen sich die Götter beständig; reiner als ein Vaiṣṇava gibt es nichts im ganzen Universum.'
[Anm.: 'padmeśvara' in V. 18 könnte hier (anders als sonst im Werk, wo es meist Viṣṇu selbst bezeichnet) auch auf Śiva bezogen sein, da Śiva hier selbst spricht; die Doppeldeutigkeit wird mit [?] vermerkt.]
So gesprochen habend, ging Śaṅkara eilends, samt seinem Sohn [Gaṇeśa], zusammen mit Nārada zum Ufer der Mandākinī, deren Wasser der Milch gleicht. Dort badeten die große Göttin und der große Weise Nārada; nach der Reinigungshandlung (ācamana), rein, [mit] gewaschenem [Gewand] versehen, gab der große Herr [Śiva] dem Nārada den Kṛṣṇa-Mantra, den höchsten, ausgezeichneten Wunschbaum, alle Vollkommenheit gewährend, o Śuka - Lakṣmī, die Bīja-Silbe der Māyā und des Begehrens, endend auf 'ṅe', dann Kṛṣṇas Fuß[-Silbe], endend auf das der Welt teure Läuternde - den [so] verkündeten Fürsten der Mantras. Nachdem er den Mantra empfangen hatte, umschritt jener Muni Śiva rechtsherum, verneigte sich siebenmal und gab sein eigenes Selbst als Ehrengabe (dakṣiṇā) dar - dessen Haupt sich, hingabevoll, von Geburt an jenem Lotosfuß verkauft hatte, am Ufer des himmlischen Mandākinī-Flusses. Zu dieser Zeit, Kind, geschah ein Blumenregen; über Nārada [hin] ertönten dort himmlische Kesselpauken. Der Sohn Brahmās tanzte, in der leidfreien Brahma-Welt; auch Brahmā selbst kam dorthin, höchst zufrieden und lächelnd. Nachdem er seinem Sohn den Segenswunsch erteilt hatte, pries er den Mondgeschmückten [Śiva]; und Śambhu verehrte seinerseits den Brahmanengast [Nārada]; nachdem Vidhi (Brahmā) Śambhu den Segenswunsch erteilt hatte, ging er zur Brahma-Welt.