Quellen der Menschheit

Jñānāmṛtasāra-Saṃhitā

Paṭala 2: Prathamaika-rātre Dvitīyo 'dhyāyaḥ Zweiter Adhyāya der ersten Nacht - Das Lob der Speiseopfergabe (Naivedya-Praśaṃsā)

Rahmenerzählung: Śuka fragt Vyāsa, wo und durch wen das Pañcarātra dem weisen Nārada von Śambhu (Śiva) übergeben wurde. Vyāsa erzählt: Nārada übte tausend Jahre Askese am Nārāyaṇa-kṣetra am Gangesufer, bis eine körperlose Himmelsstimme (ākāśa-vāṇī) ihm ein rätselhaftes Vierzeilen-Rätsel über Hari (Viṣṇu) und die Nutzlosigkeit von Askese zuruft und ihn zu Śaṅkara (Śiva) schickt. Verwirrt sucht Nārada seinen Vater Brahmā auf, der ihm gemeinsam mit dessen Sohn Sanatkumāra das Rätsel Vers für Vers (jeweils ein Versviertel) auslegt: Ob Hari verehrt wurde oder nicht, ob er 'innen und außen' ist oder nicht - in jedem Fall ist Askese neben der Hingabe (bhakti) zu Kṛṣṇa zwecklos bzw. bereits erfüllt. Eingebettet ist eine ausführliche Lehre über den Vorrang der Kṛṣṇa-Bhakti vor allen asketischen und rituellen Leistungen sowie über die reinigende Kraft von Kṛṣṇas Speiseopfergabe (naivedya) - illustriert durch die Erzählung von einem verblendeten Brahmanen aus Kānyakubja, der durch einen einzigen, unabsichtlich gegessenen Bissen von Kṛṣṇas Opferspeise-Resten sich selbst, seinen Sohn, seine Frau und schließlich sogar den Tiger, der ihn später im Wald verschlang, zur Erlösung (Goloka) führt.

kutra vā pañca-rātraṃ ca nāradasya ca dhīmate / pradattaṃ śambhunā tāta tan me vyākhyātum arhasi

Śuka sprach: 'Wo wurde das Pañcarātra dem weisen Nārada durch Śambhu (Śiva) übergeben? Das, Vater, mögest du mir erklären.'

[Nāradasya tapo-varṇanam] adhītya sarvān vedāṃś ca vedāṅgāṇ pitur antike / jagāma tītrhaṃ kedāraṃ supraśastaṃ ca bhārate ... śuśrāvākāśa-vāṇīṃ ca tapaso 'nte mahā-muniḥ / svalpākṣarāṃ ca bahv-arthāṃ pariṇāma-sukhāvahām

[Beschreibung von Nāradas Askese] Vyāsa sprach: Nachdem er beim Vater alle Veden und Vedāṅgas studiert hatte, ging er zum berühmten, hochgepriesenen Tīrtha Kedāra in Bhārata. Am schönen Ufer der Gaṅgā, östlich des Himālaya, am vollkommenen, von allen ersehnten Nārāyaṇa-Feld, übte jener Muni tausend Götterjahre lang göttliche Askese, stets der väterlichen Weisung folgend, rein. Am Ende der Askese hörte der große Muni eine Stimme aus dem Himmelsraum (ākāśa-vāṇī), von wenigen Silben, aber reich an Bedeutung, in ihrer Wirkung Glück bringend.

[Daiva-vāṇī] aśarīriṣ uvāca: ādhārito yadi haris tapasā tataḥ kim / nādhārito yadi haris tapasā tataḥ kim / antar bahir yadi haris tapasā tataḥ kim / nāntar bahir yadi haris tapasā tataḥ kim // virama virama brahman kiṃ tapasyāsu vatsa / vraja vraja dvija śīghraṃ śaṅkaraṃ jñāna-sindhum / labha labha hari-bhaktiṃ vaiṣṇavoktāṃ supakvāṃ / bhava-nigaḍa-nibandha-chedinīṃ kartanīṃ ca

[Die göttliche Stimme] Die Körperlose sprach: 'Wenn Hari durch Askese gegründet/gestützt ist - was dann? Wenn Hari durch Askese nicht gegründet ist - was dann? Wenn Hari durch Askese innen und außen ist - was dann? Wenn Hari durch Askese nicht innen und außen ist - was dann? Halt ein, halt ein, o Brahmane! Was sollen dir die Askeseübungen, Kind? Geh, geh eilends, Zweifachgeborener, zu Śaṅkara, dem Ozean der Erkenntnis! Erlange, erlange die von den Vaiṣṇavas gelehrte, voll ausgereifte Hingabe (bhakti) zu Hari, die das Band und die Fessel des Weltenkreislaufs (bhava) durchschneidet und zerschneidet.'

[Anm.: Dieses vierteilige Rätsel bildet den Ausgangspunkt der gesamten folgenden Lehrunterweisung: Es wird in Kap. 2 Vers für Vers (jeweils ein Versviertel) durch Brahmā und Sanatkumāra ausgelegt. Die Pointe ist eine doppelte: Entweder ist Hari bereits erlangt (dann ist Askese überflüssig) oder er ist nicht erlangt, aber der Betreffende ist dennoch kein Nicht-Verehrer (dann bleibt allein die Bhakti als Weg) - in beiden Fällen tritt Askese hinter die Hingabe zurück.]

iti śrutvā ca sa munir vimanāḥ svar-ṇadī-taṭe / cakārārthānusandhānaṃ na prasannam ca tan manaḥ ... nāradasya vacaḥ śrutvā dṛṣṭvā taṃ kātaraṃ vidhiḥ / putreṇa sārddham ālocya vyākhyāṃ kartuṃ samārebhe

Dies gehört habend, sann der Muni, betrübt, am Ufer des Himmelsflusses (der Gaṅgā) über den Sinn nach, und sein Geist fand keinen Frieden. Er weinte am Ufer des Himmelsflusses, sich immer wieder an Haris Füße erinnernd; da sah er vor sich seinen Vater Brahmā samt dessen Sohn [Sanatkumāra]. Er verneigte sich sogleich mit dem Haupt vor dem Vater und dem [ihm wie ein] Bruder [nahestehenden Sanatkumāra] und reichte eilends und ehrfürchtig Fußwasser (pādya) und Ehrenwasser (arghya) dar. Er befragte Kumāra, den Lenker der Welten, der behaglich, gefasst und lächelnd, frei von Ermüdung, in sich selbst ruhend, mit erfüllten Wünschen, der Guru der Guru der Weisen war, nach dem Sinn des Versepaares - mit tränenden Augen, vor Hingabe sich sträubendem Haar, gesenktem Nacken. Als Vidhi (Brahmā) Nāradas Worte gehört und ihn bekümmert gesehen hatte, beriet er sich mit [seinem] Sohn und begann mit der Erklärung.

[Daiva-vāṇy-arthaḥ] brahmovāca: he vatsa pūrva-ślokārthaṃ nigūḍhaṃ śruti-sammatam / vedārthaṃ dvi-vidhaṃ śuddhaṃ vyākhyāṃ kurvanti vaidikāḥ ... mantra-grahaṇa-mātreṇa puruṣāṇāṃ śataṃ suta / punāti sva-sva-bhaktaṃ ca cāndhavaṃś cāvalīlayā

[Die Bedeutung der göttlichen Stimme] Brahmā sprach: 'O Kind, der Sinn des vorigen Verses ist verborgen, von der Śruti (Offenbarung) bestätigt; die Vedakundigen geben zwei Arten reiner Erklärung des vedischen Sinns. Wenn Hari von irgendeinem Menschen aus eigener Hingabe verehrt worden ist, o Nārada, was nützt diesem dann noch Askese, ist er doch [bereits] durch die Pilgerfahrt (tīrtha) geläutert? Für einen Verehrer des Kṛṣṇa-Mantra, der zu Lebzeiten befreit ist (jīvan-mukta), in Bhārata, ist Askese ein Same des Spotts und wie das Wiederkäuen von bereits Gekautem. Durch das bloße Annehmen des Mantra werden hundert Menschen gereinigt, Sohn, mitsamt ihren jeweiligen Ergebenen, und [selbst] Blinde, mühelos.

nahi dharmo nahi tapaḥ śrī-kṛṣṇa-sevanāt param / pariśramaṃ ca viphalaṃ tapasā vaiṣṇavasya ca ... pavitraḥ paramo vahniḥ pavitraṃ cāmalaṃ jalaṃ / pavitraṃ bhārataṃ varṣaṃ tīrthaṃ yat tulasī-dalam

Es gibt kein Dharma, keine Askese höher als den Dienst an Śrī Kṛṣṇa; für einen Vaiṣṇava ist die Mühsal der Askese fruchtlos. Für einen Verehrer des Kṛṣṇa-Mantra, geläutert durch Pilgerfahrt, Sohn - Bad an Pilgerstätten und Fasten sind, gemessen an den Veden, [bloß] Nachäffung. Was immer an Sünde einem Vaiṣṇava durch die Kraft früherer Taten (karma) anhaftet, wird durch das bloße Annehmen des Mantra vernichtet, wie Stroh im Feuer. Rein, höchst rein ist das Feuer, rein und makellos das Wasser, rein das Land Bhārata, [und ebenso] rein ist als Pilgerstätte ein Tulasī-Blatt.

punāti līlayaitāni śuddhaḥ kṛṣṇa-parāyaṇaḥ / upasparśa ca bhaktasyāpy ete vāñcchanti sādaram ... vatsa ślokasyaika-pādaṃ vyākhyātaṃ ca yathāgamam / vyākhyātaṃ karomy anya-pādaṃ yathājñānaṃ miśāmaya

[Doch] wer rein und Kṛṣṇa ergeben ist, reinigt diese [heiligen Dinge] spielend; sogar sie wünschen sich ehrfürchtig die Berührung eines solchen Ergebenen. Durch den Staub des Fußes eines Ergebenen wird sogleich die Erde geläutert; nichts ist reiner in den drei Welten als ein Diener Śrī Kṛṣṇas. Wer Kṛṣṇa auf der Śālagrāma-Steinscheibe verehrt und wer stets dessen Fußwasser und Speiseopfer genießt - der ist ein höchst reiner Vaiṣṇava, ein Verehrer jenes Mantra, rein; er reinigt allein durch seine Geburt hundert Menschen samt seinen Verwandten. Kind, ein Viertel des Verses wurde gemäß der Überlieferung (āgama) erklärt; das andere Viertel will ich nach meinem Wissen erklären - höre!

nārādhito yadi harir yena puṃsādhamena ca / kiṃ tasya tapasā vyarthaṃ niṣphalaṃ tat-pariśramaḥ ... ślokārdhaṃ kathitaṃ vatsa kiṃcid eva yathāgamam / tasyārdhasyāpi vyākhyānaṃ karomīti niśāmaya

Wenn Hari nicht verehrt worden ist von irgendeinem niedrigsten Menschen, was nützt diesem dann Askese - fruchtlos ist seine Mühsal. Gelübde, Wohltaten, Askesen, Fastenübungen, die vedisch vorgeschriebenen Opfer und die heilsamen Handlungen reinigen den Nicht-Ergebenen nicht, wie ein Fluss kein Krug voll Branntwein [reinigt]. Durch die bloße Berührung eines Nicht-Ergebenen erzittern die Pilgerstätten; die Erde selbst erzittert vor Schmerz über die Last des Nicht-Ergebenen. Ein Halbvers wurde erklärt, Kind, ein wenig gemäß der Überlieferung; auch der [anderen] Hälfte dieses [Halbverses] Erklärung will ich nun geben - höre!

veda-sāraṃ kṛṣṇa-mataṃ mamāpi nahi kalpanā / antar bahir yadi hair yeṣāṃ puṃsāṃ mahātmanāṃ ... bhakta-prāṇo hi kṛṣṇaś ca kṛṣṇa-prāṇā hi vaiṣṇavāḥ / dhyāyante vaiṣṇavāḥ kṛṣṇaṃ kṛṣṇaś ca vaiṣṇavāṃs tathā

Die Essenz der Veden ist die Kṛṣṇa-Lehre - nicht einmal meine eigene Erfindung [sage ich]. Wenn Hari für irgendwelche großherzigen Menschen innen und außen ist, im Traum wie im Wachen, beständig, dann ist deren Askese [in diesem Sinne bereits erfüllt und daher] fruchtlos [im Sinne von überflüssig] - ein solcher ist Viṣṇu selbst gleich, ein Teil von ihm, o Weiser, in Bhārata. Durch die Bindung an seinen Schutz, in seiner Übung, durch das Sudarśana[-Rad], wird er allein durch Meditation sündenfrei und reinigt die drei Welten. Nachdem er [ihm] das Rad (cakra) zum Schutz gegeben hat, ist Janārdana [dennoch] nicht unbekümmert; er selbst geht in dessen Nähe, um [ihn] zu sehen und zu beschützen. Nichts ist Kṛṣṇa, dem höchsten Selbst, lieber als der ihm Ergebene; kein Selbst ist [ihm] lieber als ein Ergebener, nicht die Lebensatem, nicht die Glieder, nicht Lakṣmī, Rādhikā, Vāṇī (Sarasvatī), Svayaṃbhū (Brahmā) noch selbst Śambhu (Śiva). Kṛṣṇas Lebensatem ist ja der Ergebene, der Vaiṣṇavas Lebensatem ist ja Kṛṣṇa; die Vaiṣṇavas meditieren über Kṛṣṇa, und Kṛṣṇa ebenso über die Vaiṣṇavas.

vyākhyātam ca tri-pādaṃ ca he munīndra yathāgamam / śeṣa-pādasya vyākhyānaṃ karomīti niśāmaya ... bhuṅkte sva-bhakṣyaṃ kolaś ca mlecchaś ca śvapacādhamaḥ / vipro nityam abhakṣyaṃ ca bhuṅkte ca patitas tataḥ

Drei Viertel wurden erklärt, o Fürst der Weisen, gemäß der Überlieferung; die Erklärung des restlichen Viertels will ich geben - höre! Wenn Hari weder innen noch außen ist für irgendwelche Menschen, o Nārada, ist auch deren Askese fruchtlos, [da] ihr Inneres befleckt ist. Was nützt ihnen Erkenntnis, Askese, Gelübde, Regel, oder selbst das Verdienst des Bades an Pilgerstätten, jenen Nicht-Ergebenen von verblendetem Sinn? Größer als Brahmanen ohne Hingabe zu Kṛṣṇa ist der große Kastenlose (śvapaca, wörtl. 'Hundekocher'), das Schwein, [oder selbst] die Schar der Mlecchas (Fremdvölker), durch [deren eigene] Befolgung ihrer je eigenen Pflicht (sva-dharma). Brahmanen, die ihrer eigenen Pflicht (sva-dharma) beraubt sind, fallen durch das Essen des Unerlaubten, immer und immer wieder durch Pflichtwidrigkeit (vidharma), zu den niedrigsten Kastenlosen herab. Die eigene Pflicht der Brahmanen ist der beständige Dienst an Kṛṣṇa; die Guten genießen stets dessen Opferspeise-Reste (naivedya) und Fußwasser (pādodaka). Wenn ein niedrigster Zweifachgeborener isst, ohne [es zuvor] Hari dargebracht zu haben, gilt jene Speise den Weisen als gleich Kot, das Wasser gleich Urin. Der Kola [eine niedrige Volksgruppe(?)] isst seine eigene [erlaubte] Speise, ebenso der Mleccha und der niedrigste Kastenlose; ein Brahmane, der stets Unerlaubtes isst, wird dadurch zum Gefallenen.

[Anm.: Die Kastenpolemik dieses Abschnitts (Herabsetzung des pflichtvergessenen Brahmanen unter den Kastenlosen, das Schwein und die Fremdvölker) wird hier unverändert und ohne Beschönigung wiedergegeben, da sie integraler Bestandteil der vaiṣṇavitischen Bhakti-Rhetorik ist, die formale Kastenreinheit der gelebten Hingabe unterordnet; sie spiegelt zugleich die in solchen Texten verbreitete abwertende Sicht auf 'Kastenlose' (śvapaca/caṇḍāla) und 'Mlecchas' wider.]

ślokam ekaṃ ca vyākhyātaṃ yathā-jñānaṃ ca nārada / sannibodha parasyārdhaṃ vyākhyānaṃ ca yathocitaṃ ... ity evam uktvā tvāṃ devī prajagāma sarasvatī / vyākhyātas tad-abhiprāyaḥ kiṃ bhūyaḥ kathayāmi te

Ein Vers wurde erklärt, so gut ich es verstehe, Nārada; vernimm nun die passende Erklärung der übrigen Hälfte. Halt ein von der Askese, o Brahmane - fruchtlos ist gewiss die Askese des Ergebenen; nachdem du Śaṅkara zum Guru gemacht hast, erlange rasch Hingabe zu Hari. Voll ausgereifte Hingabe zu Hari ist das Boot zur Überquerung des Daseinskreislaufs; der Guru allein ist das höchste Brahman, von der Gestalt eines Steuermanns. Nachdem sie dies zu dir gesagt hatte, entschwand die Göttin Sarasvatī; deren Absicht ist [nun] erklärt - was soll ich dir noch weiter erzählen?

brahmāṇaś ca vacaḥ śrutvā jahāsa yogināṃ guruḥ / sanat-kumāro bhagavān uvāca pitaraṃ śuka ... kṣaṇaṃ saṃcitya pādābjaṃ prāpa rāddhāntam īpsitam / vyākhyāṃ kartuṃ samārebhe vidhātā jagatām api

[Vyāsa unterbricht seine Erzählung mit einer Anrede an seinen Zuhörer Śuka:] Nachdem er Brahmās Worte gehört hatte, lachte der Guru der Yogis [Sanatkumāra]; der erhabene Sanatkumāra sprach - o Śuka! - zu seinem Vater [Brahmā]: 'Die Erklärung des vorigen Verses ist von mir, einem Kind, nicht verstanden worden; es ziemt sich, den Sohn, den unerleuchteten Schüler, erneut zu belehren. "Wenn Hari von irgendwem verehrt wurde, ist dessen Askese fruchtlos, wenn dem so ist; wenn Hari von irgendwem nicht verehrt wurde, ist dessen Askese fruchtlos, wenn dem so ist" - ohne diese beiden [Fälle: Verehrung/Nicht-Verehrung], wo bliebe da noch Raum für Askese? Die, Vater, die Askese üben - belehre mich, [dein] Kind!' Nachdem er des Sohnes Worte gehört hatte, sann der Lenker der Welten, im Zweifel, über Kṛṣṇas Lotosfuß nach, den höchsten Wunschbaum, o Śuka. Nachdem er einen Augenblick den Lotosfuß gesammelt bedacht hatte, erlangte er die erwünschte Schlussfolgerung (siddhānta); der Schöpfer der Welten begann [erneut] mit der Erklärung.

[Naivedya-praśaṃsā] brahmovāca: dhanyo 'haṃ bhavataḥ putrāt jñānināṃ ca guror guroḥ / viṣṇu-bhaktāc ca dharmiṣṭhāt sat-putrāc ca pitā sukhī ... yaś ca mūḍhatamo loke yaś ca bhaktiṃ parāṃ gataḥ / tāv ubhau sukha-sedhete tapaḥ kurvanti madhyamāḥ

[Das Lob des Speiseopfers] Brahmā sprach: 'Gesegnet bin ich durch dich, meinen Sohn, den Guru der Guru der Weisen, den Viṣṇu-Ergebenen, den Rechtschaffenen; glücklich ist der Vater eines guten Sohnes. Gesegnet bist du, gelehrt bist du, ein Ergebener Haris bist du, mein Kind; durch dich, Weiser, sind selbst meine Geburt und mein Leben fruchtbar geworden. Vernimm den Sinn des vorigen Verses, ich erkläre ihn erneut; und wenn du dennoch nicht zufrieden bist, wirst du selbst die Erklärung geben. Das Wort "ā-" [in ārādhita] bedeutet "vollständig"; [also bedeutet] "ārādhita" "einer, von dem Hari vollständig erlangt/verehrt wurde" - für den ist die Mühe der Askese fruchtlos. Von wem Hari, der Herr, vollständig erlangt wurde, im Traum oder im wachen Erkennen - für die ist die Mühe der Askese fruchtlos. Pilgerfahrt, Wohltat, Askese, Verdienst und Gelübde reinigen nicht den verblendeten, niedrigsten Brahmanen, der Śrī Kṛṣṇa abgeneigt ist. Wer der Höchstverblendete in der Welt ist und wer zur höchsten Hingabe gelangt ist - beide ruhen in Behagen; [nur] die Mittleren üben Askese.

devān anyāṃś ca bhajate hariṃ jānāti tat-paraḥ / tapaḥ karoti taṃ prāptum ākāṅkṣan madhyamo janaḥ ... śṛṇu vatsa pravakṣyāmi pūrvākhyānaṃ purātanam / atīva suśravaṃ cāru madhuraṃ muktidaṃ param

Wer andere Götter verehrt [und dabei doch] Hari, ihm zugewandt, kennt - der mittlere Mensch übt Askese, in der Hoffnung, ihn zu erlangen. Ein aus früherer [Geburt] Zugeneigter, ein vom Weltenkreislauf umschlossener Hausvater, übt Askese um der ersehnten Lotosfüße Śrī Kṛṣṇas willen. Höchstes ist die Verehrung Śrī Kṛṣṇas, die Meditation auf ihn, das Singen seines Namens; das Genießen seines Fußwassers und Speiseopfers ist [die Erfüllung] aller Wünsche. Ein überaus verblendeter Brahmane, durch den Fehler eines früheren Guru [oder: durch früheres (karmisches) Verschulden gegenüber einem Guru [?]], von finsterer (tamasischer) Natur, kennt Śrī Kṛṣṇa nicht als den, der jenseits der drei Guṇas ist. Sei es aus Unwissenheit oder aus Wissen, aus früherer guter Gemeinschaft (sat-saṅga) - [wenn] er das Speiseopfer des Herrn Kṛṣṇa, des höchsten Selbst, genießt, wird er befreit, Kind, [und] von aller Sünde erlöst; er geht auf dem göttlichen Pfad (Fahrzeug) nach Goloka, der höchsten Welt. Höre, Kind, ich will dir eine alte, frühere Erzählung berichten, überaus lieblich zu hören, anmutig, süß, höchste Befreiung schenkend.

[Anm.: 'guru-doṣataḥ' (2.65) bleibt in seiner genauen Bezugsgröße unklar - ob ein Fehlverhalten des Brahmanen gegenüber seinem eigenen Guru gemeint ist oder ein von einem (schlechten) Guru ererbtes Verschulden; beide Lesarten sind grammatisch möglich und werden mit [?] markiert.]

kānyakubjaḥ sukṣubdhaś ca brāhmaṇo grāma-yājakaḥ / devalo vṛṣa-vāhaś ca mahā-mūḍhaś ca pātakī ... kālena tena puṇyena vyāghra-bhuktaś ca kānane / sārdhaṃ ca vyāghra-putrābhyāṃ golokaṃ prayayau dvija / pati-vratā saha-mṛtā bhartā sārdhaṃ jagāma sā

[Die Erzählung:] Ein aufgewühlter Brahmane aus Kānyakubja (Kanauj), ein Dorfpriester (grāma-yājaka), ein Tempeldiener (devala), auf einem Stier reitend, höchst verblendet und sündig - er kannte weder im Traum noch im wachen Erkennen das Verdienst der Kṛṣṇa-Verehrung, [noch] die heilsame Wirkung des Gesprächs mit, des Sehens oder Berührens eines Kṛṣṇa-Ergebenen. Durch früheres [Verdienst] entstand ihm ein höchst seltener einziger Augenblick [solcher Berührung]; durch dieses Verdienst erlangte der Brahmane [einen Rest von] Kṛṣṇas Speiseopfer. Durch das Verdienst des Vaters [erhielt auch] der Sohn ein wenig, auf dem Weg Gefallenes, den selbst schon gegessenen Rest, gefallen von einem Vaiṣṇava - etwas Feuchtes, Unversehrtes, doch Abgestandenes, mit Staub Vermischtes: ein solches Essbares fiel dort, während der Brahmane vorüberging. [Es war] oben auf Kṛṣṇas Speiseopfer [gefallen], von einem eiligen Menschen, Kind; jenes mit Kṛṣṇas Speiseopfer vermischte Ding wurde vom Brahmanen gegessen. Zusammen mit [seinem] Sohn, hungergequält, gingen die beiden heim; [dort] aß auch seine treue, tugendhafte Gattin den [von ihm wiederum übriggelassenen] Rest. Durch diese fortlaufende Verbindungskette wurde auch sie rein; der Brahmane wurde, samt seinem Sohn, noch zu Lebzeiten befreit (jīvan-mukta). Mit der Zeit wurde er, durch jenes Verdienst, im Wald von einem Tiger verschlungen; zusammen mit den beiden Jungen des Tigers [d.h.: auch dieser Tiger und dessen zwei Junge, durch das Fressen seines geheiligten Leibes gereinigt] ging er, Zweifachgeborener, nach Goloka; seine treue Gattin, mit ihm zusammen gestorben, ging mit ihrem Gatten zusammen [ebenfalls dorthin].

[Anm.: Die Schlusspointe (Vers 77) ist im Sanskrit knapp und elliptisch formuliert ('sārdhaṃ ca vyāghra-putrābhyāṃ golokaṃ prayayau' - 'zusammen mit den beiden Tigerjungen ging er nach Goloka'); sie wird hier so verstanden, dass die heiligende Kraft der genossenen Kṛṣṇa-Opferspeise sich über den Brahmanen hinaus auch auf den Tiger und dessen Junge überträgt, die seinen geheiligten Leib verzehren - ganz im Sinne der Kernaussage des Kapitels, dass selbst der zufällige, unwissentliche Kontakt mit Kṛṣṇas naivedya erlösende Wirkung entfaltet. Eine alternative, wörtlichere Lesart ('begleitet von seinen beiden Söhnen, die [ebenfalls] vom Tiger gefressen wurden') ist nicht auszuschließen und wird mit [?] vermerkt.]

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