athāto mahācatuṣpādamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun also werden wir das Kapitel über die "großen vier Stützen" (mahācatuṣpāda) der Heilbehandlung erklären.
Caraka-Saṃhitā · Sutrasthana
Das zehnte Kapitel setzt die im vorangegangenen „kleinen Vierfachen“ begründete Behandlungslehre fort und rückt sie in ein größeres methodisches Licht. Den Auftakt bildet ein philosophisch bedeutsamer Disput: Der Schüler Maitreya bezweifelt grundsätzlich die Wirksamkeit ärztlicher Behandlung, da manche Kranke trotz bester Therapie sterben und manche ohne jede Behandlung genesen; Ātreya entgegnet, dass Heilerfolg von der Unterscheidung heilbarer und unheilbarer Krankheiten abhängt, und vergleicht den kundigen Arzt mit einem geübten Bogenschützen. Darauf aufbauend entwickelt das Kapitel eine differenzierte Prognostik: leicht heilbare, mit Mühe heilbare, nur palliativ zu begleitende und völlig unheilbare Krankheitsverläufe werden anhand konkreter Kriterien wie Anzahl der beteiligten Doṣas, Krankheitsdauer und Konstitution des Patienten unterschieden. Dieser methodische Grundlagentext zur ärztlichen Urteilsbildung hat keinen botanischen Schwerpunkt, gilt aber als eines der theoretisch anspruchsvollsten Kapitel des Sūtrasthāna.
athāto mahācatuṣpādamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun also werden wir das Kapitel über die "großen vier Stützen" (mahācatuṣpāda) der Heilbehandlung erklären.
iti ha smāha bhagavānātreyaḥ
So sprach der ehrwürdige Ātreya.
catuṣpādaṃ ṣoḍaśakalaṃ bheṣajamiti bhiṣajo bhāṣante, yaduktaṃ pūrvādhyāye ṣoḍaśaguṇamiti, tadbheṣajaṃ yuktiyuktamalamārogyāyeti bhagavānpunarvasurātreyaḥ
"Die Heilbehandlung (bheṣaja) hat vier Stützen (catuṣpāda) und sechzehn Bestandteile (ṣoḍaśakala)", so sagen die Ärzte. Was im vorigen Kapitel gesagt wurde, nämlich dass sie sechzehnfach (ṣoḍaśaguṇa) ausgestattet sei - diese Heilbehandlung ist, wenn sie sachgemäß (yuktiyukta) angewendet wird, durchaus imstande, Gesundheit (ārogya) herbeizuführen" - so der ehrwürdige Punarvasu Ātreya.
neti maitreyaḥ, kiṃ kāraṇaṃ? dṛśyantehyāturāḥ kecidupakaraṇavantaśca paricārakasampannāścātmavantaśca kuśalaiścabhiṣagbhiranuṣṭhitāḥ samuttiṣṭhamānāḥ, tathāyuktāścāpare mriyamāṇāḥ; tasmādbheṣajamakiñcitkaraṃ bhavati, tadyathā- śvabhresarasi ca prasiktamalpamudakaṃ, nadyāṃ vā syandamānāyāṃpāṃsudhāne vā pāṃsumuṣṭiḥ prakīrṇa iti; tathā'pare dṛśyante'nupakaraṇāścāparicārakāścānātmavantaścākuśalaiśca bhiṣagbhiranuṣṭhitāḥ samuttiṣṭhamānāḥ, tathāyuktā mriyamāṇāścāpare| yataśca pratikurvansidhyati, pratikurvanmriyate; apratikurvansidhyati, apratikurvanmriyate; tataścintyate bheṣajamabheṣajenāviśiṣṭamiti
"Nein", [sprach] Maitreya. "Aus welchem Grund? Man sieht doch manche Kranke, die trotz vorhandener Hilfsmittel, guter Pflege durch Pfleger, eigener Willenskraft (ātmavat) und Behandlung durch erfahrene Ärzte genesen (samuttiṣṭhamāna), während andere unter denselben Bedingungen sterben; daher ist die Heilbehandlung wirkungslos (akiñcitkara) - so wie eine geringe Menge Wasser, die in einen Brunnen gegossen wird, oder eine Handvoll Staub, die in einen fließenden Fluss oder auf einen Staubhaufen geworfen wird [nichts bewirkt]. Ebenso sieht man wiederum andere, die ohne Hilfsmittel, ohne Pfleger, ohne Willenskraft und ohne Behandlung durch erfahrene Ärzte genesen, während wieder andere unter denselben Bedingungen sterben. Und da mancher trotz Behandlung genest und mancher trotz Behandlung stirbt, mancher ohne Behandlung genest und mancher ohne Behandlung stirbt, wird daher erwogen, dass sich die Heilbehandlung nicht von der Nicht-Behandlung unterscheidet."
maitreya !mithyā cintyata ityātreyaḥ; kiṃkāraṇaṃ, yehyāturāḥ ṣoḍaśaguṇasamuditenānena bheṣajenopapadyamānāmriyanta ityuktaṃ tadanupapannaṃ, na hi bheṣajasādhyānāṃ vyādhīnāṃ bheṣajamakāraṇaṃ bhavati; ye punarāturāḥ kevalādbheṣajādṛte samuttiṣṭhante, na teṣāṃ sampūrṇabheṣajopapādanāya samutthānaviśeṣo nāsti; yathā hi patitaṃ puruṣaṃ samarthamutthānāyotthāpayan puruṣo balamasyopādadhyāt, sa kṣiprataramaparikliṣṭa evottiṣṭhet, tadvatsampūrṇabheṣajopalambhādāturāḥ; ye cāturāḥ kevalādbheṣajādapi mriyante, na ca sarva eva te bheṣajopapannāḥ samuttiṣṭheran, nahi sarvevyādhayo bhavantyupāyasādhyāḥ, na copāyasādhyānāṃ vyādhīnāmanupāyena siddhirasti, na cāsādhyānāṃ vyādhīnāṃ bheṣajasamudāyo'yamasti, na hyalaṃ jñānavānbhiṣaṅmumūrṣumāturamutthāpayituṃ; parīkṣyakāriṇo hi kuśalā bhavanti, yathā hi yogajño'bhyāsanitya iṣvāso dhanurādāyeṣumasyannātiviprakṛṣṭe mahati kāye nāparādhavānbhavati, sampādayati ceṣṭakāryaṃ, tathā bhiṣaksvaguṇasampanna upakaraṇavānvīkṣyakarmārabhamāṇaḥ sādhyarogamanaparādhaḥ sampādayatyevāturamārogyeṇa; tasmānnabheṣajamabheṣajenāviśiṣṭaṃ bhavati
"Maitreya! Falsch wird hier erwogen", [sprach] Ātreya. "Aus welchem Grund? Was gesagt wurde, manche Kranke stürben trotz [Anwendung] dieser aus sechzehn Teilen zusammengesetzten Heilbehandlung, obwohl sie [doch eigentlich] genesen müssten - das ist nicht stichhaltig; denn bei Krankheiten, die durch Heilbehandlung heilbar sind, ist die Heilbehandlung keineswegs wirkungslos. Was wiederum jene Kranken betrifft, die sich allein schon durch die Heilbehandlung erheben, ohne dass es bei ihnen trotz vollständiger Heilbehandlung noch eines besonderen zusätzlichen Aufwandes zur Genesung bedürfte - das ist so, wie wenn ein gefallener Mensch, der selbst imstande ist aufzustehen, von einem ihn aufrichtenden Mann noch Kraft empfinge: er würde dann rascher und ohne Mühe aufstehen - ebenso verhält es sich bei Kranken, die vollständige Heilbehandlung erhalten. Was aber jene Kranken betrifft, die trotz alleiniger Heilbehandlung sterben - keineswegs müssten alle mit Heilbehandlung Versorgten sich erheben, denn nicht alle Krankheiten sind durch Mittel (upāya) heilbar, und bei den durch Mittel heilbaren Krankheiten gibt es keine Genesung ohne Mittel, während es bei unheilbaren (asādhya) Krankheiten diese vollständige Gesamtheit der Heilmittel [in ihrer eigentlichen Wirksamkeit] gar nicht gibt; denn selbst ein kenntnisreicher Arzt vermag einen im Sterben liegenden Kranken nicht aufzurichten. Erfahrene Ärzte handeln nämlich stets nach vorheriger Prüfung; so wie ein im Bogenschießen geübter, stets übender Schütze, der einen Pfeil auf einen nicht allzu weit entfernten, großen Körper abschießt, keinen Fehlschuss tut und sein Ziel erreicht - ebenso erreicht ein Arzt, der mit guten Eigenschaften ausgestattet ist, über Hilfsmittel verfügt und nach sorgfältiger Untersuchung eine heilbare Krankheit zu behandeln beginnt, ohne Fehler die Genesung des Kranken. Daher ist die Heilbehandlung nicht ununterscheidbar von der Nicht-Behandlung."
idaṃ ca naḥ pratyakṣaṃ- yadanātureṇa bheṣajenāturaṃ cikitsāmaḥ , kṣāmamakṣāmeṇa, kṛśaṃ ca durbalamāpyāyayāmaḥ, sthūlaṃ medasvinamapatarpayāmaḥ, śītenoṣṇābhibhūtamupacarāmaḥ, śītābhibhūtamuṣṇena, nyūnāndhātūnpūrayāmaḥ, vyatiriktānhrāsayāmaḥ, vyādhīnmūlaviparyayeṇopacarantaḥ samyakprakṛtau sthāpayāmaḥ; teṣāṃ nastathākurvatāmayaṃ bheṣajasamudāyaḥ kāntatamo bhavati
Und dies ist für uns unmittelbar ersichtlich (pratyakṣa): dass wir den Kranken mit einer dem jeweiligen Zustand entgegengesetzten Heilbehandlung behandeln - den Erschöpften mit dem Nicht-Erschöpfenden, den Abgemagerten und Schwachen stärken wir, den Fetten, mit viel Fettgewebe Behafteten lassen wir abmagern; den von Hitze Befallenen behandeln wir mit Kühlem, den von Kälte Befallenen mit Wärme; die verminderten Körpergewebe (dhātu) füllen wir auf, die übermäßig vorhandenen vermindern wir; indem wir die Krankheiten durch das Gegenteil ihrer Ursache behandeln, versetzen wir den Körper wieder in seinen normalen Zustand (prakṛti) - für uns, die wir so verfahren, ist diese Gesamtheit der Heilmittel höchst willkommen.
bhavanticātra- sādhyāsādhyavibhāgajño jñānapūrvaṃ cikitsakaḥ| kāle cārabhate karma yattatsādhayati dhruvam
Und dazu gibt es [den Spruch]: Wer die Unterscheidung zwischen Heilbarem und Unheilbarem kennt und mit Wissen behandelt und sein Werk zur rechten Zeit beginnt, der bringt es gewiss zum Erfolg.
arthavidyāyaśohānimupakrośamasaṅgraham| prāpnuyānniyataṃ vaidyo yo'sādhyaṃ samupācaret
Verlust an Vermögen, Wissen und Ruhm, Tadel und Ächtung erlangt mit Sicherheit der Arzt, der einen Unheilbaren behandelt.
sukhasādhyaṃ mataṃ sādhyaṃ kṛcchrasādhyamathāpi ca| dvividhaṃ cāpyasādhyaṃ syādyāpyaṃ yaccānupakramam
Als heilbar (sādhya) gilt sowohl das leicht Heilbare (sukhasādhya) als auch das mit Mühe Heilbare (kṛcchrasādhya); unheilbar (asādhya) aber ist zweifacher Art: das nur Erhaltbare/palliativ Behandelbare (yāpya) und das, wofür es keine Behandlung mehr gibt (anupakrama).
sādhyānāṃ trividhaścālpamadhyamotkṛṣṭatāṃ prati| vikalpo, na tvasādhyānāṃ niyatānāṃ vikalpanā
Bei den heilbaren Krankheiten gibt es eine dreifache Unterscheidung hinsichtlich geringen, mittleren und höchsten Schwierigkeitsgrades; bei den unheilbaren, feststehenden Krankheiten aber gibt es keine solche Unterscheidung.
hetavaḥ pūrvarūpāṇi rūpāṇyalpāni yasya ca| na ca tulyaguṇo dūṣyo na doṣaḥprakṛtirbhavet
Bei einer Krankheit, deren Ursachen (hetu) und Vorzeichen (pūrvarūpa) wenige und deren Symptome (rūpa) gering sind, bei der das befallene Körpergewebe (dūṣya) nicht von gleicher Beschaffenheit wie der verursachende doṣa (Körpersaft: vāta, pitta, kapha) ist, und bei der der doṣa nicht zugleich die Grundkonstitution (prakṛti) des Kranken ist,
na ca kālaguṇastulyo na deśo durupakramaḥ| gatirekā navatvaṃ ca rogasyopadravo na ca
und bei der die Eigenschaften der Jahreszeit (kāla) dem doṣa nicht entsprechen, der Ort (deśa) keine schwierige Behandlung erfordert, die Krankheit einen einzigen Verlauf (gati) nimmt, neu entstanden (navatva) ist und keine Komplikation (upadrava) aufweist,
doṣaścaikaḥ samutpattau dehaḥ sarvauṣadhakṣamaḥ| catuṣpādopapattiśca sukhasādhyasya lakṣaṇam
bei der ein einziger doṣa an der Entstehung beteiligt ist, der Körper alle Heilmittel verträgt und die vier Stützen [der Behandlung] vollständig vorhanden sind - das sind die Merkmale einer leicht heilbaren Krankheit.
nimittapūrvarūpāṇāṃ rūpāṇāṃ madhyame bale| kālaprakṛtidūṣyāṇāṃ sāmānye'nyatamasya ca
Bei mittlerer Ausprägung von Ursachen, Vorzeichen und Symptomen sowie bei nur teilweiser Übereinstimmung von Jahreszeit, Konstitution und befallenem Gewebe mit irgendeinem dieser Faktoren,
garbhiṇīvṛddhabālānāṃ nātyupadravapīḍitam| śastrakṣārāgnikṛtyānāmanavaṃ kṛcchradeśajam
bei einer Krankheit von Schwangeren, Alten und Kindern, die nicht allzu sehr von Komplikationen geplagt ist, oder die chirurgischen Eingriff, Ätzmittel (kṣāra) oder Kauterisation (agni) erfordert, ohne zugleich frisch entstanden, schwierig zu behandeln oder ortsbedingt ungünstig zu sein -
vidyādekapathaṃ rogaṃ nātipūrṇacatuṣpadam| dvipathaṃ nātikālaṃ vā kṛcchrasādhyaṃ dvidoṣajam
man erkenne als mit Mühe heilbar (kṛcchrasādhya) eine Krankheit, die einen einzigen Krankheitsweg hat und nicht allzu sehr alle vier Stützen erfüllt, oder die zwei Wege hat, aber nicht allzu lange besteht, oder die durch zwei doṣas verursacht ist.
śeṣatvādāyuṣo yāpyamasādhyaṃ pathyasevayā| labdhālpasukhamalpena hetunā''śupravartakam
eine Krankheit, bei der wegen des Restes der Lebensspanne (āyus) nur Erhaltung (yāpya) möglich ist, obwohl sie durch strikte Befolgung der Lebens- und Diätregeln (pathyasevā) eigentlich unheilbar wäre; oder eine, die nur geringe Erleichterung durch geringfügige Mittel erlangt und rasch weiter fortschreitet,
gambhīraṃ bahudhātusthaṃ marmasandhisamāśritam| nityānuśāyinaṃ rogaṃ dīrghakālamavasthitam
eine tiefsitzende, in vielen Körpergeweben befindliche, an lebenswichtigen Punkten (marman) und Gelenken haftende, ständig wiederkehrende Krankheit, die lange Zeit im Körper verweilt -
vidyāddvidoṣajaṃ,... ...tadvatpratyākhyeyaṃ tridoṣajam| kriyāpathamatikrāntaṃ sarvamārgānusāriṇam
man erkenne [diese als] durch zwei doṣas verursacht … [Textlücke] … ebenso ist eine durch drei doṣas verursachte Krankheit als unheilbar abzulehnen; [ebenso eine Krankheit,] die das Stadium der Behandelbarkeit überschritten hat und allen Krankheitswegen zugleich folgt.
autsukyāratisammohakaramindriyanāśanam| durbalasya susaṃvṛddhaṃ vyādhiṃ sāriṣṭameva ca
die Verwirrung, Unlust und Bestürzung hervorruft, die Sinne zerstört und bei einem Geschwächten stark angewachsen ist - eine solche Krankheit erkenne man als von Todeszeichen (ariṣṭa) begleitet.
bhiṣajā prākparīkṣyaivaṃ vikārāṇāṃ svalakṣaṇam| paścātkarmasamārambhaḥ kāryaḥ sādhyeṣu dhīmatā
Nachdem der Arzt zuvor so die spezifischen Merkmale der Krankheiten geprüft hat, soll der Kluge danach mit der Behandlung heilbarer Krankheiten beginnen.
sādhyāsādhyavibhāgajño yaḥ samyakpratipattimān| na sa maitreyatulyānāṃ mithyābuddhiṃ prakalpayet
Wer die Unterscheidung zwischen Heilbarem und Unheilbarem kennt und über richtiges Verständnis verfügt, der soll keine falsche Ansicht hegen wie Leute, die Maitreya gleichen.
ihauṣadhaṃ pādaguṇāḥ prabhavo bheṣajāśrayaḥ| ātreyamaitreyamatī matidvaividhyaniścayaḥ
Hier [wurden dargelegt]: die Heilmittel, die Eigenschaften der vier Stützen, ihr Ursprung, die Grundlage der Heilbehandlung, die Ansichten des Ātreya und des Maitreya, sowie die Entscheidung über die Zweiheit dieser Meinungen.
caturvidhavikalpāśca vyādhayaḥsvasvalakṣaṇāḥ| uktā mahācatuṣpāde yeṣvāyattaṃ bhiṣagjitam
Und die vierfachen Unterscheidungen der Krankheiten mit ihren jeweils eigenen Merkmalen wurden im Kapitel Mahācatuṣpāda dargelegt - worauf der Erfolg des Arztes beruht.