Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 30: Arthedashmahamooliya Das Herz als große Wurzel

Das abschließende Kapitel 30 des Sūtrasthāna hat eine Doppelfunktion: Zunächst erklärt es das Herz (hṛdaya) zur „großen Wurzel“ (mahāmūla) des Körpers, an der Bewusstsein, Sinnesorgane und die zehn großen Gefäße (die das Ojas, die feinste Vitalessenz, im Körper verteilen) verankert sind – eine frühe physiologische Zentralstellung des Herzens, die an spätere Konzepte der Aṣṭāṅgahṛdaya-Tradition anschließt. Weit bedeutsamer für die Textgeschichte ist der zweite Teil: Hier verortet sich die Caraka-Saṃhitā selbst im Atharvaveda, definiert Āyurveda als achtgliedrige Wissenschaft und liefert eine vollständige Inhaltsübersicht aller acht Abschnitte und 120 Kapitel des Gesamtwerks – ein singuläres bibliographisches Selbstzeugnis, das Forschern bis heute als Leitfaden zur Textstruktur dient. Botanische Fragen treten hinter dieser methodologischen Summe zurück; das Kapitel ist vor allem ein Schlüssel zum Verständnis, wie die Saṃhitā als Ganzes komponiert und gelehrt werden wollte.

DIE ACHT ZWEIGE (AṅGA) DES ĀYURVEDA (Vers 28)
Zweig (Sanskrit)Fachgebiet
kāyacikitsāInnere Medizin
śālākyaKopf- und Halsheilkunde
śalyāpahartṛkaChirurgie: Entfernung von Fremdkörpern und Geschossen
viṣagaravairodhikapraśamanaBehandlung von Vergiftungen durch Gift, verdorbene Substanzen und schädliche Kombinationen
bhūtavidyāDämonologie
kaumārabhṛtyaKinderheilkunde
rasāyanaVerjüngungslehre
vājīkaraṇaLehre von den Aphrodisiaka
DIE ACHT ABSCHNITTE (STHĀNA) DES WERKS (Vers 33)
Abschnitt (Sanskrit)InhaltKapitelzahl
ślokaVers-Abschnitt (Zusammenfassung)30
nidānaUrsachen-Abschnitt8
vimānaUntersuchungs-Abschnitt8
śārīraKörper-Abschnitt8
indriyaSinnesorgan-Abschnitt12
cikitsitaBehandlungs-Abschnitt30
kalpaRezept-Abschnitt12
siddhiErfolgs-Abschnitt12
Zusammen 120 Kapitel – dieses bibliographische Selbstzeugnis gilt als Leitfaden zur Textstruktur der gesamten Caraka-Saṃhitā.

arthedaśamahāmūlīyādhyāyopakramaḥ athāto'rthedaśamahāmūlīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Beginn des Kapitels über die zehn großen Wurzeln der Bedeutung (arthedaśamahāmūlīya). Nun wollen wir das Kapitel über die zehn großen Wurzeln der Bedeutung erklären.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der ehrwürdige Ātreya.

arthe daśa mahāmūlāḥ samāsaktā mahāphalāḥ| mahaccārthaśca hṛdayaṃ paryāyairucyate budhaiḥ

Was den Sinn (artha) betrifft, so gibt es zehn große Wurzeln (mahāmūla), eng miteinander verbunden und von großer Frucht; „das Große“ und „der Sinn“ – mit diesen Wörtern bezeichnen die Weisen als Beinamen das Herz (hṛdaya).

ṣaḍaṅgamaṅgaṃ vijñānamindriyāṇyarthapañcakam| ātmā ca saguṇaścetaścintyaṃ ca hṛdi saṃśritam

Der Körper mit seinen sechs Gliedern, das Erkennen (vijñāna), die Sinnesorgane, die fünf Sinnesobjekte, das Selbst (ātman) mitsamt seinen Eigenschaften (guṇa), der Geist (cetas) und das, was zu bedenken ist – all dies ist im Herzen verankert.

pratiṣṭhārthaṃ hi bhāvānāmeṣāṃ hṛdayamiṣyate| gopānasīnāmāgārakarṇikevārthacintakaiḥ

Denn als Grundlage (pratiṣṭhā) dieser Wesenheiten gilt das Herz – so wie für die Dachsparren eines Hauses der First –, wie es die Kenner der Bedeutung sagen.

tasyopaghātānmūrcchāyaṃ bhedānmaraṇamṛcchati yaddhi tat sparśavijñānaṃ dhāri tattatra saṃśritam

Durch dessen Schädigung tritt Ohnmacht (mūrcchā) ein, durch sein Zerreißen der Tod; denn eben jenes Tastempfinden, das den Körper trägt, ist dort verankert.

tat parasyaujasaḥ sthānaṃ tatra caitanyasaṅgrahaḥ| hṛdayaṃ mahadarthaśca tasmāduktaṃ cikitsakaiḥ

Es ist der Sitz des höchsten Ojas (der Lebensessenz), dort ist das Bewusstsein (caitanya) gesammelt; deshalb wird das Herz von den Ärzten „das Große“ und „der Sinn“ genannt.

tena mūlena mahatā mahāmūlā matā daśa| ojovahāḥ śarīre'smin vidhamyante samantataḥ

Wegen dieser großen Wurzel gelten die zehn (großen Gefäße) als „große Wurzeln“ (mahāmūla); sie führen das Ojas und verzweigen sich in diesem Körper nach allen Seiten.

yenaujasā vartayanti prīṇitāḥ sarvadehinaḥ | yadṛte sarvabhūtānāṃ jīvitaṃ nāvatiṣṭhate

Durch jenes Ojas leben und gedeihen, davon erquickt, alle verkörperten Wesen; ohne es kann bei keinem Geschöpf das Leben bestehen.

yat sāramādau garbhasya yattadgarbharasādrasaḥ | saṃvartamānaṃ hṛdayaṃ samāviśati yat purā

Das, was zu Beginn die Essenz des Embryos (garbha) ist, jener Saft (rasa), der aus dem Nährsaft des Embryos entsteht – er tritt zuerst in das sich formende Herz ein.

yasya nāśāttu nāśo'sti dhāri yaddhṛdayāśritam | yaccharīrarasasnehaḥ prāṇā yatra pratiṣṭhitāḥ

Mit dessen Vergehen vergeht auch das, was den Körper trägt und im Herzen verankert ist – jene Feuchtigkeit des Körpersaftes, in der die Lebenskräfte (prāṇa) ihren Halt haben.

tatphalā bahudhā vā tāḥ phalantīva(ti) mahāphalāḥ dhmānāddhamanyaḥ sravaṇāt srotāṃsi saraṇātsirāḥ

Sie tragen dessen Frucht in vielfacher Weise, gleichsam als große Frucht selbst: dhamanī heißen sie vom Pulsieren (dhmāna), srotas vom Ausfließen (sravaṇa), sirā vom Fließen (saraṇa).

tanmahat tā mahāmūlāstaccojaḥ parirakṣatā| parihāryā viśeṣeṇa manaso duḥkhahetavaḥ

Jenes ist das Große, sie sind die großen Wurzeln; wer dieses Ojas bewahren will, soll besonders die Ursachen seelischen Leids meiden.

hṛdyaṃ yat syādyadaujasyaṃ srotasāṃ yat prasādanam| tattat sevyaṃ prayatnena praśamo jñānameva ca

Was dem Herzen zuträglich ist, was das Ojas mehrt, was die Kanäle (srotas) klärt – das soll man mit Fleiß pflegen: Gelassenheit (praśama) und Wissen (jñāna).

atha khalvekaṃ prāṇavardhanānāmutkṛṣṭatamamekaṃ balavardhanānāmekaṃ bṛṃhaṇānāmekaṃ nandanānāmekaṃ harṣaṇānāmekamayanānāmiti | tatrāhiṃsā prāṇināṃ prāṇavardhanānāmutkṛṣṭatamaṃ, vīryaṃ balavardhanānāṃ, vidyā bṛṃhaṇānām, indriyajayo nandanānāṃ, tattvāvabodhoharṣaṇānāṃ, brahmacaryamayanānāmiti; evamāyurvedavido manyante

Nun gibt es unter den lebensverlängernden Dingen eines, das das allerbeste ist, unter den kraftmehrenden eines, unter den nährenden (bṛṃhaṇa) eines, unter den erfreuenden (nandana) eines, unter den beglückenden (harṣaṇa) eines, und unter den Zufluchtswegen (ayana) eines. Dabei ist Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) gegenüber Lebewesen das Beste der lebensverlängernden Dinge, Tatkraft (vīrya) das Beste der kraftmehrenden, Wissen (vidyā) das Beste der nährenden, Beherrschung der Sinne (indriyajaya) das Beste der erfreuenden, das Erkennen der Wahrheit (tattvāvabodha) das Beste der beglückenden, und enthaltsames Leben (brahmacarya) das Beste der Zufluchtswege. So denken die Kenner des Āyurveda.

tatrāyurvedavidastantrasthānādhyāyapraśnānāṃ pṛthaktvena vākyaśo vākyārthaśo'rthāvayavaśaśca pravaktāro mantavyāḥ| tatrāha- kathaṃ tantrādīni vākyaśo vākyārthaśo'rthāvayavaśaścoktāni bhavantīti

Die Kenner des Āyurveda sollen als Erklärer der Werke (tantra), Abschnitte (sthāna), Kapitel (adhyāya) und Fragen (praśna) angesehen werden – jeweils gesondert, Satz für Satz, nach dem Sinn der Sätze und Teil für Teil des Inhalts. Dazu wird gefragt: Wie werden Werk und die übrigen Einheiten Satz für Satz, nach dem Satzsinn und Teil für Teil des Inhalts dargelegt?

atrocyate- tantramārṣaṃ kārtsnyena yathāmnāyamucyamānaṃ vākyaśo bhavatyuktam

Darauf wird geantwortet: Wenn das von den Sehern überlieferte Werk vollständig, der Überlieferung gemäß, vorgetragen wird, dann heißt das „Satz für Satz erklärt“.

buddhyā samyaganupraviśyārthatattvaṃvāgbhirvyāsasamāsapratijñāhetūdāharaṇopanayanigamanayuktābhistrividhaśiṣyabuddhigamyābhirucyamānaṃ vākyārthaśobhavatyuktam

Wenn man mit dem Verstand recht in die Wahrheit des Sinnes eindringt und diese mit Worten darlegt, die durch Ausführlichkeit (vyāsa) und Kürze (samāsa), durch These (pratijñā), Grund (hetu), Beispiel (udāharaṇa), Anwendung (upanaya) und Schlussfolgerung (nigamana) gekennzeichnet und für die drei Arten von Schülerverstand verständlich sind, dann heißt das „nach dem Sinn der Sätze erklärt“.

tantraniyatānāmarthadurgāṇāṃ punarvibhāvanairuktamarthāvayavaśo bhavatyuktam

Wenn die im Werk feststehenden, schwer verständlichen Sinnzusammenhänge durch wiederholte Erörterung dargelegt werden, dann heißt das „Teil für Teil des Inhalts erklärt“.

tatra cet praṣṭāraḥ syuḥ-caturṇāmṛksāmayajuratharvavedānāṃ kaṃ vedamupadiśantyāyurvedavidaḥ? kimāyuḥ? kasmādāyurvedaḥ? kimarthamāyurvedaḥ? śāśvato'śāśvato vā? kati kāni cāsyāṅgāni? kaiścāyamadhyetavyaḥ? kimarthaṃ ca? iti

Sollten nun Fragende Folgendes fragen: Welchem der vier Veden – Ṛg-, Sāma-, Yajur- und Atharvaveda – ordnen die Kenner des Āyurveda ihre Lehre zu? Was ist Leben (āyus)? Woher kommt der Āyurveda? Wozu dient der Āyurveda? Ist er ewig oder nicht ewig? Wie viele und welche Glieder hat er? Von wem soll er studiert werden, und wozu?

tatra bhiṣajā pṛṣṭenaivaṃ caturṇāmṛksāmayajuratharvavedānāmātmano'tharvavede bhaktirādeśyā, vedo hyātharvaṇodānasvastyayanabalimaṅgalahomaniyamaprāyaścittopavāsamantrādiparigrahāccikitsāṃ prāha; cikitsā cāyuṣo hitāyopadiśyate

Darauf soll der so befragte Arzt Folgendes antworten: Von den vier Veden soll man seine Zugehörigkeit zum Atharvaveda erklären. Denn dieser Veda lehrt, indem er Spenden, Segenssprüche für Wohlergehen, Opfergaben, Segensriten, Feueropfer, Gelübde, Sühnehandlungen, Fasten, Zaubersprüche u. a. umfasst, die Heilkunst (cikitsā); und die Heilkunst wird zum Wohl des Lebens gelehrt.

vedaṃ copadiśyāyurvācyaṃ; tatrāyuścetanānuvṛttirjīvitamanubandho dhāri cetyeko'rthaḥ

Und nachdem man den Veda genannt hat, soll man „āyus“ (Leben) erklären; dabei bezeichnen āyus, das Fortbestehen des Bewusstseins, Leben, Verkettung (der Zustände) und das Tragende (des Körpers) ein und dasselbe.

tadāyurvedayatītyāyurvedaḥ; kathamiti cet? ucyate-svalakṣaṇataḥ sukhāsukhato hitāhitataḥ pramāṇāpramāṇataśca;yataścāyuṣyāṇyanāyuṣyāṇi ca dravyaguṇakarmāṇi vedayatyato'pyāyurvedaḥ| tatrāyuṣyāṇyanāyuṣyāṇi ca dravyaguṇakarmāṇi kevalenopadekṣyante tantreṇa

„Āyurveda“ heißt er also, weil er das Leben (āyus) erkennen lehrt (vedayati). Wie das? Man antwortet: nach seinem eigenen Merkmal, nach Glück und Unglück, nach Zuträglichem und Unzuträglichem, nach rechtem und falschem Maß; und weil er die dem Leben zuträglichen und die ihm abträglichen Substanzen, Eigenschaften und Wirkungen erkennen lehrt, heißt er ebenfalls Āyurveda. Die dem Leben zuträglichen und abträglichen Substanzen, Eigenschaften und Wirkungen werden ausschließlich in diesem Werk gelehrt.

tatrāyuruktaṃ svalakṣaṇato yathāvadihaiva pūrvādhyāye ca| tatra śārīramānasābhyāṃ rogābhyāmanabhidrutasya viśeṣeṇa yauvanavataḥ samarthānugatabalavīryayaśaḥpauruṣaparākramasyajñānavijñānendriyendriyārthabalasamudaye vartamānasya paramarddhiruciravividhopabhogasya samṛddhasarvārambhasya yatheṣṭavicāriṇaḥsukhamāyurucyate; asukhamato viparyayeṇa; hitaiṣiṇaḥ punarbhūtānāṃ parasvāduparatasya satyavādinaḥ śamaparasya parīkṣyakāriṇo'pramattasya trivargaṃ paraspareṇānupahatamupasevamānasya pūjārhasampūjakasya jñānavijñānopaśamaśīlasya vṛddhopasevinaḥsuniyatarāgaroṣerṣyāmadamānavegasya satataṃ vividhapradānaparasya tapojñānapraśamanityasyādhyātmavidastatparasya lokamimaṃ cāmuṃcāvekṣamāṇasya smṛtimatimato hitamāyurucyate; ahitamato viparyayeṇa

Dort wurde āyus bereits nach seinem eigenen Merkmal genau erklärt, wie es sich gehört, hier wie auch im vorangehenden Kapitel. Glückliches Leben nennt man das Leben dessen, der von körperlichen und seelischen Krankheiten nicht heimgesucht ist, besonders in der Jugendkraft steht, mit angemessener Kraft, Tatkraft, Ansehen, Mannesmut und Tapferkeit ausgestattet ist, über Wissen, Erkenntnis und die volle Kraft der Sinnesorgane und ihrer Objekte verfügt, von höchstem Wohlstand, schönem und mannigfaltigem Genuss ist, dessen Unternehmungen gedeihen und der nach eigenem Wunsch handeln kann. Unglückliches Leben ist das Gegenteil. Zuträgliches Leben aber ist das Leben dessen, der das Wohl der Geschöpfe sucht, sich vom fremden Eigentum fernhält, wahrhaftig redet, nach Gelassenheit strebt, prüfend handelt, nie unachtsam ist, die drei Lebensziele (Dharma, Artha, Kāma) pflegt, ohne dass sie einander schaden, Verehrungswürdige ehrt, dessen Sinn auf Wissen, Erkenntnis und innere Ruhe gerichtet ist, der die Alten pflegt, dessen Leidenschaft, Zorn, Neid, Rausch, Stolz und Triebe wohl gezügelt sind, der beständig vielfältig gibt, Askese, Wissen und Gleichmut treu bleibt, die Wissenschaft vom Selbst kennt und ihr zugetan ist, diese und die jenseitige Welt im Blick behält und über Erinnerung und Verstand verfügt. Unzuträgliches Leben ist das Gegenteil.

dehaprakṛtilakṣaṇamadhikṛtyacopadiṣṭamāyuṣaḥ pramāṇamāyurvede

Und mit Bezug auf die Merkmale der Körperkonstitution wird im Āyurveda auch das Maß des Lebens gelehrt.

prayojanaṃ cāsya svasthasya svāsthyarakṣaṇamāturasya vikārapraśamanaṃ ca

Und dessen Zweck ist es, beim Gesunden die Gesundheit zu bewahren und beim Kranken die Krankheit zu beseitigen.

so'yamāyurvedaḥ śāśvato nirdiśyate, anāditvāt, svabhāvasaṃsiddhalakṣaṇatvāt, bhāvasvabhāvanityatvācca| na hi nābhūt kadācidāyuṣaḥ santāno buddhisantāno vā, śāśvataścāyuṣo veditā, anādi ca sukhaduḥkhaṃsadravyahetulakṣaṇamaparāparayogāt| eṣa cārthasaṅgraho vibhāvyate āyurvedalakṣaṇamiti| gurulaghuśītoṣṇasnigdharūkṣādīnāṃ dravyāṇāṃ sāmānyaviśeṣābhyāṃ vṛddhihrāsau, yathoktaṃ- gurubhirabhyasyamānairgurūṇāmupacayobhavatyapacayo laghūnāṃ, evamevetareṣāmiti, eṣa bhāvasvabhāvo nityaḥ, svalakṣaṇaṃ ca dravyāṇāṃ pṛthivyādīnāṃ; santi tu dravyāṇiguṇāśca nityānityāḥ| na hyāyurvedasyābhūtvotpattirupalabhyate, anyatrāvabodhopadeśābhyām; etadvai dvayamadhikṛtyotpattimupadiśantyeke| svābhāvikaṃ cāsya lakṣaṇamakṛtakaṃ, yaduktamihādye'dhyāye ca; yathā- agnerauṣṇyam, apāṃ dravatvam| bhāvasvabhāvanityatvamapi cāsya, yathoktaṃ- gurubhirabhyasyamānairgurūṇāmupacayo bhavatyapacayo laghūnāmiti

So wird dieser Āyurveda als ewig bezeichnet, weil er anfanglos ist, weil seine Merkmale von Natur aus feststehen und weil die Natur der Dinge beständig ist. Denn niemals gab es eine Zeit, in der die Kette des Lebens oder die Kette des Erkennens nicht bestand; und ewig ist auch, wer das Leben erkennt. Anfanglos ist die Bestimmtheit von Glück und Leid durch die Ursachen und Merkmale der wirklichen Substanzen, da sie sich unaufhörlich aneinanderreihen. Dieser Sinnzusammenhang gilt als das Merkmal des Āyurveda. Von Substanzen wie schwer, leicht, kalt, heiß, ölig, trocken usw. ergibt sich durch ihre allgemeinen und besonderen Eigenschaften Zu- und Abnahme, wie gesagt wird: „Durch den Gebrauch schwerer Substanzen nimmt das Schwere im Körper zu, das Leichte ab, und ebenso bei den übrigen Eigenschaften.“ Dies ist die beständige Natur der Dinge, und ebenso das eigene Merkmal der Substanzen wie Erde usw.; es gibt aber sowohl ewige als auch nicht-ewige Substanzen und Eigenschaften. Denn nirgends findet sich eine Entstehung des Āyurveda aus dem Nichtsein, außer im Sinne von Erkenntnis und Lehrverkündung; auf diese beiden gestützt, nehmen manche eine Entstehung an. Sein natürliches, ungemachtes Merkmal wurde bereits hier und im ersten Kapitel genannt – so wie die Hitze des Feuers oder die Flüssigkeit des Wassers. Auch die Beständigkeit der Natur der Dinge wurde bereits genannt: „Durch den Gebrauch schwerer Substanzen nimmt das Schwere zu, das Leichte ab.“

tasyāyurvedasyāṅgānyaṣṭau; tadyathā- kāyacikitsā, śālākyaṃ, śalyāpahartṛkaṃ, viṣagaravairodhikapraśamanaṃ, bhūtavidyā,kaumārabhṛtyakaṃ, rasāyanaṃ, vājīkaraṇamiti

Dieser Āyurveda hat acht Glieder (aṅga), nämlich: Innere Medizin (kāyacikitsā), Kopf- und Halsheilkunde (śālākya), Chirurgie – die Kunst, Fremdkörper und Geschosse zu entfernen (śalyāpahartṛka) –, die Behandlung von Vergiftungen durch Gift, verdorbene Substanzen und schädliche Kombinationen (viṣagaravairodhikapraśamana), Dämonologie (bhūtavidyā), Kinderheilkunde (kaumārabhṛtya), Verjüngungslehre (rasāyana) und die Lehre von den Aphrodisiaka (vājīkaraṇa).

sa cādhyetavyo brāhmaṇarājanyavaiśyaiḥ| tatrānugrahārthaṃ prāṇināṃ brāhmaṇaiḥ, ārakṣārthaṃ rājanyaiḥ, vṛttyarthaṃ vaiśyaiḥ; sāmānyato vā dharmārthakāmaparigrahārthaṃ sarvaiḥ| tatra yadadhyātmavidāṃ dharmapathasthānāṃ dharmaprakāśakānāṃ vā mātṛpitṛbhrātṛbandhugurujanasya vā vikārapraśamane prayatnavān bhavati,yaccāyurvedoktamadhyātmamanudhyāyati vedayatyanuvidhīyate vā, so'sya paro dharmaḥ; yā punarīśvarāṇāṃ vasumatāṃ vā sakāśātsukhopahāranimittā bhavatyarthāvāptirārakṣaṇaṃ ca, yā ca svaparigṛhītānāṃ prāṇināmāturyādārakṣā, so'syārthaḥ; yat punarasyavidvadgrahaṇayaśaḥ [2] śaraṇyatvaṃ ca, yā ca sammānaśuśrūṣā, yacceṣṭānāṃ viṣayāṇāmārogyamādhatte so'sya kāmaḥ| iti yathāpraśnamuktamaśeṣeṇa

Studieren sollen ihn Brahmanen, Adlige (rājanya) und Kaufleute (vaiśya): die Brahmanen zum Wohle der Lebewesen, die Adligen zum Schutz, die Kaufleute des Broterwerbs wegen; oder allgemein alle zur Erlangung von Dharma, Artha und Kāma. Wer sich – sei er ein Kenner des Selbst, ein auf dem Pfad der Pflicht Stehender, ein Verkünder der Pflicht, oder wer sich um Mutter, Vater, Geschwister, Verwandte und Lehrer – um deren Heilung von Krankheit bemüht, und wer über das im Āyurveda gelehrte Wissen vom Selbst nachdenkt, es erkennt oder danach handelt, für den ist dies die höchste Pflicht (dharma). Was einem aber von Fürsten oder Wohlhabenden als Lohn für erwiesenes Wohltun an Vermögen und Schutz zuteilwird, das ist für ihn der Nutzen (artha); ebenso die Bewahrung der eigenen Schutzbefohlenen vor Krankheit. Was ihm aber an Anerkennung durch Gelehrte, an Ruhm, an Vertrauenswürdigkeit, an ehrerbietiger Verehrung und Dienstbereitschaft zuteilwird, und was den gewünschten Lebensbereichen Gesundheit verschafft, das ist sein Kāma. So wurde, wie gefragt, alles vollständig dargelegt.

atha bhiṣagādita eva bhiṣajā praṣṭavyo'ṣṭavidhaṃ bhavati- tantraṃ, tantrārthān, sthānaṃ, sthānārthān, adhyāyam, adhyāyārthān, praśnaṃ,praśnārthāṃśceti; pṛṣṭena caitadvaktavyamaśeṣeṇa vākyaśo vākyārthaśo'rthāvayavaśaśceti

Nun soll der Arzt von Anfang an in achtfacher Weise befragt werden: über das Werk (tantra), den Sinn des Werkes, den Abschnitt (sthāna), den Sinn des Abschnitts, das Kapitel (adhyāya), den Sinn des Kapitels, die Frage (praśna) und den Sinn der Frage; und der Befragte soll dies alles vollständig darlegen – Satz für Satz, nach dem Satzsinn und Teil für Teil des Inhalts.

tatrāyurvedaḥ śākhā vidyā sūtraṃ jñānaṃ śāstraṃ lakṣaṇaṃ tantramityanarthāntaram

Dabei sind Āyurveda, śākhā (Zweig, Schule), vidyā (Wissenschaft), sūtra (Leitfaden), jñāna (Wissen), śāstra (Lehrwerk), lakṣaṇa (Merkmalslehre) und tantra (Werk) bedeutungsgleich.

tantrārthaḥ punaḥ svalakṣaṇairupadiṣṭaḥ| sa cārthaḥ prakaraṇairvibhāvyamāno bhūya eva śarīravṛttihetuvyādhikarmakāryakālakartṛkaraṇavidhiviniścayāddaśaprakaraṇaḥ, tāni caprakaraṇāni kevalenopadekṣyante tantreṇa

Der Sinn des Werkes (tantrārtha) aber wird durch seine eigenen Merkmale gelehrt; und dieser Sinn, in Abschnitten (prakaraṇa) betrachtet, gliedert sich, durch die Bestimmung von Körper, Lebensweise, Ursache, Krankheit, Handlung, Zweck, Zeit, Handelndem, Mittel und Verfahren, noch einmal in zehn Abschnitte; und diese Abschnitte werden ausschließlich in diesem Werk gelehrt.

tantrasyāsyāṣṭau sthānāni; tadyathā- ślokanidānavimānaśārīrendriyacikitsitakalpasiddhisthānāni| tatra triṃśadadhyāyakaṃ ślokasthānam, aṣṭāṣṭādhyāyakāni nidānavimānaśārīrasthānāni, dvādaśakamindriyāṇāṃ, triṃśakaṃcikitsitānāṃ, dvādaśake kalpasiddhisthāne bhavataḥ

Dieses Werk hat acht Abschnitte (sthāna), nämlich: Vers-Abschnitt (śloka), Ursachen-Abschnitt (nidāna), Untersuchungs-Abschnitt (vimāna), Körper-Abschnitt (śārīra), Sinnesorgan-Abschnitt (indriya), Behandlungs-Abschnitt (cikitsita), Rezept-Abschnitt (kalpa) und Erfolgs-Abschnitt (siddhi). Davon hat der Vers-Abschnitt dreißig Kapitel, die Abschnitte Ursachen, Untersuchung und Körper je acht Kapitel, der Sinnesorgan-Abschnitt zwölf, der Behandlungs-Abschnitt dreißig, und die Abschnitte Rezept und Erfolg je zwölf Kapitel.

bhavati cātra- dve triṃśake dvādaśakaṃ trayaṃ ca trīṇyaṣṭakānyeṣu samāptiruktā| ślokauṣadhāriṣṭavikalpasiddhinidānamānāśrayasañjñakeṣu

Und dazu heißt es: Zwei Abschnitte mit je dreißig Kapiteln, einer mit zwölf, und drei mit je acht – so wird der Abschluss genannt bei den Abschnitten, die als Vers, Heilmittel, Todeszeichen, Auswahl, Erfolg, Ursache, Maß und Grundlage bezeichnet werden.

sve sve sthāne yathāsvaṃ ca sthānārtha upadekṣyate| saviṃśamadhyāyaśataṃ śṛṇu nāmakramāgatam

In jedem einzelnen Abschnitt wird jeweils dessen eigener Sinn gelehrt werden. Höre nun die hundertzwanzig Kapitel in der Reihenfolge ihrer Namen.

dīrghañjīvo'pyapāmārgataṇḍulāragvadhādikau| ṣaḍvirekāśrayaśceti catuṣko bheṣajāśrayaḥ

Dīrghañjīvitīya, ebenso Apāmārgataṇḍulīya und Aragvadhīya, dazu Ṣaḍvirecanāśritīya – diese vier bilden die Gruppe „Grundlage der Heilmittel“ (bheṣajāśraya).

mātrātasyāśitīyau ca navegāndhāraṇaṃ tathā| indriyopakramaśceti catvāraḥ svāsthyavṛttikāḥ

Mātrāśitīya und Tasyāśitīya, ebenso Navegāndhāraṇīya und Indriyopakramaṇīya – diese vier bilden die Gruppe „Regeln für die Gesundheit“ (svāsthyavṛtti).

khuḍḍākaśca catuṣpādo mahāṃstisraiṣaṇastathā| saha vātakalākhyena vidyānnairdeśikān budhaḥ

Khuḍḍakacatuṣpāda, Mahācatuṣpāda, Tisraiṣaṇīya und dazu das mit Namen Vātakalākalīya – diese kenne der Weise als die Weisungs-Gruppe.

snehanasvedanādhyāyāvubhau yaścopakalpanaḥ| cikitsāprābhṛtaścaiva sarva eva prakalpanāḥ

Die beiden Kapitel über Ölung (snehana) und Schwitzen (svedana), sowie Upakalpanīya und Cikitsāprābhṛtīya – all diese bilden die Gruppe „Vorbereitungen“ (prakalpana).

kiyantaḥśirasīyaśca triśophāṣṭodarādikau| rogādhyāyo mahāṃścaiva rogādhyāyacatuṣṭayam

Kiyantaḥśirasīya, Triśothīya, Aṣṭodarīya und das große Krankheitskapitel (Mahārogādhyāya) – diese vier bilden die Gruppe der Krankheitskapitel.

aṣṭauninditasaṅkhyātastathā laṅghanatarpaṇe| vidhiśoṇitikaścaiva vyākhyātāstatra yojanāḥ

Aṣṭauninditīya, ebenso Laṅghanabṛṃhaṇīya, sowie das Kapitel über Blut (Śoṇitīya, mit Vidhi verbunden) – so wurden dort die weiteren Verbindungen dargelegt.

yajjaḥpuruṣasaṅkhyāto bhadrakāpyānnapānikau| vividhāśitapītīyaścatvāro'nnaviniścayāḥ

Yajaḥpuruṣīya, Bhadrakāpya-Annapānīya und Vividhāśitapītīya – diese bilden mit einem weiteren die vier Kapitel der Gruppe „Bestimmung der Nahrung“ (annaviniścaya).

daśaprāṇāyatanikastathā'rthedaśamūlikaḥ| dvāvetau prāṇadehārthau proktau vaidyaguṇāśrayau

Daśapraṇāyatanīya, und ebenso das gegenwärtige Kapitel über die zehn großen Wurzeln der Bedeutung (Arthedaśamahāmūlīya) – diese beiden werden als „Sitz von Leben und Körper“ bezeichnet, als Grundlage der ärztlichen Tugend.

auṣadhasvasthanirdeśakalpanārogayojanāḥ| catuṣkāḥ ṣaṭ krameṇoktāḥ saptamaścānnapānikaḥ

Die Gruppen „Heilmittel“, „Gesundheit“, „Weisung“, „Vorbereitung“, „Krankheit“ und „Verbindung“ – diese sechs Vierergruppen wurden der Reihe nach genannt, als siebte die Gruppe „Nahrung und Trank“ (annapānika).

dvau cāntyau saṅgrahādhyāyāviti triṃśakamarthavat| ślokasthānaṃ samuddiṣṭaṃ tantrasyāsya śiraḥ śubham

Und die beiden letzten sind die Zusammenfassungs-Kapitel (saṅgrahādhyāya) – so ist der bedeutungsvolle Vers-Abschnitt mit dreißig Kapiteln dargelegt, das segensreiche Haupt dieses Werkes.

catuṣkāṇāṃ mahārthānāṃ sthāne'smin saṅgrahaḥ kṛtaḥ| ślokārthaḥ saṅgrahārthaśca ślokasthānamataḥ smṛtam

In diesem Abschnitt wurde eine Zusammenfassung der bedeutungsreichen Vierergruppen gegeben; der Sinn der Verse ist ein zusammenfassender Sinn, deshalb wird er „Vers-Abschnitt“ genannt.

jvarāṇāṃ raktapittasya gulmānāṃ mehakuṣṭhayoḥ| śoṣonmādanidāne ca syādapasmāriṇāṃ ca yat

Die Ursachen des Fiebers (jvara), der Blutungsneigung (raktapitta), der Geschwulstkrankheit (gulma), der Zuckerkrankheit (meha) und der Hautkrankheit (kuṣṭha), sowie die Ursachen der Auszehrung (śoṣa), des Wahnsinns (unmāda) und der Epilepsie (apasmāra) –

ityadhyāyāṣṭakamidaṃ nidānasthānamucyate| raseṣu trividhe kukṣau dhvaṃse janapadasya ca

– diese acht Kapitel bilden den Ursachen-Abschnitt (nidānasthāna). (Es folgen im Untersuchungs-Abschnitt die Kapitel) über die Geschmäcker (rasa), über den dreifachen Bauchraum, über den Untergang eines ganzen Landes,

trividhe rogavijñāne srotaḥsvapi ca vartane| rogānīke vyādhirūpe rogāṇāṃ ca bhiṣagjite

über die dreifache Erkenntnis der Krankheit, über das Wirken in den Kanälen (srotas), über das Heer der Krankheiten, über die Gestalt der Krankheit und über die ärztliche Eroberung der Krankheiten.

aṣṭau vimānānyuktāni mānārthāni maharṣiṇā| katidhāpuruṣīyaṃ ca gotreṇātulyameva ca

Diese acht Untersuchungskapitel (vimāna) wurden vom großen Weisen dargelegt, deren Sinn das Erkennen des rechten Maßes ist; (dann folgen im Körper-Abschnitt die Kapitel) „Wie vielfach ist der Mensch“ und „Ungleich nach Herkunft“,

khuḍḍikā mahatī caiva garbhāvakrāntirucyate| puruṣasya śarīrasya vicayau dvau viniścitau

das kleine und das große Kapitel über das Herabsteigen des Embryos, und die beiden bestimmten Kapitel über die Untersuchung des menschlichen Körpers,

śarīrasaṅkhyā sūtraṃ ca jāteraṣṭamamucyate | ityuddiṣṭāni muninā śārīrāṇyatrisūnunā

das Kapitel über die Aufzählung der Körperteile und als achtes das über den Leitfaden der Geburt – so wurden vom Sohn des Atri (Ātreya) die Körper-Kapitel (śārīrasthāna) dargelegt.

varṇasvarīyaḥ puṣpākhyastṛtīyaḥ parimarśanaḥ| caturtha indriyānīkaḥ pañcamaḥ pūrvarūpikaḥ

Varṇasvarīya, das mit „Puṣpa“ benannte Kapitel, als drittes Parimarśanīya, als viertes Indriyānīka, als fünftes Pūrvarūpīya,

katamāniśarīrīyaḥ pannarūpo'pyavākśirāḥ| yasyaśyāvanimittaśca sadyomaraṇa eva ca

Katamānišarīrīya, Pannarūpīya, Avākśirasīya, Yasyaśyāvanimittīya und Sadyomaraṇīya,

aṇujyotiriti khyātastathā gomayacūrṇavān| dvādaśādhyāyakaṃ sthānamindriyāṇāmiti smṛtam

das als „Aṇujyotīya“ bekannte, und ebenso das „Gomayacūrṇīya“ – so gilt der Sinnesorgan-Abschnitt (indriyasthāna) mit zwölf Kapiteln als überliefert.

abhayāmalakīyaṃ ca prāṇakāmīyameva ca| karapracitakaṃ vedasamutthānaṃ rasāyanam

Abhayāmalakīya, Prāṇakāmīya, Karapracitaka und Vedasamutthānīya – diese bilden die erste Hälfte der Verjüngungslehre (rasāyana).

saṃyogaśaramūlīyamāsiktakṣīrakaṃ tathā| māṣaparṇabhṛtīyaṃ ca pumāñjātabalādikam

Saṃyogaśaramūlīya, ebenso Āsiktakṣīraka, Māṣaparṇabhṛtīya und Pumāñjātabalādika –

catuṣkadvayamapyetadadhyāyadvayamucyate| rasāyanamiti jñeyaṃ vājīkaraṇameva ca

diese beiden Vierergruppen bilden zusammen zwei Kapitel-Abschnitte, die man als Rasāyana (Verjüngungslehre) und Vājīkaraṇa (Aphrodisiaka-Lehre) kennen soll.

jvarāṇāṃ raktapittasya gulmānāṃ mehakuṣṭhayoḥ| śoṣonmāde'pyapasmāre kṣataśothodarārśasām

Die Behandlungskapitel für Fieber, Blutungsneigung, Geschwulstkrankheit, Zuckerkrankheit und Hautkrankheit, für Auszehrung, Wahnsinn, Epilepsie, Verletzung, Schwellung, Bauchwassersucht und Hämorrhoiden,

grahaṇīpāṇḍurogāṇāṃ śvāsakāsātisāriṇām| chardivīsarpatṛṣṇānāṃ viṣamadyavikārayoḥ

für die Krankheit des Verdauungsfeuers (grahaṇīdoṣa), für Blutarmut, Atemnot, Husten, Durchfall, Erbrechen, Gürtelrose, krankhaften Durst, sowie für Vergiftung und Trunksucht,

dvivraṇīyaṃ trimarmīyamūrustambhikameva ca| vātaroge vātarakte yonivyāpatsu caiva yat

das Kapitel über die zwei Arten von Wunden, über die drei lebenswichtigen Punkte (marman), über die Steifheit des Oberschenkels, über die Windkrankheit (vātaroga), über verdorbenes Blut durch Vāta und über die Störungen der Gebärmutter,

triṃśaccikitsitānyuktānyataḥ kalpān pracakṣmahe| phalajīmūtakekṣvākukalpo dhāmārgavasya ca

– diese dreißig Behandlungskapitel wurden genannt. Nun wollen wir die Rezept-Kapitel (kalpa) darlegen: das Rezept der Frucht Jīmūtaka und Ikṣvāku, und das des Dhāmārgava,

pañcamo vatsakasyoktaḥ ṣaṣṭhaśca kṛtavedhane| śyāmātrivṛtayoḥ kalpastathaiva caturaṅgule

als fünftes das des Vatsaka, als sechstes das des Kṛtavedhana, das Rezept von Śyāmā und Trivṛt, ebenso das von Caturaṅgula,

tilvakasya sudhāyāśca saptalāśaṅkhinīṣu ca| dantīdravantyoḥ kalpaśca dvādaśo'yaṃ samāpyate

das von Tilvaka und Sudhā, das von Saptalā und Śaṅkhinī, und das Rezept von Dantī und Dravantī als zwölftes – damit ist der Rezept-Abschnitt (kalpasthāna) abgeschlossen.

kalpanā pañcakarmākhyā bastisūtrī tathaiva ca| snehavyāpadikī siddhirnetravyāpadikī tathā

Die Zubereitung, genannt Pañcakarma (die fünf Reinigungsverfahren), ebenso das Kapitel über die Klistierschläuche, der Erfolg bei Störungen der Ölung, ebenso bei Störungen des Klistiers,

siddhiḥ śodhanayoścaiva bastisiddhistathaiva ca| prāsṛtī marmasaṅkhyātā siddhirbastyāśrayā ca yā

der Erfolg bei den beiden Reinigungsmitteln (Emesis und Purgation), ebenso der Erfolg des Klistiers, das Kapitel über die Maßeinheiten (prāsṛtī), das über die Aufzählung der lebenswichtigen Punkte (marman), und der Erfolg, der auf dem Klistier beruht,

phalamātrā tathā siddhiḥ siddhiścottarasañjñitā| siddhayo dvādaśaivaitāstantraṃ cāsu samāpyate

das Maß der Wirkung, ebenso ein weiterer Erfolg, und der Erfolg genannt „Uttarabasti“ – dies sind die zwölf Erfolgs-Kapitel (siddhi), und mit ihnen wird das Werk abgeschlossen.

sve sve sthāne tathā'dhyāye cādhyāyārthaḥ pravakṣyate| taṃ brūyāt sarvataḥ sarvaṃ yathāsvaṃ hyarthasaṅgrahāt

In jedem einzelnen Abschnitt und Kapitel wird der Sinn des jeweiligen Kapitels dargelegt werden; diesen soll man in jeder Hinsicht vollständig darlegen, jeweils gemäß der Zusammenfassung seines Sinnes.

pṛcchā tantrādyathāmnāyaṃ vidhinā praśna ucyate| praśnārtho yuktimāṃstasya tantreṇaivārthaniścayaḥ

Die Frage nach dem Werk gemäß der Überlieferung, nach der rechten Methode, heißt „Frage“ (praśna); der Sinn der Frage folgt der Systematik, und die Bestimmung ihres Sinnes ergibt sich allein aus dem Werk selbst.

niruktaṃ tantraṇāttantraṃ, sthānamarthapratiṣṭhayā| adhikṛtyārthamadhyāyanāmasañjñā pratiṣṭhitā

„Tantra“ (Werk) wird von „tantraṇa“ (Ausbreiten) hergeleitet, „sthāna“ (Abschnitt) von der Feststellung des Sinnes; und mit Bezug auf den jeweiligen Gegenstand ist auch die Bezeichnung „adhyāya“ (Kapitel) festgelegt.

iti sarvaṃ yathāpraśnamaṣṭakaṃ samprakāśitam| kārtsnyena coktastantrasya saṅgrahaḥ suviniścitaḥ

So wurde alles, wie gefragt, achtfach vollständig dargelegt; und es wurde die wohlbestimmte Zusammenfassung des ganzen Werkes vollständig verkündet.

santi pāllavikotpātāḥ saṅkṣobhaṃ janayanti ye| vartakānāmivotpātāḥ sahasaivāvibhāvitāḥ

Es gibt oberflächliche Einwürfe, die Verwirrung stiften, so wie plötzliche, unvorhergesehene Aufflieger unter Wachteln Aufruhr erzeugen.

tasmāttān pūrvasañjalpe sarvatrāṣṭakamādiśet| parāvaraparīkṣārthaṃ tatra śāstravidāṃ balam

Deshalb soll man bei jedem Gespräch zuvor jene achtfache Prüfung anwenden; darin liegt die Stärke der Kenner der Lehre, um Höher- und Minderwertiges zu prüfen.

śabdamātreṇa tantrasya kevalasyaikadeśikāḥ| bhramantyalpabalāstantre jyāśabdeneva vartakāḥ

Halbgebildete, die nur den bloßen Wortlaut des Werkes kennen, geraten mit ihrer geringen Kraft im Werk in Verwirrung, so wie Wachteln schon vom bloßen Klang der Bogensehne aufgeschreckt werden.

paśuḥ paśūnāṃ daurbalyāt kaścinmadhye vṛkāyate| sa satyaṃ vṛkamāsādya prakṛtiṃ bhajate paśuḥ

Manch ein Schaf verhält sich inmitten schwacher Schafe wie ein Wolf; trifft dieses Schaf aber auf einen wirklichen Wolf, kehrt es zu seiner wahren Natur als Schaf zurück.

tadvadajño'jñamadhyasthaḥ kaścinmaukharyasādhanaḥ| sthāpayatyāptamātmānamāptaṃ tvāsādya bhidyate

Ebenso gibt sich mancher Unwissende inmitten von Unwissenden durch bloße Redegewandtheit als Kenner (āpta) aus; trifft er aber auf einen wirklichen Kenner, wird er entlarvt.

babhrurgūḍha ivorṇābhirabuddhirabahuśrutaḥ| kiṃ vai vakṣyati sañjalpe kuṇḍabhedī jaḍo yathā

Wie eine Spinne, die sich in ihrem Gespinst verbirgt – was kann einer, der ohne Einsicht und ohne viel Gelerntes ist, im Gespräch schon vorbringen, gleich einem törichten Topfzerschläger?

sadvṛttairna vigṛhṇīyādbhiṣagalpaśrutairapi| hanyāt praśnāṣṭakenādāvitarāṃstvāptamāninaḥ

Mit Ärzten von gutem Charakter soll man auch dann nicht streiten, wenn sie wenig gelernt haben; jene aber, die sich für Kenner halten, obwohl sie es nicht sind, soll man zuerst durch die achtfache Befragung widerlegen.

dambhino mukharā hyajñāḥ prabhūtābaddhabhāṣiṇaḥ| prāyaḥ, prāyeṇa sumukhāḥ santo yuktālpabhāṣiṇaḥ

Prahlerische, geschwätzige Unwissende reden meist viel und unzusammenhängend; die wahrhaft Guten dagegen sind meist freundlich und sprechen wenig, aber wohlbedacht.

tattvajñānaprakāśārthamahaṅkāramanāśritaḥ| svalpādhārājñamukharānmarṣayenna vivādinaḥ

Um die Wahrheit ans Licht zu bringen, ohne sich auf Eigendünkel zu stützen, soll man streitsüchtige, auf geringer Grundlage geschwätzige Unwissende nicht dulden.

paro bhūteṣvanukrośastattvajñāna(ne)parā dayā| yeṣāṃ teṣāmasadvādanigrahe niratā matiḥ

Wer höchstes Mitgefühl mit den Geschöpfen hegt und in der Erkenntnis der Wahrheit höchstes Erbarmen zeigt, dessen Sinn ist eifrig darauf gerichtet, falsche Lehren zurückzuweisen.

asatpakṣākṣaṇitvārtidambhapāruṣyasādhanāḥ| bhavantyanāptāḥ sve tantre prāyaḥ paravikatthakāḥ

Wer sich auf falsche Positionen stützt, unbeständig, gequält, prahlerisch und grob ist, ist meist in seiner eigenen Lehre unzuverlässig und rühmt sich vor allem gegenüber anderen.

tān kālapāśasadṛśān varjayecchāstradūṣakān| praśamajñānavijñānapūrṇāḥ sevyā bhiṣaktamāḥ

Solche, die der Schlinge des Todes gleichen und die Lehre verderben, soll man meiden; man soll sich vielmehr den besten Ärzten anschließen, die von Gelassenheit, Wissen und Erkenntnis erfüllt sind.

samagraṃ duḥkhamāyattamavijñāne dvayāśrayam| sukhaṃ samagraṃ vijñāne vimale ca pratiṣṭhitam

Alles Leid beruht, in zweifacher Hinsicht, auf Unwissenheit; alles Glück gründet sich auf reines, vollkommenes Wissen.

idamevamudārārthamajñānāṃ na prakāśakam| śāstraṃ dṛṣṭipraṇaṣṭānāṃ yathaivādityamaṇḍalam

So erhellt dieses bedeutungsreiche Lehrwerk (śāstra) den Unwissenden nicht, ebenso wie die Sonnenscheibe den Blinden nicht leuchtet.

tatra ślokāḥ- arthe daśamahāmūlāḥ sañjñā cāsāṃ yathā kṛtā| ayanāntāḥ ṣaḍagryāśca rūpaṃ vedavidāṃ ca yat

Dazu die Zusammenfassungsverse: Die zehn großen Wurzeln der Bedeutung, und wie ihre Bezeichnung entstanden ist; die sechs besten Dinge, endend mit dem Zufluchtsweg, und was die Frage nach der Zuordnung zum Veda betrifft,

saptakaścāṣṭakaścaiva paripraśnāḥ sanirṇayāḥ| yathā vācyaṃ yadarthaṃ ca ṣaḍvidhāścaikadeśikāḥ

die siebenfache Bestimmung (des Lebens) und die achtfache Befragung mit ihren Entscheidungen, wie es zu sagen ist und wozu, sowie die sechs Arten von Halbgebildeten,

arthedaśamahāmūle sarvametat prakāśitam| saṅgrahaścāyamadhyāyastantrasyāsyaiva kevalaḥ

– all dies wurde im Kapitel „Die zehn großen Wurzeln der Bedeutung“ dargelegt; und dieses Kapitel ist die alleinige Zusammenfassung dieses ganzen Werkes.

yathā sumanasāṃ sūtraṃ saṅgrahārthaṃ vidhīyate| saṅgrahārthaṃ tathā'rthānāmṛṣiṇā saṅgrahaḥ kṛtaḥ

So wie ein Faden dazu dient, Blumen zusammenzuhalten, so hat der Weise (ṛṣi) diese Zusammenfassung geschaffen, um die verschiedenen Bedeutungen zusammenzuhalten.

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks