Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 17: Kiyanta Shiraseeya Kopf- und Herzkrankheiten im Überblick

Kapitel 17 eröffnet mit seinem Titel „Kiyantaḥśiraseeya“ (etwa: „Wie viele Kopf- und Herzkrankheiten gibt es?“) eine systematische Nosologie: Es zählt fünf Kopf- und fünf Herzkrankheiten nach Vāta-, Pitta-, Kapha- und Sannipāta-Ursache auf, beschreibt die Erschöpfungszustände (kṣaya) der Körpergewebe bis hin zum Ojas sowie die aus Prameha (harnbezogenen Stoffwechselleiden) entstehenden sieben gefährlichen Geschwüre, und schließt mit einer Typologie der Doṣa-Bewegung durch den Körper. Damit legt der Text methodisch fest, wie Krankheiten durch das Zusammenspiel von Zunahme, Abnahme und Wanderung der drei Doṣas klassifiziert werden – ein Verfahren, das für das gesamte spätere Nidānasthāna der Caraka-Saṃhitā maßgeblich bleibt und in ähnlicher Systematik auch bei Suśruta wiederkehrt. Botanische Aspekte treten zugunsten dieser klinisch-diagnostischen Klassifikation zurück; genannt werden lediglich Sesam, Milch und Zuckerrohrmelasse als Auslöser wurmbedingter Kopf- und Herzleiden.

DIE ZEHN ERSCHÖPFUNGSZUSTÄNDE (KṢAYA) DER KÖRPERGEWEBE (Vers 63–74)
Gewebe/SubstanzKennzeichen der Erschöpfung
rasaUnruhe, Geräuschempfindlichkeit, Zittern, stechende Schmerzen, Herzbedrängnis schon bei geringer Anstrengung
Blut (rakta)Raue, rissige, fahle, trockene Haut
māṃsaAustrocknung von Gesäß, Nacken und Bauch
medasKnacken der Gelenke, Mattigkeit und Ermüdung der Augen, Verschmälerung des Bauches
asthiAusfallen von Kopfhaar, Körperhaar, Nägeln, Bart und Zähnen; Lockerheit der Gelenke
majjāKnochen scheinen zu zerfallen; Schwäche, Leichtigkeit, Anfälligkeit für vāta-Erkrankungen
śukraSchwäche, Mundtrockenheit, Blässe, Erschlaffung, Impotenz, Ausbleiben des Samenergusses
Stuhl (purīṣa)Blähung des Bauches; vāta bewegt sich quer und aufwärts statt regelrecht abwärts
Harn (mūtra)Schmerzhaftes Wasserlassen, Verfärbung des Harns, Durst, Mundtrockenheit
ojasFurchtsamkeit, Schwäche, Grübelei, gestörte Sinne, fahler Teint, trübes Gemüt, Abmagerung
DIE SIEBEN GEFÄHRLICHEN GESCHWÜRE (PIḌAKĀ) BEI PRAMEHA (Vers 82–90)
NameMerkmale
ŚarāvikāRand erhöht, Mitte eingesunken, bräunlich verfärbt, nässend und schmerzhaft; Form einer flachen Schale
KacchapikāTief sitzender stechender Schmerz, großflächig, glatt, einem Schildkrötenpanzer ähnlich
JālinīVerhärtet, von einem Netz sichtbarer Venen durchzogen, öliger Ausfluss, großflächig, starker stechender Schmerz, winzige Öffnungen
SarṣapīNicht sehr groß, eitert rasch, starke Schmerzen, mit senfkorn-ähnlichen Knötchen übersät
AlajīVerbrennt beim Entstehen die Haut, verursacht Durst, Bewusstseinstrübung und Fieber; breitet sich brennend aus
VinatāTief sitzender Schmerz mit Nässen, am Rücken oder Bauch, groß und bläulich-dunkel gefärbt
VidradhīÄußere und innere Form; die äußere entsteht aus Haut, Sehne und Muskelfleisch (tiefer Abszess), verursacht starke Schmerzen
Śarāvikā, Kacchapikā und Jālinī gelten als kaum erträglich (bei reichlich Kapha und Medas); Sarṣapī, Alajī, Vinatā und Vidradhī als heilbar (bei vorherrschendem Pitta) – Vers 105–106.

athātaḥ kiyantaḥśirasīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel „Kiyantaḥśiraseeya“ (Über die Anzahl der Kopf- und Herzkrankheiten) erläutern.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya.

kiyantaḥ śirasi proktā rogā hṛdi ca dehinām| kati cāpyanilādīnāṃ rogā mānavikalpajāḥ

„Wie viele Krankheiten des Kopfes und des Herzens werden bei den verkörperten Wesen genannt? Und wie viele Krankheiten entstehen aus der Verschiedenheit im Maß von Vāta (Bewegungsprinzip, eines der drei Doṣas) und den anderen Doṣas – das heißt aus ihrer Zu- oder Abnahme?

kṣayāḥ kati samākhyātāḥ piḍakāḥ kati cānagha!| gatiḥ katividhā coktā doṣāṇāṃ doṣasūdana!

Wie viele Erschöpfungszustände (kṣaya, Schwund von Körpergeweben) werden gelehrt, wie viele Geschwüre (piḍakā), o Makelloser? Und wie viele Arten der Bewegung (gati) der Doṣas werden genannt, o Bezwinger der Doṣas?“

hutāśaveśasya vacastacchrutvā gururabravīt| pṛṣṭavānasi yat saumya! tanme śṛṇu savistaram

Als der Lehrer diese Worte Agniveśas gehört hatte, sprach er: „Was du gefragt hast, o Sanftmütiger, das höre nun ausführlich von mir.

dṛṣṭāḥ pañca śirorogāḥ pañcaiva hṛdayāmayāḥ| vyādhīnāṃ hyadhikā ṣaṣṭirdoṣamānavikalpajā

Bekannt sind fünf Kopfkrankheiten und ebenso fünf Herzkrankheiten; die aus der Verschiedenheit im Maß der Doṣas entstehenden Krankheiten sind mehr als sechzig.

daśāṣṭau ca kṣayāḥ sapta piḍakā mādhumehikāḥ| doṣāṇāṃ trividhā coktā gatirvistarataḥ śṛṇu

Achtzehn Erschöpfungszustände gibt es, sieben Geschwüre, die mit der Zuckerkrankheit (madhumeha) verbunden sind, und die Bewegung der Doṣas wird als dreifach bezeichnet – höre nun ausführlich.

sandhāraṇāddivāsvapnādrātrau jāgaraṇānmadāt| uccairbhāṣyādavaśyāyāt prāgvātādatimaithunāt

Durch das Unterdrücken natürlicher Bedürfnisse, durch Schlafen am Tage, durch nächtliches Wachen, durch Rausch, durch lautes Sprechen, durch Morgentau, durch den Ostwind, durch übermäßigen Geschlechtsverkehr,

gandhādasātmyādāghrātādrajodhūmahimātapāt| gurvamlaharitādānādati śītāmbusevanāt

durch unzuträgliche Gerüche, durch Einatmen von Staub, Rauch, Kälte oder Sonnenhitze, durch übermäßigen Genuss schwerer, saurer oder unreifer, grüner Speisen, durch übermäßigen Genuss von kaltem Wasser,

śiro'bhighātādduṣṭāmādrodanādbāṣpanigrahāt | meghāgamānmanastāpāddeśakālaviparyayāt

durch einen Schlag auf den Kopf, durch verdorbene, unreife Speise, durch Weinen, durch das Zurückhalten der Tränen, durch das Herannahen der Regenwolken, durch geistigen Kummer, durch ein Verhalten, das Ort und Jahreszeit widerspricht –

vātādayaḥ prakupyanti śirasyasraṃ ca duṣyati| tataḥ śirasi jāyante rogā vividhalakṣaṇāḥ

durch all dies geraten Vāta und die übrigen Doṣas im Kopf in Erregung, und auch das Blut wird dort verdorben; daraus entstehen im Kopf Krankheiten mit vielfältigen Merkmalen.

prāṇāḥ prāṇabhṛtāṃ yatra śritāḥ sarvendriyāṇi ca| yaduttamāṅgamāṅgānāṃ śirastadabhidhīyate

Der Kopf wird als das oberste Glied des Körpers bezeichnet, denn dort haben die Lebenskräfte (prāṇa) der lebenden Wesen und alle Sinnesorgane (indriya) ihren Sitz.

ardhāvabhedako vā syāt sarvaṃ vā rujyate śiraḥ| pratiśyāmukhanāsākṣikarṇarogaśirobhramāḥ

Es kann halbseitiger Kopfschmerz (ardhāvabhedaka) entstehen, oder der ganze Kopf schmerzt; ferner Schnupfen (pratiśyāya), Krankheiten von Mund, Nase, Augen und Ohren sowie Kopfschwindel.

arditaṃ śirasaḥ kampo galamanyāhanugrahaḥ| vividhāścāpare rogā vātādikrimisambhavāḥ

Gesichtslähmung (ardita), Zittern des Kopfes, Versteifung von Hals, Nacken und Kiefer sowie verschiedene andere Krankheiten, die aus Vāta und den übrigen Doṣas oder aus Würmern (krimi) entstehen.

pṛthagdiṣṭāstu ye pañca saṅgrahe paramarṣibhiḥ| śirogadāṃstāñchṛṇu me yathāsvairhetulakṣaṇaiḥ

Höre nun von mir jene fünf Kopfkrankheiten, die von den großen Weisen in der Zusammenfassung gesondert benannt wurden, mit ihren jeweiligen Ursachen und Merkmalen.

uccairbhāṣyātibhāṣyābhyāṃ tīkṣṇapānāt prajāgarāt| śītamārutasaṃsparśādvyavāyādveganigrahāt

Durch lautes und übermäßiges Sprechen, durch scharfe Getränke, durch nächtliches Wachen, durch Berührung mit kaltem Wind, durch Geschlechtsverkehr, durch das Zurückhalten natürlicher Bedürfnisse,

upavāsādabhīghātādvirekādvamanādati| bāṣpaśokabhayatrāsādbhāramārgātikarśanāt

durch Fasten, durch einen Schlag, durch übermäßiges Abführen oder Erbrechen, durch Tränen, Kummer, Furcht und Schrecken, durch das Tragen von Lasten, durch weite Wege und durch übermäßige Abmagerung –

śirogatāḥ sirā vṛddho vāyurāviśya kupyati| tataḥ śūlaṃ mahattasya vātāt samupajāyate

dadurch dringt der vermehrte Vāta in die im Kopf verlaufenden Gefäße (sirā) ein und gerät in Erregung; daraus entsteht durch Vāta ein heftiger, stechender Schmerz.

nistudyete bhṛśaṃ śaṅkau ghāṭā sambhidyate tathā| sabhrūmadhyaṃ lalāṭaṃ ca tapatīvātivedanam

Die Schläfen werden heftig durchstochen, der Hinterkopf scheint zu zerbrechen, und die Stirn samt dem Bereich zwischen den Augenbrauen brennt wie von übermäßigem Schmerz.

vadhyete svanataḥ śrotre niṣkṛṣyete ivākṣiṇī| ghūrṇatīva śiraḥ sarvaṃ sandhibhya iva mucyate

Die Ohren werden gleichsam von einem Dröhnen geschlagen, die Augen scheinen herausgezogen zu werden, der ganze Kopf scheint sich zu drehen und sich gleichsam aus seinen Gelenken zu lösen.

sphuratyati sirājālaṃ stabhyate ca śirodharā| snigdhoṣṇamupaśete ca śiroroge'nilātmake

Das Geflecht der Gefäße (sirājāla) zuckt heftig, der Nacken wird steif; bei dieser durch Vāta bedingten Kopfkrankheit findet der Kranke Linderung durch Öliges und Warmes.

kaṭvamlalavaṇakṣāramadyakrodhātapānalaiḥ| pittaṃ śirasi sanduṣṭaṃ śirorogāya kalpate

Durch Scharfes, Saures, Salziges, Alkalisches, durch Wein, Zorn, Sonnenhitze und Feuer wird Pitta (Feuerprinzip, eines der drei Doṣas) im Kopf verdorben und führt zu Kopfkrankheit.

dahyate rujyate tena śiraḥ śītaṃ suṣūyate | dahyete cakṣuṣī tṛṣṇā bhramaḥ svedaśca jāyate

Dadurch brennt und schmerzt der Kopf, Kälte wird als wohltuend empfunden, die Augen brennen, und es entstehen Durst, Schwindel und Schweiß.

āsyāsukhaiḥ svapnasukhairgurusnigdhātibhojanaiḥ| śleṣmā śirasi sanduṣṭaḥ śirorogāya kalpate

Durch Untätigkeit und behagliches Verweilen, durch übermäßigen Schlafgenuss, durch schwere, ölige und reichliche Speise wird Kapha (Wasser-Erde-Prinzip, eines der drei Doṣas) im Kopf verdorben und führt zu Kopfkrankheit.

śiro mandarujaṃ tena suptaṃ stimitabhārikam| bhavatyutpadyate tandrā tathā''lasyamarocakaḥ

Dadurch wird der Kopf nur schwach schmerzend, wie eingeschlafen, taub und schwer; es entstehen Schläfrigkeit (tandrā), Trägheit (ālasya) und Appetitlosigkeit (arocaka).

vātācchūlaṃ bhramaḥ kampaḥ pitāddāho madastṛṣā| kaphādgurutvaṃ tandrā ca śiroroge tridoṣaje

Bei der durch alle drei Doṣas zugleich verursachten Kopfkrankheit entstehen durch Vāta stechender Schmerz, Schwindel und Zittern, durch Pitta Brennen, Benommenheit und Durst, durch Kapha Schweregefühl und Schläfrigkeit.

tilakṣīraguḍājīrṇapūtisaṅkīrṇabhojanāt| kledo'sṛkkaphamāṃsānāṃ doṣalasyopajāyate

Durch den Genuss von Sesam, Milch und Zuckerrohrmelasse zusammen mit unverdauter, verdorbener oder vermischter Nahrung entsteht eine krankhafte Durchfeuchtung (kleda) von Blut, Kapha und Muskelfleisch.

tataḥ śirasi saṅkledāt krimayaḥ pāpakarmaṇaḥ| janayanti śirorogaṃ jātā bībhatsalakṣaṇam

Aus dieser Durchfeuchtung im Kopf entstehen üble, schädlich wirkende Würmer, die eine Kopfkrankheit mit abstoßenden Merkmalen hervorrufen.

vyadhacchedarujākaṇḍūśophadaurgatyaduḥkhitam | krimirogāturaṃ vidyāt krimīṇāṃ darśanena ca

Man erkenne den von Würmern befallenen Kranken an Stechen, Schneiden, Schmerz, Juckreiz, Schwellung, übler Beschaffenheit und Leiden – sowie am sichtbaren Auftreten der Würmer selbst.

śokopavāsavyāyāmarūkṣaśuṣkālpabhojanaiḥ | vāyurāviśya hṛdayaṃ janayatyuttamāṃ rujam

Durch Kummer, Fasten, übermäßige Anstrengung sowie trockene, karge und knappe Nahrung dringt Vāta in das Herz ein und erzeugt einen heftigen Schmerz.

vepathurveṣṭanaṃ stambhaḥ pramohaḥ śūnyatā daraḥ | hṛdi vātāture rūpaṃ jīrṇe cātyarthavedanā

Zittern, ein Gefühl des Zusammenschnürens, Steifheit, Bewusstseinstrübung, Leere und Angst sind die Merkmale des durch Vāta gestörten Herzens; bei unverdauter Nahrung tritt zudem außerordentlicher Schmerz auf.

uṣṇāmlalavaṇakṣārakaṭukājīrṇabhojanaiḥ| madyakrodhātapaiścāśu hṛdi pittaṃ prakupyati

Durch heiße, saure, salzige, alkalische und scharfe sowie unverdaute Speisen, durch Wein, Zorn und Sonnenhitze gerät Pitta rasch im Herzen in Erregung.

hṛddāhastiktatā vakre tiktāmlodgiraṇaṃ klamaḥ| tṛṣṇā mūrcchā bhramaḥ svedaḥ pittahṛdrogalakṣaṇam

Brennen im Herzen, ein bitterer Geschmack im Mund, bitteres und saures Aufstoßen, Erschöpfung, Durst, Ohnmacht, Schwindel und Schweiß sind die Merkmale der Pitta-bedingten Herzkrankheit.

atyādānaṃ gurusnigdhamacintanamaceṣṭanam| nidrāsukhaṃ cābhyadhikaṃ kaphahṛdrogakāraṇam

Übermäßiger Genuss schwerer und öliger Speisen, Gedankenlosigkeit, Bewegungsmangel und übermäßiger Schlafgenuss sind die Ursachen der Kapha-bedingten Herzkrankheit.

hṛdayaṃ kaphahṛdroge suptaṃ stimitabhārikam| tandrāruciparītasya bhavatyaśmāvṛtaṃ yathā

Bei der Kapha-bedingten Herzkrankheit fühlt sich das von Schläfrigkeit und Appetitlosigkeit befallene Herz wie eingeschlafen, taub und schwer an, gleichsam von einem Stein bedeckt.

hetulakṣaṇasaṃsargāducyate sānnipātikaḥ| (hṛdrogaḥ kaṣṭadaḥ kaṣṭasādhya ukto maharṣibhiḥ) tridoṣaje tu hṛdroge yo durātmā niṣevate

Vermischen sich Ursachen und Merkmale der drei Doṣas, so spricht man von der durch alle drei Doṣas zugleich (sannipāta) verursachten Herzkrankheit – von den großen Weisen als leidvoll und schwer heilbar bezeichnet. Wenn nun ein Mensch von schlechter Lebensweise bei einer solchen dreifachen Herzkrankheit fortfährt,

tilakṣīraguḍādīni granthistasyopajāyate| marmaikadeśe saṅkledaṃ rasaścāsyopagacchati

weiterhin Sesam, Milch, Zuckerrohrmelasse und Ähnliches zu genießen, so entsteht bei ihm ein Knoten (granthi); an einer Stelle eines lebenswichtigen Punktes (marma) sammelt sich Durchfeuchtung, und Rasa (der erste Körpersaft) dringt dorthin ein.

saṅkledāt krimayaścāsya bhavantyupahatātmanaḥ| marmaikadeśe te jātāḥ sarpanto bhakṣayanti ca

Aus dieser Durchfeuchtung entstehen bei dem so Geschädigten Würmer; an jener Stelle des Marma entstanden, kriechen sie umher und fressen das Gewebe.

tudyamānaṃ sa hṛdayaṃ sūcībhiriva manyate| chidyamānaṃ yathā śastrairjātakaṇḍūṃ mahārujam

Er empfindet sein Herz, als würde es mit Nadeln gestochen oder mit Waffen zerschnitten; es entstehen Juckreiz und heftiger Schmerz.

hṛdrogaṃ krimijaṃ tvetairliṅgairbuddhvā sudāruṇam| tvareta jetuṃ taṃ vidvān vikāraṃ śīghrakāriṇam

Hat der kundige Arzt diese durch Würmer verursachte, überaus schwere Herzkrankheit an diesen Merkmalen erkannt, so beeile er sich, diese rasch fortschreitende Störung zu bezwingen.

dvyulbaṇaikolbaṇaiḥ ṣaṭ syurhīnamadhyādhikaiśca ṣaṭ| samaiścaiko vikārāste sannipātāstrayodaśa

Sechs Formen entstehen, wenn zwei Doṣas vorherrschen und einer zurücktritt, sechs weitere, wenn sie in schwacher, mittlerer und starker Abstufung wirken, und eine, wenn alle drei gleich beteiligt sind – so gibt es dreizehn Arten des Sannipāta (gleichzeitigen Befalls durch alle drei Doṣas).

saṃsarge nava ṣaṭ tebhya ekavṛddhyā samaistrayaḥ| pṛthak trayaśca tairvṛddhairvyādhayaḥ pañcaviṃśatiḥ

Bei der Verbindung je zweier Doṣas gibt es neun Formen; daraus sechs durch Erhöhung eines Einzelnen, drei durch Gleichheit beider, sowie drei durch je einzelne Erhöhung – zusammen mit diesen Steigerungsformen ergeben sich fünfundzwanzig Krankheitsformen.

yathā vṛddhaistathā kṣīṇairdoṣeḥ syuḥ pañcaviṃśatiḥ| vṛddhikṣayakṛtaścānyo vikalpa upadekṣyate

Ebenso wie bei den erhöhten Doṣas ergeben sich auch bei den verminderten Doṣas fünfundzwanzig Formen. Nun wird eine weitere, durch das Zusammenwirken von Erhöhung und Verminderung bedingte Unterscheidung gelehrt:

vṛddhirekasya samatā caikasyaikasya saṅkṣayaḥ| dvandvavṛddhiḥ kṣayaścaikasyaikavṛddhirdvayoḥ kṣayaḥ

die Erhöhung eines einzelnen Doṣa bei Gleichbleiben der anderen, die Verminderung eines einzelnen; die gemeinsame Erhöhung zweier bei Verminderung des dritten, sowie die Erhöhung eines einzelnen bei Verminderung zweier anderer.

prakṛtisthaṃ yadā pittaṃ mārutaḥ śleṣmaṇaḥ kṣaye| sthānādādāya gātreṣu yatra yatra visarpati

Wenn bei Verminderung von Kapha der Vāta das in seinem natürlichen Zustand befindliche Pitta aus dessen Sitz mit sich reißt und damit im Körper an wechselnden Stellen umherwandert,

tadā bhedaśca dāhaśca tatra tatrānavasthitaḥ| gātradeśe bhavatyasya śramo daurbalyameva ca

dann entstehen an diesen unbeständigen Körperstellen ein spaltender Schmerz und Brennen sowie Erschöpfung und Schwäche.

prakṛtisthaṃ kaphaṃ vāyuḥ kṣīṇe pitte yadā balī| karṣet kuryāttadā śūlaṃ saśaityastambhagauravam

Wenn bei Verminderung von Pitta der kräftige Vāta das in seinem natürlichen Zustand befindliche Kapha mit sich zieht, entstehen stechender Schmerz zusammen mit Kältegefühl, Steifheit und Schwere.

yadā'nilaṃ prakṛtigaṃ pittaṃ kaphaparikṣaye| saṃruṇaddhi tadā dāhaḥ śūlaṃ cāsyopajāyate

Wenn bei Verminderung von Kapha das Pitta den in seinem natürlichen Zustand befindlichen Vāta blockiert, entstehen Brennen und stechender Schmerz.

śleṣmāṇaṃ hi samaṃ pittaṃ yadā vātaparikṣaye| sannirundhyāttadā kuryāt satandrāgauravaṃ jvaram

Wenn bei Verminderung von Vāta das Pitta das gleichbleibende Kapha blockiert, entstehen Fieber zusammen mit Schläfrigkeit und Schweregefühl.

pravṛddho hi yadā śleṣmā pitte kṣīṇe samīraṇam| rundhyāttadā prakurvīta śītakaṃ gauravaṃ rujam

Wenn bei Verminderung von Pitta das vermehrte Kapha den Vāta blockiert, entstehen Kältegefühl, Schwere und Schmerz.

samīraṇe parikṣīṇe kaphaḥ pittaṃ samatvagam| kurvīta sannirundhāno mṛdvagnitvaṃ śirograham

Wenn bei Verminderung von Vāta das Kapha das gleichbleibende Pitta blockiert, entstehen ein geschwächtes Verdauungsfeuer (agni) und Schwere im Kopf,

nidrāṃ tandrāṃ pralāpaṃ ca hṛdrogaṃ gātragauravam| nakhādīnāṃ ca pītatvaṃ ṣṭhīvanaṃ kaphapittayoḥ

ferner übermäßiger Schlaf, Schläfrigkeit, wirres Reden, Herzkrankheit, Schwere der Glieder sowie Gelbfärbung von Nägeln und anderen Körperteilen und das Ausspucken von Kapha- und Pitta-artigem Sekret.

hīnavātasya tu śleṣmā pittena sahitaścaran| karotyarocakāpākau sadanaṃ gauravaṃ tathā

Wenn bei vermindertem Vāta das Kapha zusammen mit Pitta wirkt, entstehen Appetitlosigkeit, mangelhafte Verdauung, Mattigkeit und Schwere,

hṛllāsamāsyasravaṇaṃ pāṇḍutāṃ dūyanaṃ madam| virekasya ca vaiṣamyaṃ vaiṣamyamanalasya ca

ferner Übelkeit, Speichelfluss aus dem Mund, Blässe, ein brennendes Missempfinden, Benommenheit sowie Unregelmäßigkeit der Ausscheidung und Unregelmäßigkeit des Verdauungsfeuers.

hīnapittasya tu śleṣmā mārutenopasaṃhitaḥ| stambhaṃ śaityaṃ ca todaṃ ca janayatyanavasthitam

Wenn bei vermindertem Pitta das Kapha zusammen mit Vāta wirkt, erzeugt es Steifheit, Kälte und einen wandernden, stechenden Schmerz,

gauravaṃ mṛdutāmagnerbhaktāśraddhāṃ pravepanam| nakhādīnāṃ ca śuklatvaṃ gātrapāruṣyameva ca

ferner Schwere, Schwäche des Verdauungsfeuers, Abneigung gegen Nahrung, Zittern sowie Weißfärbung von Nägeln und anderen Körperteilen und Rauheit der Glieder.

mārutastu kaphe hīne pittaṃ ca kupitaṃ dvayam| karoti yāni liṅgāni śṛṇu tāni samāsataḥ

Wenn bei vermindertem Kapha Vāta und das erregte Pitta gemeinsam wirken, höre nun kurz zusammengefasst, welche Merkmale sie hervorrufen:

bhramamudveṣṭanaṃ todaṃ dāhaṃ sphuṭanavepane| aṅgamardaṃ parīśoṣaṃ dūyanaṃ dhūpanaṃ tathā

Schwindel, ein Gefühl des Verdrehens, stechenden Schmerz, Brennen, Aufplatzen der Haut und Zittern, Gliederschmerz, Austrocknung, ein brennendes Missempfinden sowie ein Gefühl innerer Hitze,

vātapittakṣaye śleṣmā srotāṃsyapidadhadbhṛśam| ceṣṭāpraṇāśaṃ mūrcchāṃ ca vāksaṅgaṃ ca karoti hi

bei Verminderung von Vāta und Pitta verstopft das Kapha die Körperkanäle (srotas) heftig und verursacht dadurch Bewegungsunfähigkeit, Ohnmacht und Sprachstörung.

vātaśleṣmakṣaye pittaṃ dehaujaḥ sraṃsayaccaret| glānimindriyadaurbalyaṃ tṛṣṇāṃ mūrcchāṃ kriyākṣayam

Bei Verminderung von Vāta und Kapha lässt das Pitta das Ojas (die feinste Essenz der Vitalkraft) des Körpers schwinden und verursacht Erschöpfung, Schwäche der Sinnesorgane, Durst, Ohnmacht und den Verlust der Handlungsfähigkeit.

pittaśleṣmakṣaye vāyurmarmāṇyatinipīḍayan| praṇāśayati sañjñāṃ ca vepayatyathavā naram

Bei Verminderung von Pitta und Kapha bedrängt der Vāta die lebenswichtigen Punkte (marma) übermäßig stark und lässt den Menschen dadurch das Bewusstsein verlieren oder versetzt ihn in Zittern.

doṣāḥ pravṛddhāḥ svaṃ liṅgaṃ darśayanti yathābalam| kṣīṇā jahati liṅgaṃ svaṃ, samāḥ svaṃ karma kuvete

Vermehrte Doṣas zeigen entsprechend ihrer Stärke ihre eigenen Krankheitszeichen; verminderte Doṣas verlieren ihre eigenen Zeichen; im Gleichgewicht befindliche Doṣas verrichten ihre normale Funktion.

vātādīnāṃ rasādīnāṃ malānāmojasastathā| kṣayāstatrānilādīnāmuktaṃ saṅkṣīṇalakṣaṇam

Vāta usw., Rasa usw. (die Körpergewebe), die Malas (Ausscheidungsstoffe) sowie das Ojas können jeweils in einen Zustand der Erschöpfung geraten; die Kennzeichen der Erschöpfung von Vāta usw. wurden soeben genannt.

ghaṭṭate sahate śabdaṃ noccairdravati śūlyate| hṛdayaṃ tāmyati svalpaceṣṭasyāpi rasakṣaye

Bei Erschöpfung des Rasa ist der Mensch unruhig, erträgt keinen lauten Schall, zittert, verspürt stechende Schmerzen, und das Herz wird bedrängt – selbst bei nur geringer Anstrengung.

paruṣā sphuṭitā mlānā tvagrūkṣā raktasaṅkṣaye| māṃsakṣaye viśeṣeṇa sphiggrīvodaraśuṣkatā

Bei Erschöpfung des Blutes wird die Haut rau, rissig, fahl und trocken. Bei Erschöpfung des Māṃsa (Fleisch-/Muskelgewebes) vertrocknen besonders Gesäß, Nacken und Bauch.

sandhīnāṃ sphuṭanaṃ glānirakṣṇorāyāsa eva ca| lakṣaṇaṃ medasi kṣīṇe tanutvaṃ codarasya ca

Bei Erschöpfung des Medas (Fettgewebes) zeigen sich Knacken der Gelenke, Mattigkeit und Ermüdung der Augen sowie eine Verschmälerung des Bauches.

keśalomanakhaśmaśrudvijaprapatanaṃ śramaḥ| jñeyamasthikṣaye liṅgaṃ sandhiśaithilyameva ca

Als Kennzeichen der Erschöpfung des Asthi (Knochengewebes) gelten das Ausfallen von Kopfhaar, Körperhaar, Nägeln, Bart und Zähnen, ferner Erschöpfung sowie Lockerheit der Gelenke.

śīryanta iva cāsthīni durbalāni laghūni ca| pratataṃ vātarogīṇi kṣīṇe majjani dehinām

Wenn bei den Lebewesen das Majjā (Knochenmark) erschöpft ist, scheinen die Knochen förmlich zu zerfallen; sie werden schwach, leicht und beständig von Vāta-Erkrankungen heimgesucht.

daurbalyaṃ mukhaśoṣaśca pāṇḍutvaṃ sadanaṃ śramaḥ| klaibyaṃ śukrāvisargaśca kṣīṇaśukrasya lakṣaṇam

Schwäche, Mundtrockenheit, Blässe, Erschlaffung, Ermüdung, Impotenz und Ausbleiben des Samenergusses sind Kennzeichen erschöpften Śukra (der Reproduktionssubstanz, des Samens).

kṣīṇe śakṛti cāntrāṇi pīḍayanniva mārutaḥ| rūkṣasyonnamayan kukṣiṃ tiryagūrdhvaṃ ca gacchati

Ist der Stuhl erschöpft, so scheint der Wind (Vāta) die Eingeweide des ausgetrockneten Menschen zu bedrängen; er bläht den Bauch auf und bewegt sich quer und aufwärts, statt regelrecht abwärts.

mūtrakṣaye mūtrakṛcchraṃ mūtravaivarṇyameva ca| pipāsā bādhate cāsya mukhaṃ ca pariśuṣyati

Bei Erschöpfung des Harns treten schmerzhaftes Wasserlassen und Verfärbung des Harns auf; Durst plagt den Betroffenen, und der Mund trocknet aus.

malāyanāni cānyāni śūnyāni ca laghūni ca| viśuṣkāṇi ca lakṣyante yathāsvaṃ malasaṅkṣaye

Auch die übrigen Sitze der Malas erscheinen bei deren jeweiliger Erschöpfung leer, leicht und ausgetrocknet, entsprechend dem jeweils betroffenen Mala.

bibheti durbalo'bhīkṣṇaṃ dhyāyati vyathitendriyaḥ| duśchāyo durmanā rūkṣaḥ kṣāmaścaivaujasaḥ kṣaye

Bei Erschöpfung des Ojas wird der Mensch furchtsam, schwach, ständig grüblerisch, seine Sinne sind gestört, sein Teint fahl, sein Gemüt trübe, er wirkt ausgezehrt und abgemagert.

hṛdi tiṣṭhati yacchuddhaṃ raktamīṣatsapītakam| ojaḥ śarīre saṅkhyātaṃ tannāśānnā vinaśyati

Was rein und rötlich mit einem leichten Gelbschimmer im Herzen ruht, das gilt im Körper als Ojas; mit dessen Untergang geht der Mensch zugrunde.

prathamaṃ jāyate hyojaḥ śarīre'smiñcharīriṇām| sarpirvarṇaṃ madhurasaṃ lājagandhi prajāyate (bhramaraiḥ phalapuṣpebhyo yathā sambhriyate madhu| tadvadojaḥ svakarmabhyo guṇaiḥ sambhriyate nṛṇām

Als Erstes entsteht in diesem Körper der verkörperten Wesen das Ojas; es hat die Farbe von geklärter Butter (Ghī), schmeckt süß und duftet wie geröstetes Korn. (So wie Bienen aus Früchten und Blüten Honig zusammentragen, so wird bei den Menschen das Ojas durch die Eigenschaften ihrer eigenen [normalen] Tätigkeiten zusammengetragen.)

) vyāyāmo'naśanaṃ cintā rūkṣālpapramitāśanam| vātātapau bhayaṃ śoko rūkṣapānaṃ prajāgaraḥ

– Übermäßige körperliche Anstrengung, Fasten, Grübeln, trockene, zu knappe oder streng bemessene Nahrung, Aussetzen an Wind und Sonne, Furcht, Kummer, das Trinken austrocknender Getränke, nächtliches Wachbleiben,

kaphaśoṇitaśukrāṇāṃ malānāṃ cātivartanam| kālo bhūtopaghātaśca jñātavyāḥ kṣayahetavaḥ

übermäßiger Verlust von Kapha, Blut, Samen und den übrigen Malas, hohes Alter (kāla) sowie Schädigung durch krankheitserregende Wesen (bhūta) – dies sind, wie man wissen sollte, die Ursachen der Erschöpfung des Ojas.

gurusnigdhāmlalavaṇānyatimātraṃ samaśnatām| navamannaṃ ca pānaṃ ca nidrāmāsyāsukhāni ca

Für diejenigen, die übermäßig schwere, ölige, saure und salzige Speisen zu sich nehmen, ebenso frisches Getreide und entsprechende Getränke, sowie übermäßigen Schlaf und behagliches Nichtstun pflegen,

tyaktavyāyāmacintānāṃ saṃśodhanamakurvatām| śleṣmā pittaṃ ca medaśca māṃsaṃ cātipravardhate

für diejenigen, die auf körperliche Anstrengung und geistige Anspannung verzichten und keine Reinigungstherapien durchführen lassen, vermehren sich Kapha, Pitta, Medas und Māṃsa übermäßig.

tairāvṛtagatirvāyuroja ādāya gacchati| yadā bastiṃ tadā kṛcchro madhumehaḥ pravartate

Wird dadurch die Bewegung des Vāta behindert, so nimmt er das Ojas mit sich fort; gelangt er so zur Blase (Basti), dann entsteht die schwer heilbare Krankheit Madhumeha (der „Honigharn“).

sa mārutasya pittasya kaphasya ca muhurmuhuḥ| darśayatyākṛtiṃ gatvā kṣayamāpyāyate punaḥ

Diese Krankheit zeigt bald das Erscheinungsbild des Vāta, bald des Pitta, bald des Kapha; sie tritt zurück, um dann immer wieder von neuem anzuschwellen.

upekṣayā'sya jāyante piḍakāḥ sapta dāruṇāḥ| māṃsaleṣvavakāśeṣu marmasvapi ca sandhiṣu

Wird diese Krankheit vernachlässigt, so entstehen sieben gefährliche Geschwüre – an fleischigen Körperstellen, aber auch an den Lebenspunkten und Gelenken.

śarāvikā kacchapikā jālinī sarṣapī tathā| alajī vinatākhyā ca vidradhī ceti saptamī

Es sind: Śarāvikā, Kacchapikā, Jālinī, Sarṣapī, ferner Alajī und die als Vinatā bezeichnete, sowie als siebte die Vidradhī (ein tiefer Abszess).

antonnatā madhyanimnā śyāvā kledaruganvitā| śarāvikā syāt piḍakā śarāvākṛtisaṃsthitā

Die Śarāvikā-Geschwulst ist am Rand erhöht, in der Mitte eingesunken, bräunlich verfärbt und geht mit Nässen und Schmerz einher; sie hat die Form einer flachen Schale (śarāva).

avagāḍhārtinistodā mahāvāstuparigrahā| ślakṣṇā kacchapapṛṣṭhābhā piḍakā kacchapī matā

Mit tief sitzendem, stechendem Schmerz, eine große Fläche einnehmend, glatt und dem Panzer einer Schildkröte ähnlich – so gilt die Geschwulst Kacchapī.

stabdhā sirājālavatī snigdhāsrāvā mahāśayā| rujānistodabahulā sūkṣmacchidrā ca jālinī

Verhärtet, von einem Netz sichtbarer Venen durchzogen, mit öligem Ausfluss, großflächig, von starkem stechendem Schmerz begleitet und mit winzigen Öffnungen versehen – das ist die Jālinī.

piḍakā nātimahatī kṣiprapākā mahārujā| sarṣapī sarṣapābhābhiḥ piḍakābhiścitā bhavet

Die Sarṣapī ist nicht sehr groß, reift rasch zur Eiterung, verursacht starke Schmerzen und ist mit kleinen, senfkorn-ähnlichen (sarṣapa) Knötchen übersät.

dahati tvacamutthāne tṛṣṇāmohajvarapradā| visarpatyaniśaṃ duḥkhāddahatyagnirivālajī

Beim Entstehen verbrennt sie die Haut förmlich, verursacht Durst, Bewusstseinstrübung und Fieber; unaufhörlich breitet sie sich unter Schmerzen aus und brennt wie Feuer – das ist die Alajī.

avagāḍharujākledā pṛṣṭhe vā'pyudare'pi vā| mahatī vinatā nīlā piḍakā vinatā matā

Mit tief sitzendem Schmerz und Nässen, am Rücken oder auch am Bauch gelegen, groß und bläulich-dunkel gefärbt – diese Geschwulst gilt als Vinatā.

vidradhiṃ dvividhāmāhurbāhyāmābhyantarīṃ tathā| bāhyā tvaksnāyumāṃsotthā kaṇḍarābhā mahārujā

Man unterscheidet zwei Arten der Vidradhī: eine äußere und eine innere. Die äußere entsteht aus Haut, Sehne und Muskelfleisch, ähnelt einer gespannten Sehne und verursacht starke Schmerzen.

śītakānnavidāhyuṣṇarūkṣaśuṣkātibhojanāt| viruddhājīrṇasaṅkliṣṭaviṣamāsātmyabhojanāt

Durch den Verzehr kalter Speisen, säurebildender (vidāhī) Speisen, übermäßig heißer, rauer und trockener Nahrung; durch unverträgliche (viruddha), unverdaute, verdorbene, unregelmäßige und dem Konstitutionstyp nicht zuträgliche Speisen;

vyāpannabahumadyatvādvegasandhāraṇācchramāt| jihmavyāyāmaśayanādatibhārādhvamaithunāt

durch verdorbenen oder übermäßigen Alkoholgenuss, durch Unterdrücken natürlicher Körperbedürfnisse, durch Überanstrengung, durch verkehrte Körperübung oder falsche Schlafhaltung, durch das Tragen zu schwerer Lasten, durch übermäßiges Wandern und durch übermäßigen Geschlechtsverkehr –

antaḥśarīre māṃsāsṛgāviśanti yadā malāḥ| tadā sañjāyate granthirgambhīrasthaḥ sudāruṇaḥ

wenn dadurch verdorbene Doṣas in das Innere des Körpers, in Fleisch und Blut, eindringen, dann entsteht ein tief sitzender, äußerst gefährlicher Knoten.

hṛdaye klomni yakṛti plīhni kukṣau ca vṛkkayoḥ| nābhyāṃ vaṅkṣaṇayorvā'pi bastau vā tīvravedanaḥ

im Herzen, im Klom (einem mit Durst verbundenen Organ im Brustraum, oft mit Bereichen von Lunge oder Bauchspeicheldrüse gleichgesetzt), in Leber, Milz, im Unterbauch, in den Nieren, am Nabel, in den Leisten oder in der Blase – dort mit heftigen Schmerzen.

duṣṭaraktātimātratvāt sa vai śīghraṃ vidahyate| tataḥ śīghravidāhitvādvidradhītyabhidhīyate

Da sich verdorbenes Blut darin im Übermaß ansammelt, entzündet er sich rasch; wegen dieser raschen Entzündung (vidāha) wird er Vidradhī genannt.

vyadhacchedabhramānāhaśabdasphuraṇasarpaṇaiḥ| vātikīṃ, paittikīṃ tṛṣṇādāhamohamadajvaraiḥ

An stechenden, schneidenden Schmerzen, Schwindel, Blähung, Knirschgeräuschen, Pulsieren und kriechenden Empfindungen erkennt man die Vāta-Vidradhī; an Durst, Brennen, Bewusstseinstrübung, Benommenheit und Fieber die Pitta-Vidradhī;

jṛmbhotkleśārucistambhaśītakaiḥ ślaiṣmikīṃ viduḥ| sarvāsu ca mahacchūlaṃ vidradhīṣūpajāyate

an Gähnen, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Steifheit und Kälteschauern die Kapha-Vidradhī. In allen Arten der Vidradhī tritt zudem starker Schmerz auf.

śastrāstrairbhidyata iva colmukairiva dahyate| vidradhī vyamlatā yātā vṛścikairiva daśyate

Der Schmerz fühlt sich an, als werde man mit Waffen und Geschossen durchbohrt, als brenne man mit Feuerbränden; hat die Vidradhī einen stark übersäuerten, verschlimmerten Zustand erreicht, fühlt es sich an wie Skorpionstiche.

tanu rūkṣāruṇaṃ śyāvaṃ phenilaṃ vātavidradhī| tilamāṣakulatthodasannibhaṃ pittavidradhī

Bei der Vāta-Vidradhī ist das Sekret dünnflüssig, spröde, rötlich-dunkel gefärbt und schaumig; bei der Pitta-Vidradhī gleicht es dem Kochwasser von Sesam, schwarzen Bohnen (māṣa) oder Pferdebohnen (kulattha);

ślaiṣmikī sravati śvetaṃ picchilaṃ bahalaṃ bahu| lakṣaṇaṃ sarvamevaitadbhajate sānnipātikī

bei der Kapha-Vidradhī fließt reichlich weißes, schleimiges, dickflüssiges Sekret. Die durch alle drei Doṣas zugleich verursachte (sānnipātika) Vidradhī zeigt sämtliche dieser Merkmale gemeinsam.

athāsāṃ vidradhīnāṃ sādhyāsādhyatvaviśeṣajñānārthaṃ sthānakṛtaṃ liṅgaviśeṣamupadekṣyāmaḥ-tatra pradhānamarmajāyāṃ vidradhyāṃhṛddhaṭṭanatamakapramohakāsaśvāsāḥ, klomajāyāṃ pipāsāmukhaśoṣagalagrahāḥ, yakṛjjāyāṃ śvāsaḥ, plīhajāyāmucchvāsoparodhaḥ,kukṣijāyāṃ kukṣipārśvāntarāṃsaśūlaṃ, vṛkkajāyāṃ pṛṣṭhakaṭigrahaḥ, nābhijāyāṃ hikkā, vaṅkṣaṇajāyāṃ sakthisādaḥ, bastijāyāṃkṛcchrapūtimūtravarcasatvaṃ ceti

Um nun die Unterscheidung von heilbaren und unheilbaren Fällen dieser Vidradhīs zu erkennen, wollen wir die besonderen, je nach Sitz im Körper hervortretenden Zeichen lehren: Bei der Vidradhī am wichtigsten Lebenspunkt (dem Herzen) treten Herzklopfen, Pochen, Umnebelung der Sinne, Ohnmacht, Husten und Atemnot auf; bei der des Kloma Durst, Mundtrockenheit und Erstarrung des Halses; bei der der Leber Atemnot; bei der der Milz Behinderung des Ausatmens; bei der des Unterbauchs Schmerzen in Unterbauch, Flanke, Brust und Schulter; bei der der Niere Steifheit von Rücken und Hüfte; bei der des Nabels Schluckauf; bei der der Leiste Schwäche des Oberschenkels; und bei der der Blase schmerzhaftes, übelriechendes Wasserlassen und ebensolcher Stuhlgang.

pakvaprabhinnāsūrdhvajāsu mukhāt srāvaḥ sravati, adhojāsu gudāt, ubhayatastu nābhijāsu

Sind sie ausgereift und durchgebrochen, so fließt bei den oberhalb des Nabels gelegenen Vidradhīs das Sekret aus dem Mund, bei den unterhalb gelegenen aus dem After, bei der am Nabel gelegenen jedoch aus beiden Öffnungen.

āsāṃ hṛnnābhibastijāḥ paripakvāḥ sānnipātikī ca maraṇāya; śeṣāḥ punaḥ kuśalamāśupratikāriṇaṃcikitsakamāsādyopaśāmyanti| tasmādacirotthitāṃ vidradhīṃ śastrasarpavidyudagnitulyāṃ snehavirecanairāśvevopakramet sarvaśo gulmavacceti

Von diesen führen die am Herzen, am Nabel und an der Blase entstandenen, sobald sie voll ausgereift sind, sowie die sānnipātika-Vidradhī zum Tod; die übrigen dagegen klingen ab, wenn ein kundiger Arzt sie rasch behandelt. Deshalb sollte man eine frisch entstandene Vidradhī – die einer Waffe, einer Schlange, einem Blitz oder Feuer gleichkommt – unverzüglich mit Ölanwendungen (sneha) und Abführmitteln (virecana) angehen, ganz wie man bei einem Gulma (Bauchgeschwulst, abdominellem Tumorsyndrom) vorgeht.

bhavanti cātra- vinā pramehamapyetā jāyante duṣṭamedasaḥ| tāvaccaitā na lakṣyante yāvadvāstuparigrahaḥ

Und hierzu gibt es folgende Verse: Diese Geschwülste entstehen auch ohne Prameha (Harnwegsleiden) bei Menschen mit verdorbenem Medas; sie werden jedoch nicht bemerkt, solange sie noch keinen größeren Bereich eingenommen haben.

śarāvikā kacchapikā jālinī ceti duḥsahāḥ| jāyante tā hyatibalāḥ prabhūtaśleṣmamedasaḥ

Śarāvikā, Kacchapikā und Jālinī sind kaum erträglich; sie entstehen besonders heftig bei Menschen mit reichlich vorhandenem Kapha und Medas.

sarṣapī cālajī caiva vinatā vidradhī ca yāḥ| sādhyaḥ pittolbaṇāstāstu sambhavantyalpamedasaḥ

Sarṣapī, Alajī, Vinatā und Vidradhī hingegen sind heilbar; sie entstehen bei vorherrschendem Pitta und geringem Medas.

marmasvaṃse gude pāṇyoḥ stane sandhiṣu pādayoḥ| jāyante yasya piḍikāḥ sa pramehī na jīvati

Wer als Prameha-Kranker Geschwüre an den Lebenspunkten, an der Schulter, am After, an den Händen, an der Brust, an den Gelenken oder an den Füßen entwickelt, überlebt nicht.

tathā'nyāḥ piḍakāḥ santi raktapītāsitāruṇāḥ| pāṇḍurāḥ pāṇḍuvarṇāśca bhasmābhā mecakaprabhāḥ

Ebenso gibt es weitere Geschwüre: rote, gelbe, schwarze, rötlich-braune, weißliche, blasse, aschfarbene und graublau schimmernde.

mṛdvyaśca kaṭhināścānyāḥ sthūlāḥ sūkṣmāstathā'parāḥ| mandavegā mahāvegāḥ svalpaśūlā mahārujaḥ

Manche sind weich, andere hart; manche groß, andere klein; manche schreiten langsam voran, andere rasch; manche verursachen wenig, andere starken Schmerz.

tā buddhvā mārutādīnāṃ yathāsvairhetulakṣaṇaiḥ| brūyādupacareccāśu prāgupadravadarśanāt

Hat man diese anhand der jeweiligen Ursachen und Kennzeichen von Vāta usw. erkannt, so soll man die Diagnose stellen und rasch behandeln, noch bevor sich Komplikationen zeigen.

tṛṭśvāsamāṃsasaṅkothamohahikkāmadajvarāḥ| vīsarpamarmasaṃrodhāḥ piḍakānāmupadravāḥ

Durst, Atemnot, Fäulnis des Fleisches, Bewusstseinstrübung, Schluckauf, Benommenheit, Fieber, Visarpa (eine sich ausbreitende Hautentzündung) und Verschluss der Lebenspunkte sind die Komplikationen der Geschwüre.

kṣayaḥ sthānaṃ ca vṛddhiśca doṣāṇāṃ trividhā gatiḥ| ūrdhvaṃ cādhaśca tiryakca vijñeyā trividhā'parā

Abnahme, Verharren und Zunahme – das ist der eine, dreifache Verlauf der Doṣas. Aufwärts-, Abwärts- und Querbewegung soll als ein weiterer, ebenfalls dreifacher Verlauf verstanden werden.

trividhā cāparā koṣṭhaśākhāmarmāsthisandhiṣu| ityuktā vidhibhedena doṣāṇāṃ trividhā gatiḥ

Und ein dritter, ebenfalls dreifacher Verlauf betrifft den Koṣṭha (den Rumpf bzw. Verdauungstrakt), die Śākhās (die Gliedmaßen) und die Lebenspunkte, Knochen und Gelenke zusammen. So wurde der dreifache Verlauf der Doṣas nach seinen verschiedenen Einteilungen dargestellt.

cayaprakopapraśamāḥ pittādīnāṃ yathākramam| bhavantyekaikaśaḥ ṣaṭsu kāleṣvabhrāgamādiṣu

Anhäufung, Erregung und Beruhigung von Pitta usw. treten der Reihe nach, jeweils einzeln, in den sechs Jahreszeiten ein, beginnend mit der Regenzeit.

gatiḥ kālakṛtā caiṣā cayādyā punarucyate gatiśca dvividhā dṛṣṭā prākṛtī vaikṛtī ca yā

Dieser durch die Jahreszeit bedingte Verlauf, bestehend aus Anhäufung usw., wurde damit noch einmal dargelegt. Der Verlauf der Doṣas erweist sich zudem als zweifach: als natürlich (prākṛta) und als krankhaft verändert (vaikṛta).

pittādevoṣmaṇaḥ paktirnarāṇāmupajāyate| tacca pittaṃ prakupitaṃ vikārān kurute bahūn

Von Pitta, das Wärme(-energie) ist, hängt bei den Menschen die Verdauung ab; wird dieses Pitta jedoch erregt, verursacht es zahlreiche Krankheiten.

prākṛtastu balaṃ śleṣmā vikṛto mala ucyate| sa caivaujaḥ smṛtaḥ kāye sa ca pāpmopadiśyate

Kapha in seinem natürlichen Zustand wird als Kraft bezeichnet, in seinem gestörten Zustand als Mala. In seinem natürlichen Zustand gilt er im Körper zugleich als Ojas, in seinem gestörten Zustand hingegen wird er als das Schädliche (pāpman) bezeichnet.

sarvā hi ceṣṭā vātena sa prāṇaḥ prāṇīnāṃ smṛtaḥ| tenaiva rogā jāyante tena caivoparudhyate

Alle Bewegung und Tätigkeit des Körpers geschieht durch Vāta; er gilt als der Prāṇa der Lebewesen. Durch ihn allein entstehen Krankheiten, und durch ihn allein wird das Leben auch beendet.

nityaṃ sannihitāmitraṃ samīkṣyātmānamātmavān| nityaṃ yuktaḥ paricaredicchannāyuranitvaram

Wer sich stets bewusst ist, dass ihm gleichsam beständig ein Feind nahesteht, der soll, selbstbeherrscht und stets diszipliniert, für sich Sorge tragen, wenn er ein langes, nicht vorzeitig endendes Leben wünscht.

śirorogāḥ sahṛdrogā rogā mānavikalpajāḥ| kṣayāḥ sapiḍakāścoktā doṣāṇāṃ gatireva ca

Kopfkrankheiten samt Herzkrankheiten, aus der Verschiedenheit der Doṣas entstehende Krankheiten, die Erschöpfungszustände samt den Geschwüren sowie der Verlauf der Doṣas – all dies wurde dargelegt.

kiyantaḥśirasīye'sminnadhyāye tattvadarśinā| jñānārthaṃ bhiṣajāṃ caiva prajānāṃ ca hitaiṣiṇā

In diesem Kapitel „Kiyantaḥśirasīya“ wurde dies von dem die Wahrheit Schauenden, zum Zwecke des Wissens für die Ärzte und aus dem Wunsch nach dem Wohl der Geschöpfe, dargelegt.

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