Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 16: Chikitsaprabhritiya Grundlagen der Heilbehandlung

Das sechzehnte Kapitel trägt den Titel „Cikitsāprābhṛtīya“, „über die Grundlagen der Heilbehandlung“, und liefert nach den praktischen Anleitungen der vorangegangenen Kapitel dessen theoretisches Fundament: Es beschreibt die Zeichen richtiger, unzureichender und übermäßiger Ausleerung, benennt die daraus resultierenden Komplikationen samt Gegenmaßnahmen und mündet in eine grundsätzliche Reflexion über Wesen und Zweck der Therapie (cikitsā) selbst. In einem philosophisch dichten Dialog zwischen Agniveśa und Ātreya wird die Frage erörtert, warum Krankheiten überhaupt behandelt werden müssen, wenn Entstehen und Vergehen der Körpergewebe (dhātu) letztlich naturgesetzlich verlaufen – die Antwort verortet ärztliches Handeln als aktives Wiederherstellen des dhātu-Gleichgewichts und rückt den Arzt damit in die Nähe eines Vermittlers von dharma, artha und kāma. Botanische oder substanzbezogene Aspekte treten hinter dieser grundsätzlichen Therapietheorie zurück; das Kapitel bildet vielmehr den philosophischen Schlussstein der bisherigen Pañcakarma-Kapitel.

ZEICHEN VON UNTER-, RICHTIGER UND ÜBERMÄSSIGER AUSLEERUNG (Vers 5–11)
KategorieKennzeichen
Richtige WirkungSchwächegefühl, Leichtigkeit, Erschöpfung, Abklingen der Krankheiten, wiederkehrender Appetit, Reinheit von Herzbereich und Hautfarbe, natürlicher Hunger und Durst, rechtzeitige Körperdränge, Klarheit von Verstand, Sinnen und Geist, normal fließendes vāta, wiederhergestelltes Verdauungsfeuer
Unterwirkung (unvollständige Reinigung)Vermehrtes Speicheln, Unreinheit im Herzbereich, Erregung von kapha und pitta, Blähungen, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Schwäche, Schwere in Waden und Oberschenkeln, Benommenheit, Klebrigkeitsgefühl, Schnupfen, Blockade des vāta
Überdosierung (atiyoga)Nach Kot, Pitta, Kapha und vāta zusätzlich blutiger, fett- oder wasserartiger Ausfluss; wässriges Sekret oder schwarzes Blut, Durst, vāta-Qual, Ohnmacht; beim Erbrechen zudem aufsteigende vāta-Erkrankungen und Sprachstörung

athātaścikitsāprābhṛtīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun werden wir das Kapitel „Cikitsāprābhṛtīya“ (Über die Grundlagen der Heilbehandlung) erklären.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya:

cikitsāprābhṛto dhīmān śāstravān karmatatparaḥ| naraṃ virecayati yaṃ sa yogāt sukhamaśnute

Der kluge, in der Lehre bewanderte und der praktischen Ausführung ergebene Kenner der Grundlagen der Heilbehandlung (cikitsāprābhṛta) – wen er (durch Abführmittel) reinigt (virecayati), der erlangt durch die richtige Anwendung (yoga) Wohlbefinden.

yaṃ vaidyamānī tvabudho virecayati mānavam| so'tiyogādayogācca mānavo duḥkhamaśnute

Wen aber ein sich nur für einen Arzt haltender Unwissender abführt, jener Mensch erleidet durch Über- oder Unterdosierung Leid.

daurbalyaṃ lāghavaṃ glānirvyādhīnāmaṇutā ruciḥ| hṛdvarṇaśuddhiḥ kṣuttṛṣṇā kāle vegapravartanam

Schwächegefühl, Leichtigkeit (des Körpers), Erschöpfung, Abklingen der Krankheiten, wiederkehrender Appetit, Reinheit von Herzbereich und Hautfarbe, (natürlicher) Hunger und Durst, rechtzeitiges Eintreten der Körperdränge –

buddhīndriyamanaḥśuddhirmārutasyānulomatā| samyagviriktaliṅgāni kāyāgneścānuvartanam

Klarheit von Verstand, Sinnesorganen und Geist, ein in normale Richtung fließendes vāta (Wind-doṣa), sowie die Wiederherstellung des Körperfeuers (kāyāgni, Verdauungsfeuer) – dies sind die Zeichen einer richtig durchgeführten Ausleerung.

ṣṭhīvanaṃ hṛdayāśuddhirutkleśaḥ śleṣmapittayoḥ| ādhmānamaruciśchardiradaurbalyamalāghavam

Vermehrtes Speicheln, Unreinheit im Herzbereich, Erregung von śleṣma (Kapha) und Pitta, Blähungen, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Schwäche, fehlende Leichtigkeit,

jaṅghorusadanaṃ tandrā staimityaṃ pīnasāgamaḥ| lakṣaṇānyaviriktānāṃ mārutasya ca nigrahaḥ

Schwere in Waden und Oberschenkeln, Benommenheit, ein Gefühl von Klebrigkeit, das Aufkommen von Schnupfen (pīnasa) – dies sind die Zeichen bei unvollständig Gereinigten, ebenso eine Blockade des vāta.

viṭpittakaphavātānāmāgatānāṃ yathākramam| paraṃ sravati yadraktaṃ medomāṃsodakopamam

Wenn nach dem Abgang von Kot, Pitta, Kapha und vāta der Reihe nach danach noch Blut abgeht, das in seiner Beschaffenheit Fett, Fleischsaft oder Wasser gleicht,

niḥśleṣmapittamudakaṃ śoṇitaṃ kṛṣṇameva vā| tṛṣyato mārutārtasya so'tiyogaḥ pramuhyataḥ

wenn wässriges Sekret ohne Kapha und Pitta oder schwarzes Blut abgeht, und der Betroffene unter Durst leidet, von vāta gequält ist und in Ohnmacht fällt – das ist Überdosierung (atiyoga).

vamane'tikṛte liṅgānyetānyeva bhavanti hi| ūrdhvagā vātarogāśca vāggrahaścādhiko bhavet

Bei übermäßig durchgeführtem Erbrechen (vamana) treten eben diese Zeichen auf; zudem entstehen nach oben gerichtete vāta-Erkrankungen, und es kann zu verstärkter Sprachstörung kommen.

cikitsāprābhṛtaṃ tasmādupeyāccharaṇaṃ naraḥ| yuñjyād ya enamatyantamāyuṣā ca sukhena ca

Deshalb soll der Mensch bei den Grundlagen der Heilbehandlung Zuflucht suchen; wer sie richtig anwendet, verbindet sich dauerhaft mit langem Leben (āyus) und Wohlbefinden.

avipāko'ruciḥ sthaulyaṃ pāṇḍutā gauravaṃ klamaḥ| piḍakākoṭhakaṇḍūnāṃ sambhavo'ratireva ca

Unverdautheit der Nahrung, Appetitlosigkeit, Fettleibigkeit, Blässe, Schweregefühl, Erschöpfung, das Entstehen von Pusteln, Hautausschlägen (koṭha) und Juckreiz sowie Unbehagen –

ālasyaśramadaurbalyaṃ daurgandhyamavasādakaḥ| śleṣmapittasamutkleśo nidrānāśo'tinidratā

Trägheit, rasche Ermüdung, Schwäche, üblen Körpergeruch, Niedergeschlagenheit, gemeinsame Erregung von Kapha und Pitta, Schlaflosigkeit oder übermäßige Schläfrigkeit,

tandrā klaibyamabuddhitvamaśastasvapnadarśanam| balavarṇapraṇāśaśca tṛpyato bṛṃhaṇairapi

Benommenheit, Impotenz, Trübung des Verstandes, ungünstige Traumbilder sowie den Verlust von Kraft und Hautfarbe, obwohl man mit kräftigenden Mitteln (bṛṃhaṇa) gesättigt wird –

bahudoṣasya liṅgāni tasmai saṃśodhanaṃ hitam| ūrdhvaṃ caivānulomaṃ ca yathādoṣaṃ yathābalam

dies sind die Zeichen eines Übermaßes an doṣa; für einen solchen Patienten ist die gründliche Ausleerung (saṃśodhana) heilsam – sowohl nach oben (durch Erbrechen) als auch in normaler Richtung (durch Abführen), je nach doṣa und je nach Kraft des Patienten.

evaṃ viśuddhakoṣṭhasya kāyāgnirabhivardhate| vyādhayaścopaśāmyanti prakṛtiścānuvartate

So nimmt bei einem, dessen Verdauungstrakt (koṣṭha) gründlich gereinigt ist, das Körperfeuer zu, die Krankheiten kommen zur Ruhe, und die natürliche Konstitution (prakṛti) stellt sich wieder ein.

indriyāṇi manobuddhirvarṇaścāsya prasīdati| balaṃ puṣṭirapatyaṃ ca vṛṣatā cāsya jāyate

Seine Sinnesorgane, Geist und Verstand sowie seine Hautfarbe werden klar und rein; Kraft, Nahrhaftigkeit, Nachkommenschaft und Zeugungsfähigkeit entstehen bei ihm.

jarāṃ kṛcchreṇa labhate ciraṃ jīvatyanāmayaḥ| tasmāt saṃśodhanaṃ kāle yuktiyuktaṃ pibennaraḥ

Er erreicht das Greisenalter nur spät, lebt lange und bleibt krankheitsfrei. Deshalb soll der Mensch zur rechten Zeit eine methodisch angemessene Ausleerungstherapie einnehmen.

doṣāḥ kadācit kupyanti jitā laṅghanapācanaiḥ| jitāḥ saṃśodhanairye tu na teṣāṃ punarudbhavaḥ

doṣas, die nur durch Fasten (laṅghana) und verdauungsfördernde Mittel (pācana) bezwungen wurden, geraten manchmal wieder in Unordnung; die aber durch gründliche Ausleerung bezwungen wurden, kehren nicht wieder.

doṣāṇāṃ ca drumāṇāṃ ca mūle'nupahate sati| rogāṇāṃ prasavānāṃ ca gatānāmāgatirdhruvā

Solange die Wurzel der doṣas – wie die Wurzel von Bäumen – nicht zerstört ist, kehren Krankheiten, wie neue Triebe bei Bäumen, auch nach ihrem Verschwinden mit Sicherheit wieder.

bheṣajakṣapite pathyamāhāraireva bṛṃhaṇam| ghṛtamāṃsarasakṣīrahṛdyayūṣopasaṃhitaiḥ

Ist der Körper durch die Arznei geschwächt, soll man ihn allein mit zuträglicher, kräftigender Nahrung wieder aufbauen (bṛṃhaṇa), begleitet von Ghee, Fleischbrühe, Milch und wohltuenden Suppen (yūṣa),

abhyaṅgotsādanaiḥ snānairnirūhaiḥ sānuvāsanaiḥ| tathā sa labhate śarma yujyate cāyuṣā ciram

sowie mit Ölmassagen (abhyaṅga), Einreibungen, Bädern und Niruha- wie Anuvāsana-Klistieren (Heileinläufen). So erlangt er Wohlergehen und ist noch lange mit einem langen Leben verbunden.

atiyogānubaddhānāṃ sarpiḥpānaṃ praśasyate| tailaṃ madhurakaiḥ siddhamathavā'pyanuvāsanam

Für diejenigen, die unter den Folgen einer Überdosierung leiden, wird das Trinken von Ghee empfohlen, oder Öl, das mit süßen Mitteln zubereitet wurde, oder auch ein Anuvāsana-Klistier.

yasya tvayogastaṃ snigdhaṃ punaḥ saṃśodhayennaram| mātrākālabalāpekṣī smaran pūrvamanukramam

Wer aber unter Unterdosierung (ayoga) leidet, den soll man, nachdem man ihn zuvor geölt hat, erneut reinigen – unter Berücksichtigung von Dosis, Zeit und Kraft, und indem man sich der zuvor beschriebenen Reihenfolge der Vorbehandlung erinnert.

snehane svedane śuddhau rogāḥ saṃsarjane ca ye| jāyante'mārgavihite teṣāṃ siddhiṣu sādhanam

Krankheiten, die bei Ölung (snehana), Schwitztherapie (svedana), Ausleerung und Nachbehandlung/Diätaufbau (saṃsarjana) entstehen, weil diese nicht auf dem rechten Weg durchgeführt wurden, werden durch das gelungene, korrekte Durchführen eben dieser Maßnahmen behoben.

jāyante hetuvaiṣamyādviṣamā dehadhātavaḥ| hetusāmyāt samāsteṣāṃ svabhāvoparamaḥ sadā

Durch Ungleichgewicht der Ursachen geraten die Körpergewebe (dhātu) in Ungleichgewicht; durch Gleichgewicht der Ursachen sind sie ausgeglichen – ihr natürliches Zur-Ruhe-Kommen geschieht stets nach diesem Prinzip.

pravṛttiheturbhāvānāṃ na nirodhe'sti kāraṇam| kecittatrāpi manyante hetuṃ hetoravartanam

Für das Entstehen der Dinge gibt es eine Ursache, für ihr Vergehen aber gibt es keine (eigene) Ursache; manche jedoch meinen, auch hierbei sei das Ausbleiben der (entstehungs-)Ursache die Ursache (des Vergehens).

evamuktārthamācāryamagniveśo'bhyabhāṣata| svabhāvoparame karma cikitsāprābhṛtasya kim

Nachdem so gesprochen worden war, wandte sich der Schüler Agniveśa an den Lehrer: Wenn die Dinge doch von Natur aus von selbst zur Ruhe kommen, welche Aufgabe hat dann die Cikitsāprābhṛta (Grundlagentherapie)?

bheṣajairviṣamān dhātūn kān samīkurute bhiṣak| kā vā cikitsā bhagavan! kimarthaṃ vā prayujyate

Welche in Ungleichgewicht geratenen dhātus gleicht der Arzt (bhiṣaj) denn durch Arzneien überhaupt aus? Und was, o Erhabener, ist eigentlich Therapie (cikitsā), und wozu wird sie angewandt?

tacchiṣyavacanaṃ śrutvā vyājahāra punarvasuḥ| śrūyatāmatra yā somya! yuktirdṛṣṭā maharṣibhiḥ

Nachdem er diese Worte des Schülers gehört hatte, sprach Punarvasu (Ātreya): Höre, mein Lieber, welche Erklärung hierzu von den großen Weisen erkannt wurde.

na nāśakāraṇābhāvādbhāvānāṃ nāśakāraṇam| jñāyate nityagasyeva kālasyātyayakāraṇam

Nicht deshalb, weil man keine (eigene, gesondert wahrnehmbare) Ursache für das Vergehen der Dinge kennt, gibt es keine Ursache des Vergehens – ebenso wie man die Ursache für das Vergehen der stets fortwirkenden Zeit selbst nicht (unmittelbar) erkennt.

śīghragatvādyathā bhūtastathā bhāvo vipadyate nirodhe kāraṇaṃ tasya nāsti naivānyathākriyā

So wie ein Entstandenes aufgrund seiner (unmerklichen) Schnelligkeit des Wandels vergeht, so vergeht auch jedes Ding; für sein Aufhören gibt es keine eigene (gesondert wirkende) Ursache, und es ist auch kein anderer Vorgang als das Entstehen selbst.

yābhiḥ kriyābhirjāyante śarīre dhātavaḥ samāḥ| sā cikitsā vikārāṇāṃ karma tadbhiṣajāṃ smṛtam

Diejenigen Maßnahmen, durch die die dhātus im Körper wieder ins Gleichgewicht gebracht werden, das ist die Therapie der Krankheiten (vikāra); dies gilt als die eigentliche Aufgabe der Ärzte.

kathaṃ śarīre dhātūnāṃ vaiṣamyaṃ na bhavediti| samānāṃ cānubandhaḥ syādityarthaṃ kriyate kriyā

Damit im Körper kein Ungleichgewicht der dhātus entsteht und damit deren Gleichgewicht fortbestehe – zu diesem Zweck wird die therapeutische Maßnahme durchgeführt.

tyāgādviṣamahetūnāṃ samānāṃ copasevanāt| viṣamā nānubadhnanti jāyante dhātavaḥ samāḥ

Durch das Meiden der Ursachen des Ungleichgewichts und durch das Pflegen dessen, was Gleichgewicht fördert, entsteht kein fortwährendes Ungleichgewicht mehr – die dhātus werden ausgeglichen.

samaistu hetubhiryasmāddhātūn sañjanayet samān| cikitsāprābhṛtastasmāddātā dehasukhāyuṣām

Weil der Arzt durch ausgleichende Ursachen die dhātus ins Gleichgewicht bringt, ist die Cikitsāprābhṛta (die Grundlagentherapie) eben deshalb die Geberin von Körper, Wohlbefinden und langem Leben.

dharmasyārthasya kāmasya nṛlokasyobhayasya ca| dātā sampadyate vaidyo dānāddehasukhāyuṣām

Indem er Körper, Wohlbefinden und langes Leben schenkt, wird der Arzt zum Geber von dharma (Pflicht/Tugend), artha (Wohlstand) und kāma (Lebensfreude) für die Menschenwelt – ja für beide Welten zugleich.

tatra ślokāḥ- cikitsāprābhṛtaguṇo doṣo yaścetarāśrayaḥ| yogāyogātiyogānāṃ lakṣaṇaṃ śuddhisaṃśrayam

Dazu die Zusammenfassungsverse: Der Nutzen der Cikitsāprābhṛta, der doṣa, der auch anderen Leiden zugrunde liegt, die Zeichen von richtiger Anwendung, Unterdosierung und Überdosierung, die sich auf die Ausleerung beziehen,

bahudoṣasya liṅgāni saṃśodhanaguṇāśca ye| cikitsāsūtramātraṃ ca siddhivyāpattisaṃśrayam

die Zeichen eines Doṣa-Übermaßes, die Vorzüge der Ausleerungstherapie sowie der bloße Leitfaden der Therapie hinsichtlich Gelingen und Misslingen,

yā ca yuktiścikitsāyāṃ yaṃ cārthaṃ kurute bhiṣak| cikitsāprābhṛte'dhyāye tat sarvamavadanmuniḥ

und die (philosophische) Begründung der Therapie sowie der Zweck, den der Arzt damit verfolgt – all dies hat der Weise (muni) im Kapitel Cikitsāprābhṛtīya dargelegt.

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