Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 11: Tistraishaniya Die drei Verlangen des Menschen

Das elfte Kapitel des Sūtrasthāna trägt seinen Namen nach den drei „Verlangen“ (tisra eṣaṇā) – nach Leben, Reichtum und der jenseitigen Welt –, die es als ethisch-existenzielle Grundhaltung des Menschen entfaltet und dabei die klassische Ayurveda-Erkenntnistheorie mit ihren vier pramāṇas (Autorität, Wahrnehmung, Schlussfolgerung, Beweisführung) sowie eine Verteidigung der Wiedergeburtslehre gegen materialistische Einwände einschließt. Medizinisch grundlegend ist die hier erstmals systematisch dargelegte Ätiologie: die dreifache Krankheitsursache aus Sinnesfehlgebrauch, Verstandesfehler (prajñāparādha) und zeitlichem Wandel, ergänzt durch die Typologie der drei Ärzte und der drei Heilmittelarten – vom Zauberspruch bis zur rationalen, vernunftgestützten Therapie. Das Kapitel hat damit eher programmatischen als botanischen Charakter: Es liefert das begriffliche Fundament, auf dem die folgenden praktischen Kapitel zu Ölung, Schwitzen und Reinigung aufbauen, und positioniert die Heilkunde von Beginn an als Teil einer umfassenden Lebensethik.

DIE DREI KRANKHEITSWEGE (ROGAMĀRGA) (Vers 48–49)
WegSitzBeispielkrankheiten
äußerer Weg – śākhā (Peripherie)Blut, übrige dhātus, HautBeulen, Pusteln, Skrofulose, Halslymphknotenschwellung, Hautkrankheiten, Warzen, Wildfleisch, Muttermale, Kuṣṭha, Vyaṅga; in schwererer Form: Visarpa, Śvayathu, Gulma, Arśas, Vidradhi
mittlerer Weg – marman und KnochengelenkeBlase, Herz, Kopf, KnochenverbindungenHalbseitenlähmung, Ergriffensein von bhūtas, Krampfanfälle, Gesichtslähmung, Auszehrung, Schwindsucht, Gelenk- und Knochenschmerzen, Mastdarmvorfall
innerer Weg – koṣṭha (Rumpf)āmāśaya, pakvāśayaFieber, Durchfall, Erbrechen, Alasaka, Cholera, Husten, Atemnot, Schluckauf, Verstopfung, Bauchwassersucht, Milzleiden; innere Formen von Visarpa, Śvayathu, Gulma, Arśas, Vidradhi

athātastisraiṣaṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das Kapitel über die drei Verlangen (tisraiṣaṇīya) erläutern.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der ehrwürdige Ātreya:

iha khalu puruṣeṇānupahatasattvabuddhipauruṣaparākrameṇa hitamiha cāmuṣmiṃśca loke samanupaśyatā tisra eṣaṇāḥ paryeṣṭavyā bhavanti| tadyathā- prāṇaiṣaṇā, dhanaiṣaṇā, paralokaiṣaṇeti

Ein Mensch, dessen sattva (Gemütskraft), buddhi (Verstand) und Tatkraft (pauruṣa) unversehrt sind und der klar erkennt, was in dieser und in jener Welt heilsam ist, muss drei eṣaṇās (Verlangen) verfolgen, nämlich: das Verlangen nach Leben (prāṇaiṣaṇā), das Verlangen nach Reichtum (dhanaiṣaṇā) und das Verlangen nach der jenseitigen Welt (paralokaiṣaṇā).

āsāṃ tu khalveṣaṇānāṃ prāṇaiṣaṇāṃ tāvat pūrvataramāpadyeta| kasmāt? prāṇaparityāge hi sarvatyāgaḥ| tasyānupālanaṃ- svasthasya svasthavṛttānuvṛttiḥ, āturasya vikārapraśamane'pramādaḥ,tadubhayametaduktaṃ vakṣyate ca;tadyathoktamanuvartamānaḥ prāṇānupālanāddīrghamāyuravāpnotīti prathamaiṣaṇā vyākhyātā bhavati

Von diesen Verlangen sollte man zunächst das Verlangen nach Leben ergreifen. Warum? Weil mit der Aufgabe des Lebens alles aufgegeben wird. Seine Bewahrung besteht darin: für den Gesunden im Befolgen der Lebensweise des Gesunden, für den Kranken in der Unachtsamkeitslosigkeit bei der Beruhigung der Krankheit (vikāra) – beides wurde bereits gesagt und wird noch dargelegt werden. Wer so verfährt, wie gelehrt wurde, erlangt durch die Bewahrung des Lebens ein langes Leben. Damit ist das erste Verlangen erklärt.

atha dvitīyāṃ dhanaiṣaṇāmāpadyeta, prāṇebhyo hyanantaraṃ dhanameva paryeṣṭavyaṃ bhavati ; na hyataḥ pāpāt pāpīyo'stiyadanupakaraṇasya dīrghamāyuḥ, tasmādupakaraṇāni paryeṣṭuṃ yateta| tatropakaraṇopāyānanuvyākhyāsyāmaḥ; tadyathā kṛṣipāśupālyavāṇijyarājopasevādīni, yāni cānyānyapi satāmavigarhitāni karmāṇi vṛttipuṣṭikarāṇi vidyāttānyārabheta kartuṃ; tathā kurvan dīrghajīvitaṃ jīvatyanavamataḥ puruṣo bhavati | iti dvitīyā dhanaiṣaṇā vyākhyātā bhavati

Danach sollte man das zweite ergreifen, das Verlangen nach Reichtum; denn unmittelbar nach dem Leben ist Reichtum zu erstreben. Es gibt nämlich kein größeres Übel, als dass einem, dem die Mittel zum Leben (upakaraṇa) fehlen, ein langes Leben zuteilwird. Deshalb soll man sich bemühen, diese Mittel zu erwerben. Wir wollen nun die Wege dazu erläutern: dazu gehören Ackerbau, Viehzucht, Handel, Dienst am König und dergleichen; und was es sonst noch an Tätigkeiten gibt, die von den Guten nicht getadelt werden und den Lebensunterhalt fördern, die soll man zu ergreifen wissen. Wer so handelt, lebt ein langes Leben und wird von niemandem verachtet. Damit ist das zweite Verlangen, nach Reichtum, erklärt.

atha tṛtīyāṃ paralokaiṣaṇāmāpadyeta| saṃśayaścātra, kathaṃ? bhaviṣyāma itaścyutā na veti; kutaḥ punaḥ saṃśaya iti, ucyate- santi hyeke pratyakṣaparāḥ parokṣatvāt punarbhavasyanāstikyamāśritāḥ, santi cāgamapratyayādeva punarbhavamicchanti; śrutibhedācca- 'mātaraṃ pitaraṃ caike manyante janmakāraṇam | svabhāvaṃ paranirmāṇaṃ yadṛcchāṃ cāpare janāḥ' || iti | ataḥ saṃśayaḥ- kiṃ nu khalvasti punarbhavo na veti

Danach sollte man das dritte ergreifen, das Verlangen nach der jenseitigen Welt. Hierbei besteht ein Zweifel: Werden wir, nachdem wir von hier geschieden sind, wieder sein oder nicht? Woher rührt dieser Zweifel? Es wird gesagt: Es gibt manche, die nur das unmittelbar Wahrnehmbare (pratyakṣa) gelten lassen und, weil die Wiedergeburt (punarbhava) nicht unmittelbar wahrnehmbar ist, sich der Leugnung (nāstikya) zuneigen; und es gibt andere, die allein aufgrund des Vertrauens auf die Überlieferung (āgama) an die Wiedergeburt glauben. Und weil auch die Überlieferungen (śruti) selbst uneins sind – 'die einen halten Mutter und Vater für die Ursache der Geburt, andere die Eigennatur (svabhāva), die Erschaffung durch einen anderen (paranirmāṇa) oder den bloßen Zufall (yadṛcchā)' –, entsteht eben deshalb der Zweifel: Gibt es nun eine Wiedergeburt oder nicht?

tatra buddhimānnāstikyabuddhiṃ jahyādvicikitsāṃ ca| kasmāt? pratyakṣaṃ hyalpam; analpamapratyakṣamasti, yadāgamānumānayuktibhirupalabhyate; yaireva tāvadindriyaiḥ pratyakṣamupalabhyate,tānyeva santi cāpratyakṣāṇi

Hierbei sollte der Verständige die Haltung der Leugnung (nāstikya) und den Zweifel aufgeben. Warum? Weil das unmittelbar Wahrnehmbare gering ist; nicht gering hingegen ist das nicht unmittelbar Wahrnehmbare, das durch Überlieferung (āgama), Schlussfolgerung (anumāna) und Beweisführung (yukti) erfasst wird. Denn eben jene Sinnesorgane (indriya), durch die das Wahrnehmbare erfasst wird, sind selbst mitunter nicht wahrnehmbar.

satāṃ ca rūpāṇāmatisannikarṣādativiprakarṣādāvaraṇāt karaṇadaurbalyānmano| navasthānāt samānābhihārādabhibhavādatisaukṣmyāccapratyakṣānupalabdhiḥ; tasmādaparīkṣitametaducyate- pratyakṣamevāsti, nānyadastīti

Und selbst bei vorhandenen Formen (rūpa) kommt es zur Nichtwahrnehmung durch zu große Nähe, zu große Entfernung, Verdeckung, Schwäche des Sinnesorgans, Abwesenheit des manas (Denksinns), Vermischung mit Gleichartigem, Überdeckung durch Stärkeres oder allzu große Feinheit. Deshalb ist die Behauptung, dass nur das unmittelbar Wahrnehmbare existiere und nichts anderes, unbedacht.

śrutayaścaitā na kāraṇaṃ, yuktivirodhāt| ātmā mātuḥ piturvā yaḥ so'patyaṃ yadi sañcaret| dvividhaṃ sañcaredātmā sarvovā'vayavena vā

Und diese Überlieferungen sind kein gültiger Beweisgrund, weil sie der Beweisführung (yukti) widersprechen. Wenn der ātman (die Seele) der Mutter oder des Vaters in das Kind überginge, könnte der ātman auf zweierlei Weise übergehen: entweder ganz oder nur in einem Teil.

sarvaścet sañcarenmātuḥ piturvā maraṇaṃ bhavet| nirantaraṃ, nāvayavaḥ kaścitsūkṣmasya cātmanaḥ

Ginge er ganz über, so müsste unmittelbar der Tod von Mutter oder Vater eintreten; einen Teil aber hat der ātman nicht, da er fein (sūkṣma) ist.

buddhirmanaśca nirṇīte yathaivātmā tathaiva te| yeṣāṃ caiṣā matisteṣāṃ yonirnāsti caturvidhā

Buddhi (Verstand) und manas (Denksinn) sind ebenso beschaffen wie der ātman selbst, wie erwiesen ist. Für diejenigen, die diese Ansicht [von einem übergehenden ātman] vertreten, gibt es demnach die vierfache Art der Geburt (yoni) nicht mehr.

vidyāt svābhāvikaṃ ṣaṇṇāṃ dhātūnāṃ yat svalakṣaṇam| saṃyoge ca viyoge ca teṣāṃ karmaiva kāraṇam

Man soll wissen: Das Eigenmerkmal (svalakṣaṇa) der sechs dhātus (Grundelemente) ist naturgegeben (svābhāvika); für ihre Verbindung und Trennung ist allein das karma (die Tat) die Ursache.

anādeścetanādhātorneṣyate paranirmitiḥ| para ātmā sa ceddheturiṣṭo'stu paranirmitiḥ

Für den anfanglosen bewussten dhātu (cetanādhātu, die geistige Substanz) wird eine Erschaffung durch einen anderen (paranirmiti) nicht angenommen. Wäre freilich dieser 'andere' selbst der ātman und als Ursache anerkannt, so mag die 'Erschaffung durch einen anderen' gelten.

na parīkṣā na parīkṣyaṃ na kartā kāraṇaṃ na ca| na devā narṣayaḥ siddhāḥ karma karmaphalaṃ na ca

[Für den Leugner gibt es dann] weder Prüfung (parīkṣā) noch zu Prüfendes, weder Handelnden noch Ursache, weder Götter noch Weise (ṛṣi) noch Vollendete (siddha), weder Tat (karma) noch Tatfrucht (karmaphala).

nāstikasyāsti naivātmā yadṛcchopahatātmanaḥ| pātakebhyaḥ paraṃ caitat pātakaṃ nāstikagrahaḥ

Für den Leugner (nāstika), dessen Geist vom bloßen Zufall heimgesucht ist, existiert nicht einmal der ātman. Und diese Verhaftung an die Leugnung ist schlimmer als alle Verfehlungen (pātaka), die schlimmste Sünde überhaupt.

tasmānmatiṃ vimucyaitāmamārgaprasṛtāṃ budhaḥ| satāṃ buddhipradīpena paśyetsarvaṃ yathātatham

Deshalb soll der Weise diese auf Irrwege geratene Ansicht aufgeben und mit dem Licht der Erkenntnis der Guten alles betrachten, wie es wirklich ist.

dvividhameva khalu sarvaṃ saccāsacca; tasya caturvidhā parīkṣā- āptopadeśaḥ, pratyakṣam, anumānaṃ, yuktiśceti

Alles ist nämlich zweifach: Seiendes (sat) und Nicht-Seiendes (asat). Die Prüfung (parīkṣā) davon ist vierfach: die Belehrung durch Verlässliche (āptopadeśa), unmittelbare Wahrnehmung (pratyakṣa), Schlussfolgerung (anumāna) und Beweisführung (yukti).

āptāstāvat- rajastamobhyāṃ nirmuktāstapojñānabalena ye| yeṣāṃ trikālamamalaṃ jñānamavyāhataṃ sadā

Āptas (Verlässliche, Autoritäten) sind zunächst diejenigen, die durch die Kraft von tapas (Askese) und Wissen von rajas und tamas befreit sind, deren Erkenntnis in Bezug auf die drei Zeiten stets makellos und ungehindert ist.

āptāḥ śiṣṭā vibuddhāste teṣāṃ vākyamasaṃśayam| satyaṃ, vakṣyanti te kasmādasatyaṃ nīrajastamāḥ

Diese Āptas sind gebildet und erwacht (vibuddha); ihr Wort ist zweifellos wahr. Warum sollten sie, die frei von rajas und tamas sind, Unwahres sagen?

ātmendriyamanorthānāṃ sannikarṣāt pravartate| vyaktā tadātve yā buddhiḥ pratyakṣaṃ sa nirucyate

Aus dem Zusammentreffen von ātman, Sinnesorgan (indriya), Denksinn (manas) und Objekt (artha) entsteht eine im jeweiligen Augenblick deutliche Erkenntnis; diese nennt man unmittelbare Wahrnehmung (pratyakṣa).

pratyakṣapūrvaṃ trividhaṃ trikālaṃ cānumīyate| vahnirnigūḍho dhūmena maithunaṃ garbhadarśanāt

Auf der Wahrnehmung aufbauend wird Dreierlei, bezogen auf die drei Zeiten, erschlossen (anumāna): verborgenes Feuer am Rauch, vollzogener Geschlechtsverkehr am Anblick des Embryos (garbha).

evaṃ vyavasyantyatītaṃ bījāt phalamanāgatam| dṛṣṭvā bījāt phalaṃ jātamihaiva sadṛśaṃ budhāḥ

Ebenso erschließen die Weisen aus dem Samen (bīja) Vergangenes und aus der Frucht (phala) Künftiges, indem sie hier beobachten, wie aus dem Samen eine gleichartige Frucht entsteht.

jalakarṣaṇabījartusaṃyogāt sasyasambhavaḥ| yuktiḥ ṣaḍdhātusaṃyogādgarbhāṇāṃ sambhavastathā

Aus dem Zusammenwirken von Bewässerung, Samen und Jahreszeit entsteht die Feldfrucht – das ist yukti (Beweisführung durch das Zusammenwirken von Ursachen); ebenso entsteht der Embryo (garbha) aus dem Zusammenwirken der sechs dhātus.

mathyamanthana(ka)manthānasaṃyogādagnisambhavaḥ| yuktiyuktā catuṣpādasampadvyādhinibarhaṇī

Aus dem Zusammenwirken von Quirlholz, Quirlbrett und Quirlstab entsteht Feuer [durch Reibung] – auch das ist yukti; und die durch yukti geleitete Vollständigkeit der vier Grundlagen [der Heilkunst] (catuṣpāda) vernichtet die Krankheit.

buddhiḥ paśyati yā bhāvān bahukāraṇayogajān| yuktistrikālā sā jñeyā trivargaḥ sādhyate yayā

Die Erkenntnis (buddhi), die Zustände (bhāva) erblickt, welche aus dem Zusammenwirken vieler Ursachen entstehen, ist als yukti zu erkennen, bezogen auf die drei Zeiten; durch sie wird die Dreiheit der Lebensziele (trivarga: dharma, artha, kāma) erreicht.

eṣā parīkṣā nāstyanyā yayā sarvaṃ parīkṣyate| parīkṣyaṃ sadasaccaivaṃ tayā cāsti punarbhavaḥ

Dies ist die Prüfung; es gibt keine andere, mit der alles geprüft wird. So wird das zu Prüfende, Seiendes wie Nicht-Seiendes, geprüft, und mit dieser Methode besteht [erwiesenermaßen auch] die Wiedergeburt (punarbhava).

tatrāptāgamastāvadvedaḥ, yaścānyo'pi kaścidvedārthādaviparītaḥ parīkṣakaiḥ praṇītaḥ śiṣṭānumato lokānugrahapravṛttaḥśāstravādaḥ, sa cā''ptāgamaḥ; āptāgamādupalabhyatedānatapoyajñasatyāhiṃsābrahmacaryāṇyabhyudayaniḥśreyasakarāṇīti

Hierbei ist die Überlieferung der Verlässlichen (āptāgama) zunächst der Veda, und ebenso jede andere Lehrschrift, die dem Sinn des Veda nicht widerspricht, von Prüfenden verfasst, von den Gebildeten gebilligt und dem Wohl der Welt zugewandt ist – auch diese ist āptāgama. Aus der āptāgama erfährt man: Freigebigkeit (dāna), Askese (tapas), Opfer (yajña), Wahrhaftigkeit (satya), Gewaltlosigkeit (ahiṃsā) und Enthaltsamkeit (brahmacarya) bewirken weltlichen Aufstieg (abhyudaya) und höchstes Heil (niḥśreyasa).

na cānativṛttasattvadoṣāṇāmadoṣairapunarbhavo dharmadvāreṣūpadiśyate

Und für diejenigen, deren Fehler des sattva (rajas und tamas) nicht überwunden sind, wird durch die 'Tore des dharma' (dharmadvāra) niemals das Ausbleiben der Wiedergeburt gelehrt – wohl aber für die Fehlerlosen.

dharmadvārāvahitaiśca vyapagatabhayarāgadveṣalobhamohamānairbrahmaparairāptaiḥ karmavidbhiranupahatasattvabuddhipracāraiḥ pūrvaiḥpūrvatarairmaharṣibhirdivyacakṣubhirdṛṣṭvopadiṣṭaḥ punarbhava iti vyavasyedevam

Und die Wiedergeburt wurde von den früheren und noch früheren großen Weisen (maharṣi) gelehrt, die den 'Toren des dharma' zugewandt, frei von Furcht, Begierde (rāga), Hass (dveṣa), Habgier (lobha), Verblendung (moha) und Dünkel (māna), dem brahman ergeben, verlässlich, kundig im karma und mit ungetrübtem Wirken von sattva und buddhi waren – sie, die es mit ihrem göttlichen Auge (divyacakṣus) geschaut haben. So soll man es feststehen lassen.

pratyakṣamapi copalabhyate- mātāpitrorvisadṛśānyapatyāni, tulyasambhavānāṃ varṇasvarākṛtisattvabuddhibhāgyaviśeṣāḥ,pravarāvarakulajanma, dāsyaiśvaryaṃ, sukhāsukhamāyuḥ, āyuṣo vaiṣamyam, iha kṛtasyāvāptiḥ, aśikṣitānāṃ caruditastanapānahāsatrāsādīnāṃ pravṛttiḥ, lakṣaṇotpattiḥ, karmasādṛśye phalaviśeṣaḥ, medhā kvacit kvacit karmaṇyamedhā,jātismaraṇam- ihāgamanamitaścyutānāmiti , samadarśane priyāpriyatvam

Auch durch unmittelbare Wahrnehmung wird [die Wiedergeburt] erfasst: Kinder, die von ihren Eltern verschieden sind; unter gleich Geborenen Unterschiede in Hautfarbe, Stimme, Gestalt, sattva, buddhi und Schicksal (bhāgya); Geburt in vornehmer oder niedriger Familie; Sklaverei oder Herrschaft; Glück und Unglück; die Lebensdauer; die Ungleichheit der Lebensdauer; das Erlangen dessen, was hier [in einem früheren Leben] getan wurde; das ungelehrte Verhalten von Kindern wie Weinen, Saugen an der Brust, Lachen, Erschrecken und dergleichen; das Auftreten von Vorzeichen (lakṣaṇa); bei gleicher Tat unterschiedliche Frucht; Klugheit hier, Unklugheit dort bei derselben Tätigkeit; die Erinnerung an frühere Geburten (jātismaraṇa), nämlich dass man von einem früheren Dasein hierher gekommen ist; und beim Anblick desselben Dinges unterschiedliches Empfinden von Lieb und Unlieb.

ata evānumīyate- yat- svakṛtamaparihāryamavināśi paurvadehikaṃ daivasañjñakamānubandhikaṃ karma, tasyaitat phalam;itaścānyadbhaviṣyatīti; phaladbījamanumīyate, phalaṃ ca bījāt

Eben daraus wird erschlossen: Dies ist die Frucht des selbstverübten, unabwendbaren, unzerstörbaren, aus einem früheren Körper (paurvadehika) stammenden, mit dem Namen daiva (Schicksal) belegten, nachwirkenden karma; und von hier aus wird wiederum Anderes entstehen. So wird aus der Frucht der Same erschlossen und aus dem Samen die Frucht.

yuktiścaiṣā- ṣaḍdhātusamudayādgarbhajanma, kartṛkaraṇasaṃyogāt kriyā; kṛtasya karmaṇaḥ phalaṃ nākṛtasya, nāṅkurotpattirabījāt;karmasadṛśaṃ phalaṃ, nānyasmādbījādanyasyotpattiḥ; iti yuktiḥ

Und dies ist die Beweisführung (yukti): Aus dem Zusammentreten der sechs dhātus entsteht der Embryo; aus der Verbindung von Handelndem (kartṛ) und Werkzeug (karaṇa) entsteht die Handlung; die Frucht kommt der vollzogenen Tat zu, nicht der unvollzogenen; kein Keim entsteht ohne Samen; die Frucht entspricht der Tat, und aus einem [bestimmten] Samen entsteht nichts anderes [als seiner Art Entsprechendes] – so die yukti.

evaṃ pramāṇaiścaturbhirupadiṣṭe punarbhave dharmadvāreṣvavadhīyeta; tadyathā- guruśuśrūṣāyāmadhyayane vratacaryāyāṃ dārakriyāyāmapatyotpādanebhṛtyabharaṇe'tithipūjāyāṃ dāne'nabhidhyāyāṃ tapasyanasūyāyāṃ dehavāṅmānase karmaṇyakliṣṭe dehendriyamanorthabuddhyātmaparīkṣāyāṃmanaḥsamādhāviti; yāni cānyānyapyevaṃvidhāni karmāṇi satāmavigarhitāni svargyāṇi vṛttipuṣṭikarāṇi vidyāttānyārabhetakartuṃ; tathā kurvanniha caiva yaśo labhate pretya ca svargam| iti tṛtīyā paralokaiṣaṇā vyākhyātā bhavati

Nachdem so die Wiedergeburt durch die vier Erkenntnismittel (pramāṇa) gelehrt ist, soll man sich den 'Toren des dharma' widmen; das heißt: Dienst am Lehrer (guru), Studium, Befolgung von Gelübden (vrata), Eheschließung, Zeugung von Nachkommen, Versorgung der Dienerschaft, Verehrung von Gästen, Freigebigkeit (dāna), Freiheit von Begehrlichkeit, Askese (tapas), Freiheit von Missgunst, unbeschwertes Handeln in Körper, Rede und Geist, Prüfung von Körper, Sinnesorganen, Denksinn, Objekten, Erkenntnis und ātman sowie Sammlung des Geistes. Und was es sonst noch an solchen Tätigkeiten gibt, die von den Guten nicht getadelt werden, die zum Himmel führen und den Lebensunterhalt fördern, die soll man zu ergreifen wissen. Wer so handelt, erlangt schon hier Ruhm und nach dem Tod den Himmel. Damit ist das dritte Verlangen, nach der jenseitigen Welt, erklärt.

atha khalu traya upastambhāḥ, trividhaṃ balaṃ, trīṇyāyatanāni, trayo rogāḥ, trayo rogamārgāḥ, trividhā bhiṣajaḥ, trividhamauṣadhamiti

Ferner gibt es drei Stützen (upastambha), dreierlei Kraft (bala), drei Ursachenbereiche (āyatana), drei Arten von Krankheit (roga), drei Krankheitswege (rogamārga), drei Arten von Ärzten (bhiṣaj) und drei Arten von Heilmitteln (auṣadha).

traya upastambhā iti- āhāraḥ, svapno, brahmacaryamiti; ebhistribhiryuktiyuktairupastabdhamupastambhaiḥ śarīraṃbalavarṇopacayopacitamanuvartate yāvadāyuḥsaṃskārāt saṃskāramahitamanupasevamānasya , ya ihaivopadekṣyate

Die drei Stützen sind: Nahrung (āhāra), Schlaf (svapna) und Enthaltsamkeit (brahmacarya). Werden diese drei in rechtem Maß gestützt, so bleibt der Körper, angereichert mit Kraft und Hautfarbe, bestehen, solange man ihm nicht bis zum Lebensende Unheilsames statt der der Lebensdauer zuträglichen Zubereitung (saṃskāra) zuführt – wie noch dargelegt werden wird.

trividhaṃ balamiti- sahajaṃ, kālajaṃ, yuktikṛtaṃ ca| sahajaṃ yaccharīrasattvayoḥ prākṛtaṃ, kālakṛtamṛtuvibhāgajaṃ vayaḥkṛtaṃ ca, yuktikṛtaṃ punastadyadāhāraceṣṭāyogajam

Die dreifache Kraft ist: angeboren (sahaja), zeitbedingt (kālaja) und durch rechtes Handeln erworben (yuktikṛta). Angeboren ist jene, die Körper und sattva von Natur aus eigen ist; zeitbedingt ist jene, die durch die Einteilung der Jahreszeiten und durch das Lebensalter entsteht; durch rechtes Handeln erworben ist jene, die durch geeignete Nahrung und Bewegung entsteht.

trīṇyāyatanānīti- arthānāṃ karmaṇaḥ kālasya cātiyogāyogamithyāyogāḥ| tatrātiprabhāvatāṃ dṛśyānāmatimātraṃ darśanamatiyogaḥ, sarvaśo'darśanamayogaḥ,atiśliṣṭātiviprakṛṣṭaraudrabhairavādbhutadviṣṭabībhatsanavikṛtavitrāsanādirūpadarśanaṃ mithyāyogaḥ;tathā'timātrastanitapaṭahotkruṣṭādīnāṃ śabdānāmatimātraṃ śravaṇamatiyogaḥ, sarvaśo'śravaṇamayogaḥ,paruṣeṣṭavināśopaghātapradharṣaṇabhīṣaṇādiśabdaśravaṇaṃ mithyāyogaḥ; tathā'titīkṣṇogrābhiṣyandināṃ gandhānāmatimātraṃghrāṇamatiyogaḥ, sarvaśo'ghrāṇamayogaḥ, pūtidviṣṭāmedhyaklinnaviṣapavanakuṇapagandhādighrāṇaṃ mithyāyogaḥ; tathārasānāmatyādānamatiyogaḥ, sarvaśo'nādānamayogaḥ, mithyāyogo rāśivarjyeṣvāhāravidhiviśeṣāyataneṣūpadekṣyate;tathā'tiśītoṣṇānāṃ spṛśyānāṃ snānābhyaṅgotsādanādīnāṃ cātyupasevanamatiyogaḥ, sarvaśo'nupasevanamayogaḥ, snānādīnāṃśītoṣṇādīnāṃ ca spṛśyānāmanānupūrvyopasevanaṃ viṣamasthānābhighātāśucibhūtasaṃsparśādayaśceti mithyāyogaḥ

Die drei Ursachenbereiche (āyatana) sind: Übermaß (atiyoga), Mangel (ayoga) und Fehlgebrauch (mithyāyoga) hinsichtlich der Sinnesobjekte (artha), des Handelns (karma) und der Zeit (kāla). Bei den sichtbaren Dingen ist übermäßiges Betrachten allzu grell wirkender Objekte das Übermaß; gänzliches Nicht-Betrachten der Mangel; das Betrachten allzu naher, allzu ferner, schrecklicher, furchtbarer, erstaunlicher, verhasster, ekelerregender, entstellter oder erschreckender Formen der Fehlgebrauch. Ebenso ist das übermäßige Hören allzu lauten Donners, Trommelschlags, Geschreis und dergleichen das Übermaß; gänzliches Nicht-Hören der Mangel; das Hören rauer, den Verlust von Liebem verkündender, verletzender, bedrängender, bedrohlicher Laute der Fehlgebrauch. Ebenso ist das übermäßige Riechen allzu scharfer, heftiger, feuchtigkeitserregender Gerüche das Übermaß; gänzliches Nicht-Riechen der Mangel; das Riechen fauler, widerwärtiger, unreiner, feuchter, giftiger, verwesender, leichenhafter Gerüche der Fehlgebrauch. Ebenso ist übermäßige Aufnahme von rasas (Geschmäcken) das Übermaß; gänzliches Nicht-Aufnehmen der Mangel; der Fehlgebrauch dabei wird bei den besonderen Grundsätzen der Nahrungsregel, im Kapitel über das zu Meidende, noch dargelegt werden. Ebenso ist übermäßiger Gebrauch allzu kalter oder heißer tastbarer Dinge sowie von Bädern, Einölung, Abreibung und dergleichen das Übermaß; gänzliche Unterlassung der Mangel; unregelmäßiger, nicht der rechten Reihenfolge entsprechender Gebrauch von Bädern und dergleichen sowie von kalten und heißen tastbaren Dingen, ferner ein Stoß an unebenem Ort oder die Berührung mit Unreinem oder mit [toten] Wesen der Fehlgebrauch.

tatraikaṃ sparśanamindriyāṇāmindriyavyāpakaṃ , cetaḥ- samavāyi, sparśanavyāptervyāpakamapi ca cetaḥ; tasmāt sarvendriyāṇāṃvyāpakasparśakṛto yo bhāvaviśeṣaḥ, so'yamanupaśayāt pañcavidhastrividhavikalpo bhavatyasātmyendriyārthasaṃyogaḥ; sātmyārthohyupaśayārthaḥ

Hierbei ist der Tastsinn (sparśana) das eine, alle Sinnesorgane durchdringende Organ, mit dem der Geist (cetas) verbunden ist; und der Geist durchdringt seinerseits auch das, was der Tastsinn durchdringt. Deshalb ist der besondere Zustand, der durch die allen Sinnesorganen gemeinsame Berührung entsteht, fünffach [nach den fünf Sinnen] und – da er dem Wohlbefinden nicht entspricht (anupaśaya) – zugleich dreifach unterteilt [Übermaß, Mangel, Fehlgebrauch]; dies ist die unzuträgliche Verbindung von Sinnesorgan und Objekt (asātmyendriyārthasaṃyoga); denn Zuträglichkeit (sātmya) bedeutet Wohlbefinden.

karma vāṅmanaḥśarīrapravṛttiḥ| tatra vāṅmanaḥśarīrātipravṛttiratiyogaḥ; sarvaśo'pravṛttirayogaḥ;vegadhāraṇodīraṇaviṣamaskhalanapatanāṅgapraṇidhānāṅgapradūṣaṇaprahāramardanaprāṇoparodhasaṅkleśanādiḥ śārīro mithyāyogaḥ,sūcakānṛtākālakalahāpriyābaddhānupacāraparuṣavacanādirvāṅmithyāyogaḥ, bhayaśokakrodhalobhamohamānerṣyāmithyādarśanādirmānasomithyāyogaḥ

Karma (Handlung) ist die Tätigkeit von Rede, Denksinn und Körper. Übermäßige Tätigkeit von Rede, Denksinn und Körper ist das Übermaß; gänzliche Untätigkeit der Mangel; das Zurückhalten oder gewaltsame Hervorbringen natürlicher Dränge, ungleichmäßiges Stolpern, Fallen, falsches Ausstrecken der Glieder, Schädigung der Glieder, Schlagen, Kneten, Anhalten des Atems, Erschöpfung und dergleichen ist der körperliche Fehlgebrauch; verleumderische, unwahre, unzeitgemäße, streitsüchtige, unliebsame, unzusammenhängende, unhöfliche, raue Rede und dergleichen ist der Fehlgebrauch der Rede; Furcht, Kummer, Zorn, Habgier, Verblendung, Dünkel, Neid, falsche Ansicht und dergleichen ist der geistige Fehlgebrauch.

saṅgraheṇa cātiyogāyogavarjaṃ karma vāṅmanaḥśarīrajamahitamanupadiṣṭaṃ yattacca mithyāyogaṃ vidyāt

Zusammenfassend soll man wissen: Jedes von Rede, Denksinn oder Körper ausgehende Handeln, das weder Übermaß noch Mangel darstellt, aber unheilsam und [von den Autoritäten] nicht gelehrt ist, gilt gleichfalls als Fehlgebrauch.

iti trividhavikalpaṃ trividhameva karma prajñāparādha iti vyavasyet

So soll man dieses dreifach unterteilte, dreifache Handeln als prajñāparādha (Verletzung der Vernunft) erkennen.

śītoṣṇavarṣalakṣaṇāḥ punarhemantagrīṣmavarṣāḥ saṃvatsaraḥ, sa kālaḥ| tatrātimātrasvalakṣaṇaḥ kālaḥ kālātiyogaḥ, hīnasvalakṣaṇaḥ (kālaḥ) kālāyogaḥ, yathāsvalakṣaṇaviparītalakṣaṇastu (kālaḥ)kālamithyāyogaḥ| kālaḥ punaḥ pariṇāma ucyate

Das Jahr, gekennzeichnet durch Kälte, Hitze und Regen, das heißt durch Winter (hemanta), Sommer (grīṣma) und Regenzeit (varṣā), das ist die Zeit (kāla). Hierbei ist eine Zeit, deren Eigenmerkmal übermäßig ausgeprägt ist, das Übermaß der Zeit; eine Zeit, deren Eigenmerkmal geschwächt ist, der Mangel der Zeit; eine Zeit hingegen, deren Merkmal dem eigenen entgegengesetzt ist, der Fehlgebrauch der Zeit. Zeit wird auch als Wandel (pariṇāma) bezeichnet.

ityasātmyendriyārthasaṃyogaḥ, prajñāparādhaḥ, pariṇāmaśceti trayastrividhavikalpā hetavo vikārāṇāṃ; samayogayuktāstu prakṛtihetavobhavanti

So sind die unzuträgliche Verbindung von Sinnesorgan und Objekt, prajñāparādha und der zeitliche Wandel die drei, je dreifach unterteilten Ursachen der Krankheiten (vikāra); bei rechtem Maß hingegen sind sie die Ursachen des natürlichen Zustands (prakṛti).

sarveṣāmeva bhāvānāṃ bhāvābhāvau nāntareṇa yogāyogātiyogamithyāyogān samupalabhyete; yathāsvayuktyapekṣiṇau hi bhāvābhāvau

Bei sämtlichen Zuständen (bhāva) werden Entstehen und Vergehen nur mittels rechtem Maß, Mangel, Übermaß oder Fehlgebrauch wahrgenommen; denn Entstehen und Vergehen hängen jeweils von der ihnen eigenen Art des Zusammenwirkens ab.

trayo rogā iti- nijāgantumānasāḥ| tatra nijaḥ śārīradoṣasamutthaḥ, āganturbhūtaviṣavāyvagnisamprahārādisamutthaḥ, mānasaḥ punariṣṭasyalābhāllābhāccāniṣṭasyopajāyate

Die drei Arten von Krankheit sind: die innere (nija), die von außen kommende (āgantu) und die geistige (mānasa). Die innere entsteht aus den körperlichen doṣas; die von außen kommende durch Einwirkung von Dämonen (bhūta), Gift, Wind, Feuer, Zusammenstoß und dergleichen; die geistige aber entsteht durch das Ausbleiben des Erwünschten und das Eintreten des Unerwünschten.

tatra buddhimatā mānasavyādhiparītenāpi satā buddhyā hitāhitamavekṣyāvekṣya dharmārthakāmānāmahitānāmanupasevane hitānāṃcopasevane prayatitavyaṃ, na hyantareṇa loke trayametanmānasaṃ kiñcinniṣpadyate sukhaṃ vā duḥkhaṃ vā; tasmādetaccānuṣṭheyaṃ-tadvidyānāṃ copasevane prayatitavyam, ātmadeśakulakālabalaśaktijñāne yathāvacceti

Hierbei soll der Verständige, selbst wenn er von geistiger Krankheit befallen ist, mit dem Verstand immer wieder Heilsames und Unheilsames erwägen und sich bemühen, unheilsame Formen von dharma, artha und kāma zu meiden und die heilsamen zu pflegen; denn ohne diese drei entsteht in der Welt weder Glück noch Leid, das nicht mit dem Geist zusammenhinge. Deshalb soll man dies befolgen: sich um den Umgang mit Kundigen dieser Dinge bemühen und, wie es sich geziemt, sich selbst, Ort, Familie, Zeit, Kraft und Vermögen (śakti) erkennen.

mānasaṃ prati bhaiṣajyaṃ trivargasyānvavekṣaṇam| tadvidyasevā vijñānamātmādīnāṃ ca sarvaśaḥ

Das Heilmittel gegen geistige Krankheit ist: die stete Betrachtung der drei Lebensziele (trivarga), der Umgang mit Kundigen dieser Dinge und die vollständige Erkenntnis von ātman und den übrigen [genannten Faktoren].

trayo rogamārgā iti- śākhā, marmāsthisandhayaḥ, koṣṭhaśca| tatra śākhā raktādayo dhātavastvak ca, sa bāhyo rogamārgaḥ; marmāṇi punarbastihṛdayamūrdhādīni,asthisandhayo'sthisaṃyogāstatropanibaddhāśca snāyukaṇḍarāḥ , sa madhyamo rogamārgaḥ; koṣṭhaḥ punarucyate mahāsrotaḥ śarīramadhyaṃmahānimnamāmapakvāśayaśceti paryāyaśabdaistantre, sa rogamārga ābhyantaraḥ

Die drei Krankheitswege (rogamārga) sind: die Peripherie (śākhā), die vitalen Punkte (marman) und Knochengelenke (asthisandhi) sowie der Rumpf (koṣṭha). Die Peripherie besteht aus dem Blut und den übrigen dhātus sowie der Haut; das ist der äußere Krankheitsweg. Die marmans sind Blase (basti), Herz, Kopf und dergleichen, und die Knochengelenke sind die Verbindungen der Knochen, an denen Sehnen (snāyu) und Bänder (kaṇḍarā) befestigt sind; das ist der mittlere Krankheitsweg. Koṣṭha wiederum wird im Lehrwerk mit den gleichbedeutenden Bezeichnungen 'großer srotas', 'Körpermitte', 'große Vertiefung', 'Sitz des Unverdauten' (āmāśaya) und 'Sitz des Verdauten' (pakvāśaya) benannt; das ist der innere Krankheitsweg.

tatra, gaṇḍapiḍakālajyapacīcarmakīlādhimāṃsamaṣakakuṣṭhavyaṅgādayo vikārā bahirmārgajāśca visarpaśvayathugulmārśovidradhyādayaḥśākhānusāriṇo bhavanti rogāḥ; pakṣavadhagrahāpatānakārditaśoṣarājayakṣmāsthisandhiśūlagudabhraṃśādayaḥ śirohṛdbastirogādayaścamadhyamamārgānusāriṇo bhavanti rogāḥ; jvarātīsāracchardyalasakavisūcikākāsaśvāsahikkānāhodaraplīhādayo'ntarmārgajāścavisarpaśvayathugulmārśovidradhyādayaḥ koṣṭhānusāriṇo bhavanti rogāḥ

Hierbei folgen dem Weg der Peripherie: Beulen (gaṇḍa), Pusteln (piḍakā), Skrofulose (alajī), Halslymphknotenschwellung (apacī), Hautkrankheiten, Warzen, Wildfleisch, Muttermale, kuṣṭha (Hautleiden) und vyaṅga (Gesichtsflecken), sowie [in schwererer Form] visarpa (Erysipel), śvayathu (Schwellung), gulma (Bauchgeschwulst), arśas (Hämorrhoiden) und vidradhi (Abszess). Dem mittleren Weg folgen: Halbseitenlähmung, Ergriffensein von bhūtas (graha), Krampfanfälle (apatānaka), Gesichtslähmung (ārdita), Auszehrung (śoṣa), Schwindsucht (rājayakṣman), Gelenk- und Knochenschmerzen, Mastdarmvorfall und dergleichen sowie Krankheiten von Kopf, Herz und Blase. Dem inneren Weg des Rumpfs folgen: Fieber (jvara), Durchfall (atīsāra), Erbrechen (chardi), alasaka, Cholera (visūcikā), Husten (kāsa), Atemnot (śvāsa), Schluckauf (hikkā), Verstopfung (ānāha), Bauchwassersucht (udara), Milzleiden (plīhan) sowie die im Inneren entstehenden Formen von visarpa, śvayathu, gulma, arśas und vidradhi.

trividhā bhiṣaja iti- bhiṣakchadmacarāḥ santi santyeke siddhasādhitāḥ| santi vaidyaguṇairyuktāstrividhā bhiṣajo bhuvi

Die drei Arten von Ärzten sind: Es gibt solche, die nur unter dem Vorwand eines Arztes auftreten; es gibt solche, die allein durch ihren Ruf als vollendet gelten; und es gibt solche, die mit den wahren Eigenschaften eines Arztes ausgestattet sind. So gibt es drei Arten von Ärzten auf Erden.

vaidyabhāṇḍauṣadhaiḥ pustaiḥ pallavairavalokanaiḥ| labhante ye bhiṣakśabdamajñāste pratirūpakāḥ

Diejenigen, die allein durch ärztliches Gerät, Arzneien, Bücher, [prahlerische] Reden und flüchtiges Betrachten den Namen 'Arzt' erlangen, ohne wirkliches Wissen zu besitzen – sie sind bloße Abbilder [von Ärzten].

śrīyaśojñānasiddhānāṃ vyapadeśādatadvidhāḥ| vaidyaśabdaṃ labhante ye jñeyāste siddhasādhitāḥ

Diejenigen, die – ohne selbst so beschaffen zu sein – durch die Berufung auf Glanz, Ruhm oder Wissen Vollendeter den Namen 'Arzt' erlangen, sind als solche zu erkennen, die durch fremden Erfolg legitimiert sind.

prayogajñānavijñānasiddhisiddhāḥ sukhapradāḥ| jīvitābhisarāste syurvaidyatvaṃ teṣvavasthitamiti

Diejenigen aber, die durch praktisches Wissen (prayogajñāna) und tiefere Erkenntnis (vijñāna) zum Erfolg (siddhi) gelangt sind, die Wohlbefinden schenken und dem Leben zugewandt sind – in ihnen allein besteht das wahre Arzttum.

trividhamauṣadhamiti- daivavyapāśrayaṃ, yuktivyapāśrayaṃ, sattvāvajayaśca| tatra daivavyapāśrayaṃ- mantrauṣadhimaṇimaṅgalabalyupahārahomaniyamaprāyaścittopavāsasvastyayanapraṇipātagamanādi,yuktivyapāśrayaṃ- punarāhārauṣadhadravyāṇāṃ yojanā, sattvāvajayaḥ- punarahitebhyo'rthebhyo manonigrahaḥ

Die drei Arten von Heilmitteln sind: die schicksalsbezogene Behandlung (daivavyapāśraya), die vernunftgestützte Behandlung (yuktivyapāśraya) und die Bezwingung des Geistes (sattvāvajaya). Daivavyapāśraya ist: Zaubersprüche (mantra), [wundersame] Heilkräuter, Edelsteine (maṇi), Segenszeremonien, Opferspenden (bali), Darbringungen, Feueropfer (homa), Regelbefolgung, Sühnehandlungen (prāyaścitta), Fasten, heilbringende Sprüche, Verneigung, Wallfahrt und dergleichen. Yuktivyapāśraya ist die zweckmäßige Anwendung von Nahrungs- und Arzneisubstanzen. Sattvāvajaya ist die Zurückhaltung des Geistes von unheilsamen Dingen.

śarīradoṣaprakope khalu śarīramevāśritya prāyaśastrividhamauṣadhamicchanti- antaḥparimārjanaṃ, bahiḥparimārjanaṃ, śastrapraṇidhānaṃ ceti| tatrāntaḥparimārjanaṃ yadantaḥśarīramanupraviśyauṣadhamāhārajātavyādhīn pramārṣṭi,yatpunarbahiḥsparśamāśrityābhyaṅgasvedapradehapariṣekonmardanādyairāmayān pramārṣṭi tadbahiḥparimārjanaṃ, śastrapraṇidhānaṃpunaśchedanabhedanavyadhanadāraṇalekhanotpāṭanapracchanasīvanaiṣaṇakṣārajalaukasaśceti

Bei Erregung der körperlichen doṣas erkennt man in der Regel, bezogen auf den Körper selbst, ein dreifaches Heilmittel: die innere Reinigung (antaḥparimārjana), die äußere Reinigung (bahiḥparimārjana) und den Einsatz scharfer Instrumente (śastrapraṇidhāna). Die innere Reinigung besteht darin, dass die Arznei in das Körperinnere eindringt und die aus der Nahrung entstandenen Krankheiten beseitigt; was hingegen durch äußere Berührung – Einölung (abhyaṅga), Schwitzbehandlung (sveda), Auflage von Salben, Begießung, Massage und dergleichen – Krankheiten beseitigt, das ist die äußere Reinigung. Der Einsatz scharfer Instrumente aber umfasst: Schneiden, Spalten, Punktieren, Zerteilen, Ritzen, Herausziehen, Stechen, Nähen, Sondieren, Ätzmittel (kṣāra) und Blutegel (jalauka).

prājño roge samutpanne bāhyenābhyantareṇa vā| karmaṇā labhate śarma śastropakramaṇena vā

Der Kluge erlangt, wenn eine Krankheit entstanden ist, Linderung entweder durch äußeres oder inneres Handeln oder durch den Einsatz des Instruments (śastra).

bālastu khalu mohādvā pramādādvā na budhyate| utpadyamānaṃ prathamaṃ rogaṃ śatrumivābudhaḥ

Der Unwissende (bāla) aber erkennt, sei es aus Verblendung, sei es aus Unachtsamkeit, die zuerst entstehende Krankheit nicht, so wie er auch einen [heranschleichenden] Feind nicht erkennt.

aṇurhi prathamaṃ bhūtvā rogaḥ paścādvivardhate| sa jātamūlo muṣṇāti balamāyuśca durmateḥ

Denn die Krankheit ist zuerst nur winzig, wächst danach aber an; hat sie einmal Wurzel gefasst, raubt sie dem Toren Kraft und Lebensdauer.

na mūḍho labhate sañjñāṃ tāvadyāvanna pīḍyate| pīḍitastu matiṃ paścāt kurute vyādhinigrahe

Der Verblendete gewinnt keine Einsicht, solange er nicht [von der Krankheit] gepeinigt wird; erst wenn er gepeinigt ist, fasst er nachträglich den Entschluss, die Krankheit zu bekämpfen.

atha putrāṃśca dārāṃśca jñātīṃścāhūya bhāṣate| sarvasvenāpi me kaścidbhiṣagānīyatāmiti

Dann ruft er Söhne, Ehefrau und Verwandte herbei und spricht: 'Man bringe mir, und koste es mein ganzes Vermögen, irgendeinen Arzt!'

tathāvidhaṃ ca kaḥ śakto durbalaṃ vyādhipīḍitam| kṛśaṃ kṣīṇendriyaṃ dīnaṃ paritrātuṃ gatāyuṣam

Doch wer wäre imstande, einen solchen Kranken – geschwächt und von der Krankheit gepeinigt, abgemagert, mit erloschenen Sinnesorganen, elend und dessen Lebenskraft geschwunden ist – noch zu retten?

sa trātāramanāsādya bālastyajati jīvitam| godhā lāṅgūlabaddhevākṛṣyamāṇā balīyasā

So findet der Unwissende keinen Retter mehr und verliert das Leben – wie ein Waran (godhā), der, am Schwanz gebunden, von einem Stärkeren fortgezerrt wird.

tasmāt prāgeva rogebhyo rogeṣu taruṇeṣu vā| bheṣajaiḥ pratikurvīta ya icchet sukhamātmanaḥ

Deshalb soll, wer sein eigenes Wohlergehen wünscht, schon vor dem Entstehen der Krankheiten oder doch bei noch frischen Krankheiten mit Heilmitteln entgegenwirken.

eṣaṇāḥ samupastambhā balaṃ kāraṇamāmayāḥ| tisraiṣaṇīye mārgāśca bhiṣajo bheṣajāni ca

Die Verlangen (eṣaṇā), die Stützen (upastambha), die Kraft (bala), die Ursachen, die Krankheiten (āmaya), die Wege (mārga), die Ärzte (bhiṣaj) und die Heilmittel (bheṣaja) – dies alles gehört zum Kapitel der drei Verlangen (tisraiṣaṇīya).

tritvenāṣṭau samuddiṣṭāḥ kṛṣṇātreyeṇa dhīmatā| bhāvā, bhāveṣvasaktena yeṣu sarvaṃ pratiṣṭhitam

Diese acht [Themenbereiche], je in dreifacher Gliederung, wurden vom weisen Kṛṣṇātreya dargelegt – von ihm, der an [weltlichen] Dingen unverhaftet ist –, jene Gegebenheiten (bhāva), auf denen alles beruht.

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