Quellen der Menschheit

Caraka-Saṃhitā · Sutrasthana

Adhyāya 21: Ashtauninditiya Die acht verachteten Körpertypen

Kapitel 21 des Sūtrasthāna widmet sich acht körperlichen Konstitutionstypen, die als „verachtenswert“ (nindita) gelten, konzentriert sich dabei aber vor allem auf die beiden Extremfälle Fettleibigkeit (atisthūla) und extreme Magerkeit (atikṛśa). Ātreya analysiert deren Ursachen – etwa Bewegungsmangel, Erbanlage oder übermäßiges Fasten –, benennt die beteiligten Doṣas Vāta und Kapha und leitet daraus ein Prinzip ab, das für die gesamte Ayurveda-Therapie grundlegend ist: schwere, nicht nährende Kost zur Abmagerung, leichte, aufbauende Kost zum Muskelaufbau. Im zweiten Teil widmet sich das Kapitel dem Schlaf als drittem Lebenspfeiler neben Nahrung und Enthaltsamkeit und unterscheidet zuträglichen von schädlichem Tages- und Nachtschlaf je nach Jahreszeit und Konstitution. Botanisch treten unter anderem Guḍūcī, Bhadramustā, Triphalā, Bilva-Wurzeln und Śilājatu als Mittel gegen Übergewicht in Erscheinung, während zum Aufbau vor allem Milch, Ghee und Fleischsäfte empfohlen werden.

DIE ACHT „VERACHTETEN" KÖRPERTYPEN (AṢṬAUNINDITA) (Vers 3)
Typ
der übermäßig Große
der übermäßig Kleine
der übermäßig Behaarte
der Haarlose
der übermäßig Dunkle
der übermäßig Helle
der übermäßig Fette (atisthūla)
der übermäßig Magere (atikṛśa)
Nur die beiden letzten – der übermäßig Fette und der übermäßig Magere – werden im weiteren Kapitel ausführlich behandelt (ab V4).
DIE ACHT FEHLER DER ÜBERMÄSSIGEN FETTLEIBIGKEIT (Vers 4)
FehlerUrsache (laut Text)
Verkürzung der LebensspanneNur das Fettgewebe vermehrt sich, nicht die übrigen Körpergewebe
Behinderung der BeweglichkeitSchlaffheit, Weichheit und Schwere des Fettes
Erschwerung des GeschlechtsverkehrsGeringheit des Samens, dessen Wege vom Fett verdeckt sind
SchwächeUngleichgewicht der Körpergewebe
Übler KörpergeruchFehler des Fettes, seine Eigennatur und das Schwitzen
Übermäßiges SchwitzenVerbindung des Fettes mit kapha, seine Klebrigkeit, Menge und Schwere
Übermäßiger HungerScharfes Verdauungsfeuer und reichlicher vāta im Bauchraum
Übermäßiger DurstScharfes Verdauungsfeuer und reichlicher vāta im Bauchraum

athāto'ṣṭauninditīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun also wollen wir das Kapitel über die acht Verachteten (aṣṭauninditīya) erklären.

iti ha smāha bhagavānātreyaḥ

So sprach der erhabene Ātreya.

iha khalu śarīramadhikṛtyāṣṭau puruṣā ninditā bhavanti; tadyathā- atidīrghaśca, atihrasvaśca, atilomā ca, alomā ca, atikṛṣṇaśca, atigauraśca, atisthūlaśca, atikṛśaśceti

Hier nun gibt es, was den Körper betrifft, acht Menschentypen, die als verachtenswert (nindita) gelten, nämlich: der übermäßig Große, der übermäßig Kleine, der übermäßig Behaarte, der Haarlose, der übermäßig Dunkle, der übermäßig Helle, der übermäßig Fette und der übermäßig Magere.

tatrātisthūlakṛśayorbhūya evāpare ninditaviśeṣā bhavanti | atisthūlasya tāvadāyuṣo hrāso javoparodhaḥ kṛcchravyavāyatā daurbalyaṃ daurgandhyaṃ svedābādhaḥ kṣudatimātraṃ pipāsātiyogaśceti bhavantyaṣṭau doṣāḥ| tadatisthaulyamatisampūraṇādgurumadhuraśītasnigdhopayogādavyāyāmādavyavāyāddivāsvapnāddharṣanityatvāda-cintanādbījasvabhāvāccopajāyate| tasya hyatimātramedasvino meda evopacīyate na tathetare dhātavaḥ, tasmādasyāyuṣo hrāsaḥ; śaithilyāt saukumāryādgurutvāccamedaso javoparodhaḥ, śukrābahutvānmedasā''vṛtamārgatvācca kṛcchravyavāyatā, daurbalyamasamatvāddhātūnāṃ, daurgandhyaṃ medodoṣānmedasaḥ svabhāvāt svedanatvācca, medasaḥ śleṣmasaṃsargādviṣyanditvādbahutvādgurutvādvyāyāmāsahatvācca svedābādhaḥ, tīkṣṇāgnitvāt prabhūtakoṣṭhavāyutvācca kṣudatimātraṃ pipāsātiyogaśceti

Unter diesen weisen der übermäßig Fette und der übermäßig Magere noch weitere besondere Mängel auf, die sie verachtenswert machen. Beim übermäßig Fetten sind es zunächst folgende acht Fehler: Verkürzung der Lebensspanne, Behinderung der Beweglichkeit, Erschwerung des Geschlechtsverkehrs, Schwäche, üblen Körpergeruch, übermäßiges Schwitzen, übermäßigen Hunger und übermäßigen Durst. Diese übermäßige Fettleibigkeit entsteht durch übermäßiges Essen, durch den Genuss von schwerer, süßer, kühlender und öliger Nahrung, durch Bewegungsmangel, durch Enthaltsamkeit vom Geschlechtsverkehr, durch Schlafen am Tage, durch ständige Behaglichkeit, durch Sorglosigkeit sowie durch die angeborene Natur des Samens (erbliche Veranlagung). Denn bei einem, der übermäßig viel Fettgewebe (meda) hat, vermehrt sich nur das Fett, nicht aber ebenso die anderen Körpergewebe (dhātus); deshalb kommt es bei ihm zur Verkürzung der Lebensspanne. Wegen der Schlaffheit, Weichheit und Schwere des Fettes entsteht die Behinderung der Beweglichkeit; wegen der Geringheit des Samens und weil dessen Wege vom Fett verdeckt sind, die Erschwerung des Geschlechtsverkehrs; die Schwäche entsteht durch das Ungleichgewicht der Gewebe; der üble Körpergeruch aus dem Fehler des Fettes, seiner Eigennatur und dem Schwitzen; das übermäßige Schwitzen durch die Verbindung des Fettes mit Kapha (dem Schleim-Doṣa), durch seine Klebrigkeit, seine Menge, seine Schwere und die Unfähigkeit, Anstrengung zu ertragen; und wegen des scharfen Verdauungsfeuers (agni) sowie des reichlichen Vāta (Wind-Doṣa) im Bauchraum (koṣṭha) entstehen übermäßiger Hunger und übermäßiger Durst.

bhavanti cātra- medasā''vṛtamārgatvādvāyuḥ koṣṭhe viśeṣataḥ| caran sandhukṣayatyagnimāhāraṃ śoṣayatyapi

Und dazu gibt es folgende Verse: Weil seine Wege vom Fett verdeckt sind, entfacht der Vāta, der sich besonders im Bauchraum bewegt, das Verdauungsfeuer und verzehrt sogar die Nahrung selbst.

tasmāt sa śīghraṃ jarayatyāhāraṃ cātikāṅkṣati| vikārāṃścāśnute ghorān kāṃścitkālavyatikramāt

Deshalb verdaut der Fette die Nahrung schnell und verlangt übermäßig nach mehr; und durch Überschreitung der rechten Zeit erleidet er manch schreckliche Krankheit.

etāvupadravakarau viśeṣādagnimārutau| etau hi dahataḥ sthūlaṃ vanadāvo vanaṃ yathā

Diese beiden, Agni und Vāta, verursachen besonders Komplikationen; denn sie verzehren den Fetten, wie ein Waldbrand den Wald verzehrt.

medasyatīva saṃvṛddhe sahasaivānilādayaḥ| vikārān dāruṇān kṛtvā nāśayantyāśu jīvitam

Wenn das Fett übermäßig zugenommen hat, verursachen Vāta und die übrigen Doṣas (Störfaktoren) plötzlich schreckliche Krankheiten und vernichten rasch das Leben.

medomāṃsātivṛddhatvāccalasphigudarastanaḥ| ayathopacayotsāho naro'tisthūla ucyate

Ein Mann, dessen Gesäß, Bauch und Brust durch übermäßige Vermehrung von Fett und Fleisch schlaff und schwankend geworden sind und dessen Tatkraft seinem Körperumfang nicht entspricht, wird als übermäßig fett (atisthūla) bezeichnet.

iti medasvino doṣā hetavo rūpameva ca| nirdiṣṭaṃ, .... ... vakṣyate vācyamatikārśye tvataḥ param

So wurden die Fehler des Fettleibigen, ihre Ursachen und ihr Erscheinungsbild dargelegt. [...] Danach wird nun erklärt, was über die übermäßige Magerkeit zu sagen ist.

sevā rūkṣānnapānānāṃ laṅghanaṃ pramitāśanam| kriyātiyogaḥ śokaśca veganidrāvinigrahaḥ

Der Genuss trockener Speisen und Getränke, Fasten, zu knapp bemessenes Essen, übermäßige Reinigungsbehandlungen, Kummer sowie die Unterdrückung natürlicher Dränge und des Schlafes,

rūkṣasyodvartanaṃ snānasyābhyāsaḥ prakṛtirjarā| vikārānuśayaḥ krodhaḥ kurvantyatikṛśaṃ naram

trockene Einreibungen (udvartana), übermäßiges Baden, angeborene Veranlagung, hohes Alter, das Nachwirken früherer Krankheiten und Zorn – all dies macht einen Menschen übermäßig mager.

vyāyāmamatisauhityaṃ kṣutpipāsāmayauṣadham | kṛśo na sahate tadvadatiśītoṣṇamaithunam

Körperliche Anstrengung, übermäßige Sättigung, Hunger, Durst, Krankheit, starke Arznei sowie übermäßige Kälte, Hitze und Geschlechtsverkehr – all das erträgt der Magere nicht.

plīhā kāsaḥ kṣayaḥ śvāso gulmo'rśāṃsyudarāṇi ca| kṛśaṃ prāyo'bhidhāvanti rogāśca grahaṇīgatāḥ

Milzleiden, Husten, Auszehrung (kṣaya), Atemnot (śvāsa), Gulma (Bauchgeschwulst), Hämorrhoiden, Bauchwassersucht sowie Krankheiten des Verdauungssitzes (grahaṇī) befallen meist den Mageren.

śuṣkasphigudaragrīvo dhamanījālasantataḥ| tvagasthiśeṣo'tikṛśaḥ sthūlaparvā naro mataḥ

Ein Mann, dessen Gesäß, Bauch und Nacken ausgetrocknet sind, dessen Adernetz überall sichtbar hervortritt, der nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen scheint und dessen Gelenke im Vergleich hervorstehend groß wirken, gilt als übermäßig mager (atikṛśa).

satataṃ vyādhitāvetāvatisthūlakṛśau narau| satataṃ copacaryau hi karśanairbṛṃhaṇairapi

Diese beiden, der übermäßig Fette und der übermäßig Magere, sind ständig krankheitsanfällig und müssen daher ständig behandelt werden – jener mit abmagernden, dieser mit aufbauenden Mitteln.

sthaulyakārśye varaṃ kārśyaṃ samopakaraṇau hi tau| yadyubhau vyādhirāgacchet sthūlamevātipīḍayet

Zwischen Fettleibigkeit und Magerkeit ist die Magerkeit die vorzuziehende, denn beide erfordern gleichermaßen (aufwendige) Gegenmittel; sollte aber eine Krankheit beide befallen, so wird sie den Fetten weit stärker quälen.

samamāṃsapramāṇastu samasaṃhanano naraḥ| dṛḍhendriyo vikārāṇāṃ na balenābhibhūyate

Ein Mann jedoch mit ausgewogenem Fleischumfang und ausgewogenem Körperbau, mit festen Sinnesorganen, wird von der Macht der Krankheiten nicht überwältigt.

kṣutpipāsātapasahaḥ śītavyāyāmasaṃsahaḥ| samapaktā samajaraḥ samamāṃsacayo mataḥ

Wer Hunger, Durst und Hitze erträgt, Kälte und Anstrengung erträgt, dessen Verdauung ausgewogen ist und der in normalem Maße altert, gilt als jemand mit ausgewogener Fleischfülle.

guru cātarpaṇaṃ ceṣṭaṃ sthūlānāṃ karśanaṃ prati| kṛśānāṃ bṛṃhaṇārthaṃ ca laghu santarpaṇaṃ ca yat

Für die Fetten ist zum Zweck der Abmagerung eine Behandlung angezeigt, die schwer verdaulich ist und nicht nährt; für die Mageren dagegen ist zum Zweck des Aufbaus eine leichte und nährende Behandlung geeignet.

vātaghnānyannapānāni śleṣmamedoharāṇi ca| rūkṣoṣṇā bastayastīkṣṇā rūkṣāṇyudvartanāni ca

Speisen und Getränke, die Vāta besänftigen und Kapha sowie Fett vermindern, trockene und heiße Klistiere (bastis), scharfe Mittel sowie trockene Einreibungen –

guḍūcībhadramustānāṃ prayogastraiphalastathā| takrāriṣṭaprayogaśca prayogo mākṣikasya ca

die Anwendung von Guḍūcī und Bhadramustā, ebenso von Triphalā, die Anwendung von Buttermilch (takra) und von medizinischen Ariṣṭas sowie die Anwendung von Honig,

viḍaṅgaṃ nāgaraṃ kṣāraḥ kālaloharajo madhu| yavāmalakacūrṇaṃ ca prayogaḥ śreṣṭha ucyate

Viḍaṅga, Nāgara (getrockneter Ingwer), alkalische Zubereitungen (kṣāra), Eisenpulver mit Honig sowie ein Pulver aus Gerste und Āmalaka – dies gilt als vorzügliche Anwendung.

bilvādipañcamūlasya prayogaḥ kṣaudrasaṃyutaḥ| śilājatuprayogaśca sāgnimantharasaḥ paraḥ

Die Anwendung des Bilva-Wurzel-Fünferkomplexes (Bilvādi-Pañcamūla) zusammen mit Honig sowie die Anwendung von Śilājatu zusammen mit dem Saft der Agnimanthā-Pflanze ist besonders empfehlenswert.

praśātikā priyaṅguśca śyāmākā yavakā yavāḥ| jūrṇāhvāḥ kodravā mudgāḥ kulatthāścakramudgakāḥ

Praśātikā, Priyaṅgu, Śyāmāka, Yavaka, Gerste (yava), Jūrṇāhva, Kodrava, Mungbohnen (mudga), Pferdebohnen (kulattha) und Cakramudgaka,

āḍhakīnāṃ ca bījāni paṭolāmalakaiḥ saha| bhojanārthaṃ prayojyāni pānaṃ cānu madhūdakam

sowie die Samen der Āḍhakī zusammen mit Paṭola und Āmalaka sollen als Nahrung verwendet werden, und danach soll mit Honigwasser (madhūdaka) nachgetrunken werden.

ariṣṭāṃścānupānārthe medomāṃsakaphāpahān| atisthaulyavināśāya saṃvibhajya prayojayet

Und zur Beseitigung übermäßiger Fettleibigkeit soll man Ariṣṭas, die Fett, Fleisch und Kapha vermindern, wohldosiert als Nachtrunk (anupāna) einsetzen.

prajāgaraṃ vyavāyaṃ ca vyāyāmaṃ cintanāni ca| sthaulyamicchan parityaktuṃ krameṇābhipravardhayet

Wer die Fettleibigkeit ablegen möchte, soll allmählich Nachtwachen, Geschlechtsverkehr, körperliche Anstrengung und geistige Betätigung steigern.

svapno harṣaḥ sukhā śayyā manaso nirvṛtiḥ śamaḥ| cintāvyavāyavyāyāmavirāmaḥ priyadarśanam

Schlaf, Freude, ein angenehmes Lager, Zufriedenheit und Ruhe des Geistes, das Unterlassen von Sorgen, Geschlechtsverkehr und Anstrengung sowie der Anblick angenehmer Dinge,

navānnāni navaṃ madyaṃ grāmyānūpaudakā rasāḥ| saṃskṛtāni ca māṃsāni dadhi sarpiḥ payāṃsi ca

frisches Getreide, junger Wein, die Fleischsäfte von Haus-, Sumpf- und Wassertieren, zubereitetes Fleisch, Dickmilch (dadhi), Ghee und Milch,

ikṣavaḥ śālayo māṣā godhūmā guḍavaikṛtam| bastayaḥ snigdhamadhurāstailābhyaṅgaśca sarvadā

Zuckerrohr, Śāli-Reis, Urdbohnen (māṣa), Weizen, Zubereitungen aus Rohzucker (guḍa), ölige und süße Klistiere sowie eine stets fortgesetzte Ölmassage (taila-abhyaṅga),

snigdhamudvartanaṃ snānaṃ gandhamālyaniṣevaṇam| śuklaṃ vāso yathākālaṃ doṣāṇāmavasecanam

eine ölige Einreibung, Baden, das Tragen wohlriechender Substanzen und Blumenkränze, weiße Kleidung sowie die zeitgerechte Ausleitung der Doṣas,

rasāyanānāṃ vṛṣyāṇāṃ yogānāmupasevanam| hatvā'tikārśyamādhatte nṛṇāmupacayaṃ param

und der Gebrauch von Rasāyana- und aphrodisierenden (vṛṣya) Präparaten – all dies vertreibt übermäßige Magerkeit und verleiht den Menschen höchste Körperfülle.

acintanācca kāryāṇāṃ dhruvaṃ santarpaṇena ca| svapnaprasaṅgācca naro varāha iva puṣyati

Durch das Nicht-Grübeln über zu erledigende Aufgaben, durch beständige nährende Ernährung und durch häufigen Schlaf gedeiht ein Mensch rasch, wie ein Wildschwein.

yadā tu manasi klānte karmātmānaḥ klamānvitāḥ | viṣayebhyo nivartante tadā svapiti mānavaḥ

Wenn aber der Geist ermattet ist und die vom Handeln erschöpften Sinnesorgane sich von ihren Objekten zurückziehen, dann schläft der Mensch.

nidrāyattaṃ sukhaṃ duḥkhaṃ puṣṭiḥ kārśyaṃ balābalam| vṛṣatā klībatā jñānamajñānaṃ jīvitaṃ na ca

Glück und Leid, Fülle und Magerkeit, Kraft und Kraftlosigkeit, Manneskraft und Impotenz, Wissen und Unwissen, ja sogar Leben und Nicht-Leben hängen vom Schlaf ab.

akāle'tiprasaṅgācca na ca nidrā niṣevitā| sukhāyuṣī parākuryāt kālarātririvāparā

Schlaf zur Unzeit oder im Übermaß betrieben, ebenso wie gänzlich unterlassener Schlaf, zerstört Glück und Lebensspanne wie eine zweite Todesnacht (kālarātri).

saiva yuktā punaryuṅkte nidrā dehaṃ sukhāyuṣā| puruṣaṃ yoginaṃ siddhyā satyā buddhirivāgatā

Derselbe Schlaf hingegen, richtig angewendet, versieht den Körper des Menschen wieder mit Glück und langem Leben – wie richtige Erkenntnis, die einem Yogin durch Vollendung (siddhi) zuteilwird.

gītādhyayanamadyastrīkarmabhārādhvakarśitāḥ| ajīrṇinaḥ kṣatāḥ kṣīṇā vṛddhā bālāstathā'balāḥ

Diejenigen, die durch Singen, Studieren, Alkoholgenuss, Geschlechtsverkehr, Arbeit, das Tragen von Lasten oder Wandern erschöpft sind, ferner Menschen mit Verdauungsstörung (ajīrṇa), Verletzte, Geschwächte, Alte, Kinder sowie Schwache,

tṛṣṇātīsāraśūlārtāḥ śvāsino hikkinaḥ kṛśāḥ| patitābhihatonmattāḥ klāntā yānaprajāgaraiḥ

von Durst, Durchfall oder Stichschmerz Geplagte, an Atemnot oder Schluckauf Leidende, Magere, Gestürzte, Verletzte, Geisteskranke sowie durch Reisen und Nachtwachen Erschöpfte,

krodhaśokabhayaklāntā divāsvapnocitāśca ye| sarva ete divāsvapnaṃ severan sārvakālikam

sowie durch Zorn, Kummer oder Angst Erschöpfte und alle, für die Tagesschlaf naturgemäß passend ist – all diese dürfen zu jeder Jahreszeit tagsüber schlafen.

dhātusāmyaṃ tathā hyeṣāṃ balaṃ cāpyupajāyate| śleṣmā puṣṇāti cāṅgāni sthairyaṃ bhavati cāyuṣaḥ

Denn dadurch entstehen bei ihnen Gleichgewicht der Körpergewebe und Kraft; Kapha (der Schleim-Doṣa) nährt die Glieder, und die Lebensspanne gewinnt an Festigkeit.

grīṣme tvādānarūkṣāṇāṃ vardhamāne ca mārute| rātrīṇāṃ cātisaṅkṣepāddivāsvapnaḥ praśasyate

Im Sommer (grīṣma) jedoch, wenn durch die austrocknende Jahreszeit (ādāna-Phase) Trockenheit herrscht, wenn Vāta zunimmt und die Nächte sehr kurz sind, wird Tagesschlaf empfohlen.

grīṣmavarjyeṣu kāleṣu divāsvapnāt prakupyataḥ| śleṣmapitte divāsvapnastasmātteṣu na śasyate

Zu allen anderen Jahreszeiten außer dem Sommer geraten Kapha und Pitta durch Tagesschlaf in Erregung; deshalb wird Tagesschlaf zu diesen Zeiten nicht empfohlen.

medasvinaḥ snehanityāḥ śleṣmalāḥ śleṣmarogiṇaḥ| dūṣīviṣārtāśca divā na śayīran kadācana

Fettleibige, Menschen mit ständiger öliger Behandlung, kapha-veranlagte Menschen, an Kapha-Erkrankungen Leidende sowie von Dūṣīviṣa (verzögert wirkendem Gift) Betroffene sollen niemals tagsüber schlafen.

halīmakaḥ śiraḥśūlaṃ staimityaṃ gurugātratā| aṅgamardo'gnināśaśca pralepo hṛdayasya ca

Halīmaka (eine Form der Gelbsucht), Kopfschmerzen, ein Gefühl von Feuchtigkeit und Verklebung, Schwere der Glieder, Gliederschmerzen, Erlöschen des Verdauungsfeuers sowie ein Belaggefühl im Herzbereich,

śophārocakahṛllāsapīnasārdhāvabhedakāḥ| koṭhāruḥpiḍakāḥ kaṇḍūstandrā kāso galāmayāḥ

Schwellungen, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Schnupfen, halbseitiger Kopfschmerz, Nesselsucht, Geschwüre, Juckreiz, Mattigkeit, Husten und Halskrankheiten,

smṛtibuddhipramohaśca saṃrodhaḥ srotasāṃ jvaraḥ| indriyāṇāmasāmarthyaṃ viṣavegapravarta(rdha)nam

Verwirrung von Gedächtnis und Verstand, Verstopfung der srotas (Körperkanäle), Fieber, Unfähigkeit der Sinnesorgane sowie die Verstärkung der Giftwirkung im Körper –

bhavennṛṇāṃ divāsvapnasyāhitasya niṣevaṇāt| tasmāddhitāhitaṃ svapnaṃ buddhvā svapyāt sukhaṃ budhaḥ

all diese Beschwerden können bei Menschen durch die Pflege von schädlichem Tagesschlaf entstehen. Deshalb soll der Weise, nachdem er erkannt hat, welcher Schlaf zuträglich und welcher unzuträglich ist, in Wohlbefinden schlafen.

rātrau jāgaraṇaṃ rūkṣaṃ snigdhaṃ prasvapanaṃ divā| arūkṣamanabhiṣyandi tvāsīnapracalāyitam

Nachtwachen wirkt trocknend, Schlafen am Tage wirkt ölig (befeuchtend); ein im Sitzen genommenes Nickerchen dagegen ist weder trocknend noch verschleimend.

dehavṛttau yathā''hārastathā svapnaḥ sukho mataḥ| svapnāhārasamutthe ca sthaulyakārśye viśeṣataḥ

So wie die Nahrung für den Fortbestand des Körpers notwendig ist, gilt ebenso der Schlaf als förderlich für das Wohlbefinden; und besonders Fettleibigkeit und Magerkeit entstehen aus dem Zusammenspiel von Schlaf und Nahrung.

abhyaṅgotsādanaṃ snānaṃ grāmyānūpaudakā rasāḥ| śālyannaṃ sadadhi kṣīraṃ sneho madyaṃ manaḥsukham

Ölmassage, Abreibung, Baden, die Fleischsäfte von Haus-, Sumpf- und Wassertieren, Śāli-Reis-Speise mit Dickmilch, Milch, ölige Substanzen, Wein sowie geistiges Wohlbefinden,

manaso'nuguṇā gandhāḥ śabdāḥ saṃvāhanāni ca| cakṣuṣostarpaṇaṃ lepaḥ śiraso vadanasya ca

dem Geist zuträgliche Düfte und Klänge, sanfte Massagen, die Erquickung der Augen sowie eine Salbenauflage auf Kopf und Gesicht,

svāstīrṇaṃ śayanaṃ veśma sukhaṃ kālastathocitaḥ| ānayantyacirānnidrāṃ pranaṣṭā yā nimittataḥ

ein gut bereitetes Lager, ein angenehmer Raum sowie eine passende Zeit bringen den Schlaf, der aus irgendeiner Ursache verlorengegangen war, rasch wieder zurück.

kāyasya śirasaścaiva virekaśchardanaṃ bhayam| cintā krodhastathā dhūmo vyāyāmo raktamokṣaṇam

Abführen des Körpers und des Kopfes, Erbrechen, Angst, Sorge, Zorn, Rauchinhalation, körperliche Anstrengung sowie Aderlass,

upavāso'sukhā śayyā sattvaudāryaṃ tamojayaḥ| nidrāprasaṅgamahitaṃ vārayanti samutthitam

Fasten, ein unbequemes Lager, geistige Erhabenheit sowie die Überwindung von Tamas (Trägheit) – all diese Maßnahmen verhindern, richtig eingesetzt, schädlichen übermäßigen Schlaf.

eta eva ca vijñeyā nidrānāśasya hetavaḥ| kāryaṃ kālo vikāraśca prakṛtirvāyureva ca

Eben diese Faktoren sind auch als Ursachen des Schlafverlustes zu erkennen, ebenso Beschäftigung, Zeitpunkt, Krankheit, die individuelle Konstitution (prakṛti) sowie Vāta selbst.

tamobhavā śleṣmasamudbhavā ca manaḥśarīraśramasambhavā ca| āgantukī vyādhyanuvartinī ca rātrisvabhāvaprabhavā ca nidrā

Es gibt Schlaf, der aus Tamas entsteht, Schlaf, der aus Kapha entsteht, Schlaf, der aus geistiger und körperlicher Erschöpfung entsteht, zufällig auftretenden Schlaf, Schlaf, der eine Krankheit begleitet, sowie Schlaf, der aus der Eigennatur der Nacht selbst entsteht.

rātrisvabhāvaprabhavā matā yā tāṃ bhūtadhātrīṃ pravadanti tajjñāḥ| tamobhavāmāhuraghasya mūlaṃ śeṣāḥ punarvyādhiṣu nirdiśanti

Den Schlaf, der aus der Eigennatur der Nacht entsteht, bezeichnen die Kundigen als 'Erhalterin der Wesen' (bhūtadhātrī); den aus Tamas entstandenen nennen sie die Wurzel des Übels; die übrigen Arten ordnen sie wiederum den Krankheiten zu.

ninditāḥ puruṣāsteṣāṃ yau viśeṣeṇa ninditau| nindite kāraṇaṃ doṣāstayorninditabheṣajam

So wurden die verachteten Menschentypen behandelt, insbesondere jene beiden, die besonders verachtet sind, die Ursache ihrer Verachtenswertheit – nämlich die Doṣas – sowie das Heilmittel für diese beiden Verachteten.

yebhyo yadā hitā nidrā yebhyaścāpyahitā yadā| atinidrāyānidrāya bheṣajaṃ yadbhavā ca sā

Ferner wurde erklärt, wem wann Schlaf zuträglich und wem wann er unzuträglich ist, das Heilmittel für übermäßigen Schlaf und für Schlaflosigkeit sowie wodurch dieser Schlaf jeweils entsteht.

yā yā yathāprabhāvā ca nidrā tat sarvamatrijaḥ| aṣṭauninditasaṅkhyāte vyājahāra punarvasuḥ

All dies – welche Art von Schlaf welche Wirkung entfaltet – hat Punarvasu, der Sohn des Atri, im Kapitel über die acht Verachteten (Aṣṭauninditīya) dargelegt.

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