athāto navegāndhāraṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über das Nicht-Unterdrücken der (natürlichen) Dranggefühle (vega) erklären.
Caraka-Saṃhitā · Sutrasthana
Das siebte Kapitel behandelt ein zentrales Präventionsprinzip der Ayurveda-Physiologie: dreizehn natürliche Dranggefühle (vega) – etwa Harn- und Stuhldrang, Niesen, Gähnen, Hunger, Durst oder Schlaf –, deren willkürliche Unterdrückung nach der Lehre spezifische Krankheiten hervorruft; für jeden Fall werden Symptome und Gegenmaßnahmen benannt. Dem stellt der Text ein Gegenprinzip entgegen: Regungen des Geistes und der Rede wie Gier, Zorn oder Verleumdung sollen bewusst gezügelt werden – eine für das klassische Āyurveda charakteristische Verschränkung von Körperphysiologie und Ethik. Weitere Themen sind das rechte Maß körperlicher Bewegung (vyāyāma), die individuelle Doṣa-Konstitution (prakṛti) sowie die Unterscheidung zwischen endogenen Krankheiten und solchen, die auf einen „Fehler der Urteilskraft“ (prajñāparādha) zurückgehen – ein bemerkenswert psychosomatisches Krankheitskonzept. Eine botanische Schwerpunktsetzung fehlt hier weitgehend; im Vordergrund steht die Verhaltensmedizin des gesunden Menschen (svasthavṛtta).
| Drang | Folgen der Unterdrückung | Behandlung |
|---|---|---|
| Harndrang | Stechen in Blase/Harnröhre, Mūtrakṛcchra, Kopfschmerz | Schwitzen, Sitzbäder, Einölung, Basti |
| Stuhldrang | Stechen im Dickdarm/Kopf, Wind- und Stuhlverhaltung, Wadenkrämpfe | Schwitzen, Einölung, Sitzbäder, Zäpfchen, Basti |
| Samendrang | Stechen in Penis/Hoden, Gliederschmerz, Herzschmerz | Einölung, Sitzbäder, Wein, Nirūha-Klistier, Geschlechtsverkehr |
| Vāta (Blähwinde) | Stauung von Stuhl/Urin/Winden, Blähbauch, Erschöpfung | Ölung, Schwitzen, vātānulomana-Mittel |
| Erbrechen | Juckreiz, Nesselausschlag, Appetitlosigkeit, Fieber, Kuṣṭha | bewusst herbeigeführtes Erbrechen, Rauchinhalation, Fasten, Aderlass |
| Niesen | Nackensteife, Kopfschmerz, Gesichtslähmung | Einölung des Oberkörpers, Schwitzen, Rauchinhalation mit Nasya |
| Aufstoßen | Schluckauf, Atemnot, Zittern, Beklemmung | wie bei Schluckauf |
| Gähnen | Verkrümmung, Krämpfe, Taubheitsgefühl | vāta-lindernde Behandlung |
| Hunger | Abmagerung, Schwäche, Gliederschmerz, Schwindel | ölige, warme, leichte Nahrung |
| Durst | Trockenheit in Hals/Mund, Schwerhörigkeit, Erschöpfung | kühle, stärkende Nahrung (tarpaṇa) |
| Tränen | Schnupfen, Augenkrankheiten, Herzkrankheit | Schlaf, Wein, angenehme Gespräche |
| Schlaf | Gähnen, Gliederschmerz, Kopfschmerz | Schlaf und Massage |
| Atem (nach Anstrengung) | Bauchgeschwulst, Herzkrankheit, Bewusstseinstrübung | Ruhe, vāta-lindernde Maßnahmen |
athāto navegāndhāraṇīyamadhyāyaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun wollen wir das Kapitel über das Nicht-Unterdrücken der (natürlichen) Dranggefühle (vega) erklären.
iti ha smāha bhagavānātreyaḥ
So sprach der erhabene Ātreya:
na vegān dhārayeddhīmāñjātān mūtrapurīṣayoḥ| na retaso na vātasya na chardyāḥ kṣavathorna ca
Der Weise soll entstandene Dranggefühle nicht unterdrücken: weder den nach Urin noch nach Stuhl, weder den nach Samen noch den der (Darm-)Winde (vāta, das Körperprinzip von Bewegung und Stoffwechsel), weder den nach Erbrechen noch den nach Niesen,
nodgārasya na jṛmbhāyā na vegān kṣutpipāsayoḥ| na bāṣpasya na nidrāyā niḥśvāsasya śrameṇa ca
auch nicht den nach Aufstoßen, nach Gähnen, nicht die Dranggefühle von Hunger und Durst, nicht den der Tränen, nicht den nach Schlaf und nicht den nach (schwerem) Atem infolge von Anstrengung.
etān dhārayato jātān vegān rogā bhavanti ye| pṛthakpṛthakcikitsārthaṃ tānme nigadataḥ śṛṇu
Höre nun von mir, welche Krankheiten entstehen, wenn man diese entstandenen Dranggefühle unterdrückt – ich nenne sie einzeln, damit du auch ihre Behandlung kennst.
bastimehanayoḥ śūlaṃ mūtrakṛcchraṃ śirorujā | vināmo vaṅkṣaṇānāhaḥ syālliṅgaṃ mūtranigrahe
Bei Unterdrückung des Harndrangs entstehen als Zeichen: Stechen in Blase und Harnröhre, schmerzhaftes Wasserlassen (mūtrakṛcchra), Kopfschmerz, Verkrümmung des Körpers und Blähung der Leistengegend.
svedāvagāhanābhyaṅgān sarpiṣaścāvapīḍakam | mūtre pratihate kuryāttrividhaṃ bastikarma ca
Ist der Harndrang auf diese Weise behindert, soll man Schwitzen, Sitzbäder, Einölung und einen ölhaltigen Stirnumschlag (avapīḍaka) mit Ghee anwenden, sowie die dreifache Bastitherapie (Klistierbehandlung).
pakvāśayaśiraḥśūlaṃ vātavarco'pravartanam | piṇḍiskodveṣṭanādhmānaṃ purīṣe syādvidhārite
Wird der Stuhldrang unterdrückt, entstehen: Stechen im Dickdarm und im Kopf, Nicht-Abgehen von Winden und Stuhl, Krämpfe in den Waden und Blähbauch.
svedābhyaṅgāvagāhāśca vartayo bastikarma ca| hitaṃ pratihate varcasyannapānaṃ pramāthi ca
Schwitzen, Einölung, Sitzbäder, (arzneiliche) Zäpfchen (varti), Bastitherapie sowie abführend wirkende Speisen und Getränke sind bei behindertem Stuhlgang heilsam.
meḍhre vṛṣaṇayoḥ śūlamaṅgamardo hṛdi vyathā| bhavet pratihate śukre vibaddhaṃ mūtrameva ca
Wird der Samendrang unterdrückt, entstehen Stechen in Penis und Hoden, Gliederschmerz (aṅgamarda), Schmerz im Herzen sowie erschwertes Wasserlassen.
tatrābhyaṅgo'vagāhaśca madirā caraṇāyudhāḥ| śāliḥ payo nirūhaśca śastaṃ maithunameva ca
Dabei sind heilsam: Einölung, Sitzbäder, Wein, das Fleisch von Wildtieren (die mit den Beinen kämpfen, caraṇāyudha), śāli-Reis, Milch, das Nirūha-Klistier sowie der Geschlechtsverkehr selbst.
saṅgo viṇmūtravātānāmādhmānaṃ vedanā klamaḥ| jaṭhare vātajāścānye rogāḥ syurvātanigrahāt
Bei Unterdrückung des vāta (der Winde) entstehen: Stauung von Stuhl, Urin und Blähwinden, Blähbauch, Schmerz und Erschöpfung im Bauchraum sowie andere von vāta verursachte Krankheiten.
snehasvedavidhistatra vartayo bhojanāni ca| pānāni bastayaścaiva śastaṃ vātānulomanam
Dabei sind Ölung und Schwitzen, Zäpfchen, geeignete Speisen, Getränke und Klistiere sowie alles, was den vāta in seine natürliche, abwärts gerichtete Bahn lenkt (vātānulomana), heilsam.
kaṇḍūkoṭhārucivyaṅgaśothapāṇḍvāmayajvarāḥ| kuṣṭhahṛllāsavīsarpāśchardinigrahajā gadāḥ
Aus der Unterdrückung des Erbrechens entstehen: Juckreiz, Nesselausschlag (koṭha), Appetitlosigkeit, Flecken im Gesicht (vyaṅga), Schwellung, Blutarmut (pāṇḍu), Fieber, Hautkrankheiten (kuṣṭha), Übelkeit (hṛllāsa) und Hautrötung (vīsarpa).
bhuktvā pracchardanaṃ dhūmo laṅghanaṃ raktamokṣaṇam| rūkṣānnapānaṃ vyāyāmo virekaścātra śasyate
Hier werden empfohlen: nach dem Essen bewusst herbeigeführtes Erbrechen, Rauchinhalation, Fasten (laṅghana), Aderlass, trockene (rūkṣa) Speisen und Getränke, körperliche Bewegung sowie Abführen (virecana).
manyāstambhaḥ śiraḥśūlamarditārdhāvabhedakau| indriyāṇāṃ ca daurbalyaṃ kṣavathoḥ syādvidhāraṇāt
Aus der Unterdrückung des Niesens entstehen: Nackensteifigkeit (manyāstambha), Kopfschmerz, Gesichtslähmung (ardita), halbseitiger Kopfschmerz (ardhāvabhedaka) sowie Schwäche der Sinnesorgane.
tatrordhvajatruke'bhyaṅgaḥ svedo dhūmaḥ sanāvanaḥ| hitaṃ vātaghnamādyaṃ ca ghṛtaṃ cauttarabhaktikam
Dabei sind heilsam: Einölung des oberen Körperbereichs (oberhalb der Schlüsselbeine), Schwitzen, Rauchinhalation mit Nasentropfen (nāvana), vāta-lindernde Speisen zu Beginn der Mahlzeit sowie Ghee nach dem Essen.
hikkā śvāso'ruciḥ kampo vibandho hṛdayorasoḥ| udgāranigrahāttatra hikkāyāstulyamauṣadham
Aus der Unterdrückung des Aufstoßens entstehen: Schluckauf, Atemnot, Appetitlosigkeit, Zittern und Beklemmung in Herz und Brust; dagegen hilft dieselbe Behandlung wie beim Schluckauf.
vināmākṣepasaṅkocāḥ suptiḥ kampaḥ pravepanam| jṛmbhāyā nigrahāttatra sarvaṃ vātaghnamauṣadham
Aus der Unterdrückung des Gähnens entstehen: Verkrümmung, Krämpfe, Zusammenziehung der Glieder, Taubheitsgefühl, Zittern und Beben; dagegen hilft jede vāta-lindernde Behandlung.
kārśyadaurbalyavaivarṇyamaṅgamardo'rucirbhramaḥ| kṣudveganigrahāttatra snigdhoṣṇaṃ laghu bhojanam
Aus der Unterdrückung des Hungergefühls entstehen: Abmagerung, Schwäche, Verfärbung der Haut, Gliederschmerz, Appetitlosigkeit und Schwindel; dagegen ist ölige, warme, leichte Nahrung heilsam.
kaṇṭhāsyaśoṣo bādhiryaṃ śramaḥ sādo hṛdi vyathā| pipāsānigrahāttatra śītaṃ tarpaṇamiṣyate
Aus der Unterdrückung des Durstes entstehen: Trockenheit in Hals und Mund, Schwerhörigkeit, Erschöpfung, Mattigkeit und Schmerz im Herzen; dagegen wird kühle, stärkende Nahrung (tarpaṇa) empfohlen.
pratiśyāyo'kṣirogaśca hṛdrogaścārucirbhramaḥ| bāṣpanigrahaṇāttatra svapno madyaṃ priyāḥ kathāḥ
Aus der Unterdrückung der Tränen entstehen: Schnupfen, Augenkrankheiten, Herzkrankheit, Appetitlosigkeit und Schwindel; dagegen sind Schlaf, Wein und angenehme Gespräche heilsam.
jṛmbhā'ṅgamardastandrā ca śirorogo'kṣigauravam| nidrāvidhāraṇāttatra svapnaḥ saṃvāhanāni ca
Aus der Unterdrückung des Schlafs entstehen: Gähnen, Gliederschmerz, Mattigkeit (tandrā), Kopfschmerz und Schwere der Augen; dagegen sind Schlaf und Massage (saṃvāhana) heilsam.
gulmahṛdrogasammohāḥ śramaniḥśvāsadhāraṇāt| jāyante tatra viśrāmo vātaghnyaśca kriyā hitāḥ
Aus der Unterdrückung des (schweren) Atems nach Anstrengung entstehen Bauchgeschwulst (gulma), Herzkrankheit und Bewusstseinstrübung; dagegen sind Ruhe und vāta-lindernde Maßnahmen heilsam.
veganigrahajā rogā ya ete parikīrtitāḥ| icchaṃsteṣāmanutpattiṃ vegānetānna dhārayet
Wer das Nicht-Entstehen dieser genannten, durch Unterdrückung der Dranggefühle verursachten Krankheiten wünscht, der soll diese Dranggefühle nicht unterdrücken.
imāṃstu dhārayedvegān hitārthī pretya ceha ca| sāhasānāmaśastānāṃ manovākkāyakarmaṇām
Wer jedoch sein Wohl in diesem Leben und im Jenseits sucht, soll die Antriebe zu unbesonnenen, unheilsamen Handlungen des Geistes, der Rede und des Körpers zurückhalten:
lobhaśokabhayakrodhamānavegān vidhārayet| nairlajjyerṣyātirāgāṇāmabhidhyāyāśca buddhimān
Der Weise soll die Antriebe von Gier, Kummer, Furcht, Zorn und Stolz zurückhalten, ebenso die von Schamlosigkeit, Eifersucht, übermäßiger Begierde und (habgierigem) Nachsinnen.
paruṣasyātimātrasya sūcakasyānṛtasya ca| vākyasyākālayuktasya dhārayedvegamutthitam
Den aufkommenden Drang zu harter, maßloser, verleumderischer, unwahrer oder zur Unzeit gesprochener Rede soll er zurückhalten.
dehapravṛttiryā kācidvidyate parapīḍayā| strībhogasteyahiṃsādyā tasyāvegānvidhārayet
Jeden körperlichen Antrieb, der anderen Schaden zufügt – wie das Verlangen nach fremden Frauen, Diebstahl, Gewalt und dergleichen –, soll er zurückhalten.
puṇyaśabdo vipāpatvānmanovākkāyakarmaṇām| dharmārthakāmān puruṣaḥ sukhī bhuṅkte cinoti ca
Durch die Sündlosigkeit seiner Handlungen in Geist, Rede und Körper erlangt der Mensch guten Ruf und genießt und mehrt glücklich dharma (Tugend/Pflicht), artha (Wohlstand) und kāma (sinnliche Freude).
śarīraceṣṭā yā ceṣṭā sthairyārthā balavardhinī| dehavyāyāmasaṅkhyātā mātrayā tāṃ samācaret
Diejenige körperliche Betätigung, die der Festigung dient und die Kraft mehrt und die als körperliche Bewegung (vyāyāma) bezeichnet wird, soll man im rechten Maß ausüben.
lāghavaṃ karmasāmarthyaṃ sthairyaṃ duḥkhasahiṣṇutā | doṣakṣayo'gnivṛddhiśca vyāyāmādupajāyate
Leichtigkeit des Körpers, Leistungsfähigkeit, Festigkeit, die Fähigkeit, Beschwerden zu ertragen, die Verminderung der doṣas (der Körperprinzipien vāta, pitta und kapha) sowie die Steigerung des agni (Verdauungsfeuer) entstehen durch körperliche Bewegung.
śramaḥ klamaḥ kṣayastṛṣṇā raktapittaṃ pratāmakaḥ| ativyāyāmataḥ kāso jvaraśchardiśca jāyate (svedāgamaḥ śvāsavṛddhirgātrāṇāṃ lāghavaṃ tathā| hṛdayādyuparodhaśca iti vyāyāmalakṣaṇam
Durch übermäßige körperliche Bewegung entstehen Erschöpfung, Mattigkeit, Auszehrung, Durst, Blutungen (raktapitta), Ohnmachtsanfälle, Husten, Fieber und Erbrechen. (Schweißausbruch, vermehrte Atmung, Leichtigkeit der Glieder sowie ein Beklemmungsgefühl im Herzbereich – dies sind die Zeichen ausreichender körperlicher Bewegung.)
) vyāyāmahāsyabhāṣyādhvagrāmyadharmaprajāgarān| nocitānapi seveta buddhimānatimātrayā
Körperliche Bewegung, Lachen, Sprechen, Gehen, Geschlechtsverkehr und Nachtwachen soll der Weise, auch wenn sie ihm zuträglich sind, nicht im Übermaß betreiben.
etānevaṃvidhāṃścānyān yo'timātraṃ niṣevate| gajaṃ siṃha ivākarṣan sahasā sa vinaśyati (ativyavāyabhārādhvakarmabhiścātikarśitāḥ | krodhaśokabhayāyāsaiḥ krāntā ye cāpi mānavāḥ bālavṛddhapravātāśca ye coccairbahubhāṣakāḥ| te varjayeyurvyāyāmaṃ kṣudhitāstṛṣitāśca ye
Wer diese und ähnliche Dinge im Übermaß betreibt, geht plötzlich zugrunde, wie ein Löwe, der im Kampf einen Elefanten niederreißt. (Menschen, die durch übermäßigen Geschlechtsverkehr, das Tragen von Lasten oder durch Wandern sehr geschwächt sind, die von Zorn, Kummer, Furcht oder Anstrengung ergriffen sind, ebenso Kinder, Alte, dem Wind Ausgesetzte und solche, die viel und laut sprechen, sowie Hungrige und Durstige – sie alle sollen körperliche Bewegung meiden.)
) ucitādahitāddhīmān kramaśo viramennaraḥ| hitaṃ krameṇa seveta kramaścātropadiśyate
Von Gewohntem, das dennoch unheilsam ist, soll der Weise sich schrittweise zurückziehen, und Heilsames soll er schrittweise aufnehmen. Dieses schrittweise Vorgehen wird nun gelehrt:
prakṣepāpacaye tābhyāṃ kramaḥ pādāṃśiko bhavet| ekāntaraṃ tataścordhvaṃ dvyantaraṃ tryantaraṃ tathā
Bei Aufnahme wie bei Abbau soll die jeweilige Steigerung bzw. Verringerung um ein Viertel des Maßes erfolgen; danach im Abstand von einem Tag, dann von zwei, dann von drei Tagen.
krameṇāpacitā doṣāḥ krameṇopacitā guṇāḥ| santo yāntyapunarbhāvamaprakampyā bhavanti ca
Die doṣas, die schrittweise abgebaut werden, und die guten Eigenschaften, die schrittweise aufgebaut werden, verschwinden ohne Wiederkehr bzw. bestehen fest und unerschütterlich.
samapittānilakaphāḥ kecidgarbhādi mānavāḥ| dṛśyante vātalāḥ kecitpittalāḥ śleṣmalāstathā
Manche Menschen findet man von Geburt an mit ausgeglichenem pitta (dem Feuer- und Stoffwechselprinzip), vāta und kapha (dem Prinzip von Struktur und Feuchtigkeit); manche mit vāta-Übergewicht, manche mit pitta-Übergewicht und ebenso manche mit kapha-Übergewicht.
teṣāmanāturāḥ pūrve vātalādyāḥ sadāturāḥ| doṣānuśayitā hyeṣāṃ dehaprakṛtirucyate
Von diesen sind die Erstgenannten, mit ausgeglichenen doṣas, nicht krankheitsanfällig, während die mit vāta-Übergewicht und die übrigen stets anfällig sind; denn ihre Körperkonstitution (prakṛti) wird nach dem sie beherrschenden doṣa benannt.
viparītaguṇasteṣāṃ svasthavṛttervidhirhitaḥ| samasarvarasaṃ sātmyaṃ samadhātoḥ praśasyate
Für sie ist eine Lebensweise mit den jeweils entgegengesetzten Eigenschaften heilsam; für den Menschen mit ausgeglichenen dhātus (Körpergeweben) wird eine ihm zuträgliche (sātmya) Kost gelobt, die alle rasas (Geschmacksrichtungen) zu gleichen Teilen enthält.
dve adhaḥ sapta śirasi khāni svedamukhāni ca| malāyanāni bādhyante duṣṭairmātrādhikairmalaiḥ
Die zwei unteren und sieben oberen Körperöffnungen sowie die Schweißporen – diese Ausscheidungswege (malāyana) werden durch verdorbene, übermäßige Ausscheidungsstoffe (mala) behindert.
malavṛddhiṃ gurutayā lāghavānmalasaṅkṣayam| malāyanānāṃ budhyeta saṅgotsargādatīva ca
Man erkenne die Vermehrung der mala an einem Schweregefühl, ihre Verminderung an Leichtigkeit, sowie den Zustand der Ausscheidungswege an Stauung oder übermäßiger Ausscheidung.
tān doṣaliṅgairādiśya vyādhīn sādhyānupācaret| vyādhihetupratidvandvairmātrākālau vicārayan
Nachdem man diese heilbaren Krankheiten anhand der Zeichen der doṣas erkannt hat, behandle man sie mit Mitteln, die der Krankheitsursache entgegenwirken, wobei man Dosis (mātrā) und Zeitpunkt (kāla) sorgfältig erwägt.
viṣamasvasthavṛttānāmete rogāstathā'pare | jāyante'nāturastasmāt svasthavṛttaparo bhavet
Bei denen, die eine unregelmäßige Lebensweise (svasthavṛtti) führen, entstehen diese und andere Krankheiten; daher sei, wer krankheitsfrei bleiben will, der Pflege der rechten Lebensweise ergeben.
mādhavaprathame māsi nabhasyaprathame punaḥ| sahasyaprathame caiva hārayeddoṣasañcayam
Im ersten Monat des Frühlings (Mādhava, etwa Mitte März bis Mitte April), im ersten Monat des Herbstes (Nabhasya) und im ersten Monat des Winters (Sahasya) soll man die angesammelten doṣas ausleiten.
snigdhasvinnaśarīrāṇāmūrdhvaṃ cādhaśca nityaśaḥ| bastikarma tataḥ kuryānnasyakarma ca buddhimān
Nachdem der Körper geölt und geschwitzt wurde, soll der Weise regelmäßig sowohl die oberen als auch die unteren Reinigungsmaßnahmen durchführen, danach die Bastitherapie und die Nasya-Behandlung (Nasenmedikation).
yathākramaṃ yathāyogyamata ūrdhvaṃ prayojayet| rasāyanāni siddhāni vṛṣyayogāṃśca kālavit
Danach soll der Zeitkundige der Reihe nach und wie es angemessen ist, bewährte Verjüngungsmittel (rasāyana) und aphrodisierende Rezepturen (vṛṣya) anwenden.
rogāstathā na jāyante prakṛtistheṣu dhātuṣu| dhātavaścābhivardhante jarā māndyamupaiti ca
So entstehen keine Krankheiten, solange die dhātus in ihrem natürlichen Zustand bleiben; die dhātus mehren sich, und das Alter (jarā) tritt nur verzögert ein.
vidhireṣa vikārāṇāmanutpattau nidarśitaḥ| nijānāmitareṣāṃ tu pṛthagevopadekṣyate
Dies ist die aufgezeigte Methode zur Verhütung der endogenen (nija, aus dem Körper selbst entstehenden) Krankheiten; die der anderen wird gesondert gelehrt werden.
ye bhūtaviṣavāyvagnisamprahārādisambhavāḥ| nṛṇāmāgantavo rogāḥ prajñā teṣvaparādhyati
Diejenigen Krankheiten der Menschen, die von exogenen (āgantu, von außen kommenden) Ursachen herrühren – wie Zusammenstoß mit Dämonen (bhūta), Gift, Wind oder Feuer und dergleichen –, bei diesen liegt der Fehler bei der (fehlgeleiteten) Urteilskraft (prajñā).
īrṣyāśokabhayakrodhamānadveṣādayaśca ye| manovikārāste'pyuktāḥ sarve prajñāparādhajāḥ
Auch die Störungen des Geistes wie Eifersucht, Kummer, Furcht, Zorn, Stolz, Hass und dergleichen – auch sie alle werden als aus prajñāparādha (dem Fehler der Urteilskraft) entstanden erklärt.
tyāgaḥ prajñāparādhānāmindriyopaśamaḥ smṛtiḥ| deśakālātmavijñānaṃ sadvṛttasyānuvartanam
Das Meiden der Fehler der Urteilskraft, die Beherrschung der Sinne, Achtsamkeit (smṛti), das Wissen um Ort, Zeit und das eigene Selbst sowie das Befolgen des rechten Verhaltens (sadvṛtta) –
āgantūnāmanutpattāveṣa mārgo nidarśitaḥ| prājñaḥ prāgeva tat kuryāddhitaṃ vidyādyadātmanaḥ
dies ist der aufgezeigte Weg zur Verhütung der exogenen Krankheiten. Der Weise soll dies von vornherein tun und erkennen, was ihm selbst zuträglich ist.
āptopadeśaprajñānaṃ pratipattiśca kāraṇam| vikārāṇāmanutpattāvutpannānāṃ ca śāntaye
Die Kenntnis der Lehre vertrauenswürdiger (āpta) Menschen und ihre praktische Umsetzung sind die Ursache sowohl für die Verhütung von Krankheiten als auch für die Heilung bereits entstandener.
pāpavṛttavacaḥsattvāḥ sūcakāḥ kalahapriyāḥ| marmopahāsino lubdhāḥ paravṛddhidviṣaḥ śaṭhāḥ
Menschen von sündhaftem Verhalten, sündhafter Rede und sündhaftem Gemüt, Verleumder, Streitsüchtige, solche, die die empfindlichen Punkte anderer (marman) verhöhnen, Habgierige, solche, die den Erfolg anderer hassen, sowie Betrüger –
parāpavādaratayaścapalā ripusevinaḥ| nirghṛṇāstyaktadharmāṇaḥ parivarjyā narādhamāḥ
solche, die sich an der Verleumdung anderer erfreuen, Unbeständige, Feindesdiener, Mitleidlose und solche, die dharma aufgegeben haben – diese niedrigsten Menschen sind zu meiden.
buddhividyāvayaḥśīladhairyasmṛtisamādhibhiḥ| vṛddhopasevino vṛddhāḥ svabhāvajñā gatavyathāḥ
Die Alten hingegen, ausgezeichnet durch Verstand, Wissen, hohes Alter, guten Charakter, Standhaftigkeit, Erinnerung und geistige Sammlung (samādhi), die selbst wieder den Alten dienen, die die wahre Natur der Dinge kennen und frei von Leid sind,
sumukhāḥ sarvabhūtānāṃ praśāntāḥ śaṃsitavratāḥ| sevyāḥ sanmārgavaktāraḥ puṇyaśravaṇadarśanāḥ
wohlwollend gegenüber allen Wesen, ruhig, von gepriesenen Gelübden, Lehrer des rechten Weges, deren Anhören und Anblick verdienstvoll (puṇya) ist – diese soll man aufsuchen und ihnen dienen.
āhārācāraceṣṭāsu sukhārthī pretya ceha ca| paraṃ prayatnamātiṣṭhedbuddhimān hitasevane
Wer sein Glück in diesem Leben und im Jenseits sucht, soll bei Nahrung, Verhalten und Handlungen mit größter Anstrengung dem Zuträglichen folgen.
na naktaṃ dadhi bhuñjīta na cāpyaghṛtaśarkaram| nāmudgayūṣaṃ nākṣaudraṃ noṣṇaṃ nāmalakairvinā
Man esse nachts keinen Joghurt (dadhi), und auch nicht ohne Ghee und Zucker, nicht ohne Mungbohnensuppe (mudgayūṣa), nicht ohne Honig, nicht erhitzt und nicht ohne Amalaki-Früchte.
jvarāsṛkpittavīsarpakuṣṭhapāṇḍvāmayabhramān| prāpnuyātkāmalāṃ cogrāṃ vidhiṃ hitvā dadhipriyaḥ
Wer, dem Joghurt zugetan, diese Regel missachtet, erleidet Fieber, Blutungen (raktapitta), Hautrötung (vīsarpa), Hautkrankheiten (kuṣṭha), Blutarmut (pāṇḍu), Schwindel und schwere Gelbsucht (kāmalā).
tatra ślokāḥ- vegā vegasamutthāśca rogāsteṣāṃ ca bheṣajam| yeṣāṃ vegā vidhāryāśca yadarthaṃ yaddhitāhitam
Dazu die Merkverse: die Dranggefühle und die durch ihre Unterdrückung entstehenden Krankheiten sowie deren Behandlung; welche Dranggefühle dagegen zurückgehalten werden sollen, wozu, sowie was zuträglich und was unzuträglich ist;
ucite cāhite varjye sevye cānucite kramaḥ| yathāprakṛti cāhāro malāyanagadauṣadham
das schrittweise Vorgehen beim Meiden von Gewohntem, das dennoch unzuträglich ist, und bei der Aufnahme von Zuträglichem, das noch ungewohnt ist; die der Konstitution entsprechende Ernährung; die Krankheiten der Ausscheidungswege und ihre Behandlung;
bhaviṣyatāmanutpattau rogāṇāmauṣadhaṃ ca yat| varjyāḥ sevyāśca puruṣā dhīmatā''tmasukhārthinā
die Mittel zur Verhütung künftiger Krankheiten; sowie die Menschen, die der Weise, der sein eigenes Glück sucht, meiden bzw. aufsuchen soll –
vidhinā dadhi sevyaṃ ca yena yasmāttadatrijaḥ| navegāndhāraṇe'dhyāye sarvamevāvadanmuniḥ
und die Regel, nach der und weshalb Joghurt zu essen ist – all dies hat der weise Sohn des Atri (Ātreya) im Kapitel über das Nicht-Unterdrücken der Dranggefühle vollständig dargelegt.