Paṭala 1: śrīkulārṇavatantre jīvasthitikathanaṃ nāma prathama ullāsaḥ
1. Kapitel: Darlegung des Zustands der Lebewesen
Quelle: Kulārṇava-Tantra, hg. Tārānātha Vidyāratna (Arthur Avalon), Tantrik Texts Vol. 5, Luzac & Co., London 1917 (archive.org, OCR-Text). Inhalt: Pārvatī fragt Śiva, wie die im Saṃsāra leidenden Wesen zu Glück und Erlösung gelangen. Śiva legt dar: die Jīvas sind Teile des Brahman, durch Unwissenheit und Karma gebunden und durch viele Geburten wandernd; die menschliche Geburt ist der seltene Zugang zur Erlösung und darf nicht vergeudet werden (Verse 14–27). Es folgen ausgedehnte Mahnungen zur Vergänglichkeit von Leben, Körper und Besitz und zum Tod (28–54), zur Lösung von Anhaftung und Familienbindung (55–73), Kritik an äußerlicher Askese, Tier-Vergleichen und bloßer Schriftgelehrsamkeit (74–107), und die Lehre, dass allein Erkenntnis der Wirklichkeit (tattva) durch den Guru befreit, wofür der Kula-Dharma angekündigt wird (108–121). Die OCR-Qualität ist mäßig bis schlecht; unsichere Stellen sind mit [?] markiert, Handschriftenvarianten (ka kha ga gha ṅa) laut Fußnoten in notes erwähnt.
kailāsaśikharāsīnaṃ devadevaṃ jagadgurum | papraccheśaṃ parānandaṃ pārvatī parameśvaram ||1||
śrīdevy uvāca |
bhagavan devadeveśa pañcakṛtyavidhāyaka | sarvajña bhaktisulabha śaraṇāgatavatsala ||2||
kuleśa parameśāna karuṇāmṛtavāridhe | asāre ghorasaṃsāre sarvaduḥkhamalīmasāḥ ||3||
nānāvidhaśarīrasthā anantā jīvarāśayaḥ | jāyante ca mriyante ca teṣāṃ mokṣo na vidyate ||4||
sadā duḥkhāturā deva na sukhaṃ vidyate kvacit | kenopāyena deveśa sukhī syād vada me prabho ||5||
Pārvatī fragte den auf dem Gipfel des Kailāsa sitzenden Gott der Götter, den Lehrer der Welt, den Herrn der höchsten Wonne, den höchsten Herrn.
Die Göttin sprach: O Erhabener, Gott der Götter und Herr, Vollbringer der fünf Werke (Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung, Gnade), Allwissender, leicht durch Hingabe zu erreichen, du Liebender derer, die bei dir Zuflucht suchen! (2)
Herr der Kula, höchster Gebieter, Ozean des Mitleids! In diesem wesenlosen, schrecklichen Saṃsāra (Kreislauf der Wiedergeburten) sind die zahllosen Scharen der Lebewesen, befleckt von allem Leid, in vielerlei Körpern wohnend; sie werden geboren und sterben, und für sie gibt es keine Erlösung [bzw. kein Ende]. (3–4)
Immerfort von Leid bedrängt, o Gott, findet sich nirgends Glück. Durch welches Mittel, Herr der Götter, kann man glücklich werden? Sage es mir, o Herr. (5)
Vers 1: Die Lesart „kailāsa-“ ist aus der OCR-Form rekonstruiert [?]. Vers 4: Der Haupttext liest „mokṣo na vidyate“ (Erlösung gibt es nicht); die Handschriften ka kha ga ṅa lesen laut Fußnote „teṣām anto na vidyate“ (ihr Ende gibt es nicht). Vers 5d: „sukhī syād“ aus entstelltem OCR-Wort rekonstruiert [?]. „kula“: hier Titel Śivas als „Herr der Kula“ (Kula = Familie/Gesamtheit, in der Tantra-Tradition die Śakti-Sphäre; wird im Verlauf des Textes definiert).
Śrī Īśvara (Śiva) sprach: Höre, Göttin, ich will dir sagen, wonach du mich fragst; allein durch das Hören davon wird der Mensch aus dem Saṃsāra befreit. (6)
Göttin, Śiva ist von der Natur des höchsten Brahman, ungeteilt (niṣkala), Urheber von allem und allwissend, makellos und ohne Zweiten. (7) Er ist Licht ohne Anfang und Ende, unveränderlich, das Höhere als das Höchste, eigenschaftslos, Sein-Bewusstsein-Wonne. Seine Teile sind die „Jīva“ genannten Einzelseelen. (8)
Von der Unwissenheit (avidyā) bedingt, sind sie wie Funken im Feuer; durch Beschränkungen (upādhi), durch Handlungen (karman) und durch die Sinneswerkzeuge usw. sind sie voneinander unterschieden, (9) gebunden von den eigenen Übeln (pāpa), die alles Leid geben. Einen Körper von der jeweiligen Art (Gattung), Lebensdauer und Genuss, aus der Tat geboren, (10) erlangen die verblendeten Menschen in jeder Geburt neu; der feinstoffliche Körper (liṅga-śarīra) [bleibt dabei] bis zur Erlösung, Liebe [?]. (11)
Unbewegliches (Pflanzen), Würmer, Vögel, Tiere, Menschen, Rechtschaffene, Götter, ebenso [dann] … der Reihe nach [?]. (12) Nachdem man vierfache Körper tausendfach immer wieder erlangt hat, wird man Mensch; wenn man dann Wissender ist, kann man Erlösung erreichen. (13)
Vers 7a: „devi“ steht im OCR am Zeilenanfang; Lesung unsicher. Vers 9: OCR entstellt; Haupttext „upādhibhinnāḥ karmabhiḥ karaṇādibhiḥ“ nach Fußnote (ṅa: „saṃbhinnās te karmabhir anādibhiḥ“ = von anfangslosen Handlungen geschieden). Vers 11cd: OCR stark entstellt; Rekonstruktion [?]. Vers 12d: „niraya-“ (Hölle) ist OCR-Form und passt inhaltlich nicht zur aufsteigenden Reihe; unsicher [?]. „vierfache Körper“ = die vier Geburtsarten (eiergeboren, schweißgeboren, keimgeboren, lebendgeboren) – Deutung nach Standardlehre, nicht im Vers. Vers 13cd: „kṛtātmā“ nach Fußnote (ga) statt entstelltem OCR; im Druck steht die Halbzeile wegen OCR doppelt.
caturaśītilakṣeṣu śarīreṣu śarīriṇām | na mānuṣyaṃ vinānyatra tattvajñānaṃ tu labhyate ||14||
atra janmasahasreṣu sahasrair api pārvati | kadācil labhate jantur mānuṣyaṃ puṇyasaṃcayāt ||15||
sopānabhūtaṃ mokṣasya mānuṣyaṃ prāpya durlabham | yas tārayati nātmānaṃ tasmāt pāpataro 'tra kaḥ ||16||
tataś cāpy uttamaṃ janma labdhvā cendriyasauṣṭhavam | na vetty ātmahitaṃ yas tu sa bhaved ātmaghātakaḥ ||17||
vinā dehena kasyāpi puruṣārtho na vidyate | tasmād dehadhanaṃ prāpya puṇyakarmāṇi sādhayet ||18||
rakṣet sarvātmanātmānam ātmā sarvasya bhājanam | rakṣaṇe yatnam ātiṣṭhed yāvat tattvaṃ na paśyati ||19||
[…] dhanaṃ tac ca gṛhaṃ dhanagṛham [?] | punaḥ kṣetraṃ kalatraṃ ca na śarīraṃ punaḥ punaḥ ||20||
Unter den vierundachtzig Lakh (8,4 Millionen) Arten von Körpern der Verkörperten wird Erkenntnis der Wirklichkeit (tattva-jñāna) nirgends sonst erlangt als im Menschsein. (14) Nach Tausenden und Abertausenden von Geburten, Pārvatī, erlangt ein Lebewesen nur manchmal, durch Anhäufung von Verdienst, das Menschsein. (15) Wer, nachdem er das schwer erreichbare Menschsein erlangt hat – die Stufenleiter zur Erlösung –, sich selbst nicht hinüberführt, wer ist dann sündhafter als er? (16)
Und wer, obwohl er eine höchste Geburt und vollkommene Sinnesorgane erlangt hat, sein eigenes Wohl nicht erkennt, der ist ein Selbstmörder. (17) Ohne Körper gibt es für niemanden ein Lebensziel (puruṣārtha); deshalb soll man, nachdem man den Körper als Besitz erlangt hat, verdienstvolle Werke vollbringen. (18) Man schütze sich selbst mit allem Einsatz – das Selbst ist das Gefäß von allem. Man mühe sich um dessen Schutz, solange man die Wirklichkeit (tattva) nicht schaut. (19)
[…] Besitz, Haus, Reichtum [?], Feld und Gattin [gibt es] wieder – nicht aber den Körper, immer wieder. (20)
Vers 20a: OCR unlesbar; sinngemäß rekonstruiert nach dem Gedanken der Zeilen b–d [?]. Die Versnummern des OCR sind teils verstümmelt; sie wurden stillschweigend nach der Zählung korrigiert.
śarīrarakṣaṇāyāsaḥ kriyate sarvadā janaiḥ | nahīcchanti tanutyāgam api kuṣṭhādirogataḥ ||21||
tad ātmahitam [?] syād yatnena dharmo jñānārtham eva ca | jñānaṃ ca dhyānayogāc ca so 'cirāt parimucyate ||22||
ātmaiva yadi nātmānam ahitebhyo nivārayet | ko 'nyo hitakaras tasmād ātmānaṃ tārayiṣyati ||23||
ihaiva narakavyādhicikitsāṃ na karoti yaḥ | gatvā niroṣadhaṃ sthānaṃ vyādhistaḥ kiṃ kariṣyati ||24||
saṃdīpte bhavane ko vā kūpaṃ khanati durmatiḥ | yāvat tiṣṭhati deho 'yaṃ tāvat tat samabhyaset ||25||
vyāghrīvāste jarā cāyuḥ sravati bhinnaghaṭāmbuvat | nighnanti śatruvad rogās tasmāc chreyaḥ samācaret ||26||
yāvan na jāyate duḥkhaṃ yāvan nāyānti cāpadaḥ | yāvan nendriyavaikalyaṃ tāvac chreyaḥ samācaret ||27||
Die Menschen bemühen sich allezeit um den Schutz des Körpers; sie wollen selbst bei Krankheiten wie Aussatz den Verlust des Leibes nicht. (21) Dies (das Selbst-Wohl) soll durch Anstrengung geschehen: Dharma um der Erkenntnis willen; und Erkenntnis [entsteht] aus Meditation und Yoga; dann wird man bald völlig befreit. (22) Wenn das Selbst sich nicht selbst von Schädlichem abhält – wer sonst, der [ihm] Gutes tut, wird dann das Selbst hinüberführen? (23)
Wer schon hier die Krankheit „Hölle“ nicht behandeln lässt – was wird der Kranke tun, wenn er an einen Ort ohne Heilmittel gegangen ist? (24) Wer gräbt, wenn das Haus in Flammen steht, einen Brunnen – ein Tor! Solange dieser Körper besteht, so lange soll man es (das Heilsame) üben. (25) Das Alter lauert wie eine Tigerin, und das Leben rinnt aus wie Wasser aus einem geborstenen Krug; die Krankheiten erschlagen wie Feinde; darum übe man das Heilsame. (26) Solange sich kein Leid einstellt, keine Nöte kommen, keine Beeinträchtigung der Sinne eintritt, so lange übe man das Heilsame (śreyas). (27)
Vers 22: in den Handschriften stark variierend (ka: „athaiva“, ṅa: „prāgeva“ usw.); Rekonstruktion unsicher [?]. Vers 23: die Zeile trägt im Druck die Zählung 22 (OCR-Fehler); nach Zählung 23. „śreyas“: das Heilsame, höchste Gute (im Gegensatz zu preyas, dem Angenehmen).
kālo na jñāyate nānākāryaiḥ saṃsārasambhavaiḥ | sukhaduḥkharato jantur na vetti hitam ātmanaḥ ||28||
jaḍān ārtān unmattān āpadgatān dṛṣṭvātiduḥkhitān | loko mohasurāṃ pītvā na vibheti kadācana ||29||
saṃpadaḥ svapnasaṃkāśā yauvanaṃ kusumopamam | taḍic cañcalam āyuś ca kasya syāj jānato ratiḥ ||30||
śataṃ jīvitam alpaṃ ca nidrā syād ardhahāriṇī | bālyarogajarāduḥkhais tad apy aphalam [?] ||31||
prārabdhavye nirudvegaḥ jāgartavye suṣuptakaḥ | viśvastavyo bhayasthāne ghātakaḥ kiṃ na hanyate [?] ||32||
toyaphenasame dehe jīve śakunivat sthite | anitye 'priyasaṃsāre kathaṃ tiṣṭhanti nirbhayāḥ ||33||
ahite hitabuddhiḥ syād adhruve dhruvacintakaḥ | anarthe cārthavijñāno mṛtyuṃ yo na vetti ca ||34||
Die Zeit wird nicht erkannt bei den vielerlei Geschäften, die der Saṃsāra hervorbringt; das Wesen, an Lust und Leid hängend, kennt sein eigenes Wohl nicht. (28) Wenn die Welt Stumpfe, Kranke, Wahnsinnige, in Not Geratene, aufs Äußerste Leidende sieht, trinkt sie den Wein der Verblendung und fürchtet sich niemals. (29) Reichtümer gleichen einem Traum, die Jugend einer Blume, das Leben ist flüchtig wie der Blitz – wer, der es weiß, könnte daran Freude finden? (30)
Ein Leben von hundert [Jahren] ist kurz, und der Schlaf nimmt die Hälfte weg; durch Kindheit, Krankheit und Leiden des Alters ist auch das [Übrige] fruchtlos. (31) Für das Anzugehende ohne Eifer, wo man wachen müsste, schlafend, wo Gefahr ist, vertrauensvoll – wird ein solcher nicht vom Mörder erschlagen [?]? (32) Im Körper, der Wasserschaum gleicht, sitzt die Seele wie ein Vogel; im vergänglichen, unerfreulichen Saṃsāra – wie können sie da furchtlos verweilen? (33) Wer im Unheilvollen Heil sieht, im Unbeständigen das Beständige denkt, im Unnützen Nutzen erkennt und den Tod nicht kennt – (34)
Vers 31: Lesart „śataṃ“ nach Fußnote (kha); Haupttext des Drucks wohl „gataṃ“; Zeile stark entstellt [?]. Vers 32: OCR-Text und Fußnoten (ka: „prārabdhād vyādhir udvegaḥ“ usw.) sehr abweichend; Deutung unsicher. Vers 34 setzt sich syntaktisch in Vers 35 fort.
paśyann api na paśyet sa gantavyaṃ na budhyate | paṭhann api na jānāti tava māyāvimohitaḥ ||35||
saṃnimagnaṃ jagad idaṃ gambhīre kālasāgare | mṛtyurogajarāgrāhaṃ na kiṃcid api budhyate ||36||
pratikṣaṇam ayaṃ kāyo jīryamāṇo na lakṣyate | āmakumbha ivāmbhaḥstho viśīrṇo naiva bhāvyate ||37||
yujyate veṣṭanaṃ vāyor ākāśasya ca khaṇḍanam | grathanaṃ ca taraṅgāṇām āsthā nāyuṣi yujyate ||38||
pṛthivī dahyate yena merur apy viśīryate | śuṣyate sāgarajalaṃ śarīre devi kā kathā ||39||
– der sieht und sieht doch nicht, weiß nicht, wohin er gehen muss; er liest und weiß doch nichts, von deiner Māyā (Täuschungsmacht) betört. (35) Diese in das tiefe Meer der Zeit versunkene Welt, in dem Tod, Krankheit und Alter die Krokodile sind, erkennt nicht das Geringste [?]. (36) Von Augenblick zu Augenblick altert dieser Leib und wird doch nicht bemerkt; wie ein ungebrannter Krug im Wasser zerfällt er, ohne dass man es merkt. (37) Möglich wäre es, den Wind zu umwickeln, den Raum zu zerteilen, Wellen aufzureihen – Vertrauen auf das Leben ist nicht angebracht. (38) Die Erde wird von dem [Weltbrand] verbrannt, selbst der Meru zerfällt, das Wasser des Meeres trocknet aus – was ist da erst vom Körper zu sagen, Göttin! (39)
Vers 36: „-grāhaṃ“ (Akk.) grammatisch unglatt, evtl. „-grāhe“ [?]. Vers 35: „tava māyā-“ – Śiva spricht Pārvatī an.
apatyaṃ me kalatraṃ me dhanaṃ me bāndhavāś ca me | lapantam iti martyaṃ hi hanti kālo balāt priye ||40||
idaṃ kṛtam idaṃ kāryam idam anyat kṛtākṛtam | evam īhāsamāyuktaṃ mṛtyur atti janaṃ priye ||41||
śvaḥkāryam adya kartavyaṃ pūrvāhṇe cāparāhṇikam | na hi pratīkṣate mṛtyuḥ kṛtaṃ vāsya na vā kṛtam ||42||
jarādaṃṣṭraṃ [?] tapantaṃ ca pracaṇḍavyādhisainikam | mṛtyuṃ śatrum abhijño 'si āyāntaṃ kiṃ na paśyasi [?] ||43||
aśastreṇa vinirbhinnaṃ siktaṃ viṣayasarpiṣā | rāgadveṣānale pakvaṃ mṛtyur atti mānavam ||44||
bālān yauvanasthāṃś ca vṛddhān garbhagatān api | sarvān saṃviśate mṛtyur evambhūtam idaṃ jagat ||45||
brahmaviṣṇumaheśādidevatā bhūtajātayaḥ | nāśam evānudhāvanti tasmāc chreyaḥ samācaret ||46||
„Mein Kind, meine Frau, mein Besitz, meine Verwandten“ – während der Sterbliche so schwatzt, erschlägt ihn die Zeit (Kāla) gewaltsam, Liebe. (40) „Dies ist getan, dies ist zu tun, jenes ist halb getan, halb nicht“ – den so von Wünschen erfüllten Menschen frisst der Tod, Liebe. (41) „Morgen zu Erledigendes muss heute getan werden, Nachmittägliches am Vormittag“ – der Tod wartet nicht ab, ob von diesem etwas getan wurde oder nicht. (42) Den mit den Zähnen des Alters [?], den brennenden, den Heerführer/Soldaten wilder Krankheiten, den Tod, als Feind erkennst du; warum siehst du ihn nicht herankommen? [?] (43)
Ohne Waffe durchbohrt, mit der Schmelzbutter der Sinnesobjekte begossen, im Feuer von Leidenschaft und Hass gargekocht – so verzehrt der Tod den Menschen. (44) Kinder, Jugendliche, Greise, selbst die im Mutterleib – alle verschlingt der Tod; so ist diese Welt. (45) Götter wie Brahmā, Viṣṇu und Maheśa und die Scharen der Wesen laufen alle dem Untergang entgegen; darum übe man das Heilsame. (46)
Vers 43ab: OCR sehr entstellt; die Übersetzung ist ein Versuch [?]; „śatrum“ in c aus OCR-Form rekonstruiert [?]. Vers 44: „aśastreṇa“ aus entstelltem OCR erschlossen.
Durch Überschreiten der dem jeweiligen Stand (varṇa) gemäßen Lebensführung, durch Annahme unreiner Gaben, aus Verblendung und Geldgier schwindet das Leben der Menschen. (47) Durch Nichtstudium von Veda, Śāstra usw., durch Täuschung des Gurus dabei, durch Nichtbezähmung der Sinne schwindet das Leben der Menschen. (48) [Vers 49 stark entstellt:] Menschen, Schlangen, Tiere, Wild – in diesem Saṃsāra gehen die Wesen so, wie es bestimmt ist [?]. (49)
Die Seele geht von Körper zu Körper wie ein Blutegel; nachdem sie eine andere Stätte erlangt hat, verlässt sie den früheren Leib [?]. (50) Wie Kindheit, Jugend und Alter Übergänge [im selben Körper] sind, so ist der Erwerb eines anderen Körpers, als käme man von Körper zu Körper. (51) Die Menschen, nachdem sie Taten getan haben, genießen Freuden und Leiden; auch die Unwissenden gehen und kommen immer wieder [?]. (52) Was hier getan wird, wird dort genossen: an dem Baum, dessen Wurzel begossen wurde, sieht man die Frucht an den Zweigen. (53) Armut, Leid, Krankheit, Fesselung und Unglück – das sind die Früchte am Baum der eigenen Verfehlung für die Verkörperten. (54)
Vers 49ab: OCR-Text zu entstellt für eine sichere Rekonstruktion [?]; c–d lesbar. Vers 50: Vergleich mit dem Blutegel (jalaukā), der erst einen neuen Halt fasst, ehe er den alten loslässt – dies ist die klassische Bildlogik; „paraṃ sthānaṃ“ unsicher. Vers 52cd: unsicher [?].
niḥsaṅga eva mokṣaḥ syād doṣāḥ sarve ca saṅgajāḥ | tasmāt saṅgaṃ parityajya tattvaniṣṭhaḥ sukhī bhavet |
saṅgāc calati jñānī cāvaśyaṃ kim utālpavit ||55||
saṅgaḥ sarvātmanā tyājyaḥ sa cet tyaktuṃ na śakyate | sadbhiḥ saha sa kartavyaḥ satāṃ saṅgo hi bheṣajam ||56||
satsaṅgo vivekaś ca nirmalaṃ nayanadvayam | yasya nāsti naraḥ so 'ndhaḥ kathaṃ na syād amārgagaḥ ||57||
yāvataḥ kurute jantuḥ sambandhān manasaḥ priyān | tāvanto 'sya viśanty ete hṛdaye śokaśaṅkavaḥ ||58||
svadeham api jīvo 'yaṃ tyaktvā yāti kuleśvari | strīmātṛpitṛputrādisambandhaḥ kena hetunā ||59||
duḥkhasvarūpo hi saṃsāraḥ sa yasyāsti sa duḥkhitaḥ | tasya tyāgaḥ kṛto yena sa sukhī nāparaḥ priye ||60||
Erlösung ist allein im Nicht-Anhaften (niḥsaṅga); alle Fehler entstehen aus Anhaftung. Darum gebe man das Anhaften auf, sei in der Wirklichkeit (tattva) gegründet und werde glücklich. Sogar der Wissende gerät durch Anhaften unweigerlich ins Wanken – um wie viel mehr einer, der wenig weiß. (55)
Anhaften ist mit ganzem Wesen zu meiden; kann man es nicht ganz lassen, so pflege man es mit Guten (sat); denn der Umgang mit den Guten ist das Heilmittel. (56) Umgang mit den Guten und Unterscheidungskraft (viveka) sind die zwei makellosen Augen; wer sie nicht hat, ist blind – wie sollte er nicht auf Abwege geraten? (57) So viele dem Geist liebe Bindungen ein Wesen eingeht, so viele Pfähle des Kummers dringen ihm ins Herz. (58) Selbst den eigenen Körper lässt dieses Lebewesen zurück und geht, Herrin der Kula; wie steht es dann mit der Bindung an Frau, Mutter, Vater, Sohn usw.? Aus welchem Grund [bestünde sie]? (59) Der Saṃsāra ist seinem Wesen nach Leid; wer ihn hat, leidet. Wer ihn aufgegeben hat, ist glücklich, kein anderer, Liebe. (60)
Vers 55: Im Druck enthält der Vers drei Halbzeilen (der Rest „saṅgāc calati …“ lässt sich keiner Hälfte zuordnen; Handschriftenvarianten in Fußnote: ga/gha „saṅgāt patati adho jñānī“); Wortlaut z. T. unsicher. Vers 57a: Lesung „satsaṅgo vivekaś ca“ nach Sinn rekonstruiert (OCR: „satsaṅga-vivekasya“) [?]. „kuleśvari“: Anrede der Göttin.
Den Saṃsāra, Ursprung alles Leids, Wohnstatt aller Nöte, Wohnstatt aller Sünden, soll man meiden, Liebe. (61) Er ist eine schreckliche Fessel ohne Verwandtschaft, ein großes Gift [?], die Zerstörung des Vortrefflichen für die, deren Geist am Saṃsāra hängt. (62) Am Anfang, in der Mitte und am Ende ist dies alles Leid; darum gebe man den Saṃsāra auf, sei darin (im Tattva) gegründet und werde glücklich. (63) Aus Fesseln von Eisen und Holz wird sogar der fest Gebundene frei; wer aber an Frau, Reichtum usw. haftet, wird niemals frei. (64)
Bei einem, der sich um die Familie sorgt, gehen Tugenden wie Gelehrsamkeit und gute Sitte zugrunde wie das Wasser im ungebrannten Krug – bloß mit [dem Körper?] [?]. (65) Der Mensch, dem alles Vermögen geraubt ist, wird beständig zugrunde gerichtet – ach, welch Jammer! – durch die Nahrung der Sinnesobjekte, die die Diebe der eigenen Sinne sind [?]. (66) Wie der Fisch, gierig nach Fleisch, den eisernen Haken nicht sieht, so sieht der von Genuss begierige Körperträger die eigene Gefahr nicht [?]. (67)
Vers 62: Text durch OCR stark entstellt (b: „priyoktan mahādviṣam“ o. ä.); Übersetzung ist Versuch [?]. Vers 63b „kila“ unsicher. Vers 65d „aṅgena“ unsicher. Vers 66d und 67d: OCR-Reste, unsicher.
Die, welche Gutes und Schädliches nicht unterscheiden, stets auf Abwegen gehen und nur darauf aus sind, den Bauch zu füllen – diese Unwissenden sind „Höllenbewohner“, Liebe. (68) Schlaf, Beischlaf und Nahrung sind bei allen Lebewesen gleich; „Mensch“ heißt der Wissende, der Wissenslose ist ein Tier (paśu), Liebe. (69) Am Morgen werden die Menschen von Kot und Harn bedrängt, mittags, wenn die Sonne in der Mitte steht, von Sorge und Hunger [?], nachts von Liebeslust und Schlaf. (70) Alle Wesen, versunken in Körper, Besitz, Frau usw., werden geboren und sterben – ach, vom Nichtwissen betört! (71) Alle Menschen, in der eigenen Standes- und Lebensordnung und deren Bräuchen befangen, kennen die höchste Wirklichkeit nicht; sie Verblendeten gehen zugrunde, Pārvatī. (72) Manche sind auf Mühe des Rituals aus, mit Gelübden und Askese ausgestattet; ihr Selbst ist mit Unwissenheit verbunden, sie ziehen umher als Betrüger [?]. (73)
Vers 70b: „cintākṣudbhyām“ aus OCR-Rest rekonstruiert [?]. Vers 72a: „svasvavarṇāśramācāra-“ aus OCR-Rest rekonstruiert (sinngemäß). Vers 73d: „pratārakāḥ“ (Fußnote ṅa: „prabhākarāḥ“) [?]; Bezug unsicher.
Nur mit dem Namen (der Handlung) zufrieden, dem Ritualteil (karma-kāṇḍa) ergeben, sind die Menschen durch Mantra-Sprechen, Opfer (homa) usw. und ausufernde Werke getäuscht [?]. (74) Durch Regeln wie Einmal-Essen am Tag und Fasten, die den Körper auszehren, wünschen die Verblendeten das Jenseitige [?], von deiner Māyā betört. (75) Was für eine Erlösung kann es für Unterscheidungslose durch bloße Körperkasteiung geben? Ist etwa, Göttin, die große Schlange tot, wenn man den Ameisenhügel schlägt? (76) Auf Gelderwerb und Nahrung aus, Heuchler in Verkleidung, wandern sie wie Wissende durch die Welt und bringen auch andere Leute auf Irrwege. (77)
Wer am weltlichen Genuss hängt und doch sagt: „Ich bin ein Brahman-Kenner“, ist von Ritual und Brahman gleichermaßen abgefallen; den soll man meiden wie einen Ausgestoßenen (antyaja). (78) [Solche], in der Welt wie [Wald…] [?], schamlos, nackt (digambara), wandern umher, getadelt – sind sie etwa Yogins? (79) Wenn Menschen durch Aschenbäder erlöst würden, Göttin – sind dann die im Dorf lebenden Tiere, die auf Asche liegen, erlöst? (80)
Vers 75c: „parokṣam“ aus OCR-Form rekonstruiert [?]. Vers 79a: OCR-Wort unlesbar [?]; Sinn daher unsicher. Vers 80: „bhasma-“ aus OCR-Rest erschlossen; Aussage: Hunde usw. liegen im Dorf im Staub/in der Asche.
tṛṇaparṇādikāhārāḥ satataṃ vanavāsinaḥ | hariṇādimṛgā devi yoginas te bhavanti kim ||81||
ājanmamaraṇāntaṃ ca gaṅgādi taṭinīśritāḥ | maṇḍūkamatsyapramukhā vratinas te bhavanti kim ||82||
vadanti […]ānandaṃ [?] paṭhanti śukasārikāḥ | janānāṃ purato devi vibudhāḥ kiṃ bhavanti hi ||83||
pārāvatāḥ śilāhārāḥ parameśvari cātakāḥ | na pibanti mahītoyaṃ yoginas te bhavanti kim ||84||
śītavātātapasahā bhakṣyābhakṣyasamāḥ priye | tiṣṭhanti śūkarādyāś ca yoginas te bhavanti kim ||85||
tasmād ityādikaṃ karma lokavañcanakārakam | mokṣasya kāraṇaṃ sākṣāt tattvajñānaṃ kuleśvari ||86||
ṣaḍdarśanamahākūpe patitāḥ paśavaḥ priye | paramārthaṃ na jānanti paśupāśaniyantritāḥ ||87||
Hirsche und andere Wildtiere, die stets im Wald leben und Gras und Blätter fressen – sind sie etwa Yogins? (81) Frösche, Fische und andere, die von Geburt bis zum Tod an Ganges und anderen Flüssen wohnen – sind sie etwa Gelübdetragende (vratin)? (82) Papageien und Stare sprechen [...] und rezitieren vor den Leuten – sind sie darum Weise, Göttin? (83) Tauben, die Körner aufpicken, und Cātaka-Vögel, Herrin, die kein Erdwasser trinken – sind sie etwa Yogins? (84) Schweine und andere, die Kälte, Wind und Hitze ertragen und Essbares und Nicht-Essbares gleich behandeln – sind sie etwa Yogins? (85)
Darum ist dergleichen Handeln nur Täuschung der Leute; der unmittelbare Grund der Erlösung ist die Erkenntnis der Wirklichkeit (tattva-jñāna), Herrin der Kula. (86) In die große Grube der sechs Philosophiesysteme (ṣaḍ-darśana) gefallen, sind die Tiere (paśu = unerlöste Wesen), Liebe, gefesselt von den Fesseln der paśu; sie kennen das höchste Ziel nicht. (87)
Vers 83a: OCR-Wort unlesbar [?]. Vers 84: der Cātaka soll nur Regenwasser trinken (Motiv der Dichtung). „paśu“ mit Doppelsinn: Tier / unerlöstes, an den Fesseln gebundenes Wesen (Terminus der Śaiva-Tradition).
Im schrecklichen Meer von Veda und Śāstra, hierhin und dorthin gepeitscht, von den Krokodilen der Wellen der Zeit ergriffen, so verharren die Haarspalter (kutārkika). (88) Wer Veda, Āgama und Purāṇa kennt, aber die höchste Überlieferung (paramāmnāya) nicht kennt – für diesen Spötter/Betrüger ist all das Krähengeschrei. (89) „Dies ist zu wissen, jenes zu erkennen“ – so von Sorge bedrängt, lesen sie Tag und Nacht, Göttin, abgewandt von der höchsten Wirklichkeit. (90) Mit Wortgefügen, Metren, durch Dichtkunst und Figuren geschmückt, sitzen die Verblendeten gequält von Grübelei, die Sinne in Aufruhr. (91)
Anders [erklären sie] das höchste Brahman, und die Leute plagen sich anders; anders legen sie den wahren Gehalt der Schriften aus, und anders erläutern sie. (92) Sie reden über den Zustand der Geistesruhe (unmanībhāva), erfahren ihn aber selbst nicht; manche sind, von Ichbezogenheit geschlagen, ohne Unterweisung. (93) Sie lesen Veda und Śāstra und streiten miteinander, kennen aber die höchste Wirklichkeit nicht – wie die Kelle den Geschmack der Speise nicht kennt. (94)
Vers 89: „viḍambaka“ = Nachahmer/Verspotter/Betrüger; Fußnote kha „vidyāṃ na vetti yaḥ“ o. ä. — Lesung „paramāmnāya“ nach Fußnote kha/gha/ṅa. Vers 93a: OCR „kathayantu unmanobhāvaṃ“; hier „unmanībhāva“ (Zustand jenseits des Denkens) [?].
Der Kopf trägt die Blüten, die Nase erkennt den Duft; [so] lesen viele Veda und Śāstra, doch selten ist, wer das Wesentliche (bhāva) wirklich erkennt. (95) Weil er die im Selbst befindliche Wirklichkeit nicht kennt, ist der Verblendete in den Schriften verwirrt – wie der Hirte, der die Ziege in seiner Achsel trägt und sie im Brunnen sucht, ein Tor. (96) Zur Zerstörung der Verblendung durch den Saṃsāra ist bloßes Wortverstehen nicht imstande; nie weicht das Dunkel durch bloßes Gerede von einer Lampe. (97) Für den Einsichtslosen ist Lesen wie für einen Blinden das Ansehen eines Spiegels; nur für den Einsichtigen, Göttin, ist die Schrift Ursache der Erkenntnis der Wirklichkeit. (98)
Manche [suchen sie] vorn, manche hinten, manche seitlich; „die Wirklichkeit ist so, ist so“ – so streiten sie miteinander; [dazu] Menschen, die als Meister in Gelehrsamkeit und Spenden berühmt sind [?]. (99) Unmittelbares Erfassen gibt es nicht; wie soll durch bloßes Gerede Erfassen [sein]? Wer so von den Schriften verwirrt ist, der bleibt fern, ohne Zweifel. (100)
Vers 96: Sprichwortbild vom Hirten mit der Ziege unter dem Arm, die er im Brunnen sucht. Vers 99: hat im Druck drei Halbzeilen; laut Fußnote enthält Handschrift kha statt dessen eine andere Halbzeile (sinngemäß: „fern, ‚so und so‘, sagt man von dem Leute“); dritte Halbzeile in Lesung unsicher [?].
idaṃ jñānam idaṃ jñeyam iti sarvataḥ śrotum icchati | devi varṣasahasrāyuḥ śāstrāntaṃ naiva gacchati ||101||
vedā hy anekaśāstrāṇi svalpāyur vighnakoṭayaḥ | tasmāt sāraṃ vijānīyāt kṣīraṃ haṃsa ivāmbhasaḥ ||102||
abhyasya sarvaśāstrāṇi tattvaṃ jñātvā tu buddhimān | palālam iva dhānyārthī sarvaśāstraṃ parityajet ||103||
yathāmṛtena tṛptasya nāhāreṇa prayojanam | tattvajñasya tathā devi na śāstreṇa prayojanam ||104||
na vedādhyayanān muktir na śāstrapaṭhanād api | jñānād eva hi muktiḥ syān nānyathā vīravandite [?] ||105||
nāgamāḥ kāraṇaṃ mukteḥ darśanāni na kāraṇam | naiva sarvaśāstrāṇi jñānam eva hi kāraṇam ||106||
muktidā guruvāg ekā vidyāḥ sarvā viḍambikāḥ | kāṣṭhabhārasamā anyā ekaṃ sañjīvanaṃ param [?] ||107||
„Dies ist Wissen, dies ist zu Wissendes“ – so will er von allen Seiten hören; selbst wer tausend Jahre lebt, Göttin, kommt an das Ende der Schriften nicht. (101) Der Veden und Śāstras sind viele, das Leben kurz, Hindernisse zahllos; darum erkenne man das Wesentliche, wie der Schwan die Milch vom Wasser [scheidet]. (102) Der Kluge, der alle Schriften gelernt und die Wirklichkeit erkannt hat, gibt alle Śāstra auf wie der, der Korn will, das Stroh. (103) Wie einer, der vom Nektar gesättigt ist, keine Speise braucht, so, Göttin, braucht der Wissende der Wirklichkeit keine Schrift. (104) Nicht aus Vedastudium kommt Befreiung, nicht einmal aus Lesen der Śāstra; nur aus Erkenntnis entsteht Befreiung, nicht anders, O von Helden Verehrte [?]. (105) Nicht die Āgamas sind Grund der Befreiung, nicht die Philosophiesysteme, nicht alle Śāstra; Erkenntnis allein ist der Grund. (106) Befreiung schenkt allein das Wort des Guru; alle [anderen] Wissenschaften sind Nachäffung; [sie] sind wie eine Last Holz – nur das Eine ist das höchste Lebenselixier [?]. (107)
Vers 101: „sarvataḥ“ aus OCR-Form „sanyataḥ“ rekonstruiert [?]. Vers 105d: „vīravandite“ aus OCR-Form „vorabanditaṃ“ [?]. Vers 106a: OCR „nāyamāḥ“ → „nāgamāḥ“ [?]; Fußnote ṅa: „na vedāḥ“. Vers 107: Zeile b, Rest stark entstellt; Fußnote kha: „kāṣṭhādikāraṇaṃ yasmāt“; Rekonstruktion unsicher [?].
etat tu śivenoktaṃ kriyāyāsavivarjitam | guruvaktreṇa labhyeta nānyathāgamakoṭibhiḥ ||108||
āgamotthaṃ vivekotthaṃ dvidhā jñānaṃ pracakṣate | śabdabrahmāgamamayaṃ paraṃ brahma vivekajam ||109||
advaitaṃ kecid icchanti dvaitam icchanti cāpare | mama tattvaṃ na jānanti dvaitādvaitavivarjitam ||110||
dve pade bandhamokṣāya mameti nirmameti ca | mameti badhyate jantur nirmameti vimucyate ||111||
tat karma yan na bandhāya sā vidyā yā vimuktaye | āyāsāyāparaṃ karma vidyānyā śilpanaipuṇam ||112||
Dieses [Wissen] wurde von Śiva als frei von der Mühe des Rituals verkündet; man erlangt es durch den Mund des Guru, nicht anders, selbst durch Millionen Āgamas. (108) Wissen nennt man zweifach: aus der Überlieferung (āgama) geboren und aus Unterscheidung (viveka) geboren; das erste ist Wort-Brahman, aus dem Āgama bestehend, das höchste Brahman ist aus Unterscheidung geboren. (109) Manche wollen Nicht-Zweiheit, andere Zweiheit; mein Wesen kennen sie nicht, das von Zweiheit und Nicht-Zweiheit frei ist. (110) Zwei Wörter dienen Fesselung und Befreiung: „mein“ und „nicht mein“. Durch „mein“ wird das Wesen gefesselt, durch „nicht mein“ wird es befreit. (111) Das ist Handlung, die nicht fesselt; das ist Wissen, das der Befreiung dient; andere Handlung ist [nur] Mühe, anderes Wissen bloße Kunstfertigkeit. (112)
Vers 108a: „etat tu“ aus OCR-Form „ahaṃtantu“ rekonstruiert [?]. Vers 109a: „āgamottham/vivekottham“ aus OCR-Formen „āgamoktaṃ vivekodyaṃ“ [?]. Vers 110: „mama tattvaṃ“ – Śiva spricht von sich.
yāvat kāmādi dīpyeta yāvat saṃsāravāsanā | yāvad indriyacāpalyaṃ tāvat tattvakathā kutaḥ ||113||
yāvat prayatnavego 'sti yāvat saṅkalpakalpanā | yāvan na manasaḥ sthairyaṃ tāvat tattvakathā kutaḥ ||114||
yāvad dehābhimānaś ca mamatā yāvad asti hi | yāvan na gurukāruṇyaṃ tāvat tattvakathā kutaḥ ||115||
tāvad vrataṃ tīrthaṃ japahomārcanādikam | vedaśāstrāgamakathā yāvat tattvaṃ na vindate ||116||
tasmāt sarvaprayatnena sarvāvasthāsu sarvadā | tattvaniṣṭho bhaved devi yadīcchen mokṣam ātmanaḥ ||117||
jñānasupuṣpasya svargalokaphalasya ca [?] | tāpatrayārtisantaptaś chāyāṃ mokṣataroḥ śrayet ||118||
bahunā kim uktena rahasyaṃ śṛṇu pārvati | kuladharmād ṛte muktir nāsti satyaṃ na saṃśayaḥ ||119||
tasmād vakṣyāmi tat tvaṃ te vijñāya śrīguror mukhāt | sukhena mucyate devi ghorasaṃsārabandhanāt ||120||
iti te kathitā kācij jīvajātisthitiḥ priye | samāsena kuleśāni kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ||121||
Solange Begierde und dergleichen lodern, solange die Prägung durch den Saṃsāra da ist, solange die Sinne unstet sind – wie kann da von der Wirklichkeit die Rede sein? (113) Solange der Schwung des Bemühens besteht, solange das Ausdenken von Plänen (saṅkalpa) währt, solange der Geist nicht fest wird – wie kann da von der Wirklichkeit die Rede sein? (114) Solange Körperdünkel und Besitzdenken („mein“) bestehen, solange das Mitleid (die Gnade) des Guru fehlt – wie kann da von der Wirklichkeit die Rede sein? (115) So lange [gelten] Gelübde, heilige Orte, Murmeln, Feueropfer, Verehrung usw. und Erzählungen von Veda, Śāstra und Āgama, bis man die Wirklichkeit findet. (116) Darum soll man mit allem Bemühen, in allen Lebenslagen, allezeit in der Wirklichkeit gegründet sein, Göttin, wenn man Befreiung für sich will. (117)
Wer von den Qualen der dreifachen Not (tāpatraya: Leid aus dem eigenen Körper, von anderen Wesen, von Göttern) verbrannt ist, soll den Schatten des Baumes der Befreiung aufsuchen, dessen schöne Blüte Erkenntnis und dessen Frucht [?] die Himmelswelt ist [?]. (118) Was soll die Rede so lang – höre das Geheimnis, Pārvatī: ohne Kula-Dharma gibt es keine Befreiung; das ist wahr, kein Zweifel. (119) Darum werde ich dir die Wirklichkeit sagen; wenn man sie durch den Mund des verehrten Guru erkannt hat, wird man mühelos aus der Fessel des schrecklichen Saṃsāra befreit, Göttin. (120) So habe ich dir, Liebe, kurz einiges über Art und Stand der Lebewesen erzählt, Herrin der Kula. Was willst du weiter hören? (121)
Kolophon: So [endet] im heiligen Kulārṇava, dem großen Geheimnis, dem Höchsten unter allen Āgamas, im Werk von einer Viertel-Lakh [Versen], im fünften Abschnitt, im Tantra [?] der Gespräche, das erste Kapitel (ullāsa), genannt „Darlegung des Zustands der Lebewesen“.
Vers 118: Fußnoten (ṅa/ṅa: „svakulokta-phalasya“, „kalpataroḥ“) weichen ab; Zeile a unsicher; „śrayet“ aus OCR-Form „śrayet/smaret“ rekonstruiert. Vers 119b: „kuladharmād ṛte“ aus OCR-Form „kuladharmyasateḥ“ (Fußnote ṅa: „kulamārgād ṛte“). Vers 121a: „kācij“ unsicher [?]. Kolophon (OCR stark entstellt, unsicher [?]): iti śrīkulārṇave mahārahasye sarvāgamottamottame sapādalakṣagranthe pañcame khaṇḍe […]-saṃvāde [?] kulārṇavatantre jīvasthitikathanaṃ nāma prathama ullāsaḥ ||1||. „sapādalakṣa“ = ein Viertel über einem Lakh (125.000) [?]. Zählung: Verse 1–121 lückenlos (OCR-Ziffern teils entstellt, nach Zählung korrigiert).