Quelle: Kulārṇava-Tantra, hg. Tārānātha Vidyāratna (Arthur Avalon), Tantrik Texts Vol. 5, Luzac & Co., London 1917 (archive.org, OCR-Text); Zeichenbereich in window.K etwa 51900–64500. Inhalt: Die Göttin bittet um Belehrung über den Ūrdhvāmnāya und seinen Mantra. Śiva erklärt, dass aus seinen fünf Gesichtern fünf Überlieferungslinien (āmnāya: Ost, Süd, West, Nord und der „obere“ Ūrdhvāmnāya) hervorgegangen sind; der Ūrdhvāmnāya überragt alle anderen, seine Kenner sind selten, und er ist nur vom Guru zu erlernen (Verse 1–48). Der zentrale Mantra ist der Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra, Wesensausdruck der Einheit von Śiva und Śakti und Atem aller Lebewesen; ihm werden ausgiebig Wirkungen zugeschrieben – Erlösung selbst für Kastenlose, Befreiung von schwersten Sünden nach 108 bis 500 Rezitationen (Verse 49–116; Verse 52–69 aus zweiter Digitalisierung). Ein kurzer Schluss (117) und die Kolophonzeile beenden das Kapitel. Die OCR-Qualität ist mäßig bis schlecht; unsichere Stellen sind mit [?] markiert. Hinweis zur Zählung: Die Verse 52–69 fehlten in der ersten OCR-Vorlage (Seitenverlust); sie sind aus einer zweiten Digitalisierung derselben Ausgabe ergänzt (Einheiten 3.49–3.64), sodass die Zählung 1–117 lückenlos ist.
śrīdevy uvāca |
kuleśa śrotum icchāmi sarvadharmottamottamam | ūrdhvāmnāyaṃ ca tan mantraṃ māhātmyaṃ ca vada me prabho ||1||
śrīīśvara uvāca |
devi pravakṣyāmi yan māṃ tvaṃ paripṛcchasi | tasya śravaṇamātreṇa devatāḥ suprasīdati ||2||
na kadācin mayā proktam itaḥ pūrvaṃ kuleśvari | kathayāmi tava snehād ūrdhvāmnāyaṃ tu priye ||3||
vedaśāstrapurāṇāni prakāśyāni kuleśvari | śaivaśāktāgamāḥ sarve rahasyā[ḥ] parikīrtitāḥ ||4||
rahasyātirahasyāni kulaśāstrāṇi pārvati | rahasyātirahasyānāṃ rahasyaṃ siddham [?] ambike ||5||
ūrdhvāmnāyasya tattvaṃ hi pūrṇabrahmātmakaṃ param | sugopitaṃ mayā yatnād idānīṃ tu prakāśyate ||6||
Die Göttin sprach: Herr der Kula, ich möchte das Höchste unter allen Gesetzen (dharma) hören: den Ūrdhvāmnāya („aufwärts gerichtete Überlieferung“) und seinen Mantra und seine Größe – sage es mir, Herr! (1)
Śrī Īśvara (Śiva) sprach: Göttin, ich will dir sagen, wonach du mich fragst; schon durch das bloße Hören davon werden die Gottheiten sehr gnädig. (2) Niemals habe ich dies vorher gesagt, Herrin der Kula; aus Zuneigung zu dir sage ich, Liebe, den Ūrdhvāmnāya. (3)
Veda, Śāstra und Purāṇa dürfen offen gelehrt werden, Herrin der Kula; alle Śaiva- und Śākta-Āgamas gelten als geheim. (4) Noch geheimer sind die Kula-Śāstras, Pārvatī; von den Geheimen der Geheimen [ist dies] das Geheimnis, o Mutter [?]. (5) Die Wahrheit (tattva) des Ūrdhvāmnāya ist das höchste, vom vollen Brahman durchdrungene [Wesen]; von mir mit Mühe wohl bewahrt, wird sie jetzt offenbart. (6)
Zur Zählung: Ullāsa 3 beginnt im Druck nach der Kolophonzeile von Ullāsa 2. Vers 2: Das Prädikat „suprasīdati“ steht im Singular bei „devatāḥ“ (Plural); so im Druck belassen. Vers 1: Handschrift ṅa liest „ūrdhvāmnāyasya māhātmyaṃ tanmantram“. Vers 5d „siddham“ aus entstelltem OCR erschlossen [?]. Vers 6b: „pūrṇabrahmātmakaṃ“ aus OCR rekonstruiert; ṅa liest anders („pūjāntātmakam“?) – unsicher. „Ūrdhvāmnāya“: die fünfte, „obere“ Überlieferungslinie des Tantra neben Ost, Süd, West und Nord (Vers 7).
mama pañcamukhebhyaś ca pañcāmnāyāḥ samudgatāḥ | pūrvaś ca paścimaś caiva dakṣiṇaś cottaras tathā | ūrdhvāmnāyaś ca pañcaite mokṣamārgāḥ prakīrtitāḥ ||7||
āmnāyā bahavaḥ santi nordhvāmnāyena te samāḥ | satyam etad varārohe nātra kāryā vicāraṇā ||8||
āmnāyā bahavo guptāś catuṣṭayāmnāyabhedajāḥ | asmiṃs tantre samākhyātāḥ pūrvatantre kulanāyike ||9||
caturāmnāyavettāro bahavaḥ santi kāmini | ūrdhvāmnāyasya tajjñā viralā vīravandite ||10||
yāvantaḥ pañcavaktrebhyas [?] tāvantaḥ samudīritāḥ | ekaikāmnāyajā mantrā bhuktimuktiphalapradāḥ ||11||
upamantrāś ca tāvantaḥ sāradāḥ [?] samudīritāḥ | mayaiva kathitās te tu lokānugrahakāmyayā ||12||
sarveṣām api mantrāṇāṃ devatās tatphalapradāḥ | āvayor aṃśasambhūtāḥ samuddiṣṭāḥ śucismite ||13||
sarvamantrān ahaṃ vedmi nānyo jānāti kaścana | matprasādena yaḥ kaścid vetti mānavakoṭiṣu ||14||
ekāmnāyaṃ ca yo vetti sa mukto nātra saṃśayaḥ | kiṃ punaś caturāmnāyavettā sākṣāc chivo bhavet ||15||
Aus meinen fünf Gesichtern sind die fünf Āmnāyas (Überlieferungslinien) hervorgegangen: der östliche, der westliche, der südliche, der nördliche und der Ūrdhvāmnāya – diese fünf werden als Wege zur Erlösung bezeichnet. (7) Es gibt viele Āmnāyas, doch keiner kommt dem Ūrdhvāmnāya gleich. Das ist wahr, Schönhüftige; darüber ist kein Zweifel zu hegen. (8)
Viele Āmnāyas sind verborgen, aus der Aufgliederung in die vier Āmnāyas entstanden; in diesem Tantra [und] in früheren Tantras sind sie dargelegt worden, Herrin der Kula. (9) Kenner der vier Āmnāyas gibt es viele, Verlangende; Kenner des Ūrdhvāmnāya sind selten, von Helden verehrte. (10)
So viele [Mantras] aus den fünf Gesichtern [hervorgingen?], so viele wurden genannt [?]; die aus je einem Āmnāya geborenen Mantras verleihen die Frucht von Genuss und Erlösung. (11) Ebenso viele Nebenmantras (upamantra) wurden genannt, [dem Wesen nach ‚sāra‘ ?] [?]; sie wurden von mir selbst aus dem Wunsch, der Welt Gnade zu erweisen, verkündet. (12) Die Gottheiten aller Mantras sind die Geber ihrer Frucht; sie sind aus Anteilen von uns beiden entstanden, Reinlächelnde. (13)
Alle Mantras kenne ich; kein anderer kennt sie. Wer durch meine Gnade unter Millionen von Menschen [sie] kennt – (14) und wer auch nur einen Āmnāya kennt, ist erlöst, daran ist kein Zweifel; wieviel mehr, wer alle vier Āmnāyas kennt: er wird unmittelbar Śiva. (15)
Vers 11ab und 12b: OCR stark entstellt; „pañcavaktrebhyas“ und „sāradāḥ“ sind unsichere Rekonstruktionen [?]; Sinn im Ganzen: die Zahl der Mantras und Nebenmantras entspricht einander. Vers 9d: „pūrvatantre“ [?].
Höher als die Kenntnis der vier Āmnāyas, Liebe, ist der Ūrdhvāmnāya; darum soll man gerade ihn kennenlernen, wenn man Vollendung (siddhi) für sich wünscht. (16) Weil er über allen Tantras steht (ūrdhva = oben), wird der Ūrdhvāmnāya gepriesen; er führt [die] unten Stehenden [?] nach oben – daher heißt er Ūrdhvāmnāya. (17) Weil er erhaben ist, Herrin der Kula, weil er den Ozean des Saṃsāra zerstört und den drei Welten dienlich ist, wird er „Ūrdhvāmnāya“ genannt. (18)
Erkenne darum, Göttin: er ist das eine unmittelbare Mittel zur Erlösung, der Ūrdhvāmnāya, das Höhere als das Höchste, von größerer Frucht als alle Āmnāyas. (19) Wie ich in allen Welten von allen zu verehren bin, Liebe, so ist unter allen Āmnāyas der Ūrdhvāmnāya, Śivā. (20)
Wie unter den Gottheiten Viṣṇu, unter den Lichtern die Sonne, unter den Wallfahrtsorten Kāśī, unter den Flüssen die Himmelsgöttin Gaṅgā (svarnadī), (21) wie unter den Bergen der Meru, unter den Bäumen der Sandel, unter den Opfern das Rossopfer (aśvamedha), unter den Steinen das Juwel, (22) wie unter den Geschmäcken die Süße, unter den Metallen das Gold, unter den Vierfüßlern die Kuh, unter den Vögeln der Schwan, (23) wie unter den Lebensstufen (āśrama) der Bettelmönch, unter den Ständen der Brāhmaṇa, unter den Menschen der König, unter den Gliedern der Kopf, (24) wie unter den Düften der Moschus [und …?] – so übertrifft der Ūrdhvāmnāya alle [anderen] Gesetze (dharma), Liebe. (25)
Vers 17cd: OCR „ūrdhvaṃ nayaty adhaḥ…“ nicht sicher lesbar; „adhaḥsthān“ ist Konjektur [?]. Vers 18: Fußnote ṅa „ūrdhvatvāc ca“, „lokaniṣevyatvāt“. Vers 19: ṅa „kulasādhanam“, kha „sarvāmnāyābhipūrakam“. Vers 21c: „svarnadī“ aus dem OCR-Wort erschlossen (Himmelsfluss = Gaṅgā) [?]. Vers 23: im Druck als 22 gezählt (OCR-Ziffernfehler), nach Zählung 23. Vers 25ab: OCR entstellt („kāñcīdharo parām“); der Vergleich (Moschus ist unter den Düften das Beste) ist klar, das zweite Glied unsicher [?].
nānājanmārjita[…] puṇya[…] phalodayāt [?] | ūrdhvāmnāyaṃ vijānīyān nānyathā vīravandite ||26||
dhanyo manuṣyalakṣeṣu jānāti kuladarśanam | teṣāṃ lakṣeṣu yaḥ kaścid ūrdhvāmnāyaṃ pravetti ca ||27||
na vedair āgamaiḥ śāstrair na purāṇaiḥ suvistaraiḥ | na yajñena tapobhir vā na tīrthavratakoṭibhiḥ ||28||
nānyair upāyair deveśi mantrauṣadhipuraḥsaraiḥ | ūrdhvāmnāyo na jñāyate sadgurumukhaṃ vinā [?] ||29||
tam evānveṣayet tatra sarvajñaṃ karuṇānidhim | sarvalakṣaṇasampannam ūrdhvāmnāyārthakovidam |
tasmād eva vijānīyād ūrdhvāmnāyaṃ kuleśvari ||30||
ūrdhvāmnāyaṃ naro devi vijānāti ca tattvataḥ | labhate kāṅkṣitāṃ siddhiṃ satyaṃ satyaṃ varānane ||31||
ūrdhvāmnāyaṃ vijānāti yaḥ samyak sa gurormukhāt | sanmārgeṇa [?] sa naro jīvanmukto na saṃśayaḥ ||32||
ūrdhvāmnāyam idaṃ devi vijānāti ca tattvataḥ | sa vandyaḥ sa guruḥ so 'rcyaḥ sa daivajñaḥ sa māntrikaḥ | sa sevyaḥ sa ca saṃstutyaḥ sa draṣṭavyaḥ sa sāttvikaḥ ||33||
[Erst] aus dem Hervorreifen der in vielen Geburten angesammelten [Verdienste?] lernt man den Ūrdhvāmnāya kennen, nicht anders, von Helden Verehrte [?]. (26) Glücklich zu preisen ist unter Hunderttausenden von Menschen, wer die Kula-Lehre (kuladarśana) kennt; unter Hunderttausenden von diesen [ist es] einer, der den Ūrdhvāmnāya recht kennt. (27)
Nicht durch Veda, Āgamas, Śāstras, nicht durch weitläufige Purāṇas, nicht durch Opfer oder Askese, nicht durch zehn Millionen Wallfahrten und Gelübde, (28) nicht durch andere Mittel, Herrin der Götter, die Mantras und Heilkräuter voranstellen, wird der Ūrdhvāmnāya erkannt – [er wird erkannt] ohne den Mund des wahren Gurus [?]. (29) Ihn eben soll man dort suchen: den Allwissenden, den Schatz des Erbarmens, mit allen [guten] Merkmalen ausgestattet, kundig in der Bedeutung des Ūrdhvāmnāya; von ihm allein lerne man den Ūrdhvāmnāya kennen, Herrin der Kula. (30)
Der Mensch, der den Ūrdhvāmnāya, Göttin, der Wahrheit nach kennt, erlangt die ersehnte Vollendung – wahrlich, wahrlich, Schönantlitzige. (31) Wer den Ūrdhvāmnāya recht kennt, vom Munde des Gurus, auf dem rechten Weg [?], dieser Mensch ist noch zu Lebzeiten erlöst (jīvanmukta), daran ist kein Zweifel. (32) Wer diesen Ūrdhvāmnāya, Göttin, der Wahrheit nach kennt, der ist zu verehren, er ist Guru, er ist zu ehren, er ist der Sterndeuter, er ist der Mantra-Kundige, er ist aufzusuchen, zu preisen, zu schauen, er ist sattvisch. (33)
Vers 26: OCR fast unlesbar; nur „nānājanma…“, „…phalodayāt“ und „ūrdhvāmnāyaṃ vijānīyān nānyathā vīravandite“ sind erkennbar; Ergänzung sinngemäß [?]. Vers 29d: OCR „…gurumukhaṃ vinā“; Anfang der Zeile Konjektur [?]. Vers 30: der OCR-Text hat drei Zeilen; „karuṇānidhim“ aus entstelltem „vāraṇā nidhim“ erschlossen. Vers 31a/33a: OCR hat nur „āmnāyaṃ“; „ūrdhva-“ ergänzt. Vers 32b „sanmārgeṇa“ [?]. Die Ziffern der Verse 30–33 sind im OCR teils verstümmelt (20, 21, 22, 22); nach Zählung korrigiert. Fußnote: Handschrift ṅa hat nach Vers 33 einen zusätzlichen Halbvers, der in ka kha ga fehlt (hier nicht übernommen).
sa vratī sa tapasvī ca so 'nuṣṭhātā sa pūjakaḥ | sa vedāgamaśāstrādisarvavidyāviśāradaḥ ||34||
sa ācāryaḥ sa matimān sa yatiḥ sa ca kaulikaḥ | sa yajvā sa ca pūtātmā sa jāpī sa ca sādhakaḥ ||35||
sa yogī sa ca bhaktātmā [?] sa vīraḥ sa ca uttamaḥ | sa puṇyātmā sa sarvajñaḥ sa muktaḥ sa śivaḥ priye ||36||
tatkulaṃ pāvanaṃ devi dhanyā tajjananī smṛtā | tatpitā ca kṛtārthaḥ syān muktās tatpitaraḥ priye | putrās tadaṃśajāḥ santi pūtās tanmitrabāndhavāḥ ||37||
bahunā kim uktena cordhvāmnāyaparasya ca | smaraṇaṃ kīrtanaṃ vāpi darśanaṃ vandanaṃ tathā | sambhāṣaṇaṃ kurute rājasūyādhikaṃ phalam ||38||
sa yatra vasate devi tatra so vijayo bhavet | anāmayaṃ subhikṣaṃ ca susthitaṃ [?] nirupadravam ||39||
tasmād gurūprasādena ūrdhvāmnāyaṃ narottamaḥ | yo vetti tattvato devi sa me priyatamo bhavet ||40||
pūrvāmnāyaḥ sṛṣṭirūpaḥ sthitirūpaś ca dakṣiṇaḥ | saṃhāraḥ paścimo devi uttaro 'nugraho bhavet ||41||
Er ist ein Gelübdetreuer (vratin), er ein Asket, er der Ausführende [der Riten], er der Verehrer; er ist in Veda, Āgama, Śāstra und allen [übrigen] Wissenschaften bewandert. (34) Er ist Lehrer (ācārya), er der Verständige, er der Zügler seiner selbst (yati), er der Kaulika; er der Opferer, er der Geläuterte, er der Rezitierer (jāpin), er der Ausüber (sādhaka). (35) Er ist Yogin, er ein Hingegebener [?], er ein Held (vīra), er der Höchste; er ist edel gesinnt, er allwissend, er erlöst, er ist Śiva, Liebe. (36)
Sein Geschlecht ist rein, Göttin, seine Mutter gilt als glücklich zu preisen; sein Vater hat sein Ziel erreicht, seine Vorväter sind erlöst, Liebe; die von ihm gezeugten Söhne … [?]; seine Freunde und Verwandten sind gereinigt. (37) Wozu viele Worte: wer [ihm,] dem dem Ūrdhvāmnāya Ergebenen, gedenkt, ihn preist, ihn sieht, ihm huldigt, mit ihm spricht, erlangt eine Frucht, die die des Rājasūya[-Opfers] übertrifft. (38) Wo er wohnt, Göttin, dort ist Sieg; [dort herrscht] Gesundheit, gute Ernte, gute Ordnung [?] und Freiheit von Bedrängnis. (39)
Darum: der beste Mensch, der durch die Gnade des Gurus den Ūrdhvāmnāya der Wahrheit nach kennt, wird mir der liebste, Göttin. (40) Der östliche Āmnāya hat die Form der Schöpfung (sṛṣṭi), der südliche die des Erhaltens (sthiti); der westliche, Göttin, ist die Auflösung (saṃhāra), der nördliche ist die Gnade (anugraha). (41)
Vers 36b: OCR „sa yogī sa ca bhakta…“ – „bhaktātmā“ [?]. Vers 37: im Druck mit fünf Zeilen unter einer Nummer (37); vermutlich zwei Sloka-Hälften; Zählung übernommen. Vers 37cd: „putrās tadaṃśajāḥ santi“ nach OCR; Sinn („seine Söhne sind von seinem Teil geboren / ihm gleich“) unsicher [?]. Vers 38a: OCR „bahune…cordhvāmnāyaparasya ca“; die Konstruktion (Genitiv „-parasya“) erlaubt „[das Gedenken] dessen, der dem Ūrdhvāmnāya ergeben ist“ – so hier gedeutet. Vers 39c „susthitaṃ“ [?] (OCR „suṭi“). Vers 40: „gurūprasādena“ so im Druck (metrisch „guruprasādena“). Vers 41: Zuordnung der vier Himmelsrichtungen zu Weltfunktionen; der Ūrdhvāmnāya ist als fünfter (Verhüllung/Gnade-Ebene über allem) vorausgesetzt, s. Vers 45.
Den Mantra-Yoga kennt man [als Weg] des Ostens, den Bhakti-Yoga als den des Südens, den Karma-Yoga als den des Westens und ebenso den Jñāna-Yoga als den des Nordens. (42) Für den östlichen Āmnāya werden vierundzwanzig „Zeichen“ (saṅketa, Kennzeichen/Verabredungen) genannt; für den südlichen Āmnāya werden fünfundzwanzig genannt; (43) für den westlichen Āmnāya werden zweiunddreißig aufgezählt; man kennt für den nördlichen sechsunddreißig Zeichen [?]. (44) Diese aber gibt es für den Ūrdhvāmnāya nicht, Herrin der Kula: Da er unmittelbar Śivas eigene Wesensform ist, gibt es überhaupt nichts [dergleichen?]. (45) Die Größe des Ūrdhvāmnāya kenne ich, kein anderer; aus Zuneigung zu mir kennst auch du sie – das ist wahr, Schönantlitzige. (46)
So ist dir die Größe des Ūrdhvāmnāya von mir dargelegt worden; nun wird, Herrin der Kula, in Kürze die Größe seines Mantra gesagt. (47) Bisher habe ich es niemandem gesagt, Pārvatī; aus Zuneigung sage ich es dir: höre, du mir Lebenslieb. (48)
Vers 43a: OCR „catur[vi]ṃśati“ (24); Vers 44: OCR entstellt, Handschrift ṅa liest sinngemäß „uttarāmnāyasaṅketaḥ ṣaṭtriṃśat samudāhṛtaḥ“ (Zeichen des nördlichen Āmnāya: 36); Handschrift kha dagegen „dvāviṃśat“ (22) für den westlichen – die Zahl 32 ist die des Haupttextes. Vers 45d „na kiñcit kaścana vidyate“ [?]. „saṅketa“ hier wohl im Sinne von Kennzeichen/Sonderregeln der jeweiligen Linie [?]; nicht weiter erklärt.
Das Mantra „Parāprāsāda“ („Höchster Prasāda“, auch Śrīprāsāda-Parā-Mantra), im Ūrdhvāmnāya verankert [?]: wer die höchste Gestalt von uns beiden [darin] kennt, der ist selbst Śiva. (49) Von Śiva an bis zum Wurm hinab läuft dieser Mantra im Atemweg der Lebewesen – in Gestalt des Aus- und Einatmens, Liebe. (50) Wie ohne Wind die Wolke am Himmel sich nicht regt, so [regt sich] ohne den Parāprāsāda-Mantra die Welt nicht, Liebe. (51)
Mit dem Parāprāsāda-Mantra ist dieses Bewegliche und Unbewegliche [wie] durchwebt (genäht); der Wahrheit nach ist es [von ihm] nicht verschieden, Göttin, wie der Wind nicht vom Fächer [verschieden ist]. (52) Im Samen der Keim, im Sesam das Öl, im Feuer die Hitze, in der Sonne der Glanz, im Mond das Mondlicht, im Holz das Feuer, in der Blume der Duft, im Wasser die Flüssigkeit – (53)
Vers 49: OCR stark entstellt; „ūrdhvāmnāyādhiṣṭhitam“ [?]. Vers 52–53 stammen aus der zweiten Digitalisierung derselben Ausgabe (window.P). Vers 52a: OCR „syṛta/syūta“, Handschrift ṅa „sūtam etat“; „syūtam“ (genäht, durchwebt) gewählt. Vers 53c: „analaḥ kāṣṭhe“ nach entstelltem OCR [?].
śabde cārthaḥ śive śaktiḥ kṣīre sarpiḥ phale ruciḥ | śarkarāyāṃ ca mādhuryaṃ ghanasāre ca śītalam ||54||
nigrahānugrahau śaktau [?] pratimāyāṃ ca devatā | darpaṇe pratibimbaṃ ca samīre calanaṃ yathā | parāprāsādamantre 'pi prapañco 'pi tathā sthitaḥ [?] ||55||
vaṭabīje yathā vṛkṣaḥ sūkṣmarūpeṇa tiṣṭhati | parāprāsādamantre 'smin brahmāṇḍo 'pi tathā sthitaḥ ||56||
supakveṣu padārtheṣu suraseṣu kuleśvari | lavaṇena vinā tṛptir yathā bhoktuṃ na jāyate ||57||
parāprāsādamantreṇa ye vā mantrā na saṅgatāḥ | te phalaṃ na prayacchanti mantraśaktivivarjitāḥ ||58||
im Wort der Sinn, in Śiva die Śakti, in der Milch die Butter(fett), in der Frucht der Geschmack, im Zucker die Süße, im Kampfer die Kühle; (54) [wie] Bestrafung und Gnade [in der Macht? ?], in einem Bildnis die Gottheit, im Spiegel das Spiegelbild, im Wind die Bewegung – so ist auch im Parāprāsāda-Mantra die [ganze] Welterscheinung in dieser Weise enthalten [?]. (55) Wie im Samen des Feigenbaums (vaṭa) der Baum in feiner Gestalt besteht, so besteht im Parāprāsāda-Mantra auch das Weltei (brahmāṇḍa). (56) Bei wohlgekochten Speisen und guten Geschmäckern, Herrin der Kula, entsteht ohne Salz dem Essenden keine Sättigung – (57) so auch die Mantras, die nicht mit dem Parāprāsāda-Mantra verbunden sind: sie geben keine Frucht, da ihnen die Mantrakraft fehlt. (58)
Quelle: zweite Digitalisierung (window.P), OCR entstellt. Vers 54a–d: „ghanasāra“ = Kampfer. Vers 55a: OCR „nigrahānugraho …“; „śaktau“ ist Konjektur [?]; 55d: OCR „prapañcodhyau“, ṅa/kha-Fußnote „prapañco 'pi prapañco 'pi“; „prapañco 'pi tathā sthitaḥ“ ist metrisch/sinngemäß rekonstruiert [?]. Vers 55 hat im Druck drei Zeilen. Vers 57a: „supakveṣu padārtheṣu“ aus OCR „supakkeṣu padārghaghurai“ erschlossen.
śrīprāsādaparāmantro gopanīyaḥ prayatnataḥ ||59||
vicāryāhaṃ purāṇārthān darśanāmnāyabhedajān | samagrān sakalān mantrān śāstrāṇi vividhāni ca ||60||
sahasrākṣādayo devāḥ śāstreṣu vividheṣu ca | bhramanti teṣu mūḍhās te tava māyāvimohitāḥ ||61||
jāyante ca mriyante ca saṃsārakleśabhāginaḥ | śrīprāsādaparāmantraṃ na jānantaḥ kuleśvari | na labhante hi mokṣaṃ te tava māyāvimohitāḥ ||62||
atha śrīgurau yasya dṛḍhā bhaktiḥ prajāyate | śrīprāsādaparāmantraṃ sa jñātvā parimucyate ||63||
Der Śrīprāsāda-Parā-Mantra ist mit Eifer geheimzuhalten. (59)
Nachdem ich [sie] erwogen habe – die Sinngehalte der Purāṇas, die aus den Lehrsystemen (darśana) und Überlieferungslinien (āmnāya) entstandenen Unterschiede, alle Mantras insgesamt und die mannigfaltigen Śāstras – [ist dies mein Ergebnis]: (60) Die Götter, Indra (der „Tausendäugige“) und die anderen, irren in den vielfältigen Śāstras umher; sie sind betört und durch deine Māyā verblendet. (61) Sie werden geboren und sterben, teilhaftig der Leiden des Saṃsāra, da sie den Śrīprāsāda-Parā-Mantra nicht kennen, Herrin der Kula; sie erlangen keine Erlösung, verblendet durch deine Māyā. (62) Wer aber festen Glauben (bhakti) an den verehrten Guru entwickelt, der wird, wenn er den Śrīprāsāda-Parā-Mantra erkannt hat, befreit. (63)
Zählung: Der Druck zählt den Halbvers „śrīprāsāda…prayatnataḥ“ als Vers 59 (in der Zählung im OCR „58“ verdruckt); Fußnote: in den Handschriften ka, kha, ga, gha fehlt dieser Halbvers. Vers 60: OCR „vicārya…“ stark entstellt; „vicāryāhaṃ“ und „sakalān“ [?]; ṅa „purāṇāni“. Vers 61: Fußnote ka–gha lesen abweichend („sahasrasaṅkhyāny anyāni śāstrāṇi“). Vers 62: im Druck drei Zeilen unter einer Nummer; „na jānantaḥ“ aus OCR „na gāyantaḥ“ erschlossen [?]; ṅa liest am Schluss „tvatprasādavivarjitāḥ“ („ohne deine Gnade“). Vers 63: OCR-Nummer „62“ doppelt, nach Zählung 63; „dṛḍhā“ [?].
pūrvajanmasahasreṣu śaivādisamayodyatān | caturāmnāyajān mantrān sādhayitvā yo jāyate [?] ||64||
sa pāpakañcukān muktaḥ śuddhātmā guruvatsalaḥ | śrīprāsādaparāmantraṃ vijānāti na cānyathā ||65||
sabrahmaviṣṇurudrāś ca śakrādisurapuṅgavāḥ | vasurudrārkadikpālā manucandrādayaḥ priye ||66||
mārkaṇḍeyādimunayo vasiṣṭhādimuniśvarāḥ | sanakādyāś ca yogīndrā jīvanmuktāḥ śukādayaḥ ||67||
yakṣakinnaragandharvāḥ siddhavidyādharādayaḥ | śrīprāsādaparāmantraprabhāvaṃ cāmitaṃ phalam | prāpya mantram imaṃ pūrvaṃ japanty adyāpi pārvati ||68||
sāmarthyaṃ pūjyatā vidyā tejaḥ saukhyam arogitā | rājyaṃ svargaṃ ca mokṣaṃ ca parāprāsādajāpinaḥ ||69||
[Wer] in tausend früheren Geburten die in den Śaiva- usw. Vereinbarungen (samaya) bemühten, aus den vier Überlieferungslinien stammenden Mantras vollendet hat [und danach geboren wird?] [?], (64) der ist vom Panzer der Sünde befreit, reinen Wesens, dem Guru zugetan; er erkennt den Śrīprāsāda-Parā-Mantra, nicht anders. (65) Brahmā, Viṣṇu und Rudra samt Indra und den anderen Göttern-Stieren, die Vasus, Rudras, Sonnen, Weltenhüter, Manu, Candra und andere, Liebe, (66) Mārkaṇḍeya und die anderen Seher, Vasiṣṭha und die anderen Herren der Weisen, Sanaka und die anderen Yogafürsten, die zu Lebzeiten Erlösten wie Śuka und andere, (67) Yakṣas, Kinnaras, Gandharvas, Siddhas, Vidyādharas und andere: nachdem sie diesen Mantra erlangt haben – seine Wirkkraft und die unermessliche Frucht des Śrīprāsāda-Parā-Mantra –, rezitieren sie ihn noch heute, Pārvatī. (68) Vermögen, Verehrtwerden, Wissen, Glanz, Wohlergehen, Gesundheit, Herrschaft, Himmel und Erlösung [erlangt] der Rezitierer des Parāprāsāda. (69)
Vers 64: OCR entstellt („sādhayitvā yo …“); Schluss „yo jāyate“ ist Konjektur [?]; Handschrift kha „sarvajño yo bhaviṣyati“ („wer allwissend werden wird“) käme ebenfalls infrage. Vers 65c–d: kha „yo vijānāti nānyathā“. Vers 68: im Druck drei Zeilen; der mittlere Halbvers ist in ka, kha, ga, gha nach Fußnote nicht vorhanden; Konstruktion „prabhāvaṃ … phalam“ [?]. Vers 69a: ka/gha „pūṣṭatā“/ga „puṣṭā“, ṅa „pūjitā“; „pūjyatā“ (Verehrtwerden) gewählt. Vers 64–69 aus der zweiten Digitalisierung (window.P) rekonstruiert.
Selbst der Standort von Brahmā, Indra, Rudra und Viṣṇu wird [für ihn] zum Fernen (bzw. wird übertroffen) [?]; auch wenn er jeder einzelnen Pflicht (dharma) ermangelt, erreicht der Kenner des Parāprāsāda-Mantra mühelos einen Zustand, den nicht einmal alle Opferer erreichen. (70) Für den Rezitierer des Parāprāsāda sind der Wunschjuwel (cintāmaṇi), die Wunschkuh und der Wunschbaum im Haus, Kubera ist sein unmittelbarer Diener. (71) Wie Eisen durch die Berührung eines göttlichen Juwels [Berührungsstein] zu Gold wird, so wird durch Rezitieren des Parāprāsāda das Opfertier-gleiche gebundene Wesen (paśu) zum Herrn der Tiere (paśupati = Śiva). (72)
Die Verse 52–69 fehlten in der ersten OCR-Vorlage (Seitenverlust); sie sind aus einer zweiten Digitalisierung derselben Ausgabe ergänzt (Einheiten 3.49–3.64). Ein Zählsprung liegt nicht vor. Vers 70 hat im Druck drei Zeilen. Vers 70a: ṅa „… nāmabhibhūyate“ („wird übertroffen“); daher Doppeldeutigkeit von „dūrāyate“ [?]. Vers 70b: „sarvakarmavihīno“ („aller Riten bar“) nach der zweiten OCR gegenüber der früheren Rekonstruktion „sarvaikadharmahīno“; 70c: „yājñikāḥ“ [?]. Vers 72a: „divyamaṇi“ (Berührungsstein) aus entstelltem OCR [?]. „paśu“ ist in der Tantra-Sprache das an Fesseln (pāśa) gebundene Wesen; „paśupati“ der Herr der paśus.
yo prāsādaparāmantraṃ yo vijānāti tattvataḥ | sa māṃ tvāṃ ca vijānāti cāvayor api atipriyaḥ ||73||
parāprāsādamantrajñaḥ śvapaco 'pi hi pāvayati | devatāsthāpane śaktaḥ pratimādau na saṃśayaḥ ||74||
mantramātraṃ tu yo vetti parāprāsādasaṃjñakam | śvapaco 'pi hi mucyeta kiṃ punas tadvidhānavit ||75||
parāprāsādamantrajño yat karoti yad icchati | yad brūte tan maheśāni tapo dhyānaṃ japo bhavet ||76||
dīkṣāpūrvaṃ maheśāni pāramparyasamanvitam | parāprāsādamantraṃ yo vetti so 'haṃ na saṃśayaḥ ||77||
carācarasametāni bhuvanāni caturdaśa | parāprāsādamantrajñadehe tiṣṭhanti nityaśaḥ ||78||
parāprāsādamantrajño yatra tiṣṭhati bhāvini | divyakṣetraṃ samuddiṣṭaṃ samantād yojanatrayam [?] ||79||
Wer den Mantra Śrī-Prāsāda-Parā der Wahrheit nach kennt, kennt mich und dich und ist uns beiden überaus lieb. (73) Der Kenner des Parāprāsāda-Mantra reinigt [andere], selbst wenn er ein Hundeesser (śvapaca, Kastenloser) ist; er ist fähig, Gottheiten in Bildern usw. einzusetzen, daran ist kein Zweifel. (74) Wer auch nur den Mantra selbst kennt, der „Parāprāsāda“ heißt, wird selbst als Śvapaca erlöst – wie viel mehr, wer sein Verfahren (vidhāna) kennt. (75) Was der Kenner des Parāprāsāda-Mantra tut, was er wünscht und was er spricht, Maheśānī, das gilt als Askese, Meditation und Rezitation. (76) Wer, Maheśānī, nach Einweihung (dīkṣā) und in der Überlieferungsreihe (pāramparya) stehend den Parāprāsāda-Mantra kennt, ist ich – daran ist kein Zweifel. (77)
Die vierzehn Welten samt dem Beweglichen und Unbeweglichen bleiben allezeit im Körper des Kenners des Parāprāsāda-Mantra. (78) Wo der Kenner des Parāprāsāda-Mantra weilt, Herrliche, gilt ein göttliches Feld ringsum als bestimmt, [ausgedehnt] auf eine Strecke von [drei? ?] Yojanas. (79)
Vers 73a: „yo prāsāda…“ – „śrī“ ist im OCR zu „yo“ entstellt; so übernommen. Vers 73c: „sa māṃ tvāṃ ca“ [?]; ṅa hat Abweichungen. Vers 74b: „pāvayati“ ohne Objekt im Druck (evtl. „pāvanaḥ“ o. ä. [?]). Vers 79d: „yojanatrayam“ [?] (OCR „ṇyojanam“); die Zahl ist unsicher. „Yojana“ ist ein Wegmaß (rund 10–15 km). Fußnote (Handschrift kha): von Vers 79 an fehlen in ihr zwei Halbverse-Paare; ka lässt ab Vers 81 einen Śloka und ein Halb aus.
Den, der die Wirklichkeit der Bedeutung des Parāprāsāda-Mantra kennt, Herrin der Kula, verehren Götter und Asuras – wie viel mehr Menschen und andere. (80) Wo der Kenner des Parāprāsāda-Mantra weilt, Pārvatī, [dort ist] ein Siddha-Feld [?] oder ein größeres, samt Scharen von Weisen und Göttern [?]. (81) Die Mantras der Śaivas, Vaiṣṇavas, der Durgā-Verehrer usw., der Gāṇapatyas, der Mond- und der Sonnenverehrer – alle Mantras kennt der Kenner des Parāprāsāda-Mantra. (82)
In wessen Zungenspitze der Mantra Śrī-Prāsāda-Parā wohnt, von dessen bloßem Anblick wird selbst ein Śvapaca befreit. (83) Ob Brāhmaṇa oder Kastenloser, ob rein oder unrein, Liebe: wer den Parāprāsāda rezitiert, ist erlöst, daran ist kein Zweifel. (84) Beim Gehen und Stehen, im Wachen und im Schlafen, Herrin der Götter, ist dieser Parāprāsāda-Mantra nie fruchtlos. (85) Es gibt Tausende von Mantras, die je nur eine einzige Frucht [und diese] spät geben; dieser aber, Herrin der Kula, ist der König der Mantras, der rasch alle Früchte verleiht. (86) Dieser Parāprāsāda-Mantra ist das Beste vom Besten aller Mantras; ob wissend oder unwissend – den ihn Verehrenden gibt der Manu (Mantra) die Wünsche. (87)
Vers 81: OCR („siddhaceva mahīyaṃ vā…“) stark entstellt; Konjektur [?]. Vers 82: Die Aufzählung der Sekten nach OCR („śaivavaiṣṇavadau…gāṇapatye…“); „-daurgādīn“ und „-sauravān“ sind Rekonstruktionen [?]. Vers 84b: Handschrift ṅa „śucir vāpy athāśuciḥ“. Vers 86: „sahasraśaḥ“ aus OCR „sakhaḥ“ erschlossen.
Śacī und Indra, Rohiṇī und der Mond, Svāhā und Agni, Lichtglanz und Sonne, Lakṣmī und Nārāyaṇa, Vāṇī (Sarasvatī) und Brahmā, Nacht und Tag, (88) Agni und Soma, Punkt (bindu) und Klang (nāda), Göttin, Prakṛti und Puruṣa, das Tragende und das Getragene, Genuss und Erlösung, Herrin der Kula, (89) Ausatem und Einatem, Wort und Sinn, Liebe, Gebot und Verbot – und jedes Paar von Gegensätzen wie Glück und Leid, das gesehen oder gehört wird, in allen Welten: das alles sind allein wir beide, daran ist kein Zweifel. (90) Alle weiblichen und männlichen Gestalten sind Anteile von uns beiden; darum ist dieser Parāprāsāda-Mantra allumfassend. (91)
Das Höchste Brahman, Herrin der Kula, ist gestaltlos, nur durch Vergegenwärtigung (bhāvanā) zu erreichen, ungeteilt, makellos, ewig, eigenschaftslos, dem Raum gleich, (92) unendlich, unvergänglich, die Wirklichkeit (tattva), für Denken und Sprache unerreichbar; durch das Verbinden mit der Bedeutung des Parāprāsāda-Mantra leuchtet [es] auf [?]. (93) Deshalb, Göttin, ist dieser Mantra, „Parāprāsāda“ genannt, [dem Wesen nach] die höchste Wirklichkeit, gekennzeichnet als Sein-Bewusstsein-Wonne (saccidānanda), (94)
Die Paare in Vers 88–90 (Göttin/Gott-Polaritäten) sind dem OCR-Text ohne größere Störung entnommen; die Verszeilen 88–89 erscheinen im Druck teils mit Klammerzeichen. Vers 90: der Druck gibt die Zeilen im OCR durcheinander; die Reihenfolge ist rekonstruiert; „yathā“ nach Handschrift ṅa (Haupttext „mayā“ = „von mir gesehen/gehört“). Vers 91a: „strīpuṃ-“ aus OCR „pustrūpāṇi“ erschlossen. Vers 92d „vyomasaṃnibham“ aus OCR „vyomasatribham“. Vers 93d: „sat prakāśate“ [?]; alternativ „sarvaṃ prakāśate“. Vers 94 setzt sich in Vers 95 fort.
śivaśaktimayatvāc ca bhuktimuktipradānataḥ | sakalaṃ cāpi niṣkalaṃ ca saguṇaṃ cāpi nirguṇam ||95||
śrīprāsādaparāmantraṃ sarvamantraśiromaṇim | japan bhuktiṃ ca muktiṃ ca labhate nātra saṃśayaḥ ||96||
bahunā kim uktena sarvasāraṃ śṛṇu priye | śrīprāsādaparāmantrasamaṃ mantraṃ na vidyate ||97||
idam eva paraṃ jñānam idam eva paraṃ tapaḥ | idam eva paraṃ dhyānam idam eva parārcanam ||98||
idam eva parā dīkṣā idam eva paro japaḥ | idam eva paraṃ tattvam idam eva paraṃ vratam ||99||
idam eva paro yajña idam eva parāt param | idam eva paraṃ dhyeyam idam eva paraṃ phalam ||100||
idam eva paraṃ brahma idam eva parā gatiḥ | idam eva paraṃ guhyaṃ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ | iti matvā manuvaraṃ tanniṣṭhaḥ syāt sadā priye ||101||
(94–95) … weil er aus Śiva und Śakti besteht und Genuss und Erlösung schenkt, [ist er] teilhaft und teillos, mit Eigenschaften und eigenschaftslos. (95) Wer den Mantra Śrī-Prāsāda-Parā, das Kronjuwel aller Mantras, murmelt (japa), erlangt Genuss und Erlösung, daran ist kein Zweifel. (96)
Wozu viele Worte: höre das Wesentliche von allem, Liebe: einen Mantra, der dem Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra gleichkäme, gibt es nicht. (97) Dies allein ist das höchste Wissen, dies allein die höchste Askese, dies allein die höchste Meditation, dies allein die höchste Verehrung; (98) dies allein die höchste Einweihung, dies allein das höchste Rezitieren, dies allein die höchste Wirklichkeit, dies allein das höchste Gelübde; (99) dies allein das höchste Opfer, dies allein das Höhere als das Höchste, dies allein das höchste Ziel der Meditation, dies allein die höchste Frucht; (100) dies allein das höchste Brahman, dies allein der höchste Weg (gati), dies allein das höchste Geheimnis – wahrlich, wahrlich, kein Zweifel. Wenn man dies erkannt hat, soll man dem Vortrefflichsten der Manus (Mantras) allezeit ergeben sein, Liebe. (101)
Vers 95: die Konstruktion setzt Vers 94 fort („tasmāt … mantram … paratattvasvarūpatvāt … śivaśaktimayatvāt …“). Vers 95cd: OCR „sakn…nāpi ca niṣkamya saguṇaṃ cāpi nirguṇam“; nach Sinn „sakalaṃ cāpi niṣkalaṃ ca“ rekonstruiert [Handschrift ka liest „nirguṇaṃ ca samanvitam“]. Vers 96: „sarvamantraśiromaṇim“ aus OCR „sarvamantraśiromaṇi“. Vers 98–101: im Druck stehen die Zeilenpaare so, dass 98, 99, 100 je zwei, 101 drei Zeilen umfassen.
āgamoktena vidhinā kramapūjāpuraḥsaram | śrīprāsādaparāmantraṃ śatam aṣṭottaraṃ japet | mucyate brahmahatyādimahāpāpaiś ca pañcabhiḥ ||102||
dviśataṃ yo japed devi śrīprāsādaparāmanum | caturaśītilakṣāṇāṃ [śarīra]dhāraṇair api [?] ||103||
ayoni[…]caritair [?] asaṃkhyajananārjitaiḥ | bālye yauvane vārdhakye jāgratsvapnasuṣuptiṣu ||104||
karmaṇā manasā vācā jñānājñānakṛtair api | mahāpātakasaṅghaiś ca hy upapātakakoṭibhiḥ | mucyate nātra sandehaḥ satyam etad varānane ||105||
triśataṃ yo japed devi śrīprāsādaparāmanum | sarvakratuṣu yat puṇyaṃ sarvadāneṣu yat phalam ||106||
sarvavrateṣu yat puṇyaṃ sarvatīrtheṣu yat phalam | tat phalaṃ labhate devi nātra kāryā vicāraṇā ||107||
catuḥśataṃ japed yas tu śrīprāsādaparāmanum | sadā tasya gṛhadvāre hy aṇimādyaṣṭasiddhayaḥ | vasanti nātra sandehaḥ sarvasiddhisamanvitāḥ ||108||
Nach dem im Āgama gelehrten Verfahren, mit Verehrung nach der Reihe vorweg, soll man den Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra einhundertacht Mal murmeln; man wird von den Großsünden wie Brahmanenmord und [den anderen] fünf befreit. (102) Wer, Göttin, den Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra zweihundert Mal murmelt, [wird befreit] selbst von den Übeln, [die aus dem Annehmen] der vierundachtzig Lakh [Schöße/Körper] … [?] (103), [von Untaten] in Handlungen [?], die in unzähligen Geburten angesammelt wurden, in Kindheit, Jugend und Alter, im Wachen, Traum und Tiefschlaf, (104) durch Tat, Denken und Rede, wissentlich oder unwissentlich begangen, von Haufen von Großsünden (mahāpātaka) und Zehnmillionen von Nebensünden (upapātaka) – er wird befreit, daran ist kein Zweifel; das ist wahr, Schönantlitzige. (105)
Wer, Göttin, den Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra dreihundert Mal murmelt: was an Verdienst in allen Opfern, was an Frucht in allen Gaben, (106) was an Verdienst in allen Gelübden, was an Frucht in allen Wallfahrtsorten [liegt] – diese Frucht erlangt er, Göttin; darüber ist nicht zu grübeln. (107) Wer vierhundert Mal murmelt, dessen Haustür haben allezeit die acht Vollkommenheiten (siddhi), Aṇimā usw.; sie wohnen [dort], kein Zweifel, mit allen Vollendungen versehen. (108)
Vers 102: „pañcabhiḥ“ – gemeint sind die fünf Großsünden (Brahmanenmord, Trinken von Surā, Diebstahl von Gold, Beischlaf mit der Frau des Lehrers, Umgang mit solchen Sündern); hier nur „Brahmanenmord usw. und [die] fünf“ nach Wortlaut. Vers 103–104: OCR fast unlesbar (Fußnoten ṅa „caturviṃśati“, kha „lutāṃ dhārayan“ usw.); die Rekonstruktion ist sehr unsicher [?]; im Sinn: Befreiung von allen Sünden vieler Geburten und aller Lebensalter, Bewusstseinszustände und Handlungsweisen. Vers 108: „vasanti“ nach Fußnote (ṅa „vasanti nityaśaḥ“), OCR „revantaḥ“. Vers 109 im OCR als „128“.
yad yan mano 'bhilaṣitaṃ tat tat prāpnoty asaṃśayam | dharmārthakāmamokṣāś ca sākṣāt tasya kare sthitāḥ ||109||
sālokyapramukhāṃ devi labhen muktiṃ caturvidhām | satyam etan na sandehaḥ sādhakaḥ kulanāyike ||110||
japet pañcaśataṃ yas tu śrīprāsādaparāmanum | tatphalaṃ naiva śaknomi kathituṃ kulanāyike ||111||
tasmāt sarvaprayatnena sarvāvasthāsu sarvadā | śrīprāsādaparāmantraṃ japed bhuktivimuktaye ||112||
nāsti gurvadhikaṃ tattvaṃ na śivādhikadevatam | na hi vedādhikā vidyā na kaulasamadarśanam ||113||
na kulād adhikaṃ jñānaṃ na jñānād adhikaṃ sukham | nāṣṭāṅgād adhikā pūjā na hi mokṣādhikaṃ phalam | idaṃ satyam idaṃ satyaṃ satyaṃ satyaṃ na saṃśayaḥ ||114||
śrīprāsādaparāmantramāhātmyam idaṃ varṇitum | na śaknomi varārohe kalpakoṭiśatair api ||115||
girau sarṣapamātraṃ tu sāgare vālukā yathā | tathā ca mantramāhātmyaṃ kiñcit te kathitaṃ mayā ||116||
ūrdhvāmnāyasya māhātmyaṃ śrīprāsādaparāmanoḥ | iti te kathitaṃ devi kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ||117||
iti śrīkulārṇave nirvāṇamokṣadvāre mahārahasye sarvāgamottamottame sapādalakṣagranthe pañcamakhaṇḍe ūrdhvāmnāyatantre śrīprāsādaparāmantrakathanaṃ nāma tṛtīya ullāsaḥ ||
Was immer das Herz wünscht, das erlangt er ohne Zweifel; Pflicht, Nutzen, Lust und Erlösung liegen leibhaftig in seiner Hand. (109) Er erlangt, Göttin, die vierfache Erlösung, mit Sālokya (Wohnen in der Welt des Gottes) an der Spitze; das ist wahr, kein Zweifel, [wenn er] Ausübender (sādhaka) ist, Herrin der Kula. (110) Wer fünfhundert Mal den Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra murmelt – dessen Frucht kann ich nicht sagen, Herrin der Kula. (111)
Darum soll man mit allem Bemühen, in allen Lagen, jederzeit den Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra murmeln, um Genuss und Erlösung [zu erlangen]. (112) Es gibt keine Wirklichkeit, die höher wäre als der Guru, keine Gottheit höher als Śiva, keine Wissenschaft höher als der Veda, keine Lehre, die der Kaula-Lehre gleichkäme. (113) Kein Wissen ist höher als [das der] Kula, kein Glück höher als Wissen, keine Verehrung höher als die achtgliedrige, keine Frucht höher als die Erlösung. Dies ist wahr, dies ist wahr, wahr, wahr, kein Zweifel. (114) Die Größe des Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra kann ich nicht ausschöpfend beschreiben, Schönhüftige, selbst in hundert mal zehn Millionen Weltzeitaltern (kalpa). (115) Ein Senfkorn [gemessen am] Berg, ein Sandkorn [am] Meer – so gering ist das, was ich dir von der Größe des Mantra gesagt habe. (116) Die Größe des Ūrdhvāmnāya und des Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra – so ist sie dir gesagt worden, Göttin. Was willst du noch hören? (117)
Damit endet im ehrwürdigen Kulārṇava, in der „Tür der Erlösung“ (nirvāṇa-mokṣa-dvāra), im großen Geheimen, dem Höchsten aller Āgamas, im Werk von einhundertfünfundzwanzigtausend [Versen], im fünften Abschnitt, im Ūrdhvāmnāya-Tantra, das dritte Kapitel (ullāsa), genannt „Darlegung des Śrī-Prāsāda-Parā-Mantra“.
Vers 109 im Druck als „128“ (OCR-Ziffernfehler), nach Zählung 109. Vers 110b „labhen muktiṃ“ aus OCR „labhenyatiṃ“ erschlossen; die vier Erlösungsstufen sind Sālokya, Sāmīpya, Sārūpya, Sāyujya. Vers 114: Fußnoten (ṅa „na kulajñādhiko jñānī“, „nāmaṃ cādhikā“) weichen ab; Haupttext nach OCR. „aṣṭāṅga“ = achtgliedrige Verehrung (Ehrerbietung mit acht Körperteilen bzw. achtgliedriger Yoga; unsicher). Vers 115a: „idaṃ“ so im Druck; „varṇitum“ verlangt einen Infinitiv-Anschluss (māhātmyam idaṃ varṇitum). Kolophon: „sapādalakṣagrantha“ = „Werk von 125000 [Versen]“ (wörtlich: ein Viertel über einem Lakh).