Quelle: Kulārṇava-Tantra, hg. Tārānātha Vidyāratna (Arthur Avalon), Tantrik Texts Vol. 5, Luzac & Co., London 1917 (archive.org, OCR-Text). Inhalt: Auf Pārvatīs Bitte legt Śiva die Regeln des Kula-Wandels dar: Verhalten gegenüber Guru, Älteren und Mitschülern (1–7), Zeiten und Voraussetzungen der Kula-Verehrung und Regeln für den Kult-Kreis (cakra) und den Umgang mit Trinkgefäßen (8–35), Verbot des Umgangs mit paśus und Ehrfurcht vor Guru, Kaulikas und Frauen (36–70), Geheimhaltung des Kula-Dharma und Strafen für Verrat und Schmähung (71–98), Samaya-Regeln, Sühnen und Verantwortung des Guru (99–110). Die OCR-Qualität ist schlecht bis sehr schlecht (viele Verse nur aus Fußnotenvarianten, Metrik und Kontext rekonstruierbar); unsichere Stellen sind mit [?] markiert, Handschriftenvarianten (ka kha ga gha ṅa) nach den Fußnoten in notes erwähnt. Kolophon-Zeile am Ende von 11.106.
Die Göttin sprach: Herr der Kula, ich möchte hören – du von allen Welten allein Verehrter –, o Gott, Ozean des Erbarmens: nenne mir die Ordnung des Kula-Wandels (kulācāra; „kula“ hier die Gesamtheit der Kaula-Gemeinschaft und ihrer Śakti-Lehre). (1)
Īśvara sprach: Höre, Göttin, ich will dir sagen, wonach du mich fragst; allein durch das Hören davon wird man von den Fesseln des paśu (des „Viehs“, des Ungeweihten, Gebundenen) befreit. (2)
Wenn ein Älterer (in der Weihe) [da ist], der Geweihte, dem Kula-Kult und dergleichen [aber] fernsteht [?], so soll man – ist er in der Wirklichkeit (tattva) fest gegründet und kennt er die Ordnung – den Kula-Kult [mit ihm] vollziehen. (3) Dann soll man sich zu ihm begeben, dem Guru ehrerbietig gemäß der Vorschrift huldigen, ihm alles darbringen und den Rest genießen, Pārvatī. (4)
Kommt mitten in der Verehrung ein älterer Guru oder sonst ein Verehrungswürdiger hinzu, so soll man sich verneigen, [ihm das Geschehene] mitteilen [?] und das Übrige mit seiner Erlaubnis vollbringen. (5) Sind zwei Schüler, ein älterer und ein jüngerer, an einem Ort beisammen, so gilt dort, wie früher [gesagt], dieselbe Regel, Herrin der Kula. (6)
Kommt ein unbekannter Kaula an, so soll man nach der Überlieferungsreihe [seiner Lehrer] verfahren [?]; […] den Guru, Göttin, soll man auf seinem eigenen Weg zufriedenstellen [?]. (7)
Vers 3: Text unsicher; ‚yadi ced dīkṣito‘ ist aus entstellter OCR-Form rekonstruiert; die Konstruktion (‚Älterer, der … fernsteht, aber tattvaniṣṭha ist‘) ist eine der möglichen Lesungen [?]. Vers 4d/5: ‚nivedya‘ und ‚tadanujñayā‘ aus OCR erschlossen. Vers 7: OCR stark zerstört (Zeilenteile fehlen); nur Fußnote ṅa (‚ajñāte kaulike prāpte pāramparyaṃ samācaret‘, ‚… guruṃ devi svakamārgeṇa‘) gestützt; die Übersetzung ist daher ungewiss. In der OCR erscheinen zwei Halbverse ohne Nummern, die als Vers 7 gezählt wurden, da Vers 8 beginnt.
nityaṃ dine kuryād rātrau naimittikārcanam | ubhayoḥ kāmyakarmāṇi ceti śāstrasya nirṇayaḥ ||8||
asnātvā cānāsanastho vā bhuktvā vā pralapann api | gandhapuṣpāmbarādyair analaṅkṛtaḥ | avinyastaśarīro vā kulapūjāṃ na cācaret ||9||
vinā mantreṇa yā pūjā vinā māṃsena tarpaṇam | vinā śaktyā tu yat pānaṃ niṣphalaṃ kathitaṃ priye ||10||
śrīcakram eko na kuryād ekapātraṃ tu nārcayet | nārcayed ekahastena na pibed ekapāṇinā ||11||
[…] sarvaṃ […] nārcayet paśusannidhau | praṇamya praviśec cakraṃ vinirgacched gaṇasya ca ||12||
svacakro nāsane tiṣṭhen na ca vīrāsane priye | strīcakradarśane devi […] pāpanāśanam | tan nāsti ced gaṇadvandvaṃ kaulikaḥ syāt triyugmakam ||13|| [?]
anācārān sadācārāṃś cakrasthān śaktikaulikān | śivagaurīdhiyā devi bhāvayen nāvamānayet ||14||
Das tägliche [Ritual] vollziehe man bei Tage, die gelegentliche (naimittika) Verehrung bei Nacht; die Wunschriten (kāmya) [gehören] zu beiden [Zeiten] – so lautet die Entscheidung der Lehre. (8)
Ungebadet, ohne Sitz, nach dem Essen oder dabei schwatzend, nicht mit Duftstoffen, Blumen, Gewändern und dergleichen geschmückt, oder mit ungeordnetem (nicht durch nyāsa geweihtem) Körper soll man den Kula-Kult nicht vollziehen. (9)
Eine Verehrung ohne Mantra [?], ein Tarpaṇa (Labeopfer) ohne Fleisch, ein Trank ohne Śakti (die Gefährtin) ist, Liebe, als fruchtlos erklärt. (10)
Das Śrīcakra (den Kreis der Feiernden) soll man nicht allein abhalten; man soll nicht mit einem einzigen Gefäß verehren, nicht mit einer Hand verehren, nicht mit einer Hand trinken. (11)
[…] soll man nicht in Gegenwart eines paśu verehren [?]. Man betrete den Kreis nach einer Verneigung und verlasse ihn [ebenso] gegenüber der Schar (gaṇa). (12)
[Der Eigene des Kreises?] sitze nicht auf einem [beliebigen] Sitz und nicht auf dem Heldensitz, Liebe; beim Anblick des Frauenkreises, Göttin, [ist] … Vernichtung der Sünde [?]; ist das nicht [möglich], so sei es ein Paar [von] Gruppen, der Kaulika sei dreifach gepaart [?]. (13)
Die Regelwidrigen und die Regelgerechten, die im Kreis Stehenden, die Śakti-Kaulikas soll man in der Vorstellung von Śiva und Gaurī [Pārvatī] betrachten und verehren; man verachte sie nicht. (14)
Vers 9: Der Druck hat drei Zeilen; ṅa liest ‚gandhapuṣpāmbarā…‘, ka ‚muktā vā …‘; ‚anāsanastho‘ nach OCR. Vers 10: das erste Wort der Zeile ist entstellt; ‚mantreṇa‘ [?]; für ‚māṃsena tarpaṇam‘ lesen kha/gha ‚madyena‘ (Tarpaṇa ohne Wein), ṅa ‚māṃsena‘. Vers 11: laut Fußnote steht in der Handschrift kha dieser Śloka (‚śrīcakram eko na kuryād ekapātre na cācaret | nārcayed ekahastena na pibed ekapāṇinā‘) erst später als Zusatz, vom Herausgeber hier als unpassend bezeichnet; Lesung ‚na kuryād‘ (statt OCR ‚vā kuryād‘) ist Konjektur [?]. Vers 12ab: OCR entstellt, Lücken bezeichnet. Vers 13 ist im Druck als ‚12‘ nummeriert (OCR/Druckfehler), nach Zählung 13; der Text ist stark zerstört, die Übersetzung nur vage [?]. Die ṅa-Handschrift fehlt diesen Vers laut Fußnote.
kulācāryagṛhaṃ gatvā bhaktyā pāpaviśuddhaye | yāced amṛtaṃ tatra tadabhāve jalaṃ pibet ||15||
kulācāryeṇa tacchaktyā dattaṃ pātavyam bhaktitaḥ | namaskṛtya tu gṛhṇīyād anyathā narakaṃ vrajet ||16||
asnātvā vāpy abhaktyā vā lobhād vāpi kuleśvari | yaḥ seveta kuladravyaṃ dāridryaṃ sa samāpnuyāt ||17||
uṣṇīṣī kañcukī nagno muktakeśo gaṇāhataḥ | vyagro ruṣṭo vivādī ca na seveta kulāmṛtam ||18||
yogāmṛtena niṣṭhīved anyabhāṇḍaparibhraman | ūrdhvanālena pānāc ca devatāśāpam āpnuyāt ||19||
ekāsane niviṣṭas tu bhuñjānas tv ekabhājane | ekapātre pibed dravyaṃ te yānti narakaṃ priye ||20||
yaḥ seveta kuladravyam ekagrāme sthite gurau | tatkulīne ca tatputre sajyeṣṭhe kuladeśike | vinānujñāṃ maheśāni so 'vaśyaṃ narakaṃ vrajet ||21||
Man gehe zum Haus des Kula-Lehrers (kulācārya), um in Hingabe von Sünde gereinigt zu werden, und erbitte dort das Amṛta (den „Nektar“, hier den rituellen Trank); fehlt er, so trinke man Wasser. (15)
Was der Kula-Lehrer mit seiner Śakti gegeben hat, soll man in Hingabe trinken; man nehme es nach einer Verneigung an; andernfalls geht man in die Hölle. (16)
Wer, Herrin der Kula, ungebadet, ohne Hingabe oder aus Gier das Kula-Gut (kuladravya, die rituellen Substanzen) genießt, gerät in Armut [?]. (17)
Mit Turban, mit Jacke, nackt, mit gelöstem Haar, [von der Schar geschlagen?], zerstreut, zornig oder streitsüchtig soll man das Kula-Amṛta nicht genießen. (18)
Wer in das Yoga-Amṛta spuckt, [mit] fremdem Gefäß herumläuft [?] oder mit aufwärts gerichtetem Rohr [?] trinkt, zieht den Fluch der Gottheit auf sich. (19)
Wer auf einem gemeinsamen Sitz sitzt, aus einem gemeinsamen Gefäß isst oder aus einem einzigen Gefäß das Getränk trinkt – diese gehen, Liebe, in die Hölle. (20)
Wer das Kula-Gut genießt, während der Guru im selben Dorf weilt, oder [ohne Erlaubnis] von dessen Kulagenossen, dessen Sohn, dem [Älteren] oder dem Kula-Lehrer – ohne Erlaubnis, Maheśānī, der geht gewiss in die Hölle. (21)
Vers 15b: ‚yāced amṛtaṃ‘ nach ṅa (‚yācayed amṛtāc ca‘), OCR entstellt. Vers 17d: Fußnoten ka ‚sadā avidyām avāpnuyāt‘, ṅa ‚sadā vittavināśam‘ (‚stets Verlust des Besitzes‘). Vers 18: ‚gaṇāhataḥ‘ unsicher; ṅa liest ‚digambaraḥ‘. Vers 19: OCR entstellt; ‚niṣṭhīved‘ (kha, ṅa ‚niṣṭhīve‘), ‚anyabhāṇḍaparibhraman‘ und ‚ūrdhvanālena‘ [?]. Vers 20d: ṅa ‚pibet toyaṃ‘. Vers 21: ‚sajyeṣṭhe‘ nach Fußnote; Lesung ‚tatkulīne‘ nach ṅa.
ucchiṣṭo na spṛśen naraḥ kuladravyāṇi pārvati | adbhiḥ prakṣālya ca karau kuladravyāṇi dāpayet ||22||
madyabhāṇḍaṃ samuddhṛtya na pātraṃ pūrayet priye | bhogapātraṃ surākuṇḍe nikṣipen na kadācana ||23|| [?]
cakramadhye śucidhiyā karaprakṣālanādikam | yaḥ karoti hi mūḍhātmā sa bhaved āpadāspadam ||24||
niṣṭhīvanaṃ malaṃ mūtram adho vāyuvisarjanam | yaś cakramadhye kuryāt sa bhaved yoginīpaśuḥ ||25||
cakramadhye ghaṭe bhagne pātre ca patite bhuvi | dīpanāśe ca śāntyartham śrīcakraṃ kārayet priye ||26|| [?]
mattā japanti dhyāyanti stuvanti praṇamanti ca | bodhayanti ca pṛcchanti nandanti jñāninaḥ priye ||27||
mattā ramanti garjanti hasanti vivadanti ca | rudanti striyam icchanti nindanty ajñāninaḥ priye ||28||
Unrein (mit Speiseresten behaftet) soll ein Mensch die Kula-Substanzen nicht berühren, Pārvatī; nachdem man die Hände mit Wasser gewaschen hat, lasse man die Kula-Substanzen reichen. (22)
Hat man das Weingefäß aufgenommen, so soll man [damit] das Trinkgefäß nicht [ohne Weiteres] füllen, Liebe; das Genussgefäß setze man niemals in den Weinkrug [?] ab. (23)
Wer mitten im Kreis in der Meinung, es sei rein, Händewaschen und dergleichen vornimmt, ein törichter Mensch, der wird zum Sitz von Unglück. (24)
Spucken, Kot, Urin und das Entweichen von Wind nach unten: wer dies mitten im Kreis tut, wird zum paśu der Yoginīs. (25)
Wird im Kreis ein Krug zerbrochen, fällt ein Gefäß auf den Boden oder erlischt die Lampe, so soll man zur Besänftigung, Liebe, [das Śrīcakra bzw. eine Sühne?] vollziehen lassen. (26)
Berauscht murmeln (Mantra), meditieren, preisen und verneigen sich die Wissenden, Liebe, sie belehren, fragen und freuen sich. (27) Berauscht spielen, brüllen, lachen und streiten die Unwissenden, sie weinen, begehren Frauen und schmähen, Liebe. (28)
Vers 22a: ‚naraḥ‘ nach OCR. Vers 23: ‚madyabhāṇḍa‘ (ka/ṅa: ‚madhubhāṇḍa‘, kha ‚toyabhāṇḍa‘); ‚surākuṇḍe‘ Konjektur aus stark entstellter OCR [?]; Sinn der Regel unklar. Vers 26cd: OCR ‚śrīcakraṃ‘; Fußnoten ka ‚mantrān‘, ṅa ‚keciḥ‘ – also evtl. ‚Mantras vollziehen lassen‘ [?]. Verse 27–28: Zuordnung der Subjekte (jñāninaḥ / ajñāninaḥ) nach Kontrast rekonstruiert; ṅa liest in 27 ‚vadanti … jñāninaḥ‘ und ‚nandanty ajñāninaḥ‘ [?].
parihāsaṃ pralāpaṃ ca vitaṇḍāṃ bahubhāṣitam | audāsīnyaṃ bhayaṃ krodhaṃ cakramadhye vivarjayet ||29||
pātrahasto mahādevi na bhramec cakramadhyataḥ | pūrṇapātraṃ kare kṛtvā na tiṣṭhet ciraṃ priye ||30||
nālapet pātrahastaḥ san na bhindyāt pātram ambike | pādābhyāṃ na spṛśet pātraṃ na bindum pātayed adhaḥ ||31||
naikahastena dātavyaṃ na mudrāvalitaṃ priye | pātraṃ na cālayet sthānān na kuryāt pātrasaṅkaram ||32||
saśabdaṃ na pibed dravyaṃ tathaiva ca na pūrayet | nānyonyaṃ tāḍayet pātraṃ tathā na pātayed adhaḥ ||33||
sādhāraṃ noddharet pātram anādhāre na nikṣipet | riktapātraṃ na kurvīta na pātraṃ bhrāmayet priye ||34|| [?]
na pātraṃ laṅghayed dhīmān pātraṃ notpātayet priye | prakṣālya gopayet pātram ity ājñā parameśvari ||35||
Scherz, Geschwätz, Wortklauberei (vitaṇḍā), vieles Reden, Gleichgültigkeit, Furcht und Zorn meide man mitten im Kreis. (29)
Mit dem Gefäß in der Hand, große Göttin, soll man nicht mitten im Kreis umherwandern; ein volles Gefäß in der Hand haltend soll man nicht lange stehen, Liebe. (30)
Mit dem Gefäß in der Hand soll man nicht sprechen, das Gefäß nicht zerbrechen, Mutter; man berühre das Gefäß nicht mit den Füßen und lasse keinen Tropfen zu Boden fallen. (31)
Nicht mit einer Hand soll man [es] reichen, nicht [mit] einer mit einer Mudrā [Fingerhaltung?] versehenen [Hand] [?], Liebe; man bewege das Gefäß nicht von seinem Platz und vermische die Gefäße nicht. (32)
Nicht geräuschvoll trinke man das Getränk und fülle [das Gefäß] ebenso nicht [geräuschvoll?]; man schlage die Gefäße nicht aneinander und lasse sie nicht zu Boden fallen. (33)
Ein Gefäß mit Untersatz nehme man nicht [ohne Weiteres] auf [?], man setze es nicht auf etwas, das kein Untersatz ist; man mache das Gefäß nicht leer und schwenke es nicht umher, Liebe. (34)
Der Verständige übertrete das Gefäß nicht (steige nicht darüber) und werfe es nicht in die Höhe, Liebe; man wasche das Gefäß und verwahre es – dies ist die Anweisung, höchste Herrin. (35)
Vers 32b: ‚mudrāvalitaṃ‘ unsicher [?]. Vers 33: Fußnoten ka ‚tāḍayet‘; ‚dravyaṃ‘ statt ‚madyaṃ‘ nach Kontext (Lesung schwankt). Vers 34: ‚noddharet‘ aus OCR ‚nocaret‘ erschlossen [?]. Vers 35: ‚dhīmān‘ aus OCR ‚dohmān‘ rekonstruiert.
yadā sandīpitollāsaḥ kaulikaḥ pramucyate [?] | paṭhed vā paśuśāstrāṇi saṅgacched vā paśustriyam ||36||
kuryāt paśuprasaṅgaṃ vā paśukāvyāṇi vā caret | dharmārthāyuryaśojñānasaukhyādi naśyati ||37|| [?]
strīcakrasthaṃ kuladravyaṃ yaḥ paśubhyaḥ prayacchati | svecchālobhād bhayād vāpi sa bhaved yoginīpaśuḥ ||38||
ripuṇāpi na kartavyo vāgvādaś cakramadhyataḥ | pitṛmātṛsamaṃ paśyet tenokte paruṣaṃ sahet ||39||
yathā strīputramitrādi dṛṣṭvā cetaḥ prahṛṣyati | tathā cet kaulikān dṛṣṭvā sa bhaved yoginīpriyaḥ ||40||
brahmādistambaparyantaṃ yasya me gurusantatiḥ | tasya me sarvaśiṣyasya ko na pūjyo mahītale | iti niścitabuddhir yaḥ sa bhaved āvayoḥ priyaḥ ||41||
ahaṃ guruḥ ahaṃ jyeṣṭhas tvaṃ ceti garvitaḥ | ahameva gatir yeṣāṃ kaulikā na bhavanti te ||42||
Wenn ein Kaulika, dessen Wonne (ullāsa) entfacht ist, [entlassen/losgelassen wird?] [?], oder Paśu-Lehrbücher liest oder sich mit einer Paśu-Frau vereinigt (36), oder Umgang mit paśus pflegt oder Paśu-Dichtungen [oder -Bräuche] übt, so gehen Dharma, Wohlstand, Lebensdauer, Ruhm, Erkenntnis, Glück und dergleichen zugrunde. (37)
Wer das im Frauenkreis befindliche Kula-Gut an paśus weitergibt, sei es aus Eigenwillen, Gier oder Furcht, der wird ein Yoginī-paśu (ein „Vieh“ in den Augen der Yoginīs). (38)
Selbst mit einem Feind soll man mitten im Kreis keinen Wortstreit führen; man sehe [ihn] wie Vater und Mutter an; wird [von ihm] Hartes gesagt, so ertrage man es. (39)
Wie das Herz sich freut beim Anblick von Frau, Sohn, Freund und dergleichen, so – wenn [es] beim Anblick der Kaulikas [ebenso geschieht] – wird er den Yoginīs lieb sein. (40)
„Von Brahmā bis zum Grashalm reicht meine Guru-Reihe (gurusantati); für mich, den Schüler von all diesen, wer auf der Erde wäre nicht verehrungswürdig?“ Wer so entschlossenen Sinnes ist, der wird uns beiden lieb sein. (41)
Wer stolz ist: „Ich bin der Guru, ich der Ältere, du …“ [?] – diejenigen, deren Zuflucht allein „Ich“ ist, werden keine Kaulikas. (42)
Vers 36: OCR stark entstellt; ‚pramucyate‘ [?]; Vorder- und Nachsatz (36–37) bilden offenbar einen Satz. Fußnote der Ausgabe: ka/ga/gha und ṅa vermerken, dass die Halbverse teilweise in einzelnen Handschriften fehlen. Vers 37: OCR ‚dharma…yaḥ…khaṃ‘, ṅa ‚jñānasaukhyādi‘ [?]. Vers 38: OCR ‚sejālobhād‘, ṅa ‚svecchālobha‘. Vers 39cd: Lesung ‚tenokte paruṣaṃ sahet‘ unsicher. Vers 41: dreizeilig im Druck. Vers 42: ‚ceti‘ / Fortsetzung des Ich-Ausrufs ist entstellt [?].
śrīgurum kulaśāstrāṇi pūjāsthānāni yāni ca | bhaktyā śrīpūrvakaṃ devi praṇamya parikīrtayet ||43||
guruṃ nāmnā na bhāṣeta japakālād ṛte priye | […] deva svāmīti vivāde sādhane vadet ||44|| [?]
śrīguroḥ pādukāṃ śuddhāṃ mūlamantraṃ svapādukām | śiṣyād anyasya deveśi na vaded yasya kasyacit ||45||
pāramparyāgamāmnāyaṃ mantrācārādikaṃ priye | sarvaṃ gurumukhāl labdhaṃ saphalaṃ syān na cānyathā ||46||
śrīśāstrāśrayamūlaṃ ca pustakaṃ na vadet priye | nityaṃ samarcayed bhaktyā paśuhaste na nikṣipet ||47||
svadāravan niṣeveta kulaśāstrāṇi pārvati | paśuśāstrāṇi sarvāṇi varjayet paradāravat ||48||
śvacarmasthaṃ yathā kṣīram apeyaṃ syād dvijottamaiḥ | tathā paśumukhād dharmo na śrotavyo hi kaulikaiḥ ||49||
Den [Herrn] Guru, die Kula-Schriften und alle Kultstätten soll man in Hingabe, mit vorangestelltem „Śrī“, nach einer Verneigung nennen. (43)
Den Guru soll man nicht mit seinem Namen anreden, außer zur Zeit des Japa (der Mantra-Rezitation), Liebe; […] „Herr“ (svāmin) soll man sagen bei Streit und bei der Übung [?]. (44)
Die reine Pādukā (Fußspuren-Reihe) des ehrwürdigen Guru, das Wurzelmantra und die eigene Pādukā soll man, Herrin der Götter, niemandem außer dem Schüler mitteilen, wer es auch sei. (45)
Die Überlieferungstexte (āgama) und die Tradition (āmnāya) der Lehrreihe, Mantra-Praxis und dergleichen, Liebe: alles, was aus dem Mund des Guru erlangt ist, ist fruchtbar, nicht anders. (46)
Das Buch, das Wurzel und Stütze der heiligen Lehre ist, soll man [Fremden] nicht vortragen, Liebe; man verehre es täglich in Hingabe; in die Hand eines paśu lege man es nicht. (47)
Wie die eigene Ehefrau soll man die Kula-Schriften pflegen, Pārvatī; alle Paśu-Schriften meide man wie die Frau eines anderen. (48)
Wie Milch in einem Hundefell von den besten Zweimalgeborenen (Brahmanen) nicht getrunken wird, so darf ein Kaulika keinen Dharma aus dem Mund eines paśu hören. (49)
Vers 44b: Halbvers stark entstellt; Wortlaut ‚… deva svāmīti‘ nur teilweise lesbar [?]. Vers 47: ‚paśuhaste‘ aus OCR ‚paśastaṃ‘ (‚prasastaṃ‘) rekonstruiert; ṅa liest ‚pustakaṃ parameśvari‘. Vers 49: ‚śvacarmasthaṃ‘ nach Fußnote (ṅa); ṅa liest ‚paśumukhāt sarvaṃ na śrotavyam‘.
yaḥ śṛṇoti kulācāraṃ yathāśāstraṃ ca yo vadet | tāv ubhau gacchataḥ sākṣād yoginīvīramelanam ||50||
aśraddadhānā ye cātra kuladharme kuleśvari | narakān no nivartante yāvad ābhūtasaṃplavam ||51||
ūḍhā kṛtā tathā krītā mūlyena ca samāhṛtā | sakṛt kāmaratā vāpi pañcadhā guruyoṣitaḥ | alaṅghyāḥ pūjanīyāḥ syur guruvad guruyoṣitaḥ ||52||
guruśaktiṃ vīrabhāryāṃ kumārīṃ vratadhāriṇīm | vyaṅgāṅgāṃ vikṛtāṅgīṃ ca kubjām api na kāmayet ||53||
sutāṃ ca bhaginīṃ pautrīṃ snuṣāṃ vāpi priyām api | na kāmayed guror […] kuryān nānyonyasaṃgraham ||54|| [?]
kṛśāṃ gaurīṃ ca śyāmāṃ ca kṛṣṇavarṇāṃ kumārīṃ kṣāmodarīm | manoharāṃ yauvanasthām arcayed devatādhiyā ||55||
ekadāpi na sevet […] kulayoginīm | cakramadhye svayaṃ kṣubdhāṃ kāmayet kulasundarīm ||56|| [?]
Wer die Kula-Lebensweise hört und wer sie schriftgemäß darlegt – diese beiden gehen unmittelbar zur Vereinigung mit den Yoginīs und Vīras (den „Helden“). (50)
Die aber hier, Herrin der Kula, dem Kula-Dharma nicht vertrauen, kehren aus den Höllen nicht zurück bis zur Auflösung der Wesen [am Weltende, ābhūtasaṃplava]. (51)
Die angetraute, die [durch Handlung?] gemachte, die gekaufte, die für einen Preis herbeigebrachte oder auch die einmal in Liebe Zugetane: in fünferlei Weise gibt es Frauen des Guru; unantastbar und verehrenswert sollen die Guru-Frauen sein wie der Guru. (52)
Die Śakti des Guru, die Frau eines Vīra, ein Mädchen (kumārī), eine Gelübdeträgerin, eine Körperbehinderte, eine Missgestaltete oder eine Bucklige soll man nicht begehren. (53)
Tochter, Schwester, Enkelin, Schwiegertochter oder auch die Geliebte […] soll man nicht begehren; man vollziehe keine wechselseitige Umarmung [?]. (54)
Die Zierliche, die Helle, die Dunkle, die Schwarzhäutige, das Mädchen, die Schmalleibige, die Reizende, die im jugendlichen Alter Stehende soll man in der Vorstellung von der Göttin verehren. (55)
Nicht einmal [?] soll man […] die Kula-Yoginī [gebrauchen?]; eine Kula-Schöne, die im Kreis selbst [vom Verlangen] erregt ist, mag man begehren. (56)
Vers 51: ‚ābhūtasaṃplavam‘ (bis zum Weltuntergang) aus OCR ‚āhataḥsaṃśnavam‘ rekonstruiert. Vers 52: dreizeilig; fünf Arten von Guru-Frauen nach dem Druck; Varianten ga/gha ‚samāhitā‘, ṅa ‚uddhṛtā ca sthāpitā mūlena ca‘. Vers 54: OCR stark entstellt, letzter Halbvers unsicher [?]. Vers 55: ‚kṛśāṃ gaurīṃ ca śyāmāṃ ca‘ nach Fußnote (kha). Vers 56: erste Zeile stark entstellt; ṅa liest am Ende ‚kāmayen na kadācana‘ (‚niemals begehren‘), was den Sinn umkehren würde [?].
āmamāṃsaṃ surāṃ cānnaṃ mattebhaṃ siddhaliṅginam | sahakāram aśokaṃ ca krīḍālolāḥ kumārikāḥ ||57|| [?]
ekavṛkṣaṃ śmaśānaṃ ca […] yoṣitām api | nārīṃ ca raktavasanāṃ dṛṣṭvā vandeta bhaktitaḥ ||58|| [?]
guruśaktisutajyeṣṭhakaniṣṭhān kuladeśikān | kuladarśanaśāstrāṇi kuladravyāṇi kaulikān ||59||
prerakān sūcakāṃś cāpi vācakān darśakāṃs tathā | śikṣakān bodhakān yogino yoginīḥ siddhapuruṣān ||60|| [?]
kanyāṃ kumārikāṃ nagnām unmattāṃ vāpi yoṣitam | na nindenna jugupseta na haset nāvamānayet ||61||
nāpriyaṃ nānṛtaṃ brūyāt kasyāpi kulayoginaḥ | krūrā ceti kaṣṭeti na vadet kulayoṣitam ||62|| [?]
parīkṣayen na bhaktānāṃ vīrāṇāṃ ca kṛtākṛte | na paśyed vanitāṃ nagnām unmattāṃ prakaṭastanīm ||63||
Rohes Fleisch, Wein [?] und Speise, einen brünstigen Elefanten, einen Siddha-Zeichenträger, den Mangobaum und den Aśoka, spielfreudige Mädchen, (57) einen einzelnen Baum, einen Leichenverbrennungsplatz […] und Frauen sowie eine Frau in roten Gewändern: hat man [sie] gesehen, so verneige man sich in Hingabe. (58) [Ebenso] den Guru, die Śakti des Guru, [dessen] Sohn, die Älteren und Jüngeren, die Kula-Lehrer, die Kula-Lehre und Kula-Schriften, die Kula-Substanzen, die Kaulikas, (59) die Antreiber und Hinweisgeber, die Sprecher und Zeigenden, die Lehrer und Erwecker, die Yogis, Yoginīs und vollendeten Männer [?]: (60)
Ein Mädchen, eine Kumārī, eine nackte oder auch wahnsinnige Frau soll man nicht schmähen, nicht verabscheuen, nicht verlachen und nicht missachten. (61)
Nichts Unangenehmes und nichts Unwahres soll man zu irgendeinem Kula-Yogī sagen; „grausam“ oder „elend“ soll man zu einer Kula-Frau nicht sagen [?]. (62) Man prüfe nicht das Getane und Ungetane der Gläubigen und Vīras. Man betrachte nicht eine nackte, wahnsinnige Frau mit entblößten Brüsten. (63)
Vers 57–58: Die Reihe der ‚Dinge, vor denen man sich verneigt‘ (Glücksomen) ist stark entstellt; ‚surāṃ cānnaṃ‘ (OCR ‚surāṅgānnaṃ‘) und ‚ekavṛkṣaṃ‘ (OCR ‚ekahacca‘) sind Konjekturen [?]. Verse 59–60 sind Objekte des Verbs in Vers 61 (‚nicht schmähen‘) und Vers 58 (‚sich verneigen‘): die Konstruktion ist nicht sicher zu klären; Vers 60 ‚siddhapuruṣān‘ nach ṅa (‚siddhipuruṣān‘), ka ‚siddhirūpiṇaḥ‘. Vers 62b: ‚anṛtaṃ‘ und ‚krūrā ceti kaṣṭeti‘ Konjekturen aus OCR [?]. Vers 63a: ‚parīkṣayen na‘ aus OCR ‚parokṣayena na‘ rekonstruiert.
divā na ramen nārīṃ tadyoniṃ naiva vīkṣayet | yā kācid aṅganā loke sā mātṛkulasambhavā ||64||
kupyanti kulayoginyo vanitānāṃ vyatikramāt | striyaṃ śatāparādhāc cet puṣpeṇāpi na tāḍayet | doṣān na gaṇayet strīṇāṃ guṇān eva prakāśayet ||65||
tiṣṭhanti yoginyaḥ kulavṛkṣeṣu sarvadā | tatpatreṣu na bhoktavyam arcayet ca viśeṣataḥ ||66|| [?]
na chindyāt kulavṛkṣāṃś ca nopadravam ācaret | dṛṣṭvā tān namaskuryāc chedayen na kadācana ||67||
śleṣmātakaṃ karañjākhyaṃ nimbaśālmalikadambakāḥ | bilvavaṭodumbarāś ca tintiḍī navamī smṛtā ||68||
prāyaścittaṃ goḥ pātaṃ [?] sandhyāsaṃnyāsaṃ vratadhāraṇam | tīrthayātrābhigamanaṃ kaulaḥ pañca vivarjayet ||69|| [?]
vīrahatyā surāpānaṃ vīrapatnīniṣevaṇam | vīradravyāpaharaṇaṃ tatsaṃyogaś ca pañcamaḥ | mahāpātakam ity uktaṃ kaulikānāṃ kulānvaye ||70||
Bei Tage vergnüge man sich nicht mit einer Frau und betrachte ihre Yoni nicht. Jede Frau, die es in der Welt gibt, ist aus dem Geschlecht der Mutter hervorgegangen [?]. (64)
Die Kula-Yoginīs zürnen bei Verletzungen [der Ehrung] der Frauen. Selbst bei hundert Vergehen soll man eine Frau nicht einmal mit einer Blume schlagen; die Fehler der Frauen soll man nicht zählen, nur ihre Vorzüge verkünden. (65)
Die Yoginīs weilen allezeit auf den Kula-Bäumen; von deren Blättern soll man nicht essen, und man verehre [sie] besonders [?]. (66) Man fälle die Kula-Bäume nicht und richte keinen Schaden [an ihnen] an; hat man sie gesehen, so verneige man sich, und man lasse sie niemals fällen. (67)
Śleṣmātaka (Cordia), Karañja, Nimba, Śālmali, Kadamba, Bilva, Vaṭa, Udumbara und der Tamarindenbaum als neunter, so wird überliefert. (68)
Sühne, […] [?], Aufgabe des Abendrituals (Sandhyā), Gelübdeübernahme, Pilgerfahrt zu heiligen Furten: diese fünf soll der Kaula meiden. (69)
Tötung eines Vīra, Weintrinken, Umgang mit der Frau eines Vīra, Raub des Besitzes eines Vīra und, als fünftes, die Verbindung damit: dies gilt als „großes Verbrechen“ (mahāpātaka) in der Kula-Familie der Kaulikas. (70)
Vers 64: ‚divā na ramen‘ nach ṅa (‚na divā sevayen nārīṃ‘); ‚mātṛkulasambhavā‘ [?] (kha: ‚sā mātā‘). Vers 65: dreizeilig; ‚śatāparādhāc cet‘ nach ga. Vers 66–67 stark entstellt; ‚arcayet‘ [?] (ṅa ‚arkapatre‘). Vers 68: Neun Kula-Bäume nach dem Druck (‚aśvattha‘ der OCR als ‚ca‘ gelesen, sonst wären es zehn) [?]. Vers 69: Erstes Glied (‚goḥ pātaṃ‘) unklar; ‚sandhyāsaṃnyāsaṃ‘ nach ka (‚sandhyāsaṃdhāriṇaṃ‘), Lesart schwankt [?]. Vers 70: vierzeilig; Zählung nach dem Druck (‚69‘ erscheint bei der vorangehenden Zeile).
Im Śaiva[-System] ist das Wesentliche die vollständige Erkenntnis der Wirklichkeit (tattva), im Gāruḍa[-System] das Verzehren von Gift [als Schutz?], in der Astrologie die Finsternis [Eklipse], im Kaula die Gunst und die Strafe [Segnen und Zürnen]. (71)
Wer Gottheit, Guru und Schriften und den Wandel der Siddhas verhöhnt, wer ein Wissensdieb ist, wer den Guru verrät, gelangt in den Zustand eines Brahmarākṣasa (eines Brahmanen-Dämons). (72)
Wer das Wort des Guru für nichtig erklärt und die Vīras zurechtweist, Liebe, wer den Guru [mit „hum“ und „tum“ ] abkanzelt, einen Vīra im Streitgespräch niederringt und die Kula-Schriften [zerredet, in Zweifel zieht], die werden zu Brahmarākṣasas. (73)
Wer den Guru, der ihm auch nur eine einzige Silbe [ein Mantra] gegeben hat, missachtet, wird nach hundert Geburten als Hund zum Caṇḍāla. (74)
Mutter, Vater, Gattin, Bruder, Verwandten [oder] Sohn – wer die Kula schmäht, o Göttin, den soll man ohne Bedenken erschlagen (75), [ebenso den Schmäher von] Guru, Gottheit oder Kaulika, Herrin der Kula, von Kula-Lehren oder auch dem Zweck des Kula-Dharma (76): wer einen Schmäher der Göttin erschlagen hat, oder selbst bedrängt wird und [dann] sein Leben aufgibt, der geht im höchsten Śiva auf. (77)
Vers 71: Sinn der Gegenüberstellung nur ungefähr erfassbar; ṅa liest ‚saure ca jyotiṣaṃ sāraṃ kaulike …‘. Vers 73: dreizeilig. Verse 75–77 bilden zusammen eine Satzkonstruktion; Wortlaut von 76–77 stark entstellt und rekonstruiert [?]; die Handschriften ka ga gha lassen laut Fußnote zwei Verse dieser Gruppe aus, ṅa einen. Der Text ist wörtlich wiedergegeben, ohne Deutung (radikale Formel gegen Kula-Schmähung im Text selbst).
Wenn beim Tod eines einzigen Übeltäters Wohlergehen für viele entsteht, so entsteht Verdienst durch seine Tötung. (78)
Was sich im Śrīcakra (Kultkreis) begeben hat, Gutes oder Schlechtes, soll man niemals erzählen – so lautet die Anweisung, höchste Herrin. (79)
Über Kula-Dharma soll man vor paśus niemals sprechen, Liebe – wie man vor einem Śūdra nicht Veda rezitiert. (80)
Pīṭha, Mantra, Āgama und Überlieferung, deren Vidyās, Regeln und die Kaulikas, Kula-Substanzen und dergleichen soll man in Gegenwart eines paśu nicht erwähnen, Göttin. (81)
Wie man Besitz, Getreide und dergleichen vor Dieben schützt, Liebe, so soll man den Kula-Dharma vor den paśus schützen, Göttin. (82)
Innen Kaula, außen Śaiva, inmitten der Leute aber Vaiṣṇava: den Kaula verberge man gut, Göttin, wie das Wasser in der Kokosnuss. (83)
Alles, was zum Kula-Dharma gehört, soll man in allen Zuständen, allezeit, mit Sorgfalt verbergen, wie eine Mutter [die Frucht] ihres Ehebruchs [im Leib] (jāragarbha). (84)
Vers 78: ‚nidhanaṃ‘ (Tod) nach OCR ‚nidhanaṃ‘ rekonstruiert; stark entstellte Zeile, ‚kṣemaṃ puṇyaṃ‘ [?]. Vers 79: ‚śrīcakra‘ aus OCR ‚gocakra‘. Vers 81: ‚pīṭhamantra‘ aus OCR ‚poṭante‘ rekonstruiert. Vers 83: ṅa liest ‚antaḥ kaulā bahiḥ śaivāḥ sabhāyāṃ vaiṣṇavā matāḥ‘. Vers 84: Handschrift ka ‚jāravat priye‘.
Veda, Śāstras und Purāṇas sind wie eine Allerweltsdirne; diese śāmbhavī vidyā (Śambhus Wissen) aber ist verborgen wie eine Frau aus gutem Haus (kulavadhū). (85)
Die Gottheiten begünstigen den, der den Kaula-Wandel wohlverborgen hält; sie gewähren [ihm] das Erlangen des Gewünschten und vernichten die, die [ihn] offenlegen. (86)
Herrin der Kula: Diejenigen, die die Kula-Schriften kennen und dem Kula-Kult ergeben sind und dich im Verborgenen verehren, die weilen in deiner Nähe. (87)
Den Guru gebe der Verständige zu erkennen, das Mantra aber hüte er sorgsam. Durch Nicht-Offenlegen und [falsches] Offenlegen gehen Wohlstand und Lebensdauer zugrunde. (88)
Wer von jedem [anderen] Wandel abgefallen ist, mag sich an den Kula-Wandel halten; wer aber vom Kula-Wandel abgefallen ist, geht in die Rauravahölle. (89)
In den Śāstras wird für selbst die Schwersttäter (mahāpātakin) Sühne gesehen; für den, der von der Kula abgefallen ist, Göttin, ist nirgends eine Sühne gesehen. (90)
Wer, nachdem er den Kula-Dharma angenommen hat, den guten Wandel nicht wahrt, der ist, Liebe, ein Selbstwollender, [ein] Schwersttäter. (91)
Vers 85: ‚sāmānya‘ nach ka/kha/ṅa; ‚iyaṃ tu śāmbhavī‘ [?]. Vers 86: ‚vāñchāsiddhiṃ‘ nach kha/ga/gha (ṅa: ‚vāñchāsiddhim avāpnoti‘). Vers 88: ‚aprakāśaprakāśābhyām‘ – wörtlich ‚durch Nichtoffenbarung und Offenbarung‘; ṅa ‚naiva prakāśayet‘ statt ‚guruṃ prakāśayed‘ – Sinn: [Mantra] nicht offenbaren, Guru [respektvoll] nennen; die Aussage ist nicht sicher [?]. Vers 89: ‚samāśrayet‘ nach kha (‚kaulācāraḥ pravartate‘). Vers 91: der Satz setzt sich in Vers 92 fort (Aufzählung der Folgen); ‚yatheccācāriṇas‘ wörtlich ‚wer nach Belieben handelt‘.
[Es folgen] Unglück, Übel, Krankheiten, Armut, Streit, Furcht, der Zorn der Yoginīs und Strauchelnde [Fehltritte] auf Schritt und Tritt. (92)
[Er ist] geplagt, verloren, glanzlos, zutiefst leidend, geschmäht, von allen gehasst, verwirrt, ohne Gesellschaft; er zieht von Land zu Land, und stets [droht] Verlust des Körpers [Gesundheitsverlust]. (93)
Auch dort verschlingen die auf dem Kula-Weg stehenden Ḍākinīs, die Hüterinnen der Kula, [ihn]; früher wurde ihnen von mir ein Gunsterweis gewährt. (94)
Darum sei man, Göttin, ein Mensch guten Wandels und den Yoginīs lieb. Die Regellosen, Herrin der Kula, zerstören die vier Veden. (95)
Die Lesenden [? …] Kenner des Wesentlichen, bemüht um guten Wandel: durch guten Wandel erlangen sie Göttlichkeit und die Vereinigung mit Yoginīs und Vīras; die Kaulikas aber erlangen durch das Gegenteil Tierdasein (tiryak). (96)
Dieses Kaula-[Wissen] ist durch Befehl (ājñā) [wirksam]; es geht durch Regellosigkeit zugrunde. Durch Wahrung des Wandels tritt wahrhaftig ājñā-Vollendung ein. (97)
Nicht Weihe, nicht Mantra, nicht Schriftlesen und dergleichen ist der Grund des Kula-Dharma, sondern der gute Wandel, Herrin der Kula. (98)
Vers 92: ‚skhalitāni‘ aus OCR ‚skhalitāniḥ‘. Vers 93: dreizeilig; ‚kliśyamānaḥ‘ aus OCR ‚kleśamānaḥ‘ (ka ‚śaṃsumānaḥ‘); ṅa liest am Ende ‚rājyahāniś ca jāyate‘. Vers 94: ‚tatrāpi‘ nach kha, ṅa ‚atrāpi‘; Sinn nicht ganz sicher [?]. Vers 95: ka/kha/ga ‚caturvedān anācārān‘. Vers 96: dreizeilig; erste Zeile stark entstellt (OCR ‚pāṭhakāmātsāranaḥ‘); ṅa ‚sadācāro yatavrataḥ‘. Vers 97: ‚ājñāsiddham idaṃ‘ nach ga/gha. Vers 98 nach kha ‚sadācāra‘.
[Zeile stark entstellt:] Bālā, [Aśvārūḍhā?], Pādukā, … Schirm [?], Regel und dergleichen, Prägungen (vāsanā): wer [dies] kennt, der sei „Samayin“ (auf die Samaya-Regeln Verpflichteter), und auch Kaulika, Śāmbhavī. (99)
Solange er nicht nach den Samaya-Regeln [handelt/unterwiesen ist], ist er noch kein Kaulika, Göttin; beim Fall des Körpers (im Tod) wird er durch das Halten des Samaya-Wandels erlöst. (100)
Durch Fehlen des Sakraments (saṃskāra), durch Übertretung des Guru-Wortes, […] [des Wandels] fällt ein Kaulika, Göttin. (101)
Nitya-, Naimittika- und Kāmya-Riten, Unterlassung von Mantra, Tantra und dergleichen, schlechter Umgang mit einem unwürdigen paśu, [Fehler] in der Mantra-Weihe [?] – (102) [ob] heimlich oder offen entstanden, wissentlich oder unwissentlich begangen, Liebe: bei diesen und ähnlichen Fehlern [richtet sich] die Schwere oder Leichtigkeit der Sünde [nach den Umständen]. (103)
Nachdem er Ort, Zeit, Alter und Vermögen gehörig erwogen hat, soll der Guru eine Sühne (prāyaścitta) zur Reinigung von allen Sünden auferlegen. (104) Auch der Schüler vollziehe die vom Guru auferlegte Sühne; oder – für alle Sünden gilt als [Sühne] das Rezitieren des Guru-Namens. (105)
Vers 99: OCR stark entstellt (‚bālāśyopādukātaccha‘); Aufzählung nicht sicher zu deuten [?]; ‚samayī‘ als Konjektur. Vers 100 ‚samayoktaḥ‘ [?]. Vers 101: Ende der ersten Zeile entstellt (OCR ‚ācāravanmīnād‘). Vers 102: kha ‚anarhe paśuduḥsaṅgaḥ mantrasaṃskārasambhavam‘; ‚mantratantrādilopanam‘ nach ka/kha/ṅa. Vers 103: ‚guptaṃ‘ nach kha; kha ‚pāpebhyaḥ patanaṃ bhavet‘ als Schluss. Vers 104: ṅa ‚guruḥ kāryāt‘. Vers 105: ‚gurunājñaptaṃ‘ (ṅa/ga/gha ‚proktaṃ‘).
jāmbūnadasya kaluṣaṃ pariśuddhaṃ yathāgninā | anācārasya mālinyaṃ prāyaścittāgninā dahet ||106||
bahunā kim uktena rahasyaṃ śṛṇu pārvati | varṇāśramāṇāṃ sarveṣām ācāraḥ sadgatipradaḥ ||107||
guruḥ sarvam ācāraṃ kathayet kuleśvari | na gṛhṇāti hi śiṣyaś cet tadā pāpaṃ guror na hi ||108||
mantridoṣaś ca rājānaṃ jāyādoṣaḥ patiṃ yathā | tathā prāpnoty asaṃdehaṃ śiṣyapāpaṃ guruḥ priye ||109||
iti te kathitaṃ kiñcit samāsena kuleśvari | kulācāravidhiṃ devi kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ||110||
iti śrīkulārṇave nirvāṇamokṣadvāre […] sarvāgamottamottame sapādalakṣagranthe pañcamakhaṇḍe kulārṇavatantre kulācārakathanaṃ nāma ekādaśa ullāsaḥ ||
Wie die Verunreinigung des Goldes durch Feuer gereinigt wird, so soll man die Befleckung durch Regelwidrigkeit mit dem Feuer der Sühne verbrennen. (106)
Was nützt viel Gerede? Höre das Geheimnis, Pārvatī: für alle Stände und Lebensstufen (varṇa und āśrama) ist der [rechte] Wandel der Geber des guten Ziels (sadgati). (107)
Der Guru soll, Herrin der Kula, den ganzen Wandel darlegen; nimmt der Schüler ihn nicht an, so trifft die Sünde nicht den Guru. (108) Wie der Fehler des Ministers den König trifft und der Fehler der Gattin den Gatten, so erhält ohne Zweifel der Guru die Sünde des Schülers, Liebe. (109)
So ist dir, Herrin der Kula, ein wenig in Kürze gesagt: die Ordnung des Kula-Wandels, Göttin. Was möchtest du weiterhin hören? (110)
So [endet] im ehrwürdigen Kulārṇava, im „Tor zu Nirvāṇa und Erlösung“ [?], im Besten der besten aller Āgamas, im Werk von einhundertfünfundzwanzigtausend [Strophen] (sapādalakṣa), im fünften Teil, im Kulārṇava-Tantra: der elfte Ullāsa, genannt „Darlegung des Kula-Wandels“ (kulācārakathana).
Vers 106: ‚jāmbūnada‘ (Gold vom Jambū-Fluss). Vers 107: ‚bahunā kim uktena‘ aus OCR ‚vanāt kisuttena‘. Vers 108: OCR entstellt; ‚kathayet‘ und der Zusammenhang mit Vers 109 sind rekonstruiert; die beiden Verse stehen in Spannung (108: keine Schuld beim Guru, wenn der Schüler die Lehre nicht annimmt; 109: der Guru erhält die Sünde des Schülers) und sind vermutlich so zu vereinbaren, dass 109 den Fall betrifft, dass der Guru nicht unterwiesen hat. Vers 110: ‚kuleśvari‘ nach OCR, Fußnote ka/ga/gha ‚varānane‘. Kolophon: die Worte nach ‚nirvāṇamokṣadvāre‘ (OCR ‚mārasya‘) sind entstellt und nicht sicher zu lesen; ‚sapādalakṣa‘ = 125.000.