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Kulārṇava Tantra

Paṭala 8: śrīkulārṇave nirvāṇamokṣadvāre mahārahasye sarvāgamottamottame sapādalakṣagranthe pañcamakhaṇḍe ūrdhvāmnāyatantre tattvatritayapānādibhedakathanaṃ nāma aṣṭama ullāsaḥ 8. Kapitel: Darlegung der Stufen des Ullāsa (der Hochstimmung im Kreis) und der Unterschiede des Trinkens der drei Tattvas

Quelle: Kulārṇava-Tantra, hg. Tārānātha Vidyāratna (Arthur Avalon), Tantrik Texts Vol. 5, Luzac & Co., London 1917 (archive.org, OCR-Text; Zeichenbereich etwa 133100–151400). Inhalt: Auf Pārvatīs Frage nach den Stufen des ullāsa (rauschhafte Erhebung im rituellen Kreis, cakra) und der Vereinigung der Ritualsubstanzen und -gefäße nennt Śiva sieben Stufen (ārambha, taruṇa, yauvana, prauḍha, prauḍhānta, unmanā, anavasthā; Verse 1–6, 94–95). Es folgen Regeln, mit wem man das Gefäßritual (pātramelana) nicht vollziehen darf, Regeln für Reste (ucchiṣṭa) und für die Bali-Gabe an Ucchiṣṭa-Bhairava (7–30), Segens- und Preisverse an Yoginīs, Meister und Gottheiten sowie Trinkformeln (31–55), die Beschreibung des Verhaltens im Rausch der Stufen prauḍhānta und unmanā, in denen Gebot und Verbot ruhen (56–93), die Aufhebung der Kastenunterschiede im Kreis (96–103), die Aufstellung des Kreises und die Rede von Śiva-Śakti-Einheit (104–110) sowie ein Schlussvers (111). Die OCR-Qualität ist schlecht bis mäßig; viele Verse sind aus stark entstellten Zeichenfolgen rekonstruiert, unsichere Stellen sind mit [?] markiert. Fußnoten-Siglen: ka kha ga gha ṅa (Handschriften).

śrīdevy uvāca | kuleśa śrotum icchāmi karuṇāmṛtavāridhe | ullāsabhedaṃ deveśa dravyapātrādisaṅgamam ||1|| ratyullāsanakālaṃ ca cakrasthitim evaṃ ca [?] | ceṣṭāṃ kaulikaśaktīnāṃ vada me parameśvara ||2|| īśvara uvāca | śṛṇu devi pravakṣyāmi yan māṃ tvaṃ paripṛcchasi | tasya śravaṇamātreṇa jāyate divyabhāvanā ||3|| ārambhas taruṇaś caiva yauvanaṃ prauḍham eva ca | tadantonmanā caiva tato 'llāsas tu saptamaḥ [?] ||4|| tatrādyaḥ [?] syād ārambhaḥ kathitaḥ kulanāyike | kathitas taruṇollāsas taruṇaṃ sukham ambike ||5|| yauvanaṃ manasa ullāsaḥ sthitiḥ [?] sukhitiḥ priye | sa[?]lanaṃ dṛ[?]nnovā ca prauḍham ity abhidhīyate [?] ||6|| samullāsapare cakre ya icchet pātramelanam | arvāk prauḍhasamullāsān naiva kuryāt kadācana | yathādhikāraṃ tatrāpi kartavyaṃ pātramelanam ||7||

Die Göttin sprach: Herr der Kula (kula = Familie/Gesamtheit; in der Tantra-Tradition der Bereich der Śakti und der Kaula-Gemeinschaft), Ozean des Nektars der Barmherzigkeit! Ich möchte hören: die Unterschiede des ullāsa (der rauschhaften Hochstimmung im rituellen Kreis), Herr der Götter, und das Zusammenbringen der Substanzen, Gefäße usw. (1) Auch die Zeit des ratyullāsana [?], den Stand des Kreises (cakra) und das Verhalten der Kaula-Śaktis – sage mir dies, höchster Herr. (2) Īśvara sprach: Höre, Göttin, ich will sagen, wonach du mich fragst; allein durch das Hören davon entsteht göttliche Sammlung/Besinnung (divya-bhāvanā). (3) Beginn, Jugend, Reife, Vollreife – und deren Ende, Unmanā (der Zustand jenseits des Geistes) – und dann, als siebente, die Stufe des Ullāsa [?]. (4) Von diesen [dreien?] wird als Erstes der ārambha genannt, o Herrin der Kula; genannt wird der Ullāsa der Jugend; Jugend ist Glück, o Mutter. (5) Reife-Jugend (yauvana) ist die rechte Hochstimmung des Geistes, ein Zustand des Wohlbefindens, Liebe; [Zeile c: OCR unlesbar] – dies heißt „prauḍha“ (vollreif) [?]. (6) Wer im Kreis, der auf Hochstimmung ausgerichtet ist, das Zusammenbringen der Gefäße (pātramelana) wünscht, [soll dies] vor der Stufe des vollen ullāsa niemals tun. Auch dort ist das Gefäß-Zusammenbringen je nach Berechtigung (adhikāra) zu vollziehen. (7)

Vers 2: „ratyullāsanakālaṃ“ und „cakrasthitim“ nach entstellter OCR und Fußnote (ṅa: „ratyullāsakam evaṃ ca“); Sinn von rati- unsicher [?]. Vers 4: Die sieben Stufen nennt der Text in Vers 94–95: Beginn, Jugend, Reife, Vollreife, deren Ende (prauḍhānta), unmanā, anavasthā; die Zeile 4cd ist stark entstellt, „saptamaḥ“ ist sicher, die Lesung des Vorderglieds unsicher (ka. Lesung in V. 83 nennt „anavasthā … saptama“). Vers 5a: „tatrādyaḥ“ aus OCR „tat-trayam“ vermutet [?]. Vers 6c–d: OCR fast unlesbar; Fußnote nennt „manaḥ/vaśya-ullāsa“ als Varianten (kha/ṅa). Vers 7: im Druck drei Zeilen vor der Nummer 7; ṅa liest „samullāse site cakre yad icchate“ und lässt laut Fußnote den Vers aus.

aśraddhitair [?] anācārair atattvajñair adaivataiḥ | dūṣakaiḥ samayabhraṣṭaiḥ [na] kuryād dravyasaṅgatim ||8|| abhijñair [?] asaṃyamātrair [?] vratadhāribhiḥ | paśubhir dṛṣṭyasaṅgaiś ca [?] na kuryād dravyasaṅgatim ||9|| svoddiṣṭair gurubhiḥ śāntair [?] bhaktihīnaiś ca śaṅkitaiḥ | kulopadeśahīnaiś ca na kuryād dravyasaṅgatim ||10|| padavākyapramāṇajñāḥ śrutismṛtyarthavedinaḥ | kuladharmānabhijñāś cet tatsaṅgaṃ parivarjayet ||11|| satkule ca pravṛddhā vā vṛddhāś cācāravartinaḥ | kulapūjāvimukhāḥ syuś cet tatsaṅgaṃ parityajet ||12|| strīyuktānāṃ ca bandhūnāṃ snigdhānām api pārvati | kulācārānabhijñānāṃ saṅgatiṃ varjayet priye ||13|| adṛṣṭapuruṣāṇāṃ ca deśāntaranivāsinām | vinā saṅketayogena na kuryād dravyasaṅgatim ||14||

Mit Unbeachtlichen [?], Regellosen, der Wirklichkeit (tattva) Unkundigen, Gottlosen, Verleumdern und vom Gelöbnis (samaya) Abgefallenen soll man keine Verbindung über die Ritualsubstanzen (dravya-saṅgati, gemeinsames Teilen von Wein usw.) eingehen. (8) Mit [Menschen …, die nur äußerlich] Gelübde tragen [?], mit gewöhnlichen, Tier-gesinnten (paśu, im Kula-Sinn Nicht-Eingeweihten) [Menschen] … soll man keine Verbindung über die Substanzen eingehen. (9) Mit solchen, die einem selbst zugewiesen sind, mit Lehrern, mit Friedfertigen [?], mit Hingabelosen, Zweiflern und solchen ohne Kula-Unterweisung soll man keine Verbindung über die Substanzen eingehen. (10) Sind sie auch Kenner von Wort, Satz und Beweisverfahren und verstehen sie den Sinn von Śruti und Smṛti, kennen aber den Kula-Dharma nicht, so meide man den Umgang mit ihnen. (11) Auch wenn sie in gutem Geschlecht aufgewachsen oder alt und rechtschaffen im Wandel sind, aber der Kula-Verehrung abgeneigt, so meide man den Umgang mit ihnen. (12) Verwandte in Begleitung von Frauen, selbst liebe Freunde, Pārvatī, und Menschen, die den Kula-Brauch nicht kennen: Die Verbindung mit ihnen soll man meiden, Liebe. (13) Ebenso mit [Männern], die man nie gesehen hat, und mit Bewohnern anderer Länder: Ohne Verständigung durch ein Erkennungszeichen (saṅketa) soll man keine Verbindung über die Substanzen eingehen. (14)

Verse 8–10 sind in der OCR stark entstellt; Wortlaut teilweise Rekonstruktion [?] (8a „aśraddhitair“ aus „arīcitaiḥ“; 9ab, 10ab unsicher). Das „na“ in 8d ist ergänzt (aus dem Zusammenhang; das OCR-Wort ist zerstört). Fußnoten: ṅa hat für Vers 13 und 14 abweichende Lesarten; ka/kha/ga/ṅa variieren stark. Vers 13a: ga/gha lesen „strīyu-“.

ekapātraṃ na kurvīta yadi sākṣāt kuleśvaraḥ | mantrāḥ parāṅmukhā yānti vighnāś caiva pade pade ||15|| svapātrasthitahetuṃ [?] ca na dadyād bhairavāya ca | yadi dadyāt kuleśāni devatāśāpam āpnuyāt ||16|| āsanaṃ bhojanaṃ pātram ambaraṃ śayanādi ca | anabhijñair anarhaiś ca saṅgamaṃ naiva kārayet ||17|| srotobhedena vā kuryāt kaulikaḥ pātramelanam | pūrvadakṣiṇayor aikyam udakpaścimayos tathā ||18|| tasmin kramāc ca vīrair [?] sadṛśair api | kāminībhiś ca kuryāt srotasāṃ ca catuṣṭaye ||19|| yogibhir yoginībhiś ca pradattaṃ pūrṇapātrakam | svamūlapādukāmantrajaptaṃ [?] pibet priye ||20|| kvacid yadṛcchayā prāptam ālipātraṃ tu bhaktitaḥ | ādāya pūrvavaj japtvā pibed devi guruṃ smaran ||21|| guruśaktisutānāṃ ca gurujyeṣṭhakaniṣṭhayoḥ | svajyeṣṭhasyāpi cocchiṣṭaṃ khāden nānyasya pārvati ||22||

Man soll kein gemeinsames Gefäß (eka-pātra) teilen – selbst wenn [der andere] leibhaftig der Herr der Kula wäre: Die Mantras wenden sich ab, und Hindernisse [treten] auf Schritt und Tritt [auf]. (15) Den Trank (hetu [?], hier wohl das im eigenen Gefäß Befindliche), der im eigenen Gefäß steht, soll man auch Bhairava nicht [ohne Weiteres] geben; wer es doch gibt, Herrin der Kula, zieht sich den Fluch der Gottheit zu. (16) Sitz, Speise, Gefäß, Gewand, Lager usw. – gemeinsamen Gebrauch soll man mit Unkundigen und Unwürdigen nie zulassen. (17) Oder der Kaulika vollziehe das Gefäßzusammenbringen nach den Strömen (srotas): die Einheit von Ost und Süd, ebenso von Nord und West; (18) darin der Reihe nach mit [Helden (vīra)?], die ihm gleich sind, und mit Frauen, in der Vierheit der Ströme. (19) Ein von Yogins und Yoginīs gereichtes volles Gefäß soll man, nachdem man es mit dem Mūla-Mantra der Fußsandalen [des Gurus] [?] beraunt/rezitiert hat, trinken, Liebe. (20) Ein Alipātra (Weinbecher) aber, den man zufällig irgendwo erhält, soll man mit Hingabe nehmen, wie vorher [mit Mantra] rezitieren und, Göttin, im Gedenken an den Guru trinken. (21) Die Reste (ucchiṣṭa) der Söhne der Guru-Śakti [der Frau des Gurus?], des älteren und jüngeren [Bruders] des Gurus und des eigenen Älteren darf man essen, nicht die eines anderen, Pārvatī. (22)

Vers 15: laut Fußnote (ṅa) fehlt dieser Vers ab hier in ṅa (zwei Verse und ein Halbvers). Vers 16: „hetu“ steht hier wohl für die alkoholische Substanz (Deutung unsicher). Vers 18: srotas = die vier „Ströme“ des Kreises (Himmelsrichtungen); Deutung nach Kontext. Vers 19: „nṛpavīraiḥ/vīraiḥ“ in OCR entstellt [?]. Vers 20cd: „svamūlapādukāmantra“ aus „khamāṭapādukā…“ rekonstruiert [?]. Vers 21: „ālipātra“ = Becher mit Wein (āli). Vers 22: Deutung von „guruśaktisuta“ unsicher.

śaktyucchiṣṭaṃ pibed dravyaṃ vīrocchiṣṭaṃ ca carvaṇam | ātmocchiṣṭaṃ na dātavyaṃ parakīyaṃ na bhakṣayet ||23|| ucchiṣṭaṃ bhakṣayet strīṇāṃ tābhyo nocchiṣṭam arpayet | cakramadhye 'pi deveśi anyathā patanaṃ bhavet ||24|| kaniṣṭhānāṃ svaśiṣyāṇāṃ dadyād ucchiṣṭam ambike | dadyāt snehena yo 'nyebhyaḥ sa bhaved āpadāṃ padam ||25|| āsavocchiṣṭapātraṃ tu yo vā gṛhṇāti mohataḥ | snehāl lobhād bhayād api devatāśāpam āpnuyāt ||26|| prauḍhollāse kuleśāni kuryād balivisarjanam | pūjāgṛhād bahiḥ kuryāt trikoṇe tu gṛhāntare ||27|| gandhapuṣpākṣataiḥ pūjya dhyāyed ucchiṣṭabhairavam | gadātriśūlaḍamarupātrahastaṃ trilocanam | kṛṣṇābhaṃ bhairavaṃ dhyāyet sarvavighnanivāraṇam ||28|| tāratrayaṃ samuccārya yathā ucchiṣṭabhairavam | ehi ehi baliṃ gṛhṇa gṛhṇa phaṭ [ca] vahnijāyāntakaḥ [?] ||29|| balyullāsanamantro 'yaṃ dvāviṃśatibhir akṣaraiḥ | śāntistavaṃ paṭhet paścāt tarpayed balibindubhiḥ ||30||

Das Getränk, das eine Śakti übrig gelassen hat, darf man trinken, und das, was ein Vīra (Held, männlicher Kaula) übrig gelassen hat, kauen [essen]; eigenes Übriggelassenes soll man nicht [an andere] geben, fremdes nicht essen. (23) Die Reste von Frauen soll man essen, ihnen aber keine Reste anbieten – auch im Kreis, Herrin der Götter; sonst tritt der Fall (patana) ein. (24) Den jüngeren [Gefährten] und eigenen Schülern darf man Reste geben, Mutter; wer sie aus Zuneigung anderen gibt, wird zum Sitz der Nöte (āpad). (25) Wer ein Gefäß mit Resten von Rauschtrank (āsava) aus Verblendung nimmt, aus Zuneigung, Gier oder Furcht, zieht sich den Fluch der Gottheit zu. (26) Bei der Stufe des vollen Ullāsa, Herrin der Kula, soll man die Bali-Entlassung [Speiseopfer und dessen Verabschiedung] vollziehen: außerhalb des Verehrungshauses, in einem Dreieck (trikoṇa) oder in einem anderen Haus[teil]. (27) Nachdem man mit Duft, Blumen und ungebrochenen Reiskörnern verehrt hat, meditiere man über Ucchiṣṭa-Bhairava: mit Keule, Dreizack, Handtrommel (ḍamaru) und Schale in den Händen, dreiäugig, dunkelfarbig – Bhairava, der alle Hindernisse abwehrt, so meditiere man. (28) Nachdem man dreimal den Ton-Laut [oṃ?] gesprochen hat [?], [sage man] wie folgt zu Ucchiṣṭa-Bhairava: „ehi ehi, nimm, nimm die Gabe, phaṭ, [svāhā]“ [?]. (29) Dies ist das Mantra zur Erhebung (Entlassung) der Bali mit zweiundzwanzig Silben; danach rezitiere man den Friedenshymnus (śānti-stava) und sättige [den Bhairava] mit Tropfen der Bali[-Spende]. (30)

Vers 24: Fußnote (kha) „nānyocchiṣṭaṃ samarpayet“. Vers 26ab: OCR entstellt, Deutung des Subjekts unsicher (kha: „yo gṛhṇāti vimūḍhadhīḥ“). Vers 27: „visarjana“ nach kha/ṅa. Vers 29: Mantra-Text unsicher rekonstruiert (OCR: „ehi yugmaṃ baliṃ … phaṭ ca … dilāntakaḥ“), das Schlusselement (vermutlich svāhā) [?]. Fußnote der Ausgabe: Bei 30 (Zählung 29/30) merkt der Herausgeber an, dass in vielen Handschriften „phaṭ“ steht und das Mantra nur „22 Silben“ habe, es sei hier so in den Haupttext gesetzt. „Ucchiṣṭa-Bhairava“ = Bhairava, der die Reste erhält.

yaṃ yajanti devyo [?]pādapaṅkajam | prasannadhāmāmṛtamokṣadāyakam | anantasiddhāntamayaprabodhakaṃ | namāmi cāṣṭāṣṭakayoginīgaṇam ||31|| yoginīcakramadhyasthaṃ mātṛmaṇḍalaveṣṭitam | namāmi śirasā nāthaṃ bhairavaṃ bhairavīpriyam ||32|| anādighorasaṃsāradhvāntaikadhvaṃsakāriṇe | namaḥ śrīnāthavedyāya kulauṣadhividhāyine ||33|| āpado duritaṃ rogāḥ samayācāralaṅghanāt | ye te sarve vyapohantu divyacakrasya melanāt ||34|| āyurārogyam aiśvaryaṃ kīrtilābhaḥ sukhaṃ jayaḥ | kāntiś ca manoharā cāstu pāntu sarvā devatāḥ ||35|| sammārjakānāṃ pratipālakānāṃ | yatīndrayogīndratapodhanānām | deśasya rāṣṭrasya kulasya rājñaḥ | karotu śāntiṃ bhagavān kuleśaḥ ||36||

[Ich verneige mich vor dem,] dessen Lotosfüße die Göttinnen verehren [?], der Gnade-Glanz, Nektar und Erlösung gibt, der die Erkenntnis unendlicher Lehrgrundlagen (siddhānta) weckt – ich verneige mich vor der Schar der Yoginīs, achtmal acht. (31) Den Herrn, der inmitten des Yoginī-Kreises steht, umgeben vom Kreis der Mütter (mātṛ), den Bhairava, den Geliebten der Bhairavī, verehre ich mit gesenktem Haupt. (32) Verehrung ihm, der allein die Finsternis des anfanglos schrecklichen Saṃsāra vernichtet, der durch den ehrwürdigen Herrn [Śrīnātha] zu erkennen ist und das Heilmittel der Kula bereitet. (33) Mögen Nöte, Übel, Krankheiten und [was aus] Verletzung von Gelöbnis (samaya) und Brauch [entsteht] – alles dies – durch die Versammlung des göttlichen Kreises entfernt werden. (34) Langes Leben, Gesundheit, Herrschaft, Ruhm und Gewinn, Glück, Sieg und ein herzgewinnender Glanz sollen sein; alle Gottheiten mögen schützen. (35) Für die Zusammenfeger [des Kultraums], die Bewahrer, die Fürsten der Asketen und Yogins, die reich an Askese sind, für Land, Reich, Familie und König: Es schaffe Frieden der Erhabene, der Herr der Kula. (36)

Vers 31: Zeile a ist stark entstellt (OCR „yajanti devyo dakara-pādapaṅkajam“); Lesung unsicher [?]; die Fußnote nennt „prasannavāmasthita…“ (ṅa) und „cakrāṣṭakayoginīśam“. Die Verse 31–36 sind in der Zählung des Drucks durch OCR-Ziffernfehler als 21–26 gedruckt und wurden nach Zählung korrigiert (Vers 31 als „21“ usw.). Vers 36 ist ein Upajāti; „sammārjaka“ deutet vermutlich auf die Zusammenfeger/Pflegenden des Kultraums [?].

nandantu sādhakakulādhyakaulikā ye [?] | siṃhāsanādhyuṣitaśāktamahānvayā ye | nandantu sarve kulakīrtitāḥ pare ye | cānye viśeṣapadabhedakaśāmbhavā ye ||37|| nandantu siddhagurava stadanukramajñāḥ | jyeṣṭhānvayāḥ samayinaḥ baṭukāḥ kumāryaḥ | ye yoginīpravaravīrakule prasūtā | nandantu bhūmipatidvijasādhulokāḥ ||38|| nandantu nītinipuṇā niravadyaniṣṭhā | nirmatsarā nirupamā nirupadravāś ca | nityaṃ nirañjanaratā guravo nirīhāḥ | śāntāś ca śāntamanaso hataśokaśaṅkāḥ ||39|| nandantu yoganiratāḥ kulayogayuktā | ācāryasāmayikasādhakaputrakāś ca | gāvo dvijā yuvatayo yatayaḥ kumāryaḥ | dharmaṃ carantu niratā gurubhaktalokāḥ ||40|| nandantu sādhakakulā hy alimātraniṣṭhāḥ [?] | śāpāḥ patantu samayadviṣi yoginīnām | sā śāmbhavī sphuratu kāpi mamāpy avasthā | yasyāṃ guroś caraṇapaṅkajam eva satyam ||41||

Es sollen sich freuen die Scharen der Sādhakas [Praktizierenden] …, die Kaulikas [?], die aus großen Śākta-Geschlechtern stammen, die auf Löwenthronen Sitzenden; es sollen sich freuen alle, die in der Kula gepriesen sind, und andere, die Śāmbhavas, die sich durch besondere Ränge unterscheiden. (37) Es sollen sich freuen die Siddha-Gurus und die, die deren Überlieferungsfolge kennen; die Angehörigen der älteren Linien, die Gelobten (samayin), die Knaben (baṭuka) und Mädchen (kumārī), die im Geschlecht der vorzüglichen Yoginīs und Vīras Geborenen; es sollen sich freuen die Landesherren, Zweimalgeborenen und Frommen. (38) Es sollen sich freuen die im Recht Kundigen, die makellos Gefestigten, Neidlosen, Unvergleichlichen, von Störungen Freien, die Gurus, die stets in Reinheit (nirañjana) Weilenden, Wunschlosen, die Friedvollen, Friedensgeistigen, die Kummer und Furcht beseitigt haben. (39) Es sollen sich freuen die im Yoga Vertieften, die mit dem Kula-Yoga Verbundenen, Ācāryas, Gelobte, Söhne der Sādhakas, Kühe, Brahmanen, junge Frauen, Asketen, Mädchen; sie sollen den Dharma üben, die Menschen, die dem Guru ergeben sind. (40) Es sollen sich freuen die Sādhaka-Geschlechter, die allein auf den Wein [ali] ausgerichtet sind [?]. Verwünschungen sollen auf den fallen, der den Samaya der Yoginīs hasst. Jener glückselige Zustand (śāmbhavī avasthā) möge auch mir aufleuchten, in dem einzig die Lotosfüße des Gurus Wahrheit sind [ṅa: „sevyam“ – zu verehren]. (41)

Vers 37: Metrik vasantatilakā/Upajāti; Zeile a stark entstellt (OCR „sādhakakulādhyadurgakā“), Deutung unsicher [?]. Verse 37–41 sind Vierzeiler (vier Pādas); der OCR-Umbruch verschiebt die Zeilen über die Seitengrenze (Vers 37 beginnt vor der Seitengrenze). Vers 41a: „alimātraniṣṭhāḥ“ nach Fußnote (ga/gha „hy alimātraniṣṭhāḥ“); kha liest „sādhakaguṇādyanimādyaniṣṭhāḥ“ (auf die Vorzüge von Sādhaka usw. und die Siddhis aṇimā usw. ausgerichtet). Vers 41d: „satyam“ (Haupttext), Fußnote (ṅa) „sevyam“.

yāś cakrakramabhūmikāvasatayo nāḍīṣu yāḥ saṃsthitā | yāḥ kāyoddhataromakūpanilayāḥ svāḥ saṃsthitā dhātuṣu | ucchvāsormimarut-taraṅganilayā niśvāsavāsāś ca yā | stā devyo ripupakṣabhakṣaṇaratā nandantu kaulārcitāḥ ||42|| yā divyāḥ kulasambhavāḥ kṣitigatā yā devatās toyagāḥ | yā nityaṃ prathitaprabhāḥ śikhigatā yā mātaraḥ [?] | yā vyomāhitamaṇḍalākhilamayā yāḥ sarvagāḥ sarvadāḥ | tāḥ sarvāḥ kulamārgapālanaparāḥ śāntiṃ prayacchantu me ||43|| ye brahmāṇḍato vā divi gaganatale bhūtale vā tale vā | pātāle vānte vā salilapavanayor yatra kutra sthitā vā | toye pīṭhopapīṭhādiṣu ca kṛtapadā dhūpadīpādikena [?] | prītā devyaḥ sadā naḥ śubhabaliṃ vidhinā pāntu vīrendravandyāḥ ||44|| ādyāḥ śrīśeṣadurgā guha gaṇapatirāḍ bhairavāḥ kṣetrapālāḥ | vetālādityarudragrahavasumunisiddhāpsaroguhyakādyāḥ | bhūtā gandharvavidyādharaṛṣipitaro yakṣanāgāsurā kinnarādyāḥ | yogīśāś cāraṇāḥ kiṃpuruṣamunivarā uragāḥ pāntu sarve ||45||

Die Göttinnen, die in den Stufen und Sitzen des Kreises wohnen, die in den Nāḍīs (Energiekanälen) weilen, die in den Poren des Körpers Wohnung haben, die in den Körperbestandteilen (dhātu) verweilen, die in Ein- und Ausatmung, in Wellen des Atems und Windes wohnen – diese Göttinnen, die gern die Reihen der Feinde verzehren, die von den Kaulas verehrt werden, sollen sich freuen. (42) Die göttlichen Kula-Geborenen, die auf der Erde Weilenden, die Gottheiten im Wasser, die stets berühmt Glänzenden, die im Feuer/Pfau [śikhi] Weilenden, die Mütter [?]; die im Raum den Kreis, alles Umfassenden, die überall Gehenden und alles Gebenden – diese alle, dem Schutz des Kula-Wegs hingegeben, sollen mir Frieden schenken. (43) Die, wo immer sie weilen – im Weltei, im Himmel, im Luftraum, auf oder unter der Erde, im Untergrund, im Wasser oder Wind –, die im Wasser und auf Pīṭhas und Upapīṭhas [heiligen Stätten] Wohnung genommen haben [?], mit Weihrauch, Lampe usw. [verehrt]: mögen die Göttinnen, von den Fürsten der Vīras gepriesen, erfreut uns stets die schöne Bali-Gabe nach Vorschrift beschützen. (44) Die Ersten (ādyāḥ): Śeṣa, Durgā, Guha (Skanda), Gaṇapati, Bhairavas, Kṣetrapālas; Vetālas, Ādityas, Rudras, Planetengötter, Vasus, Seher, Siddhas, Apsaras, Guhyakas usw.; Geister, Gandharvas, Vidyādharas, Ṛṣis, Manen (pitṛ), Yakṣas, Nāgas, Asuras, Kinnaras usw.; Yogīśas, Cāraṇas, Kiṃpuruṣas, treffliche Munis, Schlangenwesen – alle mögen schützen. (45)

Metrum: Śārdūlavikrīḍita/Sragdharā (vierzeilig). Vers 42: „stā“ = OCR-Rest von „tā“; „ripupakṣabhakṣaṇa“ = ‚das Feindeslager verzehrend‘. Vers 43: „śikhigatā yā mātaraḥ“ Rekonstruktion [?]. Vers 44: Zeile c stark entstellt; „toye … dhūpadīpādikena“ nach Fußnote (ṅa „toye pīṭhopapīṭhādiṣu ca kṛtapadās te surāḥ sarvapūjyāḥ“) bzw. OCR; unsicher [?]. Die OCR-Zählung ist hier verrutscht: das Blatt zeigt „42“ für Vers 43 und „44“ für Vers 45; Zählung 42–45 nach Reihenfolge korrigiert. Vers 45a „ādyāḥ“ (Ausgabe: „aḍyā“); ga/gha/ka: „gaṇapatirāḍ“.

dehasyākhiladevatā gajamukhāḥ kṣetrādhipā bhairavā | yoginyo baṭukāś ca yakṣapitaro bhūtāḥ piśācā grahāḥ | anye bhūcarakhecarā diśicarā vetālakheṭakāḥ | tuṣyantāṃ kulapūrakasya pibataḥ pānaṃ sadā pañcamam ||46|| satyaṃ ced guruvākyam eva pitarau devāś ca ced yoginaḥ | prītā cet paradevatā yadi bhaved eṣāḥ [?] pramāṇaṃ hi cet | śāktīyaṃ yadi darśanaṃ bhavati ced ājñāpy amoghāpi cet | satyaṃ cāpi ca kauladharmaparamaṃ syān me jayaḥ sarvadā ||47|| nandantu sādhakāḥ sarve naśyantu kuladūṣakāḥ | antaḥsthā śāmbhavī me 'stu prasanno 'stu guruḥ sadā ||48|| yady eṣā bhairavī devī yadi bhairavaśāsanam | yady eṣa kuladharmaḥ syāt tadā naśyantu dūṣakāḥ ||49|| yāsām ājñāprabhāveṇa sthāpitaṃ bhuvanatrayam | namas tābhyaḥ samastābhyo yoginībhyo nirantaram ||50||

Alle Gottheiten des Körpers, die Elefantengesichtigen, die Herren der Felder (kṣetrapāla), die Bhairavas, Yoginīs und Baṭukas, Yakṣas, Manen, Geister, Piśācas, Planetendämonen, andere Erdbewohner, Luftbewohner, Himmelsrichtungsbewohner, Vetālas und Kheṭakas: sie sollen zufrieden sein, wenn der, der die Kula erfüllt (kulapūraka), trinkt – den Trank, stets den fünften (pañcama, den Wein). (46) Wenn das Wort des Gurus wahr ist, wenn die Eltern und die Götter, wenn die Yogins [Bürgen sind], wenn die höchste Gottheit zufrieden ist, wenn dies [?] ein Beweis (pramāṇa) sein kann, wenn es die Schau der Śakti gibt und der Befehl (ājñā) nicht ins Leere geht, und wenn der Kaula-Dharma höchste Wahrheit ist, dann soll mir stets der Sieg sein. (47) Alle Sādhakas sollen sich freuen, die Verleumder der Kula sollen zugrunde gehen. Die Śāmbhavī [Śakti] möge in mir innewohnen, der Guru mir stets gnädig sein. (48) Wenn diese Bhairavī eine [wirkliche] Göttin ist, wenn dies die Lehre Bhairavas ist, wenn dies der Kula-Dharma sein soll, dann sollen die Verleumder zugrunde gehen. (49) Denen, durch deren Machtbefehl die drei Welten gegründet sind, all jenen Yoginīs Verehrung ohne Unterlass. (50)

Verse 46–47 sind Śārdūlavikrīḍita-Vierzeiler mit stark entstelltem Text; Fußnoten: Vers 46: „pitaraḥ pītvā samīpe carāḥ“ (ṅa). Vers 47: Fußnoten (ṅa) „catuvedāgamā yoginī“, „śāktīyaṃ“, „ājñāpy amoghāyāti cet“. Zeile 47b „eṣāḥ [?]“ unsicher; Deutung nur sinngemäß. „pañcama“ = das fünfte der Pañcamakāra (Wein, madya) bzw. Sexualritus je nach Zählung; hier wohl das Trinken (pāna).

pibantu mātaraḥ sarvāḥ pibantu kulasattamāḥ | pibantu bhairavāḥ sarve mama dehe vyavasitāḥ ||51|| tṛpyantu mātaraḥ sarvāḥ samudrāḥ sagaṇādhipāḥ | yoginyaḥ kṣetrapālāś ca mama dehe vyavasitāḥ ||52|| śivādyavanīparyantaṃ brahmādistambasaṃyutam | kālāgnyādiśivāntaṃ ca jagad yajñena tṛpyatu ||53|| dvārasthā maṇimaṇḍapasya paritaḥ śrīnandane kānane | śūnyāgāravihārakandaramaṭhe vyomni śmaśāne sthitāḥ | kūpānagatāś catuṣpathagatāḥ sandehasaṃsthāś ca ye | ṣaḍarthā [?] vahnike[?]tumānakusumāt gṛhṇantu te pāntu ca [?] ||54|| sakalābhyarcanāpātraṃ [?] samuddhṛtya guruḥ priye | tato dadyāt svaśiṣyāya prasādaṃ kulanāyike ||55||

Alle Mütter sollen trinken, die besten der Kula sollen trinken, alle Bhairavas sollen trinken, die in meinem Körper wohnen. (51) Alle Mütter sollen gesättigt sein, die Meere samt den Führern der Scharen, die Yoginīs und Kṣetrapālas, die in meinem Körper wohnen. (52) Von Śiva an bis zur Erde, mit Brahmā bis zum Grashalm vereint, von Kālāgni bis zu Śiva – die Welt soll durch das Opfer gesättigt sein. (53) Die an den Toren, rings um die Juwelenhalle im heiligen Nandana-Hain und Wald, in leeren Häusern, Gärten, Höhlen, Klöstern, im Raum und auf Leichenäckern Weilenden, die an Brunnen, Kreuzwegen, in Zweifel Verharrenden [?] – sie sollen [die Gabe] aus [den Blumen?] nehmen und schützen [?]. (54) Nachdem der Guru, Liebe, das Gefäß der [gesamten] Verehrung [?] aufgenommen hat, soll er dann dem eigenen Schüler den Prasāda (die Gabe) geben, Herrin der Kula. (55)

Vers 54: Zeilen c und d stark entstellt; Lesung unsicher [?]. Laut Fußnote fehlt dieser Vers (oder der folgende) in kha und ṅa. Vers 55a: „sakalābhyarcanāpātraṃ“ aus „ghaṭilābhyarcanāpātraṃ“ rekonstruiert [?]; die Fußnote (ka/ga) „sasakalākha; sadākha“. „Kālāgni“ (Feuer der Weltauflösung) und „Śiva“ als Grenzen der Schöpfungsleiter.

svābhīṣṭaceṣṭācaraṇaṃ prauḍhāntaḥ parikīrtitaḥ | prauḍhāntollāsite devi mudite yoginīmaṇḍale | yoginīmaṇḍale caiva kramād ānanda ucyate [?] ||56|| tadārūḍheṣu vīreṣu kāryākāryaṃ na vidyate | icchaiva śāstrasaṃmatir ity ājñā parameśvari ||57|| tatra yad yat kṛtaṃ kāryaṃ śubhaṃ vā cāśubhaṃ vā | tat sarvaṃ devatāprītyai jāyate suradundari ||58|| jalpo japaphalaṃ [?] tandrā samādhir abhijāyate | vikriyā pūjanaṃ devi uditaṃ bhairavībaliḥ [?] ||59|| muktiḥ syāc chaktisaṃyogaḥ stotraṃ tatkālabhāṣitam | nyāso 'vayavasaṃsparśo bhojanaṃ [Lücke] [?] ||60|| dhyānamokṣāṇi śayanaṃ vandanaṃ bhavet | tadullāse kṛtā nānā yā ceṣṭā sā ca satkriyā | kāryākāryavicāraṃ tu yaḥ karoti sa pātakī ||61||

Das Handeln nach dem eigenen Wunsch wird „prauḍhānta“ (das Ende der Reife, fünfte Stufe) genannt. Bei der Erhebung des prauḍhānta, Göttin, im erfreuten Yoginī-Kreis – und im Yoginī-Kreis überhaupt – wird der Reihe nach „Wonne“ (ānanda) erlangt/genannt [?]. (56) Für die Vīras, die diese [Stufe] erstiegen haben, gibt es kein „zu tun / nicht zu tun“; allein der Wille gilt als von der Lehre gebilligt – so das Gebot, höchste Herrin. (57) Was immer dort getan wird, Gutes oder Schlechtes, das alles wird zur Freude der Gottheit, Schöne der Götter. (58) Das Schwatzen [gilt als] Frucht des Japa; Benommenheit (tandrā) wird zum Samādhi; die Veränderung der Haltung ist die Verehrung; [was hervorgebracht wird, ist] die Bali-Gabe an Bhairavī [?]. (59) Erlösung sei die Vereinigung mit der Śakti; Lobpreis das zu jener Zeit Gesprochene; Nyāsa (Auflegen von Mantras) die Berührung der Glieder; die Mahlzeit … [Lücke]. (60) Meditation, Erlösung [?], Schlaf ist Verehrung/Verneigung; was man bei dieser Erhebung an vielerlei Betätigung ausführt, ist heilsame Handlung (satkriyā). Wer aber Erwägungen über Tun und Nichttun anstellt, ist ein Sünder (pātakī). (61)

Vers 56: Fußnote (kha/ṅa) nennt Varianten („prauḍhānto nyāsane deveṣv aṣṭi …“, „yoginīmaṇḍale caiva kriyamāṇaṃ tad ucyate“); im Druck stehen drei Zeilen vor der Nummer; Sinn unsicher. Vers 59: Zeile a stark entstellt; kha liest laut Fußnote „japo jalpaḥ phalaṃ tantrā“; die Liste 59–61 setzt Gebärden des Rauschzustands mit rituellen Handlungen gleich. Vers 60cd und 61a: OCR zerstört, Lücke; Deutung nur sinngemäß.

etaccakragatā vīrā vijñeyāḥ parayoginaḥ | yair āpnuvanti manujāḥ sākṣād bhairavarūpatām ||62|| sammodaḥ paramānandaḥ patanaṃ jñānavardhanam | veṇuvīṇādivādyaṃ ca kavitāracanādikam ||63|| rodanaṃ bhāṣaṇaṃ gītaṃ [?] samutthānaṃ vijṛmbhaṇam | gamanaṃ vikriyā devi yoga ity abhidhīyate ||64|| cakre 'smin yogino vīrā yoginyo madamantharāḥ | samācaranti deveśi yathollāsaṃ manogatam ||65|| na pṛcchanti pārśvasthān vismṛtyātmavivakṣitam | nidhāya vadane pāṇiṃ niścalā nivasanti ca ||66|| mattā svapuruṣaṃ matvā kāntānyam avalambate | tathaiva puruṣaś cāpi prauḍhāntollāsasaṃyutaḥ ||67|| puruṣaḥ puruṣaṃ mohād āliṅgaty aṅganām iva [?] | pṛcchati svapatiṃ mugdhā kas tvaṃ kāhaṃ ime ca ke ||68||

Die Vīras, die zu diesem Kreis gehören, sind als höchste Yogins zu erkennen; durch sie erlangen Menschen unmittelbar das Wesen Bhairavas. (62) Freudentaumel, höchste Wonne, Hinfallen, Wachsen der Erkenntnis, Spiel auf Flöte, Laute usw., Dichten und Verfassen von Gedichten, (63) Weinen, Reden, Singen [?], Aufstehen, Gähnen, Umhergehen, Verwandlung (vikriyā) – dies, Göttin, wird „Yoga“ genannt. (64) In diesem Kreis handeln die Yogins, die Vīras, und die Yoginīs, vom Rausch träge, Herrin der Götter, ganz nach der Erhebung im Herzen [nach ihrer Stimmung]. (65) Sie fragen nicht die neben ihnen Sitzenden; sie vergessen, was sie selbst sagen wollten; sie legen die Hand an den Mund und verharren regungslos. (66) Eine Berauschte hält einen anderen Mann für ihren eigenen Mann und schmiegt sich an den Geliebten eines anderen; ebenso ein Mann, der von der Erhebung des prauḍhānta erfasst ist. (67) Ein Mann umarmt aus Verblendung einen [anderen] Mann wie eine Frau [?]; die Betörte fragt ihren Gatten: „Wer bist du? Wer bin ich? Und wer sind diese?“ (68)

Vers 62: „yair āpnuvanti“ aus OCR „yenāpravanti“ [?]. Die Verse 62–64 nennen die äußeren Zeichen des Yoga-Rausches; Fußnote (kha): „sammodaḥ kopād …“, „sambodhaka-praśamanaṃ patanāṅgāravarjitam“ (Lesart-Fragment). Vers 64b: „gītaṃ“ statt OCR „prātaḥ“ (ka/kha lesen „bhāṣaṇaṃ prātaḥ“) [?]. Vers 66d: „niścalā“ aus entstellter OCR. Vers 67: Fußnote (ga/gha/ṅa) „yad anyaṃ puruṣaṃ mohāt kāntānyam avalakṣate“; „tasyaiva puruṣaś cāpi prauḍhollāsena saṃyutaḥ“. Vers 68: 68ab „āliṅgaty aṅganām iva“ Rekonstruktion [?] (OCR „āliṅgatyanāṅganām“).

kiṃ kāryaṃ vayam āyātāḥ kimarthaṃ cātra saṃsthitāḥ | udyānaṃ kim idaṃ hanta gṛhaṃ kiṃ prāṅgaṇaṃ kimu ||69|| mukhe āpūrya madirāṃ pāyayanti striyaḥ priyān | upadaṃśaṃ mukhe kṣiptvā nikṣipanti priyānane ||70|| gṛhṇanty anyonyapātrāṇi vyañjanāni ca śāmbhavi | gṛhītvā śirasi nṛtyanti madyabhāṇḍāni yoginaḥ ||71|| ajñānakaratālāntam [?] aspaṣṭākṣaragītakam | praskhalatpadavinyāsaṃ nṛtyanti kulaśaktayaḥ ||72|| yogino madamattāś ca patanti pramadorasi | madākulāś ca yoginyaḥ patanti puruṣopari ||73|| manorathasukhaṃ pūrṇaṃ kurvanti ca parasparam | ity ādivividhāṃ ceṣṭāṃ kurvanti kulanāyike ||74|| vikṛtiṃ manaso hitvā yadollāsaḥ pravartate | tadā tu devatābhāvaṃ bhajante yogipuṅgavāḥ ||75|| kaulikān bhairavāveśān yo vā nindati mūḍhadhīḥ | taṃ nāśayanty asandehaṃ yoginyaḥ kulanāyike ||76|| na nindet na hased kadāpi na ca madhumadālasān | etaccakragatāṃ vārtāṃ bahir naiva prakāśayet ||77||

„Wozu sind wir gekommen? Weshalb sind wir hier? Was ist das – ein Garten? Ach, ein Haus? Ein Hof?“ (69) Frauen füllen ihren Mund mit Rauschtrank und lassen ihre Geliebten trinken; sie stecken eine Zukost (upadaṃśa, Beikost zum Wein) in den Mund und legen sie in den Mund der Geliebten. (70) Sie nehmen einander die Gefäße und die Zukost ab, Śāmbhavī, und die Yogins tanzen, die Weingefäße auf dem Kopf tragend. (71) Mit ungeregeltem Händeklatschen, undeutlichen Silben im Gesang und stolpernden Schritten tanzen die Kula-Śaktis. (72) Berauschte Yogins fallen auf die Brust von Frauen; vom Rausch erfüllte Yoginīs fallen auf Männer. (73) Sie erfüllen einander das Glück ihrer Wünsche. Solcherlei mannigfache Betätigung vollführen sie, Herrin der Kula. (74) Wenn die Hochstimmung [ullāsa] ohne Trübung des Geistes aufsteigt, dann erlangen die Yogin-Stiere göttliches Wesen (devatā-bhāva). (75) Wer aber die Kaulikas, die von Bhairava Besessenen (bhairavāveśa), aus Torheit tadelt – den vernichten die Yoginīs ohne Zweifel, Herrin der Kula. (76) Man soll sie nie tadeln noch verlachen, auch nicht die vom Rausch Träge; was in diesem Kreis geschieht, soll man nach außen nie verbreiten. (77)

Vers 70: Deutung des Ablaufs unsicher; die OCR liest „mukhe āpūrya“ und „upadaṃśaṃ … kṣiptvā“. Vers 71: Variante (ka) „gṛhṇanti pāṇim anyonyam“; „yoṣitaḥ“ statt „yoginaḥ“ (ka). Vers 72a: OCR entstellt; Fußnote (ṅa): „saṅgītakaratālaṃ ca vispaṣṭa-…“; Rekonstruktion [?]. Vers 75: Fußnote (ṅa) „ya ullāsaṃ prakurvate“. Vers 77: „nindet na hased“ mit „kadāpi“ nach OCR „kāpi“.

tebhyo droham na kurvīta tāḍitaṃ [na] samācaret | bhaktyā satkārayed etān gopayec ca prayatnataḥ ||78|| cakre 'smin madākulān dṛṣṭvā cintayed devatādhiyā | yo nandate vandate bhaktyā sa gacched yoginīpadam ||79|| evaṃvidhaṃ cakraṃ yo bhaktyā [?] kaulikaḥ priye | tīrthavratatapodānayajñakoṭiphalaṃ labhet ||80|| unmanāḥ patanollāse mūrcchanā ca [?] | unmanākhya[ḥ] [?] cakre vīrasamanvite ṣaṣṭhe [?] ||81|| ciraṃ saṃviddhātau [?] tau yau hi kaṇṭhaparāyaṇau [?] | paraṃ brahmānusandhānakāṅkṣiṇau kulanāyike ||82|| dehendriyāṇām avaśaḥ samavasthā nigadyate | samavasthābhidhe tasmin tadullāse samaṃ bhavet ||83|| parānandasvarūpo 'sau jāyate mūrcchanā parā | mūrcchanāsannikarṣo hi mūlaṃ mukteḥ paraṃ viduḥ ||84|| antarlakṣyo bahirdṛṣṭir nimeṣonmeṣavarjitaḥ | eṣā tu śāmbhavī mudrā sarvatantreṣu gopitā ||85||

Man soll ihnen gegenüber keine Feindschaft üben und ihnen keine Schläge versetzen [?]; man soll sie mit Hingabe ehren und sorgfältig [ihr Verhalten] geheim halten. (78) Wer im Kreis die vom Rausch Überwältigten sieht und sie im Sinn der Göttlichkeit betrachtet, sich freut und sie mit Hingabe verehrt, der gelangt zum Rang der Yoginī. (79) Der Kaulika, der einen solchen Kreis mit Hingabe [besucht/ehrt], Liebe, erlangt die Frucht von Millionen von Pilgerfahrten, Gelübden, Askesen, Gaben und Opfern. (80) Unmanā: [Stufe, in der] Hinfallen, Ohnmacht (mūrcchanā) … [OCR unlesbar]; im Kreis, der von Vīras umgeben ist, die sechste [Stufe] [?]. (81) Lange … zwei, die nach dem Höchsten Brahman streben, Herrin der Kula [?]. (82) Wenn Körper und Sinne unwillkürlich [außer Kontrolle] sind, nennt man das „samavasthā“ (Gleichzustand); wenn dieser Zustand „samavasthā“ genannt wird, wird bei diesem Ullāsa [alles] gleich. (83) Von der Natur höchster Wonne entsteht die höchste Ohnmacht (mūrcchanā); die Nähe zur Mūrcchanā kennen sie als höchste Wurzel der Befreiung. (84) Das Innere als Ziel, der Blick nach außen gerichtet, ohne Lidschlag, [dies ist] – diese Śāmbhavī-Mudrā ist in allen Tantras geheim gehalten. (85)

Vers 78: Fußnote (ṅa) „saṃgrāhayet tac ca“ / „gopayen mātṛjāravat“ (‚wie einen Liebhaber der Mutter verbergen‘). Vers 79a: „cakre 'smin“ nach Fußnote (kha „saṃrakṣayet“). Vers 80a: Lesung unsicher [?]; „tīrthavratatapodānayajñakoṭiphalaṃ“ aus OCR rekonstruiert. Vers 81: nur Fragmente lesbar; Fußnoten nennen „unmattākhya/unmanā“ und „ṣaṣṭhe vīrasamanvite“ (kha/ga/ṅa) – die sechste Stufe ist unmanā. Vers 82: OCR stark entstellt, Text in den Fußnoten nur bruchstückhaft („viṃśad-…“, „paraṃ brahmānusandhānākāṅkṣiṇau kulanāyike“); laut Fußnote fehlen in kha ab hier zwei Verse. Vers 83: kha liest „anavasthāvidhāne 'smin ullāse saptame śive“, also mit anavasthā als siebenter Stufe. Vers 85: Śāmbhavī-Mudrā = nach innen gerichteter Blick bei offenen, unbewegten Augen (Standardbeschreibung).

sarvottīrṇā sadā śāntā sāmarasyaṃ ca satkṛtiḥ | anayollāsino vīrāḥ śivā eva na saṃśayaḥ ||86|| narāḥ kiñcid api na jānanti svātmadhyānaparāyaṇāḥ | tadā yat paramaṃ saukhyam iti vaktuṃ na śakyate ||87|| svayam evānubhūyeta śarkarākṣīrapānavat | dṛṣṭaṃ [?] tādṛśaṃ saukhyam iti vaktuṃ na śakyate | aśrupulakādyaṃ [?] yatra tad brahmadhyānam ucyate ||88|| yat sukhaṃ vidyate dhyāne dehāveśakaraṃ param | kathayituṃ naiva śaknomi prabuddhas tatsamāhitaḥ [?] ||89|| brahmadhyānaparānandaparāḥ sukṛtino narāḥ | kṣaṇe 'py antarhite tasmin śocanti hataprabhāḥ ||90|| samullāsayuktānāṃ tadbhaktānāṃ mahāphalam | aṣṭau trikālajñānādyāḥ pratyayāś ca kuleśvari | aṣṭāvasthāś ca karmādyā jāyante nātra saṃśayaḥ ||91|| bahunātra kim uktena aṇimādyaṣṭasiddhayaḥ | pratīhāripadaṃ prāptāḥ sevante mandiraṃ ciram ||92|| ye guṇāḥ parameśasya pañcavaktratanoḥ śubhāḥ | te guṇāḥ kulatantre 'smin tattvajñānasamāhṛtāḥ ||93||

Alles Überschreitend, stets friedvoll, Einheit des Geschmacks (sāmarasya) und Ehrung – durch diese Erhebung werden die Vīras ohne Zweifel Śivas selbst. (86) Die Menschen, ganz der Meditation auf das eigene Selbst hingegeben, wissen dann nichts; welches höchste Glück sie dann [haben], lässt sich nicht sagen. (87) Es kann nur selbst erfahren werden, wie das Trinken von Milch mit Zucker; ein solches Glück lässt sich nicht in Worte fassen; wo Tränen [?], Gänsehaut usw. [auftreten], das heißt Brahma-Meditation. (88) Das Glück, das in der Meditation besteht und von höchster Art den Körper erfüllt – ich kann es nicht in Worte fassen; der Erwachte, [darauf] gesammelt [?]. (89) Die Verdienstvollen, die der höchsten Wonne der Brahma-Meditation ergeben sind, klagen, wenn diese auch nur einen Augenblick schwindet, als hätten sie ihren Glanz verloren. (90) Für die mit dem Ullāsa Verbundenen und die ihn Verehrenden [Ergebenen] ist die Frucht groß: die acht Fähigkeiten, beginnend mit der Kenntnis der drei Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft), und Gewissheiten (pratyaya), Herrin der Kula, und acht Zustände (avasthā), beginnend mit dem Handeln [?], entstehen – hier gibt es keinen Zweifel. (91) Was braucht es hier vieler Worte: Die acht Siddhis, beginnend mit aṇimā (Verkleinerung), stellen sich [als Türhüter] ein und dienen lange im Haus [des Praktizierenden]. (92) Welche glückbringenden Eigenschaften der höchste Herr mit fünf Gesichtern hat, diese Eigenschaften sind in diesem Kula-Tantra durch die Erkenntnis der Wirklichkeit [tattva-jñāna] zusammengetragen. (93)

Vers 86: „śāntā“ aus OCR; Fußnoten (kha/gha/ṅa) lesen in 86c „śivasya samavāyinaḥ / kāmadāyinaḥ“ (Zugehörige/Erfüller von Wünschen Śivas). Vers 87: Fußnote (kha) „tadā yat paramaṃ saukhyaṃ manovācām agocaram“ (dann das höchste Glück, dem Denken und Reden unzugänglich). Vers 88: die Zeilenteilung im OCR ist verwirrt; Rekonstruktion nur sinngemäß [?]; Fußnote (ka/ga) „pulakādya“. Vers 89: ṅa „prabuddhas tu viśeṣataḥ“. Vers 90: ṅa „śocanty asu-hatā iva“ (klagen wie Lebensberaubte). Vers 91: im Druck drei statt zwei Zeilen unter einer Nummer (zuvor ohne Nummer); Zählung nach Ausgabe (91) beibehalten. Vers 93: Fußnoten ka/ga „tattajjñānasamāhṛtāḥ“ (durch das Wissen von diesem jeweiligen zusammengetragen); „pañcavaktra“ = fünfgesichtig (Sadāśiva).

ārambhas taruṇaś caiva yauvanaṃ prauḍham eva ca | tadanto jāgrad ity uktā [?] unmanā svapna ucyate ||94|| anavasthā suṣuptiḥ syād avasthātrayasaṃyutā | saptollāsāṃś ca yo vetti sa muktaḥ sa ca kaulikaḥ ||95|| pravṛtte bhairavīcakre sarve varṇā dvijātayaḥ | nivṛtte bhairave cakre sarve varṇāḥ pṛthak pṛthak ||96|| strī vāpi puruṣaḥ ṣaṇḍaś caṇḍālo vā dvijottamaḥ | cakre 'smin naiva bhedo 'sti sarve śivasamāḥ smṛtāḥ ||97|| nadīnirjharāmbūni gaṅgāṃ prāpya yathaikatām | yānti śrīcakramadhye 'pi caikatvaṃ sarvamānavāḥ ||98|| kṣīreṇa sahitaṃ toyaṃ kṣīram eva yathā bhavet | tathā śrīcakramadhye tu jātibhedo na vidyate ||99|| svargādiṣu ca lokeṣu devād anyo yathā nahi | tathaiva cakramadhye 'pi devatāḥ sarvamānavāḥ ||100|| jātibhedo na cakre 'smin sarve śivasamāḥ smṛtāḥ | vede 'pi śrūyate hy evaṃ sarvaṃ hi brahma cābravīt [?] ||101|| bahunātra kim uktena cakramadhye kuleśvari | madrūpāḥ puruṣāḥ sarve tvadrūpāḥ pramadāḥ priye ||102|| cakramadhye tu sarvadā jātibhedaṃ karoti yaḥ | taṃ bhakṣayanti yoginyo [?] kulanāyike ||103||

Beginn, Jugend, Reife und Vollreife; deren Ende [prauḍhānta] wird als „Wachen“ (jāgrat) bezeichnet, Unmanā heißt „Traum“ (svapna); (94) die Anavasthā ist der Tiefschlaf (suṣupti), mit den drei Zuständen verbunden. Wer die sieben Ullāsas kennt, der ist befreit, der ist ein Kaulika. (95) Wenn der Bhairavī-Kreis im Gang ist, sind alle Stände Zweimalgeborene; ist der Bhairava-Kreis beendet, sind alle Stände [wieder] je für sich. (96) Frau oder Mann, Eunuch oder Caṇḍāla oder bester der Brahmanen – in diesem Kreis gibt es keinen Unterschied; alle gelten als Śiva gleich. (97) Wie Wasser von Flüssen und Bächen, wenn es die Gaṅgā erreicht, zur Einheit wird, so werden auch im Śrīcakra alle Menschen zur Einheit. (98) Wasser, mit Milch vermischt, wird nur noch Milch; so gibt es im Śrīcakra keinen Standesunterschied. (99) Wie es in den Himmels- und anderen Welten nichts anderes als Götter gibt, so sind auch im Kreis alle Menschen Gottheiten. (100) Im Kreis gibt es keinen Unterschied der Geburt; alle gelten als Śiva gleich. Auch im Veda hört man dies so: „Alles ist Brahman“ [?], sagte er. (101) Was braucht es hier vieler Worte, Herrin der Kula: Im Kreis sind alle Männer von meiner Gestalt, alle Frauen, Liebe, von deiner Gestalt. (102) Wer aber im Kreis stets Unterschiede der Geburt macht, den fressen die Yoginīs [?], Herrin der Kula. (103)

Vers 94: „jāgrat/svapna/suṣupti“ ordnen die sieben Stufen den drei Bewusstseinszuständen zu (Wachen = Stufen 1–5, Traum = unmanā, Tiefschlaf = anavasthā); daraus ergibt sich auch die Siebenzahl in Vers 4. Vers 94b: „uktā/ity uktā“ aus entstellter OCR (kha/ga „jāyad…“) [?]. Vers 96: „bhairavīcakra“ vs. „bhairavacakra“ in OCR beide belegt. Vers 98: ṅa liest „nānāmṛd…“ (Fußnote), Haupttext rekonstruiert. Vers 101cd: Fußnote (ga/gha) „vedopasthita“; Rekonstruktion unsicher. Vers 103d: OCR entstellt; ṅa liest „taṃ śapanti kuleśvari“ (‚den verfluchen sie, Herrin der Kula‘).

strīṇām anyatamaṃ sthānaṃ puṃsām anyatamaṃ pṛthak | athavā mithunaṃ kṛtvā kramāt tu pariveṣṭayet [?] ||104|| paṅktyākāreṇa vā samyak cakrākāreṇa vā priye | śivaśaktividhinā sarvaṃ cakramadhye samarcayet ||105|| avibhaktau yathā āvāṃ lakṣmīnārāyaṇau yathā | yathā vāṇīvidhātārau tathā vīraḥ saśaktikaḥ ||106|| madhukumbhasahasreṣu māṃsabhāraśatair api | na tuṣyāmi varārohe bhagaliṅgāmṛtaṃ vinā ||107|| na cakrāṅkaṃ na padmāṅkaṃ na vajrāṅkam idaṃ jagat | liṅgāṅkaṃ ca bhagāṅkaṃ ca tasmāc chaktiśivātmakam ||108|| śivaśaktisamāyogo yasmin kāle prajāyate | sā saṃdhyā kulaniṣṭhānāṃ samādhiḥ sa vidhīyate ||109|| kāmukaḥ striyaṃ na gacchet yad anicchantīm ālokitām [?] | sa [?] viditatvāt svayaṃ vrajet [?] ||110|| iti tattvatrayollāsapānabhedād udīritam | samāsena kuleśāni kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ||111|| iti śrīkulārṇave nirvāṇamokṣadvāre mahārahasye sarvāgamottamottame sapādalakṣagranthe pañcamakhaṇḍe ūrdhvāmnāyatantre tattvatritayapānādibhedakathanaṃ nāma aṣṭama ullāsaḥ ||

Für die Frauen ein Platz, für die Männer gesondert ein anderer; oder man bildet Paare und ordnet [sie] der Reihe nach an [?]. (104) In Reihenform oder in Kreisform, Liebe, soll man alles nach der Ordnung von Śiva und Śakti im Kreis richtig verehren. (105) Wie wir beide ungetrennt sind, wie Lakṣmī und Nārāyaṇa, wie Vāṇī (Sarasvatī) und der Schöpfer (Brahmā), so ist der Vīra mit seiner Śakti. (106) Nicht in tausend Krügen Honig[wein], nicht in hundert Traglasten Fleisch werde ich zufrieden, Edelhüftige, ohne den Nektar von bhaga (Vulva) und liṅga (Phallus). (107) Diese Welt ist nicht mit Rad, Lotos oder Vajra gezeichnet [?], sondern mit liṅga und bhaga; darum ist sie Śakti-Śiva-Wesen. (108) Die Zeit, in der die Vereinigung von Śiva und Śakti entsteht, ist für die Kula-Ergebenen der Zwielicht-Zeitpunkt (saṃdhyā, Gebetszeit); sie gilt als Samādhi. (109) Ein Lüsterner soll nicht zu einer Frau gehen, die unwillig ist [?], ... [?] – [nur wenn es als bekannt/zugestanden gilt,] soll er selbst gehen. (110) So ist im Überblick die Rede von den Unterschieden der Hochstimmung und des Trinkens der drei Tattvas gesagt worden, Herrin der Kula. Was willst du noch hören? (111) Kolophon: So endet im ehrwürdigen Kulārṇava, in der Pforte zur Erlösung (Nirvāṇa-mokṣa-dvāra), im großen Geheimnis, dem Höchsten unter allen Āgamas, im Werk von einundeinviertel Lakh [Versen], im fünften Abschnitt, im Tantra der Aufwärts-Überlieferung (ūrdhvāmnāya), das achte Kapitel (ullāsa) mit dem Titel „Darlegung der Unterschiede des Trinkens usw. der Dreiheit der Tattvas“. (8)

Vers 104: „pariveṣṭayet“ (statt „praveśayet“) nach OCR „paveṣṭayet“ [?]. Vers 105c: „vidhinā“ statt OCR „dhithā“. Vers 107: sexuelle Symbolik wörtlich übersetzt; bhaga/liṅga = Yoni/Liṅga als Śakti/Śiva. Vers 108: Lesung „-aṅkaṃ“ (gezeichnet/gekennzeichnet) unsicher; OCR „cakrāṅgaṃ … padmāṅgaṃ … vajrāṅgam“ [?]. Vers 109: Fußnoten (ka/ga/ṅa) „pratīyate“, „smaryate“ statt „vidhīyate“. Vers 110: OCR stark entstellt, Fußnote (ṅa) „anicchantīṃ … kulajāṃ mattām“; Sinn nur vermutet [?]. Vers 111: „tattvatraya“ = die Dreiheit der drei Tattvas (der Ritualsubstanzen Wein, Fleisch, Fisch [?] – Deutung nach Titel; nicht im Vers definiert). Kolophon: Der Titel enthält „tattvatritaya-pānādi-bheda-kathana“; „sapādalakṣa“ = 125.000.

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