Quellen der Menschheit

Kulārṇava Tantra

Paṭala 2: śrīkulārṇavatantre kulamāhātmyakathanaṃ nāma dvitīya ullāsaḥ 2. Kapitel: Verkündung der Größe des Kula

Quelle: Kulārṇava-Tantra, hg. Tārānātha Vidyāratna (Arthur Avalon), Tantrik Texts Vol. 5, Luzac & Co., London 1917 (archive.org, OCR-Text). Inhalt: Auf Pārvatīs Bitte hin preist Śiva den Kula-Dharma als höchsten aller Wege (aufsteigende Reihe Veda – Vaiṣṇava – Śaiva – Dakṣiṇa – Vāma – Siddhānta – Kaula, Vers 7–8); alle anderen Lehren und Pfade gehen im Kula auf, nur das Kaula verbindet Genuss und Yoga (11–24). Es folgen die Bedingungen für den Empfang des Kula-Wissens (Hingabe an Guru, Reinheit, Prüfung des Schülers, 26–39), Gleichnisse gegen die Abkehr vom Kula (42–63), das Lob der Kaulikas und des Kula-Wissens (64–82), die Einheit der Lehrsysteme als Glieder Śivas (83–86) und die Begründung des Kaula aus unmittelbarer Erfahrung (87–93). Zuletzt grenzt Śiva das echte Kaula von missbräuchlicher Praxis (Wein, Fleisch, Geschlechtsverkehr allein bringen keine Erlösung, 117–122) und von den Paśu-Regeln (123–136) ab. Die OCR-Qualität ist schlecht: viele Verse sind nur aus Sprachkenntnis, Metrik und Fußnotenvarianten rekonstruiert; unsichere Stellen sind mit [?] markiert. Die Verszählung ist im OCR mehrfach fehlerhaft (Ziffernverwechslung) und wurde nach der Zählung 1–142 korrigiert.

śrīdevy uvāca | kulaṃ śrotum icchāmi sarvajīvadayānidhe | kuladharmas tvayā deva sūcito na prakāśitaḥ ||1|| tasya dharmasya māhātmyaṃ sarvadharmottamasya ca | kulāmnāyasya [?] māhātmyaṃ tan mataṃ vada me prabho | vada me parameśāna yadi te 'sti kṛpā mayi ||2|| śrīīśvara uvāca | śṛṇu devi pravakṣyāmi yan māṃ tvaṃ paripṛcchasi | tasya śravaṇamātreṇa yoginīnāṃ priyo bhavet ||3|| brahmaviṣṇuguhādīnāṃ na mayā kathitaṃ purā | kathayāmi tava snehāt śṛṇu caikāgracetasā [?] ||4|| pāramparyakramāyātaṃ pañcavaktreṣu saṃsthitam | akathyaṃ [?] paramārthena tathāpi kathayāmi te ||5|| tvayāpi gopitavyaṃ hi na deyaṃ yasya kasyacit | deyaṃ bhaktāya śiṣyāya anyathā patanaṃ bhavet ||6|| sarvebhyaś cottamā vedā vedebhyo vaiṣṇavaṃ param | vaiṣṇavād uttamaṃ śaivaṃ śaivād dakṣiṇam uttamam ||7||

Die Göttin sprach: Ich möchte das Kula hören, o Ozean des Mitleids für alle Lebewesen. Den Kula-Dharma (die Lehre und Lebensweise des Kula, der „Familie“ bzw. Śakti-Gesamtheit) hast du, Gott, nur angedeutet, nicht offenbart. (1) Die Größe dieses Dharma, der der höchste aller Dharmas ist, und die Größe des Kula-Āmnāya (der Überlieferungslinie des Kula) [?] – diese Lehre sage mir, Herr. Sage sie mir, höchster Herr, wenn du Gnade für mich hast. (2) Śrī Īśvara (Śiva) sprach: Höre, Göttin, ich will dir sagen, wonach du mich fragst. Allein durch das Hören davon wird man den Yoginīs lieb. (3) Brahmā, Viṣṇu, Guha (Skanda) und den anderen habe ich es früher nicht gesagt; aus Zuneigung zu dir sage ich es – höre mit gesammeltem Geist [?]. (4) Es ist in ununterbrochener Überlieferung herabgekommen und in den fünf Gesichtern [Śivas] beheimatet; im höchsten Sinne ist es [eigentlich] nicht aussprechbar [?], dennoch sage ich es dir. (5) Auch du sollst es hüten, nicht jedem Beliebigen darf man es geben; man gebe es dem Ergebenen, dem Schüler – sonst tritt der Fall (patana, Sturz) ein. (6) Höher als alles sind die Veden, höher als die Veden das Vaiṣṇava, höher als das Vaiṣṇava das Śaiva, höher als das Śaiva das Dakṣiṇa („rechte“ Weise). (7)

Vers 2: im OCR steht ein Dreizeiler; Zeile b ist verderbt (kulāmnāyasya … [?]); Sinn nach dem Zusammenhang. Vers 4d: Lesart nach Fußnote (ka kha ga: ekāgracetasā). Vers 5b: „pañcavaktreṣu“ (in den fünf Gesichtern). Vers 5c: OCR-Wort verderbt; „akathyaṃ“ [?] ist Rekonstruktion. Vers 6b: OCR „hi neya“; rekonstruiert „hi na deyaṃ“. Fußnote: in Handschrift kha steht ein zusätzlicher Vers. Aufsteigende Reihe vv. 7–8: Veda – Vaiṣṇava – Śaiva – Dakṣiṇa – Vāma – Siddhānta – Kaula.

dakṣiṇād uttamaṃ vāmaṃ vāmāt siddhāntam uttamam | siddhāntād uttamaṃ kaulaṃ kaulāt parataraṃ nahi ||8|| guhyād guhyataraṃ devi sārāt sāraṃ parāt param | sākṣāc chivapadaṃ devi karṇākarṇigataṃ kulam ||9|| mathitvā jñānadaṇḍena vedāgamamahārṇavam | sārajñena mayā devi kuladharmaḥ samuddhṛtaḥ ||10|| ekataḥ sakalā dharmā yajñatīrthavratādayaḥ | ekataḥ kuladharmaś ca tatra kaulo 'dhikaḥ [?] priye ||11|| praviśanti yathā nadyaḥ samudraṃ vakragā api [?] | tathaiva samayāḥ sarve praviṣṭāḥ kulam eva hi ||12|| yathā hastipade līnaṃ sarvaṃ prāṇipadaṃ bhavet | darśanāni ca sarvāṇi kula eva tathā priye ||13||

Höher als das Dakṣiṇa ist das Vāma („linke“ Weise), höher als das Vāma das Siddhānta, höher als das Siddhānta das Kaula; über das Kaula hinaus gibt es nichts Höheres. (8) Geheimer als das Geheime, Wesentlicheres als das Wesentliche, höher als das Höchste, Göttin, ist das Kula – unmittelbar der Zustand (pada) Śivas, von Ohr zu Ohr weitergegeben. (9) Nachdem ich den Ozean der Veden und Āgamas mit dem Quirlstab der Erkenntnis gequirlt hatte, habe ich, der ich das Wesentliche kenne, den Kula-Dharma herausgezogen, Göttin. (10) Auf der einen Seite [stehen] alle Dharmas, Opfer, Pilgerorte, Gelübde usw.; auf der anderen der Kula-Dharma – dabei ist das Kaula das Größere [?], Liebe. (11) Wie die Flüsse, auch wenn sie sich schlängeln [?], in den Ozean eintreten, so sind alle samayas (Glaubenswege, Lehren) in das Kula eingegangen. (12) Wie in der Fußspur des Elefanten die Fußspur aller Wesen aufgeht, so [gehen] alle Anschauungssysteme (darśana) im Kula [auf], Liebe. (13)

Vers 9: die Halbverse c–d sind im OCR zusammengezogen; „karṇākarṇigata“ (von Ohr zu Ohr gegangen, d. h. mündliche Überlieferung) nach der Fußnote (ka ga ṅa). Vers 11cd und 12b: OCR sehr entstellt, Rekonstruktion unsicher [?]. „samaya“ hier im Sinne von Lehrsystem/Schulrichtung. Fußnote zu Vers 8: eine Parallelstelle (Zitat) nennt die Reihe dakṣiṇa – siddhānta – vāma – aghora – yoga – kaula; und „etanmate navācārāḥ“ (nach dieser Auffassung gibt es neun Ācāras).

yadā jāmbūnadānāṃ ca sadṛśaṃ loham asti cet | tadā ca kuladharmeṇa samayo 'nyaḥ samo bhavet ||14|| yathāmaratarañgiṇyā na samāḥ sakalāpagāḥ | tathaiva samayāḥ sarve kuladharmeṇa no samāḥ ||15|| merusarṣapayor yadvat sūryakhadyotayor yathā | tathānyasamayasyāpi kulasya mahad antaram ||16|| asti cet tvatsamā nārī matsamaḥ puruṣo 'sti cet | kulena samadharmas tu tathāpi na kadācana ||17|| kuladharmaṃ hi no vetti yo 'nyadharmeṇa garvitaḥ | baddhaḥ saṃsārapāśena so 'ntyajānāṃ priyo bhavet ||18|| yo vā kulādhikaṃ dharmam ajñānād ādriyate [?] priye | brahmahatyādhikaṃ pāpaṃ sa prāpnoti na saṃśayaḥ ||19|| kuladharmapravahaṇaṃ samāruhya narottamaḥ | svargādidvīpāntaraṃ gatvā mokṣaratnaṃ samaśnute ||20|| darśaneṣu ca sarveṣu vairāgyābhyāsena mānavāḥ | mokṣaṃ labhante kaule tu sadya eva na saṃśayaḥ ||21||

Wenn es Eisen gäbe, das dem Gold gleicht, dann könnte ein anderer samaya dem Kula-Dharma gleich sein. (14) Wie alle [anderen] Flüsse der himmlischen Gaṅgā nicht gleichkommen, so kommen alle samayas dem Kula-Dharma nicht gleich. (15) Wie der Meru und ein Senfkorn, wie die Sonne und ein Glühwürmchen, so groß ist der Abstand zwischen einem anderen samaya und dem Kula. (16) Gäbe es eine Frau wie dich und einen Mann wie mich – einen Dharma, der dem Kula gleich wäre, gibt es dennoch niemals. (17) Wer den Kula-Dharma nicht kennt und auf einen anderen Dharma stolz ist, gebunden durch die Fessel des Saṃsāra, der wird den Antyajas (den Ausgestoßenen) lieb. (18) Oder wer aus Unwissenheit einen Dharma höher achtet [?] als das Kula, Liebe, der erlangt eine Sünde, größer als Brahmanenmord – daran ist kein Zweifel. (19) Wer, der beste der Menschen, das Schiff des Kula-Dharma bestiegen hat, gelangt, an den Inseln wie dem Himmel vorbei, zum Juwel der Erlösung. (20) In allen [anderen] Anschauungssystemen erlangen die Menschen die Erlösung durch Übung der Leidenschaftslosigkeit; im Kaula aber sofort – daran ist kein Zweifel. (21)

Vers 14: laut Fußnote fehlt dieser Vers in Handschrift ṅa; Handschrift ga hat eine abweichende Fassung (Vergleich mit Fluss und Meer). Vers 17: „tvatsamā“ aus OCR-Form rekonstruiert. Vers 18: Handschriftenvarianten in den Fußnoten (ka kha: „sakṛt saṃsāriṇaṃ …“). Vers 19b: OCR-Wort verderbt; „ādriyate“ [?] Rekonstruktion, ṅa liest „bhajati“. Vers 20: nach Fußnote (kha gha ṅa) „svargādidvīpāntaraṃ gatvā“; Bild des Schiffes (pravahaṇa). Fußnote: ab Vers 20 fehlt in ka der folgende Vers 21 o. ä. (Zählung/Zusatzverse in Handschriften variieren).

bahunā kim uktena ca matprāṇavallabhe | na kaulasamo dharmo 'sti tvāṃ śape kulanāyike ||22|| yogī cen naiva bhogī syād bhogī cen naiva yogavit | bhogayogātmakaṃ kaulaṃ tasmāt sarvādhikaṃ priye ||23|| bhogo yogāyate sākṣāt pātakaṃ sukṛtāyate | mokṣāyate ca saṃsāraḥ kuladharme kuleśvari ||24|| brahmendrācyutarudrādidevatāmunipuṅgavāḥ | kuladharmaparā devi mānuṣeṣu ca kā kathā ||25|| vihāya sarvadharmāṃś ca nānāgurumatāni ca | kulam eva vijānīyād yadīcchet siddhim ātmanaḥ ||26|| pūrvajanmakṛtābhyāsāt kulajñānaṃ prakāśate | svapnotthitapratyayavad upadeśādikaṃ vinā ||27|| janmāntarasahasreṣu yā buddhir bhāvitā nṛṇām | tām eva labhate jantur upadeśo nirarthakaḥ ||28|| śaivavaiṣṇavasaurādyair gāṇapatyendusambhavaiḥ [?] | santarviśuddhacittānāṃ [?] kulajñānaṃ prakāśate ||29||

Was soll das viele Reden, du mir Liebste wie mein Leben: Es gibt keinen Dharma, der dem Kaula gleich wäre – ich schwöre es bei dir, Herrin des Kula. (22) Wer Yogī ist, ist [gewöhnlich] kein Genießer (bhogin); wer Genießer ist, kennt nicht den Yoga. Das Kaula aber hat Genuss und Yoga zu seinem Wesen; darum ist es das höchste von allem, Liebe. (23) Genuss wird [im Kula-Dharma] unmittelbar zu Yoga, Sünde wird zu Verdienst, und der Saṃsāra wird zur Erlösung, Herrin des Kula. (24) Brahmā, Indra, Acyuta (Viṣṇu), Rudra und die anderen Götter, die vorzüglichen Weisen – sie alle sind dem Kula-Dharma ergeben, Göttin; was ist da von Menschen zu sagen! (25) Man lasse alle [anderen] Dharmas und die vielerlei Lehren der Gurus beiseite und erkenne nur das Kula, wenn man die Vollendung (siddhi) für sich wünscht. (26) Durch Übung in früheren Geburten leuchtet das Kula-Wissen auf – wie eine Einsicht beim Erwachen aus dem Traum, ohne Unterweisung usw. (27) Die Erkenntnis (buddhi), die in Tausenden anderer Geburten den Menschen eingeprägt wurde, genau die erlangt das Wesen [wieder]; die Unterweisung ist [dabei] zwecklos. (28) Durch [die Wege der] Śaivas, Vaiṣṇavas, Saura-Anhänger, Gāṇapatyas, und die dem Mond entsprungenen [?] – bei Reingesinnten [?] leuchtet das Kula-Wissen auf. (29)

Vers 22: OCR entstellt; „bahunā kim uktena ca“ rekonstruiert [?]; die Ausgabe zählt hier fälschlich zwei Verse gleich (Ziffernfehler im OCR, „22“ steht zweimal); nach Zählung 22 und 23. Vers 25: „acyuta“ aus OCR-Silben rekonstruiert. Vers 27–28: nach Fußnoten (ka kha ga). Vers 29: OCR sehr entstellt; Rekonstruktion und Übersetzung unsicher [?]. Fußnote: ab Vers 26 fehlen in Handschriften ka/kha Verse (Zählung variiert).

sarvadharmāc ca deveśi punarāvartakāḥ smṛtāḥ | kuladharmasthitā ye ca te sarve 'py anivartakāḥ ||30|| sukṛtatapodānayajñatīrthajapavrataiḥ | kṣīṇāṃhasāṃ devi kulajñānaṃ prakāśate ||31|| tvam ahaṃ ca devi kalyāṇi yasya tuṣṭau bhavāv api [?] | devatāgurubhaktyā ca kulajñānaṃ prakāśate ||32|| ekacittasya śāntasya dharmiṇo gurusevinaḥ | atibhaktasya śuddhasya [?] kulajñānaṃ prakāśate ||33|| śrīgurau kulaśāstreṣu kaulikeṣu kulānvaye | yasya bhaktir dṛḍhā tasya kulajñānaṃ prakāśate ||34|| śraddhāvinayaharṣādyaiḥ sadācāradṛḍhavrataiḥ | gurvājñāpālanodyuktaiḥ kulajñānam avāpyate ||35|| anyathā kulavijñānaṃ na tiṣṭhati kadācana | tasmāt parīkṣya vaktavyaṃ kulajñānaṃ mayoditam ||36|| na brūyāt kuladharmajño 'yogyāya kulaśāsanam | ājñābhaṅgaṃ ca yaḥ kuryād devatāśāpam āpnuyāt ||37||

Von allen [anderen] Dharmas, Göttin, heißt es, dass man zurückkehrt (punarāvartaka, d. h. wiedergeboren wird); die aber im Kula-Dharma stehen, die kehren alle nicht mehr zurück. (30) Wessen Sünden durch gute Werke, Askese, Almosen, Opfer, Pilgerfahrten, Rezitation und Gelübde erschöpft sind, bei dem leuchtet, Göttin, das Kula-Wissen auf. (31) Du und ich, gütige Göttin, sind in dem zufrieden, in wessen Zufriedenheit auch wir beide [zufrieden] sind [?]; durch Hingabe an die Gottheit und den Guru leuchtet das Kula-Wissen auf. (32) Bei dem, dessen Geist gesammelt und ruhig ist, dem Rechtschaffenen, der dem Guru dient, dem sehr Ergebenen und Reinen [?] leuchtet das Kula-Wissen auf. (33) Wer feste Hingabe an den ehrwürdigen Guru, die Kula-Lehrschriften, die Kaulikas und die Kula-Linie hat, bei dem leuchtet das Kula-Wissen auf. (34) Durch Glauben, Bescheidenheit, Freude usw., durch guten Wandel und feste Gelübde, durch Eifer im Befolgen des Guru-Befehls wird das Kula-Wissen erlangt. (35) Sonst hält sich das Kula-Wissen niemals; daher soll man das von mir Gesagte erst nach Prüfung mitteilen. (36) Der Kenner des Kula-Dharma soll die Kula-Lehre nicht einem Ungeeigneten sagen; und wer den Befehl [des Gurus] bricht, zieht den Fluch der Gottheit auf sich. (37)

Vers 30: OCR zählt hier „20“ (Ziffernfehler, stillschweigend nach der Zählung korrigiert; ebenso die Zahlen 31–36). Vers 31a: „sukṛta-“ aus OCR-Form rekonstruiert. Vers 32b: OCR entstellt, Rekonstruktion unsicher [?]. Vers 33d: „śuddhasya“ nach Fußnote (ga) [?]. Vers 36ab: OCR entstellt; „anyathā“ [?]. Vers 37: laut Fußnote fehlt dieser Vers in ka kha gha; Halbvers a–b ist im OCR verderbt [?].

anārādhya samācāraṃ [?] kulajñānaṃ vaded yadi | sa śāstāpi ca śiṣyaś ca yoginīnāṃ bhavet paśuḥ ||38|| bodhayitvā guruḥ śiṣyaṃ kulajñānaṃ prakāśayet | labhete tāv ubhau sākṣād yoginīvīramelanam ||39|| anāyāsena saṃsārasāgaraṃ yas titīrṣati | kuladharmam imaṃ jñātvā mucyate nātra saṃśayaḥ ||40|| kuladharmamahāmārgagantā muktipuraṃ vrajet | acirān nātra sandehas tasmāt kaulaṃ samāśrayet ||41|| kulaśāstram anādṛtya paśuśāstrāṇi yo 'bhyaset | svagṛhe pāyasaṃ tyaktvā bhikṣām aṭati pārvati ||42|| vihāya kuladharmaṃ yaḥ paradharmaparo bhavet | karasthaṃ ratnam utsṛjya dūrasthaṃ kācam īhate ||43|| saṃtyajya kulamantrāṇi paramantrāṃś ca yo japet | sa dhānyarāśim utsṛjya pāṃśurāśiṃ jighṛkṣati [?] ||44|| kulānvayaṃ samutsṛjya yo 'nyam anvayam īkṣate | taḍāgād iva tṛṣṇārto mṛgatṛṣṇāsu dhāvati ||45|| yathendrajālajā māyā kṣaṇam eva sukhāvahā [?] | kaulād anyasamayās tādṛśāḥ kulanāyike ||46||

Wer, ohne den samayācāra (die Regel-Praxis) geübt zu haben [?], das Kula-Wissen lehrt – der Lehrer wie der Schüler wird für die Yoginīs zum Tier (paśu, Nicht-Eingeweihter [zugleich Opfertier]). (38) Wenn der Guru den Schüler unterwiesen hat und das Kula-Wissen offenbart, erlangen beide unmittelbar die Vereinigung mit den Yoginīs und Vīras (den „Helden“). (39) Wer mühelos das Meer des Saṃsāra überqueren will, wird befreit, wenn er diesen Kula-Dharma erkannt hat – kein Zweifel. (40) Wer den großen Weg des Kula-Dharma geht, gelangt in die Stadt der Befreiung, ohne Zögern, kein Zweifel; darum nehme man Zuflucht zum Kaula. (41) Wer das Kula-Lehrbuch missachtet und die Lehrbücher der Paśus (Nicht-Eingeweihten) studiert, der lässt, Pārvatī, den Milchreis im eigenen Haus und geht betteln. (42) Wer den Kula-Dharma verlässt und fremdem Dharma anhängt, der lässt das Juwel in der Hand fallen und begehrt in der Ferne Glas. (43) Wer die Kula-Mantras aufgibt und fremde Mantras murmelt, der lässt den Getreidehaufen liegen und will einen Staubhaufen greifen [?]. (44) Wer die Kula-Familie[nlinie] verlässt und auf eine andere Linie blickt, der läuft wie ein von Durst Gequälter statt zum Teich zur Luftspiegelung. (45) Wie Zauberblendwerk (Māyā aus Gaukelei) nur einen Augenblick Freude bringt [?], so sind, Herrin des Kula, die anderen samayas im Vergleich zum Kaula. (46)

Vers 38: Lesart „anārādhya“ nach Fußnote (ga); ka etc. lesen „ārādhya“ [?]. Die OCR-Ziffern 28–39 sind teils verzählt (Ziffernfehler; stillschweigend korrigiert). Vers 44–46: OCR stark verstümmelt (Zeilenteile durcheinander); 44d „jighṛkṣati“ [?], 46ab nur sinngemäß rekonstruiert [?]. „paśu“ = Nicht-Eingeweihter (wörtlich Tier), im Kula-Sprachgebrauch abwertend.

kuladharmam ajānan yaḥ saṃsārān nistartum icchati | pārāvāram apāraṃ sa pāṇibhyāṃ tartum icchati ||47|| yo vānyadarśanebhyaś ca bhuktiṃ muktiṃ ca kāṅkṣati | svapnalabdhadhanenaiva dhanavān sa bhavet tadā ||48|| śuktau rajatavibhrāntir yathā jāyeta pārvati | tathānyasamayebhyaś ca bhuktir muktiḥ prakāśate ||49|| sarvakarmavihīno 'pi varṇāśramavivarjitaḥ | kulaniṣṭhaḥ kuleśāni bhuktimuktyoḥ sa bhājanam ||50|| kulajñānavihīno 'pi kulabhaktyā śubho bhavet [?] | so 'pi sadgatim āpnoti kim utānye parāyaṇāḥ ||51|| kuladharmo hato hanti rakṣito rakṣati priye | pūjitaḥ pūjayaty āśu tasmāt taṃ na parityajet ||52|| nindantu bāndhavāḥ sarve tyajantu strīsutādayaḥ | janā hasantu māṃ dṛṣṭvā rājāno daṇḍayantu vā ||53|| sevye sevye punaḥ sevye tvām eva paradevate | tadbhaktiṃ naiva muñcāmi manovākkāyakarmabhiḥ ||54|| evam āpadgatasyāpi yasya bhaktiḥ suniścalā | sa tu sampūjyate devair atha sa śivo bhavet ||55||

Wer, den Kula-Dharma nicht kennend, den Saṃsāra überschreiten will, der will das uferlose Meer mit den Händen durchschwimmen. (47) Oder wer von anderen Anschauungssystemen Genuss (bhukti) und Erlösung (mukti) begehrt, der ist dann nur so reich wie durch im Traum gewonnenen Reichtum. (48) Wie in einer Muschel die Täuschung von Silber entsteht, Pārvatī, so erscheint aus anderen samayas [scheinbar] Genuss und Erlösung. (49) Auch wer von allen Riten frei und ohne Stand und Lebensstufe (varṇa, āśrama) ist – wer im Kula fest steht, o Herrin des Kula, der ist Gefäß von Genuss und Erlösung. (50) Auch wer des Kula-Wissens bar ist, wird durch Hingabe an das Kula glückselig [?]; auch er erlangt einen guten Weg – wie erst die anderen, die sich ihm ganz widmen. (51) Der Kula-Dharma, wenn man ihn zerstört, zerstört; wenn man ihn schützt, schützt er, Liebe; verehrt, ehrt er schnell zurück – darum verlasse man ihn nicht. (52) [Ausspruch des Ergebenen:] Mögen alle Verwandten mich schmähen, Frau und Kinder mich verlassen, die Leute lachen, wenn sie mich sehen, oder Könige mich strafen. (53) „Dir diene ich, dir immer wieder, höchste Göttin, dir allein; deine Verehrung lasse ich nicht los, mit Denken, Rede, Leib und Tat.“ (54) Wessen Hingabe auch so, in Not geraten, fest ist, der wird von den Göttern verehrt, ja er wird zu Śiva. (55)

Vers 47b: „nistartum“ aus OCR-Form rekonstruiert. Vers 49: „śuktau rajatavibhrāntiḥ“ (Silbertäuschung an der Perlmuschel) ist ein Standardbild; Zeilenrest OCR verderbt [?]. Vers 50c: „kuleśāni“ statt OCR-Form [?]. Vers 51b: Lesart unsicher [?]; d nach Fußnote (gha). Vers 54: Sprecher ist der Bhakta, zu Devī gewandt; der Text wechselt hier in die direkte Rede (OCR: „seve seve“; als Gerundivum „sevye“ gelesen, [?] – auch „seve“ „ich diene“ möglich).

rogadāridryaduḥkhādyaiḥ pīḍito 'py aniśaṃ śive | yas tvām upāste bhaktyā sa naraḥ sadgatim āpnuyāt ||56|| janāḥ stuvantu nindantu lakṣmīr āgacchatu tiṣṭhatu | mṛtyur adyāstu yugānte vā kulaṃ naiva parityajet ||57|| nāpi lobhān na krodhān na dveṣān na ca matsarāt | na kāmān na bhayād vāpi kuladharmaṃ parityajet ||58|| yo jantur nārcayec chāntaṃ [?] kuladharmasamāśritaḥ | kliśyate jātamātreṇa bhūtāveśo yathā naraḥ [?] ||59|| pulākā iva dhānyeṣu pataṅgā iva jantuṣu | budbudā iva toyeṣu ye kaulavimukhā hi te ||60|| taravo 'pi hi jīvanti jīvanti mṛgapakṣiṇaḥ | sa jīvati mano yasya kuladharme vyavasthitam ||61|| kuladharmavihīnasya dinān āyānti yānti ca | sa lohakārabhastreva śvasann api na jīvati ||62|| gacchatas tiṣṭhato vāpi jāgrataḥ svapato 'pi vā | kuleśvari kulājñasya tat paśor iva jīvitam ||63||

Auch wenn er ständig von Krankheit, Armut und Leid geplagt ist, gelangt der Mensch, der dich, Śivā (Gattin Śivas), voll Hingabe verehrt, zu einem guten Weg. (56) Mögen die Leute preisen oder tadeln, Lakṣmī (das Glück) kommen oder bleiben, der Tod heute eintreten oder am Ende der Weltzeit – das Kula soll man niemals aufgeben. (57) Weder aus Habgier noch aus Zorn, weder aus Hass noch aus Neid, weder aus Begierde noch aus Furcht gebe man den Kula-Dharma auf. (58) Das Wesen, das [?] nicht verehrt, obwohl es beim Kula-Dharma Zuflucht nimmt [?], leidet von Geburt an wie ein von Geistern besessener Mensch. (59) Wie Spreu unter den Körnern, wie Motten unter den Tieren, wie Blasen unter den Wassern sind die, die dem Kaula abgewandt sind. (60) Auch Bäume leben, es leben Tiere und Vögel; doch der lebt, dessen Geist im Kula-Dharma fest ist. (61) Für den, der den Kula-Dharma nicht hat, kommen und gehen die Tage; er lebt nicht, obwohl er atmet, gleich dem Blasebalg eines Schmieds. (62) Ob er geht oder steht, wacht oder schläft: das Leben des Kula-Unkundigen, Herrin des Kula, ist wie das eines Paśu (Tieres). (63)

Vers 56d: Lesart nach Fußnote (ṅa). Vers 57c: „mṛtyur adyāstu“ nach Fußnote (ṅa). Vers 58a: Fußnote ṅa „nārthalobhāt“. Vers 59: OCR entstellt; die Lesarten der Fußnote (ṅa: „ajñānamātreṇa bhūtāveśo yathā naraḥ“, kha: „…bhūtāveśātmaśatruṇā“) weichen ab; Vers unsicher [?]. Vers 61b: „mṛgapakṣiṇaḥ“ (OCR: „khaga-“ [?]). Vers 63c: „kulājñasya“ (dem Kula-Unwissenden) [?].

vidvān api ca mūrkho 'sau dhārmiko vāpy adhārmikaḥ | vratastho 'py avratastho vā yaḥ kaulavimukho janaḥ ||64|| jātās ta eva jagati jantavaḥ sādhu jīvinaḥ | kuladharmaparā devi śeṣā jaṭharagardabhāḥ ||65|| sa pumān ucyate sadbhiḥ kuladharmaparāyaṇaḥ | aparas tu paraṃ satyam asthikūṭatvacāvṛtaḥ ||66|| caturvedī kulājñāno śvapacād adhamaḥ priye | śvapaco 'pi kulajñāno brāhmaṇād atiricyate ||67|| gurukāruṇyayuktas tu dīkṣādhūtapātakaḥ | kulapūjārato devi so 'yaṃ kaulo na cetaraḥ ||68|| yaḥ kaulikaḥ kulajñānaṃ na paśyati na vindati | na pūjayati dhik tasya tat kākasyeva jīvitam ||69|| te dhanyāḥ puṇyakarmāṇas te santas te ca yoginaḥ | yeṣāṃ bhāgyavaśād devi kulajñānaṃ prakāśate ||70|| te vandyās te mahātmānaḥ kṛtārthās te narottamāḥ | yeṣām utpadyate citte kulajñānaṃ mayoditam ||71|| sarvakṣetragamanaṃ [?] sarvatīrthāvagāhanam | yat sarvayajñācaraṇaṃ kuladharmapraveśanam ||72||

Auch ein Gelehrter ist ein Tor, ein Frommer wie ein Unfrommer, einer, der Gelübde hält, wie einer, der keine hält – wer dem Kaula abgewandt ist. (64) Nur die sind auf der Welt als gut Lebende geboren, Göttin, die dem Kula-Dharma ergeben sind; die übrigen sind Bauch-Esel [d. h. nur Magen und Tragtier]. (65) Nur der gilt bei den Guten als [wahrer] Mann, der dem Kula-Dharma ganz zugewandt ist; der andere ist in Wahrheit nur ein Knochenhaufen, in Haut gehüllt [Var.: mit Haut gefüllt]. (66) Ein Kenner der vier Veden, der das Kula nicht kennt, steht tiefer als ein Hundeesser (śvapaca, Kastenloser), Liebe; und ein Hundeesser, der das Kula kennt, übertrifft den Brahmanen. (67) Wer von der Güte des Guru begleitet ist, dessen Sünden durch die Einweihung (dīkṣā) abgeschüttelt sind, der sich an der Kula-Verehrung freut, Göttin – der ist der [wahre] Kaula, kein anderer. (68) Ein Kaulika, der das Kula-Wissen nicht sieht, nicht findet, nicht ehrt – pfui über ihn: sein Leben ist wie das einer Krähe. (69) Selig sind sie, Täter von Verdienst, sie sind die Guten, sie die Yogins, in denen, Göttin, durch Glücksfügung das Kula-Wissen aufleuchtet. (70) Sie sind verehrungswürdig, sie hochgesinnt, sie haben ihr Ziel erreicht, sie sind die besten der Menschen, in deren Herz das von mir verkündete Kula-Wissen entsteht. (71) Alle heiligen Stätten aufsuchen, in allen Pilgerteichen baden, alle Opfer vollziehen – das ist [gleichwertig mit] dem Eintritt in den Kula-Dharma. (72)

Vers 65d: Lesart nach Fußnote (kha gha: „jaṭharagardabhāḥ“, wörtl. Bauch-Esel); ṅa „viśeṣā janavādataḥ“ [?]. Vers 66d: Fußnote: ka gha „pūrṇaḥ“, kha „sampūrṇaḥ“; „āvṛtaḥ“ nach OCR-Form [?]. Vers 67a: „kulājñāno“ (Kula-Unkundiger). Vers 72a: erstes Kompositum OCR verderbt; „sarvakṣetragamanam“ ist Rekonstruktion [?]; der Sinn (Eintritt in Kula = alle Pilgerfahrten und Opfer) ist durch Kontext gesichert.

praviśanti kulaṃ dhanyaṃ ye vai sukṛtino narāḥ | te punar jananīgarbhaṃ na viśanti kadācana ||73|| prasaṅgenāpi yaḥ kaścit kulaṃ kulam itīrayet | kulaṃ tasya pāvanaṃ [?] devi bhavati tadanugrahāt | kulajñasya kuleśāni nānyadharmaiḥ prayojanam ||74|| kuleśi kulaniṣṭhānāṃ kaulikānāṃ mahātmanām | dadāmi paramaṃ jñānaṃ cāntakāle na saṃśayaḥ ||75|| cirāyāsālpaphaladaṃ kāṅkṣante sasyaṃ janāḥ | sukhena sarvaphaladaṃ kulaṃ ko 'pi tyajaty aho ||76|| kulajño hi ca sarvajño vedaśāstrojjhito 'pi vā | vedaśāstrāgamajño 'pi kulājñas tv ajña eva hi ||77|| jānanti kulamāhātmyaṃ tadbhakta eva nāpare | cakorā eva jānanti nānye candragatāṃ rucim ||78|| kulajñā eva tuṣyanti śrutvā kulakathāṃ priye | svalpā nadyo vivardhante jyotsnayā kiṃ samudravat ||79|| nānyadharmeṣu vartante kaulikāḥ sāravedinaḥ | bhṛṅgāḥ puṣpāntare na lubhyanti [?] mandārāmodasevinaḥ ||80||

Die Glücklichen unter den Menschen, die ins segensreiche Kula eintreten, gehen niemals wieder in den Schoß einer Mutter ein. (73) Wer auch nur beiläufig „Kula, Kula“ ausspricht – dessen Familie wird durch dessen Gnade rein [?], Göttin. Für den Kula-Kenner, Herrin des Kula, gibt es keinen Nutzen von anderen Dharmas. (74) Herrin des Kula: den im Kula Gegründeten, den hochgesinnten Kaulikas gebe ich zur Todesstunde die höchste Erkenntnis – ohne Zweifel. (75) Die Menschen begehren Getreide, das nach langer Mühe nur wenig Frucht gibt; das Kula, das mühelos jede Frucht gibt – wer gibt es auf, ach! (76) Der Kula-Kenner ist ein Allwissender, auch wenn er von Veda und Śāstra ausgeschlossen ist; wer aber Veda, Śāstra und Āgama kennt und das Kula nicht kennt, ist in Wahrheit ein Unwissender. (77) Die Größe des Kula kennen nur seine Verehrer, nicht die anderen; nur die Cakora-Vögel kennen den Glanz des Mondes, nicht die anderen. (78) Nur Kula-Kenner freuen sich, wenn sie von Kula sprechen hören, Liebe; schwellen kleine Bäche vom Mondschein an wie das Meer? (79) Die Kaulikas, die das Wesentliche kennen, wenden sich nicht anderen Dharmas zu; die Bienen, die den Duft des Mandāra genießen, begehren keine andere Blüte [?]. (80)

Vers 74: im Druck drei Zeilen (Halbvers c–d fehlt/ist zusammengezogen); Handschriften variieren (ṅa „tasya dhanam“). „pāvanaṃ“ [?]. Vers 75: „dadāmi“ (ka kha gha; ṅa „dadāsi“). Vers 76a: nach OCR „cirāyāsālpaphala-“ rekonstruiert. Vers 79cd: „vivardhante“ aus verderbtem OCR-Wort [?] (ṅa: „alpāpāḥ“). Vers 80: 80ab „vartante“ aus OCR-Form [?]; 80cd „lubhyanti“ [?]. Cakora: mythischer Vogel, der Mondstrahlen trinken soll.

mānayante hi sārajñāḥ kuladharmaṃ na cetare | śivaḥ śirasi dhatte 'ndum saiṃhikeyo gilaty adaḥ ||81|| abhijñā eva jānanti nābhijñāḥ kuladarśanam | jalamiśrapayaḥpānaṃ bakaḥ kiṃ vetti haṃsavat ||82|| śivaśaktimayo loko loke kaulaṃ pratiṣṭhitam | tasmāt sarvādhikaṃ kaulaṃ sarvasādhāraṇaṃ katham ||83|| ṣaḍ darśanāni me 'ṅgāni pādau kukṣiḥ karau śiraḥ | teṣu bhedaṃ tu yaḥ kuryān mamāṅgaṃ chedayet saḥ ||84|| etāny eva kulasyāpi ṣaḍaṅgāni bhavanti hi | tasmād vedātmakaṃ śāstraṃ viddhi kaulātmakaṃ priye ||85|| darśaneṣv akhileṣv eva phaladaṃ caikadevatam | bhuktimuktipradaṃ nṛṇāṃ kule 'smin devataṃ priye ||86||

Die, die das Wesentliche kennen, ehren den Kula-Dharma, nicht die anderen: Śiva trägt auf dem Haupt den Mond – Rāhu (Saiṃhikeya) verschlingt ihn. (81) Die Kundigen allein kennen die Kula-Lehre (kula-darśana), nicht die Unkundigen. Weiß ein Reiher, wie ein Schwan Milch aus dem Wassergemisch zu trinken? (82) Die Welt besteht aus Śiva und Śakti, und in der Welt ist das Kaula gegründet; darum ist das Kaula über allem – wie könnte es allen gemeinsam [d. h. gewöhnlich] sein? (83) Die sechs darśanas (Philosophiesysteme) sind meine Glieder: die beiden Füße, der Bauch, die beiden Hände und der Kopf. Wer zwischen ihnen einen Unterschied macht, der lässt mein Glied abschneiden. (84) Eben diese sind auch die sechs Glieder des Kula; darum wisse, Liebe: die Lehrschrift, die aus dem Veda besteht, ist Kaula-Wesens [?]. (85) In allen darśanas ist die Gottheit, die Früchte gibt, nur eine; im Kula ist die Gottheit Geber von Genuss und Erlösung an die Menschen, Liebe. (86)

Vers 81: Bild: der Kenner ehrt das Wesentliche; „saiṃhikeya“ = Rāhu (Mondverschlinger). OCR verderbt („dhatte 'jaḥ“ o. ä.; Fußnote kha gha „dhatte 'ndum“). Vers 82a: „abhijñā“ / „nābhijñāḥ“ nach OCR [?]. Vers 83: Fußnote kha gha „kaule dharmaḥ pratiṣṭhitaḥ“. Vers 84: die sechs darśanas als Körperglieder Śivas (üblicher Vergleich im Tantra). Vers 85d: Fußnote ṅa liest „tasmān madātmakaṃ kaulaṃ“ [?]. Vers 86a–b: OCR „phaladaṃ caikadevatam“ [?].

lokadharmaviruddho 'pi siddhayogeśvari priye | kulaṃ pramāṇatāṃ yāti pratyakṣaphaladaṃ yataḥ ||87|| pratyakṣaṃ ca pramāṇāya sarveṣāṃ prāṇināṃ priye | upalabdhibalāt tasya hatāḥ sarve kutārkikāḥ ||88|| parokṣaṃ ko nu jānīte kasya kiṃ vā bhaviṣyati | yadā pratyakṣaphaladaṃ tad evottamadarśanam ||89|| kuladharmam imaṃ jñātvā mucyante sarvamānavāḥ | iti matvā maheśāni mayā kaulaṃ vigarhitam ||90|| tvatkāruṇyavihīnānāṃ kulajñānavirodhinām | paśūnām anabhijñānāṃ kuladharmo vigopitaḥ ||91|| yasya janmāntare pāpakarmabandho 'dhiko bhavet | na tasya gurukāruṇyaṃ kulajñānaṃ na jāyate ||92|| yathāndhā naiva paśyanti sūryaṃ sarvaprakāśakam | tathā kulaṃ na jānanti tava māyāvimohitāḥ ||93||

Auch wenn es der weltlichen Regel widerspricht, [gilt] das Kula, o Herrin der Yogīs und Siddhas, Liebe, als maßgebende Erkenntnisquelle, weil es unmittelbar sichtbare Frucht gibt. (87) Das Unmittelbare (pratyakṣa, Wahrnehmung) ist für alle Lebewesen Beweis, Liebe; durch die Kraft der Erfahrung sind alle Spitzfindigen [Kutārkika, Sophisten] erschlagen. (88) Das Verborgene – wer kennt es, für wen wird was geschehen? Wo [eine Lehre] aber unmittelbar Frucht gibt, ist sie die höchste Lehre. (89) „Wenn sie diesen Kula-Dharma erkannt haben, werden alle Menschen befreit“ – in dieser Meinung habe ich, Große Herrin, das Kaula [nach außen hin] getadelt [?]. (90) Den Unwissenden, die deines Mitleids entbehren, die dem Kula-Wissen feind sind, den Paśus – vor ihnen ist der Kula-Dharma verborgen worden. (91) Wessen Bindung durch sündige Taten aus früheren Geburten zu groß ist, der erlangt nicht die Güte des Guru und nicht das Kula-Wissen. (92) Wie Blinde die Sonne, die alles erhellt, nicht sehen, so erkennen die durch deine Māyā Betörten das Kula nicht. (93)

Vers 87: Lesart „siddhayogeśvari“ nach OCR/Fußnote (ka kha ṅa: „…mate“) [?]. Vers 90: Lesart „vigarhitam“ (getadelt) nach OCR; der Sinn: Śiva habe das Kaula in anderen Lehrbüchern absichtlich herabgesetzt, damit nicht alle es ergreifen (vgl. Vers 120); die Alternative „vigopitam“ (verborgen) ist nicht belegt. Vers 91: „vigopitaḥ“ statt OCR-„vigataḥ“ [?]. Vers 91a: „tvatkāruṇya-“ nach OCR [?].

śaivavaiṣṇavasaurādidarśanāny api bhaktitaḥ | bhajante mānavā nityam āyāsaphalāni ca ||94|| vedaśāstrāgamaiḥ proktaṃ bhogamokṣaikasādhanam | te nindanti hi dambhena [?] matpriyaṃ tava darśanam ||95|| bhrāmitā hi mayā devi paśavaḥ śāstrakoṭiṣu | kuladharmaṃ na jānanti ye jñānābhimāninaḥ ||96|| paśuśāstrāṇi sarvāṇi mayaiva kathitāni hi | mūrtyantaraṃ tu gatvaiva mohanāya durātmanām ||97|| mahāpāpavaśān nṝṇāṃ teṣu vāñchābhijāyate | teṣāṃ ca sadgatir nāsti kalpakoṭiśatair api ||98|| [?]māro 'pi pāpātmā kule naiva pravartate | vyādhamāro 'pi puṇyātmā kulam evābhilambate [?] ||99|| kuladharmeṇa devatvaṃ devāḥ sampratipedire | munayo yogīśvarādyāś ca siddhiṃ paramāṃ gatāḥ ||100||

Die Menschen verehren voll Hingabe die darśanas der Śaivas, Vaiṣṇavas, Sauras usw. – [doch] als Frucht bringen sie [nur] Mühsal. (94) Was von Veda, Śāstra und Āgamas als das einzige Mittel zu Genuss und Erlösung verkündet wird … sie schmähen [aber] aus Hochmut [?] deine Lehre, die mir lieb ist. (95) Ich habe, Göttin, die Paśus in Millionen von Lehrschriften umherirren lassen; sie kennen den Kula-Dharma nicht, die sich auf ihr Wissen etwas einbilden. (96) Alle Paśu-Lehrbücher sind von mir selbst verkündet worden – in einer anderen Gestalt, um die Bösgesinnten zu verwirren. (97) Aufgrund großer Sünde entsteht bei den Menschen Verlangen nach ihnen; und für sie gibt es keinen guten Weg, selbst nicht in hundert Millionen Weltzeitaltern. (98) [Mancher Töter?] [?], wenn sündigen Wesens, tritt nie ins Kula ein; selbst ein Jäger [?], wenn von reinem Wesen, hält sich am Kula fest [?]. (99) Durch den Kula-Dharma haben die Götter Göttlichkeit erlangt, und die Weisen, die Herren der Yogīs und andere höchste Vollendung. (100)

Vers 95cd: OCR stark verderbt (Wort „dambhena“ [?]); Sinn unsicher. Vers 94d: „āyāsaphalāni“ (deren Frucht Mühsal ist) nach OCR-Rest. Vers 96: zur Rolle der Paśu-Lehrbücher als Verblendung vgl. auch Vers 97. Vers 99: die Anfangswörter beider Halbverse sind im OCR verderbt („…māro 'pi“); Rekonstruktion [?]. Vers 100: Fußnote ka kha gha „kulāt siddhiṃ parāṃ“.

paśuvratādiniratāḥ sulabhā dāmbhikā bhuvi | ye kaulam eva sevante te mahānto 'tidurlabhāḥ ||101|| mānavā bahavaḥ santi siddhāntavādinaḥ [?] | durlabho 'yaṃ maheśāni kulatattvaviśāradaḥ ||102|| yathā rogāturāḥ kecin mānavāḥ kulanāyike | divyauṣadhaṃ na sevante mahāvyādhivināśanam ||103|| tadvyādhivaśenāpi [?] kurvanti hi kubheṣajam | tathaiva janmamaraṇe sāṃsārikīṃ kriyām ||104|| samācaranti satataṃ tvatkāruṇyavivarjitāḥ | na bhajante kulaṃ dharmaṃ bhavabandhavimocanam ||105|| yathā cāraṇyajātāni marīcādīni vaṇigjanāt | [?]to mānavāḥ prītyā yācante kulanāyike ||106|| anarghyāṇi ca ratnāni na yācante hi kecana | tathaiva paśuśāstrāṇi karmapāśaphalāni ca ||107|| tāny icchanti hi mūrkhās te tava māyāvimohitāḥ | kuladharmaṃ na gacchanti bhuktimuktiphalapradam ||108||

Diejenigen, die Paśu-Gelübde und Ähnlichem ergeben sind – Heuchler – sind auf Erden leicht zu finden; die aber nur das Kaula pflegen, diese Großen sind überaus selten. (101) Es gibt viele Menschen, die Siddhānta[-Lehren] vortragen [?]; selten aber, große Herrin, ist einer, der im Wesen des Kula bewandert ist. (102) Wie manche von Krankheit geplagten Menschen, Herrin des Kula, die göttliche Arznei, die die große Krankheit vernichtet, nicht gebrauchen, (103) sondern in ihrer Krankheit [?] ein schlechtes Heilmittel anwenden, so vollziehen sie ständig weltliche Handlungen [die zu] Geburt und Tod [führen], (104–105) ohne dein Mitleid; sie pflegen nicht den Kula-Dharma, der von der Fessel des Daseins löst. (105) Wie Menschen aus dem Wald stammende Dinge wie Pfeffer gern von Händlern erbitten [?] (106), aber unschätzbare Juwelen niemand erbittet, so [erbitten] sie Paśu-Lehrbücher, deren Frucht die Fessel der Tat ist, (107) wollen diese, die Toren, von deiner Māyā verblendet; sie gehen nicht zum Kula-Dharma, der Genuss und Erlösung als Frucht gibt. (108)

Vers 102b: „siddhānta-vādinaḥ“ nach Fußnote (ṅa „vādinaḥ“) [?]. Vers 104a und 106c: OCR verderbt; Rekonstruktion unsicher [?]. Vers 104–107: die Konstruktion der Vergleiche ist im OCR lückenhaft; Sinn gesichert, Wortlaut nicht. Der deutsche Text folgt der Versgrenze nur ungefähr.

[?] dhiyā karpūraṃ lavaṇecchayā | [?] maṇiṃ kācamanīṣayā ||109|| yathādṛṣṭaṃ na manyante karasthām api pāmarāḥ | tathā kaulaṃ na jānanti tvatprasādavivarjitāḥ ||110|| aho mohasya māhātmyaṃ tvanmāyājanitasya ca | kim ajñānāṃ ca deveśi mohayed amarān api ||111|| pītvā madyaṃ palaṃ khādya samālokya priyāmukham | tad evācaraṇaṃ jāpyaṃ [prāpya paramaṃ madam?] [?] ||112|| gurukāruṇyasaṃlabhyam īdṛśaṃ kuladarśanam | tvadbhakta eva jānanti netare bhuktimuktidam ||113|| gurūpadeśarahitā mahānta iti kecana | mohayanti janān sarvān svayaṃ pūrvavimohitāḥ ||114|| durācāraparāḥ kecid vācayanti ca pāmarāḥ | kathaṃ pūto bhavet svāmī sevakāḥ syus tathāvidhāḥ ||115|| bahavaḥ kaulikaṃ dharmaṃ śiṣyājñānaviḍambakāḥ | svabuddhyā kalpayanty enaṃ pāramparyavivarjitāḥ ||116||

[Wie man] Kampfer aus Wunsch nach Salz [nimmt, und ... ] und ein Juwel in der Meinung, es sei Glas [?], (109) so glauben die Törichten nicht, was sie [sogar] in der Hand halten, so wie es sich zeigt; ebenso erkennen die, die deine Gnade nicht haben, das Kaula nicht. (110) Ach, die Macht der Verblendung, die von deiner Māyā hervorgebracht wird: was ist [nur] von den Unwissenden zu sagen, Göttin – sie könnte selbst Unsterbliche betören. (111) Wein getrunken, Fleisch gegessen, das Gesicht der Geliebten angeschaut … dies sei das [rechte] Verhalten und das Rezitieren [?] – [und man erlange] höchsten Rausch [?]. (112) Eine solche Kula-Lehre ist [nur] durch die Güte des Guru zu erlangen; nur deine Verehrer kennen sie, die anderen nicht – sie, die Genuss und Erlösung gibt. (113) Manche [gelten als] „Große“, sind aber ohne Unterweisung durch einen Guru; sie betören alle Menschen, selbst zuvor betört. (114) Manche Törichte, die dem schlechten Wandel ergeben sind, lassen [andere] rezitieren [?]; wie könnte der Herr rein sein, wenn die Diener von solcher Art sind? (115) Viele – Nachäffer des Kula-Dharma mit erfundenem Wissen ihrer Schüler [?] – erdichten ihn nach eigenem Sinn, ohne Überlieferungskette. (116)

Vers 109: erste Halbzeilen im OCR verderbt; „karpūraṃ lavaṇecchayā“ (Kampfer, aus Verlangen nach Salz) und „maṇiṃ kācamanīṣayā“ (Juwel, in der Meinung, es sei Glas) sind lesbar. Vers 112: OCR sehr entstellt; Text nur ungefähr erschlossen [?] (Fußnoten ka ṅa: „khādet“, „kintu vakṣyāmi“ u. a.). Vers 115b: „kathaṃ pūto bhavet svāmī“ nach Fußnote. Vers 116: „śiṣyājñānaviḍambakāḥ“ [?].

madyapānena manujo yadi siddhiṃ labhet vai | madyapānaratāḥ sarve siddhiṃ gacchantu pāmarāḥ ||117|| māṃsabhakṣaṇamātreṇa yadi parā gatir bhavet | loke māṃsāśinaḥ sarve sukhabhājo bhavanti hi ||118|| śaktisambhogamātreṇa yadi mokṣo bhaved vai | sarve 'pi jantavo loke muktāḥ syuḥ strīniṣevanāt ||119|| kulamārgo mahādevi na mayā nindito kvacit | ācārarahitā ye tu ninditās te na cetare ||120|| yathā kaulikadharmasya ācāraḥ kathito mayā | vicaranty anyathā devi mūḍhāḥ paṇḍitamāninaḥ ||121|| khaḍgadhārāgamanād vyāghrakaṇṭhāvalambanāt | bhujaṅgadhāraṇān nūnam aśakyaṃ kulavartanam ||122||

Wenn ein Mensch durch das Trinken von Wein Vollendung (siddhi) erlangte, dann sollten alle Weintrinker, die Toren, Vollendung erreichen. (117) Wenn durch bloßes Fleischessen der höchste Weg [erlangt würde], dann wären alle Fleischesser auf der Welt Teilhaber des Glücks. (118) Wenn durch bloßen Geschlechtsverkehr mit einer Śakti Erlösung einträte, dann wären alle Lebewesen der Welt durch Umgang mit Frauen erlöst. (119) Den Kula-Weg, große Göttin, habe ich nirgends getadelt; getadelt sind [nur] die, die ohne Ācāra (Regel, rechtes Verhalten) sind, nicht die anderen. (120) So wie die Verhaltensregel der Kaulikas von mir gesagt worden ist – anders handeln, Göttin, die Törichten, die sich für Gelehrte halten. (121) Das Wandeln auf einer Schwertschneide, das Hängen am Nacken eines Tigers, das Tragen von Schlangen: gewiss ist [das Leben nach] dem Kula noch schwerer, [nämlich] unmöglich [für Unbefähigte]. (122)

Vers 118: „parā“ [?] (OCR „purā“). Vers 120: „nindito“ statt OCR „nindita“ (Konjektur nach dem Zusammenhang); Aussage: nicht der Kula-Weg, sondern die Regellosen werden getadelt. Vers 121a: OCR verderbt („anyathā kaulikī dharmāc …“); Rekonstruktion „yathā kaulikadharmasya“ [?]. Vers 122a: „khaḍgadhārā-“ aus OCR-Form rekonstruiert; die Aussage ist ein Standardbild für die Schwierigkeit des Kula-Pfades. Die Verse 117–119 sind wörtlich übersetzt.

hālāpānaṃ tu deveśi surāpānaṃ tad ucyate | tan mahāpātakaṃ jñeyaṃ vedādiṣu nirūpitam ||123|| anāghreyam anālokyam asparśyaṃ cāpy apeyakam | madyaṃ māṃsaṃ paśūnāṃ tu kaulikānāṃ mahāphalam ||124|| amedhyāni dvijātīnāṃ madyāny ekādaśaiva tu | paiṣṭī tu mahāmadyaṃ sarveṣām adhamaṃ smṛtam [?] ||125|| surā vai malam annānāṃ pāpmā ca malam ucyate | tasmād brāhmaṇarājanyau vaiśyaś ca na surāṃ pibet ||126|| surādarśanamātreṇa kuryāt sūryāvalokanam | tatsamāghrāṇamātreṇa prāṇāyāmatrayaṃ caret ||127|| ājānubhyāṃ bhaven magno jale copavased ahaḥ | ardhanābhis trirātraṃ tu madyasya sparśane vidhiḥ [?] ||128|| surāpāne kāmakṛte jvalantīṃ tāṃ vinikṣipet | mukhe tayā vinirdagdhe tataḥ śuddhim avāpnuyāt ||129||

Das Trinken von hālā (Branntwein, Wein) heißt Surāpāna (Trinken von Surā), und das gilt als große Todsünde (mahāpātaka), wie es in den Veda[-Texten] und anderswo festgelegt ist. (123) Nicht zu beriechen, nicht anzusehen, nicht zu berühren, nicht zu trinken sind Wein und Fleisch für die Paśus; für die Kaulikas aber [sind sie] von großer Frucht. (124) Elf Arten von Rauschtränken sind für die Zweimalgeborenen unrein; das aus Mehl [gebrannte] (paiṣṭī) [?] aber gilt als der große Rauschtrank, als der schlechteste von allen. (125) Surā ist der Schmutz der Speisen, und Sünde [ebenfalls] heißt Schmutz; darum darf weder ein Brahmane noch ein Kṣatriya noch ein Vaiśya Surā trinken. (126) Schon beim bloßen Anblick von Surā schaue man zur Sonne; beim bloßen Riechen daran führe man dreimal Prāṇāyāma aus. (127) Man stehe bis zu den Knien im Wasser [?] und fasse einen Tag; bei Berührung des Rauschtranks ist die Vorschrift: bis zur halben Nabelhöhe [?] und drei Nächte. (128) Bei absichtlichem Trinken von Surā soll man sie brennend [in den Mund] gießen; ist dadurch der Mund verbrannt, erlangt man danach Reinheit. (129)

Verse 123–129 gehören zur Belehrung über die Paśu-Regeln (dvijāti) und Sühne, die hier als Gegenbeispiel zur Kaula-Praxis stehen. Vers 123a: „hālā“ (Wein) aus OCR-Form „hā“ [?]. Vers 125: OCR stark verderbt; Lesart „paiṣṭī“ [?] sowie Schluss nach Fußnote (ka kha gha ṅa: „sarveṣām adhamaṃ smṛtam“; Haupttext „uttamottamam“ ist im Kontext unmöglich); Zusatzverse in Handschrift kha. Vers 126: die Halbverse c–d entsprechen einer bekannten Sentenz der Smṛti-Literatur (wörtlich als Zitat wiedergegeben). Vers 128: OCR verderbt; „ardhanābhis“ [?] und Ziffern ungefähr.

madyasparśādidoṣasya prāyaścittavidhiḥ smṛtaḥ | avidhānena yo hanyād ātmārthaṃ prāṇinaḥ priye ||130|| nivased narake ghore dināni paśuromabhiḥ | tato 'pi durācāras tiryagyoniṣu jāyate ||131|| anumantā viśasitā nihantā krayavikrayī | saṃskartā copahartā ca khādakaś cāṣṭau ghātakāḥ ||132|| dhanena krayiko hanti khādakaś copabhogataḥ | ghātako vadhabandhābhyām ity eṣa trividho vadhaḥ ||133|| māṃsasandarśanaṃ kṛtvā surādarśanavac caret | tasmād avidhinā māṃsaṃ madyaṃ na sevyate kvacit ||134|| vidhinā sevyate devi tadā tvaṃ prasīdasi | nāśāya syād aparijñānāt satyam eva varānane ||135|| tṛṇaṃ vāpy avidhānena chedayen na kadācana | vidhinā gāṃ dvijaṃ vāpi hatvā pāpair na lipyate ||136||

Für Verfehlungen wie die Berührung von Rauschtrank ist die Sühnevorschrift überliefert. Wer ohne Vorschrift, Liebe, Lebewesen um seiner selbst willen tötet, (130) der wohnt in einer furchtbaren Hölle so viele Tage, wie das Tier Haare hat; danach wird der Übeltäter in Tierschößen geboren. (131) Der Zustimmende, der Zerteiler, der Töter, Käufer und Verkäufer, der Zubereiter, der Zutrager und der Esser: das sind die acht Mörder. (132) Der Käufer tötet durch den Kauf, der Esser durch den Genuss, der Töter durch Schlagen und Fesseln; so ist das Töten dreifach. (133) Hat man Fleisch angeschaut, verfahre man wie beim Anblick von Surā. Daher wird Fleisch und Wein nirgends ohne Vorschrift genossen. (134) Wird es vorschriftsgemäß genossen, Göttin, dann bist du erfreut; aus Nichtwissen aber führt es, wahrlich, ins Verderben, Schönantlitzige [?]. (135) Nicht einmal einen Grashalm soll man ohne Vorschrift abschneiden; vorschriftsgemäß aber wird man, auch wenn man eine Kuh oder einen Brahmanen tötet, nicht von Sünden befleckt. (136)

Vers 130a: „madyasparśādidoṣasya“ nach OCR-Form [?]. Vers 132: Aufzählung der acht „Mörder“ entspricht einer bekannten Smṛti-Sentenz; Lesarten in Fußnoten (ka: „bhoktā“, u. a.). Vers 133a: „dhanena krayiko“ (ṅa: „dhanenānukrayo“ o. ä.). Vers 135: OCR entstellt; „nāśāya syād aparijñānāt“ [?] (Fußnoten geben mehrere Varianten). Vers 136: Die Aussage (bei vorschriftsgemäßer [rituell erlaubter] Tötung kein Sündenmakel) ist im Text so gesagt; wörtlich übersetzt, ohne Wertung.

bahunā kim uktena sāram ekaṃ śṛṇu priye | jīvanmuktisukhopāyaṃ kulaśāstreṣu gopitam ||137|| yan mumukṣoḥ phalaṃ devi kanakasyeva saurabham | kalpyaṃ vikhyātaṃ jñānaṃ tat tad anuttamam [?] ||138|| kulaśāstrāṇi sarvāṇi mayaivoktāni pārvati | pramāṇāni na sandeho na hantavyāni hetubhiḥ ||139|| devatābhyaḥ pitṛbhyaś ca madhu vātā ṛtāyate | svādiṣṭhayā madiṣṭhayā surāṃ sarpir madhūdakam [?] ||140|| hiraṇyapātraṃ [?] svādiṣṭham [?] avaghnan puruṣaṃ paśum | dīkṣām upeyād ityādyāḥ pramāṇaṃ śrutayaḥ priye ||141|| ity etat kathitaṃ kiñcit kulamāhātmyam ambike | samāsena kuleśāni kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ||142|| iti śrīkulārṇave nirvāṇamokṣadvāre mahārahasye sarvāgamottamottame sapādalakṣagranthe pañcame khaṇḍe ūrdhvāmnāyatantre kulamāhātmyakathanaṃ nāma dvitīya ullāsaḥ ||

Was soll das viele Reden – höre das eine Wesentliche, Liebe: das Mittel zum Glück der Erlösung noch im Leben (jīvanmukti), in den Kula-Lehrschriften verborgen. (137) Die Frucht, die der Erlösungssuchende [erstrebt], Göttin, wie der Duft des Goldes [d. h. etwas an sich Unerhörtes] – das gilt als bekanntes Wissen, ist das Höchste [?]. (138) Alle Kula-Lehrschriften sind von mir selbst gesprochen worden, Pārvatī; sie sind maßgebend, daran ist kein Zweifel, und sollen nicht durch Vernunftgründe bekämpft werden. (139) „Für die Götter und Ahnen: Süß weht der Wind gemäß der Ordnung (ṛta); mit dem Süßesten, dem Berauschendsten: Surā, Ghee, Honig und Wasser“ [?] (140); „Goldgefäß, das Süßeste [?], einen Menschen, ein Opfertier schlagend … der soll zur Weihe (dīkṣā) hintreten“ [?] – so lauten die Śruti-Stellen usw., die [hier] als Beweis gelten, Liebe. (141) So ist dir, Mutter, ein Weniges von der Größe des Kula kurz gesagt worden, Herrin des Kula – was willst du noch weiter hören? (142) So endet im ehrwürdigen Kulārṇava, in der „Tür zur Erlösung des Nirvāṇa“, dem großen Geheimnis, dem höchsten aller Āgamas, im Werk von einhundertfünfundzwanzigtausend [Versen], im fünften Abschnitt, im Tantra der aufwärts gerichteten Überlieferung (ūrdhvāmnāya), das zweite Kapitel (ullāsa), genannt „Verkündung der Größe des Kula“. (2)

Vers 138: OCR stark verderbt; Übersetzung unsicher [?] (Fußnoten bieten abweichende Lesungen: „kulajño 'py artham vikhyāto jñānaṃ tantraṃ tad ucyate“ u. a.). Vers 140: Anklang an vedische Strophen (Ṛgveda „madhu vātā ṛtāyate“, „svādiṣṭhayā madiṣṭhayā“); die Fortsetzung ist verderbt [?]; Vers 141 ebenfalls lückenhaft, nur bruchstückhaft lesbar [?]; die Fußnote nennt eine Variante „sadyo rocayatītyādyāḥ“. Kolophon: OCR „sapādalakṣagranthe“ = „im Werk von 125 000 (Versen)“ (sapāda-lakṣa: ein Lakh und ein Viertel); Übersetzung wörtlich; „ūrdhvāmnāyatantre“ nach OCR-Form. Vers 142: die Zählung 1–142 ist im OCR mit Ziffernfehlern durchgehend nach Zählung korrigiert; Text der Verse 1–2: Zeilenverteilung leicht verwischt.

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