Paṭala 14: śrīkulārṇavatantre guruśiṣyaparīkṣākathanaṃ nāma caturdaśa ullāsaḥ
14. Kapitel: Prüfung von Guru und Schüler; die Arten der Einweihung (Dīkṣā)
Quelle: Kulārṇava-Tantra, hg. Tārānātha Vidyāratna (Arthur Avalon), Tantrik Texts Vol. 5, Luzac & Co., London 1917 (archive.org, OCR-Text). Inhalt: Auf Pārvatīs Frage erklärt Śiva, dass es ohne Dīkṣā (Einweihung) keine Erlösung gibt, und beschreibt die Eigenschaften und die Prüfung von Guru und Schüler (Verse 1–31), die drei Weisen der Unterweisung (Ameise, Affe, Vogel) und die siebenfache Dīkṣā: Kriyā, Varṇa, Kalā, Sparśa, Vāg, Dṛk und Mānasa/Vedha (32–70), die Stufen der Salbung (abhiṣeka: samayin, sādhaka, putra, bodhaka, ācārya; 71–77), Wirkungen und Vorrang der Dīkṣā, Aufhebung der Standesunterschiede und Vorschriften zur Zulassung der Stände (78–107). Die OCR-Qualität ist schlecht; viele Halbzeilen sind stark entstellt, unsichere Stellen sind mit [?] und […] markiert, Handschriftenvarianten (ka kha ga gha ṅa) laut Fußnoten in notes erwähnt.
śrīdevy uvāca |
kuleśa śrotum icchāmi parīkṣāṃ guruśiṣyayoḥ | upadeśakramaṃ dīkṣābhedāṃś ca vada me prabho ||1||
īśvara uvāca |
śṛṇu devi pravakṣyāmi yan māṃ tvaṃ paripṛcchasi | tasya śravaṇamātreṇa cittaśuddhiḥ prajāyate ||2||
vinā dīkṣāṃ na mokṣaḥ syāt tad uktaṃ śivaśāsane | sādhanasya pradānād ācārya ity ācāryapada[m …] [?] ||3||
tasmāt siddhāntaṃ samprāpya sampradāyādihetubhiḥ | […] antareṇopadeṣṭāraṃ mantrāḥ syur niṣphalā yataḥ ||4||
devās tam eva śaṃsanti pāramparyapravartakam | guruṃ mantrāgamābhijñam ubhayācārapālakam ||5||
guruḥ śiṣyādhikārārthaṃ virakto 'pi vi[…] | kiñcit kālaṃ vidhāyedaṃ svaśiṣyāya samarpayet ||6||
tasyārpitādhikārasya yogaḥ sākṣāt pare śive | dehāntaḥ śāśvatī muktir iti śaṅkarabhāṣitam ||7||
Die Göttin sprach: Herr der Kula (Kuleśa), ich möchte die Prüfung von Guru und Schüler hören, die Abfolge der Unterweisung und die Arten der Dīkṣā (Einweihung). Sage sie mir, o Herr. (1)
Īśvara (Śiva) sprach: Höre, Göttin, ich will dir sagen, wonach du mich fragst; allein durch das Hören davon entsteht Reinheit des Geistes. (2)
Ohne Dīkṣā gibt es keine Erlösung; so ist es in der Lehre Śivas gesagt. Weil er das Mittel der Verwirklichung (sādhana) gibt, [heißt er] „Ācārya“ [?] (3) Deshalb [soll man], nachdem man die Siddhānta-Lehre und die Überlieferung usw. als Grundlagen erlangt hat, [den Guru prüfen]; denn ohne einen [rechten] Unterweiser sind die Mantras fruchtlos. (4)
Die Götter preisen eben jenen Guru, der die Überlieferungslinie fortführt, der die Mantras und die Āgamas (Offenbarungsschriften) kennt und beide Weisen des Wandels wahrt. (5) Um dem Schüler die Befugnis zu übertragen, soll der Guru, obwohl er der Welt entsagt hat [?], noch einige Zeit dieses [Amt] ausüben und es dann seinem Schüler übergeben. (6) Für ihn, der die Befugnis [so] übergeben hat, gilt: Yoga unmittelbar im höchsten Śiva; mit dem Ende des Körpers dauernde Befreiung – so ist es von Śaṅkara (Śiva) gesagt. (7)
Vers 1: kuleśa/ kaula-Titel; „śrotum icchāmi“ nach OCR-Rest, die Zeile ist im Druck verstümmelt [?]. Vers 3: Halbzeile 3cd im OCR stark entstellt; nur „sādhanasya pradāna… ācārya… padam“ erkennbar, die Ergänzung ist unsicher [?]. Vers 4: die Mitte der Strophe fehlt im OCR (Fußnoten ga/gha: „siddhāntam āsādya“); [gurum parīkṣeta] o. ä. wäre sinngemäß, steht aber nicht im Text. Vers 6: „vi[…]“ verstümmelt; „virakto ’pi“ (obwohl entsagt) ist unsicher [?]; „idam“ = wohl das Guru-Amt. Vers 7: Lesart „arpitādhikārasya“ (dem, der die Befugnis übergeben hat) nach OCR-Form; die Handschriften ga/gha lesen „tasyāpy anadhikārasya“, ṅa „tasyāpi nādhikārasya“ (dann: „auch für den, der [dafür] nicht befugt ist“) – die gewählte Lesart ergibt den besseren Zusammenhang mit Vers 6. „Kula“ = Gesamtheit/Familie der Śakti-Tradition. Zählung: in der OCR trägt Vers 3 die Ziffer 2.
tasmāt sarvaprayatnena sākṣāt paraśivoditam | sampradāyam avicchinnaṃ sadā kuryād guruḥ priye ||8||
śaktisiddhisusiddhyarthaṃ parīkṣya vidhivad guruḥ | paścād upadiśen mantram anyathā niṣphalaṃ bhavet ||9||
anyāyena tu yo dadyād gṛhṇāty anyāyataś ca yaḥ | dadato gṛhṇato devi kulaśāpo bhaviṣyati ||10||
guruśiṣyāv ubhau mohād aparīkṣya parasparam | upadeśaṃ dadad gṛhṇan prāpnutāṃ piśācatām ||11||
aśāstrīyopadeśaṃ ca yo gṛhṇāti dadāti ca | bhajete tāv ubhau ghorān narakān ekaviṃśatim ||12||
asaṃskṛtopadeśaṃ ca yaḥ karoti sa pātakī | vinaśyati ca tanmantraṃ saikate śālibījavat ||13||
anarhaṃ mantravijñānaṃ na tiṣṭhati kadācana | tasmāt parīkṣya kartavyam anyathā niṣphalaṃ bhavet ||14||
kṛtvā samayadīkṣāṃ ca dattvā samayapādukām | sannidhāyātmanaḥ śiṣyaṃ vaden mantraṃ na cānyathā ||15||
Darum soll der Guru mit aller Anstrengung, meine Liebe, die unmittelbar vom höchsten Śiva verkündete, ununterbrochene Überlieferung (sampradāya) stets fortführen. (8) Um die Vollendung der Śakti (Kraft) und die gute Verwirklichung zu sichern, soll der Guru [den Schüler] vorschriftsgemäß prüfen und erst danach das Mantra lehren; sonst bleibt es fruchtlos. (9)
Wer unrechtmäßig gibt, und wer unrechtmäßig annimmt – über den Gebenden und den Nehmenden, Göttin, wird der Fluch der Kula kommen. (10) Wenn Guru und Schüler beide aus Verblendung einander nicht geprüft haben und Unterweisung geben und empfangen, so mögen sie das Pišāca-Dasein (Dämonenzustand) erlangen. (11) Wer eine nicht schriftgemäße Unterweisung empfängt oder gibt – beide gehen in die schrecklichen einundzwanzig Höllen [?]. (12) Wer eine Unterweisung ohne vorherige Weihe (saṃskāra) gibt, ist ein Sünder; und sein Mantra geht zugrunde wie Reissamen im Sand. (13) Mantra-Wissen, das für einen Unwürdigen bestimmt ist, hält niemals stand; daher muss man [den Schüler] prüfen, sonst ist es fruchtlos. (14)
Nachdem man die Samaya-Dīkṣā (Einweihung in die Verpflichtungen) vollzogen und die „Samaya-Sandalen“ [?] gegeben hat, soll man den Schüler in seine Nähe nehmen und ihm das Mantra sagen, nicht anders. (15)
Vers 10ab: OCR „gṛhṇāl nyāyataś ca yaḥ“, gelesen „gṛhṇāty anyāyataś ca yaḥ“ [?]. Vers 12b: OCR „bhajñāte“, gelesen „bhajete“ [?] (alternativ „bhrasyete“ – die beiden versinken). Vers 13: ṅa liest „parīkṣya vakṣyate mantraṃ saikataṃ śālibījavat“. Vers 15: die zweite Hälfte fehlt in manchen Handschriften (Fußnote: „ka ga gha ṅa: dieser Halbvers findet sich in den Büchern nicht“); „samayapādukā“ unklar (Sandalen/ Fußspuren des Gurus als Zeichen der Verpflichtung?) [?]; ṅa liest „saṃvidhāyātmanaḥ“.
sacchiṣyāyātibhaktāya yaj jñānam upadiśyate | taj jñānaṃ tat tu śāstrārthaṃ tad vidyād amṛtaṃ [?] ||16||
asacchiṣyeṣv abhakteṣu yaj jñānam upadiśyate | tat prayāty apavitratvaṃ gokṣīraṃ śvadṛtād iva ||17||
dhanecchābhayalobhādyair ayogyaṃ yadi dīkṣayet | devatāśāpam āpnoti kṛtaṃ ca niṣphalaṃ bhavet ||18||
jñānena kriyayā vāpi guruḥ śiṣyaṃ parīkṣayet | saṃvatsaraṃ tadardhaṃ vā tadardhaṃ vā prayatnataḥ ||19||
uttamāṃ sādhane kuryān [nīcāṃ ca] anuttame karmaṇi [?] | prāpyadravyapradānādyair ādeśaiś ca samāsamaiḥ ||20||
tatkarmasūcakair vākyaiḥ kleśāyāsaiḥ krūraceṣṭitaiḥ | pakṣapātair udāsīnair anekaiḥ […] syuḥ [?] ||21||
ākṛṣṭas tāḍito vāpi yo viṣādaṃ na yāti ca | guruḥ kṛpāṃ karotīti mudā saṃcintayet sadā ||22||
yad guroḥ smaraṇe cāpi kīrtane darśane 'pi ca | vandane paricaryāyām āhvāne preṣaṇe priye ||23||
tadānandakampa☐romāñcasvaranetrādivikriyāḥ | yeṣāṃ syus te 'tra yogyāḥ syur dīkṣāsaṃskārakarmaṇi [?] ||24||
Das Wissen, das einem guten, sehr ergebenen Schüler gelehrt wird – dieses Wissen, das der Sinn der Schrift ist, das erkenne als Unsterblichkeit [Gebendes] [?]. (16) Das Wissen aber, das schlechten, nicht ergebenen Schülern gelehrt wird, wird unrein, wie Kuhmilch in einem Hundefell(schlauch). (17) Wenn man aus Geldgier, Furcht, Habsucht usw. einen Ungeeigneten einweiht, erlangt man den Fluch der Gottheit, und das Getane wird fruchtlos. (18)
Der Guru soll den Schüler durch Wissen oder durch Handeln prüfen, mit Sorgfalt ein Jahr, oder ein halbes, oder wieder die Hälfte davon. (19) [Er soll ihn] im höchsten [Bereich] der Übung [und im geringeren Werk auf die Probe stellen (?)] durch Übergabe von Gütern und dergleichen und durch Aufträge, angenehme wie unangenehme. (20) Durch Worte, die auf jene Handlung hindeuten, durch Mühsal und Anstrengung, durch scheinbar grausames Verhalten, durch Parteilichkeit, durch Gleichgültigkeit und vielerlei [andere Mittel …] [?]. (21) Wer, beschimpft oder geschlagen, nicht verzagt, sondern froh stets denkt: „Der Guru erweist mir Gnade“ – (22)
wem beim Gedenken an den Guru, beim Preisen, beim Anblick, beim Verehren, beim Dienen, beim Gerufenwerden und beim Ausgesandtwerden, Liebe, (23) dann Wonne, Zittern, Gänsehaut und Veränderungen der Stimme, der Augen usw. auftreten – diese sind hier für das Werk der Dīkṣā-Weihe geeignet [?]. (24)
Vers 16: OCR „tajjñānaṃ tattu śāstrārthaṃ tadvidyādamṛtam“, Sinn und Bezug von „amṛtam“ unsicher [?]. Vers 17: „śvadṛta“ = Schlauch aus Hundefell (Standardbild für Verunreinigung). Vers 20: OCR stark entstellt; Fußnote ṅa: „prāpyadravyapradānādyair ādeśaiś ca samāsamaiḥ“ (Übergabe von zu erlangenden Gütern, Aufträge, gleich/ungleich [angenehm/unangenehm]); Halbzeile a nur sinngemäß, [?]. Vers 21: OCR verstümmelt; „kleśāyāsaiḥ“ nach Fußnote (kha „…ālasyaiḥ“ – Faulheit) ungewiss; Schluss („… syuḥ“) fehlt. Vers 23: die zweite Zeile trägt im OCR die Ziffer 22 (Zählfehler); Vers 24: „yeṣāṃ syus te“ ergänzt nach Fußnote (ṅa „yogyāḥ syuḥ“); die Halbzeile ist im OCR sehr entstellt [?]. Zwischen Vers 23 und 24 ist die Zählung so korrigiert, dass 24 das vierte Doppel ist.
śiṣyo 'pi lakṣaṇair etaiḥ kuryād guruparīkṣaṇam | ānandādyair japastotradhyānadevārcanādiṣu ||25||
jñānopadeśasāmarthyaṃ mantrasiddhim apīśvari | vedhakatvaṃ parijñāya śiṣyo bhūyān na cānyathā ||26||
ādimadhyāvasāneṣu yogyāḥ śaktinipātitāḥ | adhamā madhyamāḥ śreṣṭhāḥ śiṣyā devi prakīrtitāḥ ||27||
ādau bhaktir bhaved devi dīkṣārthaṃ samud[…] [?] | punar vihvalahṛṣṭās te ādiyogyā itīritāḥ ||28||
dīkṣāsamayasamprāptā jñānavijñānavarjitāḥ | bhaktyā pradhvastaparyāyā madhyayogyāś ca te smṛtāḥ ||29||
ādau bhaktivihīnā ye madhyabhaktās tu ye narāḥ | ante prabhūtabhaktāś ca antayogyā bhavanti te | uttamāntānasaṃjñāś cety upadeśas tridhā priye ||30||
yathā pipīlikā mandaṃ mandaṃ vṛkṣāgragaṃ phalam | cireṇāpnoti kramaśa upadeśo 'pi tathā smṛtaḥ ||31||
Auch der Schüler soll an diesen Merkmalen den Guru prüfen: an Wonne usw. beim Mantra-Murmeln (japa), Lobpreis, Meditation, Gottesverehrung und dergleichen; (25) und, Herrin, nachdem er die Fähigkeit zur Unterweisung im Wissen, die Mantra-Vollendung und die „durchbohrende“ Kraft (vedhakatva) des [Gurus] erkannt hat, soll der Schüler [ihm folgen], nicht anders. (26)
Die Geeigneten, in denen die Śakti-Herabkunft (śaktipāta) geschieht – am Anfang, in der Mitte, am Ende –, werden als niedrige, mittlere und beste Schüler bezeichnet, Göttin. (27) Bei wem zuerst Hingabe entsteht, Göttin, wenn es um die Einweihung geht [?], und dann wiederum Überwältigung und Freude – die heißen „Früh-Geeignete“. (28) Die, welche zur Zeit der Einweihung [dazu] gekommen sind, ohne Wissen (jñāna) und Erfahrungswissen (vijñāna), deren [früherer Wandel] durch Hingabe zerstört ist [?] – diese gelten als „Mittel-Geeignete“. (29) Männer, die anfangs ohne Hingabe sind, in der Mitte [nur] mittlere Hingabe haben, am Ende aber sehr große Hingabe – sie sind „Spät-Geeignete“. Damit ist die Unterweisung, meine Liebe, dreifach: die beste, [mittlere,] letzte [?]. (30)
Wie eine Ameise langsam, ganz langsam zur Frucht in der Baumspitze gelangt und sie erst nach langer Zeit erreicht, so gilt auch die Unterweisung [der stufenweisen Art] (kramopadeśa). (31)
Vers 26: „bhūyān“ (er soll ... werden) unsicher; Fußnote ṅa „bodhakatvam“ statt „vedhakatvam“ (Lehrfähigkeit statt durchdringende Kraft). Vers 28: „samud[…]“ im OCR entstellt [?]; Fußnote kha/ṅa „punar vihvalahṛṣṭās te“. Vers 29: Fußnoten kha „pradhvastavīryā ye“, ṅa „pradhvastadhiyo“ (deren Verstand/Kraft zerstört); die Halbzeile unsicher [?]. Vers 29b: ṅa „jñānājñānavivarjitāḥ“. Vers 30: im Druck drei Halbzeilen unter einer Nummer; die dritte Halbzeile (Dreiteilung ‚uttama-, madhya-, anta‘) ist entstellt [?]. Die drei Unterweisungsarten folgen in 31–33 (Ameise, Affe, Vogel).
Wie ein Affe von Ast zu Ast springend mit Mühe die Frucht erreicht, so ist, meine Liebe, die „Sprung“-Unterweisung (plutopadeśa) [?]. (32) Wie ein Vogel (wörtl.: „Himmelsgänger“) schnell gerade auf der Frucht sitzt, so wird die Unterweisung im Wissen [in der schnellen Weise] genannt, Herrin der Kula. (33) Die Dīkṣā ist, Göttin, dreifach: „Berührung“ (sparśa), „Blick“ (dṛk) und „Geistes-“ (mānasa) genannt, frei von äußerem Handeln und Anstrengung. (34)
Wie ein Vogel mit seinen Flügeln seine Jungen langsam großzieht, so ist die Unterweisung der Berührungs-Dīkṣā, meine Liebe. (35) Wie ein Fisch seine Nachkommen allein durch Anblicken nährt, so, höchste Herrin, ist die Unterweisung der Blick-Dīkṣā. (36) Wie eine Schildkröte ihre Jungen allein durch Nachsinnen nährt, so ist die Unterweisung der Vedha-Dīkṣā, die geistig (mānasa) ist. (37) Je nach dem Herabkommen der Śakti wird der Schüler der Gnade würdig; wo die Śakti nicht herabkommt, entsteht keine Vollendung (siddhi). (38)
Die Dīkṣā, die Erlösung gibt, ist nach den Bezeichnungen Kriyā, Varṇa, Kalā, Sparśa, Vāg, Dṛk und Mānasa siebenfach benannt, Göttin. (39) [Noch andere Benennungen:] Samayā, Viśeṣā, Sādhikā, „Putrikā“ genannt, Vedhakā, „Pūrṇā“ genannt, […], „Dṛk“ genannt, Ācāryā und „Nirvāṇā“ [?]. (40)
Vers 32: Zeile a nach OCR „yathā kapiś ca śākhāyāḥ śākhām ullaṅghya yatnataḥ“ (ka: „śākhāyāṃ“); Zeile b im OCR stark entstellt („dhanyasya copadeśas“) – „plutopadeśa“ ist Rekonstruktion nach dem Bild (Affe springt) [?]. Vers 33: „viyadgama“ = Vogel. Die drei Bilder (Ameise 31, Affe 32, Vogel 33) entsprechen den drei Unterweisungsweisen (schrittweise, sprunghaft, unmittelbar); die Namen sind im Text nicht genannt. Vers 35: Fußnote kha „śaktimān“ etc. nicht verwertbar. Vers 37: „vedhadīkṣā“ hier = mānasa-dīkṣā. Vers 38: OCR-Zählung 28 (Zählfehler; nach Folge 38). Vers 39: Lesart aus der OCR-Form „…sparśavāgdṛṅmānasasaṃjñayā“ rekonstruiert; die Fußnoten (kha, ṅa) sind unlesbar. Vers 40: OCR sehr entstellt; die Liste (offenbar acht Namen, obwohl 39 „siebenfach“ sagt) ist unsicher [?]; „nirvāṇa“ am Ende nach OCR-Rest.
Die Kriyā-Dīkṣā („Ritual-Einweihung“) wird als achtfach [?] bezeichnet; sie hat Feuergrube (kuṇḍa) und Ritualhalle (maṇḍapa) voran, ist mit Krügen (kalaśa) usw. ausgestattet und ist vom Guru äußerlich zu vollziehen. Herr der Götter, […] nach Vorschrift soll man [sie] ausführen [?]. (41)
Die Varṇa-Dīkṣā („Buchstaben-Einweihung“) wird als zweifach bezeichnet […] [?]: mit den fünfzig Buchstaben, Göttin, und mit zweimal sechs [?] Schriftzeichen ebenso. (42) Man setzt die Buchstaben (varṇa) in den Körper des Schülers ein und zieht sie in umgekehrter Reihenfolge wieder ein; [dann] der Guru […], nachdem er sie mit dem Bewusstsein (caitanya) verbunden hat, meine Liebe [?]. (43) Danach bringt man diese Buchstaben wieder hervor, setzt sie erneut in den Körper des Schülers und verbindet sie nach der Regel in der Reihenfolge der Schöpfung mit dem Bewusstsein. (44) Es entsteht im „Kind“ (dem Schüler) der Zustand der Gottheit, voll höchster Wonne. Diese aus Buchstaben bestehende Dīkṣā, die die Fesseln (pāśa) nimmt, ist [so] beschrieben, meine Liebe. (45)
Die Kalā-Dīkṣā („Teil-Einweihung“) ist [nach den Teilen] zu verstehen und vorschriftsmäßig zu vollziehen, meine Liebe: Die Nivṛtti[-kalā] erstreckt sich von der Fußsohle an bis zum Knie. (46) Von den Knien bis zum Nabel steht die Pratiṣṭhā, meine Liebe. Vom Nabel bis zum Hals verbreitet ist die Vidyā; danach folgt die Śānti. (47) Vom Hals bis zur Stirn ausgedehnt [ist Śānti], und von dort bis zum Scheitel [erstreckt sich] diese Śāntyatītā-Kalā („die über die Śānti hinaus“). So heißt die Ausdehnung der Kalās. (48)
Vers 41: Zeile a „aṣṭadhā“ (achtfach) nach OCR-Form „…dīkṣāṣṭadhā“ [?]; Zeile c im OCR unlesbar (nur „deveśi … vidhinā caret“ [?]). Vers 42: Zeilen a und b nur teilweise lesbar; „dviṣaḍ-lipi“ wörtl. „zweimal sechs Schriften“ [?]; Fußnote ṅa „stuḥ“ nicht verwertbar. Vers 43: die zweite Halbzeile ist entstellt; die Vorgangsfolge (Einsetzen – Rückwärts-Einziehen – Wiederhervorbringen in Schöpfungsreihenfolge) ergibt sich aus 43–44. Vers 46: der Kalā-Abschnitt nennt fünf Kalās (Nivṛtti, Pratiṣṭhā, Vidyā, Śānti, Śāntyatītā), obwohl „tridhā“ (dreifach) im OCR steht [?]; „talād“ = von der Sohle (nach Fußnote kha „nivṛtti-jānu-…“). Vers 47: die OCR hat die Strophenziffer entstellt. Vers 48: „śāntyatītā“ nach dem Standardsystem der fünf Kalās.
Durch die Abfolge der Einziehung (saṃhāra) von Stelle zu Stelle, meine Liebe, verbindet man vorschriftsgemäß und richtig [die Kalās miteinander] bis zum Scheitel [?]. (49) Diese, Herrin der Kula, wird als die bezeichnet, die den göttlichen Zustand (divyabhāva) verleiht – mit den achtunddreißig Kalās oder auch mit den fünfzig. (50) Genau in der Reihenfolge des Einsetzens (nyāsa) jener, auf dem Weg von Schöpfung und Einziehung, […] nach [den Worten] aus dem Mund des Gurus, Göttin, soll man [sie] mit dem Schüler verbinden und ihn „durchbohren“ (vedhayet). (51) Es entsteht der Zustand der Gottheit und die Vereinigung mit Yoginīs und Vīras. Diese Kalā-Dīkṣā ist so dargelegt; sie nimmt die Fesseln des Paśu (des gebundenen Wesens) fort. (52)
Wenn der Guru Śiva in der Hand vergegenwärtigt hat, soll er das Mūla[-Mantra], die Aṅga-[Mantras] und die Mālinī murmeln; er berührt den Körper seines eigenen Schülers – das ist die Sparśa-Dīkṣā („Berührung“). (53) Wer den Geist auf die Wirklichkeit gesammelt hat und die durch das höchste Prinzip genährten, [im Geist] zusammengezogenen Mantras herausholt [ausspricht], von dem heißt es: Vāg-Dīkṣā („Wort-Einweihung“). (54) [Wenn der Guru] die Augen [des Schülers] vergegenwärtigt hat und, klaren Sinnes im höchsten Prinzip, den Schüler gut anblickt, dann ist es die Dṛk-Dīkṣā („Blick“), meine Liebe. (55) [Wenn] durch [Anblick,] Rede oder auch Berührung [des Gurus] Wissen entsteht, gilt diese Dīkṣā als „śāmbhavī“ (von Śambhu). (56)
Vers 49: „vidhikartā“ und der Vers insgesamt unsicher [?]. Vers 50: „aṣṭatriṃśat“ (38) und „pañcāśat“ (50) Kalās nach OCR. Vers 51a: unlesbarer Rest; die Zählung im Druck ist hier verrutscht (der OCR-Text trägt zweimal 52; Zählung nach Folge: 53 statt 52 für die Sparśa-Strophe). Vers 53: „hasta-śivaṃ“ – Zeile a nach Fußnote kha „haste śivapuraṃ“ unsicher [?]; „mūlāṅgamālinīm“: Mūla-, Aṅga-Mantras und Mālinī(-Reihe) nach OCR-Form. Vers 54: OCR-Fußnote ṅa „cittaṃ tattvot…“ unvollständig; Bedeutung von „uddharet saṃhṛtān mantrān“ wörtlich [?]. Vers 55: Halbzeile a stark verstümmelt, der Anfang fehlt [?]. Vers 56: Zeile a verstümmelt; „śāmbhavī“: von Śambhu (Śiva) herrührend.
Die Mānasa-Dīkṣā („geistige Einweihung“) ist zweifach: die „heftige“ (tīvrā) und die noch „heftigere“ (tīvratarā). Man hat die sechsfache Bahn (adhvan) erkannt und, meine Liebe, im Körper des Schülers [sie] vergegenwärtigt: (57) man stelle sich Welt(-stufe) (bhuvana), Wesensprinzip (tattva), Teil (kalā), Buchstaben (varṇa), Wort (pada) und Mantra (manu) [im Schüler] vor – vom Knie an, [dann] Nabel, Herz, Hals, Gaumen bis zum Ende […] Einweihung […], Mutter [?]. (58) Auf dem vom Guru gelehrten Weg soll der Kundige die „Durchbohrung“ (vedha) vollziehen; von Sünde befreit, ist der Schüler dann augenblicklich mit durchtrennten Fesseln. Diese Erlösung gebende Dīkṣā wird als die „heftige“ (tīvra) bezeichnet, Herrin der Kula. (59)
Und die noch heftigere, Göttin: wenn der Schüler allein durch bloßes Gedenken des Gurus vollständig „durchbohrt“ ist, dann sind seine Fesseln durchtrennt. (60) Frei von äußerem Tun fällt er sofort zu Boden. Dann ist er bei Bewusstsein [?], hat den göttlichen Zustand (divyabhāva) und kennt sich selbst, Śāmbhavī [?]. (61) Was zur Zeit der Durchbohrung ist, erfährt man von selbst; wenn man erwacht ist, kann man dieses Glück nicht aussprechen, Herrin. (62) Von der Durchbohrung getroffen, wird man leibhaftig Śiva, nicht mehr der Wiedergeburt teilhaftig. Diese noch heftigere Dīkṣā löst aus den Fesseln des Werdens und gibt unmittelbar Śiva-Sein; das schwöre ich dir, Herrin der Kula. (63)
Vers 57: Reihenfolge und Sinn des zweiten Halbverses („adhvānaṃ ṣaḍvidhaṃ … smaran“) nach OCR. Vers 58: Zeile a „kalpayed“ aus entstelltem OCR-Wort rekonstruiert [?]; die sechs Adhvans (bhuvana, tattva, kalā, varṇa, pada, manu[=mantra]) ergeben sich klar; Zeile b („ājānu- … tālu-“) ist stark entstellt und nur sinngemäß gedeutet [?]. Vers 59: im Druck drei Halbzeilen unter einer Nummer (die Fußnote „ka, ga: dieser Halbvers ist in den Büchern nicht vorhanden“ bezieht sich auf 63); ṅa liest „pāpaśaktaḥ“ statt „pāpamuktaḥ“. Vers 60: Fußnote ṅa „dhāraṇāt“ (?) [?]. Vers 61: Zeile b im OCR stark entstellt; „sacetanas“, „svaṃ jānāti“ unsicher [?]. Vers 62: ṅa: „prabuddhaḥ sahasā śiṣyas tatsaukhyaṃ vaktum īśvari“. Vers 63: Fußnoten kha/ṅa „na punar janmatāṃ vrajet“; dreizeilig im Druck (nach Fußnote fehlt in ka und ga der Abschnitt bis „bhavet“ (Halbvers)).
Wonne (ānanda), Zittern (kampa), Aufwallen (udbhava), Taumel (ghūrṇa), Schlaf (nidrā) und Ohnmacht (mūrcchā) – dies werden die sechs Zustände der Durchbohrung genannt, Herrin der Kula. (64) Diese sechs Eigenschaften sind zur Zeit der Durchbohrung zu sehen, Herrin der Kula. Wer durchbohrt ist, ist, wo immer er auch weilt, befreit; daran ist kein Zweifel. (65)
Ein Guru, der Vedha-Dīkṣā in der Welt gibt, ist selten, meine Liebe; auch ein solcher Schüler ist selten und wird nur durch [Fügung] von Verdienst gefunden. „Man gebe sie nicht an irgendwen“ – das ist das Gebot, höchste Herrin. (66)
Wenn man mit Kula-Substanzen (kuladravya) das Kula-Rad (kulacakra) nach der Vorschrift verehrt hat, soll man es dem Schüler zeigen, Göttin; diese Dīkṣā gilt als die kaulische (kaulikī). (67) Wenn man [dem Schüler] Kula-Substanz in den Mund gefüllt hat, versehen mit den fünf Kuh-Erzeugnissen (pañcagavya) und Butterschmalz, soll der Guru den Schüler übergießen; [diese] Dīkṣā ist [so] beschrieben. (68) Mit [Wasser?], das lebende Fische enthält und mit Wein (surā) gefüllt ist, [oder] mit einer wohlgefüllten Muschel oder einem Krug soll man dann die Salbung/Übergießung (abhiṣeka) vollziehen; das wird die äußere genannt, meine Liebe. (69) [Das Gefäß mit] … , Göttin, heißt „Vajra-Krug“ (vajrakalaśa); mit diesem, gefüllt mit den fünf Kuh-Erzeugnissen und Butterschmalz, soll man den Schüler übergießen. (70)
Vers 64: die sechs Zustände als Liste nach OCR; „udbhava“ (Aufwallen) und „mūrcchā“ (Ohnmacht) etwas unsicher. Vers 65: „ṣaḍ guṇā“ nach OCR-Form [?]. Vers 66: im Druck drei Zeilen unter einer Nummer. Vers 67: „Kuladravya“ (Kula-Substanzen) bezeichnet in diesem Textkreis die ritualisierten Genussmittel; wörtlich wiedergegeben. Vers 68: der Name der Dīkṣā („…-dīkṣā“, OCR „gaḍughākhyā“) ist entstellt und nicht lesbar [?]. Vers 69: vier Halbzeilen unter einer Nummer; „sajīva-mīna“ (mit lebenden Fischen) nach den Fußnoten (kha „sañjīva“, ṅa „sabīja“). Vers 70: Halbzeile a stark entstellt; „lambikā“ (Gaumenzäpfchen? Gefäßteil?) unsicher [?]; Fußnote kha „pañcavyomā-“ nicht sinnvoll.
ayaṃ siddhābhiṣekaḥ syād ācāryasyāpi pārvati | trikālaṃ dantakāṣṭhaṃ puṣpāñjalir api priye ||71||
[…] vedakalānyarthas taj jñānaṃ cāṣṭadhā bhavet [?] | samayī dantakāṣṭhena sādhakaḥ kusumāñjaliḥ ||72||
putraḥ śaṅkhābhiṣekeṇa bodhako vedhasaṃjñayā | pūrṇābhiṣekeṇācāryaḥ pañcāvasthāḥ prakīrtitāḥ ||73||
kulācārakathāniratā gurubhaktā dṛḍhavratāḥ | pūrṇābhiṣekapūtā ye te muktāś ca janmani ||74||
pūrṇābhiṣekapūtā ye smṛtāś ca kulanāyike | […] uttamajanmānaḥ guruṇā śivarūpiṇā [?] ||75||
śraddhayā pūrṇābhiṣekeṇa śivasāyujyadāyinā | tena muktiṃ vrajeyus te śāmbhavo vācam abravīt [?] ||76||
pūrṇa[dīkṣā]bhiṣekahīno yaḥ kaulikaḥ mriyate yadi | piśācatvam avāpnoti yāvad ābhūtasaṃplavam ||77||
Dies ist die „Siddha-Salbung“ (siddhābhiṣeka), die auch dem Ācārya zukommt, Pārvatī; ebenso dreimal [täglich] der Zahnputzzweig (dantakāṣṭha) und die Blumenspende (puṣpāñjali), meine Liebe. (71) […] [?]. Der Samayin [erhält] den Zahnputzzweig, der Sādhaka die Handvoll Blumen; (72) der „Sohn“ (putra) die Muschel-Salbung (śaṅkhābhiṣeka), der Bodhaka („Erwecker“) [die Salbung] mit dem Namen „Vedha“, der Ācārya die volle Salbung (pūrṇābhiṣeka); [so] werden fünf Stufen (avasthā) verkündet. (73)
Die, die der Rede vom Kula-Wandel (kulācāra) ergeben, dem Guru zugetan und fest in ihren Gelübden sind und die durch die volle Salbung gereinigt sind, die sind noch in diesem Leben erlöst. (74) Die durch die volle Salbung Gereinigten und die [so] Angesehenen, Herrin der Kula, [...] die eine höchste Geburt erlangt haben durch den Guru, der Śiva-Gestalt hat, [?] (75) mit Glauben durch die volle Salbung, die Śiva-Einswerdung (sāyujya) gibt – dadurch mögen sie zur Erlösung gelangen, so sprach Śambhu [?] das Wort. (76) Ein Kaula, der ohne die volle Weihe-Salbung stirbt, erlangt das Pišāca-Dasein bis zur Auflösung aller Wesen. (77)
Vers 71: „siddhābhiṣeka“ nach OCR; „dantakāṣṭha“ (Zahnputzholz) und „puṣpāñjali“ (zwei hohle Hände voll Blumen) als Weihe-Gaben der Stufen. Vers 72: Halbzeile a im OCR unlesbar [?]; Halbzeile b klar: samayī – dantakāṣṭha, sādhaka – kusumāñjali. Vers 73: die fünf Stufen samayin, sādhaka, putra, bodhaka, ācārya; „vedhasaṃjñayā“ nach Fußnote ka/ga/gha/ṅa „bodhakaṃ sañjalena ca“ unsicher. Vers 74: ṅa „kulācāreṇa“, „karmaṇi“. Vers 75: Zeile b OCR-entstellt [?]. Vers 76b: „śāmbhavo vācam abravīt“ nach OCR; unsicher [?]. Vers 77: „pūrṇa[dīkṣā]abhiṣeka“ nach OCR mit ergänzten Klammern; ṅa „ābhūtasaṃplavam“ (bis zur Auflösung der Wesen).
Die Dīkṣā wird als zweifach bezeichnet, nach äußerer und innerer Art: Die Kriyā-Dīkṣā ist die erste [äußere], die Vedha genannte gilt als die innere. (78) Die Reinheit ist zweifach dargelegt: innere Reinheit und äußere Reinheit. Die innere aber [ist] Reinheit durch Handlung (kriyā), die äußere [Reinheit] durch die Dīkṣā [?]. (79) Durch die Dīkṣā, die Erlöserin [wörtl. „das Erlösungslicht“?] [?], wird sogar ein Caṇḍāla befreit. Ohne diese beiden, Herrin der Kula, wird ein Kaula nicht befreit. (80) Weder des Körpers noch der Handlung [wegen] entsteht [ohne sie] eine [rituelle] Weihe (saṃskāra); man soll für sich selbst die Dīkṣā [samt] Sitz usw., die Werke der Kula, vollziehen lassen [?]. (81) Die Dīkṣā, Göttin, ist [wie] Gottheit und Werk gleich, [doch] verschieden und lehrend [?]; [sie geschieht] durch die Verbindung von bestem Lehrer und Schüler. (82)
Wie man durch Mantras und Heilmittel die Kraft eines Giftes vernichtet, Herrin der Kula, so durchtrennt der Mantra-Kundige durch die Dīkṣā augenblicklich die Fessel des Paśu. (83) Aus dieser weit ausgedehnten Fessel, die den Zustand des Paśu (des gebundenen Wesens) bindet, löst allein die Dīkṣā, und führt schließlich zur göttlichen Stätte. (84) Hunderttausende von Nebensünden (upapātaka) und Millionen von Hauptsünden (mahāpātaka) verbrennt sie augenblicklich, Herr der Götter – die Dīkṣā, wenn sie regelrecht vollzogen wird. (85) Die [Dīkṣā], durch die die gebundenen Wesen (paśu), deren Selbst sich geöffnet hat, zu Śivas werden – sie heißt, Göttin, die Fessel-des-Paśu-Löserin. (86)
Vers 79: die Zuordnung der Zeile 79cd scheint der von 78 (kriyā = äußerlich) zu widersprechen; im OCR steht „antarā ca kriyāśuddhi…“; Lesung unsicher [?]. Vers 80: „mokṣadīpena“ aus „mokṣadopena“ (OCR) rekonstruiert, Fußnoten ka „dīkṣeyena tu“, ga „dīkṣyā“, gha „dīkṣīyatā“; unsicher [?]; Zeile b: „ābhyāṃ vinā“ ohne diese beiden (innere und äußere Reinheit). Vers 81: OCR stark entstellt, Fußnoten kha „na jātena ca karmaṇā“, ṅa „na jātir na ca karmaṇaḥ“ (weder Geburt noch Tat); die Zeile 81cd ist unsicher [?]. Vers 82: Halbzeile a nur teilweise lesbar, Deutung unsicher [?]. Vers 83: „viṣaśakti“ = Giftkraft. Vers 84: Fußnoten ka: „pratitatād bandhāt … bodhanāt“, kha „paśusaṃsthānabandhanāt“ (gewählt), ṅa „…paśumukhyānabodhanāt“. Vers 85–86: „upapātaka“, „mahāpātaka“: Neben- bzw. Hauptsünden.
Die [Dīkṣā], durch die schon beim Eingeweihtwerden Überzeugungen (pratyaya) [bzw. Erfahrungen] entstehen, meine Liebe – diese Dīkṣā ist als erlösend zu erkennen; die übrigen dienen [nur] den Leuten. (87) Die Dīkṣā, ohne die selbst durch hundertfache Verehrung (upāsanā) niemand Vollendung erlangt, – zu dieser soll man sorgfältig Zuflucht nehmen, wenn man Glück wünscht, meine Liebe [?]. (88) Wie Eisen, das vom „Herrn der Säfte“ (Quecksilber, rasendra) durchdrungen (viddha) wurde, zu Gold wird, so, meine Liebe, erlangt das von der Dīkṣā durchdrungene Selbst Śiva-Sein. (89) Dessen Taten sind im Feuer der Dīkṣā verbrannt, die Fessel durch Māyā zerschnitten; er ist zur höchsten Gründung im Wissen (jñāna-niṣṭhā) gelangt und wird samenlos (nirbīja) – Śiva. (90) Dem Śūdra ist das Śūdra-Sein vergangen, dem Brahmanen auch das Brahmanen-Sein: Bei einem, der mit der Dīkṣā-Weihe (saṃskāra) ausgestattet ist, besteht kein Unterschied der Herkunft (jāti). (91)
Wer im Śiva-Liṅga [nur] einen Stein sieht [und diesen Gedanken aufgibt?] – die [Menge an] Sünde [?]; auch ein Eingeweihter erlangt jene Sünde, wenn er sich [an seinen früheren Zustand] erinnert [?]. (92) […] (Holz?, Asche, Erde?, Eisen?) …, was nach Herkunft und Merkmal [des Standes] verboten ist [?]; wie gesagt wird, so sind alle Stände, wenn sie eingeweiht sind, rein. (93) Durch dessen bloße Verehrung – bis hin zur Brahmā-Welt – ist durch einen Eingeweihten alles verehrt; daran ist kein Zweifel. (94)
Vers 87: „pratyaya“ (Überzeugung/Erfahrung) unsicher, „janasevikāḥ“ = den Leuten dienend. Vers 88b: OCR entstellt [?]. Vers 89: „rasendra“ aus OCR „cendreṇa“ rekonstruiert (Quecksilber als Bild der alchemistischen „Durchbohrung“, viddha). Vers 90: Fußnote ṅa entstellt („gatā parā jñānaniṣṭhā“); „nirbīja“ = samenlos (ohne Keim künftigen Werdens). Vers 91: „gatam“ nach OCR. Vers 92: OCR entstellt („…vyak yat pāpasaya“); die Rekonstruktion ist sehr unsicher [?]: sinngemäß: Wer im Liṅga einen bloßen Stein sieht, lädt Sünde auf sich; auch ein Eingeweihter, wenn er so „aus früherem Zustand“ denkt [?]. Vers 93: Halbzeile a fast unlesbar („dārv…-bhasma-loha… jāti-liṅga-pratiṣiddha“) [?]. Vers 94: „ābrahmabhuvanāntikam“ (bis zur Brahmā-Welt) nach OCR, Fußnote kha „…bhuvanāntaram“.
dīkṣitasya na kāryaṃ syāt tapobhir niyamavrataiḥ | na tīrthakṣetragamanair na ca śārīrayantraṇaiḥ ||95||
adīkṣitā ye kurvanti japapūjādikāḥ kriyāḥ | na phalanti priye teṣāṃ śilāyāṃ [?]bījavat ||96||
devi dīkṣāvihīnasya na siddhir na ca sadgatiḥ | tasmāt sarvaprayatnena guruṇā dīkṣito bhavet ||97||
dvijo yo dīkṣitaḥ paścād antyajaḥ pūrvadīkṣitaḥ | dvijaḥ kaniṣṭhaḥ sa jyeṣṭha iti śāstrārthaniścayaḥ ||98||
guruśaktisutānāṃ ca yo vā syāt pūrvadīkṣitaḥ | guruvat te pūjyā nāvamānyāḥ kathañcana ||99||
śiṣyo dīkṣitamātraś ced yadi svargato guruḥ | ekasantānakartraiva pūrṇasaṃskāram ācaret [?] ||100||
darśaneṣu ca sarveṣu guruḥ jñānaśālinām [?] | dīkṣito yas tu vidhinā sa mukto nāparaḥ priye ||101||
Für einen Eingeweihten sind Kasteiungen, Regeln und Gelübde nicht nötig, weder Wallfahrten zu Pilgerstätten noch Körperzwang [Kasteiung des Leibes]. (95) Die Uneingeweihten, die Mantra-Murmeln, Verehrung usw. ausüben – deren [Handlungen] tragen keine Frucht, meine Liebe, wie Samen auf einem Stein. (96) Göttin, für den, dem die Dīkṣā fehlt, gibt es weder Vollendung noch guten Ausgang. Darum werde man mit aller Anstrengung vom Guru eingeweiht. (97)
Ein Zweimalgeborener (dvija), der später eingeweiht wurde, gegenüber einem Angehörigen der untersten Stände (antyaja), der früher eingeweiht wurde: Der Zweimalgeborene ist der Jüngere, jener der Ältere – das ist der Schluss aus dem Sinn der Schrift. (98) Auch unter den Śaktis und Söhnen des Guru: wer früher eingeweiht ist – sie sind wie der Guru zu verehren und dürfen keinesfalls verachtet werden. (99) Ist der Schüler [erst] eben eingeweiht und der Guru gestorben (wörtl.: in den Himmel gegangen), so soll einer derselben Überlieferungslinie (ekasantāna) [?] die volle Weihe (pūrṇasaṃskāra) vollziehen [?]. (100) In allen Lehrsystemen (darśana) ist der Guru [Träger] des Wissens [?]; wer regelrecht eingeweiht ist, der ist erlöst, kein anderer, meine Liebe. (101)
Vers 96: „śilāyāṃ … bījavat“: das Bild von Samen auf Fels; das ausgefallene Wort davor („pūrva-“/„śasya-“?) ist im OCR entstellt [?]. Vers 98: „antyaja“: Angehöriger der untersten Stände (wörtl. „am Ende Geborener“). Vers 99: OCR „guruśakti-sutānāṃ“ (Śakti = Gefährtin/Gattin des Guru) nach Zeile; „pūrvadīkṣita“ = zuvor Eingeweihter. Vers 100: OCR „ekasantānakarānaiva“; Lesart [?]; ṅa „pūrvasaṃskāram ācaret“. Vers 101: Halbzeile a unsicher („guṇā jñānaśālinā“ im OCR) [?].
Die Verehrung des „Adhivāsana“ (der vorbereitenden Weihung) [samt …?], der Verehrung des Guru voran; mit der Dīkṣā soll man den Schüler reinigen; sonst bleibt es fruchtlos. (102) Für Śūdras und Menschen gemischter Herkunft (saṅkarajāti) wird eine anfängliche Reinigung angeordnet; durch Gaben von Fußwasser (pādodaka) und dergleichen soll man die Sündenlösung bewirken. (103) Der Zweimalgeborene [ist nach … ] geeignet, der Kṣatriya nach zwei Jahren, der Vaiśya ist nach drei Jahren geeignet und der Śūdra nach vier. (104) […] das Mädchen auf Anordnung des Vaters, […] die Ehefrau auf Anordnung des Gatten [?]. (105) Wie ein Śūdra zum Studium des Veda nicht befugt ist, meine Liebe, so hat auch ein Nichteingeweihter keine Befugnis [zu den Kula-Werken], Herrin der Kula. (106) Seinen Guru, die Frau des Guru, dessen Sohn, die Śakti und die Kaulas soll der Eingeweihte zufriedenstellen, Göttin, nach seinen Mitteln und in voller Ausführlichkeit. (107)
So ist dir ein Weniges gesagt über die Prüfung von Guru und Schüler und über die Arten der Dīkṣā usw. Was möchtest du weiter hören, Göttin? (108)
Kolophon: So [endet] im ehrwürdigen Kulārṇava, dem Kern der Erlösung des Nirvāṇa, dem großen Geheimnis, dem höchsten Erlösungs-[Werk] aller Āgamas, in dem Werk von 125.000 [Versen], im fünften Abschnitt, im Tantra der oberen Überlieferung (ūrdhvāmnāya), das vierzehnte Kapitel (ullāsa) mit dem Titel „Darlegung der Prüfung von Guru und Schüler“.
Vers 102: OCR stark entstellt („adhivāsanapūjāṃ tu … gurupūjāpuraḥsaram“); sinngemäß: nach Vorbereitung (adhivāsana) und Guruverehrung reinige man den Schüler durch Dīkṣā [?]. Vers 103: „śūdra-saṅkara-jāti“ nach OCR „…saṅkarajātīnām“; „ādiśuddhi“ (erste Reinigung) unsicher [?]. Vers 104: Halbzeile a nur fragmentarisch lesbar; die Zeitspannen (2, 3, 4 Jahre für Kṣatriya, Vaiśya, Śūdra; für den Dvija fehlt der Wert) nach OCR; Bezug wohl auf die Prüfungszeit vor der Weihe (vgl. Vers 19) [?]. Vers 105: die Halbzeilen sind im OCR großenteils verstümmelt; nur „kanyāyāḥ piturājñayā“ und „bhāryā vā bhartrājñayā“ sicher; die Fußnote ṅa bringt „nādhikāro yato bhāryā …“ – Lesung unsicher [?]. Vers 106: „nādhikāra“ ohne Objekt; ergänzt ‚(zu den Kula-Werken)‘. Vers 107: „yathāvibhavavistaram“ nach Fußnote ka (kha „vistaraḥ“). Kolophon: „sapādalakṣagrantha“ = ‚Werk von einem Viertel über einem Lakh (125.000) [Versen]‘; der Titel „guruśiṣyaparīkṣākathana“ ist aus der OCR-Form rekonstruiert (Kolophon im OCR: „…guruśiṣyaparīkṣā kathanaṃ nāma caturdaśa ullāsaḥ“). Die Verszählung 1–108 ist lückenlos.