Quellen der Menschheit

Kulārṇava Tantra

Paṭala 17: śrīkulārṇavatantre gurunāmādivāsanā-kathanaṃ [?] nāma saptadaśa ullāsaḥ 17. Kapitel: Deutung der Bezeichnungen Guru usw. und der Kula-Begriffe

Quelle: Kulārṇava-Tantra, hg. Tārānātha Vidyāratna (Arthur Avalon), Tantrik Texts Vol. 5, Luzac & Co., London 1917 (archive.org, OCR-Text; Zeichenbereich in window.K etwa 294900–309600). Inhalt: Pārvatī bittet Śiva um die Bedeutung der Guru-Namen und der Kula-Begriffe. Nach einem Preis des Guru (3–6) folgen Wortdeutungen (nirukti, Silbenspiele, keine sprachwissenschaftlichen Etymologien) für Guru, Ācārya, Ārādhya, Deśika, Svāmī, Nātha, Yogī, Avadhūta, Vīra, Kaulika, Sādhaka, Bhakta, Śiṣya (7–30), dann für Yoginī, Śakti, Japa, Stotra, Dhyāna, Veda, Purāṇa, Śāstra, Āgama, Kaula, Sampradāya, Āmnāya, Dīkṣā, Abhiṣeka (31–52), für Ritualgeräte und Substanzen wie Nyāsa, Mudrā, Yantra, Kalaśa, Madya, Māṃsa, Pūjā, Gandha, Dhūpa, Dīpa, Naivedya (56–83) sowie für die Ritualschritte Upāsti bis Vandana und Kṣetrapāla (84–99). Schluss: Geheimhaltung des Kulārṇava und Segensverheißung (100–108). Die OCR-Qualität ist mäßig bis schlecht, besonders in 53–55 (fast unlesbar), 63–65, 79, 93 und 105–108; unsichere Stellen sind mit [?] markiert. Die OCR-Zählung springt in 31–39 von 21 auf 39 zurück und wurde korrigiert; 108 Verse, keine Verse fehlen, aber 53–55 sind nur als Fragmente vorhanden.

śrīdevy uvāca | kiṃcic chrotum icchāmi gurunāmādivāsanām | tattatkulapadārthānāṃ vada me parameśvara ||1|| īśvara uvāca | śṛṇu devi pravakṣyāmi yan māṃ tvaṃ paripṛcchasi | tasya śravaṇamātreṇa kulajñānaṃ prakāśate ||2|| namaste nātha bhagavan śivāya gurūrūpiṇe | vidyāvatārasaṃsiddhyai svīkṛtānekavigrahe ||3|| nārāyaṇasvarūpāya paramātmarūpiṇe | sarvājñānatamobhedabhānave cidghanāya ca ||4|| sarvajñāya dayākāraviśadāya [?] śivātmane | parasmai ca bhaktānāṃ bhavyānāṃ bhāvadāyine ||5|| purastāt pṛṣṭhataḥ pāṇyoḥ [?] kukṣyupary adhaḥ namaḥ | sadā saccitsvarūpeṇa vidhehi tava dāsatām ||6||

Die Göttin sprach: Ein wenig möchte ich hören – die Deutung (vāsanā) der Bezeichnungen wie „Guru“ usw. Nenne mir, höchster Herr, die jeweiligen Bedeutungen der Kula-Begriffe. (1) Īśvara (Śiva) sprach: Höre, Göttin, ich sage dir, wonach du mich fragst; schon durch das bloße Hören davon leuchtet das Kula-Wissen auf (kula: die Gesamtheit/Familie der Śakti-Sphäre; akula: Śiva, s. Vers 27). (2) Verneigung vor dir, Herr, Erhabener, vor Śiva in Gestalt des Guru, der du zur vollen Verwirklichung des Wissens (vidyā) viele Körper angenommen hast! (3) Vor dem, dessen Wesen Nārāyaṇa ist, dessen Gestalt das höchste Selbst ist, der Sonne, die die Finsternis aller Unwissenheit zerteilt, dem Bewusstseinsmassiven, (4) dem Allwissenden, [von Erbarmen ganz klar erscheinend] [?], dessen Selbst Śiva ist, dem Höchsten, der den heilsfähigen Gläubigen innere Hingabe (bhāva) schenkt: (5) Verneigung [vor dir] vorn, hinten, [an den Händen] [?], am Bauch, oben und unten. Mache mich stets, in der Gestalt von Sein und Bewusstsein, zu deinem Diener! (6)

Die Verse 3–6 fehlen laut Fußnote in den Handschriften kha und ṅa. Vers 1: Das OCR-Wort am Anfang ist entstellt; „kiṃcic chrotum icchāmi“ nach Vers 100 („kiṃcid gurunāmādivāsanā“) rekonstruiert [?]. Vers 3: Datives „gurūrūpiṇe“ (Guru-Gestalt) und „svīkṛtānekavigrahe“ (mit Anfügung „e“ als Vokativ-/Dativform im Druck) sind metrisch nicht ganz glatt. Vers 5b und 6a sind stark entstellt [?]; die Übersetzung ist tastend. Das Kapitel gibt Wortdeutungen (nirukti) mit dem Verfahren, dass die Silben eines Wortes als Anfangsbuchstaben von Eigenschaften gedeutet werden; sie sind keine sprachwissenschaftlichen Etymologien.

gu-śabdas tv andhakāraḥ syād ru-śabdas tan-nirodhakaḥ | andhakāranirodhitvād gurur ity abhidhīyate ||7|| gakāraḥ siddhidaḥ proktaḥ repho pāpasya dāhakaḥ | ukāro viṣṇur ity uktas tritayātmā guruḥ paraḥ ||8|| gakāro jñānasampannaḥ repha[s] tat prakāśakaḥ | ukāraḥ śivatādātmyād gurur ity abhidhīyate ||9|| guhyāgamārthatattvārthasandhānād bodhanād api | rudrādidevarūpatvād gurur ity abhidhīyate ||10|| svayam ācarate śiṣyān ācāre sthāpayaty api | ācinoti ca śāstrārthān ācāryas tena kathyate ||11|| carācarasamāsannam [?] adhyāpayati yaḥ svayam | yamādiyogasiddhatvād ācārya iti kathyate ||12|| ātmabhāvapradānāt tu rāgadveṣādivarjanāt | dhyāne niṣṭhitacittatvād ārādhya iti kathyate ||13||

Die Silbe „gu“ bedeutet Finsternis, die Silbe „ru“ ihre Beseitigung; weil er die Finsternis beseitigt, wird er „Guru“ genannt. (7) Das „g“ gilt als Vollkommenheiten gebend, das „r“ als Verbrenner der Sünde, das „u“ heißt Viṣṇu; so ist der höchste Guru dreifachen Wesens. (8) [Andere Deutung:] Das „g“ ist mit Erkenntnis begabt, das „r“ erhellt sie, das „u“ [ist eins] mit Śiva-Wesen; so wird er „Guru“ genannt. (9) Weil er das Verborgene, den Sinn der Āgama-Lehre und den Sinn der Wirklichkeit verbindet und lehrt, und weil er von der Gestalt der Götter wie Rudra usw. ist, wird er „Guru“ genannt. (10) Weil er selbst den rechten Wandel (ācāra) übt, die Schüler im Wandel festigt und den Sinn der Lehrbücher sammelt/erklärt, heißt er deshalb „Ācārya“. (11) Weil er selbst das nahe [?] Bewegliche und Unbewegliche [?] lehrt und in Yoga, beginnend mit Yama, vollendet ist, heißt er „Ācārya“. (12) Weil er das Selbst-Sein (ātmabhāva) schenkt, Anhaftung, Abneigung usw. meidet und in der Meditation gefestigten Geist hat, heißt er „Ārādhya“ (der zu Verehrende). (13)

Vers 8: Die Fußnote vermerkt, dass einzelne Verse in Handschriften fehlen (Angabe im OCR unklar). Vers 9a: „sampanno“ statt OCR-Form; „repha“ ohne Visarga metrisch bedingt [?]. Vers 10: Fußnoten: ka gha „sandhānāt“, kha „...tantrasandhānāt“; der Haupttext ist entstellt, Rekonstruktion [?]. Vers 12ab: OCR sehr entstellt, nur der Sinn „unterrichtet selbst“ sicher; Rest [?]. Vers 13c: OCR „kaniṣṭha-“; als „niṣṭhita-“ gedeutet [?]. Die Silbendeutungen sind Nirukti-Spiel.

devatārūpadhāritvāc chiṣyānugrahakāraṇāt | karuṇāmayamūrtitvād deśikaḥ kathitaḥ priye ||14|| svāntaśāntisamunmīlatparatattvādhicintanāt | mithyājñānavihīnatvāt svāmīti kathitaḥ priye ||15|| manodoṣādidūratvād dhetuvādādivarjanāt | śvādiprāṇiṣu sādṛśyād ramyatvāc ca maheśvaraḥ [?] ||16|| svātmotpannajñānadātṛtvān nādabrahmāvabodhanāt | sthagitājñānabhedakatvāc chrīnāthaḥ kathitaḥ priye ||17|| deśakālāvirodhena vartamānāt kulāgame | yathoktatattvajagato vādeta [?] ity abhidhīyate ||18|| bhavapāśapramardanāt ṭakāre candraśekharāt [?] | rakṣaṇāt karmanāśitvād bhaṭṭāraka itīritaḥ ||19|| pragūḍhāgamavedāntarahasyārthavibhāvanāt | bhuktimuktipradānāc ca prabhur ity abhidhīyate ||20||

Weil er Göttergestalt trägt, aus Gnade gegenüber den Schülern und weil seine Gestalt aus Mitleid besteht, wird er „Deśika“ (Weiser, Wegweiser) genannt, Liebe. (14) Weil er über die höchste Wirklichkeit nachdenkt, in der die Ruhe des Inneren aufblüht, und weil er frei von falscher Erkenntnis ist, wird er „Svāmī“ (Herr) genannt, Liebe. (15) Weil er fern von Fehlern des Geistes usw. ist, Streit um Gründe (hetu-vāda) usw. meidet, [allen Wesen] bis hin zu Hunden usw. gleich [begegnet] und anmutig ist, heißt er „Maheśvara“ [?]. (16) Weil er die aus dem eigenen Selbst entstandene Erkenntnis gibt, das Nāda-Brahman (Brahman als Klang) zu erkennen gibt und die verhüllende Unwissenheit spaltet, heißt er „Śrīnātha“, Liebe. (17) Weil er im Kula-Āgama ohne Widerspruch zu Ort und Zeit lebt und [die Wahrheit] der Welt, wie gelehrt, [?] …, wird er „…“ [?] genannt. (18) Weil er die Fessel des Werdens (bhava-pāśa) zerreibt (bha), [im Zeichen ṭa des] Mondes im Haarschopf [?] (ṭa), weil er schützt (ra) und Handlungen vernichtet (ka), wird er „Bhaṭṭāraka“ genannt. (19) Weil er die tief verborgenen Geheimnisse des Āgama und des Vedānta erhellt und Genuss wie Erlösung gibt, wird er „Prabhu“ genannt. (20)

Vers 16: Das Definiendum ist im Druck nicht klar; „maheśvaraḥ“ nach OCR, Fußnote ṅa liest „maheśvari“ (Vokativ). Vers 17: „sthagitājñāna-bhedakatvāt“: OCR „vidakatvāt“, Fußnote ga „khyāpitajñāna-“, ṅa „sthitājñāna-“; Lesart unsicher. Vers 18: OCR stark entstellt; das definierte Wort („vādeta“) ist wohl verderbt [?]. Vers 19: OCR und Fußnoten (ṅa „ṭakāre ṇendu-“; ṅa „bhairavāt“) widersprüchlich; Rekonstruktion [?]. Die Silbendeutung von „bhaṭṭāraka“: bha, ṭa, ra, ka.

yonimudrānusandhānāt prasphuranmantravaibhavāt | gīrvāṇagaṇapūjyatvād yogīti kathitaḥ priye ||21|| saṅgaduḥkhaparityāgād yatra kutrāśramāśrayāt | mithyāmānānibandhatvāt [?] saṃyamīty abhidhīyate ||22|| tattvasvarūpamananāt parivādādivarjanāt | svīkārāc chubhakāryāṇāṃ tapasvīty abhidhīyate ||23|| akṣaratvād varenyatvād dhūtasaṃsārabandhanāt | tattvamasyarthasiddhatvād avadhūto 'bhidhīyate ||24|| vītarāgamadakṣobhakopamātsaryamohataḥ | rajastamovidūratvād vīra ity abhidhīyate ||25|| kulaṃ gotraṃ samākhyātaṃ tac ca śaktiśivodbhavam | yena mokṣamatir jñāne [?] kaulikaḥ so 'bhidhīyate ||26|| akulaṃ śiva ity uktaṃ kulaṃ śaktiḥ prakīrtitā | kulākulānusandhānān nipuṇāḥ kaulikāḥ priye ||27||

Weil er die Yoni-Mudrā erforscht, im Glanz aufleuchtender Mantras steht und von der Schar der Götter verehrt wird, heißt er „Yogī“, Liebe. (21) Weil er die Anhaftung und das Leid aufgibt, in irgendeinem beliebigen Lebensabschnitt (āśrama) wohnt und nicht durch falschen Stolz gebunden ist [?], wird er „Saṃyamī“ (der Beherrschte) genannt. (22) Weil er über das Wesen der Wirklichkeit sinnt, üble Nachrede usw. meidet und gute Handlungen annimmt, wird er „Tapasvī“ (Asket) genannt. (23) Weil er unvergänglich (akṣara) und erhaben (varenya) ist, die Fessel des Saṃsāra abgeschüttelt (dhūta) hat und den Sinn von „Das bist du“ (tat tvam asi) verwirklicht hat, wird er „Avadhūta“ genannt. (24) Weil er von Leidenschaft, Rausch, Erregung, Zorn, Neid und Verblendung frei und Rajas und Tamas fern ist, wird er „Vīra“ (Held) genannt. (25) Kula heißt „Gotra“ (Geschlecht), und dies ist aus Śakti und Śiva entstanden; wer dadurch [?] im Wissen [?] …, der wird „Kaulika“ genannt. (26) Akula heißt Śiva, Kula wird Śakti genannt; weil sie in der Erforschung von Kula und Akula bewandert sind, sind sie „Kaulika“, Liebe. (27)

Vers 22: „mithyāmānānibandhatvāt“ nach OCR „mithyāmāna-nibandhatvāt“; ob mit a-privativum, ist unsicher [?]. Vers 24: die Silben a-va-dhū-ta werden als akṣara, varenya, dhūta, tat-tvam-asi gedeutet. Vers 25b: OCR „madakṣeṇa-“ entstellt, „madakṣobha-“ [?]. Vers 26cd: OCR und Fußnoten (kha: „viśvamatijñāne“, ga: „mokṣamati“) uneinheitlich; Lesart und Übersetzung unsicher [?].

sārasaṃgrahaṇāc caiva dharmamārgapravartanāt | karaṇagrāmaniyamāt sādhakaḥ so 'bhidhīyate ||28|| bhajanāt parayā bhaktyā manovākkāyakarmabhiḥ | tarty akhiladuḥkhāni tasmād bhakta itīritaḥ ||29|| śarīram arthaṃ prāṇāṃś ca sadgurubhyo nivedayed yaḥ | gurubhyaḥ śikṣate yogaṃ śiṣya ity abhidhīyate ||30|| yonimudrānusandhānād girijāpādasevanāt | nirlīnopādhivibhavād yoginīty abhidhīyate ||31|| śatakoṭimahādivyayoginīprītikāraṇāt | tīvramuktipradānāc ca śaktir ity abhidhīyate ||32|| pālanād duritacchedāt kāmitārthasya vadanāt | pādukeṭi samākhyātā mama tattvaṃ [?] tava priye ||33|| janmāntarasahasreṣu kṛtapāpapraṇāśanāt | paratattvaprakāśāc ca japa ity abhidhīyate ||34||

Weil er das Wesentliche sammelt, den Weg des Dharma in Gang setzt und die Gesamtheit der Sinnesorgane zügelt, wird er „Sādhaka“ (Übender) genannt. (28) Weil er mit höchster Hingabe (bhakti) verehrt, mit Geist, Rede, Körper und Handlung, und alle Leiden überwindet, heißt er deshalb „Bhakta“. (29) Wer seinen Körper, seinen Besitz und seine Lebenskräfte den guten Gurus darbringt und von den Gurus den Yoga erlernt, wird „Śiṣya“ (Schüler) genannt. (30) Weil sie die Yoni-Mudrā erforscht, den Füßen der Girijā (Pārvatī) dient und die Fülle der aufgelösten Beschränkungen (upādhi) besitzt, heißt sie „Yoginī“. (31) Weil sie Hunderte von Millionen großer göttlicher Yoginīs erfreut und rasche Erlösung gibt, heißt sie „Śakti“. (32) Weil sie [den Schüler] bewahrt (pālana), das Üble abschneidet und den erwünschten Zweck zusagt, heißt sie „Pādukā“ (Sandalen); [dies ist] mein [?] Wesen, Liebe, für dich. (33) Weil sie die in tausenden anderen Geburten begangenen Sünden vernichtet (ja: janma… pa: pāpa) und die höchste Wirklichkeit erhellt, heißt es „Japa“ (Murmeln des Mantra). (34)

Die Zählung des OCR springt hier von 30 auf 21 zurück (Ziffernfehler „21“ für 31 usw. bis 39); nach Zählung korrigiert. Vers 30: Fußnote ka: „gurubhyaḥ śiṣyatā yogyaḥ“, kha: „...śāsitum yogyaḥ“ (Variante: ‚tauglich, von den Gurus belehrt zu werden‘). Vers 33d: „mama tattvaṃ tava“ nach OCR, unklar [?]. Fußnote * : Vers 33/34 fehlen in ṅa (Angabe im OCR gestört).

stokastokena manasaḥ paramaprītikāraṇāt | stotrasaṃtāraṇād devi stotram ity abhidhīyate ||35|| yāvad indriyasantāpaṃ manasā saṃniyamya ca | svānte 'bhīṣṭadevasya cintanaṃ dhyānam ucyate ||36|| caritārthavikāśāc ca rakṣaṇād api pārvati | naranārīsvarūpāc ca caraṇaṃ kathitaṃ priye ||37|| veditākhilaśāstrārthasandigdhārthanirūpaṇāt | […]trāṇalābhād veda ity abhidhīyate [?] ||38|| puṇyapāpādikathanād rākṣasādinivāraṇāt | navabhaktyādijananāt purāṇa iti kathyate ||39|| śāsanād aniśaṃ devi varṇāśramanivāsinām | tāraṇāt sarvapāpebhyaḥ śāstram ity abhidhīyate ||40|| smaraṇotsukaniṣṭhānāṃ dharmādharmanirūpaṇāt | timirotpāṭanād devi smṛtir ity abhidhīyate ||41||

Weil sie den Geist Stück für Stück zu höchster Freude bringt und [den Sänger] hinüberführt, heißt es, Göttin, „Stotra“ (Lobpreis). (35) Solange man die Glut der Sinne mit dem Geist niedergehalten hat und im Inneren an den erwählten Gott denkt, heißt dies „Dhyāna“ (Meditation). (36) Weil sie die Bedeutung des [göttlichen] Wandels (carita) entfaltet, auch schützt, Pārvatī, und die Natur von Mann und Frau hat, wird „Caraṇa“ (Wandel, Fuß) gesagt, Liebe. (37) Weil es den Sinn aller bekannten Lehrbücher darlegt und zweifelhafte Gegenstände bestimmt, [und Rettung schenkt?] […], wird es „Veda“ genannt [?]. (38) Weil es Verdienst und Sünde usw. erzählt, Rākṣasas usw. abwehrt und neue Frömmigkeit usw. erzeugt, heißt es „Purāṇa“. (39) Weil es unablässig die in Ständen und Lebensabschnitten Lebenden unterweist (śāsana) und von allen Sünden hinüberführt (trāṇa/tāraṇa), heißt es „Śāstra“, Göttin. (40) Weil es die dem Erinnern Zugeneigten und Festen über Dharma und Adharma belehrt und die Finsternis ausreißt, heißt es „Smṛti“. (41)

Vers 35: die Deutung von „stotra“ nach OCR; „stoka-stokena“ (nach und nach). Vers 36c: OCR „svāntanābhoṣṭa-“, als „svānte 'bhīṣṭa-“ gedeutet [?]. Vers 37: Fußnote ka „caritātmavikāśāc ca“. Vers 38: die zweite Halbzeile ist im OCR entstellt; nur „…trāṇalābhād veda ity abhidhīyate“ ist lesbar [?]. Vers 39: Definiendum „purāṇa“ aus entstelltem OCR erschlossen [?]. Vers 40a: OCR „āsanāt“; wegen der Deutung śāsana mit „śāsanāt“ [?] gelesen. Vers 41a: Fußnote kha „smaraṇārthaṃ ...“.

iṣṭadharmādikathanāt timirājñānabhañjanāt | haraṇāt sarvaduḥkhānām itihāsa iti smṛtaḥ ||42|| ācārakathanād divyagatiprāptividhānataḥ | mahāmantrasya ca kathanād āgamaḥ kathitaḥ priye ||43|| śākinīgaṇapūjyatvāt taraṇād bhavavāridheḥ | parādiśaktisānnidhyāc chākta ity abhidhīyate ||44|| kumārādiniṣedhatvāt kṣayajanmādibhañjanāt | aśeṣakulasambandhāt kaula ity abhidhīyate ||45|| pāśacchedakarād devi rañjanāt paratejasaḥ | yatibhir dhyāyamānatvāt pāramparyam itīritam ||46|| saṃsārasārabhūtatvāt prakāśānandadānataḥ | yaśaḥsaubhāgyakaraṇāt sampradāya itīritaḥ ||47|| ādilatvāt sarvamārgāṇāṃ manollāsapravardhanāt | yajñādidharmahetutvād āmnāya iti kīrtitaḥ ||48||

Weil er Gewünschtes, Dharma usw. erzählt, die Finsternis der Unwissenheit zerschlägt und alle Leiden wegnimmt, heißt es „Itihāsa“ (Geschichte). (42) Weil er den [rechten] Wandel (ācāra) erzählt, den Erwerb des göttlichen Ziels (gati) lehrt und das große Mantra kundtut, heißt der Āgama so, Liebe. (43) Weil er von der Schar der Śākinīs [?] verehrt wird, über den Ozean des Werdens hinüberträgt und die Nähe der Śakti (beginnend mit Parā) bringt, heißt es „Śākta“. (44) Weil er das [Abwertende an] Jungfrauen usw. verbietet [?], Schwund, Geburt usw. zerbricht und mit der ganzen Kula verbunden ist, heißt er „Kaula“. (45) Weil er, Göttin, die Fessel (pāśa) zerschneidet, das höchste Licht erfreut und von den Asketen meditiert wird, heißt es „Pāramparya“ (Überlieferungsfolge). (46) Weil er der Kern des Saṃsāra ist, Licht und Wonne gibt und Ruhm und Glück schafft, heißt er „Sampradāya“ (Tradition). (47) Weil er Anfang aller Wege ist, die Freude des Geistes mehrt und Ursache von Opfer usw. und Dharma ist, heißt er „Āmnāya“ (überlieferte Lehre). (48)

Vers 43b: „vidhānataḥ“ nach Fußnote ṅa statt OCR „jidānataḥ“. Vers 44a: OCR „śākinī-“ (statt „ḍākinī“ oder „śakti-gaṇa“?) [?]. Vers 45a: OCR „kumārādi-niṣedhatvāt“; Fußnote kha „kaumāryādi-“, ga „kaulamārganivodhitvāt“; Sinn unsicher [?]. Vers 46: ohne Definiendum-Silbendeutung sicher; die Fußnote gibt für 46a Abweichungen. Vers 47: Nach Fußnote fehlt ein Vers in einer Handschrift (kha). Vers 48a: „ādilatvāt“ wohl für „ādi-tvāt“ [?]; im OCR ist die Nummer 48 als ein Einzelzeichen gedruckt.

atrānekamahāmantrayantratantrādidaivatāt | śrutau yad avicchinnāc chrauta ity abhidhīyate ||49|| ajātatvasvarūpatvāc cāturvargārthanirūpaṇāt | rāgadveṣādiśamanād ācāra iti kīrtitaḥ ||50|| divyabhāvapradānāc ca kṣālanāt kalmaṣasya ca | dīkṣeti kathitā sadbhir bhavabandhavimocanāt ||51|| ahaṅkārabhītiharaṇāt [?] secanād api | kalyāṇānandādijananād abhiṣeka iti smṛtaḥ ||52|| […]tvāt paratvāc ca devatā […] ||53|| […] śaktipātanimittāt […] ||54|| […] devatā ||55||

Weil in ihm viele große Mantras, Yantras, Tantras usw. und ihre Gottheiten [enthalten sind] und weil er in der Śruti ununterbrochen ist, heißt er „Śrauta“ [?]. (49) Weil er das Ungeborene als Wesen hat [?], die Bedeutung der vier Lebensziele darlegt und Anhaftung, Abneigung usw. beruhigt, heißt es „Ācāra“ (Wandel). (50) Weil sie göttliches Sein (divya-bhāva) verleiht, den Schmutz abwäscht und aus den Fesseln des Werdens löst, heißt sie nach den Guten „Dīkṣā“ (Weihe). (51) Weil er die Furcht [vor dem Ich-Machen] [?] wegnimmt, benetzt [mit Wasser] und Heil, Wonne usw. erzeugt, heißt er „Abhiṣeka“ (Salbung). (52) [Verse 53–55: stark zerstört. Erkennbar sind nur Bruchstücke: „…weil [er] erhaben ist, [heißt sie] Devatā“ und „aus dem Anlass des Herabsteigens der Śakti (śaktipāta)“; am Ende „…Devatā“ (Gottheit).] (53–55)

Vers 49: OCR-Wort für das Definiendum gestört: „śrauta“ ist Rekonstruktion; es könnte auch „śīla“ o. ä. gelesen werden [?]. Vers 50a: OCR „ajāyatatvarūpatvāt“, Rekonstruktion unsicher [?]; „cāturvargārtha-“ statt OCR „cāturya-artha“ (ga „cāturyādi“). Vers 52: Fußnote: ka „ahaṅkāra-bhīti-kathanāt sevanād api“; Text stark entstellt [?]. Verse 53–55: Der OCR-Text ist an dieser Stelle fast unlesbar (Schlagwörter: „…tvāt paratvāc ca devatā-…“, „śaktipātanimittāt…“, am Ende „devatā ||55||“); die Verse 53 und 54 sind nur als Lücken erkennbar und hier nur formal getrennt; Inhalt nicht rekonstruierbar. Wahrscheinlich Deutung von „devatā“ (Gottheit) und „śaktipāta“.

nyāyopārjitavittānām aṅgeṣu viniveśanāt | saṃrakṣaṇāc ca deveśi nyāsa ity abhidhīyate ||56|| mudaṃ kurvanti devānāṃ manāṃsi drāvayanti ca | tasmān mudrā iti khyātā darśayitavyāḥ kuleśvari ||57|| anantaphaladānāc ca kṣapitāśeṣakalmaṣāt | mātṛkātmatayā lābhakaraṇād akṣamālikā ||58|| maṅgalatvāc ca ḍākinīyoginīgaṇasaṃśrayāt | lalitatvāc ca sureśi maṇḍalaṃ parikīrtitam ||59|| kamalāsanarūpatvāl laghutattvādidānāt [?] | śamitāpārapāpāc ca kalaśaḥ parikīrtitaḥ ||60|| yamabhūtādisarvebhyo bhayebhyo 'pi kuleśvari | trāyate satataṃ caiva tasmād yantram itīritam ||61|| ātmasiddhipradānāc ca sarvaroganivāraṇāt | navasiddhipradānāc ca āsanaṃ kathitaṃ priye ||62||

Weil [man] rechtmäßig erworbenen Besitz in den Gliedern einsetzt und gut bewahrt, heißt es „Nyāsa“ (Niederlegung; Setzen von Mantras auf Körperteile). (56) Sie bewirken Freude (mud) bei den Göttern und lassen ihre Herzen schmelzen (drāvayanti); deshalb heißen sie „Mudrā“ (Gesten); man soll sie zeigen, Herrin der Kula. (57) Weil sie unendliche Frucht geben, alle Sünden vernichtet (kṣapita) und, als Wesen der Mātṛkā (Buchstabenmütter), Gewinn bringt, ist sie die „Akṣamālikā“ (Rosenkranz). (58) Wegen ihrer Glück bringenden Art, weil sich die Scharen der Ḍākinīs und Yoginīs in ihr sammeln, und weil sie lieblich ist, wird das „Maṇḍala“ [so] gerühmt, Herrin der Götter. (59) Weil er die Gestalt des Lotussitzes hat, [leichte Wahrheiten usw. gibt] [?] und die unermessliche Sünde beruhigt, wird der „Kalaśa“ (Krug) gerühmt. (60) Weil es, Herrin der Kula, vor allen Ängsten – Yama, Geistern usw. – beständig schützt (trāyate), heißt es „Yantra“. (61) Weil er Selbstvollendung gibt, alle Krankheiten abwehrt und die neun Vollkommenheiten gibt, wird „Āsana“ (Sitz) gesagt, Liebe. (62)

Vers 58: Deutung von akṣa-mālikā: a-kṣa aus „kṣapita“; „akṣa“ auch = Rudrākṣa. Vers 60b: OCR „laghutattvādi nānāt“, als „-dānāt“ [?]. Fußnote: einzelne Verse (Zeichen †) fehlen in kha. Die Deutungen sind erneut Nirukti-Spiele.

māyājālādiśamanān mokṣamārganirūpaṇāt | aṣṭaduḥkhādivirahān madyam [?] ity abhidhīyate ||63|| mahādānārtharūpatvād yāgabhūmyekakāraṇāt | mahādyutijananād devi madyam ity abhidhīyate ||64|| sumanasaḥ sevitatvād rājyadatvāt sadā priye | surākārapradānatvāt sureti parikīrtitā ||65|| amṛtaṃ śivarūpatvān mṛtyubhītinivāraṇāt | tatprakāśahetutvād amṛtaṃ kathitaṃ priye ||66|| pānāṅgaviśvarūpatvāt tricatuṣkakalāśrayāt | patitatrāṇanād devi pātram ity abhidhīyate ||67|| āśrayatvanirūpaṇād ādidevapriyād api | rakṣaṇād api cādheyasyādhāraṃ tu vidur budhāḥ ||68|| māṅgalyajananād devi saccidānandadānataḥ | sarvadevapriyatvāc ca māṃsa ity abhidhīyate ||69||

Weil sie das Netz der Māyā usw. beruhigt, den Weg zur Erlösung darlegt und das Fehlen der acht Leiden usw. bewirkt, heißt es „Madya“ (berauschendes Getränk) [?]. (63) Weil es Wesen der großen Gabe (mahādāna) ist, einzige Ursache des Opferplatzes und Erzeuger großer Strahlung (dyuti) [?], heißt es, Göttin, „Madya“. (64) Weil es von den Guten (Blumenherzigen: sumanas) gepflegt wird, allzeit Herrschaft verleiht, Liebe, und die Gestalt des Erlesenen gibt [?], wird sie „Surā“ genannt. (65) Weil er von Śiva-Gestalt ist und die Furcht vor dem Tod abwehrt und ihn [Śiva] offenbart, wird er „Amṛta“ (Nektar) genannt, Liebe. (66) Weil es ein Glied (aṅga) des Trinkens ist, das Weltall zur Gestalt hat und die Kalās der dreimal vier [Sonnen-, Mond- und Feuer-Kalās?] [?] enthält, und weil es die Gefallenen rettet, heißt es „Pātra“ (Gefäß), Göttin. (67) Weil es den Träger nennt (āśraya), den Urgöttern lieb ist und das Enthaltene bewahrt, kennen die Weisen es als „Ādhāra“ (Grundlage). (68) Weil es Heil erzeugt, Sein-Bewusstsein-Wonne schenkt und allen Göttern lieb ist, heißt es „Māṃsa“ (Fleisch), Göttin. (69)

Verse 63–65 und 66–68 sind laut Fußnoten in einigen Handschriften (kha) als zusätzliche Verse markiert. Vers 63: Das OCR bietet „madya“; da Vers 64 dasselbe Wort deutet, ist möglicherweise „madhya“ oder „mahādya“ gemeint [?]; Text und Deutung unsicher. Vers 64: „mahādyuti-“ statt OCR „mahāvaja-“ [?]. Vers 65: „surākāra-“ evtl. „sukhākāra-“ [?]. Vers 66: „amṛtaṃ śivarūpatvāt“ statt OCR-Form [?]. Vers 67: „pātra“ statt „pāna“; die drei mal vier Kalās sind im Text nicht erklärt. Rituell gemeint sind hier die fünf Ma-Begriffe (madya, māṃsa usw.), die der Text sachlich wie alle anderen Begriffe deutet.

pūrvajanmānuśamanāj janmamṛtyunivāraṇāt | sampūrṇaphaladānāc ca pūjeti kathitā priye ||70|| abhīṣṭaphaladānāc ca caturvargaphalāśrayāt | nandanāt sarvadevānām arcanaṃ samudāhṛtam ||71|| tṛptatvāt tasya devasya parivārasya tasya ca | navānandaprajananāt tarpaṇaṃ samudāhṛtam ||72|| gambhīrāpāradaurbhāgyaughanāśanakāraṇāt | dhanyajñānapradānāc ca gandha ity abhidhīyate ||73|| parānandaprajananān mokṣamārgapradarśanāt | dagdhaduḥkhādidamanād āmoda iti kathyate ||74|| annadānāt kuleśāni kṣapitāśeṣakalmaṣāt | tādātmyasmaraṇād devi akṣatāḥ parikīrtitāḥ ||75|| puṇyasaṃvardhanāc cāpi pāpaughaparihārataḥ | puṣkalārthapradānāc ca puṣpam ity abhidhīyate ||76||

Weil sie die früheren Geburten beruhigt (śamana), Geburt und Tod abwehrt und vollkommene Frucht gibt, wird sie „Pūjā“ (Verehrung) genannt, Liebe. (70) Weil sie erwünschte Frucht gibt, Zuflucht der Früchte der vier Lebensziele ist und alle Götter erfreut, wird „Arcana“ (Verehrung) gesagt. (71) Weil jener Gott und sein Gefolge dadurch gesättigt werden und neue Wonne entsteht, wird „Tarpaṇa“ (Sättigung, Libation) gesagt. (72) Weil es die Flut tiefen, grenzenlosen Unglücks vernichtet und beglückende Erkenntnis schenkt, heißt es „Gandha“ (Duft). (73) Weil es höchste Wonne erzeugt, den Weg zur Erlösung zeigt und verbranntes Leid usw. bändigt, heißt es „Āmoda“ (Wohlgeruch). (74) Weil sie Speise gibt, Herrin der Kula, alle Sünden vertilgt und die Selbigkeit [mit der Gottheit] in Erinnerung ruft, werden sie „Akṣata“ (ungebrochene Reiskörner) genannt. (75) Weil sie Verdienst mehrt, die Flut der Sünden abwehrt und reiche Gabe gibt, heißt sie „Puṣpa“ (Blume). (76)

Vers 72a: „tṛptatvāt“ statt OCR „tattvāt“ [?]. Vers 73a: „daurbhāgya-“ statt OCR „śaubhāgya-“ (Sinn: Unglück) [?]; Fußnote ka „gambhīrāpāya-“. Vers 74a: „parānanda-“ statt OCR „parātrāṇa-“ [?]. Vers 75a: Fußnote kha „amalatvāt“. Vers 76: OCR „puṇyaṃ saṃvardhanāt“ leicht entstellt.

dhūtāśeṣamahādoṣapūtigandhaprabhāvataḥ | paramānandajananād dhūpa ity abhidhīyate ||77|| dīrghājñānamahādhvāntād aṅgāraparivarjanāt | paratattvaprakāśāc ca dīpa ity abhidhīyate ||78|| mohadhvāntapraṇāśanād ghātivinivāraṇāt | divyarūpapradānāc ca paratattvaprakāśanāt | khyāto dīpa [?] iti mokṣamārgaikasādhanaḥ ||79|| caturvidhaṃ kuleśāni dravyaṃ ca ṣaḍrasānvitam | nivedanād bhavet tasmān naivedyaṃ samudāhṛtam ||80|| bahuprakāravicaradbhūtaughaprītikāraṇāt | liptapāpapraśamanād balir ity abhidhīyate ||81|| tattvatrayaviśuddhiḥ syāt tatsevākramataḥ priye | tattvaprakāśahetutvāt tattvatrayam itīritam ||82|| caturvargaphalāvāptāt truṭitājñānabandhanāt | kalyāṇadharmamūlatvāc cakraṃ kathitaṃ priye ||83||

Weil durch seine Kraft aller große Makel abgeschüttelt (dhūta) und der Gestank vertrieben wird und weil er höchste Wonne erzeugt, heißt er „Dhūpa“ (Räucherwerk). (77) Weil er die große Finsternis langer Unwissenheit [vertreibt], Kohlenglut [?] meidet und die höchste Wirklichkeit erhellt, heißt sie „Dīpa“ (Lampe). (78) Weil sie die Finsternis der Verblendung zerstört, Schädigendes [?] abwehrt, göttliche Gestalt verleiht und die höchste Wirklichkeit offenbart, gilt sie als „Dīpa“ [?], einziges Mittel auf dem Weg zur Erlösung. (79) Vierfache Speise, Herrin der Kula, und Substanz, die mit den sechs Geschmäcken verbunden ist – weil sie [der Gottheit] dargebracht wird (nivedana), wird sie „Naivedya“ (Opferspeise) genannt. (80) Weil sie die Freude der vielfach umherziehenden Wesen(scharen) bewirkt und anhaftende Sünden beruhigt, heißt sie „Bali“ (Darbringung). (81) Durch das Dienen in dieser Ordnung, Liebe, entsteht Reinheit der drei Tattva; weil es die Wirklichkeit offenbart, wird „die drei Tattva“ gesagt. (82) Weil es die Frucht der vier Lebensziele zuteilt, die Bande der Unwissenheit zerreißt und Wurzel von Heil und Dharma ist, wird „Cakra“ gesagt, Liebe. (83)

Vers 78: Die Silben dī-pa: „dīrgha“ und „para-tattva“. Vers 78b: „aṅgāra-“ nach OCR, Sinn unsicher [?]. Vers 79: Das Definiendum ist im OCR verderbt („khyāto mīto rīpa“); vermutlich ein Wort für „Lampe/Licht“; hier „dīpa“ [?]; die Zeilenzahl (3) legt nahe, dass Halbverse vermischt sind. Vers 82: OCR sehr verderbt; Rekonstruktion „tattvatraya“ unsicher [?]. Vers 83: „truṭita-“ statt OCR „luṭhita-“ [?]; im Fußnotentext werden Varianten von „lān-anna-pradānāc ca“ (kha: „ājñāna-pradānāc ca“) angegeben.

prakāśānandajananāt sāmarasyapradānataḥ | darśanāt paratattvasya prasāda iti kathyate ||84|| pāśasaṃchedanād devi narakasya nivāraṇāt | pāvanāt parameśāni pānam ity abhidhīyate ||85|| karmaṇā manasā vācā saṃprāptasyāsya [?] sarvadā | samīpasevā vidhivad upāstir iti kathyate ||86|| pañcāṅgīyāsanenaiṣṭadevatāprītidānataḥ [?] | puraḥ sphurati bhaktasya tat puraścaraṇaṃ priye ||87|| āvāhanādikarmāṇi ṣoḍaśa dvādaśāthavā | vidhinācaraṇaṃ proktam upacāra iti smṛtam ||88|| sampūjya sāṅgakaṃ [?] devaṃ ṣoḍaśair upacārakaiḥ | svasthānapreṣaṇaṃ proktaṃ visarjanam iti priye ||89|| devapūjārtham āhvānam āvāhanam iti smṛtam | āsane sanniveśaḥ syāt sthāpanaṃ kulanāyike ||90||

Weil sie Licht und Wonne erzeugt, Einssein im Geschmack (sāmarasya) gibt und die höchste Wirklichkeit sehen lässt, heißt sie „Prasāda“ (Gnadengabe). (84) Weil es die Fessel zerschneidet, die Hölle abwehrt und reinigt, Höchste Herrin, heißt es „Pāna“ (Trank). (85) Wenn man [dem Göttlichen] jederzeit mit Handlung, Geist und Rede, regelgerecht nahe dient, heißt das „Upāsti“ (Verehrung, wörtlich Dabeisitzen). (86) Durch das Sitzen (āsana) mit den fünf Gliedern [?] und weil es der erwählten Gottheit Freude gibt, erscheint sie vor dem Gläubigen; das ist „Puraścaraṇa“ (Vorbereitungsritus), Liebe. (87) Die Handlungen, die mit dem Herbeirufen beginnen, sechzehn oder zwölf, in vorgeschriebener Weise ausgeführt, heißen „Upacāra“ (Dienste/Darbringungen). (88) Nachdem man den Gott mit seinen [Neben-Gottheiten] [?] durch die sechzehn Upacāras verehrt hat, heißt das Zurücksenden an seinen Ort „Visarjana“ (Verabschieden), Liebe. (89) Das Herbeirufen zum Zweck der Gottesverehrung heißt „Āvāhana“; das Platznehmen lassen auf dem Sitz ist „Sthāpana“, Führerin der Kula. (90)

Fußnote: Vers 86 und 89 fehlen laut OCR-Fußnoten in ṅa (Zeichen * und † ). Vers 85: „pāna“ statt OCR „pānara“. Vers 86b: „saṃprāptasyāsya“ unsicher [?]. Vers 87ab: „pañcāṅgīyāsanenaiṣṭa-“ aus verderbtem OCR, „puraḥ sphurati“ (erscheint davor) [?]. Vers 89a: „sāṅgakaṃ“ statt OCR „sāchati“ [?]. Vers 90: „āsane“ statt OCR „āsanaṃ“ [?].

anyonyasammukhākāraḥ sannidhāpanam īritam | tatra kutrāpy acalanaṃ sannirodhanam īritam ||91|| devatāṅgaṣaḍaṅgānāṃ nyāsaḥ syāt sakalīkṛtiḥ | ācchādanaṃ samuddiṣṭam avaguṇṭhanam īritam ||92|| darśanaṃ dhenumudrāyā amṛtīkaraṇaṃ priye | namaste ity añjaliṃ [?] paramīkaraṇaṃ priye | svāgataṃ kuśalapraśnaṃ nigadet devatāgrataḥ ||93|| pādyaṃ śyāmākadūrvāviṣṇukrāntābhir ucyate | jātīlavaṅgakakkolair uktam ācamanīyakam ||94|| akhilāghapraṇāśanād dhanaputravivardhanāt | anantaphaladānāc ca arghyam ity abhidhīyate ||95|| siddhārtham akṣatāś caiva kuśāgraṃ tilam eva ca | yavaṃ gandhaḥ phalaṃ puṣpam aṣṭāṅgārghyaṃ prakīrtitam ||96|| madhvājyadadhibhiḥ prokto madhuparkaḥ kuleśvari | dehaprakṣālanaṃ snānaṃ sugandhisalilaiḥ saha ||97||

Das einander zugewandte Erscheinen [von Gott und Verehrer] heißt „Sannidhāpana“ (Nahebringen); das Nicht-Fortbewegen dort, wohin auch immer, heißt „Sannirodhana“ (Festhalten). (91) Das Setzen der Gottheitsglieder und der sechs Glieder [Herz usw.] ist „Sakalīkṛti“ (Vervollständigung, nyāsa); „Ācchādana“ ist [Bedecken] gemeint, „Avaguṇṭhana“ (Verhüllen). (92) Das Zeigen der Dhenu-Mudrā (Kuh-Geste) ist das „Nektarisieren“ (amṛtīkaraṇa), Liebe; [„Namaste“, mit gefalteten Händen [?], ist das „Höchst-Machen“ (paramīkaraṇa), Liebe;] „Willkommen“ und Frage nach dem Wohlergehen soll man vor der Gottheit aussprechen. (93) „Pādya“ (Fußwasser) wird [aus Wasser mit] Śyāmāka-Hirse, Dūrvā-Gras und Viṣṇukrāntā [einer Pflanze] genannt; „Ācamanīya“ (Mundspülwasser) [wird gesagt] mit Jasmin, Gewürznelke und Kakkola [einem Gewürz]. (94) Weil er alle Sünde beseitigt, Besitz und Söhne mehrt und unendliche Frucht gibt, heißt er „Arghya“ (Ehrengabe). (95) Weißer Senf, ungebrochene Reiskörner, Kuśa-Spitzen, Sesam, Gerste, Duft, Frucht und Blume – dies wird „achtgliedriger Arghya“ genannt. (96) Mit Honig, Ghee und Dickmilch [gemischt] heißt es „Madhuparka“, Herrin der Kula; Waschen des Körpers mit wohlriechendem Wasser ist „Snāna“ (Bad). (97)

Vers 92: die Zeile über „ācchādana“ und „avaguṇṭhana“ ist im OCR unklar. Vers 93: Der OCR-Text bietet drei Zeilen (mit Fußnotenvarianten: ṅa „darśayed dhenumudrāṃ ca“, „namas tv ity aṅga…“); die Zeilenmitte ist entstellt [?], Zeilenzuordnung unsicher. Vers 94: Ergänzungen in Klammern sind Erklärungen des Übersetzers zu Pflanzennamen. Vers 95: Definiendum „arghya“ mit den Silben a-rgh-ya; „dhanaputra-“ statt OCR „…putra-“ [?]. Vers 96: „siddhārtha“ = weißer Senf; nur acht Dinge sind genannt (kein Wasser).

candracandanakastūrīkālāguru […] bhir ucyate | aṣṭāṅgapraṇipātaṃ tu kathitaṃ vandanaṃ priye ||98|| etac carācaraṃ sarvaṃ kṣetram ity abhidhīyate | tat tac ca pālitaṃ yena kṣetrapālaḥ sa ucyate ||99|| iti te kathitā kiṃcid gurunāmādivāsanā | samāsena maheśāni yo jānāti sa pūjakaḥ ||100|| rahasyātirahasyānāṃ rahasyo 'yaṃ maheśvari | ūrdhvāmnāyaḥ samākhyātaḥ samāsena na vistarāt ||101|| kulārṇavam idaṃ śāstraṃ yoginīnāṃ hṛdi sthitam | prakāśitaṃ mayā cāyaṃ gopanīyaṃ prayatnataḥ ||102|| pustakaṃ ca maheśāni paśugehe na nikṣipet | na dadyāt paśuhaste ca na paṭhet paśusannidhau | na paṭhed āsavollāsaṃ sarvaṃ bhūmau na nikṣipet ||103||

[Das Salben] wird mit Kampfer, Sandel, Moschus und schwarzem Aloe(-Holz) [genannt] [Definiendum im OCR ausgefallen]; das Niederwerfen mit den acht Gliedern heißt „Vandana“ (Verneigung), Liebe. (98) Dieses ganze Bewegliche und Unbewegliche heißt „Kṣetra“ (Feld); wer es jeweils schützt (pālita), heißt „Kṣetrapāla“ (Feldhüter). (99) So ist dir, Große Herrin, ein wenig die Deutung der Guru-Namen usw. gesagt, in Kürze; wer sie kennt, ist ein [rechter] Verehrer (pūjaka). (100) Dies ist das Geheimnis der Geheimnisse der Geheimnisse, Herrin: der Ūrdhvāmnāya (obere Überlieferung) ist knapp dargelegt, nicht ausführlich. (101) Dieses Śāstra „Kulārṇava“ (Ozean der Kula) ruht im Herzen der Yoginīs und wurde von mir [hier] offenbart; es ist mit Sorgfalt geheim zu halten. (102) Man soll das Buch, Herrin, nicht im Haus eines Paśu (des Unwissenden, der nicht dem Kula-Weg folgt) ablegen; man soll es nicht in die Hand eines Paśu geben und nicht in der Nähe eines Paśu lesen; man soll nicht [im Zustand] der Freude am Rauschtrank [?] lesen und nichts davon auf den Boden legen. (103)

Vers 98: In der Zeile a fehlt das Definiendum (vermutlich Salbung, anulepana). Vers 101: „ūrdhvāmnāya“ statt OCR „ūḍāmnāya“ [?]. Vers 102: Fußnote: ka, ga, gha lesen ab hier „yoginīnām ...“ etc. Vers 103: OCR hat drei Zeilen unter einer Nummer; Fußnote kha ergänzt „pare preto bhaviṣyati“ (wird im Jenseits zum Gespenst). Der Begriff „paśu“ (wörtlich Vieh) bezeichnet in der Tantra-Terminologie den nicht eingeweihten, an der Fessel (pāśa) hängenden Menschen; er wird hier nicht abwertend übersetzt, sondern als Fachbegriff belassen.

nityaṃ sampūjayed bhaktyā jānīyād gurvaktrataḥ | nāputrāya pravaktavyaṃ nāśiṣyāya kadācana ||104|| lobhād bhayād vā uktvā so 'cirān naśyati dhruvam | devi yad vidyate prāptaṃ [?] tat tat kiṃcin mayoditam ||105|| śrāvakānāṃ hitārthāya muktibhuktiphalaiṣiṇām | yad ūrdhvāmnāyamāhātmyaṃ paṭhec chrāddhe vidhau ||106|| śraddhayā paramayā devi yaḥ śṛṇoti sa kaulikaḥ | vrataṃ snānaṃ tapas tīrthaṃ yajñadevārcanādiṣu ||107|| yat phalaṃ koṭiguṇitaṃ labhate nātra saṃśayaḥ | […] sannivased nātra kāryā vicāraṇā ||108|| iti śrīkulārṇavatantre nirvāṇamokṣadvāre […] sapādalakṣagranthe pañcame khaṇḍe […] saptadaśa ullāsaḥ || samāpto 'yaṃ granthaḥ ||

Man soll es beständig in Hingabe verehren und es aus dem Mund des Guru erfahren; man soll es nicht einem, der nicht Sohn [des Lehrers] ist, und nie einem Nicht-Schüler verkünden. (104) Wer es aus Gier oder Furcht [doch] verkündet, geht bald sicher zugrunde. (105) Göttin, was hier [als] Vorhandenes erlangt ist, das habe ich dir davon ein wenig gesagt, (105) zum Wohl der Hörer, die nach Genuss und Erlösung als Frucht streben. (106) Wer den Ruhm des Ūrdhvāmnāya bei der Śrāddha-Zeremonie vorträgt [?] und wer es, Göttin, mit höchster Gläubigkeit hört, ist ein Kaulika. (106–107) Was an Gelübden, Bädern, Askese, Pilgerorten, Opfern und Götterverehrung [erwächst], dessen Frucht, vervielfältigt zu einer Krore, erlangt er – daran ist kein Zweifel. (107–108) Dort [in seiner Nähe] [?] wohnt [Śiva?] – darüber ist nicht nachzugrübeln. (108) So [endet] im ehrwürdigen Kulārṇava-Tantra, … Erlösungspforte [?] …, im Werk von 125.000 (sapādalakṣa) [Versen], im fünften Abschnitt, der siebzehnte Ullāsa. Dieses Werk ist beendet.

Vers 104: Fußnote kha „gurubhyaḥ …“. Vers 105/106: Die OCR-Zeilen 105–108 sind schwer lesbar; die Zeilenzuordnung zwischen 105 und 108 ist eine Rekonstruktion nach Sinn (die Nummern 106–108 im Druck: 106 nach „śrāddhe vidhau“, 107 nach „yajñadevārcanādiṣu“, 108 nach „vicāraṇā“). Vers 106/107: „ūrdhvāmnāyamāhātmyaṃ“ und „śraddhayā paramayā“ aus entstelltem OCR [?]; Satzbau (Relativsatz) unsicher. Vers 108b: das erste Wort der Zeile ist nicht lesbar; „sannivased“ (dort wohnt) [?]. Kolophon: OCR verstümmelt; erkennbar „nirvāṇa-“, „-mokṣa-dvāre“, „sapādalakṣa-granthe pañcame khaṇḍe“, „saptadaśa ullāsaḥ“; die Lücken sind mit […] markiert. Schluss: „samāpto 'yaṃ granthaḥ“ (Dieses Buch ist beendet). Danach folgt im Druck das Inhaltsverzeichnis (sūcīpatra), das nicht übersetzt wird.

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