Quellen der Menschheit

Kulārṇava Tantra

Paṭala 12: śrīkulārṇavatantre pādukākathanaṃ nāma dvādaśa ullāsaḥ 12. Kapitel: Darlegung der Pādukā (Guru-Hingabe und Guru-Dienst)

Quelle: Kulārṇava-Tantra, hg. Tārānātha Vidyāratna (Arthur Avalon), Tantrik Texts Vol. 5, Luzac & Co., London 1917 (archive.org, OCR-Text). Inhalt: Śiva erläutert auf Śrīdevīs Frage das Wesen der Hingabe an die Pādukā (die „Sandalen“ = Fußspur des Gurus): Ihre Erinnerung übertrifft alle Gaben, Gelübde, Opfer und Pilgerfahrten (Verse 1–14); ohne Guru-Hingabe kein Gelingen von Mantra, Erlösung folgt aus Gurus Zufriedenheit (15–46). Es folgen Vergehen gegen den Guru samt Folgen (47–79) und ausführliche Anstandsregeln für den Schüler: Verhalten in Gegenwart des Gurus, Verbote, Grußregeln, Entfernungen (80–128). Kapitel mit 129 Versen und Kolophon. Die OCR-Qualität ist mäßig bis schlecht; die Verszählung des Druckes ist stellenweise gestört (Verse 22–29, 46, 117–119); unsichere Stellen sind mit [?] markiert, Handschriftenvarianten (ka kha ga gha ṅa) laut Fußnoten in notes erwähnt.

śrīdevy uvāca | kuleśa śrotum icchāmi pādukābhaktilakṣaṇam | ācāram api deveśa vada me karuṇānidhe ||1|| īśvara uvāca | śṛṇu devi pravakṣyāmi yan māṃ tvaṃ paripṛcchasi | tasya śravaṇamātreṇa bhaktir āśu prajāyate ||2|| evaṃ kulārṇavaṃ jñānaṃ pādukāyāṃ pratiṣṭhitam ||3|| koṭikoṭimahādānāt koṭikoṭimahāvratāt | koṭikoṭimahāyajñāt parā śrīpādukāsmṛtiḥ ||4|| koṭikoṭimantrajāpāt koṭitīrthāvagāhanāt | koṭidevārcanād devi parā śrīpādukāsmṛtiḥ ||5|| mahāroge mahotpāte mahādoṣe mahābhaye | mahāpadi mahāpāpe smṛtā rakṣati pādukā ||6|| durācāre durālāpe duḥsaṅge duṣṭasaṃgrahe | durāhāre ca durbuddhau smṛtā rakṣati pādukā ||7||

Die Göttin sprach: Herr der Kula, ich möchte das Kennzeichen der Hingabe an die Pādukā (die „Sandalen“, d. h. die Fußspuren des Gurus) hören, und auch die rechte Lebensführung (ācāra), Gott der Götter – sage sie mir, Ozean des Mitleids. (1) Īśvara sprach: Höre, Göttin, ich sage dir, wonach du mich fragst; schon durch das bloße Hören davon entsteht rasch Hingabe. (2) So ist das Wissen vom Kula-Ozean (kulārṇava) in der Pādukā gegründet. (3) [nur eine Halbzeile überliefert] Aus Millionen und Abermillionen großer Gaben, aus Millionen großer Gelübde, aus Millionen großer Opfer [entsteht nicht so viel] – höher steht die Erinnerung an die heilige Pādukā. (4) Höher als Millionen Mantra-Rezitationen, als das Bad in Millionen heiliger Furten, als Millionen Götterverehrungen, Göttin, steht die Erinnerung an die heilige Pādukā. (5) Bei großer Krankheit, großem Unheil, großem Fehler, großer Gefahr, in großer Not, bei großer Sünde – erinnert man sich der Pādukā, so schützt sie. (6) Bei schlechtem Wandel, schlechtem Gerede, schlechter Gesellschaft, bösem Zugriff [?], schlechter Nahrung und böser Gesinnung schützt sie, wenn man sich ihrer erinnert. (7)

Vers 1d: „karuṇānidhe“ nach dem Sinn rekonstruiert; das OCR-Wort ist verstümmelt [?]. Vers 3: nur eine Zeile (Halbvers) ist gedruckt; die erste Hälfte fehlt in der Ausgabe oder ging im OCR verloren; ein Fußnotenvermerk deutet an, dass Handschriften (ka, ṅa) hier nach diesem Vers einen weiteren Vers einschieben, dessen Anfang „prathamaṃ parameśāni“ lautet; er ist im Druck nicht abgedruckt. Ka liest laut Fußnote „tad arṇavaṃ jñānam“. Vers 7b: „duṣṭasaṃgrahe“ nach Fußnote (kha) statt entstelltem OCR [?]; ṅa liest „durāloke“ in Vers 7a.

tenādhītaṃ śrutaṃ jñātaṃ dṛṣṭaṃ dattaṃ ca pūjitam | jihvāgre vartate yasya sadā śrīpādukāsmṛtiḥ ||8|| sakṛd vā śrīpādukāṃ devi yo vā japati bhaktitaḥ | sa sarvapāparahitaḥ prāpnoti paramāṃ gatim ||9|| śucir vāpy aśucir vāpi bhaktyā smarati pādukām | anāyāsena dharmārthakāmamokṣān labhet saḥ ||10|| śrīnāthacaraṇāmbhojaṃ yasyāṃ diśi virājate | tasyāṃ diśi namaskuryād bhaktyā pratidinaṃ priye ||11|| na pādukāparo mantro na devaḥ śrīguroḥ paraḥ | na hi śāktāt parā dīkṣā na puṇyaṃ kulapūjanāt ||12|| dhyānamūlaṃ gurormūrtiḥ pūjāmūlaṃ guroḥ padam | mantramūlaṃ guror vākyaṃ mokṣamūlaṃ guroḥ kṛpā ||13|| gurumūlāḥ kriyāḥ sarvā loke 'smin kulanāyike | tasmāt sevyo guruḥ nityaṃ siddhyarthaṃ bhaktisaṃyutaḥ ||14||

Von dem ist alles gelernt, gehört, erkannt, gesehen, gegeben und verehrt, auf dessen Zungenspitze stets die Erinnerung an die heilige Pādukā weilt. (8) Wer auch nur einmal, Göttin, die heilige Pādukā mit Hingabe rezitiert, der wird von allen Sünden frei und erlangt das höchste Ziel. (9) Rein oder unrein: wer sich mit Hingabe der Pādukā erinnert, gewinnt mühelos Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa (die vier Lebensziele). (10) In welcher Himmelsrichtung der Lotosfuß des heiligen Herrn (Śrīnātha, des Gurus) erstrahlt, in dieser Richtung soll man sich täglich mit Hingabe verneigen, Liebe. (11) Es gibt kein Mantra, das höher wäre als die Pādukā, keinen Gott über dem heiligen Guru, keine Weihe höher als die śākta-Weihe (dīkṣā) und kein Verdienst höher als die Kula-Verehrung. (12) Die Wurzel der Meditation ist die Gestalt des Gurus, die Wurzel der Verehrung der Fuß des Gurus, die Wurzel des Mantra das Wort des Gurus, die Wurzel der Erlösung die Gnade des Gurus. (13) Alle rituellen Handlungen in dieser Welt haben den Guru zur Wurzel, Herrin der Kula; deshalb soll man den Guru stets mit Hingabe verehren, um Vollendung (siddhi) zu erlangen. (14)

Vers 12c: „śāktāt“ nach Sinn und Zeilenlänge; das OCR zeigt eine abweichende Form [?]. Fußnote (ṅa) „na hi śāstrāt paraṃ jñānam“ (nicht Weihe, sondern Wissen höher als die Schrift) als Variante zu 12c. Eine Fußnote vermerkt, dass kha „einen Vers dieser Stelle nicht“ kennt (Zuordnung im OCR unklar).

tāvad ārtibhayaṃ śokaḥ lobhamohaśramādayaḥ | yāvan nāyāti śaraṇaṃ sadguruṃ bhaktavatsalam ||15|| bhramanti saṃsāre sarvaduḥkhamalīmasāḥ | na bhavet sadgurau bhaktir yāvad vai dehinām ||16|| sarvasiddhiphalopetas tāvan mantro na sidhyati | guruprasādamūlo 'yaṃ paratattvamahādrumaḥ ||17|| yathā dadāti santuṣṭaḥ prasanno varado manum | tathā bhaktyā dhanaiḥ prāṇair guruṃ yatnena toṣayet ||18|| yadā dadyāt sa śiṣyāya svātmānaṃ deśikottamaḥ | tadā mukto bhaved śiṣyas tato nāsti punarbhavaḥ ||19|| ārādhayec chiṣyaḥ prasanno 'sau yadā bhavet | guroḥ prasanne śiṣyasya sadyaḥ pāpakṣayo bhavet ||20|| manasāpi na kāṅkṣante yān kāmān anujīvinaḥ | tān sarvān sampādayanti svāminaḥ bhaktavatsalāḥ ||21||

Solange man nicht beim Sad-Guru, der seine Verehrer liebt, Zuflucht sucht, so lange bestehen Bedrängnis, Furcht, Kummer, Gier, Verblendung, Erschöpfung und dergleichen. (15) Von allem Leid befleckt irren die Verkörperten im Saṃsāra umher, solange keine Hingabe an den Sad-Guru entsteht [?]. (16) Ein Mantra, [so] mit allen Früchten der Vollendung ausgestattet, gelingt so lange nicht [ohne den Guru]; dieser große Baum der höchsten Wirklichkeit (paratattva) hat die Gnade des Gurus zur Wurzel. (17) So wie ein zufriedener, wohlgesinnter, Wünsche gewährender [Guru] das Mantra gibt, so soll man den Guru mit Hingabe, mit Besitz und Leben, mit Bemühen zufriedenstellen. (18) Wenn der beste Lehrer (deśika) sich selbst dem Schüler gibt, dann wird der Schüler befreit; danach gibt es keine Wiedergeburt mehr. (19) Der Schüler soll [den Guru] verehren, bis dieser zufrieden ist; ist der Guru zufrieden, so schwindet die Sünde des Schülers auf der Stelle. (20) Was die Abhängigen (anujīvin, „die von ihm Lebenden“) nicht einmal im Geist wünschen – alle diese Wünsche erfüllen [ihnen] die Herren (svāmin), die ihre Verehrer lieben. (21)

Vers 15: OCR „tāvad … cāvan nāyāti“; korrigiert zu „yāvan nāyāti“ (der Sinn verlangt yāvat/tāvat). Fußnote (kha) „tāvad duḥkhaṃ mahāśokaḥ …“ als Variante zu 15ab. Vers 16d: „yāvad vai dehinām“ ist unsicher [?] und syntaktisch unklar. Vers 17: Haupttext „śuṣyati śobhanaḥ“ (OCR), Fußnote (kha) „sarvasiddhiphalopetas tāvan mantro na sidhyati“ gewählt; „mahādrumaḥ“ (großer Baum) aus OCR „mahākramaḥ“ rekonstruiert [?], Fußnote ṅa „mahātmanaḥ“. Vers 18: das Subjekt „Guru“ ist ergänzt; „manu“ = Mantra. Vers 20a: Objekt „guruṃ“ fehlt im OCR-Text; [ergänzt]. Vers 21c: „sampādayanti“ statt OCR-Form; ṅa „prasādayanti“ [?].

brahmaviṣṇumaheśādidevatāmunayo [… unlesbar …] ||22|| bhaktyā tuṣṭena guruṇā yaḥ pradiṣṭaḥ kṛpālunā | karmamukto bhaved śiṣyo bhuktimuktyoḥ sa bhājanam ||23|| śiṣyeṇāpi tathā kāryaṃ yathā santoṣito guruḥ | tasmād guroḥ priyaṃ kuryān manovākkāyakarmabhiḥ ||24|| yadi tuṣṭena guruṇā yatra kutracid āsthitaḥ | mukto 'sīti samādiṣṭaḥ so 'pi muktiṃ vrajet priye ||25|| athavā niṣprapañcena rājñā kenacid īśvari | karoti gurusāmīpye paśupāśavimocanam ||26|| na me priyaś caturvedī madbhaktaḥ śvapaco 'pi vā | tasmai deyaṃ tato grāhyaṃ sa ca pūjyo yathā hy aham ||27|| vipraḥ ṣaḍguṇayukto 'py abhakto na praśasyate | mleccho 'pi guṇahīno 'pi bhaktimān śiṣya ucyate ||28|| gurubhaktivihīnasya tapo vidyā kulaṃ vratam | sarvaṃ naśyati tasyaiva bhūṣaṇaṃ lokarañjanam ||29||

Brahmā, Viṣṇu, Maheśa usw., die Götter und die Weisen … [Rest der Zeile unlesbar]. (22) Wer durch einen mitfühlenden Guru, der durch Hingabe zufriedengestellt ist, [so] unterwiesen ist, wird Schüler, der von den Werken (karman) befreit ist; er ist Gefäß von Genuss und Erlösung. (23) Auch der Schüler soll so handeln, dass der Guru zufrieden ist; deshalb soll er dem Guru in Gedanken, Worten, Körper und Handlungen Liebes tun. (24) Wenn ein zufriedener Guru [einen Schüler], wo immer er sich befindet, mit den Worten „Du bist befreit“ anweist, so gelangt auch dieser zur Befreiung, Liebe. (25) Oder [auch] durch einen [?] – wer in der Nähe des Gurus die Lösung des paśu (des „Tieres“, d. h. der gebundenen Seele) von den Fesseln bewirkt … [Vers unsicher, s. Notiz]. (26) Mir ist kein Kenner der vier Veden lieb wie mein Verehrer, und sei er ein Śvapaca (Hundeesser, Ausgestoßener): ihm soll man geben, von ihm nehmen; er ist zu verehren wie ich. (27) Ein Brahmane mit den sechs Vorzügen, der ohne Hingabe ist, wird nicht gepriesen; auch ein Mleccha ohne Vorzüge wird „Schüler“ genannt, wenn er Hingabe hat. (28) Bei einem, dem die Hingabe an den Guru fehlt, geht Askese, Wissen, Familie und Gelübde alles zugrunde; [nur] als Schmuck zur Belustigung der Leute bleibt es [?]. (29)

Vers 22: die OCR-Zeile ist stark entstellt; nur „brahmaviṣṇumaheśādi-devatā-muni-“ ist lesbar. Die Zählung im Druck ist an dieser Stelle gestört: die Zeile „bhaktyā tuṣṭena …“ trägt im OCR die Zahl 22 und muss nach der Reihenfolge Vers 23 sein (OCR-Ziffernfehler 23 als 22); die folgenden Verse sind 24–29, wie der Druck sie zählt (24 bis 29), und Vers 30 stimmt wieder mit dem Druck überein. Fußnote zu 23: ṅa „bhaktyā santuṣṭaguruṇā yopadiṣṭaḥ kṛpātmanā“; Fußnote (kha, gha) „yadi vā parituṣṭena guruṇā“ steht bei 25. Vers 24cd: Lesart nach Fußnote (kha, gha, ga: „tasmād guroḥ priyaṃ kuryāt“); der Haupttext-OCR ist entstellt. Vers 26: OCR stark entstellt (ṅa: „…dhāstikena cid īśvari“); Rekonstruktion und Übersetzung unsicher [?]. „paśu“ im Tantra: die durch Unwissenheit gebundene Seele. Vers 27 (Śiva spricht): „śvapaca“ = Hundeesser, Angehöriger der untersten Schicht. Vers 29d: „bhūṣaṇaṃ lokarañjanam“ unsicher [?].

gurubhaktyagninā samyag dagdhaduritakalmaṣaḥ | śvapaco 'pi paraiḥ pūjyo vidvān api na nāstikaḥ ||30|| dharmārthakāmaiḥ kiṃ tasya mokṣa eva kare sthitaḥ | sadgurau devi yasya bhaktiḥ sadā sthirā ||31|| sa śivo gururūpeṇa muktibhuktipradaḥ smṛtaḥ | iti bhaktyā smared yas tu tasya siddhir adūrataḥ ||32|| yasya deve parā bhaktir yathā deve tathā gurau | tasyaite kathitā hy arthāḥ prakāśante kuleśvari ||33|| nārāyaṇe mahādeve mātāpitroś ca rājani | bhaktir yathā mahādevi tathā kāryā nije gurau ||34|| lakṣmīnārāyaṇau vāṇīdhātārau girijāśivau | śrīguruṃ gurupatnīṃ ca pitarāv iti cintayet ||35|| gurubhaktyā yathā devi prāpyante sarvasiddhayaḥ | na dānatapastīrthavratādyair api tathā priye ||36|| gurau niścalā bhaktir vardhate hi yathā yathā | tathā tathāsya vijñānaṃ vardhate kulanāyike ||37||

Wer im Feuer der Guru-Hingabe Sünde und Makel vollständig verbrannt hat – auch ein Śvapaca wird von anderen verehrt; ein Gelehrter, [der] Nāstika [ist], [wird es] nicht [?]. (30) Was nützen ihm Dharma, Artha und Kāma? Die Erlösung selbst steht ihm in der Hand – dem, Göttin, dessen Hingabe an den Sad-Guru stets fest ist. (31) „Er ist Śiva in der Gestalt des Gurus, Spender von Genuss und Erlösung“ – wer sich so mit Hingabe erinnert, dem ist die Vollendung nicht fern. (32) Wer zu Gott höchste Hingabe hat, [und] wie zu Gott, so zum Guru: dem leuchten diese dargelegten Inhalte (arthāḥ) auf, Herrin der Kula. (33) Wie die Hingabe an Nārāyaṇa, an Mahādeva, an Mutter und Vater und den König, große Göttin, so soll man sie dem eigenen Guru entgegenbringen. (34) Lakṣmī und Nārāyaṇa, Vāṇī (Sarasvatī) und Brahmā, Girijā (Pārvatī) und Śiva – als solche soll man den heiligen Guru und die Frau des Gurus als [göttliche] Eltern betrachten. (35) So wie durch Guru-Hingabe, Göttin, alle Vollendungen erlangt werden, [so] nicht durch Gaben, Askese, heilige Furten, Gelübde und dergleichen, Liebe. (36) In dem Maße, wie die unerschütterliche Hingabe an den Guru wächst, in dem Maße wächst dessen höheres Wissen (vijñāna), Herrin der Kula. (37)

Vers 30d: „vidvān api na nāstikaḥ“ so im OCR; Sinn unsicher [?] (vermutlich: ein gelehrter Nāstika, d. h. Ungläubiger, ist nicht zu verehren). Vers 31: „sadgurau“ nach OCR „satvaraḥ … guro“ rekonstruiert [?]. Vers 32b: „smṛtaḥ“ statt OCR-Form (Variante „mataḥ“ möglich) [?]. Vers 32c: ṅa liest „sarvabhāve“. Vers 33b: „tasyaite“ ergänzt aus OCR „tasya te“. Vers 37a: „gurau“ aus OCR „cīro“ (Verlesung) rekonstruiert [?]. Vers 36: Fußnote (ka, ga, gha) „yathāśaktir bhavet devi“ als Variante zu 36.

kiṃ tīrthaiḥ mahāyāsaiḥ kiṃ vrataiḥ kāyaśoṣaṇaiḥ | nirvyājasevā deveśi bhaktir eṣā hi sadguroḥ ||38|| kāyakleśena mahatā tapasā vāpi yat phalam | tat phalaṃ labhate devi sukhena gurusevayā ||39|| bhogamokṣārthināṃ brahmaviṣṇuśivapadakāṅkṣiṇām | bhaktir eva gurau devi nānyaḥ panthā iti śrutiḥ ||40|| aśubhāni ca karmāṇi mahāpātakajāni ca | bhaktiḥ kṣaṇena dahati tūlarāśim ivānalaḥ ||41|| viśvāsāya namas tasmai sarvasiddhipradāyine | yena śuṣkāṇi dārūṇi phalanty avikalaṃ phalam ||42|| na yogo na tapo nārcākramaḥ ko 'pi pralakṣyate | devi kulamārge 'smin bhaktir eva viśiṣyate ||43|| sākṣād gurumaye devi sarvasmin bhuvanāntare | kiṃ na bhaktimatāṃ cetasi mantraḥ karṇā na sidhyati ||44|| gurau manuṣyabuddhiṃ ca mantre cākṣarabuddhikam | pratimāsu śilābuddhiṃ kurvāṇo narakaṃ vrajet ||45|| guruṃ na martyaṃ budhyeta yadi budhyeta tasya hi | na kadācid bhaved siddhir mantrair vā devatārcanaiḥ ||46||

Wozu heilige Furten mit großer Mühsal, wozu Gelübde, wozu Körperkasteiung? Der selbstlose Dienst, Göttin, ist eben diese Hingabe an den Sad-Guru. (38) Die Frucht, die man durch große Körperplage oder durch Askese erlangt, diese Frucht erlangt man, Göttin, mühelos durch Dienst am Guru. (39) Für die, die Genuss und Erlösung suchen und nach dem Rang eines Brahmā, Viṣṇu oder Śiva streben, gibt es allein die Hingabe an den Guru, Göttin; „es gibt keinen anderen Weg“, so die Überlieferung (śruti). (40) Unheilvolle Taten und solche, die aus schwersten Sünden entstehen, verbrennt die Hingabe in einem Augenblick, wie Feuer einen Haufen Baumwolle. (41) Verneigung vor jenem Vertrauen (viśvāsa), das alle Vollendungen gibt, durch das selbst dürre Hölzer ohne Mangel Frucht tragen! (42) Weder Yoga noch Askese noch irgendeine Ordnung der Verehrung wird [so] erkennbar; auf diesem Kula-Weg, Göttin, zeichnet sich allein die Hingabe aus. (43) Im ganzen Weltall ist [doch] sichtbar alles vom Guru durchdrungen, Göttin; [darum] – was [wäre es], dass bei Hingegebenen im Herzen das Mantra … nicht gelänge [?] (44) Wer im Guru einen [bloßen] Menschen sieht, im Mantra [bloße] Buchstaben, in Götterbildern [bloßen] Stein, der geht zur Hölle. (45) Man soll den Guru nicht für einen Sterblichen halten; hält man ihn dafür, dann gelingt einem niemals Vollendung, weder durch Mantras noch durch Götterverehrungen. (46)

Vers 38d: Fußnote (gha) „bhaktir eva hi sadguroḥ“. Vers 40b: „śivapada“ aus OCR „…ṇapada“ rekonstruiert. Vers 42: OCR stark entstellt; Lesart nach Fußnote (kha: „yena śuṣkāṇi tatkālaṃ phalanty avikalaṃ phalam“): „dārūṇi“ (Hölzer) statt „tatkālam“ [?]; „viśvāsāya“ unsicher [?]. Vers 43: OCR „nārcākramaḥ ko 'pi praloyate“ zu „pralakṣyate“ verbessert [?]; „devi“ statt OCR-Wort [?] (ṅa: „amāyākulamārgeṇa“). Vers 44cd: OCR entstellt („kiṃ na bhaktimatāṃ … karṇā na sidhyati“); Rekonstruktion und Sinn unsicher [?]. Vers 46: Halbzeile 46cd im OCR entstellt; die Zählung im Druck zeigt „49“ statt 46 (OCR-Ziffernfehler, nach Zählung korrigiert).

ye guruṃ prākṛtaiḥ sārdhaṃ smaranti vadanti ca | teṣāṃ hi sukṛtaṃ sarvaṃ pātakaṃ bhavati priye ||47|| janmahetū hi pitarau pūjanīyau prayatnataḥ | guruś ca viśeṣataḥ pūjyo dharmādharmapradarśakaḥ ||48|| guruḥ pitā gurur mātā gurur devo maheśvaraḥ | śive ruṣṭe gurus trātā gurau ruṣṭe na kaścana ||49|| guroḥ hitaṃ hi kartavyaṃ manovākkāyakarmabhiḥ | ahitācaraṇād devi viṣṭhāyāṃ jāyate kṛmiḥ ||50|| śarīrajīvitaprāṇān śrīguror vañcayanti ye | kṛmikīṭapataṅgatvaṃ prāpnuvanti na saṃśayaḥ ||51|| mantratyāgād bhaven mṛtyur gurutyāgād daridratā | gurumantraparityāgād rauravaṃ narakaṃ vrajet ||52|| gurvarthaṃ dhārayed dehaṃ tadarthaṃ dhanam arjayet | nijaprāṇān parityajya gurukāryaṃ samācaret ||53|| gurūktaṃ paruṣaṃ vākyam āśiṣaṃ paricintayet | tena santāḍito vāpi prasādam iti saṃsmaret ||54|| bhogyabhojyāni vastūni gurave ca samarpayet | tacchesam iti saṃcintya cānubhuñjīta kuleśvari ||55||

Die, die den Guru zusammen mit gewöhnlichen Leuten erinnern und von ihm sprechen [d. h. ihn den Gewöhnlichen gleichstellen], deren ganzes Verdienst wird zur Sünde, Liebe. (47) Die beiden Eltern, die Ursache der Geburt, soll man sorgfältig verehren; der Guru aber ist besonders zu verehren, der Dharma und Adharma zeigt. (48) Der Guru ist Vater, der Guru ist Mutter, der Guru ist Gott, der Guru ist Maheśvara; ist Śiva erzürnt, so rettet der Guru; ist der Guru erzürnt, [rettet] niemand. (49) Das Wohl des Gurus soll man tun in Gedanken, Worten, Körper und Handlungen; durch Schädigung [des Gurus], Göttin, wird man als Wurm im Kot geboren. (50) Die, die dem heiligen Guru Körper, Leben und Lebenshauch vorenthalten, werden ohne Zweifel zu Würmern, Insekten und Faltern. (51) Aufgabe des Mantra bringt den Tod, Aufgabe des Gurus Armut; wer Guru und Mantra aufgibt, geht in die Raurava-Hölle. (52) Um des Gurus willen soll man den Körper erhalten, um seinetwillen Besitz erwerben; sein eigenes Leben aufgebend soll man den Dienst für den Guru ausführen. (53) Ein hartes Wort des Gurus soll man als Segenswunsch betrachten; auch wenn er einen geschlagen hat, soll man es als Gnade ansehen. (54) Genießbares und Essbares gebe man dem Guru dar und genieße es [erst], indem man denkt „dies ist sein Rest“, Herrin der Kula. (55)

Vers 47a: „prākṛtaiḥ sārdham“ nach OCR; Bedeutung: den Guru auf eine Stufe mit gewöhnlichen Menschen stellen. Vers 48: „janmahetū pitarau“ = beide Eltern als Geburtsursache; Lesung des zweiten Halbverses nach OCR-Form „guruḥ … pūjyo“ [?]. Vers 50a: OCR „garuto“ (Verlesung), rekonstruiert als „guroḥ“ [?]; 50a lautet vielleicht ursprünglich „gurūktam“ o. ä. Vers 51ab: Lesart nach Fußnote (ṅa) „śarīrajīvitaprāṇaṃ śrīguror vañcayanti ye“. Vers 52c: „raurava(ṃ) narakam“, OCR „gaurava“ verlesen. Vers 54a: „gurūktaṃ“ aus OCR „garuto“ rekonstruiert [?]. Zählung: Vers 55 trägt im Druck die Zahl „55“ (mit einfachem Danda).

gurvājñāṃ vinā na tapaḥ kuryān nopavāsavratādikam | tīrthayātrāṃ na kuryāc ca na snāyād ātmaśuddhaye ||56|| na niyogaṃ guroḥ kuryān na yuṣmadā caiva bhāṣayet | ṛṇadānaṃ tathādānaṃ vastūnāṃ krayavikrayau | na kuryād gurubhiḥ sārdhaṃ śiṣyo bhūtvā kathaṃcana ||57|| na kuryān nāstikaiḥ sārdhaṃ saṃbhāṣaṇam apīśvari | vilokya dūrato gacchen nāsīta saha taiḥ kvacit ||58|| gurau sannihite yas tu pūjayed anyam ambike | sa yāti narakaṃ ghoraṃ sā pūjā niṣphalā bhavet ||59|| [… unlesbar …] | tadājñayā tu kartavyam ājñārūpo guruḥ smṛtaḥ ||60|| mantrāgamādi yad anyat svaṃ tasmai nivedayet | gurvājñayā tu gṛhṇīyāt tan niṣiddhaṃ vivarjayet ||61|| svaśāstroktaṃ rahasyaṃ tu na vadet kasyacit kvacit | yadi brūyāt sa naśyet sa eva na saṃśayaḥ ||62|| advaitaṃ bhāvayec cittaṃ na dvaitaṃ guruṇā saha | sarvabhūtebhyo hitaṃ kuryāt kuleśvari ||63||

Ohne Erlaubnis des Gurus soll man keine Askese üben, kein Fasten, Gelübde und dergleichen, keine Wallfahrt zu heiligen Furten unternehmen und nicht zur Reinigung des Selbst baden [?]. (56) Man soll dem Guru keine Aufträge erteilen und ihn nicht mit „yuṣmad“ [der vertraulichen Anrede] ansprechen [?]. Schuldgeschäfte, Annehmen [von Dingen], Kauf und Verkauf von Waren soll ein Schüler, der [Schüler] geworden ist, mit den Gurus niemals betreiben. (57) Mit Ungläubigen (nāstika) soll man sich nicht unterhalten, Göttin; sieht man sie, so gehe man von weitem weg und sitze nie mit ihnen zusammen. (58) Wer, wenn der Guru in der Nähe ist, einen anderen verehrt, Mutter, der geht in die schreckliche Hölle, und jene Verehrung bleibt fruchtlos. (59) [Zeile unlesbar]; deshalb ist es auf seinen Befehl hin zu tun; der Guru gilt als die Verkörperung des Befehls. (60) Mantras, Āgamas usw. und was sonst der Schüler besitzt, soll er ihm darlegen; er nehme [es] nur auf Befehl des Gurus an; das [vom Guru] Verbotene meide er. (61) Was in den eigenen Schriften als Geheimnis gelehrt ist, soll man niemandem irgendwo mitteilen; sagt man es doch, so geht man zugrunde, ohne Zweifel. (62) Man richte den Geist auf Nicht-Zweiheit (advaita), nicht auf Zweiheit gegenüber dem Guru; und allen Wesen tue man Gutes, Herrin der Kula. (63)

Vers 56a: „gurvājñāṃ vinā“ statt OCR „gavaye“ [?]. Vers 57: dreizeilig gedruckt (Halbzeile „na niyogaṃ …“ und zwei weitere), wohl mit überzähligen Zeilen; „yuṣmadā“ (Anrede mit yuṣmad, „ihr/du“) unsicher [?]. Vers 60a: OCR entstellt, Wortlaut nicht rekonstruierbar (etwa: „śirasā …-dhāriṇā“ mit Erwähnung von Guru und Sandalen); 60b: „ājñārūpo guruḥ smṛtaḥ“ deutlich. Vers 61: OCR-Form „mantrāgamādyam anyat“ zu „mantrāgamādi yad anyat“ [?]. Vers 62: Ende „sa naśyet“ statt OCR „sa sabhayā“ [?]. Vers 63a: „advaitaṃ bhāvayec cittaṃ na dvaitaṃ“ rekonstruiert aus OCR „ataṃ bhāvathecityaṃ na dataṃ“ [?]; 63cd nach Fußnote (kha, ṅa) „sarvabhūtebhyo“. Die Druckzahlen 92/93 im OCR stehen für 62/63.

ātmārthamānasavācaḥ śuśrūṣā syāc caturvidhā | śuśrūṣayā dhiyā devi śiṣyaḥ santoṣayed gurum ||64|| pade pade 'śvamedhasya phalaṃ prāpnoty asaṃśayam | śuśrūṣaṇaparo yas tu gurudevamahātmanām ||65|| kevalā gurusevā tu tatkṛpākāriṇī priye | sadbhaktisahitā cet sā sarvakāmaphalapradā ||66|| kṣīyante sarvapāpāni vardhante puṇyarāśayaḥ | sidhyanti sarvakāryāṇi guruśuśrūṣayā priye ||67|| yad yad ālakṣitaṃ vastu tat tad vittam avañcayan | gurudevārcako yas tu tasya punar na garbhagatiḥ ||68|| vittānusāreṇa gurum uddiśya yat kṛtam | alpe mahati vā tulyaṃ puṇyam āḍhyadaridrayoḥ ||69|| sarvasvam api yo dadyād gurau bhaktivivarjitaḥ | śiṣyo na phalam āpnoti bhaktir eva hi kāraṇam ||70|| yasmin dravye guror asti spṛhā nānubhavet tu tat | avaśyaṃ yadi vāñchā syād anubhūyāt tadājñayā ||71||

Der Dienst (śuśrūṣā) soll vierfach sein: [mit dem Selbst (Körper?), mit Besitz, mit dem Geist und mit Worten] [?]. Durch Dienst und Verstand soll der Schüler, Göttin, den Guru zufriedenstellen. (64) Wer sich dem Dienst an Guru, Göttern und Großen widmet, erlangt ohne Zweifel bei jedem Schritt die Frucht eines Aśvamedha (Rossopfers). (65) Dienst am Guru allein bewirkt dessen Gnade, Liebe; ist er mit echter Hingabe verbunden, so gibt er die Frucht aller Wünsche. (66) Alle Sünden schwinden, Ströme von Verdienst wachsen, alle Vorhaben gelingen durch den Dienst am Guru, Liebe. (67) Was immer [er als dem Guru zusagend] erkennt, [davon soll er] den Besitz [des Gurus] nicht vorenthalten [?]; wer Guru und Götter verehrt, dessen Weg führt nicht wieder in einen Mutterleib [?]. (68) Was man dem Vermögen entsprechend für den Guru tut, ob wenig oder viel, bringt dem Reichen und dem Armen gleiches Verdienst. (69) Wer dem Guru alles gibt, aber ohne Hingabe, der Schüler erlangt keine Frucht; die Hingabe allein ist die Ursache. (70) An welchem Gut der Guru Gefallen hat, das soll [der Schüler] nicht [selbst] genießen; will er es unbedingt, so genieße er es auf dessen Weisung. (71)

Vers 64: OCR stark entstellt („ātmārthamānasadbhrātaraḥ śuśrūṣā syāt tu …“); Rekonstruktion „ātmārthamānasavācaḥ“ (vierfacher Dienst: Selbst/Körper, Besitz, Geist, Rede) unsicher [?]; die Fußnote ṅa liest „ātmadravyamano …“ [?]. Vers 65: „pade pade“ statt OCR-Form. Vers 66: Fußnote (ṅa) „tadbhaktisahitāḥ sarve sarvakāmaphalapradāḥ“. Vers 68: OCR entstellt; Lesart nach Fußnote (kha, ga, gha) „tattadvittam avañcayan“; die Übersetzung ist unsicher [?]; 68d „punar na garbhagatiḥ“ statt OCR „puraṃ na garte“ [?]. Vers 69: Lesart nach Fußnote (kha) „alpam eva mahat puṇyaṃ tulyam …“; gewählt „alpe mahati vā tulyaṃ puṇyam āḍhyadaridrayoḥ“ [?].

yas tilād vā tadardhaṃ vā gurusvam upajīvati | lobhān mohāt sa pacyeta narake ciram ||72|| atyalpaṃ hi guror dravyam adattaṃ svīkaroti yaḥ | sa tiryagyonim āpannaḥ kravyādair bhakṣyate priye ||73|| gurudravyābhilāṣī ca gurustrīgamanotsukaḥ | patitasya kutas tasya prāyaścittaṃ na vidyate ||74|| ājñābhaṅgo 'rtha-haraṇaṃ guror apriyavartanam | gurudrohaṃ idaṃ prāhuḥ karoti sa hi pātakī ||75|| svadravyaviniyogaṃ tu nānivedya gurau caret | anivedya tu yaḥ kuryāt sa bhaved brahmaghātakaḥ ||76|| guroḥ sthānaṃ sampradāyaṃ tad dharmaṃ yo vināśayet | gurubhiḥ sa bahiṣkāryo daṇḍyo vadhyaś ca ghātakaḥ ||77|| gurukopād vināśaḥ syād gurudrohāc ca pātakam | vismṛtir gurunindāyāṃ gurvaniṣṭān mahāpadaḥ ||78|| jīved agnipraviṣṭo vā naraḥ pītaviṣo 'pi vā | mṛtyuhastagato vāpi nāparādhakaro guroḥ ||79||

Wer auch nur ein Sesamkorn oder die Hälfte davon von des Gurus Besitz lebt, aus Gier oder Verblendung, der wird lange in der Hölle gebraten. (72) Wer auch nur ein winziges Stück vom Besitz des Gurus ohne Erlaubnis (adatta) an sich nimmt, wird als Tier geboren und von Fleischfressern verzehrt, Liebe. (73) Wer nach dem Besitz des Gurus verlangt und begierig ist, zur Frau des Gurus zu gehen – für einen so Gefallenen, wie sollte es da eine Sühne (prāyaścitta) geben? Es gibt keine. (74) Bruch des Befehls, Wegnahme des Besitzes, unangenehmes Verhalten dem Guru gegenüber: dies nennt man Guru-Verrat (gurudroha); wer es tut, ist ein Sünder. (75) Man soll sein eigenes Vermögen nicht verwenden, ohne es dem Guru mitgeteilt zu haben; wer es ohne Mitteilung tut, wird zum Brahmanenmörder [gleichgestellt]. (76) Wer den Sitz des Gurus, die Überlieferung (sampradāya) und deren Dharma zerstört, der ist von den Gurus auszustoßen, ist strafbar und als Mörder zu töten [?]. (77) Durch den Zorn des Gurus entsteht Untergang, durch Guru-Verrat Sünde; [wer den Guru] vergisst, [wenn] Guru-Tadel [geschieht], durch Schädigung des Gurus entsteht große Not [?]. (78) Selbst wer ins Feuer gegangen ist, oder Gift getrunken hat, oder in der Hand des Todes ist, mag am Leben bleiben – [nicht aber] der, der sich am Guru vergeht [?]. (79)

Vers 72: „lobhān mohāt sa“ unsicher [?] (OCR abgebrochen; Fußnote (ṅa): „mahālobhāt“). Vers 74: „gurustrīgamanotsukaḥ“ (begierig, zur Guru-Frau zu gehen) wörtlich; im OCR „gurusogamanotsukaḥ“. Vers 75c: „prāhuḥ“ statt OCR „prāptaḥ“ [?]. Vers 76ab: Lesart nach Fußnote (ṅa). Vers 77: Fußnote (ka, kha, ga, gha) „daṇḍyo vadhyaś ca ghātakaḥ“; ṅa liest anders („daśamo 'dhanyaḥ sa pātakī“). Vers 78: sehr unsicher; ṅa: „gurukopād vināśo 'nyo gurudrohān na pātakam; na smṛtir gurunindāyāṃ gurvaniṣṭān na cāpadaḥ“. Vers 79: der Sinn ist nach Fußnote (ka): „nāparādhakaro guroḥ“ bzw. „nāpavādakaro guroḥ“ (wer den Guru nicht verleumdet/kränkt, überlebt selbst Feuer usw.) [?]. Die Druckzahlen 73/76/79 sind im OCR verlesen („72“, „€“, „<<“).

yatra gurunindā syāt pidhāya śravaṇe 'mbike | sadyas tasmād viniṣkrāmed dūraṃ na śṛṇuyād yathā | gurornāma smaret paścāt śravaṇe sā pratikriyā ||80|| gurumitrasuhṛtputrodāsīnādyān nāvamānayet | na nindet asya samayān vedaśāstrāgamādikān ||81|| guroḥ śrīpādukāpūjā gurunāmajapas tathā | ājñākaraṇaṃ satyam eṣā bhajanaṃ guroḥ ||82|| viviktaṃ deśikāvāsaṃ śāntacitto 'tibhaktimān | vāhanaṃ pādukācchatraṃ cāmaraṃ vyajanādikam | tāmbūlaṃ kajjalaṃ veṇum ujjhitvā praviśec chanaiḥ ||83|| pādukām āsanaṃ vastraṃ vāhanaṃ chatraṃ cāmaram | dṛṣṭvā guror namaskuryān nātmabhogāya kāmayet ||84|| pādaprakṣālanaṃ snānam abhyaṅgaṃ dantadhāvanam | mūtraṃ niṣṭhīvanaṃ kṣauraṃ śayanaṃ strīniṣevanam ||85|| vīrāsanaṃ durvākyaṃ śāsanaṃ hāsyarodanam | krośaṃ locanam uṣṇīṣaṃ kañcukaṃ nagnatāṃ tathā ||86|| pādaprasāraṇaṃ vādaṃ kalahaṃ dūṣaṇaṃ priye | aṅgabhaṅgāṅgavādyādikarāsphālanadhunanam ||87|| dyūtakautukasallāpādi … [… unlesbar …] cāmbike | [… unlesbar …] | nācared ācaren mohād devatāśāpam āpnuyāt ||88||

Wo immer der Guru getadelt wird, soll man, Mutter, sich die Ohren zuhalten und sofort von dort weggehen, sodass man es nicht [mehr] hört; danach erinnere man sich des Namens des Gurus: dies ist die Abhilfe für das Gehörte. (80) Die Freunde, Wohlgesinnten, Söhne und Unbeteiligten [Nahestehenden] des Gurus usw. soll man nicht geringschätzen; auch seine Lehrsätze (samaya) und die Veden, Śāstras, Āgamas usw. soll man nicht tadeln. (81) Verehrung der heiligen Pādukā des Gurus, Rezitieren des Guru-Namens und – wahrhaftig – Ausführen seiner Befehle: dies ist Dienst am Guru (bhajana). (82) Beim Betreten der abgelegenen Wohnung des Lehrers [soll man] mit ruhigem Geist und größter Hingabe langsam eintreten, nachdem man Fahrzeug, Sandalen, Schirm, Wedel, Fächer usw., Betel, Augensalbe und [?] abgelegt hat. (83) Wenn man des Gurus Sandalen, Sitz, Gewand, Fahrzeug, Schirm und Wedel sieht, soll man sich verneigen; man soll sie nicht zum eigenen Genuss begehren. (84) Fußwaschung, Bad, Einsalben, Zähneputzen, Wasserlassen [?], Ausspucken, Rasieren, Schlafen, Verkehr mit Frauen [dies alles soll man in Gegenwart des Gurus unterlassen]. (85) Im Heldensitz (vīrāsana) sitzen, böse Rede, Gebieten, Lachen und Weinen, Schreien, [Blickspiel?], Turban, Jacke und ebenso Nacktheit [unterlassen]. (86) Beinausstrecken, Streit, Zank, Tadeln, Geliebte, Gliederrecken, Musizieren auf dem Körper usw., Händeklatschen und Schütteln [unterlassen]. (87) Glücksspiel, Schaulust, Geplauder usw. und … [unlesbar]; wer sie nicht meidet und aus Verblendung ausübt, zieht den Fluch der Gottheit auf sich. (88)

Vers 80: Der Vers hat drei Halbzeilen mit Ergänzung; Lesart nach Fußnote (ṅa) „sadyas tasmād upakrāmed dūraṃ na śṛṇuyād yathā“ / (ka, ga, gha) „dūraṃ na śravaṇaṃ yathā“; gewählt „viniṣkrāmed dūraṃ na śṛṇuyād yathā“ [?]. Vers 81ab: „gurumitrasuhṛtputrodāsīnādyān“ nach Fußnote (ṅa: „suhṛtputra-“), OCR „gurumitrasudāsodāsādyān“ [?]. Vers 82: OCR entstellt; „ājñākaraṇaṃ satyam“ statt „avajñākaraṇaṃ tyajyam“ (OCR), da „Missachtung tun ist zu meiden“ nicht zu „eṣā bhajanaṃ guroḥ“ passt [?]; Fußnoten (kha, ṅa, gha) variieren („pūjā“, „bhūtvā“, „kramād bhajanam“). Vers 83: „veṇum“ (Bambus/Flöte?) unsicher [?]; „deśikāvāsaṃ“ nach OCR, ṅa „darśikāvāse“ [?]. Vers 85c: „mūtraṃ“ statt OCR „mātraṃ“; „kṣauram“ statt „…tauraṃ“ [?]. Vers 86: Halbvers 86ab „vīrāsanaṃ … śāsanaṃ hāsyarodanam“ unsicher; „krośaṃ locanam“ (OCR „kośasrocanam“) unklar [?]. Vers 87: Lesart nach OCR. Vers 88: OCR-Zeilen zerstört; Wortlaut nur teilweise lesbar („dyūta-kautuka-sallāpādi … cāmbike; guru-yogi-…“); der Rest ist nicht rekonstruierbar. Die letzte Halbzeile „nācared ācaren mohād devatāśāpam āpnuyāt“ ist wörtlich OCR [?], sie meint sinngemäß „wer es nicht meidet, sondern aus Verblendung tut“.

upacāraṃ vinā tiṣṭhed gurvagre necchayā viśet | mukhāvalokī seveta taduktaṃ samācaret ||89|| gurūktānuktakāryeṣu nopekṣāṃ kārayet priye | śirasā yad guror brūyāt tat kāryam aviśaṅkayā ||90|| nigraho 'nugraho vāpi guruḥ sarvasya kāraṇam | nirgataṃ yad guror vaktrāt sarvaṃ śāstraṃ tad ucyate ||91|| gurukārye svayaṃ śakto nāparaṃ preṣayet priye | bahutve 'pi parair bhṛtyaiḥ sahito 'py atibhaktimān ||92|| gacchaṃs tiṣṭhan svapañ jāgrañ japañ juhvan prapūjayan | gurvājñām eva kurvīta tadgatenāntarātmanā ||93|| abhimāno na kartavyo jātividyādhanādibhiḥ | sarvadā sevayen nityaṃ śiṣyaḥ śrīgurusannidhau ||94|| kāmakrodhaparityāgī vinītaḥ stutibhaktimān | devi bhūmyāsane tiṣṭhed gurukāryaṃ samācaret ||95|| svakāryam anyakāryaṃ vā śiṣyaḥ svagurucittavit | gurupārśvagato namraḥ prasannavadano bhavet ||96|| sāmānyato niṣiddhaṃ ca tad guror yadi sannidhau | ācared yas tasya sarvasya doṣaḥ koṭiguṇo bhavet ||97||

Ohne [dienende] Aufwartung soll man nicht vor dem Guru stehen [?], und nicht nach Belieben eintreten; auf sein Gesicht blickend diene man ihm und tue, was er gesagt hat. (89) Bei Aufgaben, die der Guru ausgesprochen oder nicht ausgesprochen hat, lasse man keine Nachlässigkeit zu, Liebe; was der Guru sagt, das soll man mit gesenktem Haupt ohne Zweifeln tun. (90) Ob Strafe oder Gnade – der Guru ist die Ursache von allem; was aus dem Mund des Gurus hervorgegangen ist, das heißt „die ganze Schrift“ (śāstra). (91) Ist man selbst imstande, den Dienst für den Guru zu leisten, so schicke man keinen anderen, Liebe; [auch] wenn man viele Diener hat, [gehe] der sehr Ergebene [selbst] mit anderen zusammen [?]. (92) Gehend, stehend, schlafend, wachend, rezitierend, opfernd, verehrend tue man nichts als den Befehl des Gurus, mit einem Geist, der ganz darauf gerichtet ist. (93) Man soll keinen Stolz haben auf Herkunft, Wissen, Reichtum usw.; stets diene der Schüler in der Gegenwart des heiligen Gurus. (94) Frei von Begierde und Zorn, bescheiden, mit Lobpreis und Hingabe, sitze er, Göttin, auf dem Boden [oder auf einem niedrigen Sitz] und verrichte die Aufgabe des Gurus. (95) Ob eigene oder fremde Aufgabe: der Schüler, der den Sinn seines Gurus kennt, soll an der Seite des Gurus demütig und mit freundlichem Gesicht sein. (96) Wenn er in der Nähe des Gurus all das tut, was allgemein verboten ist, so wird der Fehler eines jeden davon millionenfach. (97)

Vers 89: Der Druck vermerkt „*“ (in ka fehlt die Verszahl). Lesart „upacāraṃ vinā tiṣṭhed“ nach Fußnote (ka, kha, ga, gha); OCR „upacāreṇa santuṣṭed“. 89c: „mukhāvalokī“ (Gesicht anblickend) statt OCR „sukhāvalokī“ [?]. Vers 91a: „nigraho 'nugraho“ nach OCR („niggaḍe 'nuggaḍe“). Vers 92cd: Lesart nach Fußnote (ṅa: „bahutve tatparair bhṛtyaiḥ“); Sinn unsicher [?]. Vers 93b: „prapūjayan“ nach ṅa (Haupttext OCR „prapūjayet“). Vers 94d: Fußnote (ṅa) „sadā ca nivaset“. Vers 95a: „stutibhaktimān“ nach OCR [?]. Vers 96: OCR „prasannavadano bhavet“. Vers 97: Lesart nach OCR, Sinn: für den, der in Gegenwart des Gurus tut, was allgemein verboten ist, wird jeder Fehler millionenfach schwerer.

anādṛtya guror vākyaṃ śṛṇuyād yaḥ parāṅmukhaḥ | ahitaṃ vā hitaṃ vāpi rauravaṃ narakaṃ vrajet ||98|| gobrāhmaṇavadhaṃ kṛtvā yat pāpaṃ samavāpnuyāt | tat pāpaṃ samavāpnoti gurvagre 'nṛtabhāṣaṇāt ||99|| sthānāntaragate cārthe vyasane viṣame sthite | śrīguruṃ na tyajet kvāpi tadādiṣṭo vrajet priye ||100|| adhaḥ sthite gurāv ūrdhvaṃ na tiṣṭhet kadācana | na gacched agratas tasya na tiṣṭhec calite gurau ||101|| śakticchāyāṃ surachāyāṃ gurucchāyāṃ na laṅghayet | na teṣu kuryāt svacchāyāṃ na svaped gurusannidhau ||102|| bhāṣaṇaṃ pāṭhanaṃ gānaṃ bhojanaṃ śayanādi kam | anādiṣṭo na kurvīta na [… unlesbar …] ||103|| brahmahatyāśataṃ kṣīyate [?] gurvājñāparipālanāt | vinā gurvājñayā śiṣyo viśvased nānyaśāsanāt ||104|| sarvaṃ gurvājñayā kuryān na nindet tatstriyaṃ priye | bhaktyā praṇamya cottiṣṭhet kṛtāñjalipuṭaḥ priye ||105|| paścāt padena nirgacchen namaskṛtya guror gṛhāt | ekāsane nopaviśed guruṇā tatsamaiḥ saha ||106|| na viśed āsane devi devatāgurusannidhau | guroḥ siṃhāsanaṃ deyaṃ jyeṣṭhānām uttamāsanam | deśyāsanaṃ kaniṣṭhānām itareṣāṃ samāsanam ||107||

Wer ohne Beachtung des Wortes des Gurus zuhört, mit abgewandtem Gesicht [?], sei es Unheilvolles oder Heilsames: er geht in die Raurava-Hölle. (98) Die Sünde, die man durch das Töten einer Kuh oder eines Brahmanen erlangt, dieselbe Sünde erlangt man durch Lügenreden vor dem Guru. (99) Ist der Besitz an einen anderen Ort gegangen [?], in Unglück oder in schwieriger Lage: den heiligen Guru soll man nie verlassen; man gehe nur, wenn er es geheißen hat, Liebe. (100) Steht der Guru unten, soll man niemals oben stehen; man gehe nicht vor ihm her und bleibe nicht stehen, wenn der Guru sich bewegt [?]. (101) Den Schatten einer Śakti (śakti-chāyā), den der Götter und den des Gurus soll man nicht übertreten; man soll dort nicht seinen eigenen Schatten hinein werfen und nicht in der Nähe des Gurus schlafen. (102) Reden, Lehren, Singen, Essen, Schlafen usw. soll man ohne Erlaubnis nicht tun, [noch …] (103) [Hundert Brahmanenmorde werden getilgt] durch das Befolgen des Guru-Befehls [?]. Ohne Befehl des Gurus soll der Schüler keiner anderen Weisung vertrauen. (104) Alles tue man auf Befehl des Gurus, und man schmähe seine Frau nicht, Liebe. Nachdem man gegessen hat, verneige man sich und stehe [dann] mit gefalteten Händen auf, Liebe. (105) Nachdem man sich vor dem Guru verneigt hat, verlasse man sein Haus rückwärts gehend [?]; man setze sich nicht mit dem Guru oder seinesgleichen auf denselben Sitz. (106) Man setze sich nicht [selbst] auf einen Sitz in Gegenwart von Göttern und Guru, Göttin. Dem Guru gebe man den Löwenthron, den Älteren den besten Sitz, den Jüngeren einen [einfachen?] Sitz, den anderen den gleichen Sitz. (107)

Vers 98a–b: „śṛṇuyād yaḥ parāṅmukhaḥ“ nach OCR. Vers 100: „sthānāntaragate cārthe“ nach OCR; Sinn unsicher [?]. Vers 101d: „calite“ nach OCR. Vers 102a: „śakticchāyāṃ“ nach OCR (vielleicht verlesen für „bhaktichāyāṃ“ o. ä.) [?]. Vers 103cd: die zweite Zeile ist im OCR zerstört (nur „na … va …“ lesbar). Vers 104a: OCR „brahmahatyāśataṃ ka…ṇāt“ mit Zeilenumbruch; das Verb ist nicht sicher lesbar [?] („kṣīyate“ als Vermutung); Fußnote (ka) „gurvājñām apālayan“, (ṅa) „gurvājñāṃ pratipālayet“ – die Halbzeile ist entsprechend unklar. Vers 105: Fußnote (kha, ga, gha) „ālingya tatstriyaṃ“ zu 105b, Deutung unsicher; 105c: „bhaktyā“ statt OCR „bhaktvā“. Vers 106: „paścāt padena“ nach OCR [?]. Vers 107c: „deśyāsanaṃ“ unsicher [?] (vielleicht „madhyāsanaṃ“). Fußnote (ṅa) „na vasec āsane“ zu 107a.

jātividyādhanāḍhyo vā dūre dṛṣṭvā guruṃ mudā | daṇḍapraṇāmaṃ kṛtvā ca triḥ pradakṣiṇam ācaret ||108|| tatas triḥ ṣaḍ dvādaśa vā jyeṣṭhādiṣv ekam eva vā | gurupragurayor yoge vandeta pragurum priye ||109|| tato named guruṃ vāpi gurvājñāṃ na vicārayet | pragurau sannidhau śiṣyaḥ svaguruṃ manasā namet ||110|| gurubuddhyā namet sarvaṃ devatāṃ tṛṇam eva vā | na named devabuddhyā tu pratimāṃ lohamṛnmayīm ||111|| guroḥ praṇāmatritayaṃ jyeṣṭhānām eka eva ca | pūjyānām añjalis tadvad anyeṣāṃ vākyavandanam ||112|| devān pitṝn kulācāryān jñānavṛddhān tapodhanān | vidyādhikān vayaḥsthān praṇamet kulanāyike ||113|| strījitaṃ guruvidviṣṭaṃ śūdraṃ pāṣaṇḍaṃ paṇḍitaṃ śaṭham | vikarmāṇaṃ kṛtaghnaṃ cānāśramiṇaṃ ca no namet ||114|| anivedya guror bhuṅkte yas tv ekagrāmasaṃsthitaḥ | amedhyaṃ tad bhaved annaṃ śūkaro jāyate tataḥ ||115|| ekagrāmasthitaḥ śiṣyas trisandhyaṃ praṇamed gurum | krośamātrasthitaḥ śiṣyo guruṃ pratidinaṃ namet ||116||

Sieht man den Guru von fern, so vollziehe man freudig, sei man auch reich an Herkunft, Wissen und Besitz, die Niederwerfung „wie ein Stock“ (daṇḍapraṇāma) und umschreite ihn dreimal (pradakṣiṇa). (108) Dann [verneige man sich] dreimal, sechsmal oder zwölfmal, bei den Älteren usw. auch nur einmal; wenn Guru und Guru des Gurus (praguru) zusammen sind, grüße man, Liebe, zuerst den praguru [?]. (109) Danach mag man auch den Guru grüßen; den Befehl des Gurus prüfe man nicht [?]. In Gegenwart des praguru soll der Schüler seinen eigenen Guru nur im Geist grüßen. (110) Mit dem Gedanken „[es ist] der Guru“ verneige man sich vor allem, sei es vor einer Gottheit oder [sogar] vor einem Grashalm; nicht aber soll man sich mit dem [bloßen] Gedanken „Gott“ vor einem Bild aus Metall oder Lehm verneigen [?]. (111) Dem Guru gebührt eine dreifache Verneigung, den Älteren eine einzige; den zu Verehrenden [gebührt] das Falten der Hände, ebenso; den übrigen das Grußwort. (112) Götter, Väter (Ahnen), Kula-Lehrer, an Wissen Reife, Asketen, an Wissen Überlegene, Ältere [?] soll man grüßen, Herrin der Kula. (113) Einen, der von Frauen beherrscht wird, einen vom Guru Gehassten, einen Śūdra, einen Pāṣaṇḍa (Häretiker), einen Pandit [?], einen Schurken, einen Übeltäter (vikarman), einen Undankbaren und einen, der keiner Lebensordnung (āśrama) angehört [?], soll man nicht grüßen. (114) Wer, im selben Dorf wie der Guru wohnend, isst, ohne [es] dem Guru dargebracht zu haben, dessen Speise wird unrein, und er wird danach als Schwein geboren. (115) Ein Schüler, der im selben Dorf wohnt, verneige sich dreimal täglich (zu den drei Zwielichtzeiten) vor dem Guru; ein Schüler, der eine Krośa (etwa zwei Kilometer) entfernt wohnt, grüße den Guru täglich. (116)

Vers 108: „daṇḍapraṇāmaṃ kṛtvā ca“ nach OCR. Vers 109: OCR stark entstellt; Fußnote (kha, ṅa): „gurus tadgurunā yogena“ bzw. (ṅa) „vandeta śrīgurupādukā“; Rekonstruktion 109cd „gurupragurayor yoge vandeta pragurum“ und Sinn unsicher [?]. Vers 110ab: Fußnote (ka, kha, ga, gha) „tato named guruṃ so 'pi gurvājñātaṃ nivārayet“; gewählt „gurvājñāṃ na vicārayet“ [?]. Vers 111: Die Anweisung ist sehr knapp; Fußnote (ṅa) „devatāṃ pitṝn“; „lohamṛnmayīm“ nach OCR [?]; Sinn: alles ist als Guru zu verehren; das Bild aber nicht in bloßer Götterschau (vermutlich in Gegenwart des Gurus) – unsicher. Vers 112: „vākyavandanam“ = bloßes Grußwort. Vers 113: „kulācāryān jñānavṛddhān“ nach Fußnote (ṅa „pitṝn“); „vayaḥsthān“ statt OCR „…dhastān“ [?]. Vers 114: OCR stark entstellt („strī-dṛṣṭa guruṇā“); „strījitaṃ guruvidviṣṭaṃ“ rekonstruiert [?]; „paṇḍitaṃ“ so im OCR (evtl. „paṇḍaṃ“ Eunuch?); 114d: „anāśramiṇaṃ“ [?] nach Fußnote (kha, ṅa). Vers 115: Lesart nach OCR. Vers 116: „trisandhyaṃ“ = dreimal täglich; „krośa“ ein Wegemaß von etwa 2–3 km.

ardhayojanagaḥ śiṣyaḥ praṇamet pañcaparvasu | ekayojanam ārabhya yojanadvādaśāvadhi ||117|| tatsaṃkhyādivasair māsair guruṃ praṇamet priye | dūre sthitaḥ śiṣyo bhaktyā tatsannidhiṃ gataḥ ||118|| tatra yojanasaṃkhyoktamāsena praṇamed gurum | atidūragataḥ śiṣyo yadecchā syāt tadā namet ||119|| riktahastaś ca nopeyād rājānaṃ devatāṃ gurum | phalapuṣpāmbarādīni yathāśaktyā samarpayet ||120|| evaṃ yo na caret devi brahmarākṣasatāṃ vrajet | guruśaktiś ca tatputro jyeṣṭhabhrātā guruḥ smṛtaḥ ||121|| ā[… unlesbar …]c kanīyāṃsaṃ putravat paripālayet | kaulācāryasya deveśi gurujyeṣṭhakaniṣṭhayoḥ | gurukalpasya kurvīta praṇāmaṃ śvaśuro yathā ||122|| yāgajyeṣṭhaḥ karmajyeṣṭhaḥ kulajyeṣṭhas tato 'paraḥ | gurujyeṣṭhasuto devi iti jyeṣṭhacatuṣṭayam ||123|| yāgajyeṣṭhābhivāde ca kāryaḥ sāṣṭāṅgayogataḥ | guravaḥ kulakalpāś ca vandanīyā vidhānataḥ ||124||

Wer eine halbe Yojana [vom Guru] entfernt lebt, soll ihn zu den fünf Parvan-Tagen (den Mondphasentagen) grüßen. Von einer Yojana bis zu zwölf Yojana [Entfernung] … (117) … je nach dieser Zahl in Tagen oder Monaten soll er den Guru grüßen, Liebe; [wer] fern weilt, [soll ihn], nachdem er ihm mit Hingabe nahe gekommen ist, [grüßen] [?]. (118) Dort [soll er] nach der genannten Zahl der Yojanas nach [so vielen] Monaten den Guru grüßen; ein Schüler, der sehr weit weg gegangen ist, verneige sich dann, wenn er den Wunsch hat. (119) Mit leeren Händen soll man nicht zum König, zur Gottheit oder zum Guru gehen; Früchte, Blumen, Gewänder usw. bringe man nach Vermögen dar. (120) Wer sich nicht so verhält, Göttin, wird zum Brahmarākṣasa (einem Dämon, der als Brahmane verstorben ist). Die Frau des Gurus [?], sein Sohn und der ältere Bruder [des Gurus] gelten als Guru. (121) […] den Jüngeren soll man wie einen Sohn pflegen [?]. Dem Kaula-Lehrer, Göttin, dem älteren und dem jüngeren [Bruder] des Gurus und dem, der dem Guru gleichkommt, soll man die Verneigung erweisen wie dem Schwiegervater. (122) Yāga-Ältester, Karma-Ältester, Kula-Ältester und ein weiterer, der Sohn des ältesten Gurus, Göttin: so sind es vier „Älteste“. (123) Bei der Begrüßung des Yāga-Ältesten soll man [die Niederwerfung] mit allen acht Gliedern vollziehen; die Gurus und die den Kula gleichenden sind der Vorschrift nach zu grüßen. (124)

Vers 117–119: Die Zählung ist im OCR unklar (Druckzahl 118 erscheint zweimal; wohl 118/119); die Zeilen wurden nach dem Sinn in drei Verse gegliedert. Vers 117cd–118: OCR entstellt („tatsaṃkhyādivasair māsair“); Sinn unsicher [?]: Entfernung von einer bis zwölf Yojanas, Begrüßung nach der entsprechenden Zahl von Tagen (oder Monaten). Vers 119: „tatra yojanasaṃkhyokta-māsena“ nach OCR. Vers 121: Zeilenbeginn nach Fußnote (kha „…“); „guruśaktiś ca“ kann „gurupatnī“ bedeuten („Śakti des Gurus“, d. h. seine Gefährtin) [?]. Vers 122: Beginn („ā … c kanīyāṃsam“) im OCR zerstört; 122b Lesart „kaulācāryasya“ nach Fußnote (ka; kha „tatvācāryasya“). Vers 123: „tato 'paraḥ“ [?] (Fußnote ṅa: „gurujyeṣṭhas tato“); die „vier Ältesten“ sind yāga-, karma-, kula- und der Sohn des ältesten Gurus. Vers 124a: OCR entstellt („yāgajyeṣṭhābhivādena … kāṣṭāṅgayogataḥ“); Rekonstruktion unsicher [?] (Fußnote (ka) „gurūṇāṃ kulakalpānāṃ vandanīyā“).

pitṛmātrādisarveṣu pūjyakoṭiṣu bandhuṣu | abhyutthānapraṇāmādyair avyakto doṣabhāṅ na hi ||125|| yadā tv ācāryarūpeṇa cātmānaṃ samprakāśayet | abhyutthānapraṇāmādyair doṣabhāk sa bhaven tadā ||126|| [… unlesbar …] paśyan praṇāmaṃ yaḥ karoti na | sa mahāpaśur ity uktaḥ devatāśāpam āpnuyāt ||127|| yo gurusthānakaṃ prāptaḥ pādukāparisaṃkhyayā | guruvat sa tu mantavyo jyeṣṭhaputreṣu ca priye ||128|| iti te kathitaṃ kiṃcit pādukābhaktilakṣaṇam | samāsena kuleśāni kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ||129||

Bei Vater, Mutter usw., bei allen, die zu den Verehrungswürdigen gehören, und bei Verwandten: wer Aufstehen, Verneigung und dergleichen unterlässt, wird nicht schuldig, wenn [sie] nicht [als Guru] offenbar sind [?]. (125) Wenn aber [einer von ihnen] sich in der Gestalt eines Lehrers (ācārya) zu erkennen gibt, dann wird derjenige schuldig, [der] Aufstehen, Verneigung usw. [unterlässt]. (126) Wer [einen solchen, einen Guru ?] sieht und den Gruß nicht erweist, der heißt ein „großes paśu“ [d. h. ein völlig unerleuchtetes Tier]; er zieht den Fluch der Gottheit auf sich. (127) Wer die Stellung eines Gurus durch die Reihenfolge der Pādukā (die Nachfolge) erlangt hat, der ist wie ein Guru zu achten, ebenso [bei] den Ältesten und den Söhnen, Liebe. (128) So habe ich dir, in Kürze, einiges vom Kennzeichen der Hingabe an die Pādukā dargelegt, Herrin der Kula; was möchtest du weiter hören? (129) Damit [endet] im heiligen Kulārṇava, in der „Pforte zur Erlösung des Nirvāṇa“ (nirvāṇamokṣadvāra), dem großen Geheimnis, dem besten der besten aller Āgamas, im Text von einer Viertelhunderttausend [Versen] (sapādalakṣagrantha), im fünften Abschnitt, im Ūrdhvāmnāya-Tantra, die Darlegung der Pādukā, genannt das zwölfte Kapitel (ullāsa).

Vers 125d: „avyakto doṣabhāṅ na hi“ nach Fußnote (kha „…“; ṅa „…“) als sinnvoll gelesen; der Haupttext-OCR „avyakto doṣabhāg bhavet“ passt zum Zusammenhang von 126 nicht (Sinn dort: Schuld erst bei Offenbarwerden als Ācārya) [?]. Vers 127a: OCR entstellt (Rest nicht rekonstruierbar); das Verneinungswort „na“ in 127b ist ergänzt [?]. Vers 128d: Lesart nach Fußnote (ṅa) „jyeṣṭhaputreṣu ca priye“ [?]. Kolophon: „pañcamakhaṇḍe ūrdhvāmnāyatantre“ (OCR: entstellt, aber lesbar); der Kolophon des vorherigen Kapitels nennt dieselbe Formel mit „kulācārakathanaṃ nāma ekādaśa ullāsaḥ“, das 13. Kapitel beginnt im OCR unmittelbar danach. Zählungsauffälligkeit: Die Zählung der Ullāsa bleibt in diesem Kapitel konsistent (Kolophon: „dvādaśa“, Druckzahl 12), der Nachbar-Ullāsa (Kolophon „trayodaśa“ mit Druckzahl 12) trägt die Druckzahl 12 statt 13; die Nummerierung wird hier als 12 geführt.

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