Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Chikitsasthana

Adhyāya 13: madhumehacikitsitaṃ Behandlung der Zuckerharnkrankheit (Madhumeha)

Das Kapitel über madhumeha widmet sich der als schwer geltenden Zuckerharnkrankheit und stellt dafür zwei mineralische Leitmittel vor: śilājatu, das aus sonnenerhitzten Felsen austretende „Bergharz“, das in sechs, den Metallen zugeordneten Varianten unterschieden und nach Reinigung mit Kernholzabsuden eingenommen wird, sowie das goldfarbene mākṣika-Erz. Ausführlich beschrieben wird zudem die Tuvaraka-Kur: das aus den Kernen eines an der Westküste wachsenden Baumes (botanisch dem Chaulmoograöl verwandt) gepresste und vergrabene Öl, dessen Einnahme von einem eigens überlieferten Reinigungsmantra begleitet wird und neben Diabetes auch als Leitmittel gegen Kuṣṭha gilt. Anwendungsformen reichen vom Trank über Einölung bis zum Nasenmittel, mit jeweils gesteigerten Wirkungsversprechen bis hin zu legendären Lebensspannen. Das Kapitel zeigt damit, wie eng in der Suśruta-Saṃhitā mineralische und pflanzliche Rasāyana-Elemente in die Behandlung chronischer Stoffwechselleiden eingebunden sind.

HEILANZEIGEN VON ŚILĀJATU UND MĀKṢIKA (Vers 5–18)
MittelBeschaffenheitBehandelte Krankheiten
śilājatuBergharz aus sonnenerhitzten Felsen, sechs Ursprungsarten nach Metallen (u.a. Zinn, Blei, Eisen), am besten schwarz, ölig, nach Kuhharn riechendmadhumeha, sonstige meha, kuṣṭha, Epilepsie, Wahnsinn, Elefantiasis, Vergiftung, Auszehrung, Schwellungen, Hämorrhoiden, gulma, Blutarmut, unregelmäßiges Fieber, Blasengrieß, Blasenstein
mākṣikaaus dem Feuer gewonnenes Erz, süß und goldfarben oder sauer und silberfarbenvorzeitiges Altern, kuṣṭha, meha, Blutarmut, Auszehrung
Bei Anwendung des mākṣika sind Taubenfleisch und Kulattha-Bohnen zu meiden (Vers 19). Der Text nennt für śilājatu nicht alle sechs Metallsorten einzeln, sondern nur beispielhaft Zinn, Blei und Eisen.
DIE TUVARAKA-ÖL-KUR (Vers 27–35)
AnwendungsformDauerWirkung
Trinken (fünf Tage, aus dem in Kuhdung eingegrabenen Öl)5 TageBefreiung von allen Arten von kuṣṭha
Trinken mit Khadira-Absud eingekocht, dazu Einölung1 Monatrasche Heilung selbst fortgeschrittenen kuṣṭha
Trinken mit Ghee, Honig und Khadira-Wasser, dazu Vogelfleischsuppe–ein Alter von 200 Jahren
nasya50 Tagekräftiger Körper, gutes Gedächtnis, ein Alter von 300 Jahren
Trinken des Kerns selbst–Reinigung des Menschen, Mittel gegen kuṣṭha und meha
verkohlter Kern als Augensalbe (mit Öl und Steinsalz)–Arma-Geschwülste, Nachtblindheit, grauer Star, „blaue“ Augenkrankheit, Sehtrübung
Die Einnahme des Tuvaraka-Öls wird von einem eigenen Reinigungsmantra begleitet (Vers 25–26); die Kur gilt zugleich als Leitmittel gegen kuṣṭha.

athāto madhumehacikitsitaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir die Behandlung des *madhumeha* (der Zuckerharnkrankheit, Diabetes) darlegen.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari verkündete.

madhumehitvamāpannaṃ bhiṣagbhiḥ parivarjitam yogenānena matimān pramehiṇamupācaret

Den *pramehin*, der in den Zustand des *madhumeha* geraten ist und von anderen Ärzten bereits aufgegeben wurde, behandle der kluge Arzt mit dem folgenden Rezept.

māse śukre śucau caiva śailāḥ sūryāṃśutāpitāḥ jatuprakāśaṃ svarasaṃ śilābhyaḥ prasravanti hi

Im Monat Śuci, wenn die Berge von den Sonnenstrahlen erhitzt werden, sondern die Felsen einen an Harz erinnernden eigenen Saft aus.

śilājatviti vikhyātaṃ sarvavyādhivināśanam trapvādīnāṃ tu lohānāṃ ṣaṇṇāmanyatamānvayam

Dieser ist als *śilājatu* (Bergharz) bekannt, das alle Krankheiten vernichtet; es entstammt jeweils einem der sechs Metalle, angefangen bei Zinn.

jñeyaṃ svagandhataścāpi ṣaḍyoni prathitaṃ kṣitau lohādbhavati tadyasmācchilājatu jatuprabham

Man erkennt es an seinem jeweiligen Geruch; es ist auf der Erde in sechs Ursprungsarten bekannt. Weil es aus dem Metall entsteht, hat das *śilājatu* das Aussehen von Harz.

tasya lohasya tadvīryaṃ rasaṃ cāpi bibharti tat trapusīsāyasādīni pradhānānyuttarottaram

Es trägt die Kraft und den Geschmack des jeweiligen Metalls in sich; unter Zinn, Blei, Eisen und den übrigen gilt jeweils das später genannte als das bessere.

yathā tathā prayoge'pi śreṣṭhe śreṣṭhaguṇāḥ smṛtāḥ tatsarvaṃ tiktakaṭukaṃ kaṣāyānurasaṃ saram

Ebenso gelten für die Anwendung die besseren Eigenschaften der besseren Sorte als maßgeblich. Alle Sorten sind bitter-scharf im Geschmack mit einem herben Nachgeschmack, und sie wirken abführend.

kaṭupākyuṣṇavīryaṃ ca śoṣaṇaṃ chedanaṃ tathā teṣu yat kṛṣṇamalaghu snigdhaṃ niḥśarkaraṃ ca yat

Sie sind nach der Verdauung scharf, von heißer Wirkkraft, austrocknend und lösend. Unter ihnen gilt jenes als das beste, das schwarz, nicht zu leicht, ölig und frei von körnigen Beimengungen ist

gomūtragandhi yaccāpi tat pradhānaṃ pracakṣate tadbhāvitaṃ sāragaṇairhṛtadoṣo dinodaye

und nach Kuhharn riecht – dieses gilt als das beste. Man tränke es mit einer Reihe von Kernholzabsuden; nach vollzogener Reinigung nehme man es

pibet sārodakenaiva ślakṣṇapiṣṭaṃ yathābalam jāṅgalena rasenānnaṃ tasmiñjīrṇe tu bhojayet

bei Sonnenaufgang, fein zerrieben, mit dem Kernholzwasser gemäß der eigenen Kraft ein; ist es verdaut, gebe man ihm Speise mit Wildfleischsuppe.

upayujya tulāmevaṃ girijādamṛtopamāt vapurvarṇabalopeto madhumehavivarjitaḥ

Nimmt man so eine Tulā dieses bergentstammten, dem Amṛta gleichenden Mittels ein, so erlangt man Körperkraft, Hautfarbe und Stärke und wird von *madhumeha* befreit.

jīvedvarṣaśataṃ pūrṇamajaro'marasannibhaḥ śataṃ śataṃ tulāyāṃ tu sahasraṃ daśataulike

Man lebt volle hundert Jahre, alterslos, den Unsterblichen gleich; mit jeder weiteren Tulā kommen hundert Jahre hinzu, bei zehn Tulās sind es tausend.

bhallātakavidhānena parihāravidhiḥ smṛtaḥ mehaṃ kuṣṭhamapasmāramunmādaṃ ślīpadaṃ garam

Die Verhaltensregeln entsprechen denen der Bhallātaka-Kur. Es heilt Meha, Kuṣṭha, Epilepsie, Wahnsinn, Elefantiasis, Vergiftung,

śoṣaṃ śophārśasī gulmaṃ pāṇḍutāṃ viṣamajvaram apohatyacirātkālācchilājatu niṣevitam

Auszehrung, Schwellungen, Hämorrhoiden, Gulma, Blutarmut und unregelmäßiges Fieber; wenn man das *śilājatu* einnimmt, beseitigt es diese Übel binnen kurzer Zeit.

na so'sti rogo yaṃ cāpi nihanyānna śilājatu śarkarāṃ cirasaṃbhūtāṃ bhinatti ca tathā'śmarīm

Es gibt keine Krankheit, die das *śilājatu* nicht heilen könnte; ebenso löst es auch lange bestehenden Blasengrieß und Blasenstein auf.

bhāvanāloḍane cāsya kartavye bheṣajairhitaiḥ evaṃ ca mākṣikaṃ dhātuṃ tāpījamamṛtopamam

Man soll es mit heilsamen Arzneien tränken und verrühren. Ebenso gibt es das *mākṣika*-Erz, das aus dem Feuer gewonnen wird und dem Amṛta gleicht,

madhuraṃ kāñcanābhāsamamlaṃ vā rajataprabham piban hanti jarākuṣṭhamehapāṇḍvāmayakṣayān

süß und goldfarben, oder sauer und silberfarben; wer es trinkt, vernichtet vorzeitiges Altern, Kuṣṭha, Meha, Blutarmut und Auszehrung.

tadbhāvitaḥ kapotāṃśca kulatthāṃśca vivarjayet pañcakarmaguṇātītaṃ śraddhāvantaṃ jijīviṣum

Wer damit behandelt wird, meide Taubenfleisch und Kulattha-Bohnen. Diese Kur eignet sich für den gläubigen, lebenswilligen Menschen, der die Wirkung der fünf Reinigungsverfahren bereits erfahren hat,

yogenānena matimān sādhayedapi kuṣṭhinam vṛkṣāstuvarakā ye syuḥ paścimārṇavabhūmiṣu

und der kluge Arzt kann mit diesem Rezept auch den Kuṣṭha-Kranken heilen. Es gibt Tuvaraka-Bäume, die in den Ländern am westlichen Meer wachsen,

vīcītaraṅgavikṣepamārutoddhūtapallavāḥ teṣāṃ phalāni gṛhṇīyāt supakvānyambudāgame

deren Blätter vom Wind, der die Wellen und Wogen des Meeres aufwirbelt, bewegt werden; von ihnen sammle man bei Beginn der Regenzeit die vollreifen Früchte.

majjāṃ tebhyo'pi saṃhṛtya śoṣayitvā vicūrṇya ca tilavat pīḍayeddro ṇyāṃ srāvayedvā kusumbhavat

Man entnehme ihnen den Kern, trockne und zerreibe ihn, und presse ihn dann wie Sesam in einem Trog aus, oder lasse das Öl wie bei der Färberdistel abfließen.

tattailaṃ saṃhṛtaṃ bhūyaḥ pacedātoyasaṃkṣayāt avatārya karīṣe ca pakṣamātraṃ nidhāpayet

Dieses gewonnene Öl koche man erneut, bis alles Wasser verdampft ist, nehme es vom Feuer und lasse es einen halben Monat lang in Kuhdung eingegraben liegen.

snigdhaḥ svinno hṛtamalaḥ pakṣādūrdhvaṃ prayatnavān caturthabhaktāntaritaḥ śuklādau divase śubhe

Danach, nach Ablauf des halben Monats, nehme der geölte, geschwitzte, von Ausscheidungen gereinigte Kranke, sorgfältig vorbereitet und nach vorheriger Fastenperiode von vier Mahlzeiten, an einem günstigen Tag zu Beginn der hellen Monatshälfte

mantrapūtasya tailasya pibenmātrāṃ yathābalam tatra mantraṃ pravakṣyāmi yenedamabhimantryate

eine seiner Kraft entsprechende Dosis des durch ein Mantra gereinigten Öls ein. Ich werde nun das Mantra nennen, mit dem dieses Öl geweiht wird.

majjasāra mahāvīrya sarvān dhātūn viśodhaya śaṅkhacakragadāpāṇistvāmājñāpayate'cyutaḥ

'O Kernsaft von großer Kraft, reinige alle Gewebe des Körpers! Der Unvergängliche, der Muschel, Diskus und Keule in Händen trägt, gebietet dir dies.'

tenāsyordhvamadhaścāpi doṣā yāntyasakṛttataḥ asnehalavaṇāṃ sāyaṃ yavāgūṃ śītalāṃ pibet

Dadurch gehen bei ihm die *doṣa* wiederholt nach oben und nach unten ab. Am Abend trinke er einen ölfreien, ungesalzenen, kalten Reisbrei.

pañcāhaṃ prapibettailamanena vidhinā naraḥ pakṣaṃ parihareccāpi mudgayūṣaudanāśanaḥ

Fünf Tage lang trinke der Mann das Öl nach diesem Verfahren; danach halte er einen halben Monat lang Diät und esse Mungobohnensuppe mit Reis.

pañcabhirdivasairevaṃ sarvakuṣṭhairvimucyate tadeva khadirakvāthe triguṇe sādhu sādhitam

So wird er binnen fünf Tagen von allen Arten von Kuṣṭha befreit. Dasselbe Öl, in der dreifachen Menge Khadira-Absud gut eingekocht,

nihitaṃ pūrvavat pakṣāt pibenmāsamatandri taḥ tenābhyaktaśarīraśca kurvītāhāramīritam

und wie zuvor einen halben Monat lang eingegraben, trinke er unermüdlich einen Monat lang; damit salbe er auch seinen Körper ein und halte die vorgeschriebene Diät ein.

bhinnasvaraṃ raktanetraṃ viśīrṇaṃ kṛmibhakṣitam anenāśu prayogeṇa sādhayet kuṣṭhinaṃ naram

Mit dieser Anwendung heilt man rasch selbst den Kuṣṭha-Kranken, dessen Stimme gebrochen, dessen Augen gerötet, dessen Haut zerfallen und von Würmern zerfressen ist.

sarpirmadhuyutaṃ pītaṃ tadeva khadirāmbunā pakṣimāṃsarasāhāraṃ karoti dviśatāyuṣam

Trinkt man dasselbe Öl mit Ghee und Honig vermischt zusammen mit Khadira-Wasser, und ernährt sich dabei von Vogelfleischsuppe, so erlangt man ein Alter von zweihundert Jahren.

tadeva nasye pañcāśaddivasānupayojitam vapuṣmantaṃ śrutidharaṃ karoti triśatāyuṣam

Wendet man dasselbe fünfzig Tage lang als Nasentropfen an, so verleiht es einen kräftigen Körper, ein gutes Gedächtnis und ein Alter von dreihundert Jahren.

śodhayanti naraṃ pītā majjānastasya mātrayā mahāvīryastuvarakaḥ kuṣṭhamehāpahaḥ paraḥ

Auch der getrunkene Kern selbst reinigt, in entsprechender Dosis, den Menschen; der Tuvaraka ist von großer Kraft und ein hervorragendes Mittel gegen Kuṣṭha und Meha.

sāntardhūmastasya majjā tu dagdhaḥ kṣiptastaile saindhavaṃ cāñjanaṃ ca paillyaṃ hanyādarmanaktāndhyakācān nīlīrogaṃ taimiraṃ cāñjanena

Sein unter Sauerstoffabschluss verkohlter Kern, in Öl gegeben, sowie Steinsalz und ein daraus bereitetes Augenmittel heilen, als Salbe angewendet, Arma-Geschwülste im Auge, Nachtblindheit, grauen Star, die 'blaue' Augenkrankheit und Trübungen des Sehvermögens.

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