athāto vidra dhīnāṃ cikitsitaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir die Behandlung der *vidradhi* (Abszesse) darlegen,
Suśruta-Saṃhitā · Chikitsasthana
Das Kapitel über vidradhi, die inneren Abszesse, unterscheidet sechs Formen, von denen die durch alle drei Doṣa gemeinsam verursachte als unheilbar gilt. Solange der Abszess unreif ist, gleicht die Behandlung der einer Schwellung – Umschläge, Schwitzen, Aderlass –, mit fortschreitender Reifung folgt die operative Eröffnung, Auswaschung mit Kräutersuden und Wundfüllung mit Ölen. Eigene Abschnitte behandeln Vāta-, Pitta- und Kapha-bedingte vidradhi mit jeweils charakteristischen Auflagen und Ölen, darunter das ausführlich beschriebene Karañja-Ghee, das auch bei frischen Schnittwunden und Fistelgängen empfohlen wird. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem seltenen, aus dem Knochenmark entstehenden Abszess, der zunächst für unheilbar erklärt, aber dennoch behandelt werden soll – notfalls durch Öffnen des Knochens selbst. Das Kapitel zeigt damit erneut die enge Verzahnung von Doṣa-Diagnostik und abgestufter chirurgischer Intervention.
| Art | Heilbarkeit | Behandlung (Kurzfassung) |
|---|---|---|
| vāta-vidradhi | heilbar | warmer Umschlag aus vāta-stillenden Wurzelpasten, Bähung, Aderlass; bei Reifung Öffnung und Ölfüllung mit Bhadrā/Süßholz |
| pitta-vidradhi | heilbar | kühlende Auflagen (Zucker, Süßholz, Sārivā), Blutegel; bei Reifung Öffnung und Ghee-Wundheilung |
| kapha-vidradhi | heilbar | Bähung mit Ziegel/Sand/Kuhdung, Abführ- und Brechmittel, Blutentzug; bei Reifung Öffnung und Āragvadha-Spülung |
| durch Blut entstanden | heilbar | dieselbe Behandlung wie pitta-vidradhi |
| durch äußere Ursache (āgantu) | heilbar | dieselbe Behandlung wie pitta-vidradhi |
| alle drei Doṣa zugleich | unheilbar | – |
| aus dem Knochenmark (majjan) | zunächst als unheilbar erklärt, dennoch behandelt | Aderlass nach Öl- und Dampfbehandlung; bei Reifung notfalls Öffnung des Knochens selbst |
athāto vidra dhīnāṃ cikitsitaṃ vyākhyāsyāmaḥ
Nun werden wir die Behandlung der *vidradhi* (Abszesse) darlegen,
yathovāca bhagavān dhanvantariḥ
so, wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat.
uktā vidra dhayaḥ ṣaḍye teṣvasādhyastu sarvajaḥ śeṣeṣvāmeṣu kartavyā tvaritaṃ śophavat kriyā
Von den sechs genannten Arten der vidradhi ist die durch alle drei *doṣa* (Körpersäfte) zugleich verursachte unheilbar; bei den übrigen soll man, solange sie noch unreif sind, rasch wie bei einer Schwellung verfahren.
vātaghnamūlakalkaistu ghṛtatailavasāyutaiḥ sukhoṣṇo bahalo lepaḥ prayojyo vātavidra dhau
Bei einem Vāta-vidradhi wende man einen angenehm warmen, dicken Umschlag aus vāta-stillenden Wurzelpasten (*kalka*), vermischt mit Ghee, Öl und Fett, an.
sānūpaudakamāṃsastu kākolyādiḥ satarpaṇaḥ snehāmlasiddho lavaṇaḥ prayojyaścopanāhane
Für die feuchtwarme Umschlagbehandlung (*upanāhana*) verwende man Fleisch von Sumpf- und Wassertieren, die Kākolī-Gruppe, kräftigende Mittel, mit Öl und Säure Zubereitetes sowie Salziges.
veśavāraiḥ sakṛśaraiḥ payobhiḥ pāyasaistathā svedayet satataṃ cāpi nirhareccāpi śoṇitam
Mit Fleischgerichten, Reis-Bohnen-Brei, Milch und Milchreis bähe man ihn fortwährend und lasse auch Blut ab.
sa cedevamupakrāntaḥ pākāyābhimukho yadi taṃ pācayitvā śastreṇa bhindyādbhinnaṃ ca śodhayet
Neigt sich der so behandelte Abszess zur Reifung (*pāka*), so lasse man ihn reifen, öffne ihn mit dem Messer (*śastra*) und reinige das Geöffnete.
pañcamūlakaṣāyeṇa prakṣālya lavaṇottaraiḥ tailairbhadrā dimadhukasaṃyuktaiḥ pratipūrayet
Man wasche ihn mit einem Sud aus den fünf Wurzeln (Pañcamūla) und stark gesalzenen Mitteln aus und fülle ihn mit Ölen, die mit Bhadrā und Süßholz versetzt sind.
vairecanikayuktena traivṛtena viśodhya ca pṛthakparṇyādisiddhena traivṛtena ca ropayet
Man reinige ihn mit einem abführend wirkenden, mit Trivṛt versetzten Öl und lasse ihn mit einem aus Pṛthakparṇī und ähnlichen Kräutern sowie Trivṛt bereiteten Öl heilen (*ropaṇa*).
paittikaṃ śarkarālājāmadhukaiḥ sārivāyutaiḥ pradihyāt kṣīrapiṣṭairvā payasyośīracandanaiḥ
Den Pitta-vidradhi bestreiche man mit Zucker, geröstetem Reis und Süßholz, mit Sārivā versetzt, oder mit in Milch verriebenem Payasyā, Uśīra und Sandelholz.
pākyaiḥ śītakaṣāyairvā kṣīrairikṣurasaistathā jīvanīyaghṛtairvā'pi secayeccharkarāyutaiḥ
Oder man begieße ihn mit kühlen Absuden der Pākya-Gruppe, mit Milch, Zuckerrohrsaft, oder auch mit lebenskräftigendem (*jīvanīya*) Ghee, mit Zucker versetzt.
trivṛddharītakīnāṃ ca cūrṇaṃ lihyānmadhudra vam jalaukobhirhareccāsṛk pakvaṃ cāpāṭya buddhimān
Man lecke ein Pulver aus Trivṛt und Harītakī mit flüssigem Honig; mit *jalaukā* (Blutegeln) lasse der kluge Arzt das Blut abziehen, und ist der Abszess gereift, öffne er ihn.
kṣīravṛkṣakaṣāyeṇa prakṣālyaudakajena vā tilaiḥ sayaṣṭīmadhukaiḥ sakṣaudraiḥ sarpiṣā yutaiḥ
Man wasche ihn mit einem Sud aus milchsafthaltigen Bäumen oder mit Wasserpflanzen aus und behandle ihn mit Sesam, zusammen mit Süßholz, mit Honig und Ghee versetzt,
upadihya pratanunā vāsasā veṣṭayedvraṇam prapauṇḍarīkamañjiṣṭhāmadhukośīrapadmakaiḥ
bestreiche ihn und umwickle die *vraṇa* (Wunde) mit feinem Tuch; ferner behandle man mit Prapauṇḍarīka, Mañjiṣṭhā, Süßholz, Uśīra und Padmaka,
saharidraiḥ kṛtaṃ sarpiḥ sakṣīraṃ vraṇaropaṇam kṣīraśuklāpṛthakparṇīsamaṅgārodhracandanaiḥ
mit Kurkuma versehenes, mit Milch bereitetes Ghee zur Wundheilung; ferner mit Kṣīraśuklā, Pṛthakparṇī, Samaṅgā, Rodhra und Sandelholz,
nyagrodhādipravāleṣu teṣāṃ tvakṣvathavā kṛtam naktamālasya patrāṇi taruṇāni phalāni ca
mit den jungen Trieben des Nyagrodha und verwandter Bäume, oder mit deren Rinde bereitet; ferner die jungen Blätter des Naktamāla-Baumes und dessen Früchte,
sumanāyāśca patrāṇi paṭolāriṣṭayostathā dve haridre madhūcchiṣṭaṃ madhukaṃ tiktarohiṇī
die Blätter des Sumanas sowie des Paṭola und des Ariṣṭa, beide Kurkuma-Arten, Bienenwachs, Süßholz und Kaṭurohiṇī,
priyaṅguḥ kuśamūlaṃ ca niculasya tvageva ca mañjiṣṭhācandanośīramutpalaṃ sārive trivṛt
Priyaṅgu, Kuśa-Wurzel und die Rinde des Nicula, Mañjiṣṭhā, Sandelholz, Uśīra, Lotusblüte, beide Sārivā-Arten und Trivṛt –
eteṣāṃ kārṣikairbhāgairghṛtaprasthaṃ vipācayet duṣṭavraṇapraśamanaṃ nāḍīvraṇaviśodhanam
mit je einem Karṣa-Maß dieser Kräuter koche man ein Prastha-Maß Ghee; dies beruhigt bösartige *vraṇa* und reinigt Fistelwunden (*nāḍīvraṇa*).
sadyaśchinnavraṇānāṃ ca karañjādyamidaṃ śubham duṣṭavraṇāśca ye kecidye cotsṛṣṭakriyā vraṇāḥ
Auch für frisch geschnittene Wunden ist dieses Karañja-Präparat vortrefflich; ebenso für alle bösartigen vraṇa und für vraṇa, deren Behandlung aufgegeben wurde,
nāḍyo gambhīrikā yāśca sadyaśchinnāstathaiva ca agnikṣārakṛtāścaiva ye vraṇā dāruṇā api
für Fisteln und tiefsitzende Wunden, für frisch geschnittene ebenso, für durch Feuer oder Ätzmittel verursachte, sowie für alle bösartig-schweren Wunden –
karañjādyena haviṣā praśāmyanti na saṃśayaḥ iṣṭakāsikatāloṣṭagośakṛttuṣapāṃśubhiḥ
durch dieses Karañja-Ghee werden sie zweifellos geheilt. Mit Ziegelsteinen, Sand, Kies, Kuhdung, Spreu und erhitztem Staub
mūtrairuṣṇaiśca satataṃ svedayecchleṣmavidra dhim kaṣāyapānervamanairālepairupanāhanaiḥ
sowie warmem Urin bähe man fortwährend den Kapha-vidradhi; ferner behandle man ihn mit abführenden Absuden, Brechmitteln (*vamana*), Salben und feuchtwarmen Umschlägen.
hareddoṣānabhīkṣṇaṃ cāpyalābvā'sṛk tathaiva ca āragvadhakaṣāyeṇa pakvaṃ cāpāṭya dhāvayet
Man entferne wiederholt die *doṣa*, auch mit dem Flaschenkürbis das Blut; und ist er gereift, öffne man ihn und spüle ihn mit einem Sud aus Āragvadha aus.
haridrā trivṛtāśaktutilairmadhusamāyutaiḥ pūrayitvā vraṇaṃ samyagbadhnīyāt kīrtitaṃ yathā
Man fülle die Wunde mit Kurkuma, Trivṛt, geröstetem Mehl und Sesam, mit Honig versetzt, und verbinde sie sorgfältig, wie es überliefert ist.
tataḥ kulatthikādantītrivṛcchyāmārkatilvakaiḥ kuryāttailaṃ sagomūtraṃ hitaṃ tatra sasaindhavam
Danach bereite man ein Öl aus Kulatthikā, Dantī, Trivṛt, Śyāmā, Arka und Tilvaka, mit Kuhurin und Steinsalz versetzt – es ist dabei zuträglich.
pittavidra dhivat sarvāḥ kriyā niravaśeṣataḥ vidra dhyoḥ kuśalaḥ kuryādra ktāgantunimittayoḥ
Für die beiden durch Blut und durch äußere Ursache (*āgantu*) entstandenen vidradhi wende der Kundige sämtliche Behandlungen restlos wie beim Pitta-vidradhi an.
varuṇādigaṇakvāthamapakve'bhyantarotthite ūṣakādipratīvāpaṃ pibet sukhakaraṃ naraḥ
Bei einem unreifen, im Inneren entstandenen Abszess trinke der Mensch einen wohltuenden Sud aus der Varuṇa-Gruppe, versetzt mit einem Zusatz aus der Ūṣaka-Gruppe.
anayorvargayoḥ siddhaṃ sarpirvairecanena ca acirādvidra dhiṃ hanti prātaḥ prātarniṣevitam
Mit diesen beiden Kräutergruppen bereitetes Ghee, zusammen mit einem *virecana* (Abführmittel), morgens für morgens eingenommen, beseitigt den vidradhi in kurzer Zeit.
ebhireva gaṇaiścāpi saṃsiddhaṃ snehasaṃyutam kāryamāsthāpanaṃ kṣipraṃ tathaivāpyanuvāsanam
Mit eben diesen Kräutergruppen bereitetes, mit Öl versetztes Mittel soll man rasch als *āsthāpana* (ausleitendes Klistier) anwenden, ebenso auch als *anuvāsana* (ölendes Klistier).
pānālepanabhojyeṣu madhuśigrudrumo'pi vā dattāvāpo yathādoṣamapakvaṃ hanti vidra dhim
Auch der Honig-Meerrettichbaum, in Getränke, Salben und Speisen je nach dem vorliegenden doṣa beigegeben, beseitigt den unreifen vidradhi.
toyadhānyāmlamūtraistu peyo vā'pi surādibhiḥ yathādoṣagaṇakvāthaiḥ pibedvā'pi śilājatu
Man trinke ihn auch mit Wasser, Getreidesäure, Urin oder Branntwein und Ähnlichem, oder man trinke, dem doṣa entsprechend, Absude der jeweiligen Kräutergruppen, oder auch Śilājatu.
pradhānaṃ guggulaṃ cāpi śuṇṭhīṃ ca suradāru ca snehopanāhau kuryācca sadā cāpyanulomanam
Vor allem gebe man auch Guggulu, Ingwer und Suradāru; man wende stets Ölbehandlung und feuchtwarme Umschläge sowie stuhlregulierende Mittel (*anulomana*) an.
yathoddiṣṭāṃ sirāṃ vidhyet kaphaje vidra dhau bhiṣak raktapittānilottheṣu kecidbāhau vadanti tu
Beim Kapha-bedingten vidradhi soll der Arzt die vorgeschriebene Vene (*sirā*) anstechen; bei den durch Blut, Pitta und Vāta entstandenen sagen manche, dies solle am Arm geschehen.
pakvaṃ vā bahirunnaddhaṃ bhittvā vraṇavadācaret sruteṣūrdhvamadho vā'pi maireyāmlasurāsavaiḥ
Ist er gereift und äußerlich hervorgetreten, so öffne man ihn und behandle ihn wie eine vraṇa; ist der Eiter nach oben oder unten abgeflossen, gebe man Maireya, säuerliche Getränke, Surā oder Āsava,
peyo varuṇakādistu madhuśigrudrumo'pi vā śigrumūlajale siddhaṃ sasiddhārthakamodanam
trinke die Varuṇaka-Gruppe oder auch den Honig-Meerrettichbaum; ferner mit Śigru-Wurzelwasser gekochten Reis mit Senfkörnern,
yavakolakulatthānāṃ yūṣairbhuñjīta mānavaḥ prātaḥ prātaśca seveta mātrayā tailvakaṃ ghṛtam
esse der Mensch mit Suppen aus Gerste, Jujube und Kulattha-Bohnen; und morgens für morgens nehme er in angemessener Menge Tailvaka-Ghee ein,
trivṛtādigaṇakvāthasiddhaṃ vā'pyupaśāntaye nopagacchedyathāpākaṃ prayateta tathā bhiṣak
oder mit einem Sud aus der Trivṛt-Gruppe bereitetes Ghee zur Beruhigung; der Abszess soll nicht zur vollen Reifung gelangen – darauf soll der Arzt bedacht sein.
paryāgate vidra dhau tu siddhirnaikāntikī smṛtā pratyākhyāya tu kurvīta majjajāte tu vidra dhau
Ist der vidradhi bereits weit fortgeschritten, so gilt der Heilerfolg als nicht gesichert; bei einem aus dem Knochenmark (*majjan*) entstandenen vidradhi soll man den Fall zunächst für unheilbar erklären und dennoch behandeln.
snehasvedopapannānāṃ kuryādra ktāvasecanam vidra dhyuktāṃ kriyāṃ kuryāt pakve vā'sthi tu bhedayet
Bei denen, die mit Öl und Dampfbehandlung versorgt wurden, führe man den Aderlass durch; man wende die für vidradhi vorgeschriebene Behandlung an, und ist er gereift, so eröffne man sogar den Knochen.
niḥśalyamatha vijñāya kartavyaṃ vraṇaśodhanam dhāvettiktakaṣāyeṇa tiktaṃ sarpistathā hitam
Erkennt man die Wunde als frei von *śalya* (Fremdkörpern), so soll die Wundreinigung erfolgen; man spüle sie mit einem bitteren Sud aus, und ebenso ist bitteres Ghee zuträglich.
yadi majjaparisrāvo na nivarteta dehinaḥ kuryāt saṃśodhanīyāni kaṣāyādīni buddhimān
Hört bei dem Betroffenen der Ausfluss von majjan nicht auf, so wende der kluge Arzt reinigende Mittel wie Absude und dergleichen an.
priyaṅgudhātakīrodhrakaṭphalaṃ tinisaindhavam etaistailaṃ vipaktavyaṃ vidra dhivraṇaropaṇam
Mit Priyaṅgu, Dhātakī, Rodhra, Kaṭphala, Tini und Steinsalz soll man ein Öl kochen; es dient der Heilung von vidradhi-Wunden.