Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Chikitsasthana

Adhyāya 39: āturopadra vacikitsitaṃ Nachsorge nach den Reinigungsverfahren

Das Kapitel über die upadrava (Begleit- und Folgebeschwerden) des Kranken behandelt vor allem die Nachsorge nach den fünf Reinigungsverfahren: Nach Ölkur, Brechmittel, Abführung, Aderlass oder basti ist das Verdauungsfeuer geschwächt und muss durch eine stufenweise gesteigerte Kost – von dünnem Reisschleim (yavāgū) über dicken Reisbrei (vilepī) bis zu Fleischsaft – wieder aufgebaut werden, deren Umfang sich nach der ausgeschiedenen doṣa-Menge in den Maßen prastha und āḍhaka richtet. Eigene Regeln gelten für Menschen mit überwiegendem kapha oder pitta sowie für Erschöpfte, bei denen die übliche Reihenfolge umgekehrt wird. Der zweite Teil listet, welche Verhaltensfehler während der Genesung – Zorn, vorzeitiger Geschlechtsverkehr, Tagesschlaf, lautes Sprechen, Fahren, langes Sitzen oder Stehen, Kälte, unzuträgliche Nahrung – welche doṣa-spezifischen Krankheitsbilder auslösen, von Krämpfen und Halbseitenlähmung bis zu Milzvergrößerung und Bauchwassersucht, jeweils mit dem Hinweis, die Ursache durch das entgegengesetzte Mittel zu behandeln.

Verhaltensfehler in der Rekonvaleszenz und ihre Folgen (Vers 25–37)
FehlverhaltenFolgen
Zornerregtes pitta, Begleitbeschwerden
Überanstrengung, TrauerVerwirrung des Geistes
vorzeitiger GeschlechtsverkehrKrämpfe, Halbseitenlähmung, Gliederstarre, Genitalschwellung, Husten, Atemnot, Blutaustritt mit Samen/Regelblut
Schlaf am TageMilzvergrößerung mit Bauchwassersucht, Schnupfen, Blässe, Schwellung, Fieber, Verwirrung, Appetitlosigkeit
lautes SprechenKopfschmerz, Erblindung, Taubheit, Stummheit, Kieferverrenkung, lockere Zähne
Fahren in einem GefährtErbrechen, Ohnmacht, Schwindel, Erschöpfung, Gliedersteifheit
langes Sitzen oder StehenHüftschmerz
übermäßiges UmhergehenSchmerzen in den Unterschenkeln, Auszehrung der Oberschenkel
Kälte, Beischlaf, kaltes WasserVermehrung des vāta, Gliederschmerz, Steifheit, Zittern
Wind und SonnenhitzeHautverfärbung, Fieber
unzuträgliche oder übermäßige NahrungTod, schwere Krankheit, Verdauungsstörung

athāta āturopadra vacikitsitaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir die Behandlung der *upadrava* (der Begleit- bzw. Folgebeschwerden) beim Kranken erklären.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So wie es der erhabene Dhanvantari lehrte:

snehapītasya vāntasya viriktasya srutāsṛjaḥ nirūḍhasya ca kāyāgnirmando bhavati dehinaḥ

Wenn ein Mensch die *sneha*-Kur (Ölungstherapie) durchlaufen hat, zum Erbrechen gebracht, abgeführt (*virecana*, Abführung) oder zur Ader gelassen wurde, oder wenn ihm ein *basti* (Klistier) gegeben wurde, wird sein *agni* (das Verdauungsfeuer) im Körper schwach.

so'nnairatyarthagurubhirupayuktaiḥ praśāmyati alpo mahadbhirbahubhiśchādito'gnirivendhanaiḥ

Wird es dann mit übermäßig schwerer, reichlich genossener Nahrung gespeist, erlischt es, so wie ein kleines Feuer von zu viel und zu großem Brennholz erstickt wird.

sa cālpairlaghubhiścānnairupayuktairvivardhate kāṣṭhairaṇubhiralpaiśca sandhukṣita ivānalaḥ

Wird es hingegen mit wenig und leichter Nahrung genährt, wächst es, so wie ein Feuer durch wenige, kleine Scheite angefacht wird.

hṛtadoṣapramāṇena sadā'hāravidhiḥ smṛtaḥ trīṇi cātra pramāṇāni prastho'dhāḍhakamāḍhakam

Die Menge der Nahrung soll sich stets nach der Menge der ausgeschiedenen *doṣa* (Körpersäfte) richten; hierbei gibt es drei Maße: den *prastha* (ein Hohlmaß), das halbe *āḍhaka* und das volle *āḍhaka* (ein größeres Hohlmaß, das Vierfache eines *prastha*).

tatrāvaraṃ prasthamātraṃ dve śeṣe madhyamottame prasthe parisrute deyā yavāgūḥ svalpataṇḍulā

Das niedrigste Maß beträgt einen *prastha*, die beiden übrigen Maße gelten für die mittlere und die höchste Stufe. Ist ein *prastha* [an ausgeschiedenen Doṣas] abgegangen, soll man dünnen Reisschleim (*yavāgū*) mit sehr wenig Reiskörnern geben.

dve caivārdhāḍhake deye tisraścāpyāḍhake gate vilepīmucitādbhaktāccaturthāṃśakṛtāṃ tataḥ

Sind es zwei Maße, soll er beim halben *āḍhaka* [gegeben werden], sind es drei, beim vollen *āḍhaka*; danach soll dicker Reisbrei (*vilepī*), zu einem Viertel aus fester Nahrung bereitet, gegeben werden.

dadyāduktena vidhinā klinnasikthāmapicchilām asnigdhalavaṇaṃ svacchamudgayūṣayutaṃ tataḥ

Nach der genannten Regel soll man weichen, klebrigen Reisschleim mit aufgeweichten Körnern geben, ungeölt, gesalzen, dazu eine klare Mungbohnensuppe.

aṃśadvayapramāṇena dadyāt susvinnamodanam tatastu kṛtasaṃjñena hṛdyenendri yabodhinā

Im Verhältnis von zwei Anteilen soll dann gut gekochter Reis (*odana*) gegeben werden, danach wohlschmeckende, wohltuende Kost, die den Sinnen wieder Klarheit verleiht.

trīnaṃśān vitaredbhoktumāturāyaudanaṃ mṛdu tato yathocitaṃ bhaktaṃ bhoktumasmai vicakṣaṇaḥ

Drei Anteile weichen Reis soll man dem Kranken zu essen geben; danach möge der kundige Arzt ihm die seinem Zustand angemessene feste Nahrung zu essen geben.

lāvaiṇahariṇādīnāṃ rasairdadyāt susaṃskṛtaiḥ hīnamadhyottameṣveṣu virekeṣu prakīrtitaḥ

Mit gut zubereiteten Fleischsäften von Wachtel, Antilope, Hirsch und ähnlichem Wild soll man ihn versorgen — so wird es für die niedrige, mittlere und hohe Stufe der *virecana* (Abführung) gelehrt.

ekadvitriguṇaḥ samyagāhārasya kramastvayam kaphapittādhikānmadyanityān hīnaviśodhitān

So verläuft ordnungsgemäß die ein-, zwei- oder dreifach gesteigerte Abfolge der Nahrung. Bei denen, deren *kapha* (der Schleim) und *pitta* (die Galle) [von Natur aus] überwiegen, die ständig Alkohol trinken oder die nur unzureichend gereinigt wurden, gilt Folgendes:

peyā'bhiṣyandayetteṣāṃ tarpaṇādikramo hitaḥ vedanālābhaniyamaśokavaicittyahetubhiḥ

Bei ihnen würde dünner Reisschleim (*peyā*) Stauung verursachen; für sie ist vielmehr eine mit stärkender Kost beginnende Abfolge zuträglich — ebenso bei jenen, die durch Schmerz, Entbehrung, Fasten, Kummer oder seelische Verwirrung geschwächt sind,

narānupoṣitāṃścāpi viriktavadupācaret āḍhakārdhāḍhakaprasthasaṃkhyā hyeṣā virecane

und auch bei ausgehungerten Männern soll man wie bei einem Abgeführten verfahren. Diese Zählung nach *āḍhaka*, halbem *āḍhaka* und *prastha* gilt für die Abführung.

śleṣmāntatvādvirekasya na tāmicchati tadvidaḥ eko virekaḥ śleṣmānto na dvitīyo'sti kaścana

Da die Abführung [erst] mit dem Erscheinen von Schleim endet, wünschen die Kundigen sie nicht [starr] nach diesem Maß zu begrenzen: Es gibt nur eine Abführung, die mit *kapha* endet, eine zweite gibt es nicht.

balaṃ yattrividhaṃ proktamatastatra kramastridhā tatrānukramamekaṃ tu balasthaḥ sakṛdācaret

Die Kraft, die als dreifach bezeichnet wird, bestimmt daher auch eine dreifache Abfolge: Wer stark ist, durchlaufe die Stufenfolge einmal;

dvirācarenmadhyabalastrīn vārān durbalastathā kecidevaṃ kramaṃ prāhurmandamadhyottamāgniṣu

wer mittlere Kraft hat, durchlaufe sie zweimal, wer schwach ist, dreimal. So lehren es manche für schwaches, mittleres und starkes Verdauungsfeuer.

saṃsargeṇa vivṛddhe'gnau doṣakopabhayādbhajet prāk svādutiktau snigdhāmlalavaṇān kaṭukaṃ tataḥ

Ist durch das schrittweise Zusammenführen der Speisen das Verdauungsfeuer wieder erstarkt, soll man aus Furcht vor einer Erregung der *doṣa* zunächst Süßes und Bitteres zu sich nehmen, dann Öliges, Saures und Salziges, danach Scharfes,

svādvamlalaṇān bhūyaḥ svādutiktāvataḥ param snigdharūkṣān rasāṃścaiva vyatyāsāt svasthavattataḥ

wiederum Süßes, Saures und Salziges, danach erneut Süßes und Bitteres, im Wechsel ölige und trockene Geschmacksrichtungen — danach lebe er wie ein Gesunder.

kevalaṃ snehapīto vā vānto yaścāpi kevalam sa saptarātraṃ manujo bhujjīta laghu bhojanam

Wer nur die Ölkur durchlaufen hat oder auch wer nur zum Erbrechen gebracht wurde, soll sieben Nächte lang leichte Kost zu sich nehmen.

kṛtaḥ sirāvyadho yasya kṛtaṃ yasya ca śodhanam sa nā pariharenmāsaṃ yāvadvā balavān bhavet

Wer einen *sirāvyadha* (Aderlass) erhalten hat oder bei dem eine andere *śodhana* (Reinigung) durchgeführt wurde, soll sich einen Monat lang zurückhalten, oder solange, bis er wieder kräftig ist.

tryahaṃ tryahaṃ pariharedekaikaṃ bastimāturaḥ tṛtīye tu parīhāre yathāyogaṃ samācaret

Nach jedem einzelnen *basti* soll der Kranke sich je drei Tage zurückhalten; nach der dritten Zurückhaltung soll er sich wieder wie gewohnt verhalten.

tailapūrṇāmamṛdbhāṇḍasadharmāṇo vraṇāturāḥ snigdhaśuddhākṣirogārtā jvarātīsāriṇaśca ye

Wundpatienten (mit *vraṇa*, Geschwüren) verhalten sich wie ein mit Öl gefülltes, ungebranntes Tongefäß; ebenso jene, die geölt und gereinigt wurden, an Augenkrankheiten leiden, sowie Fieber- und Durchfallkranke.

krudhyataḥ kupitaṃ pittaṃ kuryāttāṃstānupadra vān āyāsyataḥ śocato vā cittaṃ vibhramamṛcchati

Bei einem Zornigen gerät das erregte *pitta* in Aufruhr und verursacht jene [genannten] Begleitbeschwerden; bei einem, der sich überanstrengt oder trauert, gerät der Geist in Verwirrung.

maithunopagamādghorān vyādhīnāpnoti durmatiḥ ākṣepakaṃ pakṣaghātamaṅgapragrahameva ca

Durch [vorzeitigen] Geschlechtsverkehr erleidet der Unbedachte schreckliche Krankheiten: Krämpfe, Halbseitenlähmung und Gliederstarre,

guhyapradeśe śvayathuṃ kāsaśvāsau ca dāruṇau rudhiraṃ śukravaccāpi sarajaskaṃ pravartate

eine Schwellung im Genitalbereich, heftigen Husten und quälende Atemnot; auch tritt Blut zusammen mit Samen und mit Regelblut aus.

labhate ca divāsvapnāttāṃstān vyādhīn kaphātmakān plīhodaraṃ pratiśyāyaṃ pāṇḍutāṃ śvayathuṃ jvaram

Durch Schlaf am Tage erwirbt man jene von *kapha* verursachten Krankheiten: Milzvergrößerung mit Bauchwassersucht, Schnupfen, Blässe, Schwellung und Fieber,

mohaṃ sadanamaṅgānāmavipākaṃ tathā'rucim tamasā cābhibhūtastu svapnamevābhinandati

Verwirrung, Mattigkeit der Glieder, Verdauungsstörung und Appetitlosigkeit; von Trägheit überwältigt, verlangt er nur immer wieder nach Schlaf.

uccaiḥ saṃbhāṣaṇādvāyuḥ śirasyāpādayedrujam āndhyaṃ jāḍyamajighratvaṃ bādhiryaṃ mūkatāṃ tathā

Durch lautes Sprechen verursacht der *vāta* (der Wind) Schmerz im Kopf, Erblindung, Erstarrung, Verlust des Geruchssinns, Taubheit und Stummheit,

hanumokṣamadhīmanthamarditaṃ ca sudāruṇam netrastambhaṃ nimeṣaṃ vā tṛṣṇāṃ kāsaṃ prajāgaram

Kieferverrenkung, heftiges quälendes Reißen im Gesicht, starre Augen oder unwillkürliches Blinzeln, Durst, Husten und Schlaflosigkeit;

labhate dantacālaṃ ca tāṃstāṃścānyānupadra vān yānayānena labhate chardimūrcchābhramaklamān

auch erwirbt man lockere Zähne und diese und andere Begleitbeschwerden. Durch Fahren in einem Gefährt erwirbt man Erbrechen, Ohnmacht, Schwindel und Erschöpfung,

tathaivāṅgagrahaṃ ghoramindri yāṇāṃ ca vibhramam cirāsanāttathā sthānācchroṇyāṃ bhavati vedanā

ebenso schreckliche Gliedersteifheit und Verwirrung der Sinnesorgane. Durch langes Sitzen wie durch langes Stehen entsteht Schmerz in der Hüfte.

aticaṅkramaṇādvāyurjaṅghayoḥ kurute rujaḥ sakthipraśoṣaṃ śophaṃ vā pādaharṣamathāpi vā

Durch übermäßiges Umhergehen verursacht der *vāta* Schmerzen in den Unterschenkeln, Auszehrung der Oberschenkel, Schwellung oder auch Kribbeln in den Füßen.

śītasaṃbhogatoyānāṃ sevā mārutavṛddhaye tato'ṅgamardaviṣṭambhaśūlādhmānapravepakāḥ

Der Genuss von Kälte, [ausschweifendem] Beischlaf und [kaltem] Wasser führt zur Vermehrung des *vāta*; daraus entstehen Gliederschmerz, Steifheit, Stechen, Blähungen und Zittern.

vātātapābhyāṃ vaivarṇyaṃ jvaraṃ cāpi samāpnuyāt viruddhādhyaśanānmṛtyuṃ vyādhiṃ vā ghoramṛcchati

Durch Wind und Sonnenhitze erlangt man Verfärbung der Haut und auch Fieber; durch unverträgliches oder [vor Verdauung des Vorherigen] übermäßiges Essen gerät man in den Tod oder in eine schreckliche Krankheit.

asātmyabhojanaṃ hanyādbalavarṇamasaṃśayam anātmavantaḥ paśuvadbhuñjate ye'pramāṇataḥ rogānīkasya te mūlamajīrṇaṃ prāpnuvanti hi

Unzuträgliche Nahrung zerstört ohne Zweifel Kraft und Hautfarbe. Wer unbeherrscht wie ein Tier maßlos isst, der erlangt Verdauungsstörung, die Wurzel eines ganzen Heeres von Krankheiten.

vyāpadāṃ kāraṇaṃ vīkṣya vyāpatsvetāsu buddhimān prayatetāturārogye pratyanīkena hetunā

Nachdem er die Ursache dieser Übel erkannt hat, soll der Kluge sich bei diesen Übeln um die Genesung des Kranken bemühen, indem er der Ursache mit dem entgegengesetzten Mittel entgegenwirkt.

viriktavāntairhariṇaiṇalāvakāḥ śaśaśca sevyaḥ samayūratittiriḥ saṣaṣṭikāścaiva purāṇaśālayastathaiva mudgā laghu yacca kīrtitam

Von denen, die abgeführt oder zum Erbrechen gebracht wurden, sollen Hirsch, Antilope, Wachtel und Hase gegessen werden, ebenso Pfau und Rebhuhn, dazu Ṣaṣṭika-Reis, alter Reis, Mungbohnen sowie alles, was sonst als leicht verdaulich gilt.

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