Quellen der Menschheit

Suśruta-Saṃhitā · Chikitsasthana

Adhyāya 27: sarvopaghātaśamanīyaṃ rasāyanacikitsataṃ Rasāyana gegen alle Schädigungen

Das siebenundzwanzigste Kapitel eröffnet die eigentliche *rasāyana*-Lehre der Suśruta-Saṃhitā unter dem Titel „das alle Schädigungen besänftigende Rasāyana". Vorausgesetzt wird stets ein zuvor gereinigter Körper, da die Wirkung sonst wie Farbe auf schmutzigem Gewand verpufft. Zentral ist die aufwendige, mehrmonatige „Hütten-Kur" mit Bhallātaka (Marking-Nut-Baum) oder mit Kāśmarya-Frucht: Der Behandelte verliert nach und nach Zähne, Nägel und Haare, um mit neuem, glanzvollem Körper und einer Lebensspanne von achthundert Jahren wiedergeboren zu werden – eine Prozedur, die in ihrer legendären Übersteigerung an das spätere Soma-Rasāyana erinnert. Daneben stehen mildere, kürzere Kuren mit Balā, Atibalā, Nāgabalā, Vidārī und Śatāvarī, mit Vārāhī-Wurzel sowie eine sehschärfende Rezeptur aus Bījaka und Agnimantha. Durchgängig verbindet der Text konkrete botanische Zubereitungen mit religiösem Ritual – etwa der Weihung durch tausend Feueropferungen – und mit der Verheißung außergewöhnlich langer Lebensspannen.

athātaḥ sarvopaghātaśamanīyaṃ rasāyanaṃ vyākhyāsyāmaḥ

Nun wollen wir das *rasāyana* (Verjüngungstherapie) erläutern, das alle Schädigungen besänftigt.

yathovāca bhagavān dhanvantariḥ

So, wie es der erhabene Dhanvantari verkündet hat.

pūrve vayasi madhye vā manuṣyasya rasāyanam prayuñjīta bhiṣak prājñaḥ snigdhaśuddhatanoḥ sadā

In der ersten oder in der mittleren Lebensphase eines Menschen soll der kluge Arzt stets bei einem Menschen, dessen Körper geölt und gereinigt wurde, *rasāyana* anwenden.

nāviśuddhaśarīrasya yukto rāsāyano vidhiḥ na bhāti vāsasi kliṣṭe raṅgayoga ivāhitaḥ

Bei einem nicht gereinigten Körper ist die *rasāyana*-Behandlung nicht angebracht; wie ein auf ein schmutziges Gewand aufgetragener Farbstoff nicht zur Geltung kommt, so verfehlt sie ihre Wirkung.

śarīrasyopaghātā ye doṣajā mānasāstathā upadiṣṭāḥ pradeśeṣu teṣāṃ vakṣyāmi vāraṇam

Die Schädigungen des Körpers, die durch die *doṣa* (Körpersäfte) sowie die seelisch bedingten, wurden bereits an entsprechender Stelle dargelegt; ich werde nun deren Abwehr durch *rasāyana* darlegen.

śītodakaṃ payaḥ kṣaudraṃ sarpirityekaśo dviśaḥ triśaḥ samastamathavā prāk pītaṃ sthāpayedvayaḥ

Kaltes Wasser, Milch, Honig und Ghī - einzeln, zu zweit, zu dritt oder alle vier zusammen, vorher getrunken, halten das jugendliche Alter fest.

tatra viḍaṅgataṇḍūlacūrṇamāhṛtya yaṣṭīmadhukamadhuyuktaṃ yathābalaṃ śītatoyenopayu-ñjīta śītatoyaṃ cānupibedevamaharaharmāsaṃ tadeva madhuyuktaṃ bhallātakakvāthena vā madhudrā kṣākvāthayuktaṃ vā madhvāmalakarasābhyāṃ vā guḍūcīkvāthena vā evamete pañca prayogā bhavanti jīrṇe mudgāmalakayūṣeṇālavaṇenālpasnehena ghṛtavantamodana-maśnīyāt ete khalvarśāṃsi kṣapayanti kṛmīnupaghnanti grahaṇadhāraṇaśaktiṃ janayanti māse māse ca prayoge varṣaśataṃ varṣaśatamāyuṣo'bhivṛddhirbhavati

Dabei nehme man Viḍaṅga-Reispulver, mit Süßholz und Honig versetzt, nach Vermögen mit kaltem Wasser ein und trinke dazu kaltes Wasser nach - so, Tag für Tag, einen Monat lang. Dasselbe, mit Honig versetzt, nehme man auch zusammen mit dem Sud von Bhallātaka, oder mit dem Sud von Madhukā und Weintrauben, oder mit Honig und Āmalakī-Saft, oder mit dem Sud von Guḍūcī - so ergeben sich fünf Rezepturen. Ist das Mittel verdaut, esse man ungesalzenen Mungbohnen-Āmalakī-Brei mit wenig Öl sowie mit Ghī versetzten Reis. Diese Mittel vertreiben Hämorrhoiden, vernichten pathogene Mikroorganismen und erzeugen die Kraft, Nahrung zu verarbeiten und zu bewahren; wird das Mittel Monat für Monat angewendet, so wächst die Lebensspanne jeweils um hundert Jahre.

viḍaṅgataṇḍulānāṃ dro ṇaṃ piṣṭapacane piṣṭavadupasvedya vigatakaṣāyaṃ svinnamavatārya dṛṣadi piṣṭamāyase dṛḍhe kumbhe madhūdakottaraṃ prāvṛṣi bhasmarāśāvantargṛhe caturo māsānnidadhyāt varṣāvigame coddhatypasaṃskṛtaśarīraḥ sahasrasaṃpātābhihutaṃ kṛtvā prātaḥprātaryathābalamupayuñjīta jīrṇe mudgāmalakayūṣeṇālavaṇena ghṛtavantamodana maśnīyāt pāṃśuśayyāyāṃ śayīta tasya māsādūrdhvaṃ sarvāṅgebhyaḥ kṛmayo niṣkrāmanti tānaṇutailenābhyaktasya vaṃśavidalenāpaharet dvitīye pipīlikā-stṛtīye yūkāstathaivāpaharet caturthe dantanakharomāṇyavaśīryante pañcame praśasta-guṇa lakṣaṇāni jāyante amānuṣaṃ cādityaprakāśaṃ vapuradhigacchati dūrācchrava-ṇāni darśanānicāsya bhavanti rajastamasī cāpohya sattvamadhitiṣṭhati śrutani-gādyapūrvotpādī gajabalo'śvajavaḥ punaryuvā'ṣṭau varṣaśatānyāyuravāpnotitasyā-ṇutailamabhyaṅgārthe ajakarṇakaṣāyamutsādanārthe sośīraṃ kūpodakaṃ snānārthe candanamupalepanārthe bhallātakavidhānavadāhāraḥ parihāraśca

Man dämpfe eine Droṇa Viḍaṅga-Reis wie bei der Mehlzubereitung, bis der herbe Geschmack verschwunden ist, nehme ihn gedämpft herunter, zerstoße ihn auf einem Stein zu Mehl und lasse ihn, mit Honigwasser übergossen, in einem festen eisernen Gefäß während der Regenzeit vier Monate lang im Haus in einem Aschehaufen liegen. Nach Ende der Regenzeit hebe man es heraus; ein Mensch, dessen Körper durch Vorbehandlung zubereitet wurde, nehme es, nachdem er es mit tausend Feueropferungen geweiht hat, jeden Morgen nach Vermögen ein. Ist es verdaut, esse man ungesalzenen Mungbohnen-Āmalakī-Brei sowie mit Ghī versetzten Reis, und schlafe auf einem Lager von feiner Erde. Nach einem Monat treten aus seinem ganzen Körper Würmer hervor; salbt man ihn mit feinem Öl ein, entferne man diese mit einem Bambusspan. Im zweiten Monat treten Ameisenähnliche, im dritten Läuseähnliche aus, die man ebenso entferne. Im vierten Monat fallen Zähne, Nägel und Haare aus; im fünften Monat entstehen ausgezeichnete Merkmale und Eigenschaften - er erlangt einen übermenschlichen, sonnenhaft leuchtenden Körper; sein Gehör und Gesicht reichen in die Ferne, er vertreibt Trübung und Dunkelheit und gründet sich fest in der reinen Wesenheit (*sattva*, das reine Wesensprinzip); er trägt heilige Texte vor, wie sie zuvor nie gehört wurden, besitzt die Kraft eines Elefanten und die Schnelligkeit eines Pferdes, wird wieder jung und erlangt achthundert Jahre Lebensspanne. Zur Ölmassage diene ihm jenes feine Öl, zum Abschaben der Sud von Ajakarṇa-Rinde, zum Bad Brunnenwasser mit Vetiver, zur Einreibung Sandelholz; Diät und Verhaltensregeln entsprechen der Vorschrift für Bhallātaka.

kāśmaryāṇāṃ niṣkulīkṛtānāmeṣa eva kalpaḥ pāṃśuśayyābhojanavarjāṃ atra hi payasā śṛtena bhoktavyaṃ samānamanyat pūrveṇāśiṣaśca śoṇitapittanimitteṣu vikāreṣveteṣāmupayogaḥ

Für entkernte Kāśmarya-Früchte gilt dasselbe Verfahren, mit Ausnahme des Erdlagers und der besonderen Speise; hier soll man vielmehr mit gekochter Milch essen, im Übrigen ist es dasselbe wie zuvor, auch was die zu erwartenden Segnungen betrifft. Die Anwendung dieser Mittel gilt bei Erkrankungen, die durch Blut und *pitta* verursacht sind.

yathoktamāgāraṃ praviśya balāmūlārdhapalaṃ palaṃ vā payasā'loḍya pibet jīrṇe payaḥ sarpirodana ityāhāraḥ evaṃ dvādaśarātramupayujya dvādaśa varṣāṇi vayasti-ṣṭhati evaṃ divasaśatamupayujya varṣaśataṃ vayastiṣṭhati evamevātibalānāgaba-lāvidārīśatāvarīṇāmupayogaḥ viśeṣatastvati balāmudakena nāgabalācūrṇaṃ madhunā vidārīcūrṇaṃ kṣīreṇa śatāvarīmapyevaṃ pūrveṇānyat samānamāśiṣaśca samāḥ etāstvauṣadhayo balakāmānāṃ śoṣiṇāṃ raktapittaposṛṣṭānāṃ śoṇitaṃ chardayatāṃ viricyamānānāṃ copadiśyante

Man betrete das vorgeschriebene Haus, verrühre ein halbes oder ein ganzes Pala Balā-Wurzel mit Milch und trinke es; ist es verdaut, besteht die Nahrung aus Milch, Ghī und Reis. Wendet man dies zwölf Nächte lang an, bleibt man zwölf Jahre lang jung; wendet man es hundert Tage lang an, bleibt man hundert Jahre lang jung. Ebenso verfährt man mit Atibalā, Nāgabalā, Vidārī und Śatāvarī; im Besonderen aber nehme man Atibalā mit Wasser, Nāgabalā-Pulver mit Honig, Vidārī-Pulver mit Milch und ebenso Śatāvarī - im Übrigen gleicht es dem zuvor Gesagten, auch was die Segnungen betrifft. Diese Heilkräuter werden für Kraftbegehrende, für Auszehrende, für von Blut und *pitta* Geplagte sowie für solche empfohlen, die durch Erbrechen oder Abführen Blut entleeren.

vārāhīmūlatulācūrṇaṃ kṛtvā tato mātrāṃ madhuyuktāṃpayasā'loḍya pibet jīrṇe payaḥ sarpirodana ityāhāraḥ pratiṣedho'tra pūrvavat prayogamimamupasevamāno varṣa-śatamāyuravāpnoti strīṣu cākṣayatām etenaiva cūrṇena payo'vacūrṇya śṛtaśītama-bhimathyājyamutpādya madhuyutamupayuñjīta sāyaṃprātarekakālaṃ vā jīrṇe payaḥ sarpirodana ityāhāraḥ evaṃ māsamupayujya varṣaśatāyurbhavati

Man bereite Pulver aus einer Tulā Vārāhī-Wurzel und nehme davon eine mit Honig versetzte Dosis, mit Milch verrührt, ein; ist es verdaut, besteht die Nahrung aus Milch, Ghī und Reis. Die Verbotsregeln sind hier wie zuvor. Wer dieses Mittel anwendet, erlangt hundert Jahre Lebensspanne und unerschöpfliche Kraft bei Frauen. Mit demselben Pulver bestäube man Milch, buttere sie nach Erhitzen und Abkühlen zu Ghī und nehme dieses mit Honig versetzt morgens und abends oder nur zu einer Zeit ein; ist es verdaut, besteht die Nahrung aus Milch, Ghī und Reis. Wendet man dies einen Monat lang an, erlangt man hundert Jahre Lebensspanne.

cakṣuḥkāmaḥ prāṇakāmo vā bījakasārāgnimanthamūlaṃ niṣkvāthya māṣaprasthaṃ sādhayet tasmin sidhyati citrakamūlānāmakṣamātraṃ kalkaṃ dadyādāmalakarasa caturthabhāgaṃ tataḥ svinnamavatārya sahasrasaṃpātābhihutaṃ kṛtvā śītībhūtaṃ madhusa rpirbhyāṃ saṃsṛjyopayuñjīta yathābalaṃ yathāsātmyaṃ ca lavaṇaṃ pariharan bhakṣayet jīrṇe mudgāmalakayūṣeṇālavaṇena ghṛtavantamodanamaśnīyāt payasā vā māsatra-yam evamābhyāṃ prayogābhyāṃ cakṣuḥ sauparṇaṃ bhavatyanalpabalaḥ strīṣu cākṣayo varṣaśatāyurbhavatīti

Wer Sehkraft oder Lebenskraft begehrt, koche einen Sud aus dem Kernholz von Bījaka und der Wurzel von Agnimantha, und bereite darin eine Praṣṭha Urdbohnen; wenn diese gar sind, gebe man eine Akṣa-Maß Paste aus Citraka-Wurzel sowie ein Viertel Āmalakī-Saft hinzu, nehme es dann gedämpft herunter, weihe es mit tausend Feueropferungen, lasse es abkühlen und vermenge es mit Honig und Ghī; man nehme es nach Vermögen und Verträglichkeit ein, dabei meide man Salz. Ist es verdaut, esse man ungesalzenen Mungbohnen-Āmalakī-Brei mit Ghī-Reis oder trinke drei Monate lang Milch dazu. Durch diese beiden Rezepturen wird das Auge scharf wie das eines Adlers, der Anwendende wird überaus kräftig, unerschöpflich bei Frauen und erlangt hundert Jahre Lebensspanne.

bhavati cātra payasā saha siddhāni naraḥ śaṇaphalāni yaḥ bhakṣayet payasā sārdhaṃ vayastasya na śīryate

Hierzu gibt es einen Merkvers: Ein Mann, der mit Milch gekochte Śaṇa-Früchte zusammen mit Milch isst, dessen Jugend verfällt nicht.

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