Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Sauptikaparva

Kapitel 10: yudhiṣṭhiraparidevanam Yudhiṣṭhiras Klage über den bitteren Sieg und sein Gang zum Schlachtfeld der Erschlagenen

Nach dem nächtlichen Überfall meldet Dhṛṣṭadyumnas Wagenlenker den Tod der Söhne und des Heeres; Yudhiṣṭhira bricht zusammen, klagt über den Sieg, der zur Niederlage wurde, und sendet Nakula nach Draupadī.

nārāyaṇaṃ namaskṛtya naraṃ caiva narottamam; devīṃ sarasvatīṃ caiva tato jayam udīrayet

Nach der Verneigung vor Nārāyaṇa und vor Nara, dem Besten der Männer, und ebenso vor der Göttin Sarasvatī, soll man dann „Jaya“ anstimmen.

Wort für Wort
nārāyaṇaṃ namaskṛtya
Nārāyaṇa verneigt habend (Akk.; Abs.)
naraṃ caiva narottamam
und Nara, den Besten der Männer (Akk.)
devīṃ sarasvatīṃ caiva
und die Göttin Sarasvatī (Akk. Sg. f.)
tato jayam udīrayet
dann soll man „Jaya“ anstimmen (Opt. 3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Eingangsstrophe (Zusatzpassage), formelhaft.

vaiśaṃpāyana uvāca; tasyāṃ rātryāṃ vyatītāyāṃ dhṛṣṭadyumnasya sārathiḥ; śaśaṃsa dharmarājāya sauptike kadanaṃ kṛtam

Vaiśaṃpāyana sprach: Als jene Nacht vergangen war, meldete der Wagenlenker des Dhṛṣṭadyumna dem Dharmakönig, dass das Gemetzel im Schlaf angerichtet worden war.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf. 3.Sg.)
tasyāṃ rātryāṃ vyatītāyāṃ
als jene Nacht vergangen war (Lok. abs. f.)
dhṛṣṭadyumnasya sārathiḥ
der Wagenlenker des Dhṛṣṭadyumna (Gen./Nom.)
śaśaṃsa dharmarājāya
meldete dem Dharmakönig (Perf. 3.Sg./Dat.)
sauptike kadanaṃ kṛtam
das im Schlaf-Kampf [= während des Schlafes] angerichtete Gemetzel (Lok./Akk. n., Part. Pass.)

draupadeyā mahārāja drupadasyātmajaiḥ saha; pramattā niśi viśvastāḥ svapantaḥ śibire svake

Die Draupadī-Söhne, großer König, samt den Söhnen des Drupada, unachtsam, nachts arglos in ihrem Lager schlafend –

Wort für Wort
draupadeyā mahārāja
die Draupadī-Söhne, großer König (Nom. Pl./Vok.)
drupadasyātmajaiḥ saha
zusammen mit den Söhnen des Drupada (Instr. Pl.)
pramattā niśi viśvastāḥ
unachtsam, nachts vertrauensvoll (Nom. Pl. m., Part.)
svapantaḥ śibire svake
schlafend im eigenen Lager (Part. Präs. Nom. Pl./Lok.)

Der Satz wird in Vers 4 fortgeführt („hataṃ vaḥ śibiraṃ“).

kṛtavarmaṇā nṛśaṃsena gautamena kṛpeṇa ca; aśvatthāmnā ca pāpena hataṃ vaḥ śibiraṃ niśi

– durch Kṛtavarman, den Grausamen, durch Gautama Kṛpa und durch den Frevler Aśvatthāman ist euer Lager nachts erschlagen worden.

Wort für Wort
kṛtavarmaṇā nṛśaṃsena
durch Kṛtavarman, den Grausamen (Instr. Sg.)
gautamena kṛpeṇa ca
und durch Gautama Kṛpa (Instr. Sg.)
aśvatthāmnā ca pāpena
und durch Aśvatthāman, den Frevler (Instr. Sg.)
hataṃ vaḥ śibiraṃ niśi
erschlagen wurde euer Lager in der Nacht (Part. Pass. n./Gen. Pl./Lok.)

etair naragajāśvānāṃ prāsaśaktiparaśvadhaiḥ; sahasrāṇi nikṛntadbhir niḥśeṣaṃ te balaṃ kṛtam

Indem sie mit Wurfspeeren, Speeren und Äxten Tausende von Männern, Elefanten und Rossen niedermetzelten, haben sie dein Heer restlos vernichtet.

Wort für Wort
etair naragajāśvānāṃ
durch diese, von Männern, Elefanten und Rossen (Instr. Pl./Gen. Pl.)
prāsaśaktiparaśvadhaiḥ
mit Wurfspeeren, Speeren und Äxten (Instr. Pl.)
sahasrāṇi nikṛntadbhir
Tausende niedermetzelnd (Akk. Pl. n./Part. Präs. Instr. Pl.)
niḥśeṣaṃ te balaṃ kṛtam
restlos wurde dein Heer gemacht [= vernichtet] (Adv./Nom. n., Part. Pass.)

vighuṣṭanānāvihagaphalabhārānatasya ha

[Es war wie bei einem Wald,] der sich unter der Last der Früchte neigt und von den Rufen vielerlei Vögel widerhallt.

Wort für Wort
vighuṣṭanānāvihaga
von vielerlei Vögeln laut durchtönt (Kompositum, Gen. Sg.)
phalabhārānatasya ha
der sich unter der Last der Früchte gebeugt hat (Gen. Sg., Part.; Partikel)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile; grammatisch unvollständig, Bezug auf vanasya in 010.005 bzw. ergänzt. [Anm.: Einordnung unsicher.]

chidyamānasya mahato vanasyeva paraśvadhaiḥ; śuśruve sumahāñ śabdo balasya tava bhārata

Wie bei einem großen Wald, der von Äxten gefällt wird, war ein gewaltiges Geräusch deines Heeres zu hören, Bhārata.

Wort für Wort
chidyamānasya mahato
der gefällt wird, großen (Gen. Sg., Part. Pass.)
vanasyeva paraśvadhaiḥ
wie ein Wald durch Äxte (Gen. Sg./Instr. Pl.)
śuśruve sumahāñ śabdo
gehört wurde ein sehr großes Geräusch (Perf. Pass. 3.Sg./Nom.)
balasya tava bhārata
deines Heeres, Bhārata (Gen./Gen./Vok.)

aham eko 'vaśiṣṭas tu tasmāt sainyān mahīpate; muktaḥ kathaṃ cid dharmātman vyagrasya kṛtavarmaṇaḥ

Ich allein bin von jenem Heer übrig geblieben, König; mit Mühe bin ich davongekommen, Seele des Rechts, als Kṛtavarman abgelenkt war.

Wort für Wort
aham eko 'vaśiṣṭas tu
ich allein bin übrig geblieben (Nom. Sg./Part. Pass.)
tasmāt sainyān mahīpate
von jenem Heer, Herr der Erde (Abl./Vok.)
muktaḥ kathaṃ cid
befreit, irgendwie [= mit Mühe] (Part. Pass./Adv.)
dharmātman vyagrasya kṛtavarmaṇaḥ
Seele des Rechts, [als] Kṛtavarman abgelenkt [war] (Vok./Gen. abs.)

Konstruktion von kṛtavarmaṇaḥ (Gen. abs. oder Abl. bei muktaḥ) nicht ganz eindeutig.

tac chrutvā vākyam aśivaṃ kuntīputro yudhiṣṭhiraḥ; papāta mahyāṃ durdharṣaḥ putraśokasamanvitaḥ

Als er diese unheilvolle Rede gehört hatte, fiel Kuntīs Sohn Yudhiṣṭhira, der Unbezwingbare, von Sohnesschmerz ergriffen, zu Boden.

Wort für Wort
tac chrutvā vākyam aśivaṃ
nachdem er diese unheilvolle Rede gehört (Abs./Akk.)
kuntīputro yudhiṣṭhiraḥ
Kuntīs Sohn Yudhiṣṭhira (Nom.)
papāta mahyāṃ durdharṣaḥ
fiel zur Erde, der Unbezwingbare (Perf. 3.Sg./Lok./Nom.)
putraśokasamanvitaḥ
von Sohnesschmerz erfüllt (Nom., Kompositum)

taṃ patantam abhikramya parijagrāha sātyakiḥ; bhīmaseno 'rjunaś caiva mādrīputrau ca pāṇḍavau

Als er fiel, eilten Sātyaki, Bhīmasena, Arjuna und die beiden Pāṇḍava-Söhne der Mādrī herbei und hielten ihn fest.

Wort für Wort
taṃ patantam abhikramya
ihn, den Fallenden, herbeieilend (Akk./Part./Abs.)
parijagrāha sātyakiḥ
hielt fest Sātyaki (Perf. 3.Sg./Nom.)
bhīmaseno 'rjunaś caiva
Bhīmasena und Arjuna (Nom.)
mādrīputrau ca pāṇḍavau
und die beiden Söhne der Mādrī, Pāṇḍavas (Nom. Du.)

labdhacetās tu kaunteyaḥ śokavihvalayā girā; jitvā śatrūñ jitaḥ paścāt paryadevayad āturaḥ

Als Kuntīs Sohn das Bewusstsein wiedererlangt hatte, klagte er, obwohl er die Feinde besiegt hatte, danach als Besiegter, jammervoll und mit vor Kummer verwirrter Stimme.

Wort für Wort
labdhacetās tu kaunteyaḥ
der das Bewusstsein wiedererlangt hatte, Kuntīs Sohn (Nom.)
śokavihvalayā girā
mit vor Kummer verstörter Stimme (Instr. f.)
jitvā śatrūñ jitaḥ paścāt
die Feinde besiegt habend, danach besiegt (Abs./Akk. Pl./Part. Pass.)
paryadevayad āturaḥ
klagte, elend (Impf. 3.Sg./Nom.)

durvidā gatir arthānām api ye divyacakṣuṣaḥ; jīyamānā jayanty anye jayamānā vayaṃ jitāḥ

„Schwer zu durchschauen ist der Verlauf der Dinge, selbst für die, welche göttliche Augen haben: Die Besiegten siegen, andere [siegen]; wir, die wir siegen, sind besiegt.

Wort für Wort
durvidā gatir arthānām
schwer erkennbar ist der Gang der Dinge (Nom. f./Gen. Pl.)
api ye divyacakṣuṣaḥ
selbst für die, welche göttliche Augen haben (Nom. Pl.)
jīyamānā jayanty anye
besiegt werdend siegen andere (Part. Pass. Nom. Pl./3.Pl.)
jayamānā vayaṃ jitāḥ
wir, siegend, sind besiegt (Part. Präs./Nom./Part. Pass.)

Zweiter Pāda: Ergänzung des Verbs „sind“ (nicht im Text); syntaktisch knapp.

hatvā bhrātṝn vayasyāṃś ca pitṝn putrān suhṛdgaṇān; bandhūn amātyān pautrāṃś ca jitvā sarvāñ jitā vayam

Nachdem wir Brüder, Gefährten, Väter, Söhne, Scharen von Freunden, Verwandte, Minister und Enkel erschlagen und alle besiegt haben, sind wir besiegt.

Wort für Wort
hatvā bhrātṝn vayasyāṃś ca
erschlagen habend Brüder und Gefährten (Abs./Akk. Pl.)
pitṝn putrān suhṛdgaṇān
Väter, Söhne, Freundesscharen (Akk. Pl.)
bandhūn amātyān pautrāṃś ca
Verwandte, Minister und Enkel (Akk. Pl.)
jitvā sarvāñ jitā vayam
alle besiegt habend, sind wir besiegt (Abs./Akk./Part. Pass. Nom.)

anartho hy arthasaṃkāśas tathārtho 'narthadarśanaḥ; jayo 'yam ajayākāro jayas tasmāt parājayaḥ

Denn Unheil gleicht dem Gewinn, und Gewinn hat den Anschein von Unheil; dieser Sieg hat die Gestalt einer Niederlage; darum ist der Sieg eine Niederlage.

Wort für Wort
anartho hy arthasaṃkāśas
denn Unheil, dem Nutzen gleichend (Nom./Kompositum)
tathārtho 'narthadarśanaḥ
so [ist] Nutzen, dem Unheil ähnlich aussehend (Nom.)
jayo 'yam ajayākāro
dieser Sieg, von der Gestalt der Niederlage (Nom./Nom.)
jayas tasmāt parājayaḥ
Sieg ist darum Niederlage (Nom./Abl./Nom.)

yaṃ jitvā tapyate paścād āpanna iva durmatiḥ; kathaṃ manyeta vijayaṃ tato jitataraḥ paraiḥ

Wenn man nach dem Sieg hinterher wie ein ins Unglück Geratener leidet, der Verblendete – wie sollte er das als Sieg ansehen? Dadurch ist er mehr besiegt als von den Feinden.

Wort für Wort
yaṃ jitvā tapyate paścād
nachdem man [ihn] besiegt hat, leidet man danach (Akk./Abs./Präs. Med. 3.Sg.) [?]
āpanna iva durmatiḥ
wie ein Ins-Unglück-Geratener, der Törichte (Part. Pass./Nom.)
kathaṃ manyeta vijayaṃ
wie sollte er als Sieg ansehen (Opt. 3.Sg./Akk.)
tato jitataraḥ paraiḥ
dadurch mehr besiegt als von den Feinden (Abl./Komp. Nom./Instr. Pl.)

Bezug des Relativpronomens yam unklar (Sieg oder Gegner); Wiedergabe sinngemäß.

yeṣām arthāya pāpasya dhig jayasya suhṛdvadhe; nirjitair apramattair hi vijitā jitakāśinaḥ

Um derentwillen [wir kämpften] – pfui auf den sündhaften Sieg im Morden der Freunde! Denn von den Besiegten, die nicht nachlässig waren, sind wir Scheinsieger besiegt.

Wort für Wort
yeṣām arthāya
um derentwillen (Gen. Pl./Dat.)
pāpasya dhig jayasya suhṛdvadhe
des sündhaften Sieges wegen, pfui, im Morden der Freunde (Gen./Interj./Lok.)
nirjitair apramattair hi
denn von den Besiegten, den Nichtnachlässigen (Instr. Pl.)
vijitā jitakāśinaḥ
besiegt sind die als Sieger Erscheinenden (Nom. Pl.)

Der Bezug von yeṣām und die Konstruktion des ersten Halbverses sind verkürzt; Sinn sinngemäß erschlossen.

karṇinālīkadaṃṣṭrasya khaḍgajihvasya saṃyuge; cāpavyāttasya raudrasya jyātalasvananādinaḥ

Dessen, der Ohren-Pfeile [als Pfeilspitzen] und Röhren als Zähne [hatte], im Kampf das Schwert als Zunge, mit dem Bogen als aufgesperrtem Rachen, des Schrecklichen, der mit dem Klatschen der Sehne auf die Handfläche brüllte –

Wort für Wort
karṇinālīkadaṃṣṭrasya
dessen Zähne die Karṇin- und Nālīka-Pfeile sind (Gen., Kompositum)
khaḍgajihvasya saṃyuge
dessen Zunge das Schwert ist, im Kampf (Gen./Lok.)
cāpavyāttasya raudrasya
dessen aufgesperrter Rachen der Bogen ist, des Schrecklichen (Gen.)
jyātalasvananādinaḥ
der mit Sehnen- und Handflächen-Klang brüllt (Gen.)

karṇinālīka ist als Pfeilarten aufgefasst; Bezug auf Karṇa (Vers 16), Deutung des Kompositums unsicher [?].

kruddhasya narasiṃhasya saṃgrāmeṣv apalāyinaḥ; ye vyamucyanta karṇasya pramādāt ta ime hatāḥ

– des zornigen Menschenlöwen Karṇa, der in Schlachten nie floh: Die, welche aus Nachlässigkeit von ihm freigelassen wurden, diese sind nun erschlagen.

Wort für Wort
kruddhasya narasiṃhasya
des zornigen Menschenlöwen (Gen.)
saṃgrāmeṣv apalāyinaḥ
der in Schlachten nicht fliehend (Lok. Pl./Gen.)
ye vyamucyanta karṇasya
die freigelassen wurden von Karṇa (Relativ/Impf. Pass./Gen.)
pramādāt ta ime hatāḥ
aus Nachlässigkeit, diese sind erschlagen (Abl./Nom. Pl./Part.)

karṇasya wird hier als Gen. des Agens beim Passiv gelesen.

rathahradaṃ śaravarṣormimantaṃ; ratnācitaṃ vāhanarājiyuktam; śaktyṛṣṭimīnadhvajanāganakraṃ; śarāsanāvartamaheṣuphenam

Den Wagen-See mit Wogen aus Pfeilregen, juwelenbesetzt, mit Reihen von Reittieren versehen, mit Speeren und Lanzen als Fischen, Bannern und Elefanten als Krokodilen, mit Bögen als Strudeln und Pfeilen als Gischt,

Wort für Wort
rathahradaṃ śaravarṣormimantaṃ
den Wagen-See, Wogen aus Pfeilregen habend (Akk.)
ratnācitaṃ vāhanarājiyuktam
mit Juwelen besetzt, mit Reihen von Reittieren versehen (Akk.)
śaktyṛṣṭimīnadhvajanāganakraṃ
Speere und Lanzen als Fische, Banner und Elefanten als Krokodile (Akk.)
śarāsanāvartamaheṣuphenam
Bögen als Strudel, große Pfeile als Schaum (Akk.)

saṃgrāmacandrodayavegavelaṃ; droṇārṇavaṃ jyātalanemighoṣam; ye terur uccāvacaśastranaubhis; te rājaputrā nihatāḥ pramādāt

den Droṇa-Ozean, dessen Flut aus dem Aufgang des Kampf-Mondes stammt, und dessen Brandung das Dröhnen von Sehne, Handfläche und Radkranz ist – die ihn mit den vielerlei Waffenbooten durchquerten, diese Königssöhne sind aus Nachlässigkeit erschlagen worden.

Wort für Wort
saṃgrāmacandrodayavegavelaṃ
dessen Flutwelle vom Aufgang des Schlachtmondes kommt (Akk.)
droṇārṇavaṃ jyātalanemighoṣam
den Droṇa-Ozean mit Klang von Sehne, Handfläche, Radkranz (Akk.)
ye terur uccāvacaśastranaubhis
die durchquerten mit Booten aus mancherlei Waffen (Perf. 3.Pl./Instr. Pl.)
te rājaputrā nihatāḥ pramādāt
diese Königssöhne sind erschlagen aus Nachlässigkeit (Nom. Pl./Part./Abl.)

Vom Ende von Vers 19 bis hier eine einzige Satzperiode. Deutung von vega/vela nur angenähert.

na hi pramādāt paramo 'sti kaś cid; vadho narāṇām iha jīvaloke; pramattam arthā hi naraṃ samantāt; tyajanty anarthāś ca samāviśanti

Denn es gibt für Menschen in dieser Lebenswelt nichts Größeres als Nachlässigkeit, das den Tod bringt; einen Nachlässigen verlassen die Güter von allen Seiten, und Unheil dringt ein.

Wort für Wort
na hi pramādāt paramo 'sti kaś cid
denn nichts ist höher als Nachlässigkeit (Abl. des Vergleichs/3.Sg.)
vadho narāṇām iha jīvaloke
Tötung [Ursache des Todes] für Menschen hier in der Lebenswelt (Nom./Gen. Pl./Lok.)
pramattam arthā hi naraṃ samantāt
den nachlässigen Mann, die Güter ringsum (Akk./Nom. Pl.)
tyajanty anarthāś ca samāviśanti
verlassen [ihn], und Unheile dringen ein (3.Pl. Präs./Nom. Pl.)

dhvajottamāgrocchritadhūmaketuṃ; śarārciṣaṃ kopamahāsamīram; mahādhanurjyātalanemighoṣaṃ; tanutranānāvidhaśastrahomam

[Das Feuer,] dessen Rauchfahne an den Spitzen der höchsten Banner aufragt, dessen Flammen die Pfeile sind, dessen großer Wind der Zorn ist, dessen Dröhnen Bogen, Sehne, Handfläche und Radkranz sind, in das Panzer und vielerlei Waffen als Opfer eingehen –

Wort für Wort
dhvajottamāgrocchritadhūmaketuṃ
dessen Rauchfahne an den Spitzen der höchsten Banner aufragt (Akk.)
śarārciṣaṃ kopamahāsamīram
dessen Flammen Pfeile, dessen großer Wind Zorn ist (Akk.)
mahādhanurjyātalanemighoṣam
mit dem Dröhnen von großem Bogen, Sehne, Handfläche, Radkranz (Akk.)
tanutranānāvidhaśastrahomam
mit Panzern und vielerlei Waffen als Opfergabe (Akk.)

Bildliches Feuer (Kampf/Bhīṣma), Satz setzt sich in 010.021 fort.

mahācamūkakṣavarābhipannaṃ; mahāhave bhīṣmamahādavāgnim; ye sehur āttāyataśastravegaṃ; te rājaputrā nihatāḥ pramādāt

– den Bhīṣma, den gewaltigen Steppenbrand im großen Kampf, der in das erlesene Dickicht des großen Heeres gefallen ist: Die seine Wucht ertrugen, [während er] die gezückten, erhobenen Waffen [schwang], diese Königssöhne sind aus Nachlässigkeit erschlagen worden.

Wort für Wort
mahācamūkakṣavarābhipannam
in das erlesene Dickicht des großen Heeres gefallen (Akk.)
mahāhave bhīṣmamahādavāgnim
im großen Kampf Bhīṣma, das große Waldfeuer (Lok./Akk.)
ye sehur āttāyataśastravegam
die ertrugen die Wucht der ergriffenen, erhobenen Waffen (Perf. 3.Pl./Akk.)
te rājaputrā nihatāḥ pramādāt
diese Königssöhne sind erschlagen aus Nachlässigkeit (Nom./Part./Abl.)

kakṣavara und āttāyata­śastravega sind schwierig; Wiedergabe sinngemäß [?].

na hi pramattena nareṇa labhyā; vidyā tapaḥ śrīr vipulaṃ yaśo vā; paśyāpramādena nihatya śatrūn; sarvān mahendraṃ sukham edhamānam

Denn von einem nachlässigen Mann sind Wissen, Askese, Glück oder weiter Ruhm nicht zu erlangen; sieh: [Wer] mit Wachsamkeit alle Feinde erschlagen hat, [ist] wie Mahendra im Glück gedeihend.

Wort für Wort
na hi pramattena nareṇa labhyā
denn nicht ist von einem nachlässigen Mann zu erlangen (Instr./Gerundiv f.)
vidyā tapaḥ śrīr vipulaṃ yaśo vā
Wissen, Askese, Glück, weiter Ruhm oder (Nom.)
paśyāpramādena nihatya śatrūn
sieh, mit Wachsamkeit die Feinde erschlagen habend (Imp./Instr./Abs.)
sarvān mahendraṃ sukham edhamānam
alle; Mahendra, im Glück gedeihend (Akk./Akk./Part. Präs.)

Der zweite Halbvers ist elliptisch; [wer …, ist wie] Ergänzung.

indropamān pārthivaputrapautrān; paśyāviśeṣeṇa hatān pramādāt; tīrtvā samudraṃ vaṇijaḥ samṛddhāḥ; sannāḥ kunadyām iva helamānāḥ; amarṣitair ye nihatāḥ śayānā; niḥsaṃśayaṃ te tridivaṃ prapannāḥ

Sieh diese Fürstensöhne und -enkel, Indra gleich, ohne Unterschied aus Nachlässigkeit erschlagen – wie reiche Kaufleute, die das Meer durchquert haben und dann sorglos in einem schlechten Fluss versinken. Die, welche als Schlafende von Zornigen erschlagen wurden, sind ohne Zweifel in den Himmel eingegangen.

Wort für Wort
indropamān pārthivaputrapautrān
Indra gleiche Königssöhne und -enkel (Akk. Pl.)
paśyāviśeṣeṇa hatān pramādāt
sieh, ohne Unterschied erschlagen aus Nachlässigkeit (Imp./Instr./Part./Abl.)
tīrtvā samudraṃ vaṇijaḥ samṛddhāḥ
das Meer durchquert, reiche Kaufleute (Abs./Akk./Nom. Pl.)
sannāḥ kunadyām iva helamānāḥ
versunken wie in einem schlechten Fluss, sorglos (Part./Lok./Part. Präs.)
amarṣitair ye nihatāḥ śayānā
die von Zornigen erschlagen wurden, als Schlafende (Instr. Pl./Nom. Pl.)
niḥsaṃśayaṃ te tridivaṃ prapannāḥ
zweifellos sind sie in den Himmel gelangt (Adv./Nom./Akk./Part.)

kṛṣṇāṃ nu śocāmi kathaṃ na sādhvīṃ; śokārṇave sādya vinaṅkṣyatīti; bhrātṝṃś ca putrāṃś ca hatān niśamya; pāñcālarājaṃ pitaraṃ ca vṛddham; dhruvaṃ visaṃjñā patitā pṛthivyāṃ; sā śeṣyate śokakṛśāṅgayaṣṭiḥ

Wie sollte ich nicht um die tugendhafte Kṛṣṇā trauern, die nun im Ozean des Kummers untergehen wird, wenn sie erfährt, dass Brüder und Söhne erschlagen sind und ihr alter Vater, der König der Pāñcālas? Sicher wird sie besinnungslos zu Boden gestürzt daliegen, ihre Gestalt, schmal wie ein Stab vor Kummer.

Wort für Wort
kṛṣṇāṃ nu śocāmi kathaṃ na sādhvīṃ
um Kṛṣṇā, wie sollte ich nicht trauern, die Tugendhafte (Akk./1.Sg./Akk.)
śokārṇave sādya vinaṅkṣyatīti
im Ozean des Kummers wird sie heute untergehen (Lok./Fut. 3.Sg.)
bhrātṝṃś ca putrāṃś ca hatān niśamya
Brüder und Söhne erschlagen gehört habend (Akk./Part./Abs.)
pāñcālarājaṃ pitaraṃ ca vṛddham
und den Pāñcāla-König, [ihren] alten Vater (Akk.)
dhruvaṃ visaṃjñā patitā pṛthivyāṃ
sicher besinnungslos auf die Erde gefallen (Adv./Nom./Part./Lok.)
sā śeṣyate śokakṛśāṅgayaṣṭiḥ
sie wird liegen, mit vor Kummer abgemagertem Körper (Fut. Med. 3.Sg./Nom.)

tac chokajaṃ duḥkham apārayantī; kathaṃ bhaviṣyaty ucitā sukhānām; putrakṣayabhrātṛvadhapraṇunnā; pradahyamāneva hutāśanena

Wie wird sie, an Freuden gewöhnt, diesen aus Kummer geborenen Schmerz nicht ertragen können, getrieben vom Verlust der Söhne und dem Tod der Brüder, wie vom Feuer verbrannt werdend?

Wort für Wort
tac chokajaṃ duḥkham apārayantī
diesen aus Kummer geborenen Schmerz nicht bewältigend (Akk./Part. f.)
kathaṃ bhaviṣyaty ucitā sukhānām
wie wird sie sein, an Freuden gewöhnt (Fut./Nom. f./Gen. Pl.)
putrakṣayabhrātṛvadhapraṇunnā
von Söhneverlust und Brudermord getrieben (Nom. f.)
pradahyamāneva hutāśanena
wie verbrannt werdend vom Feuer (Part. Pass. f./Instr.)

ity evam ārtaḥ paridevayan sa; rājā kurūṇāṃ nakulaṃ babhāṣe; gacchānayainām iha mandabhāgyāṃ; samātṛpakṣām iti rājaputrīm

So klagte der bedrängte König der Kurus und sprach zu Nakula: „Geh und bring diese Unglückliche, die Königstochter, hierher, mitsamt der Verwandtschaft ihrer Mutter.“

Wort für Wort
ity evam ārtaḥ paridevayan sa
so, bedrängt, klagend, er (Nom./Part.)
rājā kurūṇāṃ nakulaṃ babhāṣe
der König der Kurus sprach zu Nakula (Nom./Gen. Pl./Akk./Perf.)
gacchānayainām iha mandabhāgyām
geh, bring sie hierher, die Unglückliche (Imp. 2.Sg./Akk. f.)
samātṛpakṣām iti rājaputrīm
mit der Verwandtschaft ihrer Mutter, die Königstochter (Akk. f.)

mādrīsutas tat parigṛhya vākyaṃ; dharmeṇa dharmapratimasya rājñaḥ; yayau rathenālayam āśu devyāḥ; pāñcālarājasya ca yatra dārāḥ

Der Sohn der Mādrī nahm dieses Wort des Königs an, der dem Dharma gleich war, gehorsam nach dem Recht, und fuhr rasch mit dem Wagen zur Wohnstatt der Königin, wo auch die Frauen des Pāñcāla-Königs waren.

Wort für Wort
mādrīsutas tat parigṛhya vākyaṃ
der Sohn der Mādrī, dieses Wort angenommen habend (Nom./Abs./Akk.)
dharmeṇa dharmapratimasya rājñaḥ
rechtmäßig, des dem Dharma gleichen Königs (Instr./Gen.)
yayau rathenālayam āśu devyāḥ
fuhr mit dem Wagen rasch zur Wohnung der Königin (Perf./Instr./Akk./Gen.)
pāñcālarājasya ca yatra dārāḥ
und wo die Frauen des Pāñcāla-Königs [waren] (Gen./Nom. Pl.)

prasthāpya mādrīsutam ājamīḍhaḥ; śokārditas taiḥ sahitaḥ suhṛdbhiḥ; rorūyamāṇaḥ prayayau sutānām; āyodhanaṃ bhūtagaṇānukīrṇam

Nachdem der Ājamīḍha-Nachkomme den Sohn der Mādrī fortgeschickt hatte, ging er, von Kummer gequält, mit diesen Freunden, laut weinend, zum Kampfplatz seiner Söhne, der von Scharen von Geistern übersät war.

Wort für Wort
prasthāpya mādrīsutam ājamīḍhaḥ
den Sohn der Mādrī fortgeschickt habend, der Ājamīḍha (Abs./Akk./Nom.)
śokārditas taiḥ sahitaḥ suhṛdbhiḥ
von Kummer gequält, mit jenen Freunden (Nom./Instr. Pl.)
rorūyamāṇaḥ prayayau sutānām
laut weinend, ging zu (Part. Intens./Perf./Gen. Pl.)
āyodhanaṃ bhūtagaṇānukīrṇam
zum Kampfplatz, von Geisterscharen übersät (Akk./Part.)

sa tat praviśyāśivam ugrarūpaṃ; dadarśa putrān suhṛdaḥ sakhīṃś ca; bhūmau śayānān rudhirārdragātrān; vibhinnabhagnāpahṛtottamāṅgān

Er betrat diesen unheilvollen, schrecklich anzusehenden Ort und sah die Söhne, Freunde und Gefährten auf dem Boden liegen, die Glieder blutnass, die Köpfe gespalten, zerbrochen oder geraubt.

Wort für Wort
sa tat praviśyāśivam ugrarūpaṃ
er, dies betreten habend, unheilvoll, von schrecklicher Gestalt (Nom./Abs./Akk.)
dadarśa putrān suhṛdaḥ sakhīṃś ca
sah Söhne, Freunde und Gefährten (Perf./Akk. Pl.)
bhūmau śayānān rudhirārdragātrān
auf dem Boden liegend, mit blutfeuchten Gliedern (Lok./Akk. Pl.)
vibhinnabhagnāpahṛtottamāṅgān
mit gespaltenen, zerbrochenen, geraubten Köpfen (Akk. Pl.)

sa tāṃs tu dṛṣṭvā bhṛśam ārtarūpo; yudhiṣṭhiro dharmabhṛtāṃ variṣṭhaḥ; uccaiḥ pracukrośa ca kauravāgryaḥ; papāta corvyāṃ sagaṇo visaṃjñaḥ

Als er sie erblickte, schrie Yudhiṣṭhira, der Beste der Rechtstragenden, der Vorderste der Kauravas, tief bedrückt in seiner Gestalt, laut auf und stürzte samt seinem Gefolge besinnungslos zu Boden.

Wort für Wort
sa tāṃs tu dṛṣṭvā bhṛśam ārtarūpo
er, sie aber gesehen habend, sehr bedrückt in der Erscheinung (Abs./Nom.)
yudhiṣṭhiro dharmabhṛtāṃ variṣṭhaḥ
Yudhiṣṭhira, der Beste der Rechtstragenden (Nom./Gen. Pl.)
uccaiḥ pracukrośa ca kauravāgryaḥ
laut schrie er, der Vorderste der Kauravas (Perf./Nom.)
papāta corvyāṃ sagaṇo visaṃjñaḥ
und fiel auf die Erde, mit Gefolge, besinnungslos (Perf./Lok./Nom.)

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