Kapitel 15: brahmaśirasaḥ saṃhāraḥ
Arjuna nimmt sein Geschoss zurück, Aśvatthāman lenkt das seine in die Leibesfrüchte der Pāṇḍavas
Auf Vyāsas und Nāradas Eingreifen zieht Arjuna sein Brahmaśiras-Geschoss zurück, während Aśvatthāman dies nicht vermag. Auf Vyāsas Rat wird das Geschoss in die Leibesfrüchte der Pāṇḍavas gelenkt; Aśvatthāman soll sein Stirnjuwel hergeben.
Der Beste der Redenden sprach da zu den beiden Sehern mit gefalteten Händen: „Ein Geschoss wurde durch ein [anderes] Geschoss entgegengesetzt; so möge es von mir besänftigt werden.“
Wort für Wort
uvāca vadatāṃ śreṣṭhaḥ
sprach, der Beste der Redenden (Perf.3.Sg.; Gen.Pl./Nom.Sg.)
tau ṛṣī
zu den beiden Sehern (Akk.Du.)
prāñjaliḥ tadā
mit gefalteten Händen, damals (Nom.Sg.; Adv.)
prayuktam astram astreṇa
angewandt das Geschoss durch ein Geschoss (Part.Pass.Nom.Sg.n.; Instr.Sg.)
śāmyatām iti vai mayā
es möge besänftigt werden, so wahrlich von mir (Imp.Pass.3.Sg.; Instr.)
ity uktvā saṃjahārāstraṃ punar eva dhanaṃjayaḥ; saṃhāro duṣkaras tasya devair api hi saṃyuge
Nach diesen Worten zog Dhanaṃjaya das Geschoss wieder zurück. Das Zurückziehen [eines solchen] ist im Kampf schwer zu vollbringen, selbst für die Götter.
Wort für Wort
iti uktvā
so gesprochen habend (Absolutiv)
saṃjahāra astram punar eva
zog das Geschoss wieder zurück (Perf.3.Sg.; Akk.)
dhanaṃjayaḥ
Dhanaṃjaya (Nom.Sg.)
saṃhāraḥ duṣkaraḥ
das Zurückziehen ist schwer zu tun (Nom.Sg.)
tasya devaiḥ api hi saṃyuge
dessen, selbst durch Götter, ja, im Kampf (Gen.; Instr.Pl.; Lok.)
visṛṣṭasya raṇe tasya paramāstrasya saṃgrahe; na śaktaḥ pāṇḍavād anyaḥ sākṣād api śatakratuḥ
Ist ein höchstes Geschoss einmal im Kampf entsandt, so vermag es außer dem Pāṇḍava kein anderer zurückzuholen, nicht einmal Śatakratu [Indra] in eigener Person.
Wort für Wort
visṛṣṭasya raṇe tasya
dessen, das entsandt ist, im Kampf (Gen.; Lok.)
paramāstrasya saṃgrahe
beim Zurückholen des höchsten Geschosses (Gen.; Lok.Sg.)
brahmatejobhavaṃ tad dhi visṛṣṭam akṛtātmanā; na śakyam āvartayituṃ brahmacārivratād ṛte
Denn was aus brahmischer Glut entstanden ist, von einem Ungeläuterten entsandt, kann nicht zurückgelenkt werden, außer durch das Gelübde eines Brahmacārin.
Wort für Wort
brahmatejobhavam tad hi
aus brahmischer Glut entstanden, dieses ja (Nom.Sg.n.)
visṛṣṭam akṛtātmanā
entsandt vom Ungeläuterten (Part.Pass.; Instr.Sg.)
na śakyam āvartayitum
kann nicht zurückgewendet werden (Gerundiv; Inf.)
brahmacārivratāt ṛte
außer durch das Gelübde des Brahmacārin (Abl.; Präp.)
Auch ein Brahmacārin und Gelübdetreuer, der es, schwer Erreichbares, erlangt hatte, ließ Arjuna, selbst von äußerster Not bedrängt, das Geschoss [nicht so] los. [?]
Wort für Wort
brahmacārī vratī ca api
Brahmacārin und Gelübdetreuer auch (Nom.Sg.)
duravāpam avāpya tat
nachdem er es Schwererreichbares erlangt hatte (Akk.; Absolutiv)
paramavyasanārtaḥ api
selbst von höchster Not bedrängt (Nom.Sg.)
na arjunaḥ astram vyamuñcata
nicht ließ Arjuna das Geschoss los (Impf.3.Sg.Med.)
Die Aussage steht in Spannung zum Kontext (Arjuna hat das Geschoss ja entsandt); Sinn vermutlich: nicht aus eigener Not oder Zorn, ohne Anlass [?].
„Von mir, der ich von höchster Not bedrängt war und mein Leben zu retten wünschte, wurde dieses Geschoss entsandt, o Weiser, aus Furcht vor Bhīmasena.“
Wort für Wort
uttamavyasanārtena
von höchster Not bedrängt (Instr.Sg.)
prāṇatrāṇam abhīpsunā
Lebensrettung wünschend (Instr.Sg.)
mayā etat astram utsṛṣṭam
von mir wurde dieses Geschoss entsandt (Instr.; Part.Pass.)
visṛṣṭaṃ hi mayā divyam etad astraṃ durāsadam; apāṇḍavāyeti mune vahnitejo 'numantrya vai
„Denn dieses göttliche, schwer bezwingbare Geschoss habe ich, o Weiser, entsandt, nachdem ich die Feuerglut mit der Formel geweiht hatte: ‚Damit es keine Pāṇḍavas mehr gebe!‘“
Wort für Wort
visṛṣṭam hi mayā
entsandt ja von mir (Part.Pass.; Instr.)
divyam etat astram durāsadam
dieses göttliche, schwer zu bezwingende Geschoss (Nom.Sg.n.)
„Diese Sünde wurde begangen, o Brahmane, mit von Zorn erfülltem Gemüt: Ich habe im Kampf das Geschoss entsandt, in der Hoffnung auf den Tod der Pārthas.“
Wort für Wort
kṛtam pāpam idam brahman
diese Sünde wurde begangen, o Brahmane (Part.Pass.; Vok.)
roṣāviṣṭena cetasā
mit von Zorn erfülltem Sinn (Instr.Sg.)
vadham āśāsya pārthānām
den Tod der Pārthas erhoffend (Absolutiv; Gen.Pl.)
mayā astram sṛjatā raṇe
von mir, der das Geschoss entsandte, im Kampf (Instr.; Part.Präs. Instr.; Lok.)
„Wo das Brahmaśiras-Geschoss durch ein höchstes Geschoss niedergerungen wird, dort lässt Parjanya zwölf Jahre lang in jenem Reich keinen Regen fallen.“
Wort für Wort
astram brahmaśiraḥ yatra
das Brahmaśiras-Geschoss, wo (Nom.; Adv.)
paramāstreṇa vadhyate
durch ein höchstes Geschoss getroffen wird (Instr.; Pass.3.Sg.)
Drauṇi sprach: „Welche Kleinode die Pāṇḍavas und welchen anderen Reichtum die Kauravas hier erlangt haben – im Vergleich zu diesen ragt dieses Juwel von mir hervor.“
Wort für Wort
drauṇiḥ uvāca
Drauṇi sprach (Perf.3.Sg.)
pāṇḍavaiḥ yāni ratnāni
welche Kleinode von den Pāṇḍavas (Instr.; Nom.Pl.n.)
yat ca anyat kauravaiḥ dhanam
und welcher andere Reichtum von den Kauravas (Instr.)
avāptāni iha
erlangt hier (Part.Pass.)
tebhyaḥ ayam maṇiḥ mama viśiṣyate
vor diesen zeichnet sich dieses mein Juwel aus (Abl.; Pass.3.Sg.)
na ca rakṣogaṇabhayaṃ na taskarabhayaṃ tathā; evaṃvīryo maṇir ayaṃ na me tyājyaḥ kathaṃ cana
„Auch gibt es keine Furcht vor Scharen von Rakṣasas und ebenso keine Furcht vor Dieben. So machtvoll ist dieses Juwel; keinesfalls darf ich es aufgeben.“
na ca śakto 'smi bhagavan saṃhartuṃ punar udyatam; etad astram ataś caiva garbheṣu visṛjāmy aham; na ca vākyaṃ bhagavato na kariṣye mahāmune
„Und ich vermag, o Erlauchter, das erhobene [Geschoss] nicht wieder zurückzunehmen; darum entsende ich dieses Geschoss in die Leibesfrüchte. Und das Wort des Erlauchten, großer Weiser, werde ich nicht unbeachtet lassen.“
Wort für Wort
na ca śaktaḥ asmi bhagavan
und ich bin nicht imstande, o Erlauchter (Nom.; Präs.1.Sg.; Vok.)
saṃhartum punaḥ udyatam
wieder zurückzunehmen das Erhobene (Inf.; Part.Pass.Akk.)
etat astram ataḥ ca eva
dieses Geschoss, darum eben (Akk.; Adv.)
garbheṣu visṛjāmi aham
in die Leibesfrüchte entsende ich (Lok.Pl.; Präs.1.Sg.)
na ca vākyam bhagavataḥ
und nicht das Wort des Erlauchten (Akk.; Gen.)
na kariṣye mahāmune
werde nicht unterlassen, großer Weiser (Fut.1.Sg.Med.; Vok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
vyāsa uvāca; evaṃ kuru na cānyā te buddhiḥ kāryā kadā cana; garbheṣu pāṇḍaveyānāṃ visṛjyaitad upārama
Vyāsa sprach: „So tu es, und dein Sinn soll niemals auf etwas anderes gerichtet sein; entsende dieses in die Leibesfrüchte der Pāṇḍava-Nachkommen und lass ab.“
Wort für Wort
vyāsa uvāca
Vyāsa sprach (Perf.3.Sg.)
evam kuru
so tu (Imp.2.Sg.)
na ca anyā te buddhiḥ kāryā kadā cana
und kein anderer Gedanke ist von dir je zu fassen (Gerundiv; Nom.Sg.f.)
garbheṣu pāṇḍaveyānām
in die Leibesfrüchte der Pāṇḍava-Nachkommen (Lok.Pl.; Gen.Pl.)
visṛjya etat upārama
dies entsandt habend, lass ab (Absolutiv; Imp.2.Sg.)
vaiśaṃpāyana uvāca; tataḥ paramam astraṃ tad aśvatthāmā bhṛśāturaḥ; dvaipāyanavacaḥ śrutvā garbheṣu pramumoca ha
Vaiśaṃpāyana sprach: Da entsandte Aśvatthāman, sehr bedrängt, jenes höchste Geschoss in die Leibesfrüchte, nachdem er das Wort Dvaipāyanas gehört hatte.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.3.Sg.)
tataḥ paramam astram tad
da jenes höchste Geschoss (Adv.; Akk.)
aśvatthāmā bhṛśāturaḥ
Aśvatthāman, sehr bedrängt (Nom.Sg.)
dvaipāyanavacaḥ śrutvā
Dvaipāyanas Wort gehört habend (Akk.; Absolutiv)
garbheṣu pramumoca ha
entsandte in die Leibesfrüchte, fürwahr (Lok.Pl.; Perf.3.Sg.)
tam uvāca hṛṣīkeśaḥ pāṇḍavānāṃ hite rataḥ; bhaviṣyam ekam utsṛjya garbheṣv astraṃ nipātyatām; aham ekaṃ dadāmy eṣāṃ piṇḍadaṃ kīrtivardhanam; rājarṣiṃ puṇyakarmāṇam anekakratuyājinam; evaṃ kuru na cānyā te buddhiḥ kāryā kathaṃ cana; ā garbhāt pāṇḍaveyānāṃ kṛtvā pātaṃ vinaṅkṣyati
Zu ihm sprach Hṛṣīkeśa, der den Pāṇḍavas Wohlwollen zugetan war: „Nachdem du einen [Sprössling], der [künftig] sein wird, ausgenommen hast, werde das Geschoss auf die Leibesfrüchte niedergelassen. Einen von ihnen gebe ich [ihnen]: einen Totenspender, Mehrer des Ruhmes, einen Königsweisen von heiligem Tun, der viele Opfer darbringt. So tu, und dein Sinn soll niemals auf anderes gerichtet sein; [wenn] der Fall bis zum Mutterleib der Pāṇḍava-Nachkommen bewirkt ist, wird es vergehen. [?]“
Wort für Wort
tam uvāca hṛṣīkeśaḥ
zu ihm sprach Hṛṣīkeśa (Akk.; Perf.3.Sg.)
pāṇḍavānām hite rataḥ
am Wohl der Pāṇḍavas erfreut (Gen.Pl.; Lok.; Nom.)
bhaviṣyam ekam utsṛjya
einen künftigen ausgenommen habend (Akk.; Absolutiv)
garbheṣu astram nipātyatām
auf die Leibesfrüchte werde das Geschoss niedergelassen (Lok.; Imp.Kaus.Pass.)
aham ekam dadāmi eṣām
einen von ihnen gebe ich (Präs.1.Sg.; Gen.Pl.)
piṇḍadam kīrtivardhanam
Totenopferspender, Ruhmesmehrer (Akk.Sg.)
rājarṣim puṇyakarmāṇam anekakratuyājinam
Königsweisen von heiligem Tun, Darbringer vieler Opfer (Akk.Sg.)
evam kuru na ca anyā te buddhiḥ kāryā kathaṃ cana
so tu, kein anderer Gedanke sei je von dir gefasst (Imp.; Gerundiv)
ā garbhāt pāṇḍaveyānām kṛtvā pātam vinaṅkṣyati
bis zum Mutterleib der Pāṇḍava-Nachkommen den Fall gemacht habend, wird es vergehen (Absolutiv; Fut.3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage der kritischen Ausgabe; bhaviṣyam ekam utsṛjya und der Schlusssatz sind syntaktisch unsicher [?].