Kapitel 5: kṛpāśvatthāmasaṃvāda
Kṛpas Mahnung, Aśvatthāmans Entschluss und der Aufbruch zum Lager der Pāñcālas
Kṛpa rät Aśvatthāman von der nächtlichen Tötung der Schlafenden ab; dieser verweist auf die Rechtsbrüche der Pāṇḍavas-Seite und fährt zum Lager, Kṛpa und Kṛtavarman folgen.
kṛpa uvāca; śuśrūṣur api durmedhāḥ puruṣo 'niyatendriyaḥ; nālaṃ vedayituṃ kṛtsnau dharmārthāv iti me matiḥ
Kṛpa sprach: „Auch wenn er dienstwillig ist, vermag ein Mensch von schlechtem Verstand und ungezügelten Sinnen Recht und Nutzen nicht vollständig zu erkennen – so ist meine Ansicht.“
Wort für Wort
kṛpa uvāca
Kṛpa sprach (3.Sg.Perf.)
śuśrūṣur api durmedhāḥ puruṣaḥ
auch wenn er dienstwillig/lernbegierig ist, ein Mensch von schlechtem Verstand (Nom.Sg.)
ciraṃ hy api jaḍaḥ śūraḥ paṇḍitaṃ paryupāsya ha; na sa dharmān vijānāti darvī sūparasān iva; muhūrtam api taṃ prājñaḥ paṇḍitaṃ paryupāsya ha; kṣipraṃ dharmān vijānāti jihvā sūparasān iva
Ein Tor, selbst ein Held, der lange einem Weisen aufgewartet hat, erkennt die Rechtsregeln nicht, so wie der Schöpflöffel die Geschmäcker der Suppe nicht. Ein Kluger aber, der einem Weisen auch nur einen Augenblick aufgewartet hat, erkennt rasch die Rechtsregeln, so wie die Zunge die Geschmäcker der Suppe.
Wort für Wort
ciraṃ hi api jaḍaḥ śūraḥ
lange, selbst ein Tor, ein Held (Adv.; Nom.Sg.)
paṇḍitaṃ paryupāsya ha
einem Weisen aufgewartet habend (Akk.Sg.; Gerundium)
na sa dharmān vijānāti
der erkennt die Rechtsregeln nicht (Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)
darvī sūparasān iva
wie der Löffel die Suppengeschmäcker (Nom.Sg.f.; Akk.Pl.)
muhūrtam api taṃ prājñaḥ paṇḍitaṃ paryupāsya ha
auch nur einen Augenblick, ein Kluger, einem Weisen aufgewartet habend (Akk.Sg.; Nom.Sg.; Gerundium)
kṣipraṃ dharmān vijānāti
rasch erkennt er die Rechtsregeln (Adv.; Akk.Pl.; 3.Sg.Präs.)
jihvā sūparasān iva
wie die Zunge die Suppengeschmäcker (Nom.Sg.f.; Akk.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Sternzeile); das Bild vom Löffel und der Zunge ist ein verbreiteter Vergleich.
yathā hy uccāvacair vākyaiḥ kṣiptacitto niyamyate; tathaiva suhṛdā śakyo naśakyas tv avasīdati
Wie ein Mensch mit verwirrtem Geist durch mancherlei Worte gezügelt wird, so kann er durch einen Freund gezügelt werden; wer nicht gezügelt werden kann, geht zugrunde.
Wort für Wort
yathā hi uccāvacaiḥ vākyaiḥ
wie nämlich durch mancherlei Worte (Instr.Pl.)
kṣiptacittaḥ niyamyate
der mit verwirrtem Geist wird gezügelt (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.)
tathā eva suhṛdā śakyaḥ
so ebenso durch einen Freund kann er [gezügelt werden] (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
na śakyaḥ tu
wer aber nicht [zu zügeln] ist (Nom.Sg.)
avasīdati
geht zugrunde (3.Sg.Präs.)
Der Halbvers śakyo naśakyas tv avasīdati ist knapp; ergänzt ist ‚gezügelt werden‘.
na vadhaḥ pūjyate loke suptānām iha dharmataḥ; tathaiva nyastaśastrāṇāṃ vimuktarathavājinām
Nicht wird in der Welt das Töten von Schlafenden gebilligt, hier nach dem Recht; ebenso nicht von denen, die die Waffen niedergelegt haben und deren Wagen und Rosse ausgespannt sind.
Wort für Wort
na vadhaḥ pūjyate loke
nicht wird das Töten gebilligt in der Welt (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.; Lok.Sg.)
suptānām iha dharmataḥ
der Schlafenden hier nach dem Recht (Gen.Pl.; Adv.)
tathā eva nyastaśastrāṇāṃ
ebenso der, die die Waffen niedergelegt haben (Gen.Pl.)
vimuktarathavājinām
deren Wagen und Rosse ausgespannt sind (Gen.Pl.; Bahuvrīhi)
Welcher unaufrichtige Mensch solchen, die in solchem Zustand sind, ein Leid antäte, der würde offenkundig in einer unergründlichen, weiten [Hölle] ohne Floß versinken.
Wort für Wort
yaḥ teṣāṃ tadavasthānāṃ
wer ihnen, die in solchem Zustand sind (Gen.Pl.)
druhyeta puruṣaḥ anṛjuḥ
der schade, ein Mensch, unaufrichtig (3.Sg.Opt.Med.; Nom.Sg.)
vyaktaṃ sa narake majjet
offenkundig würde er in der Hölle versinken (Adv.; Lok.Sg.; 3.Sg.Opt.)
agādhe vipule aplave
in einer unergründlichen, weiten, floßlosen [Hölle] (Lok.Sg.)
Ergänzt: ‚Hölle‘ als Bezugswort von agādhe vipule; aplave ‚ohne Floß/Boot‘.
sarvāstraviduṣāṃ loke śreṣṭhas tvam asi viśrutaḥ; na ca te jātu loke 'smin susūkṣmam api kilbiṣam
Unter den Kennern aller Waffen bist du in der Welt als der Beste berühmt, und nie ist an dir in dieser Welt auch nur der feinste Makel [gesehen worden].
Wort für Wort
sarvāstraviduṣāṃ loke
unter den Kennern aller Waffen in der Welt (Gen.Pl.; Lok.Sg.)
śreṣṭhaḥ tvam asi viśrutaḥ
als der Beste bist du berühmt (Nom.Sg.; 2.Sg.Präs.; Part.Pass.)
na ca te jātu loke asmin
und nie an dir in dieser Welt (Gen./Dat.Sg.; Lok.Sg.)
susūkṣmam api kilbiṣam
auch nur der feinste Makel (Nom.Sg.n.)
Ergänzt: ‚gesehen worden‘ (Kopula fehlt im Sanskrit).
aśvatthāmovāca; evam etad yathāttha tvam anuśāsmīha mātula; tais tu pūrvamayaṃ setuḥ śatadhā vidalīkṛtaḥ
Aśvatthāman sprach: „So ist es, wie du sagst; ich werde hier von dir belehrt, Onkel. Doch von jenen wurde diese Brücke schon früher hundertfach zerbrochen.“
Wort für Wort
aśvatthāmā uvāca
Aśvatthāman sprach
evam etat yathā āttha tvam
so ist dies, wie du sagst (2.Sg.Perf.)
anuśāsmi iha mātula
ich werde hier belehrt, Onkel (1.Sg.; Vok.)
taiḥ tu pūrvam ayaṃ setuḥ
von jenen aber früher diese Brücke/dieser Damm (Instr.Pl.; Nom.Sg.)
śatadhā vidalīkṛtaḥ
hundertfach zerbrochen (Adv.; Part.Pass.)
anuśāsmi (‚ich werde belehrt‘) ist als Passiv-/Mediumform gefasst [?]; mātula = Mutterbruder (Kṛpa ist Aśvatthāmans Oheim).
Und Karṇa, der Beste der Wagenkämpfer, wurde, als das Rad seines Wagens eingesunken war und er in höchster Not steckte, vom Träger des Gāṇḍīva erschlagen.
Wort für Wort
karṇaḥ ca patite cakre
und Karṇa, als das Rad gefallen/eingesunken war (Nom.Sg.; Lok.abs.)
rathasya rathināṃ varaḥ
des Wagens; der Beste der Wagenkämpfer (Gen.Sg.; Gen.Pl.; Nom.Sg.)
uttame vyasane sannaḥ
in höchster Not versunken (Lok.Sg.; Part.Pass.)
hataḥ gāṇḍīvadhanvanā
erschlagen vom Träger des Bogens Gāṇḍīva (Part.Pass.; Instr.Sg.)
Ebenso wurde Bhīṣma, der Śāṃtanava, der die Waffen niedergelegt hatte und ohne Waffe war, unter Vorantritt Śikhaṇḍins vom Träger des Gāṇḍīva erschlagen.
Ebenso wurde Bhūriśravas, der große Bogenschütze, der im Kampf zum Fasten bis zum Tod niedergesessen war, während die Fürsten aufschrien, von Yuyudhāna gefällt.
Wort für Wort
bhūriśravāḥ maheṣvāsaḥ
Bhūriśravas, der große Bogenschütze (Nom.Sg.)
tathā prāyagataḥ raṇe
ebenso zum Todesfasten niedergesessen, im Kampf (Adv.; Part.Perf.; Lok.Sg.)
krośatāṃ bhūmipālānāṃ
während die Fürsten schrien (Gen.abs.Pl.)
yuyudhānena pātitaḥ
von Yuyudhāna gefällt (Instr.Sg.; Part.Pass.Kaus.)
prāyagata = im ‚prāya‘ (Fasten bis zum Tod) sitzend; die Deutung folgt dem Kontext.
ekākī bahubhis tatra parivārya mahārathaiḥ; adharmeṇa naravyāghro bhīmasenena pātitaḥ
Als er allein war, von vielen Großwagenkämpfern dort umringt, wurde der Tiger unter den Männern von Bhīmasena wider das Recht gefällt.
Wort für Wort
ekākī bahubhiḥ tatra
allein, von vielen dort (Nom.Sg.; Instr.Pl.)
parivārya mahārathaiḥ
umringt/umringt habend, von Großwagenkämpfern (Gerundium; Instr.Pl.)
adharmeṇa naravyāghraḥ
wider das Recht, der Tiger unter den Männern (Instr.Sg.; Nom.Sg.)
bhīmasenena pātitaḥ
von Bhīmasena gefällt (Instr.Sg.; Part.Pass.Kaus.)
Der Halbvers ekākī bahubhis tatra parivārya mahārathaiḥ ist grammatisch unklar (Gerundium parivārya ohne eindeutiges Subjekt); Sinn nach dem Kontext gefasst [?].
vilāpo bhagnasakthasya yo me rājñaḥ pariśrutaḥ; vārttikānāṃ kathayatāṃ sa me marmāṇi kṛntati
Das Wehklagen meines Königs, dessen Schenkel zerschmettert waren, das ich [von den Boten] hörte, als die Berichterstatter es erzählten, zerschneidet mir die empfindlichsten Stellen.
Wort für Wort
vilāpaḥ bhagnasakthasya
das Wehklagen dessen mit zerbrochenen Schenkeln (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
yaḥ me rājñaḥ pariśrutaḥ
das von meinem König gehört wurde (Nom.Sg.; Gen.Sg.; Part.Pass.)
vārttikānāṃ kathayatāṃ
während die Berichterstatter erzählten (Gen.abs.Pl.)
sa me marmāṇi kṛntati
es zerschneidet mir die empfindlichen Stellen (3.Sg.Präs.; Akk.Pl.)
Saṃjaya sprach: „Nachdem er so gesprochen hatte, o Großkönig, schirrte der Sohn Droṇas, der Gewaltige, abseits die Rosse an und fuhr den Feinden entgegen.“
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach
evam uktvā mahārāja
so gesprochen habend, o Großkönig (Gerundium; Vok.Sg.)
droṇaputraḥ pratāpavān
der Sohn Droṇas, der Gewaltige (Nom.Sg.)
ekānte yojayitvā aśvān
abseits die Rosse angeschirrt habend (Lok.Sg.; Gerundium; Akk.Pl.)
prāyāt abhimukhaḥ parān
fuhr, den Feinden zugewandt (3.Sg.Impf.; Nom.Sg.; Akk.Pl.)
hatvā śatasahasrāṇi yodhānāṃ niśitaiḥ śaraiḥ; nyastaśastro mama pitā dhṛṣṭadyumnena pātitaḥ
„Nachdem er Hunderttausende von Kriegern mit scharfen Pfeilen erschlagen hatte, wurde mein Vater, der die Waffen niedergelegt hatte, von Dhṛṣṭadyumna gefällt.“
Wort für Wort
hatvā śatasahasrāṇi yodhānām
erschlagen habend Hunderttausende von Kriegern (Gerundium; Akk.Pl.; Gen.Pl.)
niśitaiḥ śaraiḥ
mit scharfen Pfeilen (Instr.Pl.)
nyastaśastraḥ mama pitā
die Waffen niedergelegt, mein Vater (Nom.Sg.)
dhṛṣṭadyumnena pātitaḥ
von Dhṛṣṭadyumna gefällt (Instr.Sg.; Part.Pass.Kaus.)
„Schnell, gepanzert, mit Schwertern und Bögen in den Händen, besteigt [den Wagen] und wartet, ihr beiden Besten der Wagenkämpfer, Bezwinger der Feinde.“
Wort für Wort
kṣipraṃ saṃnaddhakavacau
schnell, ihr beiden, die ihr die Rüstung angelegt habt (Adv.; Nom./Vok.Du.)
sakhaḍgau āttakārmukau
mit Schwertern, mit ergriffenen Bögen (Du.)
samāsthāya pratīkṣetām
nachdem ihr [den Wagen] bestiegen habt, wartet (Gerundium; 2.Du.Opt./Imp.Med.)
saṃjaya uvāca; tatas tau saṃvidaṃ kṛtvā vāsudevavṛṣadhvajau; niścitau tu vadhe teṣāṃ pāñcālānāṃ mahāvratau; tato 'bravīn mahādevaṃ kṛṣṇam akliṣṭakāriṇam; yogamūrtidharo bhūtvā praviśyābhyantaraṃ manaḥ; tāvat kāryam idaṃ yuktaṃ sādhayāmy aham añjasā; evaṃ tu saṃvidaṃ kṛtvā ekamūrtidharau sthitau
Saṃjaya sprach: „Da trafen die beiden, Vāsudeva und der Stierbannerträger, eine Abmachung, die beiden Großgelübdigen, entschlossen zur Tötung jener Pāñcālas. Darauf sprach er zu Mahādeva, zu Kṛṣṇa, dem mühelos Wirkenden: ‚Nachdem ich eine Yoga-Gestalt angenommen habe und in den Geist [des Feindes] eingetreten bin, will ich diese passende Aufgabe alsbald mühelos vollbringen.‘ Nachdem sie so die Abmachung getroffen hatten, standen die beiden, eine einzige Gestalt tragend, [da].“
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach
tataḥ tau saṃvidaṃ kṛtvā
da die beiden, eine Abmachung getroffen habend (Nom.Du.; Akk.Sg.f.; Gerundium)
vāsudevavṛṣadhvajau
Vāsudeva und der Stierbannerträger [Śiva?] (Nom.Du.)
niścitau tu vadhe teṣāṃ pāñcālānāṃ mahāvratau
entschlossen zur Tötung jener Pāñcālas, die Großgelübdigen (Nom.Du.; Lok.Sg.; Gen.Pl.)
tataḥ abravīt mahādevaṃ kṛṣṇam akliṣṭakāriṇam
darauf sprach er zu Mahādeva, zu Kṛṣṇa, dem mühelos Wirkenden (3.Sg.Impf.; Akk.Sg.)
yogamūrtidharaḥ bhūtvā praviśya abhyantaraṃ manaḥ
eine Yoga-Gestalt tragend geworden, eingetreten in das Innere, den Geist (Nom.Sg.; Gerundien; Akk.Sg.n.)
tāvat kāryam idaṃ yuktaṃ sādhayāmi aham añjasā
so lange/alsbald diese passende Aufgabe vollbringe ich mühelos (Adv.; Akk.Sg.n.; 1.Sg.Präs.; Adv.)
evaṃ tu saṃvidaṃ kṛtvā
so aber eine Abmachung getroffen habend (Gerundium)
ekamūrtidharau sthitau
eine einzige Gestalt tragend, standen die beiden (Nom.Du.; Part.Pass.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Sternpassage, textlich und inhaltlich unklar: Sprecher und Angesprochener von tato 'bravīt sowie der Bezug von yogamūrtidharo … manaḥ sind nicht sicher [?]; die Wiedergabe ist vorsichtig gewählt.