Kapitel 9: duryodhanaparidevanam
Duryodhanas Tod: Klage der drei Überlebenden und Aśvatthāmans Meldung vom Nachtmord
Die drei Überlebenden finden den sterbenden Duryodhana und klagen; Aśvatthāman meldet ihm die Ermordung der Pāñcālas, Duryodhana stirbt und steigt zum Himmel auf, Saṃjaya berichtet dies Dhṛtarāṣṭra.
saṃjaya uvāca; te hatvā sarvapāñcālān draupadeyāṃś ca sarvaśaḥ; agacchan sahitās tatra yatra duryodhano hataḥ
Saṃjaya sprach: Nachdem sie alle Pāñcālas und die Draupadī-Söhne allseits erschlagen hatten, kamen sie vereint dorthin, wo Duryodhana niedergestreckt lag.
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach (Perf.)
te hatvā
sie, nachdem sie erschlagen hatten (Nom.Pl. / Abs.)
sarvapāñcālān draupadeyāṃś ca sarvaśaḥ
alle Pāñcālas und die Draupadī-Söhne vollständig (Akk.Pl.)
gatvā cainam apaśyaṃs te kiṃ cit prāṇaṃ narādhipam; tato rathebhyaḥ praskandya parivavrus tavātmajam
Dort angelangt, sahen sie ihn, den Herrscher der Menschen, mit nur noch einem Rest von Lebensatem; dann sprangen sie von den Wagen herab und umringten deinen Sohn.
Wort für Wort
gatvā ca enam apaśyan te
und angelangt sahen sie ihn (Abs.; 3.Pl.Impf.)
kiṃ cit prāṇaṃ narādhipam
den Menschenherrscher mit ein wenig Lebenshauch (Akk.Sg.)
tato rathebhyaḥ praskandya
dann von den Wagen herabspringend (Abl.Pl. / Abs.)
Ihn, dessen Schenkel zerschmettert waren, o Herr der Könige, der kaum noch atmete, bewusstlos, Blut aus dem Mund erbrechend, sahen sie auf dem Erdboden.
Wort für Wort
taṃ bhagnasakthaṃ rājendra
ihn mit zerbrochenen Schenkeln, o Königsfürst (Akk.Sg. / Vok.)
[Sie sahen ihn] ringsum umgeben von vielen schrecklich anzusehenden Raubtieren und von Rudeln von Schakalen, die ihn aus nächster Nähe fressen wollten.
Wort für Wort
vṛtaṃ samantād
ringsum umgeben (PPP Akk.Sg. / Adv.)
bahubhiḥ śvāpadair
von vielen Raubtieren (Instr.Pl.)
ghoradarśanaiḥ
schrecklich anzusehenden (Instr.Pl.)
śālāvṛkagaṇaiś ca eva
und von Rudeln von Schakalen (Instr.Pl.)
bhakṣayiṣyadbhir antikāt
die fressen wollten, aus der Nähe (Part.Fut. Instr.Pl. / Abl.)
Ihn, den Hochherzigen, der auf dem Boden lag, von seinem eigenen Blut überströmt, umstanden die drei übrig gebliebenen Helden, von Trauer gequält: Aśvatthāman, Kṛpa und Kṛtavarman, der Sātvata.
Wort für Wort
taṃ śayānaṃ mahātmānaṃ
ihn, den daliegenden Hochherzigen (Akk.Sg.)
bhūmau svarudhirokṣitam
auf der Erde, mit eigenem Blut besprengt (Lok. / PPP)
hataśiṣṭās trayo vīrāḥ
die drei übrig gebliebenen Helden (Nom.Pl.)
śokārtāḥ paryavārayan
von Trauer gequält umstanden sie (Nom.Pl. / 3.Pl.Impf.)
vergossen sie vor Kummer Tränen, [ganz] in Seufzern aufgehend, o König[?].
Wort für Wort
duḥkhād
aus Kummer (Abl.)
aśrūṇy amuñcanta
vergossen Tränen (Akk.Pl. / 3.Pl.Impf.Med.)
niḥśvāsaparamā nṛpaḥ
ganz in Seufzern [aufgehend]; König[?] (Nom.Pl.f./Nom.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. Die Form nṛpaḥ passt syntaktisch nicht zu dem pluralischen Subjekt; vermutlich Verderbnis (nṛpāḥ/nṛpa).
yo vai mūrdhāvasiktānām agre yātaḥ paraṃtapaḥ; sa hato grasate pāṃsūn paśya kālasya paryayam
„Er, der als Bezwinger der Feinde einst allen gesalbten Königen voranging, der liegt nun erschlagen und verschlingt Staub. Sieh den Umschwung der Zeit!“
Wort für Wort
yo vai mūrdhāvasiktānām
der fürwahr unter den gesalbten Königen (Gen.Pl.)
agre yātaḥ paraṃtapaḥ
voran gegangen, der Feindebezwinger (PPP / Nom.Sg.)
dharmayuddhe hy adharmeṇa samāhūyaujasā mṛdhe; gadayā bhīmasenena nirbhinne sakthinī tava
„Nachdem er dich im gerechten Kampf mit Gewalt zum Gefecht gerufen hatte, wurden durch Unrecht von Bhīmasenas Keule deine beiden Schenkel zerschmettert.“
Wort für Wort
dharmayuddhe hy adharmeṇa
im Rechtskampf, doch durch Unrecht (Lok. / Instr.)
samāhūya ojasā mṛdhe
nachdem er herausgefordert hatte, mit Kraft, im Gefecht (Abs. / Instr. / Lok.)
gadayā bhīmasenena
mit der Keule, von Bhīmasena (Instr. / Instr.)
nirbhinne sakthinī tava
zerschmettert wurden die beiden Schenkel dein (Lok.abs. Du. / Gen.)
Konstruktion locker; der Lokativ nirbhinne (Du.) ist als Lokativus absolutus gefasst.
„Verflucht sei Kṛṣṇa Vārṣṇeya und auch Arjuna, der Törichte, die beiden, die sich für Kenner des Dharma halten und dich, als du erschlagen wurdest, gewähren ließen!“
Wort für Wort
dhig astu kṛṣṇaṃ vārṣṇeyam
Verflucht sei Kṛṣṇa Vārṣṇeya (dhik + Akk.; Opt./Imp. astu)
arjunaṃ ca api durmatim
und auch Arjuna, den Törichten (Akk.)
dharmajñamāninau yau
die beiden, die sich für Dharma-Kenner halten (Nom. Du.)
tvāṃ vadhyamānam upekṣatām
dich, den Erschlagenen, übersahen/gewähren ließen (Akk. Part. Pass.; 3.Du.Impf. Med.)
„Glücklich zu preisen bist du, Sohn der Gāndhārī, der du im Kampf erschlagen wurdest, nachdem du den Feinden im Einklang mit dem Dharma entgegengezogen bist, Stier unter den Männern.“
Wort für Wort
dhanyaḥ tvam asi gāndhāre
glücklich zu preisen bist du, Sohn der Gāndhārī (Nom.; 2.Sg.Präs.; Vok.)
yaḥ tvam āyodhane hataḥ
der du im Kampfplatz erschlagen wurdest (Lok.; Part. Pass.)
prayātaḥ abhimukhaḥ śatrūn
der du den Feinden zugewandt/entgegen gezogen bist (Part. Perf. Akt.; Nom.; Akk. Pl.)
dharmeṇa puruṣarṣabha
dem Dharma gemäß (Instr.), Stier unter den Männern (Vok.)
hataputrā hi gāndhārī nihatajñātibāndhavā; prajñācakṣuś ca durdharṣaḥ kāṃ gatiṃ pratipatsyate
„Denn Gāndhārī, deren Söhne erschlagen sind und deren Verwandte und Angehörige getötet sind, und der unbezwingbare, dessen Auge die Einsicht ist [der Blinde], welchen Weg werden sie einschlagen?“
Wort für Wort
hataputrā hi gāndhārī
denn Gāndhārī, deren Söhne erschlagen sind (Nom. Sg. f., Bahuvrīhi)
nihatajñātibāndhavā
deren Verwandte und Angehörige getötet sind (Nom. Sg. f., Bahuvrīhi)
prajñācakṣuḥ ca durdharṣaḥ
und der Einsichts-Äugige, der Unbezwingbare (Nom. Sg. m.)
kāṃ gatiṃ pratipatsyate
welchen Weg/welche Zuflucht wird [er/sie] einschlagen (Akk.; 3.Sg.Fut. Med.)
Sa. prajñācakṣus, ‚dessen Auge die Einsicht ist‘, ist ein gängiger Ausdruck für den blinden Dhṛtarāṣṭra.
dhig astu kṛtavarmāṇaṃ māṃ kṛpaṃ ca mahāratham; ye vayaṃ na gatāḥ svargaṃ tvāṃ puraskṛtya pārthivam
„Verflucht seien Kṛtavarman, ich und der große Wagenkämpfer Kṛpa, die wir dir, dem König, nicht in den Himmel gefolgt sind, da wir dich vorangestellt hatten.“
Wort für Wort
dhig astu kṛtavarmāṇam māṃ kṛpaṃ ca mahāratham
verflucht seien Kṛtavarman, ich und Kṛpa, der große Wagenkämpfer (Akk.)
ye vayaṃ na gatāḥ svargam
wir, die wir nicht in den Himmel gegangen sind (Nom. Pl.; Part. Perf. Pass. als Perf.)
tvāṃ puraskṛtya pārthivam
dich, den König, an die Spitze stellend (Abs.; Akk.)
„Dich, den Geber aller Wünsche, den Beschützer, der das Wohl der Untertanen [im Sinn hatte]: weil wir dir nicht folgen, verflucht seien wir, die niedrigsten unter den Männern!“
Wort für Wort
dātāraṃ sarvakāmānām
den Geber aller Wünsche (Akk. Sg.; Gen. Pl.)
rakṣitāraṃ prajāhitam
den Beschützer, der den Untertanen Gutes tut (Akk.; Tatpuruṣa)
yad vayaṃ na anugacchāmaḥ tvām
weil wir dir nicht folgen (1.Pl.Präs.)
dhig asmān narādhamān
verflucht seien wir, die niedrigsten Männer (Akk. Pl.)
kṛpasya tava vīryeṇa mama caiva pituś ca me; sabhṛtyānāṃ naravyāghra ratnavanti gṛhāṇi ca
„Durch die Tapferkeit Kṛpas, durch deine, ebenso durch meine und meines Vaters [Tapferkeit], Tiger unter den Männern, [wurden] samt den Dienern [unsere] Häuser voll von Juwelen [gemacht].“
Wort für Wort
kṛpasya tava vīryeṇa
durch Kṛpas [und] deine Tapferkeit (Gen.; Instr.)
mama ca eva pituḥ ca me
und meine und meines Vaters (Gen.; Gen.; Gen.)
sabhṛtyānām naravyāghra
samt den Dienern, Tiger unter den Männern (Gen. Pl.; Vok.)
ratnavanti gṛhāṇi ca
und Häuser voll von Juwelen (Nom./Akk. Pl. n.)
Das Verb fehlt; avāptāḥ im folgenden Vers ist wohl mitzudenken. Der Text ist elliptisch.
gatvaitāṃs tu mahārāja sametya tvaṃ mahārathān; yathāśreṣṭhaṃ yathājyeṣṭhaṃ pūjayer vacanān mama
„Wenn du zu ihnen gegangen bist, großer König, und mit den großen Wagenkämpfern zusammengetroffen bist, sollst du sie auf mein Wort hin ehren, jeden nach Rang und nach Alter.“
Wort für Wort
gatvā etān tu mahārāja
nachdem du zu diesen gegangen bist, großer König (Abs.; Vok.)
sametya tvaṃ mahārathān
nachdem du mit den großen Wagenkämpfern zusammengetroffen bist (Abs.; Akk. Pl.)
yathāśreṣṭhaṃ yathājyeṣṭham
nach Vorrang, nach Alter (Adv.)
pūjayeḥ vacanāt mama
sollst du ehren (Opt. 2.Sg.), auf mein Wort (Abl.)
ācāryaṃ pūjayitvā ca ketuṃ sarvadhanuṣmatām; hataṃ mayādya śaṃsethā dhṛṣṭadyumnaṃ narādhipa
„Und nachdem du den Lehrer [Droṇa] geehrt hast, das Banner aller Bogenschützen, sollst du melden: ‚Dhṛṣṭadyumna ist heute von mir erschlagen worden‘, Herr der Menschen.“
Wort für Wort
ācāryaṃ pūjayitvā ca
und nachdem du den Lehrer geehrt hast (Abs.)
ketuṃ sarvadhanuṣmatām
das Banner aller Bogenschützen (Akk.; Gen. Pl.)
hataṃ mayā adya śaṃsethāḥ
erschlagen von mir heute sollst du melden (Part. Pass.; Instr.; Opt. 2.Sg. Med.)
„Ebenso die anderen, die früher [dorthin] gegangen sind, die besten der Fürsten im Himmel: Umarme sie auf unser Wort hin und erkundige dich nach [ihrem] Wohlergehen.“
Wort für Wort
tathā pūrvagatān anyān
ebenso die früher gegangenen anderen (Akk. Pl.)
svargaṃ pārthivasattamān
im Himmel [weilend], die besten Fürsten (Akk.; Akk. Pl.)
asmat vākyāt pariṣvajya
auf unser Wort hin, nachdem du umarmt hast (Abl.; Abs.)
pṛcchethāḥ tvam anāmayam
sollst du fragen nach dem Wohlergehen (Opt. 2.Sg. Med.; Akk.)
Nachdem er den König, dessen Schenkel gebrochen war und der bewusstlos dalag, so angesprochen hatte, blickte Aśvatthāman ihn an und sprach abermals ein Wort.
Wort für Wort
iti evam uktvā rājānam
nachdem er so gesprochen hatte zum König (Abs.; Akk.)
bhagnasaktham acetasam
dessen Schenkel gebrochen, bewusstlos (Akk.)
aśvatthāmā samudvīkṣya
Aśvatthāman, nachdem er hingeblickt hatte (Nom.; Abs.)
„Sieh die Vergeltung für die Tat: Die Pāṇḍavas haben ihre Söhne verloren. Im nächtlichen Überfall ist ihr Lager samt Männern und Reittieren vernichtet worden.“
Wort für Wort
kṛte pratikṛtam paśya
sieh die Vergeltung für die Tat (Lok.; Akk.; Imp.)
hataputrāḥ hi pāṇḍavāḥ
denn die Pāṇḍavas haben ihre Söhne verloren (Nom. Pl., Bahuvrīhi)
sauptike śibiraṃ teṣām
im nächtlichen Überfall ihr Lager (Lok.; Nom.; Gen.)
hataṃ sanaravāhanam
erschlagen samt Männern und Reittieren (Part. Pass.; Bahuvrīhi)
Als die Lebenshauche gemäß der Ordnung entlassen waren, ging er zum Himmel; dem Glanz des Blitzes gleich zog er dahin. Kṛpa und die anderen [standen] voll Staunen [da].
Wort für Wort
samutsṛṣṭeṣu vidhinā prāṇeṣu
als die Lebenshauche gemäß der Ordnung entlassen waren (Lok. abs.; Instr.)
gaganaṃ gate
[er] zum Himmel gegangen (Part. Perf.)
vidyuttejaḥsamaḥ prāyāt
dem Glanz des Blitzes gleich zog er fort (Nom.; 3.Sg.Impf.)
kṛpādyāḥ kautukānvitāḥ
Kṛpa und die anderen, von Staunen erfüllt (Nom. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Der zweite Halbvers hat kein Verb; ‚standen da‘ ist ergänzt.
Er erstieg den heiligen Himmel; sein Körper drang in die Erde ein. So fand er den Tod, dein Sohn Duryodhana, König: Als Held war er im Kampf zuerst vorangegangen und wurde danach von den Feinden erschlagen.
Wort für Wort
ākrāmata divaṃ puṇyām
er erstieg den heiligen Himmel (3.Sg.Impf. Med.; Akk.)
śarīraṃ kṣitim āviśat
der Körper drang in die Erde ein (Nom.; Akk.; Impf.)
evaṃ te nidhanaṃ yātaḥ
so ist er zum Tod gegangen (Part. Perf.)
putraḥ duryodhanaḥ nṛpa
dein Sohn Duryodhana, König (Nom.; Vok.)
agre yātvā raṇe śūraḥ
als Held im Kampf vorn vorangegangen (Abs.)
paścāt vinihataḥ paraiḥ
danach erschlagen von den Feinden (Part. Pass.; Instr. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
Sie sahen Suyodhana am Himmel, in einem Luftwagen sitzend, von Indras Scharen umgeben, mit göttlichen Girlanden und Salben geschmückt, wie er immer wieder zu Kṛpa und den anderen sprach: „Gut, gut!“
Wort für Wort
vimānasaṃstham ākāśe
im Luftwagen befindlich, am Himmel (Akk.; Lok.)
dadṛśuḥ te suyodhanam
sahen sie den Suyodhana (Perf. 3.Pl.; Akk.)
aindraiḥ gaṇaiḥ parivṛtam
von Indras Scharen umgeben (Instr. Pl.; Part. Pass.)
divyamālyānulepanam
mit göttlichen Girlanden und Salben (Akk.)
sādhu sādhu iti bhāṣantam
‚gut, gut!‘ sagend (Part. Präs.)
kṛpādīnām punaḥ punaḥ
zu Kṛpa und den anderen, immer wieder (Gen. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).