Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Sauptikaparva

Kapitel 3: aśvatthāmno nirṇayaḥ Aśvatthāmans Rede über die Verschiedenheit der Einsichten und sein Entschluss zum nächtlichen Überfall auf die Pāñcālas

Aśvatthāman antwortet auf Kṛpas mahnende Rede: Nach einer Betrachtung über die Wandelbarkeit und Vielfalt der Einsichten (buddhi) verkündet er seinen grausamen Entschluss, die schlafenden Pāñcālas im Lager zu überfallen.

saṃjaya uvāca; kṛpasya vacanaṃ śrutvā dharmārthasahitaṃ śubham; aśvatthāmā mahārāja duḥkhaśokasamanvitaḥ

Saṃjaya sprach: Nachdem Aśvatthāman die heilsamen, mit Dharma und Nutzen verbundenen Worte des Kṛpa gehört hatte, o großer König, [war er] von Leid und Kummer erfüllt –

Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach (Perf.3.Sg.)
kṛpasya vacanaṃ śrutvā
Kṛpas Worte gehört habend (Gen./Akk./Ger.)
dharmārthasahitaṃ śubham
mit Dharma und Nutzen verbunden, heilsam (Akk.Sg.n.)
aśvatthāmā mahārāja
Aśvatthāman, o großer König (Nom./Vok.)
duḥkhaśokasamanvitaḥ
von Leid und Kummer erfüllt (Nom.Sg.m., Kompositum)

dahyamānas tu śokena pradīptenāgninā yathā; krūraṃ manas tataḥ kṛtvā tāv ubhau pratyabhāṣata

verbrannt vom Kummer wie von einem lodernden Feuer, machte er seinen Sinn grausam und antwortete da den beiden.

Wort für Wort
dahyamānas tu śokena
verbrannt aber vom Kummer (Part.Pass., Instr.)
pradīptenāgninā yathā
wie von einem lodernden Feuer (Instr.)
krūraṃ manas tataḥ kṛtvā
den Sinn grausam gemacht habend, dann (Ger.)
tāv ubhau pratyabhāṣata
zu den beiden sprach er (Impf.Med.3.Sg.)

puruṣe puruṣe buddhiḥ sā sā bhavati śobhanā; tuṣyanti ca pṛthak sarve prajñayā te svayā svayā

„Bei Mensch um Mensch ist es die jeweils eigene Einsicht, die [ihm] schön erscheint; und alle sind, jeder für sich, mit ihrer je eigenen Klugheit zufrieden.

Wort für Wort
puruṣe puruṣe
bei jedem einzelnen Menschen (Lok., Distributiv)
buddhiḥ sā sā
die jeweilige Einsicht (Nom.Sg.f.)
bhavati śobhanā
ist schön/gut (3.Sg.Präs./Nom.f.)
tuṣyanti ca pṛthak sarve
und zufrieden sind einzeln alle (3.Pl.Präs.)
prajñayā te svayā svayā
mit ihrer je eigenen Klugheit (Instr.Sg.f.)

sarvo hi manyate loka ātmānaṃ buddhimattaram; sarvasyātmā bahumataḥ sarvātmānaṃ praśaṃsati

Denn jedermann in der Welt hält sich selbst für den Einsichtigeren; jedem ist das eigene Selbst hoch geschätzt, [und so] rühmt jeder sich selbst.

Wort für Wort
sarvo hi manyate loka
denn jeder in der Welt meint (3.Sg.Präs.Med./Nom.)
ātmānaṃ buddhimattaram
sich selbst [für] einsichtiger (Akk./Komparativ)
sarvasyātmā bahumataḥ
jedem ist das Selbst hochgeschätzt (Gen./Nom.Part.)
sarvātmānaṃ praśaṃsati
jeder [sein] Selbst rühmt (Akk./3.Sg.Präs.)

sarvātmānaṃ ist als sarva ātmānam (jeder – sich selbst) aufgefasst.

sarvasya hi svakā prajñā sādhuvāde pratiṣṭhitā; parabuddhiṃ ca nindanti svāṃ praśaṃsanti cāsakṛt

Denn jedem ist die eigene Klugheit im Beifall der Guten [d. h. im Ruf „wohlgesprochen“] gegründet; die Einsicht anderer tadeln sie, die eigene aber preisen sie immer wieder.

Wort für Wort
sarvasya hi svakā prajñā
denn jedem ist die eigene Klugheit (Gen./Nom.Sg.f.)
sādhuvāde pratiṣṭhitā
im Beifall der Guten gegründet (Lok./Part.Pass.)
parabuddhiṃ ca nindanti
und die Einsicht anderer tadeln sie (Akk./3.Pl.Präs.)
svāṃ praśaṃsanti cāsakṛt
die eigene preisen sie und wiederholt (Akk./3.Pl.Präs./Adv.)

kāraṇāntarayogena yoge yeṣāṃ samā matiḥ; te 'nyonyena ca tuṣyanti bahu manyanti cāsakṛt

Diejenigen aber, deren Sinn in einer Sache [wegen] des Zusammentreffens anderer Umstände übereinstimmt, sind miteinander zufrieden und schätzen einander immer wieder hoch.

Wort für Wort
kāraṇāntarayogena
durch die Verbindung mit einem anderen Grund (Instr.)
yoge yeṣāṃ samā matiḥ
in der Sache/Verbindung, deren Sinn gleich ist (Lok./Gen.Pl./Nom.)
te 'nyonyena ca tuṣyanti
und sie sind aneinander zufrieden (Nom.Pl./Instr./3.Pl.)
bahu manyanti cāsakṛt
sie schätzen hoch und wiederholt (3.Pl.Präs./Adv.)

Der erste Halbvers ist syntaktisch knapp; die Wiedergabe von kāraṇāntarayogena yoge ist unsicher.

tasyaiva tu manuṣyasya sā sā buddhis tadā tadā; kālayogaviparyāsaṃ prāpyānyonyaṃ vipadyate

Doch bei ein und demselben Menschen gerät jene jeweilige Einsicht, je nach dem Zeitpunkt, wenn sie durch die Verbindung mit der Zeit in Verkehrung geraten ist, in Widerstreit mit sich selbst [wörtlich: untereinander].

Wort für Wort
tasyaiva tu manuṣyasya
doch gerade dieses Menschen (Gen.)
sā sā buddhis tadā tadā
jene jeweilige Einsicht, dann und dann (Nom.f./Adv.)
kālayogaviparyāsaṃ prāpya
zu einer Verkehrung durch die Zeitverbindung gelangt (Akk./Ger.)
anyonyaṃ vipadyate
gerät miteinander in Widerstreit (Adv./3.Sg.Präs.Med.)

vipadyate: „zugrunde gehen, sich wandeln“; hier als Widerstreit der aufeinanderfolgenden Einsichten gedeutet [?].

acintyatvād dhi cittānāṃ manuṣyāṇāṃ viśeṣataḥ; cittavaikalyam āsādya sā sā buddhiḥ prajāyate

Denn wegen der Unergründlichkeit der Gedanken der Menschen, zumal [ihrer], entsteht jene jeweilige Einsicht, wenn sie eine Verstörung des Denkens erreicht hat.

Wort für Wort
acintyatvād dhi cittānām
denn wegen der Unergründlichkeit der Gedanken (Abl./Gen.Pl.)
manuṣyāṇāṃ viśeṣataḥ
der Menschen, besonders (Gen.Pl./Adv.)
cittavaikalyam āsādya
Verstörung des Geistes erlangt habend (Akk./Ger.)
sā sā buddhiḥ prajāyate
jene jeweilige Einsicht entsteht (Nom./3.Sg.Präs.Med.)

yathā hi vaidyaḥ kuśalo jñātvā vyādhiṃ yathāvidhi; bheṣajaṃ kurute yogāt praśamārtham ihābhibho

Wie nämlich ein tüchtiger Arzt, nachdem er die Krankheit gehörig erkannt hat, aus der [rechten] Zusammensetzung ein Heilmittel zur Linderung bereitet, hier, o Überlegener,

Wort für Wort
yathā hi vaidyaḥ kuśalaḥ
wie nämlich ein geschickter Arzt (Nom.Sg.m.)
jñātvā vyādhiṃ yathāvidhi
die Krankheit erkannt habend, vorschriftsgemäß (Ger./Akk./Adv.)
bheṣajaṃ kurute yogāt
ein Heilmittel bereitet er durch Zusammensetzung (3.Sg.Präs.Med./Abl.)
praśamārtham ihābhibho
zur Linderung, hier, o Überlegener (Akk./Adv./Vok.)

evaṃ kāryasya yogārthaṃ buddhiṃ kurvanti mānavāḥ; prajñayā hi svayā yuktās tāṃ ca nindanti mānavāḥ

so bilden die Menschen zum Gelingen der Aufgabe [ihre] Einsicht; mit ihrer eigenen Klugheit verbunden, tadeln aber die Menschen jene [andere].

Wort für Wort
evaṃ kāryasya yogārtham
so, zur Verwirklichung der Aufgabe (Adv./Gen./Akk.)
buddhiṃ kurvanti mānavāḥ
bilden Einsicht die Menschen (Akk./3.Pl.Präs./Nom.Pl.)
prajñayā hi svayā yuktāḥ
denn mit der eigenen Klugheit verbunden (Instr./Nom.Pl.m.)
tāṃ ca nindanti mānavāḥ
und jene tadeln die Menschen (Akk./3.Pl.Präs.)

anyayā yauvane martyo buddhyā bhavati mohitaḥ; madhye 'nyayā jarāyāṃ tu so 'nyāṃ rocayate matim

In der Jugend wird der Sterbliche von der einen Einsicht betört, in der Mitte [des Lebens] von einer anderen; im Alter aber findet er wieder eine andere Einsicht gefällig.

Wort für Wort
anyayā yauvane martyaḥ
von einer anderen im Jugendalter der Sterbliche (Instr.f./Lok./Nom.)
buddhyā bhavati mohitaḥ
durch Einsicht wird er betört (Instr./3.Sg./Part.Pass.)
madhye 'nyayā jarāyāṃ tu
in der Mitte durch eine andere, im Alter aber (Lok./Instr./Lok.)
so 'nyāṃ rocayate matim
er findet eine andere Einsicht gefällig (Nom./Akk./3.Sg.Kaus.Med.)

Im ersten Halbvers ist „von einer anderen“ zu buddhyā bezogen; im zweiten ist ein Verb (bhavati mohitaḥ) zu ergänzen.

vyasanaṃ vā punar ghoraṃ samṛddhiṃ vāpi tādṛśīm; avāpya puruṣo bhoja kurute buddhivaikṛtam

Oder wenn ein Mensch, o Bhoja, ein schreckliches Unglück oder auch ebensolches Gedeihen erlangt hat, bewirkt er eine Veränderung seiner Einsicht.

Wort für Wort
vyasanaṃ vā punar ghoraṃ
oder wiederum ein schreckliches Unglück (Akk.n.)
samṛddhiṃ vāpi tādṛśīm
oder auch Gedeihen von solcher [Art] (Akk.f.)
avāpya puruṣo bhoja
erlangt habend, der Mensch, o Bhoja (Ger./Nom./Vok.)
kurute buddhivaikṛtam
bewirkt eine Wandlung der Einsicht (3.Sg.Präs.Med./Akk.)

ekasminn eva puruṣe sā sā buddhis tadā tadā; bhavaty anityaprajñatvāt sā tasyaiva na rocate

Bei ein und demselben Menschen ist jene jeweilige Einsicht, dann und dann, wegen der Unbeständigkeit seiner Klugheit so, dass sie gerade ihm [später] nicht gefällt.

Wort für Wort
ekasminn eva puruṣe
bei ein und demselben Menschen (Lok.)
sā sā buddhis tadā tadā
jene jeweilige Einsicht, dann und dann (Nom.f./Adv.)
bhavaty anityaprajñatvāt
ist wegen der Unbeständigkeit der Klugheit (3.Sg./Abl.)
sā tasyaiva na rocate
sie gefällt gerade ihm nicht (Nom./Gen./Neg./3.Sg.Med.)

niścitya tu yathāprajñaṃ yāṃ matiṃ sādhu paśyati; tasyāṃ prakurute bhāvaṃ sā tasyodyogakārikā

Wenn er aber gemäß seiner Klugheit entschieden hat, in welcher Einsicht er das Rechte sieht, richtet er darauf seine Neigung; sie ist es, die ihm zum Handeln antreibt.

Wort für Wort
niścitya tu yathāprajñam
entschieden habend aber, gemäß der Klugheit (Ger./Adv.)
yāṃ matiṃ sādhu paśyati
in welcher Einsicht er das Gute sieht (Akk.f./3.Sg.Präs.)
tasyāṃ prakurute bhāvam
auf sie richtet er die Neigung (Lok./3.Sg.Präs.Med./Akk.)
sā tasyodyogakārikā
sie ist bei ihm die zum Unternehmen Antreibende (Nom.f./Gen.)

sarvo hi puruṣo bhoja sādhv etad iti niścitaḥ; kartum ārabhate prīto maraṇādiṣu karmasu

Denn jeder Mensch, o Bhoja, beginnt, überzeugt: „Dies ist gut“, freudig zu handeln, [sogar] bei Unternehmungen, die zum Tod und dergleichen [führen].

Wort für Wort
sarvo hi puruṣo bhoja
denn jeder Mensch, o Bhoja (Nom./Vok.)
sādhv etad iti niścitaḥ
„dies ist gut“, so überzeugt (Nom.n./Part.Pass.)
kartum ārabhate prīto
zu tun beginnt er, erfreut (Inf./3.Sg.Präs.Med./Nom.)
maraṇādiṣu karmasu
bei Handlungen wie Tod und Ähnlichem (Lok.Pl.)

maraṇādiṣu karmasu: „Tod und dergleichen“ als Ziel/Folge der Handlungen ergänzt [?].

sarve hi yuktiṃ vijñāya prajñāṃ cāpi svakāṃ narāḥ; ceṣṭante vividhāś ceṣṭā hitam ity eva jānate

Denn alle Menschen, nachdem sie [das] Zweckmäßige erkannt haben und auch ihre eigene Klugheit, bemühen sich in mannigfachen Bemühungen; „Das ist heilsam“ – so eben wissen sie.

Wort für Wort
sarve hi yuktiṃ vijñāya
denn alle, das Zweckmäßige erkannt habend (Nom.Pl./Akk./Ger.)
prajñāṃ cāpi svakāṃ narāḥ
und auch die eigene Klugheit, die Menschen (Akk.f./Nom.Pl.)
ceṣṭante vividhāś ceṣṭāḥ
sie bemühen sich um vielfältige Bemühungen (3.Pl.Med./Akk.Pl.)
hitam ity eva jānate
„heilsam“ – so eben wissen sie (Nom.n./3.Pl.Präs.Med.)

upajātā vyasanajā yeyam adya matir mama; yuvayos tāṃ pravakṣyāmi mama śokavināśinīm

Diese Einsicht, die mir heute aus dem Unglück entstanden ist, werde ich euch beiden darlegen, die meinen Kummer zerstört.

Wort für Wort
upajātā vyasanajā
entstanden, aus Unglück geboren (Part.Pass.f./Nom.f.)
yeyam adya matir mama
welche diese heute Einsicht von mir (Rel./Nom./Gen.)
yuvayos tāṃ pravakṣyāmi
euch beiden diese werde ich darlegen (Gen./Dat.-Gen.Du./Akk./Fut.1.Sg.)
mama śokavināśinīm
meinen Kummer zerstörend (Gen./Akk.f.)

prajāpatiḥ prajāḥ sṛṣṭvā karma tāsu vidhāya ca; varṇe varṇe samādhatta ekaikaṃ guṇavattaram

Prajāpati, nachdem er die Geschöpfe erschaffen und ihnen [je] eine Aufgabe zugeteilt hatte, legte in jeden Stand je eine besonders vorzügliche Eigenschaft.

Wort für Wort
prajāpatiḥ prajāḥ sṛṣṭvā
Prajāpati, die Geschöpfe erschaffen habend (Nom./Akk.Pl./Ger.)
karma tāsu vidhāya ca
und Tätigkeit ihnen zugeteilt habend (Akk./Lok.Pl./Ger.)
varṇe varṇe samādhatta
in Stand um Stand legte er (Lok./Aor./Impf.Med.3.Sg.)
ekaikaṃ guṇavattaram
je eine sehr vorzügliche Eigenschaft (Akk.Sg.m./Komparativ)

guṇavattaram: eigentlich „noch eigenschaftsreicher“; hier als Adjektiv zu ekaikam (Eigenschaft) gefasst.

brāhmaṇe damam avyagraṃ kṣatriye teja uttamam; dākṣyaṃ vaiśye ca śūdre ca sarvavarṇānukūlatām

Im Brahmanen [legte er] unerschütterliche Selbstbezwingung, im Kṣatriya höchste Glut, im Vaiśya Geschick und im Śūdra Zugewandtheit zu allen Ständen.

Wort für Wort
brāhmaṇe damam avyagram
im Brahmanen Selbstbezwingung, unerschütterlich (Lok./Akk.)
kṣatriye teja uttamam
im Kṣatriya höchste Glut (Lok./Akk.)
dākṣyaṃ vaiśye ca
Geschick im Vaiśya (Akk./Lok.)
śūdre ca sarvavarṇānukūlatām
und im Śūdra Zugewandtheit zu allen Ständen (Lok./Akk.f.)

adānto brāhmaṇo 'sādhur nistejāḥ kṣatriyo 'dhamaḥ; adakṣo nindyate vaiśyaḥ śūdraś ca pratikūlavān

Ein Brahmane ohne Selbstbezwingung ist nicht gut, ein Kṣatriya ohne Glut der geringste; ein Vaiśya ohne Geschick wird getadelt, und ein Śūdra, der widerspenstig ist.

Wort für Wort
adānto brāhmaṇo 'sādhuḥ
ein unbeherrschter Brahmane ist nicht gut (Nom.)
nistejāḥ kṣatriyo 'dhamaḥ
ein glutloser Kṣatriya ist der niedrigste (Nom.)
adakṣo nindyate vaiśyaḥ
ein ungeschickter Vaiśya wird getadelt (Nom./3.Sg.Pass.)
śūdraś ca pratikūlavān
und ein Śūdra, wenn widerspenstig (Nom./Nom.)

Bei śūdraś ca pratikūlavān ist „wird getadelt“ zu ergänzen.

so 'smi jātaḥ kule śreṣṭhe brāhmaṇānāṃ supūjite; mandabhāgyatayāsmy etaṃ kṣatradharmam anu ṣṭhitaḥ

Ich nun bin in einer vorzüglichen, von den Brahmanen hoch verehrten Familie geboren; wegen meines geringen Glücks [aber] habe ich diesen Kṣatriya-Dharma ergriffen.

Wort für Wort
so 'smi jātaḥ kule śreṣṭhe
dieser [bin] ich, geboren in vorzüglicher Familie (Nom./1.Sg./Part./Lok.)
brāhmaṇānāṃ supūjite
von den Brahmanen hochverehrt (Gen.Pl./Lok.Part.)
mandabhāgyatayāsmy etam
wegen Geringheit des Glücks bin ich diesen (Instr./1.Sg./Akk.)
kṣatradharmam anuṣṭhitaḥ
den Kṣatriya-Dharma verfolgend/ausübend (Akk./Part.Pass.)

kṣatradharmaṃ viditvāhaṃ yadi brāhmaṇy asaṃśritam; prakuryāṃ sumahat karma na me tat sādhu saṃmatam

Wenn ich, den Kṣatriya-Dharma kennend, ein sehr großes Werk verrichtete, das nicht im Brahmanentum verankert ist [?], so wäre dies von mir nicht als gut gebilligt.

Wort für Wort
kṣatradharmaṃ viditvāhaṃ
den Kṣatriya-Dharma erkannt habend, ich (Akk./Ger./Nom.)
yadi brāhmaṇy asaṃśritam
wenn im Brahmanentum nicht verankert (Konj./Akk.n.)
prakuryāṃ sumahat karma
würde ich vollbringen ein sehr großes Werk (Opt.1.Sg./Akk.)
na me tat sādhu saṃmatam
nicht ist mir dies als gut gebilligt (Gen./Nom./Part.)

brāhmaṇy asaṃśritam ist unsicher (evtl. brāhmaṇye/brāhmaṇyam asaṃśritam); der Zusammenhang des Verses ist schwer zu fassen.

dhārayitvā dhanur divyaṃ divyāny astrāṇi cāhave; pitaraṃ nihataṃ dṛṣṭvā kiṃ nu vakṣyāmi saṃsadi

Nachdem ich im Kampf den göttlichen Bogen und die göttlichen Geschosse geführt habe – was werde ich in der Versammlung sagen, wenn ich meinen Vater erschlagen gesehen habe?

Wort für Wort
dhārayitvā dhanur divyam
getragen/geführt habend den göttlichen Bogen (Ger./Akk.)
divyāny astrāṇi cāhave
und die göttlichen Geschosse im Kampf (Akk.Pl./Lok.)
pitaraṃ nihataṃ dṛṣṭvā
den Vater erschlagen gesehen habend (Akk./Part./Ger.)
kiṃ nu vakṣyāmi saṃsadi
was denn werde ich sagen in der Versammlung (Fut.1.Sg./Lok.)

so 'ham adya yathākāmaṃ kṣatradharmam upāsya tam; gantāsmi padavīṃ rājñaḥ pituś cāpi mahādyuteḥ

Ich also werde heute nach Belieben, diesen Kṣatriya-Dharma ausübend, den Weg des Königs und auch meines hochglänzenden Vaters gehen.

Wort für Wort
so 'ham adya yathākāmam
ich also heute nach Belieben (Nom./Adv.)
kṣatradharmam upāsya tam
den Kṣatriya-Dharma, diesen, ausübend (Akk./Ger.)
gantāsmi padavīṃ rājñaḥ
werde gehen den Weg des Königs (Periphr.Fut.1.Sg./Akk./Gen.)
pituś cāpi mahādyuteḥ
und auch des Vaters, des hochglänzenden (Gen.)

rājñaḥ: gemeint ist Duryodhana [?].

adya svapsyanti pāñcālā viśvastā jitakāśinaḥ; vimuktayugyakavacā harṣeṇa ca samanvitāḥ

Heute werden die Pāñcālas schlafen, vertrauensvoll, im Siegesdünkel, mit abgeschirrten Zugtieren und abgelegten Panzern und von Freude erfüllt.

Wort für Wort
adya svapsyanti pāñcālāḥ
heute werden schlafen die Pāñcālas (Fut.3.Pl./Nom.)
viśvastā jitakāśinaḥ
vertrauensvoll, sich siegreich dünkend (Nom.Pl.)
vimuktayugyakavacāḥ
mit gelösten Zugtieren und Panzern (Nom.Pl., Kompositum)
harṣeṇa ca samanvitāḥ
und von Freude erfüllt (Instr./Nom.Pl.)

adya tān sūditān sarvān dhṛṣṭadyumnapurogamān

Heute [werde ich] jene alle, mit Dhṛṣṭadyumna an der Spitze, als Erschlagene [daliegen lassen].

Wort für Wort
adya tān sūditān sarvān
heute jene, erschlagen, alle (Akk.Pl./Part.Pass.)
dhṛṣṭadyumnapurogamān
die Dhṛṣṭadyumna zum Anführer haben (Akk.Pl.m.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers (*), verkürzt; das Verb ist zu ergänzen.

vayaṃ jitā matāś caiṣāṃ śrāntā vyāyam anena ca

Wir gelten ihnen als besiegt, und [sie sind] erschöpft von dieser Anstrengung.

Wort für Wort
vayaṃ jitā matāś caiṣām
wir besiegt, geltend, und von ihnen (Nom.Pl./Part./Gen.)
śrāntā vyāyam anena ca
erschöpft durch diese Anstrengung (Nom.Pl./Instr.)

Bezug von śrāntā unsicher [?]: „sie“ (Pāñcālas) ist wahrscheinlicher als „wir“.

teṣāṃ niśi prasuptānāṃ svasthānāṃ śibire svake; avaskandaṃ kariṣyāmi śibirasyādya duṣkaram

Wenn sie nachts fest schlafen, sorglos in ihrem eigenen Lager, werde ich heute einen schwer auszuführenden Überfall auf das Lager machen.

Wort für Wort
teṣāṃ niśi prasuptānām
während sie nachts fest schlafen (Gen.Abs./Lok.)
svasthānāṃ śibire svake
sorglos im eigenen Lager (Gen./Lok.)
avaskandaṃ kariṣyāmi
einen Überfall werde ich machen (Akk./Fut.1.Sg.)
śibirasyādya duṣkaram
des Lagers, heute, schwierig (Gen./Adv./Akk.)

tān avaskandya śibire pretabhūtān vicetasaḥ; sūdayiṣyāmi vikramya maghavān iva dānavān

Nachdem ich sie im Lager überfallen habe, die wie Tote Sinnverwirrten, werde ich sie tapfer erschlagen, wie Maghavan die Dānavas.

Wort für Wort
tān avaskandya śibire
sie überfallen habend im Lager (Akk./Ger./Lok.)
pretabhūtān vicetasaḥ
totengleich geworden, sinnlos (Akk.Pl.)
sūdayiṣyāmi vikramya
werde ich erschlagen, tapfer vorgehend (Fut.1.Sg./Ger.)
maghavān iva dānavān
wie Maghavan (Indra) die Dānavas (Nom./Akk.Pl.)

adya tān sahitān sarvān dhṛṣṭadyumnapurogamān; sūdayiṣyāmi vikramya kakṣaṃ dīpta ivānalaḥ; nihatya caiva pāñcālāñ śāntiṃ labdhāsmi sattama

Heute werde ich sie alle zusammen, mit Dhṛṣṭadyumna an der Spitze, tapfer erschlagen, wie ein lodernder Brand das Gestrüpp; und nachdem ich die Pāñcālas erschlagen habe, werde ich Frieden erlangen, o Bester der Guten.

Wort für Wort
adya tān sahitān sarvān
heute sie, vereint, alle (Akk.Pl.)
dhṛṣṭadyumnapurogamān
mit Dhṛṣṭadyumna als Anführer (Akk.Pl.)
sūdayiṣyāmi vikramya
werde ich erschlagen, tapfer vorgehend (Fut.1.Sg./Ger.)
kakṣaṃ dīpta ivānalaḥ
wie ein lodernder Brand Gestrüpp (Akk./Nom.)
nihatya caiva pāñcālān
und die Pāñcālas erschlagen habend (Ger./Akk.)
śāntiṃ labdhāsmi sattama
Frieden werde ich erlangen, o Bester (Akk./Periphr.Fut./Vok.)

pāñcāleṣu cariṣyāmi sūdayann adya saṃyuge; pinākapāṇiḥ saṃkruddhaḥ svayaṃ rudraḥ paśuṣv iva

Unter den Pāñcālas werde ich umhergehen, sie heute im Kampf erschlagend, zornentbrannt, den Pināka in der Hand, wie Rudra selbst unter dem Opfervieh.

Wort für Wort
pāñcāleṣu cariṣyāmi
unter den Pāñcālas werde ich umhergehen (Lok./Fut.1.Sg.)
sūdayann adya saṃyuge
erschlagend heute im Kampf (Part.Präs./Adv./Lok.)
pinākapāṇiḥ saṃkruddhaḥ
den Pināka in der Hand, zornig (Nom./Part.)
svayaṃ rudraḥ paśuṣv iva
Rudra selbst wie unter Opfertieren (Nom./Lok.Pl.)

adyāhaṃ sarvapāñcālān nihatya ca nikṛtya ca

Heute werde ich alle Pāñcālas erschlagen und niedergemacht haben,

Wort für Wort
adyāhaṃ sarvapāñcālān
heute ich, alle Pāñcālas (Nom./Akk.Pl.)
nihatya ca nikṛtya ca
erschlagen habend und niedergehauen habend (Ger.)

Der Satz setzt sich in der folgenden Zeile fort.

gamiṣyāmy atha pañcānāṃ padavīm adya durgamām

dann werde ich heute den schwer gangbaren Weg der Fünf gehen [?].

Wort für Wort
gamiṣyāmy atha pañcānām
dann werde ich gehen, der Fünf (Fut.1.Sg./Gen.)
padavīm adya durgamām
den Weg heute, schwer gangbar (Akk./Adv./Akk.f.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). pañcānām unsicher (Pāṇḍavas bzw. die fünf Draupadeyas?).

ardayiṣyāmi saṃkruddho raṇe pāṇḍusutāṃs tathā

und ich werde, aufs äußerste erzürnt, die Söhne des Pāṇḍu im Kampf peinigen.

Wort für Wort
ardayiṣyāmi saṃkruddhaḥ
werde ich peinigen, sehr zornig (Fut.1.Sg./Nom.)
raṇe pāṇḍusutāṃs tathā
im Kampf die Pāṇḍusöhne ebenso (Lok./Akk.Pl./Adv.)

sūdayiṣyāmi saṃhṛṣṭaḥ paśūn iva pinākadhṛk

Ich werde [sie] erschlagen, hocherfreut, wie der Pināka-Träger das Opfervieh.

Wort für Wort
sūdayiṣyāmi saṃhṛṣṭaḥ
werde ich erschlagen, hocherfreut (Fut.1.Sg./Nom.)
paśūn iva pinākadhṛk
wie Opfertiere der Pināka-Träger (Akk.Pl./Nom.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

adyāhaṃ sarvapāñcālaiḥ kṛtvā bhūmiṃ śarīriṇīm; prahṛtyaikaikaśas tebhyo bhaviṣyāmy anṛṇaḥ pituḥ

Heute werde ich, nachdem ich mit allen Pāñcālas die Erde mit Leibern [Leichen] bedeckt und jeden einzelnen von ihnen erschlagen habe, meinem Vater gegenüber schuldenfrei sein.

Wort für Wort
adyāhaṃ sarvapāñcālaiḥ
heute ich, mit allen Pāñcālas (Nom./Instr.Pl.)
kṛtvā bhūmiṃ śarīriṇīm
gemacht habend die Erde leibbehaftet (Ger./Akk./Akk.f.)
prahṛtyaikaikaśas tebhyo
zugeschlagen habend, einzeln, von ihnen (Ger./Adv./Abl.)
bhaviṣyāmy anṛṇaḥ pituḥ
werde ich schuldenfrei sein gegenüber dem Vater (Fut.1.Sg./Nom./Gen.)

prahṛtya … tebhyaḥ: Deutung „an jedem einzelnen von ihnen“ unsicher [?].

duryodhanasya karṇasya bhīṣmasaindhavayor api; gamayiṣyāmi pāñcālān padavīm adya durgamām

Den schwer gangbaren Weg des Duryodhana, des Karṇa, ebenso des Bhīṣma und des Saindhava werde ich die Pāñcālas heute gehen lassen.

Wort für Wort
duryodhanasya karṇasya
des Duryodhana, des Karṇa (Gen.)
bhīṣmasaindhavayor api
auch des Bhīṣma und Saindhava (Gen.Du.)
gamayiṣyāmi pāñcālān
werde ich gehen lassen die Pāñcālas (Fut.Kaus.1.Sg./Akk.Pl.)
padavīm adya durgamām
den Weg heute, schwer gangbar (Akk./Adv./Akk.f.)

adya pāñcālarājasya dhṛṣṭadyumnasya vai niśi; virātre pramathiṣyāmi paśor iva śiro balāt

Heute werde ich dem König der Pāñcālas, Dhṛṣṭadyumna, in der Nacht, tief in der Nacht, gewaltsam den Kopf zerschmettern, wie dem Opfertier.

Wort für Wort
adya pāñcālarājasya
heute des Pāñcāla-Königs (Gen.)
dhṛṣṭadyumnasya vai niśi
des Dhṛṣṭadyumna, fürwahr, in der Nacht (Gen./Lok.)
virātre pramathiṣyāmi
in tiefer Nacht werde ich zerschmettern (Lok./Fut.1.Sg.)
paśor iva śiro balāt
wie eines Opfertiers den Kopf mit Gewalt (Gen./Akk./Abl.)

adya pāñcālapāṇḍūnāṃ śayitān ātmajān niśi; khaḍgena niśitenājau pramathiṣyāmi gautama

Heute werde ich die Söhne der Pāñcālas und Pāṇḍavas, die nachts schlafen, im Kampf mit dem scharfen Schwert zermalmen, o Gautama.

Wort für Wort
adya pāñcālapāṇḍūnām
heute der Pāñcālas und Pāṇḍus (Gen.Pl.)
śayitān ātmajān niśi
die schlafenden Söhne in der Nacht (Akk.Pl./Lok.)
khaḍgena niśitenājau
mit dem scharfen Schwert im Kampf (Instr./Lok.)
pramathiṣyāmi gautama
werde ich zermalmen, o Gautama (Fut.1.Sg./Vok.)

pāñcālapāṇḍūnām ātmajān: „Söhne der Pāñcālas und Pāṇḍus“, d. h. wohl die Draupadeyas u. a. [?].

virātre pramathiṣyāmi khaḍgena niśi gautama

Tief in der Nacht werde ich [sie] mit dem Schwert in der Nacht zermalmen, o Gautama.

Wort für Wort
virātre pramathiṣyāmi
in tiefer Nacht werde ich zermalmen (Lok./Fut.1.Sg.)
khaḍgena niśi gautama
mit dem Schwert in der Nacht, o Gautama (Instr./Lok./Vok.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

adya pāñcālasenāṃ tāṃ nihatya niśi sauptike; kṛtakṛtyaḥ sukhī caiva bhaviṣyāmi mahāmate

Heute werde ich, nachdem ich jene Pāñcāla-Heeresmacht in der Nacht, zur Zeit des Schlafes, erschlagen habe, o Hochgesinnter, am Ziel und glücklich sein.

Wort für Wort
adya pāñcālasenāṃ tāṃ
heute das Pāñcāla-Heer, jenes (Akk.)
nihatya niśi sauptike
erschlagen habend, in der Nacht, im Schlaf-Überfall (Ger./Lok.)
kṛtakṛtyaḥ sukhī caiva
mit erfülltem Ziel und glücklich (Nom.)
bhaviṣyāmi mahāmate
werde ich sein, o Hochgesinnter (Fut.1.Sg./Vok.)

śrūyate jāmadagnyena pitur vadham amṛṣyatā; triḥsaptakṛtvaḥ pṛthivī kṛtā niḥkṣatriyā purā

Man hört: Von Jāmadagnya, der die Tötung des Vaters nicht verzeihen wollte, wurde einst die Erde einundzwanzigmal von Kṣatriyas leer gemacht.“

Wort für Wort
śrūyate jāmadagnyena
man hört, von Jāmadagnya (3.Sg.Pass./Instr.)
pitur vadham amṛṣyatā
den Mord am Vater nicht duldend (Gen./Akk./Part.Instr.)
triḥsaptakṛtvaḥ pṛthivī
einundzwanzigmal die Erde (Adv./Nom.)
kṛtā niḥkṣatriyā purā
gemacht kṣatriyalos, einst (Part.f./Nom.f./Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

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