Kapitel 3: aśvatthāmno nirṇayaḥ
Aśvatthāmans Rede über die Verschiedenheit der Einsichten und sein Entschluss zum nächtlichen Überfall auf die Pāñcālas
Aśvatthāman antwortet auf Kṛpas mahnende Rede: Nach einer Betrachtung über die Wandelbarkeit und Vielfalt der Einsichten (buddhi) verkündet er seinen grausamen Entschluss, die schlafenden Pāñcālas im Lager zu überfallen.
Saṃjaya sprach: Nachdem Aśvatthāman die heilsamen, mit Dharma und Nutzen verbundenen Worte des Kṛpa gehört hatte, o großer König, [war er] von Leid und Kummer erfüllt –
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach (Perf.3.Sg.)
kṛpasya vacanaṃ śrutvā
Kṛpas Worte gehört habend (Gen./Akk./Ger.)
dharmārthasahitaṃ śubham
mit Dharma und Nutzen verbunden, heilsam (Akk.Sg.n.)
aśvatthāmā mahārāja
Aśvatthāman, o großer König (Nom./Vok.)
duḥkhaśokasamanvitaḥ
von Leid und Kummer erfüllt (Nom.Sg.m., Kompositum)
puruṣe puruṣe buddhiḥ sā sā bhavati śobhanā; tuṣyanti ca pṛthak sarve prajñayā te svayā svayā
„Bei Mensch um Mensch ist es die jeweils eigene Einsicht, die [ihm] schön erscheint; und alle sind, jeder für sich, mit ihrer je eigenen Klugheit zufrieden.
sarvasya hi svakā prajñā sādhuvāde pratiṣṭhitā; parabuddhiṃ ca nindanti svāṃ praśaṃsanti cāsakṛt
Denn jedem ist die eigene Klugheit im Beifall der Guten [d. h. im Ruf „wohlgesprochen“] gegründet; die Einsicht anderer tadeln sie, die eigene aber preisen sie immer wieder.
Wort für Wort
sarvasya hi svakā prajñā
denn jedem ist die eigene Klugheit (Gen./Nom.Sg.f.)
sādhuvāde pratiṣṭhitā
im Beifall der Guten gegründet (Lok./Part.Pass.)
parabuddhiṃ ca nindanti
und die Einsicht anderer tadeln sie (Akk./3.Pl.Präs.)
svāṃ praśaṃsanti cāsakṛt
die eigene preisen sie und wiederholt (Akk./3.Pl.Präs./Adv.)
kāraṇāntarayogena yoge yeṣāṃ samā matiḥ; te 'nyonyena ca tuṣyanti bahu manyanti cāsakṛt
Diejenigen aber, deren Sinn in einer Sache [wegen] des Zusammentreffens anderer Umstände übereinstimmt, sind miteinander zufrieden und schätzen einander immer wieder hoch.
Wort für Wort
kāraṇāntarayogena
durch die Verbindung mit einem anderen Grund (Instr.)
yoge yeṣāṃ samā matiḥ
in der Sache/Verbindung, deren Sinn gleich ist (Lok./Gen.Pl./Nom.)
te 'nyonyena ca tuṣyanti
und sie sind aneinander zufrieden (Nom.Pl./Instr./3.Pl.)
bahu manyanti cāsakṛt
sie schätzen hoch und wiederholt (3.Pl.Präs./Adv.)
Der erste Halbvers ist syntaktisch knapp; die Wiedergabe von kāraṇāntarayogena yoge ist unsicher.
Doch bei ein und demselben Menschen gerät jene jeweilige Einsicht, je nach dem Zeitpunkt, wenn sie durch die Verbindung mit der Zeit in Verkehrung geraten ist, in Widerstreit mit sich selbst [wörtlich: untereinander].
Wort für Wort
tasyaiva tu manuṣyasya
doch gerade dieses Menschen (Gen.)
sā sā buddhis tadā tadā
jene jeweilige Einsicht, dann und dann (Nom.f./Adv.)
kālayogaviparyāsaṃ prāpya
zu einer Verkehrung durch die Zeitverbindung gelangt (Akk./Ger.)
anyonyaṃ vipadyate
gerät miteinander in Widerstreit (Adv./3.Sg.Präs.Med.)
vipadyate: „zugrunde gehen, sich wandeln“; hier als Widerstreit der aufeinanderfolgenden Einsichten gedeutet [?].
Denn wegen der Unergründlichkeit der Gedanken der Menschen, zumal [ihrer], entsteht jene jeweilige Einsicht, wenn sie eine Verstörung des Denkens erreicht hat.
Wort für Wort
acintyatvād dhi cittānām
denn wegen der Unergründlichkeit der Gedanken (Abl./Gen.Pl.)
Wie nämlich ein tüchtiger Arzt, nachdem er die Krankheit gehörig erkannt hat, aus der [rechten] Zusammensetzung ein Heilmittel zur Linderung bereitet, hier, o Überlegener,
Wort für Wort
yathā hi vaidyaḥ kuśalaḥ
wie nämlich ein geschickter Arzt (Nom.Sg.m.)
jñātvā vyādhiṃ yathāvidhi
die Krankheit erkannt habend, vorschriftsgemäß (Ger./Akk./Adv.)
bheṣajaṃ kurute yogāt
ein Heilmittel bereitet er durch Zusammensetzung (3.Sg.Präs.Med./Abl.)
praśamārtham ihābhibho
zur Linderung, hier, o Überlegener (Akk./Adv./Vok.)
anyayā yauvane martyo buddhyā bhavati mohitaḥ; madhye 'nyayā jarāyāṃ tu so 'nyāṃ rocayate matim
In der Jugend wird der Sterbliche von der einen Einsicht betört, in der Mitte [des Lebens] von einer anderen; im Alter aber findet er wieder eine andere Einsicht gefällig.
Wort für Wort
anyayā yauvane martyaḥ
von einer anderen im Jugendalter der Sterbliche (Instr.f./Lok./Nom.)
buddhyā bhavati mohitaḥ
durch Einsicht wird er betört (Instr./3.Sg./Part.Pass.)
madhye 'nyayā jarāyāṃ tu
in der Mitte durch eine andere, im Alter aber (Lok./Instr./Lok.)
so 'nyāṃ rocayate matim
er findet eine andere Einsicht gefällig (Nom./Akk./3.Sg.Kaus.Med.)
Im ersten Halbvers ist „von einer anderen“ zu buddhyā bezogen; im zweiten ist ein Verb (bhavati mohitaḥ) zu ergänzen.
ekasminn eva puruṣe sā sā buddhis tadā tadā; bhavaty anityaprajñatvāt sā tasyaiva na rocate
Bei ein und demselben Menschen ist jene jeweilige Einsicht, dann und dann, wegen der Unbeständigkeit seiner Klugheit so, dass sie gerade ihm [später] nicht gefällt.
Wort für Wort
ekasminn eva puruṣe
bei ein und demselben Menschen (Lok.)
sā sā buddhis tadā tadā
jene jeweilige Einsicht, dann und dann (Nom.f./Adv.)
bhavaty anityaprajñatvāt
ist wegen der Unbeständigkeit der Klugheit (3.Sg./Abl.)
sā tasyaiva na rocate
sie gefällt gerade ihm nicht (Nom./Gen./Neg./3.Sg.Med.)
Wenn er aber gemäß seiner Klugheit entschieden hat, in welcher Einsicht er das Rechte sieht, richtet er darauf seine Neigung; sie ist es, die ihm zum Handeln antreibt.
Wort für Wort
niścitya tu yathāprajñam
entschieden habend aber, gemäß der Klugheit (Ger./Adv.)
yāṃ matiṃ sādhu paśyati
in welcher Einsicht er das Gute sieht (Akk.f./3.Sg.Präs.)
tasyāṃ prakurute bhāvam
auf sie richtet er die Neigung (Lok./3.Sg.Präs.Med./Akk.)
sā tasyodyogakārikā
sie ist bei ihm die zum Unternehmen Antreibende (Nom.f./Gen.)
sarve hi yuktiṃ vijñāya prajñāṃ cāpi svakāṃ narāḥ; ceṣṭante vividhāś ceṣṭā hitam ity eva jānate
Denn alle Menschen, nachdem sie [das] Zweckmäßige erkannt haben und auch ihre eigene Klugheit, bemühen sich in mannigfachen Bemühungen; „Das ist heilsam“ – so eben wissen sie.
Wort für Wort
sarve hi yuktiṃ vijñāya
denn alle, das Zweckmäßige erkannt habend (Nom.Pl./Akk./Ger.)
prajñāṃ cāpi svakāṃ narāḥ
und auch die eigene Klugheit, die Menschen (Akk.f./Nom.Pl.)
ceṣṭante vividhāś ceṣṭāḥ
sie bemühen sich um vielfältige Bemühungen (3.Pl.Med./Akk.Pl.)
hitam ity eva jānate
„heilsam“ – so eben wissen sie (Nom.n./3.Pl.Präs.Med.)
Prajāpati, nachdem er die Geschöpfe erschaffen und ihnen [je] eine Aufgabe zugeteilt hatte, legte in jeden Stand je eine besonders vorzügliche Eigenschaft.
Wort für Wort
prajāpatiḥ prajāḥ sṛṣṭvā
Prajāpati, die Geschöpfe erschaffen habend (Nom./Akk.Pl./Ger.)
karma tāsu vidhāya ca
und Tätigkeit ihnen zugeteilt habend (Akk./Lok.Pl./Ger.)
varṇe varṇe samādhatta
in Stand um Stand legte er (Lok./Aor./Impf.Med.3.Sg.)
ekaikaṃ guṇavattaram
je eine sehr vorzügliche Eigenschaft (Akk.Sg.m./Komparativ)
guṇavattaram: eigentlich „noch eigenschaftsreicher“; hier als Adjektiv zu ekaikam (Eigenschaft) gefasst.
Ein Brahmane ohne Selbstbezwingung ist nicht gut, ein Kṣatriya ohne Glut der geringste; ein Vaiśya ohne Geschick wird getadelt, und ein Śūdra, der widerspenstig ist.
Wort für Wort
adānto brāhmaṇo 'sādhuḥ
ein unbeherrschter Brahmane ist nicht gut (Nom.)
nistejāḥ kṣatriyo 'dhamaḥ
ein glutloser Kṣatriya ist der niedrigste (Nom.)
adakṣo nindyate vaiśyaḥ
ein ungeschickter Vaiśya wird getadelt (Nom./3.Sg.Pass.)
śūdraś ca pratikūlavān
und ein Śūdra, wenn widerspenstig (Nom./Nom.)
Bei śūdraś ca pratikūlavān ist „wird getadelt“ zu ergänzen.
so 'smi jātaḥ kule śreṣṭhe brāhmaṇānāṃ supūjite; mandabhāgyatayāsmy etaṃ kṣatradharmam anu ṣṭhitaḥ
Ich nun bin in einer vorzüglichen, von den Brahmanen hoch verehrten Familie geboren; wegen meines geringen Glücks [aber] habe ich diesen Kṣatriya-Dharma ergriffen.
Wort für Wort
so 'smi jātaḥ kule śreṣṭhe
dieser [bin] ich, geboren in vorzüglicher Familie (Nom./1.Sg./Part./Lok.)
brāhmaṇānāṃ supūjite
von den Brahmanen hochverehrt (Gen.Pl./Lok.Part.)
mandabhāgyatayāsmy etam
wegen Geringheit des Glücks bin ich diesen (Instr./1.Sg./Akk.)
kṣatradharmam anuṣṭhitaḥ
den Kṣatriya-Dharma verfolgend/ausübend (Akk./Part.Pass.)
kṣatradharmaṃ viditvāhaṃ yadi brāhmaṇy asaṃśritam; prakuryāṃ sumahat karma na me tat sādhu saṃmatam
Wenn ich, den Kṣatriya-Dharma kennend, ein sehr großes Werk verrichtete, das nicht im Brahmanentum verankert ist [?], so wäre dies von mir nicht als gut gebilligt.
Wort für Wort
kṣatradharmaṃ viditvāhaṃ
den Kṣatriya-Dharma erkannt habend, ich (Akk./Ger./Nom.)
yadi brāhmaṇy asaṃśritam
wenn im Brahmanentum nicht verankert (Konj./Akk.n.)
prakuryāṃ sumahat karma
würde ich vollbringen ein sehr großes Werk (Opt.1.Sg./Akk.)
na me tat sādhu saṃmatam
nicht ist mir dies als gut gebilligt (Gen./Nom./Part.)
brāhmaṇy asaṃśritam ist unsicher (evtl. brāhmaṇye/brāhmaṇyam asaṃśritam); der Zusammenhang des Verses ist schwer zu fassen.
Nachdem ich im Kampf den göttlichen Bogen und die göttlichen Geschosse geführt habe – was werde ich in der Versammlung sagen, wenn ich meinen Vater erschlagen gesehen habe?
Wort für Wort
dhārayitvā dhanur divyam
getragen/geführt habend den göttlichen Bogen (Ger./Akk.)
divyāny astrāṇi cāhave
und die göttlichen Geschosse im Kampf (Akk.Pl./Lok.)
pitaraṃ nihataṃ dṛṣṭvā
den Vater erschlagen gesehen habend (Akk./Part./Ger.)
kiṃ nu vakṣyāmi saṃsadi
was denn werde ich sagen in der Versammlung (Fut.1.Sg./Lok.)
Heute werde ich sie alle zusammen, mit Dhṛṣṭadyumna an der Spitze, tapfer erschlagen, wie ein lodernder Brand das Gestrüpp; und nachdem ich die Pāñcālas erschlagen habe, werde ich Frieden erlangen, o Bester der Guten.
Wort für Wort
adya tān sahitān sarvān
heute sie, vereint, alle (Akk.Pl.)
dhṛṣṭadyumnapurogamān
mit Dhṛṣṭadyumna als Anführer (Akk.Pl.)
sūdayiṣyāmi vikramya
werde ich erschlagen, tapfer vorgehend (Fut.1.Sg./Ger.)
kakṣaṃ dīpta ivānalaḥ
wie ein lodernder Brand Gestrüpp (Akk./Nom.)
nihatya caiva pāñcālān
und die Pāñcālas erschlagen habend (Ger./Akk.)
śāntiṃ labdhāsmi sattama
Frieden werde ich erlangen, o Bester (Akk./Periphr.Fut./Vok.)
Heute werde ich, nachdem ich mit allen Pāñcālas die Erde mit Leibern [Leichen] bedeckt und jeden einzelnen von ihnen erschlagen habe, meinem Vater gegenüber schuldenfrei sein.
Wort für Wort
adyāhaṃ sarvapāñcālaiḥ
heute ich, mit allen Pāñcālas (Nom./Instr.Pl.)
kṛtvā bhūmiṃ śarīriṇīm
gemacht habend die Erde leibbehaftet (Ger./Akk./Akk.f.)
prahṛtyaikaikaśas tebhyo
zugeschlagen habend, einzeln, von ihnen (Ger./Adv./Abl.)
bhaviṣyāmy anṛṇaḥ pituḥ
werde ich schuldenfrei sein gegenüber dem Vater (Fut.1.Sg./Nom./Gen.)
prahṛtya … tebhyaḥ: Deutung „an jedem einzelnen von ihnen“ unsicher [?].
Heute werde ich, nachdem ich jene Pāñcāla-Heeresmacht in der Nacht, zur Zeit des Schlafes, erschlagen habe, o Hochgesinnter, am Ziel und glücklich sein.
Wort für Wort
adya pāñcālasenāṃ tāṃ
heute das Pāñcāla-Heer, jenes (Akk.)
nihatya niśi sauptike
erschlagen habend, in der Nacht, im Schlaf-Überfall (Ger./Lok.)