Kapitel 2: kṛpasya hitopadeśaḥ
Kṛpas Rat: Schicksal und Menschenwerk, und der Entschluss, Ältere zu befragen
Kṛpa antwortet Aśvatthāman: Erfolg beruhe auf dem Zusammenwirken von Schicksal und Menschenwerk, und man solle den Rat der Älteren einholen; er schlägt vor, Dhṛtarāṣṭra, Gāndhārī und Vidura zu befragen.
ābaddhā mānuṣāḥ sarve nirbandhāḥ karmaṇor dvayoḥ; daive puruṣakāre ca paraṃ tābhyāṃ na vidyate
Gebunden sind alle Menschen, festgelegt auf zwei Werke: auf das Schicksal und auf das Menschenwerk; darüber hinaus gibt es von diesen beiden nichts Höheres.
Wort für Wort
ābaddhā mānuṣāḥ sarve
gebunden [sind] alle Menschen (Part.Pass./Nom.Pl.)
nirbandhāḥ karmaṇor dvayoḥ
festgelegt auf zwei Werke (Nom.Pl./Lok.Du.)
daive puruṣakāre ca
im Schicksal und im Menschenwerk (Lok.)
param tābhyāṃ na vidyate
Höheres als diese beiden gibt es nicht (Abl.Du./3.Sg.Pass.)
na hi daivena sidhyanti karmāṇy ekena sattama; na cāpi karmaṇaikena dvābhyāṃ siddhis tu yogataḥ
Denn nicht durch das Schicksal allein gelingen die Werke, Bester; auch nicht durch das Werk [des Menschen] allein; durch beide aber ist der Erfolg, aus der Verbindung heraus.
Wort für Wort
na hi daivena sidhyanti
nicht nämlich durch Schicksal gelingen (Instr./3.Pl.Präs.)
karmāṇy ekena sattama
die Werke durch das eine, Bester (Nom.Pl./Instr./Vok.)
na cāpi karmaṇaikena
und auch nicht durch das Werk allein (Instr.)
dvābhyāṃ siddhis tu yogataḥ
durch beide aber Erfolg, aus der Verbindung (Instr.Du./Nom.Sg./Abl.-Adv.)
parjanyaḥ parvate varṣan kiṃ nu sādhayate phalam; kṛṣṭe kṣetre tathāvarṣan kiṃ nu sādhayate phalam
Regen, der auf den Berg niederströmt – welche Frucht bewirkt er dann? Ebenso, wenn er auf das gepflügte Feld nicht regnet – welche Frucht bewirkt er dann?
Wort für Wort
parjanyaḥ parvate varṣan
der Regengott/Regen, auf dem Berg regnend (Nom./Lok./Part.Präs.)
kiṃ nu sādhayate phalam
was für eine Frucht bewirkt er wohl (3.Sg.Med.)
kṛṣṭe kṣetre tathāvarṣan
auf gepflügtem Feld ebenso nicht regnend (Lok./Part.Präs.)
Von diesen beiden geht das Schicksal, nachdem es entschieden hat, nach eigenem Willen seinen Gang; die Weisen aber mühen sich um das Menschenwerk, auf Tüchtigkeit gestützt.
Wort für Wort
tayor daivaṃ viniścitya
von diesen beiden das Schicksal, nachdem es entschieden hat (Gen.Du./Nom./Gerundium)
svavaśenaiva vartate
nach eigenem Willen nur verfährt es (Instr./3.Sg.Med.)
prājñāḥ puruṣakāraṃ tu
die Weisen aber das Menschenwerk (Nom.Pl./Akk.)
ghaṭante dākṣyam āsthitāḥ
bemühen sich, auf Tüchtigkeit gestützt (3.Pl.Med./Akk./Part.Perf.)
Die Anstrengung tüchtiger Menschen aber, wenn sie vom Schicksal verlassen ist, erscheint in der Welt fruchtlos, selbst wenn sie recht ins Werk gesetzt ist.
Wort für Wort
utthānaṃ tu manuṣyāṇāṃ dakṣāṇām
die Anstrengung der Menschen, der tüchtigen (Nom./Gen.Pl.)
daivavarjitam
vom Schicksal verlassen (Part.Pass./Nom.)
aphalaṃ dṛśyate loke
fruchtlos wird gesehen in der Welt (Nom./3.Sg.Pass./Lok.)
prāyaśo hi kṛtaṃ karma aphalaṃ dṛśyate bhuvi; akṛtvā ca punar duḥkhaṃ karma dṛśyen mahāphalam
Meist erscheint auf Erden das getane Werk fruchtlos; und wiederum bringt Nichttun Leid; [dennoch] könnte man das Werk als sehr fruchtbringend erkennen. [?]
Wort für Wort
prāyaśo hi kṛtaṃ karma
meist ja getanes Werk (Adv./Part.Pass./Nom.)
aphalaṃ dṛśyate bhuvi
fruchtlos wird gesehen auf Erden (Nom./3.Sg.Pass./Lok.)
akṛtvā ca punar duḥkham
und ohne getan zu haben wiederum Leid (Gerundium/Adv./Nom.)
karma dṛśyen mahāphalam
das Werk würde gesehen werden als sehr fruchtreich (Opt.Pass./Nom.)
Der Tüchtige vermag zu leben, der Faule gedeiht nicht in Glück; in dieser Welt der Lebenden sieht man meist die Tüchtigen als solche, die das Heilsame erstreben.
Wort für Wort
śaknoti jīvituṃ dakṣo
vermag zu leben der Tüchtige (3.Sg.Präs./Inf./Nom.)
nālasaḥ sukham edhate
nicht der Faule gedeiht in Glück (Nom./Adv./3.Sg.Med.)
dṛśyante jīvaloke 'smin
werden gesehen in dieser Lebenswelt (3.Pl.Pass./Lok.)
dakṣāḥ prāyo hitaiṣiṇaḥ
die Tüchtigen meist Heilsuchende (Nom.Pl./Adv./Nom.Pl.)
hīnaṃ puruṣakāreṇa yadā daivena vā punaḥ; kāraṇābhyām athaitābhyām utthānam aphalaṃ bhavet; hīnaṃ puruṣakāreṇa karma tv iha na sidhyati
Wenn [das Unternehmen] des Menschenwerks entbehrt oder wiederum des Schicksals, dann wird durch diese beiden Ursachen die Anstrengung fruchtlos sein; ohne Menschenwerk aber gelingt hier ein Werk nicht.
Wort für Wort
hīnaṃ puruṣakāreṇa
entbehrend des Menschenwerks (Part.Pass./Instr.)
yadā daivena vā punaḥ
wenn oder wiederum des Schicksals (Instr.)
kāraṇābhyām athaitābhyām
dann von diesen beiden Ursachen (Abl./Instr.Du.)
utthānam aphalaṃ bhavet
die Anstrengung fruchtlos würde sein (Nom./Opt.)
hīnaṃ puruṣakāreṇa karma tv iha na sidhyati
ohne Menschenwerk aber gelingt ein Werk hier nicht (Nom./3.Sg.Präs.)
Dritter Pāda wiederholt den ersten; vermutlich Zusatz oder Doppelung.
daivatebhyo namaskṛtya yas tv arthān samyag īhate; dakṣo dākṣiṇyasaṃpanno na sa moghaṃ vihanyate
Wer, nachdem er den Göttern Ehrerbietung erwiesen hat, seine Ziele recht erstrebt, tüchtig und mit Geschick begabt, der wird nicht vergeblich zunichtegemacht.
Wort für Wort
daivatebhyo namaskṛtya
den Göttern Ehrerbietung erwiesen habend (Dat.Pl./Gerundium)
yas tv arthān samyag īhate
wer aber die Ziele recht erstrebt (Nom./Akk.Pl./3.Sg.Med.)
dakṣo dākṣiṇyasaṃpannaḥ
tüchtig, mit Geschick ausgestattet (Nom.Sg.)
na sa moghaṃ vihanyate
der wird nicht vergeblich vernichtet (3.Sg.Pass./Adv.)
utthāyotthāya hi sadā praṣṭavyā vṛddhasaṃmatāḥ; te 'sya yoge paraṃ mūlaṃ tanmūlā siddhir ucyate
Immer wieder aufstehend sind stets die von den Alten Gebilligten zu befragen; sie sind für sein Unternehmen die höchste Wurzel, und der Erfolg, heißt es, hat sie zur Wurzel.
Wort für Wort
utthāyotthāya hi sadā
immer wieder aufstehend, stets (Gerundium/Adv.)
praṣṭavyā vṛddhasaṃmatāḥ
zu befragen [sind] die von Alten Gebilligten (Gerundiv/Nom.Pl.)
te 'sya yoge paraṃ mūlam
sie sind für ihn beim Unternehmen die höchste Wurzel (Lok./Nom.)
tanmūlā siddhir ucyate
der Erfolg, heißt es, hat diese zur Wurzel (Nom.Sg.f./3.Sg.Pass.)
so 'yaṃ duryodhanenārtho lubdhenādīrghadarśinā; asamarthya samārabdho mūḍhatvād avicintitaḥ
Dieses Unternehmen nun wurde von Duryodhana, dem Gierigen und nicht weit Blickenden, ohne Abwägen der eigenen Kraft begonnen, aus Verblendung, ohne Überlegung.
Wort für Wort
so 'yaṃ duryodhanenārtho
dieses Ziel von Duryodhana (Nom./Instr.)
lubdhenādīrghadarśinā
von dem Gierigen, nicht weit Blickenden (Instr.)
asamarthya samārabdho
ohne es [auf Können] abgewogen zu haben, begonnen (Gerundium/Part.Pass.)
pūrvam apy atiduḥśīlo na dainyaṃ kartum arhati; tapaty arthe vipanne hi mitrāṇām akṛtaṃ vacaḥ
Schon früher sehr schlecht gesittet, darf er nicht jammern; es quält ihn, wenn das Ziel gescheitert ist, dass das Wort der Freunde nicht befolgt wurde.
Wort für Wort
pūrvam apy atiduḥśīlo
auch früher sehr übel gesittet (Adv./Nom.)
na dainyaṃ kartum arhati
Jammern darf er nicht (Akk./Inf./3.Sg.Präs.)
tapaty arthe vipanne hi
es quält, wenn das Ziel gescheitert ist (3.Sg.Präs./Lok.abs.)
mitrāṇām akṛtaṃ vacaḥ
der Freunde nicht befolgtes Wort (Gen.Pl./Part.Pass./Nom.)
tatrāsya buddhir vinayas tatra śreyaś ca paśyati; tato 'sya mūlaṃ kāryāṇāṃ buddhyā niścitya vai budhāḥ
Bei ihnen findet er Verstand und Zucht, und dort sieht er das Heil; danach haben die Kundigen ihm durch [ihren] Verstand die Wurzel der Aufgaben festgestellt [?].
Wort für Wort
tatrāsya buddhir vinayas
dort seine Einsicht, Zucht (Adv./Gen./Nom.)
tatra śreyaś ca paśyati
und dort sieht er das Heil (Adv./Akk./3.Sg.Präs.)
tato 'sya mūlaṃ kāryāṇām
danach für ihn die Wurzel der Aufgaben (Adv./Akk./Gen.Pl.)
buddhyā niścitya vai budhāḥ
durch Verstand festgestellt habend, die Kundigen (Instr./Gerundium/Nom.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Syntax der zweiten Vershälfte unsicher.
te pṛṣṭāś ca vadeyur yac chreyo naḥ samanantaram; tad asmābhiḥ punaḥ kāryam iti me naiṣṭhikī matiḥ
Befragt sollen sie sagen, was uns unmittelbar danach das Heilsamere ist; das ist dann von uns wiederum zu tun – so [lautet] mein feststehender Entschluss.
Wort für Wort
te pṛṣṭāś ca vadeyur
und sie, befragt, sollen sagen (Part.Pass./Opt.)
yac chreyo naḥ samanantaram
was Heilsameres für uns unmittelbar danach [ist] (Nom./Gen.Pl./Adv.)
tad asmābhiḥ punaḥ kāryam
das von uns wiederum zu tun (Instr./Adv./Gerundiv)
anārambhāt tu kāryāṇāṃ nārthaḥ saṃpadyate kva cit; kṛte puruṣakāre ca yeṣāṃ kāryaṃ na sidhyati; daivenopahatās te tu nātra kāryā vicāraṇā
Aus dem Nichtbeginnen von Aufgaben aber ergibt sich nirgends ein Ziel; wenn Menschenwerk getan ist und dennoch die Aufgabe nicht gelingt, sind jene vom Schicksal geschlagen; darüber ist keine Erörterung anzustellen.“
Wort für Wort
anārambhāt tu kāryāṇām
aus Nichtbeginnen der Aufgaben (Abl./Gen.Pl.)
nārthaḥ saṃpadyate kva cit
kein Ziel kommt zustande irgendwo (Nom./3.Sg.Med.)
kṛte puruṣakāre ca
und wenn Menschenwerk getan ist (Lok.abs.)
yeṣāṃ kāryaṃ na sidhyati
wessen Aufgabe nicht gelingt (Gen.Pl./Nom./3.Sg.Präs.)
daivenopahatās te tu
vom Schicksal geschlagen sind jene aber (Instr./Part.Pass.)
nātra kāryā vicāraṇā
nicht ist hier anzustellen Erörterung (Gerundiv/Nom.)