Paṭala 1: Prathamo 'dhyāyaḥ (Paratattvanirṇaya, Prathamaparicchedaḥ)
Erster Adhyāya – Die Bestimmung der höchsten Wahrheit: Kosmogonie, Auflösung (pralaya) und die Laut-/Mantra-Mystik
Erster Adhyāya der Prakāśa-Saṃhitā (Pāñcarātra), gelehrt von Śrī Haṃsa. Extrem dichte, technisch-philosophische Pāñcarātra-Kosmogonie: das Wesen Nārāyaṇas (V.2-5), die Verschlingung des Weltenei durch Saṅkarṣaṇa-Nṛsiṃha und eine ausführliche körper-topologische Kosmologie der Seelenklassen (Befreite, zur Befreiung Geeignete, ewig Gebundene, Dämonen) im 'Bauch' des schlafenden Gottes (V.6-23), eine subtile Theologie der 'Auflösung' (pralaya) als bloßer Hemmung, nicht Vernichtung, verschiedener kosmischer Kräfte (V.24-42), die Beschreibung der Yoga-Schlaf-Szene auf dem Banyanblatt mit Śrī/Lakṣmī (V.43-61), eine Lehre von den vier ewigen, fehlerlosen Veden (V.62-73), und schließlich eine hochtechnische Laut- und Mantra-Mystik: Entstehung von Oṃkāra und seinen Bestandteilen, das Nārāyaṇa-Aṣṭākṣara- und Vāsudeva-Mantra, die Zuordnung aller 50 Sanskrit-Laute zu Gottheiten (mātṛkā-nyāsa, V.74-91, Quelltext hier stark komprimiert/korrupt), sowie die Ableitung von Gāyatrī, Puruṣa-Sūkta und den acht vedischen 'Großen Mantras' (V.92-99). Quelle: GRETIL prakassu.htm (Sansknet-Projekt, keine benannte moderne kritische Edition – gemeinfrei nutzbar).
[Der Fragende:] Wie Viṣṇu, der Herr aller Welten, der Herrscher, der die acht kosmischen Akte wie Schöpfung u.a. vollbringt, das Gesamte erschuf – das verkünde mir, o Weltenlehrer.
Wort für Wort
sarvalokeśvaro viṣṇuḥ
Viṣṇu, der Herr aller Welten
sṛṣṭyādyaṣṭakṛdīśvaraḥ
der Herrscher, der die acht kosmischen Akte vollbringt
yathā sasarja nikhilam
wie er das Gesamte erschuf
tanme brūhi jagadguro
das verkünde mir, o Weltenlehrer
[Anm.: Sprecher der Rahmenfrage nicht namentlich genannt; Antwort durch Śrī Haṃsa, eine Lehrer-Manifestation Viṣṇus.]
Śrī Haṃsa sprach: Nārāyaṇa, von unendlicher Macht, vollkommener Wonne, unvergänglich, selbstherrschend, dessen Leib aus unendlicher Erkenntnis und Wonne besteht – so lautet die Überlieferung.
Wort für Wort
śrī-haṃsa uvāca
Śrī Haṃsa sprach
nārāyaṇo 'nantaśaktiḥ pūrṇānando 'kṣaraḥ svarāṭ
Nārāyaṇa, von unendlicher Macht, vollkommener Wonne, unvergänglich, selbstherrschend
jñanānandātmakānantatanuḥ āsīt iti śrutiḥ
dessen Leib aus unendlicher Erkenntnis und Wonne bestand, so die Überlieferung
Dennoch will ich es dir verkünden, so wie du es der Wahrheit nach erfassen kannst: Für ihn, den an Wünschen Vollkommenen, besteht bei Schöpfung u.a. kein eigennütziger Zweck.
svabhāvastādṛśastasya tadarthaṃ tatkarotyajaḥ / sa eva bhagavānātmā carācaraniyāmakaḥ //
Solcherart ist eben seine Wesensart; um ihretwillen vollzieht er dies, der Ungeborene; eben er, der Erhabene, ist das Selbst, der Lenker des Beweglichen und Unbeweglichen.
Darauf, nachdem er alle im vorigen Weltzeitalter Befreiten sowie die gebundenen Bewusstseinsträger in seinem eigenen Bauch verwahrt hatte, ruhte der Erhabene, selbstleuchtend, glückselig, ohne eigentlich zu schlafen.
Wort für Wort
tataḥ sarvān pūrvakalpamuktān baddhāṃś ca cetanān
darauf alle im vorigen Weltzeitalter Befreiten sowie die gebundenen Bewusstseinsträger
Das Maß bei Bestehen des mit zehn Hüllen versehenen Weltenei-Kosmos – so weit sich dessen Ausdehnung erstreckt, ebenso weit erstreckt sich Śrī in Gestalt seines Bauches.
Wort für Wort
daśāvaraṇasaṃyuktabramhāṇḍasya sthitau mitiḥ
das Maß beim Bestehen des mit zehn Hüllen versehenen Welteneis
yāvat pradeśas tattulyarūpā
so weit dessen Ausdehnung, von gleicher Gestalt
śrīr udarūpiṇī
Śrī in Bauch-Gestalt
[Anm.: 'udarūpiṇī' unsicher, wohl für 'udararūpiṇī' (in Gestalt des Bauches).]
Die im oberen Bauchraum jenes Kindes Befindlichen sind die Befreiten, die bei der großen Auflösung schon verwirklicht sind; die zur Befreiung Geeigneten weilen im mittleren Bauchraum, die ewig Gebundenen aber um den Nabel herum,
Wort für Wort
tadūrdhvakukṣigā muktāḥ
die im oberen Bauchraum Befindlichen, die Befreiten
prabhavanti mahālaye
sind bei der großen Auflösung verwirklicht
muktiyogyā madhyakukṣau
die zur Befreiung Geeigneten im mittleren Bauchraum
nityabaddhās tu nabhitaḥ
die ewig Gebundenen aber um den Nabel
[Anm.: Beginn einer körper-topologischen Kosmologie der Seelenklassen im 'Bauch' Nṛsiṃhas/Saṅkarṣaṇas.]
unterhalb davon die Dämonen an der Hüfte; die Wesen oberhalb davon, die Leid erlangt haben, wohnen dort – jene Befreiten genießen zugewiesene Wonne, die anderen nicht.
Wort für Wort
adhosurāḥ kaṭitaṭe
unterhalb die Dämonen an der Hüfte
prāptaduḥkhās tadūrdhvagāḥ vasanti
die Leid erlangt habenden, oberhalb davon, wohnen dort
Was ihnen zusteht, wird Mādhava eben durch die nächste Auflösung gewähren – mit Ausnahme der noch zu erlangenden Wonne für jene, die bereits jetzt allein die ihnen zugewiesene Wonne genießen.
Wort für Wort
prāptavyān pralayena eva teṣāṃ dāsyati mādhavaḥ
was ihnen zusteht, wird Mādhava eben durch die Auflösung gewähren
Abgesehen von Vaikuṇṭha u.a. Spielstätten besteht für sie der Zustand, in Haris Bauch zu verweilen; bei der Auflösung wird dies als 'Vernichtung' aller Befreiten bezeichnet, o Lotosgeborener.
Wort für Wort
vaikuṇṭhādi vihāraṃ ca hitvā
abgesehen von Vaikuṇṭha u.a. Spielstätten
garbhasthitir hareḥ
der Zustand, in Haris Bauch zu verweilen
pralaye sarvamuktānāṃ nāśa iti ucyate
bei der Auflösung wird dies als 'Vernichtung' aller Befreiten bezeichnet
Die weltlichen Lebewesen-Scharen, geeignet zum Genuss von Glück und Leid u.a., von der Wesensart des Wollens und Wissens, ergeben dem Streben nach Hass, Dharma und Adharma,
Wort für Wort
sukhaduḥkhādi bhogārhāḥ
geeignet zum Genuss von Glück und Leid u.a.
icchājñānasvarūpiṇaḥ
von der Wesensart des Wollens und Wissens
dveṣadharmādharmayatnaniratāḥ jīvarāśayaḥ
die Lebewesen-Scharen, ergeben dem Streben nach Hass, Dharma und Adharma
liṅgabaddhāḥ samastāśca sṛṣṭau jīvāścaranti hi / sāmyāvasthāmupagatāḥ liṅgadeha samanvitāḥ //
alle diese, an den subtilen Kennzeichen-Leib gebunden, wandeln bei der Schöpfung als Lebewesen umher; bei der Auflösung gelangen sie in einen Zustand der Gleichheit, versehen nur noch mit dem Kennzeichen-Leib.
laya ityucyate sadbhiḥ na layosti svarūpataḥ / sarvajīvasvarūpasthāḥ jñānavyañjanaśaktayaḥ //
'Auflösung' wird dies von den Weisen genannt; eine Auflösung dem eigentlichen Wesen nach gibt es aber nicht; die im Wesen jedes Lebewesens verankerten Erkenntnis-offenbarenden Kräfte –
Wort für Wort
laya iti ucyate sadbhiḥ
'Auflösung' wird dies von den Weisen genannt
na layo 'sti svarūpataḥ
eine Auflösung dem Wesen nach gibt es nicht
sarvajīvasvarūpasthāḥ jñānavyañjanaśaktayaḥ
die im Wesen jedes Lebewesens verankerten, Erkenntnis offenbarenden Kräfte
die Kraft, die den Wesen das Wissen der Geistestätigkeit verleiht, die von der Śruti als solche anerkannt wird – bei der Auflösung, mangels aktiver Lebewesen u.a., wird jene Kraft nur gehemmt.
Wort für Wort
manovṛttijñānadānaśaktiḥ yā śruteḥ matā
die Kraft, die das Wissen der Geistestätigkeit verleiht, die von der Śruti anerkannt wird
Für die in der alldurchdringenden Erkenntnis des Herrn gegründeten Śrutis gilt eine solcherart bloß gehemmte Auflösung; für das Weltenei u.a., die leblose Materie und die Lebewesen gilt die als 'Unentfaltetes' bezeichnete Ur-Raum-Substanz,
Wort für Wort
vyāpteśvaramatisthānāṃ śrutīnāṃ tādṛśo layaḥ
für die in der Erkenntnis des allgegenwärtigen Herrn gegründeten Śrutis gilt eine solche Auflösung
aṇḍādijaḍajīvānāṃ
für das Weltenei u.a., die leblose Materie und die Lebewesen
die zur Zeit der Schöpfung deren Grundlage ist – bei der Auflösung wird sie nur gehemmt; die 'Vernichtung' dieses unentfalteten Ortes wird eben nur bildlich als 'Auflösung' bezeichnet.
Wort für Wort
āśrayaṃ sṛṣṭikāle tat pralaye kuṇṭhitaṃ bhavet
die zur Schöpfungszeit deren Grundlage, wird bei der Auflösung gehemmt
deśasya avyākṛtasya asya nāśa iti ucyate laye
die 'Vernichtung' dieses unentfalteten Ortes wird bei der Auflösung so genannt
samasta liṅgadehānāṃ tattatkarmānusārataḥ / nānāyoni prāpikāsti śaktiḥ sṛṣṭau laye na tu //
Die Kraft, die für alle Kennzeichen-Leiber gemäß ihrem jeweiligen Karma zu mancherlei Wiedergeburt führt, besteht bei der Schöpfung, nicht aber bei der Auflösung.
Wort für Wort
samasta liṅgadehānāṃ tattatkarmānusārataḥ
für alle Kennzeichen-Leiber gemäß ihrem jeweiligen Karma
Die Kraft, die für alle vollzogenen Handlungen Glück und Leid zuteilt, besteht bei der Schöpfung; bei der Auflösung wird sie durch Viṣṇus Befehl gehemmt.
Wort für Wort
sukhaduḥkhapradā śaktiḥ samastakṛtakarmaṇām
die Glück und Leid zuteilende Kraft für alle vollzogenen Handlungen
sṛṣṭau
besteht bei der Schöpfung
laye na sā viṣṇor ājñayā kuṇṭhitā bhavet
bei der Auflösung wird sie durch Viṣṇus Befehl gehemmt
tādṛśo hi layastasya na svarūpalayasmṛtaḥ / varṇeṣu sarvabhāṣābhivyañjakā śaktiriṣyate //
Eine solche Auflösung ist für diese Kraft gemeint, nicht eine dem Wesen nach vollständige Auflösung; für die Laute gilt eine Kraft, die alle Sprache offenbart,
Wort für Wort
tādṛśo hi layas tasya
eine solche Auflösung ist eben für diese gemeint
na svarūpalayasmṛtaḥ
nicht eine dem Wesen nach überlieferte Auflösung
varṇeṣu sarvabhāṣābhivyañjakā śaktir iṣyate
für die Laute gilt eine alle Sprache offenbarende Kraft
sṛṣṭau na sāsti pralaye teṣāṃ nāśo hi tādṛśaḥ / tamaḥ sthānāṃ pūrvakḷptaduḥkhabhogo layaḥ smṛtaḥ //
die bei der Schöpfung aktiv besteht, nicht bei der Auflösung – deren 'Vernichtung' ist eben solcherart nur ein Ruhen; für die in Finsternis verweilenden Wesen gilt als 'Auflösung' das Fortdauern des zuvor zugeteilten Leid-Genusses.
Wort für Wort
sṛṣṭau na sā asti pralaye
bei der Schöpfung besteht sie, nicht bei der Auflösung
teṣāṃ nāśo hi tādṛśaḥ
deren 'Vernichtung' ist eben solcherart
tamaḥ sthānāṃ pūrvakḷptaduḥkhabhogo layaḥ smṛtaḥ
für die in Finsternis Verweilenden gilt als 'Auflösung' der zuvor zugeteilte Leid-Genuss
Für den aus Ur-Materie bestehenden Kennzeichen-Leib, ebenso für die leblose Grundmaterie, für die feinstofflichen und grobstofflichen Elemente, für die drei Guṇas insgesamt – die Kraft, weiter zu erschaffen, besteht bei der Schöpfung, nicht bei der Auflösung; darum heißt es 'Auflösung'. Abgesehen von der Weltenschöpfung u.a. besteht stets Zuneigung zum Gemahl der Śrī.
Wort für Wort
prakṛtyātmakaliṅgasya jaḍāyāḥ prakṛtes tathā
für den aus Ur-Materie bestehenden Kennzeichen-Leib, ebenso für die leblose Grundmaterie
sūkṣmāṇāṃ sthūlakatvānāṃ triguṇasya api kṛtsnaśaḥ
für die feinstofflichen, grobstofflichen Elemente, für die drei Guṇas insgesamt
sraṣṭṛtvaśaktiḥ sṛṣṭau hi na laye syāt tato layaḥ
die Schöpferkraft besteht bei der Schöpfung, nicht bei der Auflösung, darum 'Auflösung'
hitvā jagatsarjanādyaṃ sarvadā śrīpatau ratiḥ
abgesehen von der Weltenschöpfung besteht stets Zuneigung zum Gemahl der Śrī
atisāmīpyasevā hi layo lakṣmyāḥ prakīrtitaḥ / anityasyācetanasya aṇḍāntarbahireva vā //
Als 'Auflösung' der Lakṣmī wird eben der Dienst in allergrößter Nähe zu Viṣṇu bezeichnet; für das Unbeständige und Bewusstlose, sei es im Inneren des Welteneis oder außerhalb,
Wort für Wort
atisāmīpyasevā hi layo lakṣmyāḥ prakīrtitaḥ
als 'Auflösung' der Lakṣmī wird der Dienst in allergrößter Nähe bezeichnet
wird der Reihe nach das Verbrennen durch das Feuer des Saṅkarṣaṇa als 'Vernichtung' bezeichnet. Die Laute sind, örtlich wie zeitlich alldurchdringend, allesamt ewig,
Wort für Wort
kramāt saṅkarṣaṇāgneḥ tu dāho nāśa udahṛtaḥ
der Reihe nach wird das Verbrennen durch Saṅkarṣaṇas Feuer als 'Vernichtung' bezeichnet
deśataḥ kālato vyāptā varṇāḥ sarve 'pi śāśvatāḥ
die Laute, örtlich und zeitlich alldurchdringend, allesamt ewig
jaḍā ca prakṛtirnityā jaḍarūpāṇureva ca / deśataḥ kālato vyāptācidrūpāḥ śrīhareḥ sadā //
und die leblose Grundmaterie ist ewig, wie auch die leblosen Ur-Atome; örtlich und zeitlich alldurchdringend sind diese stets von der Wesensart des Bewusstlosen, im Gegensatz zu Śrī Hari selbst.
Wort für Wort
jaḍā ca prakṛtir nityā
und die leblose Grundmaterie ist ewig
jaḍarūpāṇur eva ca
ebenso das leblose Ur-Atom
deśataḥ kālato vyāptā acidrūpāḥ
örtlich und zeitlich alldurchdringend, von bewusstloser Wesensart
An unendlichen Eigenschaften geringer, an Eigenschaften unendlich nur im Verhältnis zum Herrn – bei der Auflösung wohnen alle Wesen, bei ihm Zuflucht genommen habend, mit geschwundenen Kräften.
Wort für Wort
anantaguṇato nīcā
an unendlichen Eigenschaften geringer
guṇato 'nantar īśvare
an Eigenschaften unendlich nur im Herrn
laye samāśritāḥ sarve vasanti kṣīṇaśaktayaḥ
bei der Auflösung wohnen alle, Zuflucht genommen habend, mit geschwundenen Kräften
Im Erhabenen, dessen Macht vollkommen ist, der unendlich ist an Ort und Zeit, ist Hari stets in unzähligen, bis zum feinsten Atom reichenden, unendlichen Gestalten gegenwärtig.
Wort für Wort
sampūrṇaśakte bhagavati anante deśakālataḥ
im Erhabenen, dessen Macht vollkommen, der unendlich an Ort und Zeit ist
paramāṇumitānantānantarūpaḥ sadā hariḥ
ist Hari stets in bis zum Atom reichenden, unzähligen Gestalten
Hari, der Höchste, ist von unzähligen, feinstofflichen und grobstofflichen, von ihm ungetrennten Gestalten; er, dessen Wesen die feinstoffliche wie grobstoffliche Gestalt aller Lebewesen ist,
Wort für Wort
tadabhinnānantasūkṣmasthūlarūpo hariḥ paraḥ
Hari, der Höchste, von unzähligen, ungetrennten feinstofflichen und grobstofflichen Gestalten
samastajīvarūporusūkṣmasthūlasvarūpakaḥ
dessen Wesen die feinstoffliche und grobstoffliche Gestalt aller Lebewesen ist
der Weltenlehrer, von unzähligen, unendlichen Gestalten aller leblosen Materie, Hari, der eigenschaftslose, dennoch von den unzähligen Einzelgestalten nicht getrennt,
Wort für Wort
samastajaḍarūpānantānantarūpo jagadguruḥ
der Weltenlehrer, von unzähligen Gestalten aller leblosen Materie
anantānantarapair api abhinno nirguṇo hariḥ
der eigenschaftslose Hari, dennoch von den unzähligen Einzelgestalten nicht getrennt
allseits von der Wesensart von Hand und Fuß, allseits mit Augen, Häuptern und Mündern, überall mit allen Sinnesorganen versehen, steht er, alles umhüllend.
bahirantaśca bhūtānām acaraścara eva ca / avyaktovyaktarūpaśca sādhuḥsatsākṣigocaraḥ //
außerhalb und innerhalb der Wesen, unbeweglich wie beweglich zugleich, unentfaltet und doch von entfalteter Gestalt, dem Frommen im Bereich der Wahrnehmung des wahrhaft Seienden zugänglich,
Wort für Wort
bahir antaś ca bhūtānām
außerhalb und innerhalb der Wesen
acaraś cara eva ca
unbeweglich wie beweglich zugleich
avyakto vyaktarūpaś ca
unentfaltet und doch von entfalteter Gestalt
sādhuḥ satsākṣigocaraḥ
dem Frommen im Bereich der Wahrnehmung des Seienden zugänglich
einer und doch wie vielfach erscheinend, ewig wahr, von großer Wonne, durch die unendlichen Veden erreichbar, der Herrscher, der die acht kosmischen Akte vollbringt.
Wort für Wort
eko 'py anekavad bhāti
einer und doch wie vielfach erscheinend
nityasatyo mahāsukhaḥ
ewig wahr, von großer Wonne
anantavedagamyaś ca
durch die unendlichen Veden erreichbar
sṛṣṭyādyaṣṭakṛdīśvaraḥ
der Herrscher, der die acht kosmischen Akte vollbringt
Selbstständig, unbeschreiblich, von unendlicher Gestaltfülle, dessen Leib das Bewusstsein selbst ist, der inmitten seines eigenen unendlichen, aus reinem Bewusstsein bestehenden Leibes an einem einzigen Ort weilt,
Wort für Wort
svatantro 'varṇanīyo urupānantastu cittanuḥ
selbstständig, unbeschreiblich, von unendlicher Gestaltfülle, dessen Leib Bewusstsein ist
svānantānantacinmātradehamadhyaikadeśagaḥ
der inmitten seines eigenen unendlichen, aus Bewusstsein bestehenden Leibes an einem Ort weilt
[Anm.: Kompositum sehr dicht, Segmentierung unsicher.]
in Yoga-Schlaf versunken und doch schlaflos, ohne eigentlich zu schlafen, der Herrscher – nachdem Hari bei der Auflösung die Fülle der Hüllen des Welteneis verbrannt hat,
Wort für Wort
yoganidrām upagato vinidro 'svapadīśvaraḥ
in Yoga-Schlaf versunken und doch schlaflos, ohne zu schlafen, der Herrscher
aṇḍasya āvaraṇasya upacayaṃ dagdhvā laye hariḥ
nachdem Hari bei der Auflösung die Fülle der Hüllen des Welteneis verbrannt hat
Nachdem der Allherrscher die Fülle aller feinstofflichen Leiber verbrannt hat, vereinigt der Ungeborene deren Urstoff-Elemente mit den Kennzeichen-Leibern.
Wort für Wort
sarvasūkṣmaśarīropacayaṃ dagdhvā akhileśvaraḥ
nachdem der Allherrscher die Fülle aller feinstofflichen Leiber verbrannt hat
tadupādānabhūtāni liṅgair ekīkaroti ajaḥ
vereinigt der Ungeborene deren Urstoff-Elemente mit den Kennzeichen-Leibern
Nur seine eigenen guten Eigenschaften genießend, wurde er, obwohl nicht schlafend, wie tief schlafend; Viṣṇu, dessen Bauch von den Befreiten bewohnt und genossen wird, von unzähligem, endlosem Glanz strahlend,
Wort für Wort
svān eva suguṇān bhuñjan
nur seine eigenen guten Eigenschaften genießend
asuptaḥ abhūt susuptavat
wurde er, obwohl nicht schlafend, wie tief schlafend
muktābhuktodaro viṣṇuḥ
Viṣṇu, dessen Bauch von den Befreiten genossen wird
selbstleuchtend, ruht er, ohne eigentlich zu schlafen, im Yoga-Schlaf auf dem Banyanblatt; zur Zeit der Schöpfung, wenn alle Lebewesen, von mancherlei Leid bedrängt, umherirren, lässt er zur Beendigung der jeweiligen Mühsal aller Lebewesen bei der Auflösung die an den Kennzeichen-Leib Gebundenen, die in seinem eigenen Leib weilen, in Schlaf versinken.
Wort für Wort
svaprakāśo 'svapadyoganidrayā vaṭapatragaḥ
selbstleuchtend, ohne zu schlafen, im Yoga-Schlaf, auf dem Banyanblatt
die zahlreichen, anfangslos mit Handlungs-Verstrickung und Unwissen behafteten, zu erschaffenden Wesen, von unterschiedlicher Art, in Rangstufung befindlich, von dreifacher Wesensart: die einen in leichtem Schlaf, die anderen in großem Schlaf, wieder andere in tiefem Schlaf versunken – darunter die Befreiten, die bereits reinen Bewusstseins-Genuss erfahren, sowie die Dämonen, die stets Leid erfahren –
Wort für Wort
anādiyogtākarmabhāvājñānākulān bahūn sṛjyān
die zahlreichen, anfangslos mit Handlung und Unwissen behafteten, zu erschaffenden Wesen
vilakṣaṇān tāratamyasthān trividhātmakān
von unterschiedlicher Art, in Rangstufung, von dreifacher Wesensart
svalpanidrān mahānidrān gaḍhanidrāsamanvitān
in leichtem, großem und tiefem Schlaf versunken
cinmātrānandabhuṅmuktān sadā duḥkhabhujo 'surān
die Befreiten, reinen Bewusstseins-Genuss erfahrend, und die Dämonen, stets Leid erfahrend
nachdem Keśava die in Finsternis verweilenden, ewig Gebundenen in seinem Bauch verwahrt hat, übt er, der Gott, auf dem Banyanblatt ruhend, gleichsam den Schlaf.
Nachdem er unter ihnen die zu Erschaffenden selbst erschaffen hatte, wünschte der Allherrscher am Ende der Auflösung, jedem die ihm gebührende Frucht – Glück, Gemischtes oder Leid – zu geben.
Wort für Wort
teṣu sṛjyān svayaṃ sṛṣṭvā
nachdem er unter ihnen die zu Erschaffenden selbst erschaffen hatte
Das letzte Achtel der Auflösungszeit wird als 'Ende der Auflösung' bezeichnet; da umarmt die höchste Herrin, selbst schlaflos, Hari, der scheinbar schläft, und nimmt Zuflucht beim Ozean ewiger Wonne; in diesem letzten Achtel der Auflösung ist die Göttin Śrī, obgleich grundsätzlich unselbstständig, aus eigenem Antrieb tätig.
Wort für Wort
layasya aṣṭamo bhāgo layāntima udāhṛtaḥ
das achte Achtel der Auflösung wird als 'Ende der Auflösung' bezeichnet
laye samāliṅya hariṃ vinidrā parameśvarī
da umarmt die höchste, selbst schlaflose Herrin Hari
nidrite vā sadānandavāridhiṃ samupāśritā
bei ihm, der schläft, nimmt sie Zuflucht beim Ozean ewiger Wonne
layaṣṭamāṃśe śrīdevī asvatantrā svatantrataḥ
in diesem letzten Achtel ist die Göttin Śrī, unselbstständig, aus eigenem Antrieb tätig
Auf Befehl des nun erwachten Viṣṇu begann sie, ihn zu preisen – sie, die örtlich und zeitlich unendlich ist, doch der Unendlichkeit an eigenen Eigenschaften im Vergleich zu ihm entbehrt.
Wort für Wort
prabuddhāt ājñayā viṣṇoḥ stotuṃ samupacakrame
auf Befehl des erwachten Viṣṇu begann sie, ihn zu preisen
Vollbringerin der acht kosmischen Akte auf Viṣṇus Befehl, von unendlicher Gestalt, wie ein Schatten der feinstofflich-grobstofflichen, großen Gestalt Viṣṇus anhaftend,
Wort für Wort
sṛṣṭyādyaṣṭakarī viṣṇoḥ ājñayā anantarūpiṇī
Vollbringerin der acht kosmischen Akte auf Viṣṇus Befehl, von unendlicher Gestalt
chāyā iva sūkṣmasthūlorurūpaṃ viṣṇuṃ samāśritā
wie ein Schatten der feinstofflich-grobstofflichen Gestalt Viṣṇus anhaftend
unter den Roten, allen weltlich Gebundenen, waltet sie rot als Erde; unter den Blauen, den zur Befreiung ungeeigneten Lebewesen, waltet sie blau als Durgā.
Wort für Wort
rakteṣu sarvabaddheṣu raktā bhūr abhimāninī
unter den Roten, allen Gebundenen, waltet sie rot als Erde
nīleṣv ayogyajīveṣu nīlā durgā abhimāninī
unter den Blauen, den ungeeigneten Lebewesen, waltet sie blau als Durgā
In der Grundmaterie waltet sie als Grundmaterie, Urheberin von Gleichheit und Ungleichheit u.a.; ungetrennt von Viṣṇu, dem Erhabenen ergeben, nimmt sie unter den Leblosen leblose Gestalt an,
Wort für Wort
prakṛtiḥ prakṛtau sāmyavaiṣamyādipravartakā
in der Grundmaterie als Grundmaterie, Urheberin von Gleichheit und Ungleichheit
unter den Bewusstseinsträgern nimmt sie bewusste Gestalt an, Urheberin des weiblichen Verhaltens u.a. unter den Frauen; in Männergestalt ist sie erhaben, doch frei vom männlichen Wesen selbst.
Wort für Wort
cit sucidrūpiṇī strīṣu strīceṣṭādipravartakā
unter dem Bewusstsein bewusste Gestalt, unter Frauen Urheberin des weiblichen Verhaltens
puruṣākṛtir utkṛṣṭā puṃbhāvaparivarjitā
in Männergestalt erhaben, doch frei vom männlichen Wesen
Von unentfalteter Wirk-Gestalt, körperlos und doch solcherart erscheinend, Śrī selbst, kundig von Viṣṇus Wesen, kundig der Veden, pries sie ihn mit den Veden.
Wort für Wort
avyaktatatkāryamaya dehaśūnyā tathāvidhā
von unentfalteter Wirk-Gestalt, körperlos und doch solcherart
svayaṃ śrīḥ viṣṇubhāvajñā vedavit tuṣṭāva vedaiḥ
Śrī selbst, kundig von Viṣṇus Wesen und der Veden, pries ihn mit den Veden
von Udātta u.a. und Bedeutung u.a., mit geordneter Lautfolge, versehen mit Visarga, Bindu und den vielfältigen, dem Laut zukommenden Eigenschaftshäufungen, seit unendlicher Zeit beginnend, frei von auch nur geringstem Wechsel, mit ihren Textteilen an allen Orten alldurchdringend gegenwärtig, stets rein und dennoch, als Laut, leblos.
Wort für Wort
udāttādi svarārthādi varṇakramasamāgamāḥ
mit Udātta u.a. (Akzenten), Bedeutung u.a., geordneter Lautfolge
visargabindupūrvoruśabdayogyaguṇoccayaiḥ
mit Visarga, Bindu und vielfältigen Laut-Eigenschaftshäufungen
anantakālam ārabhya iṣad vā ityāsavarjitāḥ
seit unendlicher Zeit beginnend, frei von auch nur geringstem Wechsel
sāṃśā samastadeśeṣu vyāptāḥ śuddhajaḍāḥ sadā
mit ihren Teilen überall gegenwärtig, stets rein und leblos
[Anm.: technische Terminologie der vedischen Phonetik, Kompositum-Segmentierung im Detail unsicher.]
Vorrangig der Verkündung von Viṣṇus Eigenschaften dienend, frei von Lautfehlern; ihnen eignet weder die Eigenschaft, nur bereits Bekanntes bekanntzugeben, noch die, Verkehrtes auszusagen,
Wort für Wort
guṇākhyānaparā viṣṇoḥ śabdadoṣavivarjitāḥ
vorrangig der Verkündung von Viṣṇus Eigenschaften dienend, frei von Lautfehlern
jñatajñāpakatā teṣu viparītārthavaktṛtā
(es fehlt) ihnen die Eigenschaft, nur Bekanntes bekanntzugeben, oder Verkehrtes auszusagen
[Anm.: zweiter Halbvers als Negation zu lesen, Konstruktion elliptisch.]
Undeutlichkeit u.a. sowie logische Fehler bestehen in ihnen keineswegs; zur Zeit der Schöpfung, in Lautgestalt, in der Rede gegründet, der Redegöttin untertan,
Wort für Wort
aspaṣṭatvādayas teṣu vādadoṣāḥ na santi alam
Undeutlichkeit u.a. sowie logische Fehler bestehen in ihnen keineswegs
dhvanirūpā sṛṣṭikāle vāksthā vāgdevatāvaśāḥ
zur Schöpfungszeit in Lautgestalt, in der Rede gegründet, der Redegöttin untertan
bei der Auflösung Lakṣmī untertan, bei der Schöpfung von Brahmā u.a., den jeweils waltenden Gottheiten, behütet – bei Auflösung und Schöpfung nehmen sie ein und dieselbe Gestalt an.
Wort für Wort
laye lakṣmīvaśāḥ
bei der Auflösung Lakṣmī untertan
sṛṣṭau brahmādyair abhimānibhiḥ rakṣitāḥ
bei der Schöpfung von Brahmā u.a. behütet
pralaye sṛṣṭau ekarūpā bhavanti hi
bei Auflösung und Schöpfung nehmen sie dieselbe Gestalt an
kraftvoll darin, rechtes Erkenntnis-Verständnis hervorzubringen, den Unwissenden aber nicht verständlich; von Lautgestalt, allein dem Bereich des mit Bewusstsein verbundenen Gehörs zugänglich,
Um den Puruṣa zu erwecken, wissend, pries sie, von unendlichem Selbst und unendlicher Macht, den höchsten Puruṣa mit den Śruti-Scharen, angefangen mit der Silbe Oṃ,
Wort für Wort
puruṣam udbodhituṃ jñātvā tuṣṭāva puruṣaṃ param
um den Puruṣa zu erwecken, wissend, pries sie den höchsten Puruṣa
anantātmā anantaśaktiḥ oṃkārādi śrutivrajān
von unendlichem Selbst und Macht, mit den Śruti-Scharen, angefangen mit Oṃ
die ewig sind, sie offenbarend; im Akt der Schöpfung wies er Durgā entsprechend an – im achten Achtel der Auflösungszeit, er, der Schöpfer der Veden, der Herr der Welt.
Wort für Wort
nityān savyañjayan teṣāṃ sṛṣṭau durgām upādiśat
die ewigen (Śrutis) offenbarend, wies er bei der Schöpfung Durgā an
pralayasya aṣṭame bhāge vedasraṣṭur jagatpateḥ
im achten Achtel der Auflösung, des Schöpfers der Veden, des Weltenherrn
oṃ(a)kāraḥ prathamo vyakto babhūva bhagavanmayaḥ / aumānādabindū ca ghoṣaśāntātiśāntakāḥ //
Die Silbe Oṃ ward zuerst offenbar, ganz aus dem Erhabenen bestehend; aus ihr gingen hervor A, U, M, Nāda und Bindu, sowie Ghoṣa, Śānta und Atiśānta, die feineren Klangstufen der Silbe.
Wort für Wort
oṃkāraḥ prathamo vyakto babhūva bhagavanmayaḥ
die Silbe Oṃ ward zuerst offenbar, ganz aus dem Erhabenen bestehend
a u m nāda bindū ca ghoṣaśāntātiśāntakāḥ
A, U, M, Nāda, Bindu, sowie Ghoṣa, Śānta, Atiśānta
Deren Wesen Viśva u.a., die vier Bewusstseinszustände, sind, die von ihr bezeichnet, in ihr aufgegangen und höchst sind – der von der Silbe Oṃ bezeichnete Puruṣa – jene Klangstufen sind seine ewig aus Bewusstsein bestehenden 'Söhne'.
Wort für Wort
yatsvarūpāś ca viśvādyāḥ
deren Wesen Viśva u.a. sind
yadvācyā yadgatāḥ parāḥ
die von ihr bezeichnet, in ihr aufgegangen, höchst sind
te viśvataijasaprājñaturyātmāntarātmanām / paramātmajñānātmakānāṃ rūpāṇāṃ vācakā hareḥ //
Diese sind die Bezeichner der Gestalten Haris als Viśva, Taijasa, Prājña und Turīya – des inneren Selbst, des höchsten Selbst, von der Wesensart der Erkenntnis.
Wort für Wort
te viśvataijasaprājñaturyātmāntarātmanām
diese der Zustände Viśva, Taijasa, Prājña, Turīya, des inneren Selbst
paramātmajñānātmakānāṃ rūpāṇāṃ vācakā hareḥ
Bezeichner der Gestalten des höchsten Selbst, von der Wesensart der Erkenntnis, Haris
Durch die Worte 'Tāra' und 'Praṇava' wird die Silbe Oṃ bezeichnet; durch die im 'Tāra' enthaltenen Silben entstand der 'Nārāyaṇa-Aṣṭākṣara' genannte Spruch.
Wort für Wort
tārapraṇavaśabdābhyāṃ vācya oṅkāraḥ īritaḥ
durch die Worte 'Tāra' und 'Praṇava' wird die Silbe Oṃ bezeichnet
nārāyaṇāṣṭākṣarākhyaḥ taragarbhākṣarair abhūt
der 'Nārāyaṇa-Aṣṭākṣara' genannte (Spruch) entstand durch die im Tāra enthaltenen Silben
Durch die ersten vier im 'Tāra' enthaltenen Silben entstand das 'Vyāhṛti' genannte Mantra; Aniruddha u.a., aus Viśva u.a. hervorgegangen, werden durch dieses bezeichnet.
Wort für Wort
tāragarbhākṣarair ādyaiś caturbhir abhavan manuḥ
durch die ersten vier im Tāra enthaltenen Silben entstand das Mantra
vyāhṛtyākhyo 'niruddhādyāḥ viśvādyutthā tadīritāḥ
das 'Vyāhṛti' genannte; Aniruddha u.a., aus Viśva u.a. hervorgegangen, werden dadurch bezeichnet
Durch die im 'Tāra' enthaltenen Silben werden die fünfzig Sanskrit-Laute offenbart; a, ka, ca, ṭa, ta, pa sowie ebenso ya, śa werden als die acht Lautgruppen-Anfänge genannt.
Wort für Wort
tāragarbhākṣarair vyaktāḥ varṇāḥ pañcāśat īritāḥ
durch die im Tāra enthaltenen Silben werden die fünfzig Laute offenbart
a ka ca ṭa ta pa tadvad ya śau aṣṭā udāhṛtāḥ
a, ka, ca, ṭa, ta, pa, ebenso ya, śa werden als die acht genannt
Es folgt eine hochtechnische Zuordnung: die fünfzig Sanskrit-Laute (die acht Diphthonge/Vokale aus a, die sechzehn Vokale, je fünf Laute der ka-, ca-, ṭa-, ta-, pa-Gruppe aus u, m, Nāda, Bindu bzw. Ghoṣa, die vier ya-Laute aus Śānta, die fünf śa-Laute aus Atiśānta, sowie kṣa aus der Verbindung von ka und ṣa) werden je einer Gottheit zugeordnet, deren Namenreihe mit 'aja' (für a) beginnt und über 'ānanda, indreśa, ugra, ūrja, ṛtambhara' u.v.a. bis zu Namen wie 'kapilaḥ, khapatir garuḍāsanaḥ, janārdanaḥ, dhanvī, baliḥ, yajño, rāmo, lakṣīpatiḥ' und schließlich 'haṃsa, lāluka' fortläuft – die fünfzig Gottheiten der fünfzig Laute, alle mit den Lauten a usw. zu bezeichnen.
Wort für Wort
[gesamter Abschnitt]
fünfzig-silbiges Mātṛkā-Lautalphabet mit je einer zugeordneten Gottheit pro Laut (a=aja, ā=ānanda, i=indreśa, ī=ugra, u=ūrja, ū=ṛtambhara, ṛ/ṝ/ḷ/ḹ=... usw. bis kṣa), in der traditionellen Nṛsiṃha-Mātṛkā-Nyāsa-Form
[Anm.: Diese zehn Verse (V.81-90) enthalten die vollständige, hochtechnische Zuordnungsliste der 50 Sanskrit-Laute (varṇamālā) zu je einer Gottheit (mātṛkā-nyāsa), wie sie in Pāñcarātra-Āgamas für rituelle Zwecke verwendet wird. Der Quelltext ist an dieser Stelle stark komprimiert und stellenweise offensichtlich korrupt/fehlerhaft überliefert (z.B. 'ṝghaḥḷśau lṝjirekātmaira', 'jhaḍitāriñamaṣṭaṅkī'), sodass eine verlässliche Silbe-für-Silbe-Zuordnung aus dieser einzigen Quelle nicht mit Sicherheit rekonstruierbar ist. Die Übersetzung gibt daher nur den erkennbaren Rahmen (Prinzip der Laut-Gottheit-Zuordnung) und die klar lesbaren Namen wieder, ohne eine vollständige 1:1-Zuordnung zu allen 50 Lauten zu behaupten. Bei Bedarf wäre ein Abgleich mit einer weiteren, unabhängigen Textzeugin nötig.]
Durch den letzten Laut kṣa wird Nṛsiṃha selbst bezeichnet, der Lenker aller Lebewesen; so wird, aus einundfünfzig Lauten bestehend, das 'Mātṛkā'-Mantra genannt.
Wort für Wort
kṣavācyo nṛsiṃhas tu sarvajīvaniyāmakaḥ
durch kṣa wird Nṛsiṃha bezeichnet, der Lenker aller Lebewesen
ekapañcāśadvarṇātmā matṛkāmantra īritaḥ
aus einundfünfzig Lauten bestehend wird es 'Mātṛkā-Mantra' genannt
Und die acht Laute des Nārāyaṇa-Mantras, der Reihe nach mit den vier Vyāhṛtis verbunden – so entstand das zwölfsilbige Vāsudeva-Mantra, von großer kosmischer Wesensart.
Wort für Wort
nārāyaṇāṣṭavarṇāś ca caturvyāhṛtibhiḥ kramāt
und die acht Laute des Nārāyaṇa-Mantras, der Reihe nach mit den vier Vyāhṛtis
vāsudevadvādaśārṇamantro 'bhūn mahadātmakaḥ
entstand das zwölfsilbige Vāsudeva-Mantra, von großer Wesensart
Keśava u.a., genau zwölf an der Zahl, sind die Gottheiten der Silben jenes Mantras; die dreimal von Viṣṇu selbst verkündeten Mantras entstanden ausgehend von 'Nārāyaṇa'.
Wort für Wort
keśavādyāḥ dvādaśa eva tanmantrākṣaradevatāḥ
Keśava u.a., genau zwölf, sind die Gottheiten der Silben jenes Mantras
trivāraṃ viṣṇunā eva uktān mantrān nārāyaṇāt abhūt
die dreimal von Viṣṇu selbst verkündeten Mantras entstanden von 'Nārāyaṇa' ausgehend
Die Gāyatrī, deren Ṛṣi Brahmā ist, entstand aus dem verdoppelten zwölfsilbigen Mantra; Keśava u.a., nunmehr vierundzwanzig an der Zahl, sind die Gottheiten der Gāyatrī-Laute.
Wort für Wort
gayatrī brahmaḥṛṣikā dviguṇāt dvādaśākṣarāt
die Gāyatrī, deren Ṛṣi Brahmā ist, aus dem verdoppelten Zwölfsilbigen
keśavādyāś caturviṃśat gāyatrīvarṇadevatāḥ
Keśava u.a., vierundzwanzig, die Gottheiten der Gāyatrī-Laute
Aus der Gāyatrī entstand das Puruṣa-Sūkta; aus dem Sūkta entstanden die Viṣṇu-Mantras; der durch das Puruṣa-Sūkta dargelegte Puruṣa wird als Hari bezeichnet.
Wort für Wort
gāyatryāḥ pauruṣaṃ sūktam
aus der Gāyatrī das Puruṣa-Sūkta
sūktān mantrās tu vaiṣṇavāḥ
aus dem Sūkta die Viṣṇu-Mantras
puṃsūktapratipādyas tu puruṣo harir īritaḥ
der durch das Puruṣa-Sūkta dargelegte Puruṣa wird als Hari bezeichnet
Der durch das Viṣṇu-Mantra verkündete Viṣṇu wird als das Selbst von allem gepriesen. Praṇava, die acht Vyāhṛtis, die Mātṛkā und das Zwölfsilben-Mantra,
Wort für Wort
viṣṇumantrodito viṣṇuḥ sarvātmā parikīrtitaḥ
der durch das Viṣṇu-Mantra verkündete Viṣṇu wird als das Selbst von allem gepriesen
praṇavo aṣṭau vyāhṛtayo mātṛkā dvādaśākṣarau
Praṇava, die acht Vyāhṛtis, die Mātṛkā, das Zwölfsilbige
die Gāyatrī, deren Ṛṣi Brahmā ist, das Puruṣa-Sūkta und ebenso das Viṣṇu-Mantra – diese acht sind die großen, vedischen, alle Vollkommenheit gewährenden Mantras.
Wort für Wort
gāyatrī brahmaḥṛṣikā puṃsūktaṃ vaiṣṇavaṃ tathā
die Gāyatrī, deren Ṛṣi Brahmā ist, das Puruṣa-Sūkta und das Viṣṇu-Mantra
aṣṭau ete mahāmantrāḥ vaidikāḥ sarvasiddhidāḥ
diese acht sind die großen, vedischen, alle Vollkommenheit gewährenden Mantras
Aus dem Puruṣa-Sūkta ging, so die Überlieferung, die Offenbarung aller Veden hervor; durch die unendlich-gestaltige Durgā wurde Hari im unendlichen Veda verkündet.
Wort für Wort
puṃsūktāt sarvavedānāṃ vyaktir āsīt iti śrutiḥ
aus dem Puruṣa-Sūkta ging die Offenbarung aller Veden hervor, so die Überlieferung
durgayā anantarūpiṇyā ananta vedodito hariḥ
durch die unendlich-gestaltige Durgā im unendlichen Veda verkündete Hari
Von ihr gebeten, gestaltete der Aufseher über alles, aus sich selbst, die Schöpfung.
Wort für Wort
tayā arthito 'khilādhyakṣaḥ
von ihr gebeten, der Aufseher über alles
svātmā sṛṣṭim acīkḷpat
gestaltete aus sich selbst die Schöpfung
[Anm.: Abschluss des ersten Adhyāya; Kolophon im Quelltext: 'iti śrī paratattvanirṇaye prakāśasaṃhitāyāṃ prathamaparicchede prathamo 'dhyāyaḥ' – 'So endet, in der Bestimmung der höchsten Wahrheit (Paratattvanirṇaya) der Prakāśa-Saṃhitā, im ersten Abschnitt, das erste Kapitel'.]