Quellen der Menschheit

Prakāśa-Saṃhitā

Paṭala 11: Ekādaśo 'dhyāyaḥ (Paratattvanirṇaya, Prathamaparicchedaḥ) Elfter Adhyāya – Die Lehre von Haris besonderer Durchdringung (āveśa), die Eigenschafts-Hierarchie, königliche Kennzeichen und die Kosmographie des Welteneis (Meru, die neun Länder, Ilāvṛta)

Adhyāya 11 gliedert sich in zwei sehr unterschiedliche Teile: (1) V.1-29 eine metaphysisch-doktrinäre Fortsetzung vorheriger Themen – die Lehre vom 'āveśa' (Haris besondere geschlechts- und ranggebundene Durchdringung verschiedener Wesensklassen bis hin zu den Asuras), die Zweiteilung der Eigenschaften in 'gemeinsame' und Hari exklusiv vorbehaltene 'andersartige' Eigenschaften, sowie ein Katalog königlich-glückverheißender Körperzeichen (Handlinien, die 32 Mahāpuruṣa-Kennzeichen); (2) V.30-93 eine umfangreiche kosmographische Darstellung, beginnend mit einer terminologischen Klärung der Schöpfungsstufen (rasa-sṛṣṭi/sarga/saṃsṛṣṭa/anusarga), gefolgt von der eigentlichen Kosmogonie des Welteneis (Padmanābha im Ur-Ozean, Entstehung der Erde aus dem Nabel-Lotus) und einer ausführlichen, mit der klassischen Purāṇa-Kosmographie eng verwandten Beschreibung von Meru, den acht Lokapāla-Hallen, den Götterwäldern, den neun Ländern (navavarṣa) um Ilāvṛta mit ihren jeweiligen Avatāra-Gottheiten, und schließlich der achtfachen Śeṣa/Rudra/Śambhu-Gestalt. Der Text enthält zahlreiche unsichere Einzellesarten (bes. V.1-20, V.51-58, V.66, V.79), die im Quelltext teils bereits mit alternativen Lesarten in Klammern vorliegen – hier durchgehend mit [?] markiert, ohne die Gesamtstruktur zu verdecken.

puruṣeṣu brahmavāyū vipādiṣu ramāpatiḥ / puṃrūpeṇa viśeṣāveśādikaṃ sarvadā hariḥ // karoti strīṣu mā vāgīrvāyustrīsvarūpataḥ / viśeṣāveśakṛdviṣṇuḥ yogyatāyānuyogataḥ // āviṣṭastūttameṣvekaḥ viśeṣātmā tu taiḥ suraiḥ(svakaiḥ) / jīvairasādhya sumahatkarmakāra yatīśvaraḥ // uttamottamajīveṣu āve(de)śo yādṛgiṣyate / na tathā nīcajīveṣu tasmāttehyalpaśaktayaḥ // padastheṣu sureṣvevamāveśo naiva muktigaḥ / na niraṃśeṣu cāveśāḥ sāṃśeṣvājānajeṣvapi // vāyoḥ sarvāvatāreṣu viśeṣāveśa eva hi / svarūpaliṅgasūkṣmeṣu sthūladeheṣu sarvadā //

Śrī Haṃsa sprach: Unter Männern (wirkt) Brahmā-Vāyu [?], unter den (näher genannten Wesen, Lesung unsicher) der Gemahl der Ramā (Viṣṇu); in männlicher Gestalt bewirkt Hari stets die besondere Durchdringung (viśeṣāveśa) und dergleichen. Unter Frauen bewirkt er dies durch Vāc/Sarasvatī und Vāyu, gemäß der Eigenform der Frauen; Viṣṇu, der Bewirker der besonderen Durchdringung, (handelt) entsprechend der jeweiligen Eignung. In den Höchsten allein ist er als besondere Wesenheit eingegangen, (doch) durch jene Götter (oder: die Eigenen [?]); für (gewöhnliche) Seelen unerreichbar, vollbringt der Herr der Asketen höchst große Taten. Wie sehr die Durchdringung in den allerhöchsten Seelen gewünscht ist, so nicht in den niederen Seelen; deshalb haben diese (nur) geringe Kraft. Ebenso ist bei den amtsinnehabenden Göttern die Durchdringung keineswegs befreiungswirkend; auch bei den anteillosen (Wesen) gibt es keine Durchdringungen, wohl aber bei den anteilhabenden, auch bei den von Anbeginn Geborenen [?]. In allen Herabkünften des Vāyu ist es stets eben die besondere Durchdringung – in der Eigenform, im feinstofflichen Leib und im Grobkörper, stets.

Wort für Wort
puruṣeṣu brahmavāyū
unter Männern (ist es) Brahmā-Vāyu
viśeṣāveśa
besondere Durchdringung/Einwohnung
āviṣṭastūttameṣvekaḥ
allein in den Höchsten eingegangen
uttamottamajīveṣu / nīcajīveṣu
in den allerhöchsten / niederen Seelen
niraṃśeṣu / sāṃśeṣu
bei den anteillosen / anteilhabenden (Wesen)
svarūpaliṅgasūkṣmeṣu sthūladeheṣu
in Eigenform, feinstofflichem und grobem Leib

Beginn der Lehre vom 'āveśa' (der besonderen Durchdringung/Einwohnung Haris in verschiedenen Wesensklassen, geschlechts- und rangabhängig). V.1 enthält mehrere unsichere Lesarten (vipādiṣu, strīṣu-Form); Grundaussage (geschlechtsspezifische Vermittlung durch Brahmā-Vāyu bzw. Vāc-Vāyu) bleibt erkennbar.

rakṣārthaṃ sarvatatveṣu sarvadā vasatīśvaraḥ / āveśo(tha) na tathā viṣṇorviśeṣākhyaḥ sureṣvapi // kvacidvyaktiṃ kvacidrāsaṃ saptāveśoṇḍajeṣvapi / aṇḍādūrdhvaṃ sadāde(se)veṣvantaḥ ṛjuṣu ceṣyate // nīceṣūttamadevānām āveśaḥ kvacidiṣyate / balārthamasureṣveva(ṣvīraḥ) āveśaṃ kurvati prabhuḥ // ādādājñā tena dṛptā surairnaṣṭā harīcchayā / bhavanti nityadā viṣṇuḥ sureṣvantarhito hi saḥ //

Zum Schutz wohnt der Herr stets in allen Prinzipien (tattvas); doch nicht ebenso ist bei den Göttern die als 'besondere' bezeichnete Durchdringung Viṣṇus (vorhanden). Bald offenkundig, bald verborgen [?] – siebenfache Durchdringung gibt es auch bei den Eigeborenen (aṇḍaja); oberhalb des Welteneis ist sie stets bei den Göttern innerlich vorhanden, auch bei den 'Geraden' (ṛju, den Rechtschaffenen) wird sie angenommen. Bei niederen (Wesen geschieht) bisweilen die Durchdringung durch die höchsten Götter; zum Zweck der Kraft bewirkt der Herr die Durchdringung eben bei den Asuras (Dämonen). Von Anbeginn stolz durch (deren eigenen) Befehl, werden sie (die Asuras) durch die Götter, nach Haris Willen, vernichtet; stets ist eben jener Viṣṇu in den Göttern verborgen (gegenwärtig).

Wort für Wort
rakṣārthaṃ sarvatatveṣu
zum Schutz in allen Prinzipien
saptāveśoṇḍajeṣvapi
siebenfache Durchdringung auch bei den Eigeborenen
balārtham asureṣu
zum Zweck der Kraft bei den Asuras
harīcchayā naṣṭāḥ
nach Haris Willen vernichtet

Fortsetzung der āveśa-Lehre: auch die (zeitweise, machtverleihende) Durchdringung der Dämonen (Asuras) wird Hari zugeschrieben, endet aber stets in deren Vernichtung, sobald sie sich aus eigenem Stolz gegen die Götter erheben.

jñānānandabalādyāye guṇāḥ sādhāraṇā matāḥ / tṛṇādi brahmaparyanteṣvapi māyā harāvapi // tathāpi nīcanīceṣu guṇādīpaupamāśritāḥ / sādharaṇāḥ sajātīyāḥ vijātīyā vilakṣaṇāḥ // svantantratvaṃ svaramaṇatvaṃ suguṇavyāptitā tathā / parāpekṣādi śūnyatvaṃ(rāhityaṃ) niyantṛtvaṃ jagadgurau // sṛṣṭyādi kartṛtādyāstu vijātīyā harau matāḥ / akṣa(ra)tvādayo māyāṃ naiva te brahmaṇi sphuṭam // ṛjutvaṃ prākṛtoccatvaṃ nityārtheṣvabhimānitā / sarvādhipatyatā liṅgadehe kāryavaśītvatā // niṣkāmyayogyatāpūrvāḥ vijātīyā itismṛtāḥ / ete harīrayoḥ(harīśayoḥ) proktāḥ naiva te vipaśeṣayoḥ // evameṣūttameṣūktāḥ vijātīyā na nīcagāḥ / satyanantatvatastveṣāmuktirnaiva hi śakyate //

Erkenntnis, Wonne, Kraft und die zuerst genannten Eigenschaften gelten als gemeinsam (sādhāraṇa) – vom Grashalm bis hinauf zu Brahmā, ja sogar (in Gestalt der) Māyā auch in Hara (Śiva). Dennoch sind sie in den je niedrigeren Wesen den Eigenschaften nur verhältnismäßig angenähert [?]; was gleichartig ist, ist gemeinsam, was andersartig ist, durch Unterscheidungsmerkmale gekennzeichnet. Selbständigkeit, Sich-selbst-Erfreuen, Durchdringtsein von guten Eigenschaften, ebenso völlige Freiheit von Abhängigkeit von anderem, (und) Herrschaft (niyantṛtva) – (dies gilt) beim Weltenlehrer (Hari). Schöpfung und dergleichen Urheberschaft gelten als andersartige Eigenschaften bei Hari; Unvergänglichkeit und dergleichen (Eigenschaften) sind, obwohl (sie) auch die Māyā(-Sphäre betreffen), bei Brahmā keineswegs offenkundig (vorhanden). Geradheit, materielle Erhabenheit, Anspruch auf die ewigen Dinge, Herrschaft über alles, Abhängigkeit von der Wirkung im feinstofflichen Leib – (diese Eigenschaften), denen Begierdelosigkeit-und-Eignung vorausgeht, gelten als andersartig; diese sind von Hari und Īśa (Śiva) [?] ausgesagt, keineswegs jedoch von den übrigen [?]. So sind diese, bei den Höchsten genannten andersartigen (Eigenschaften), nicht auf die Niederen übertragbar; da sie (die Höchsten) wahrhaft unendlich sind, ist deren Überbietung (durch Erlangung derselben Stufe) keineswegs möglich.

Wort für Wort
guṇāḥ sādhāraṇāḥ
gemeinsame Eigenschaften
vijātīyā vilakṣaṇāḥ
andersartige, durch Unterscheidungsmerkmale gekennzeichnete (Eigenschaften)
svantantratvaṃ svaramaṇatvaṃ
Selbständigkeit, Sich-selbst-Erfreuen
sṛṣṭyādi kartṛtā
Schöpfung und Urheberschaft
niṣkāmyayogyatāpūrvāḥ
denen Begierdelosigkeit-und-Eignung vorausgeht

Systematische Zweiteilung der Eigenschaften (guṇa) in 'gemeinsame' (sādhāraṇa, allen Wesen bis Brahmā/Hara zukommende: Erkenntnis, Wonne, Kraft) und 'andersartige' (vijātīya, Hari exklusiv vorbehaltene: Schöpfermacht, Unabhängigkeit, Weltenherrschaft). V.16 (harīrayoḥ) und V.28 (unten) enthalten unsichere Eigennamen-Lesarten, hier probeweise als 'Hari und Īśa/Śiva' gedeutet.

karmadevān samārabhya brahmā teṣu śarīriṣu / cakraśaṅkhādayorekhāḥ śaraśaktyaṅkuśādayaḥ // prāsatomaratiryaṅkahalabhāgyomṛtādayaḥ / govindyātilagodhūmachatracāmaratoraṇāḥ // dhvajordhvavyajanākārā āndolāgatavāninaḥ / macchakacchapasiṃhādyāḥ vṛṣaratnadharādayaḥ // garutmaccheṣamukharā rekhā dakṣake pade / puṃsāntu dakṣiṇepāde strīṇāṃ vāme vasanti hi // dhenuśaṅkhagadārekhāḥ vāme puṃsāṃ śubhā matāḥ / nīceṣvaṅganyūnarūpāḥ uttameṣūccarūpakāḥ // sampūrṇāḥ sarvadārekhāḥ prāṇe māyāṃ harāvapi / tatrāpyuccakramoccāsti rekhāḥ coccatvahetavaḥ //

Angefangen von den 'Karma-Göttern' (durch Verdienst gottgleich gewordenen Menschen) bis zu Brahmā finden sich bei diesen verkörperten Wesen Linienzeichen von Diskus, Muschelhorn und dergleichen, von Pfeil, Speer, Elefantenstachel und dergleichen [?, dichte Aufzählung von Glückszeichen, teils unsicher], von Lanze, Pflug, Glückszeichen, Amṛta-Gefäß und dergleichen, von Kuh, Sesam, Weizenähre, Schirm, Yak-Wedel, Torbogen, Banner, aufragendem Fächer, Schaukel, Elefant, Fisch, Schildkröte, Löwe und dergleichen, Stier, Juwelenträger und dergleichen. Die mit Garuḍa- und Śeṣa-Gesicht versehenen Linien wohnen am rechten Fuß bei Männern, bei Frauen hingegen am linken. Kuh-, Muschelhorn- und Keulen-Linien gelten bei Männern am linken (Fuß) als glückverheißend; bei Niederen sind diese Zeichen von geringerer Gestalt, bei den Höchsten von erhabener Gestalt. Vollständig sind diese Linien stets im Lebenshauch (prāṇa), auch (was) die Māyā in Hara (betrifft); auch darin gibt es eine Stufenfolge des Hohen, und die Linien sind Ursachen der Erhabenheit.

Wort für Wort
cakraśaṅkharekhāḥ
Diskus-, Muschelhorn-Linien(-zeichen)
dakṣiṇe pāde / vāme
am rechten Fuß / am linken (bei Männern bzw. Frauen)
nīceṣu ... nyūnarūpāḥ, uttameṣu ... uccarūpakāḥ
bei Niederen geringer, bei Höchsten erhaben (an Gestalt)

Katalog königlich-glückverheißender Körperlinien-Zeichen (an Händen/Füßen), analog zur bekannten Mahāpuruṣa-Lakṣaṇa-Tradition. Die konkrete Aufzählung V.18-20 enthält zahlreiche schwer identifizierbare Einzelbegriffe (mögliche Textverderbnis); hier nur näherungsweise wiedergegeben.

ṣaṇṇavatyaṅgulo yastu nyagrodhaparimaṇḍalaḥ / saptapāda caturhasto dvātriṃśallakṣaṇairyutaḥ // śarīrāṅgeṣu sādhūnāṃ pañcasthāneṣu dīrghatām / hṛsvatvaṃ pañcasu tathā saptasthāneṣu raktimā // ṣaḍaunnatyaṃ yasya samyak pṛthutā triṣu yasya tu / gambhīratā ca laghutā triṣu sthāneṣu bhāti vai // sa sulakṣaṇasampannaḥ sa tu jñānaprado gurūḥ / martyottameṣu vai viṃśallakṣaṇāni bhavanti hi // krameṇaikaikaśo vṛddhānyapi salakṣaṇāni ca / sarvāṇi paripūrṇāni lakṣaṇāni vidhīrayoḥ(vidherhareḥ) // śarīre ca svarūpe ca sarvasatsādhaneṣvalam / ati(bhi)vyaktāni (co)vocceṣu avyaktānītareṣu ca //

Wer 96 Fingerbreiten misst, kreisrund wie ein Nyagrodha-Feigenbaum, sieben (Spannen) Fuß(-Länge), vier Hand(-Spannen) breit, mit den zweiunddreißig Kennzeichen (lakṣaṇa) versehen ist, an den Körperteilen der Tugendhaften an fünf Stellen Länge, ebenso an fünf Stellen Kürze, an sieben Stellen Röte(-Glanz), an sechs Stellen vollkommene Erhabenheit, an drei Stellen Breite, an drei Stellen Tiefe und Leichtigkeit aufweist – der ist mit den guten Kennzeichen ausgestattet, der ist ein erkenntnisspendender Lehrer (Guru). Bei den vortrefflichsten Sterblichen sind es zwanzig Kennzeichen. Der Reihe nach, in stufenweiser Steigerung, (kommen) auch (weitere) mit-Kennzeichen (hinzu); alle Kennzeichen sind vollständig vorhanden bei Vidhi (Brahmā) und Hari [?]. Sowohl im (Grob-)Körper als auch in der Eigenform, hinreichend in allen guten Mitteln – bei den Höchsten sind sie höchst offenkundig, bei den übrigen unoffenkundig.

Wort für Wort
ṣaṇṇavatyaṅgulaḥ
96 Fingerbreiten (aṅgula) messend
dvātriṃśallakṣaṇaiḥ
mit den 32 Kennzeichen
martyottameṣu viṃśallakṣaṇāni
bei vortrefflichsten Sterblichen: 20 Kennzeichen

Katalog der 32 Kennzeichen (dvātriṃśallakṣaṇa) eines vollkommenen/erhabenen Menschen (Mahāpuruṣa-lakṣaṇa-Typus, vgl. verwandte Listen in Purāṇa- und buddhistischer Literatur), hier abgestuft nach Rang (Brahmā/Hari: alle 32 vollständig; vortreffliche Sterbliche: nur 20).

atha sṛṣṭau tāratamyaṃ śṛṇuṣva prāgathottare / ātmasūkṣmaguṇasthūlasṛṣṭayaḥ prāgudīritāḥ // pañcamātrāvyaktabhūtā vṛttipañcakataḥ kramāt / prāgukta bhāvarūpājñānapañcakamabhūttataḥ // bhrāntirbhautikadehānāṃ vyaktāyoniṣvapi kvacit / aṇḍādūrdhvamiyaṃ sṛṣṭi rasaṃ sṛṣṭeti kīrtyate // mahadādyaṇḍaparyantaḥ sarga ityabhidhīyate / saṃsṛṣṭamaṇḍaṃ tadgañca samastaṃ samprakīrtitam // anusargaṃ janāḥ prāhuḥ aṇḍāntaryadajotthitam / mahadādyāḥ surāḥ sarvepyaṇḍasṛṣṭāvaśaktayaḥ //

Nun höre die Hierarchie (tāratamya) in der Schöpfung, zuerst und dann das Weitere: die Selbst-, Fein-, Eigenschafts- und Grobschöpfungen wurden bereits zuvor dargelegt. Aus den fünf unoffenkundigen Elementar-Feinstoffen (pañca-mātrā) entstand der Reihe nach, aus den fünf Funktionen (vṛtti), das zuvor genannte fünffache Nichtwissen (ajñāna) in Wesensform. (Daraus entstand) die Verwirrung der aus den Elementen gebildeten Körper, bisweilen auch bei den aus offenkundigem Mutterschoß Geborenen; diese Schöpfung oberhalb des Welteneis wird 'Essenz-Schöpfung' (rasa-sṛṣṭi) genannt. (Die Schöpfung) von Mahat bis zum Welteneis wird 'Sarga' (Hauptschöpfung) genannt; das zusammengefügte Welteneis samt allem, was darin enthalten ist, wird als 'Zusammen-Schöpfung' (saṃsṛṣṭa) bezeichnet. 'Nachschöpfung' (anusarga) nennen die Menschen das, was innerhalb des Welteneis entstanden ist; Mahat und die übrigen Götter sind alle unfähig zur Schöpfung des Welteneis selbst.

Wort für Wort
sṛṣṭau tāratamyam
die Hierarchie in der Schöpfung
rasaṃ sṛṣṭiḥ
'Essenz-Schöpfung' (oberhalb des Welteneis)
sarga
'Hauptschöpfung' (Mahat bis Welteneis)
saṃsṛṣṭa
'Zusammen-Schöpfung' (das gesamte Welteneisgefüge)
anusarga
'Nachschöpfung' (innerhalb des Eis)

Terminologische Viergliederung der Schöpfungsstufen (rasa-sṛṣṭi / sarga / saṃsṛṣṭa / anusarga), die die vorangehenden Kapitel systematisiert und als Übergang zur folgenden konkreten Kosmographie dient.

astuvanpuruṣaṃ sārdhaṃ saptatriṃśaccharanmayam / kālaṃ tato hariḥ sarvatatvajātaṃ tadantakaiḥ // bhāgyairādāya saṃyojyairekībhūtaṃ karotyajaḥ / tacca tredhā vibhajyeśaḥ teṣvādyaṃ bhāgamīśvaraḥ // gṛhītvā viṣṇunāmeśastannigīrya śriyaṃ svayam / vīryaṃ tadātmakaṃ tasyāmādhatta puruṣeśvaraḥ // pṛthivyāvṛttimadhye tu suṣuveṇḍaṃ vidhestanum / pañcāśatkoṭivistāramaṇḍaṃsṛṣṭvā jagadguruḥ // sarvaciccaityasahito vīrāṇāmaṇḍamāviśat / brahmāṇḍe jalasampūrṇe sarvalokāśrayo bhavet // sa viṣṇuḥ padmanābhākhyo bhūdaṇḍasalile śubhe / prākṛteḥ svasvarūpeṇātyabhinno hīśvaro hariḥ // sarvābharaṇasampannaḥ sahasrāṅghryakṣibāhukaḥ / prāk(pratyak)śirāstūrdhvamukhaḥ śiśye pītāmbaraḥ samaḥ //

(Die Weisen) priesen den Puruṣa; sodann, nach siebenunddreißig Jahren bestehender Zeit, ergriff Hari alles aus den Prinzipien Entstandene mit dessen (jeweiligen) Enden [?] durch (deren) verbindbare Anteile und machte es, der Ungeborene (Aja), zu einem Einzigen. Und dieses teilt der Herr dreifach; von diesen (drei Teilen nimmt) der Herrscher den ersten Anteil, ihn ergreifend, unter dem Namen Viṣṇu, und verschlingt diesen selbst zusammen mit Śrī; seine diesem (Anteil) wesensgleiche Kraft (vīrya, Same) legte der Herr des Puruṣa in sie (Śrī) hinein. Inmitten des Umkreises der Erde aber gebar sie das Ei, den Körper des Vidhi (Brahmā); der Weltenlehrer erschuf das Ei mit einer Ausdehnung von fünfzig Crore (Yojana) und trat, mit allem Bewusstsein/Geistigen versehen, in das Ei der Helden [?] ein; im mit Wasser gefüllten Weltenei wird er zur Zuflucht aller Welten. Jener Viṣṇu, 'Padmanābha' (Lotus-Nabel) genannt, ist im reinen Wasser des Erd-Eies von der Prakṛti durch seine Eigenform gänzlich unverschieden – ja, der Herr (ist) Hari selbst. Mit allem Schmuck ausgestattet, mit tausend Füßen, Augen und Armen, das Haupt (nach Westen [?]) gerichtet, das Antlitz nach oben, lag er gleichmütig ruhend, in gelbes Gewand gehüllt.

Wort für Wort
saptatriṃśaccharanmayaṃ kālam
siebenunddreißig Jahre bestehende Zeit
tredhā vibhajya
dreifach teilend
padmanābhākhyaḥ
'Padmanābha' (Lotos-Nabel) genannt
sahasrāṅghryakṣibāhukaḥ
mit tausend Füßen, Augen und Armen

Zentrale kosmogonische Passage: Entstehung des Welteneis (Brahmāṇḍa) durch Hari/Viṣṇu, der als 'Padmanābha' im Welten-Ei-Ozean liegt (klassisches Puruṣottama-Bild). Die genaue Zeitangabe '37 Jahre' sowie mehrere Einzellesarten (tadantakaiḥ, vīrāṇām, prāk/pratyak) bleiben unsicher.

aṇḍasṛṣṭyādimekāle tatvajātāttridhā kṛtāt / adyādaṇḍamabhūdanyaṃ padmanābhograsadvibhuḥ // tatsṛṣṭaṃ bhūpradānaṃ nābhau sthāpya hiraṇmayam / padmaṃ vyajanayattasya kandāt bhūmirathobhavat // saptadvīpasamudrādi tamoghanajalānvitā / pañcāśatkoṭivistīrṇāpyaṇḍamadhyapradeśagā // lakṣayojanasaṃkhyākapṛthulātidhṛḍhāśrayā / pañcaviṃśatkoṭimitalakṣonaṃ garbhavāryadhaḥ // yojanānāṃ tadupari sthāpitābhūrabhūddhareḥ / bhūnāmā bhūmigo viṣṇugarbhavāryestadāhvayaḥ // vakṣyamāṇeṣu cokteṣu jaḍacitsu tadāhvayaḥ / ādhāro rakṣakaḥ sarvanāmā sarvabhṛdīśvaraḥ //

Zur selben Zeit der Ei-Erst-Schöpfung entstand aus dem dreifach geteilten, aus den Prinzipien Entstandenen ein weiteres Ei, von diesem (ersten) her; der alldurchdringende Herr Padmanābha verschlingt es. Diese von ihm geschaffene Erd-Gabe [?], am Nabel platziert, golden – er ließ daraus einen Lotus entstehen, und aus dessen Wurzelknolle entstand sodann die Erde: mit den sieben Inseln, Ozeanen und dergleichen, mit dichtem dunklem Wasser versehen, fünfzig Crore (Yojana) ausgedehnt, mitten im Ei gelegen, in einer Breite von hunderttausend Yojana gemessen, auf höchst festem Grund; fünfundzwanzig Crore (Yojana), abzüglich eines Lakh, unterhalb im Fruchtwasser (garbha-vāri) – so viele Yojana darüber wurde die Erde platziert; sie wurde Haris (Erde). 'Bhū' (Erde) ist ihr Name, sie geht auf dem Boden; 'Viṣṇus Fruchtwasser' ist ihr (weiterer) Name. Bei den noch zu nennenden wie bei den bereits genannten, den unbeseelten wie beseelten (Dingen trägt Hari) denselben Namen: Träger, Beschützer, All-Namiger, Der-Herr-der-alles-Erhält.

Wort für Wort
padmaṃ vyajanayat
er ließ einen Lotus entstehen
saptadvīpasamudrādi
mit den sieben Inseln und Ozeanen
bhūnāmā bhūmigaḥ
'Bhū' (Erde) genannt, auf dem Boden gehend
ādhāro rakṣakaḥ sarvabhṛt
Träger, Beschützer, Alles-Erhalter

Entstehung der Erde aus dem Lotus am Nabel des im zweiten Ei ruhenden Padmanābha – klassisches Puruṣottama-/Nabel-Lotus-Motiv (vgl. Brahmā-auf-dem-Lotus-Tradition), hier mit eigentümlichen quantitativen Maßangaben (50 Crore Yojana Welteneis-Durchmesser etc.).

meruḥ tanmadhyago bhūmeścaturasro hiraṇmayaḥ / yojanānāṃ lakṣamitaḥ ucchrāyādratnasānukaḥ // atha ṣoḍaśasāhasrayojanāyāmar iritaḥ / tāvatā bhūrimānaḥsahamekaḥsarvasurālayaḥ // ūrdhaṃ tadviguṇāyāmaḥ sahasrāśītiyojanaiḥ / caturbhiradhikairbhūmerucchritaḥ sarvataḥ śubham // meroḥ pūrvādyaṣṭadikṣu lokapāla sadāṃsyalam / santyevasarvabhadrāṇi sārdhatādvisahasrakaiḥ // caturasrāṇi tanmadhye taccaturguṇavistaram / brahmaṇastu sadasyāni ratnahemamayāni ca // teṣvindrogniryamaḥ kravyāt varuṇāni layakṣapaḥ / śivaśceti sabhāryāste sāṅgāḥ saparivārakāḥ // tanmadadhye maṇṭapastasya vidherājñākarāstathā / tatra vāṇīśvaronanta bhujagasya suśiraskakaḥ // lokapālasado madhye vindhyodikṣu catusruṣu / samanāḥ sarvatobhadrā tārasārdhāṣṭasahasrakāḥ // mandārapārijātādyāḥ divyapuṣpaphalaścadāḥ / saritsarovarāṇyatra kañjādisumavantyapi // nānānārīsevitāni haṃsādi dvijavantyapi / ājānajasamānaikajātīyaparicārakaiḥ // sevitodrivarobhāsvaddīpya divyadrigocaraḥ / divyābharaṇavastrādyaiḥ alaṅkṛtasurāda(la)yaḥ //

Meru, mittig auf dieser Erde gelegen, vierkantig, golden, hunderttausend Yojana an Höhe messend, mit Juwelen-Graten – seine (Grund-)Ausdehnung wird mit sechzehntausend Yojana angegeben; um ebenso viel (in die Tiefe reicht sein) gewaltiges Maß; er allein ist die Wohnstätte aller Götter. Nach oben ist seine Ausdehnung doppelt so groß; um einundachtzigtausend Yojana ist er über die Erde erhöht – überall auf glückverheißende Weise. In den acht Richtungen, beginnend im Osten, (gibt es) um den Meru beständig Weltenhüter-Hallen; alle sind rundum glückverheißend, [im Maß von] zweitausendfünfhundert [?], vierkantig; in deren Mitte, von vierfacher Ausdehnung, (befinden sich) Brahmās Versammlungshallen, aus Juwel und Gold gefertigt. In diesen wohnen Indra, Agni, Yama, Kravyād [?], Varuṇa, Vāyu [?] und Śiva, samt Gattinnen, mit ihrem Gefolge und ihrer Dienerschaft. In deren Mitte steht ein Pavillon; dort weilen die Befehlsempfänger des Vidhi (Brahmā); dort auch Vāṇīśvara (Brahmā, Herr der Sarasvatī) und der schönhäuptige Schlangenfürst Ananta. Inmitten der Weltenhüter-Hallen, in den vier (davon ausgehenden) Richtungen, gibt es gleichgestaltige, 'allseits glückverheißende' (Gärten) mit achttausendfünfhundert Sternen(-Bäumen) [?]. (Dort gibt es) Mandāra-, Pārijāta- und andere (Bäume) mit himmlischen Blüten und Früchten; dort auch Flüsse und Seen, versehen mit Lotos und anderen Blumen, von mancherlei Frauen aufgesucht, auch mit Gänsen und anderen Vögeln versehen, mit von-Geburt-an-gleichartigen Dienern [?] aufgesucht, leuchtend strahlend, dem göttlichen Blick zugänglich; mit himmlischem Schmuck, Gewändern und dergleichen geschmückt sind die Wohnstätten der Götter.

Wort für Wort
meruḥ caturasro hiraṇmayaḥ
Meru, vierkantig, golden
lokapāla sadāṃsi
Weltenhüter-Hallen
brahmaṇaḥ sadasyāni
Brahmās Versammlungshallen
vāṇīśvaraḥ Ananta
Vāṇīśvara (Brahmā) und (der Schlangenfürst) Ananta
sarvatobhadrāḥ (vanāni/udyānāni)
'allseits glückverheißende' (Gärten)

Beginn der ausführlichen Kosmographie: Meru-Berg, die acht Weltenhüter (Lokapāla) mit ihren Hallen in den Himmelsrichtungen, Brahmās zentrale Versammlungshalle mit Ananta/Śeṣa – eng verwandt mit der Standard-Purāṇa-Kosmographie (Jambūdvīpa-Meru-Schema).

tasya pūrvādyaṣṭadikṣu mandaro merumandaraḥ / supārśvaḥ kumudaśceti avaṣaṭambhanagāḥ kramāt // te sahasrastrikā yāmāḥ sahasradaśakocchritāḥ / cūtajambūkadambāścanyagrodhasteṣu bhūruhāḥ // ekādaśaśatoccāste gajopamaphalānvitāḥ / suvarṇaratnasaṃkāśāḥ śataśākhā samāvṛtāḥ // tatra nānā pakṣigaṇāḥ sagandhakusumachadāḥ / teṣāṃ tūparitaḥ svarṇaratnamandārabhūmiṣu // nandanaṃ caitrarathakaṃ vaibhrājakamitīritam / vanānyavarṇanīyāni sarvatobhadrasaṃjñakam // teṣu vai kāmikāḥ siddhāḥ caranti lalanānvitāḥ / teṣu sañcaratāṃ saukhyam adhikaṃ na śramādayaḥ //

In dessen (des Meru) acht Richtungen, beginnend im Osten, (stehen) Mandara, Meru-Mandara, Supārśva und Kumuda – so, der Reihe nach, die stützenden Berge. Diese (erstrecken sich) dreitausend Yojana [?], zehntausend (Yojana) erhöht; Mango-, Jambū-, Kadamba- und Nyagrodha-Bäume wachsen auf ihnen. Elfhundert (Yojana) hoch sind diese, mit elefantengroßen Früchten versehen, goldfarben und juwelengleich schimmernd, mit hundert Zweigen rings umgeben; dort mancherlei Vogelscharen, mit duftenden Blüten als Laub bedeckt. Über ihnen, auf golden-juwelenen Mandāra-Böden, (liegen) Nandana, Caitraratha und das 'Vaibhrājaka' genannte (Hain) – unbeschreibliche Wälder, mit dem Namen 'Sarvatobhadra' versehen. In diesen wandeln wahrlich Siddhas, ihren Wünschen folgend, in Begleitung von Frauen; für die, die dort wandeln, gibt es überreiches Glück, keine Mühsal und dergleichen.

Wort für Wort
mandaro merumandaraḥ supārśvaḥ kumudaḥ
die vier Stützberge des Meru
nandanaṃ caitrarathakaṃ vaibhrājakam
die (drei berühmten) Götterhaine
kāmikāḥ siddhāḥ
ihren Wünschen folgende Siddhas

Die vier Stützberge des Meru und die klassischen Götterwälder (Nandana, Caitraratha, Vaibhrājaka, hier zusammen 'Sarvatobhadra' genannt) – Standardmotive der Purāṇa-Kosmographie.

eṣāṃ phalairnipatitaiḥ viśīrṇaiḥ śubhrasadrasaiḥ / niryadrasamudbhūtāścatasraśca catasṛṣu // dvilakṣavṛtta dīrghasthāḥ jarā durgandha duḥsahāḥ / nīlaḥ śvetaḥ śṛṅgavāṃśca meroruttarato nagāḥ // yojanānāṃ navasahasrāyāmākṣmātalasya ca / maryādāgirayaḥsarve pratyaksāgaradīrghakāḥ // uścrayāddhaśasāhasrāḥ pṛthulā dvisahasrakāḥ / niṣadho hemakūṭaśca himavāniti dakṣiṇe // pūrvamānenoktabhuvaḥ maryādā girayomatāḥ / vistārāducchrayāddhairghyānnīlādīnāṃ samāḥ kramāt //

Aus den herabgefallenen, zerfallenen Früchten dieser (Bäume), mit reinem gutem Saft, entstanden aus dem hervorquellenden Saft vier (Flüsse), in die vier (Himmelsrichtungen fließend) – zweihunderttausend (Yojana) im Umkreis und in der Länge ausgedehnt, [Eigenschaften unsicher: alter-bringend?], übelriechend, unerträglich [?]. Nīla, Śveta und Śṛṅgavat sind die Berge nördlich des Meru: neuntausend Yojana in der Ausdehnung des Erdbodens sind all diese Grenzgebirge, dem Ozean zugewandt der Länge nach; an Höhe zehntausend, an Breite zweitausend (Yojana) – Niṣadha, Hemakūṭa und Himavat (heißen die Berge) im Süden. Nach dem zuvor genannten Maß gelten (auch diese) Berge als Grenzgebirge (der dortigen Länder); an Breite, Höhe und Länge sind sie den Nīla-und-anderen (Bergen) der Reihe nach gleich.

Wort für Wort
catasraḥ (nadyaḥ)
die vier (aus den Baumfrüchten entspringenden) Flüsse
nīlaḥ śvetaḥ śṛṅgavān
die drei nördlichen Grenzgebirge
niṣadho hemakūṭaḥ himavān
die drei südlichen Grenzgebirge

Die vier legendären Flüsse aus den Götterbaum-Früchten (vgl. Purāṇa-Motiv der vier Meru-Ströme) sowie die je drei nördlichen und südlichen Grenzgebirge (Nīla/Śveta/Śṛṅgavat bzw. Niṣadha/Hemakūṭa/Himavat) – Standard-Elemente des Jambūdvīpa-Schemas. Die Charakterisierung der Flüsse in V.66 (jarā durgandha duḥsahāḥ) bleibt unsicher übersetzt.

nānāsiddhagaṇaiḥ sevyāḥ sarvaratna samākulāḥ / pūrvasyāṃ diśi merostu gandhamādanaparvataḥ // pratīcyāṃ diśi merostu mālyavānnāma bhūdharaḥ / ānīlaniṣadhāyāmau parvatau devapūjitau // tau pūrvasamitau divau sarvasadvṛkṣaśobhitau / caturdikṣvapi merostu navasāhasrayojanaiḥ // vistṛtaṃ bhūtalaṃ celāvṛtavarṣaṃ vadanti hi / ramyako hiraṇmayaścaiva kuruvarṣādayastrayaḥ // varṣānīlādyadribhiste vibhaktā svarṇabhūmayaḥ / gandhamādanataḥ pūrvabhūmau bhadrāścavarṣake // mālyavatpaścimeketumālyavarṣaḥ prakīrtitaḥ / harikiṃpuruṣa bhāratavarṣāstu kramayogataḥ // dakṣiṇe niṣadhādyadrivibhaktabhūmayaḥ kramāt / vaivasvato manurmartyopāsako ramyakeśvaraḥ // aryamāḥ pitṛpaḥ kūrmopāsakastu hiraṇmaye / bhūmirādivarāhasya bhāryā vai kuruvarṣagā // hayāsyopāsako bhadraśravāḥ bhadrāśca varṣake / ratyākāmenārcitau dvau kṛtipradyumnasaṃjñakau // ketumālye strījanārcyo na jīvaṃ bhadrake khalu / prahlādopāsito nārasiṃhmopi harivarṣagaḥ // hanumatpūjito rāmaḥ nāthaḥ kiṃpuruṣasya tu / bhadrāśvāddakṣiṇe varṣe bhāratākhyo guṇādhikaḥ // narābhimāni śeṣāṃśa bhāratasyāsya cānujaḥ / nārāyaṇo dakṣaputryāḥ mūrtyādharmasamutthitau // tau nāradasya ca ṛṣeḥ jñānadau lokapūjitaḥ / ilāvṛtte merupūrvadiśi savyāpasavyagau //

Von mancherlei Siddha-Scharen aufgesucht, ganz mit Juwelen überhäuft, (liegt) östlich des Meru der Berg Gandhamādana; westlich des Meru (liegt) der Berg namens Mālyavān; diese beiden, sich bis Nīla und Niṣadha erstreckenden Berge sind von den Göttern verehrt, beide dem himmlischen (Gandhamādana) gleich, mit lauter guten Bäumen geschmückt. Auch in den vier Richtungen des Meru, in neuntausend Yojana (Abstand), nennt man das dort ausgedehnte Erdgebiet 'das umschlossene Land' (Ilāvṛta-varṣa); Ramyaka, Hiraṇmaya und Kuru-Varṣa (sind) die (weiteren) drei (Länder). Diese Länder sind durch die Nīla-und-andere Berge geschieden, goldene Länder; östlich des Gandhamādana, im Land Bhadrāśva – westlich des Mālyavat wird das Land Ketumāla genannt; Hari-, Kiṃpuruṣa- und Bhārata-Varṣa aber folgen der Reihe nach (weiter südlich), im Süden durch die Niṣadha-und-andere Berge der Reihe nach geschiedene Länder. Vaivasvata Manu, von den Sterblichen verehrt, ist Herr von Ramyaka. Aryaman, der Hüter der Ahnen (Pitṛs), wird in Hiraṇmaya als (die Schildkröten-Gestalt) Kūrma verehrt; Bhūmi (die Erde), Gattin des Ur-Ebers (Ādivarāha), weilt in Kuru-Varṣa. Hayagrīva ('Pferdehaupt') wird als Bhadraśravas im Land Bhadra(śva) verehrt; die beiden, 'Kṛti' und 'Pradyumna' genannt, werden von Rati und Kāma verehrt – in Ketumāla, von Frauen verehrt; im Bhadraka-Land freilich nicht als lebendiges (Wesen) [?]. Auch Nṛsiṃha, von Prahlāda verehrt, weilt in Hari-Varṣa. Rāma, von Hanumat verehrt, ist Herr von Kiṃpuruṣa; südlich von Bhadrāśva (liegt) das 'Bhārata' genannte Land, an guten Eigenschaften überragend. Nara – ein Śeṣa-Anteil, der sich (als Nara) versteht – ist der jüngere Bruder dieses Bhārata(-Landes bzw. dessen Herr); Nārāyaṇa, aus der als Mūrti (bekannten) Tochter des Dakṣa zusammen mit Dharma entstanden – diese beiden, dem Weisen Nārada Erkenntnis spendend, von der Welt verehrt, weilen in Ilāvṛta, östlich des Meru, zur Rechten und zur Linken.

Wort für Wort
gandhamādanaḥ / mālyavān
die Ost- bzw. West-Grenzberge um Ilāvṛta
ilāvṛtavarṣam
das 'umschlossene Land' (um den Meru)
ramyako hiraṇmayaḥ kuruvarṣam
die drei nördlichen Länder
bhadrāśvaḥ ketumālaḥ hariḥ kiṃpuruṣaḥ bhāratam
die (fünf) östlich/westlich/südlich gelegenen Länder
nārāyaṇo nāradasya jñānadaḥ
Nārāyaṇa, der Nārada Erkenntnis spendet

Die neunfache Länder-Gliederung (navavarṣa) um den Meru mit ihren jeweiligen verehrten Gottheiten/Avatāra-Formen (Manu-Ramyaka, Kūrma-Hiraṇmaya, Varāha-Kuruvarṣa, Hayagrīva-Bhadrāśva, Kṛti/Pradyumna-Ketumāla, Nṛsiṃha-Harivarṣa, Rāma-Kiṃpuruṣa, Nara-Nārāyaṇa-Bhārata/Ilāvṛta) – entspricht im Aufbau eng der bekannten Purāṇa-Kosmographie (vgl. Viṣṇu-Purāṇa, Bhāgavata-Purāṇa V), hier mit spezifisch pāñcarātrischer Avatāra-Zuordnung. V.79 (Bhadraka-Zeile) bleibt unklar.

jaṭharo devakūṭaśca merupṛṣṭhe ca pūrvataḥ / gandhamādana saṃspṛṣṭau svarṇaratnamayau samau // vistārāttūcchrayācca yojanā dvisahasrakau / navasāhasrasadbhūmimadhye jaṭharanīlayoḥ // bhūrdevakūṭaniṣadhamadhyasthāttāvatī matā / ṣaṭsahasrāntarabhuvau gandhamādanamandarau // tiryak tadviguṇā bhūmiḥ merupūrvasthagotrayoḥ / kailāsakaravīrau dvāvevaṃ merostu dakṣiṇe // pavanaḥ pariyātraśca dvau meroḥ paścimāśrayau / śṛṅgaśca makaraścaiva meroruttaratastathā // niṣadhāntau dakṣiṇavuttarau nīlasaṃmitau / pāścātyau mālyavatsṛṣṭau pūrvagādrīvamānataḥ // etairakhilāvṛtovarṣo vibhaktaścāṣvadhāmalaḥ / sukumāraṃ vanaṃ ramyaṃ sarvatryaiṇyaiva teṣvalam //

Jaṭhara und Devakūṭa (liegen) auf dem östlichen Rücken des Meru, den Gandhamādana berührend, beide gleich, aus Gold und Juwelen bestehend, an Breite und Höhe je zweitausend Yojana; das Land zwischen Jaṭhara und Nīla (misst) neuntausend (Yojana). Das Land zwischen Devakūṭa und Niṣadha gilt als ebenso groß; Gandhamādana und Mandara (liegen) sechstausend (Yojana) voneinander entfernt. Quer (dazu) ist das Land doppelt so groß – (dies gilt) für das östlich des Meru gelegene Bergpaar. Kailāsa und Karavīra – diese beiden (liegen) ebenso südlich des Meru; Pavana (Vāyu) und Pāriyātra sind die beiden westlichen Stützen des Meru; Śṛṅga und Makara ebenso nördlich des Meru. Die südlichen (Berge sind, gleich groß,) am Niṣadha endend, die nördlichen dem Nīla gleich gemessen; die westlichen (Berge) sind dem Mālyavat gleich geschaffen, nach dem Maß des östlich gelegenen Berges. Durch diese (Berge) ist das ganz umschlossene Land geteilt, makellos [?]; ein zartes, liebliches Wäldchen befindet sich, mit allem hinreichend versehen, in diesen (Ländern).

Wort für Wort
jaṭharo devakūṭaḥ
die östlichen Nebenberge
kailāsakaravīrau
die südlichen Nebenberge
pavanaḥ pariyātraḥ
die westlichen Nebenberge
śṛṅgaḥ makaraḥ
die nördlichen Nebenberge

Weitere Detailmaße der acht Nebenberge (zwei je Himmelsrichtung um Meru/Ilāvṛta) – rein geographisch-quantitative Angaben, in der Übersetzung mit einiger Unsicherheit bei den genauen Distanzverhältnissen (V.86-88).

teṣu cevāstriyaḥ pṛṣṭāpūrvādhyaṣṭaṃ digunmukhāḥ / aṣaṭarūpairādiśeṣaḥ sahasravadanaḥ prabhuḥ // vasatyasya mahārudraḥ sāṃbaścāṣṭatanuḥ svayam / sadopāsta iti śeṣaṃ tadgaṃ saṅkarṣaṇaṃ param // panaraṣṭatanuḥ śambhuḥ bhavānyābhasmago bhavaḥ / teṣvaṣṭabhavaneṣveva sadāramati śaṅkaraḥ // prārabdhakarmaṇā sāpi patiṃ ramayati sphuṭam //

Und in diesen (Ländern wenden sich) Frauen den acht Himmelsrichtungen zu, vom Osten beginnend zugewandt; in acht Gestalten (weilt dort) der Ur-Śeṣa, der tausendgesichtige Herr. Bei ihm wohnt der große Rudra, mit Sāmba, selbst achtkörperlich; so wird Śeṣa, der in ihm (gegenwärtige) höchste Saṅkarṣaṇa, beständig verehrt. Wiederum achtkörperlich ist Śambhu; Bhava, mit Asche bedeckt [?], (weilt) bei Bhavānī; eben in diesen acht Wohnstätten erfreut sich Śaṅkara stets (an ihr). Durch (die Frucht ihres) begonnenen Karmas (prārabdha-karman) erfreut auch sie offenkundig ihren Gatten.

Wort für Wort
ādiśeṣaḥ sahasravadanaḥ
der Ur-Śeṣa, der Tausendgesichtige
mahārudraḥ sāṃbaḥ aṣṭatanuḥ
der große Rudra mit Sāmba, achtkörperlich
śambhuḥ bhavānyā sārdham
Śambhu zusammen mit Bhavānī
prārabdhakarmaṇā ramayati
durch begonnenes Karma erfreut sie (ihn)

Abschluss des Kapitels: die achtfache Gestalt des Ur-Śeṣa (der Rudra/Sāmba und Śambhu/Bhavānī in seinen acht Wohnstätten trägt) als Saṅkarṣaṇa-Erscheinungsform, die in den neun Ländern um Ilāvṛta verehrt wird. Kolophon: 'So endet im ersten Abschnitt der glorreichen Prakāśa-Saṃhitā der elfte Adhyāya.'

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