Quellen der Menschheit

Prakāśa-Saṃhitā

Paṭala 19: māyāvādakhaṇḍanasamāpti-pātālavarṇana-garuḍāstīkākhyānam Teil 2, Adhyāya 4: Abschluss der Māyāvāda-Widerlegung, die sieben Unterwelten, und die Erzählung von Garuḍa und Āstīka

PS_2,4.1-91. Zweigeteiltes Kapitel: (a) V.1-14, gesprochen von "Śrī Haṃsa", schließen die in Adh.3 begonnene ausführliche Advaita-/Māyāvāda-Widerlegung ab (Kernargument: das Muschel-Silber-Gleichnis scheitert, da echtes Silber reale Wirkung zeitigt, Schein-Silber nicht, die Welt aber sehr wohl reale Wirkung zeitigt; die Śruti gilt als ewig und unwiderlegbar). (b) V.15-91 setzen die kosmogonische Erzählung fort: Einsetzung von Yajña und Svāyambhuva Manu, eine knappe Durchmusterung der sieben Unterwelten (Atala/Vitala mit Śiva als Hāṭakeśvara, Sutala mit Prahlāda, Talātala mit Bali/Vāmana, Mahātala mit den Schlangen) samt Vāmana-Bali- und Tripura-dahana-Mythos, eine Kaśyapa-Genealogie, und schließlich (V.46-91) eine vollständige, unabhängig aus diesem – gegenüber der Mahābhārata-Fassung deutlich knapperen und an vielen Stellen textkritisch stark beschädigten – Quelltext übersetzte Version der Vinatā-Kadrū-Wette, der Geburt Aruṇas und Garuḍas, des Nektarraubs, sowie der Utaṅka-Pauṣya- und Parīkṣit-Janamejaya-Āstīka-Sarpasatra-Rahmenerzählung. WICHTIGER QUELLENBEFUND: Dieser gesamte Adhyāya weist ungewöhnlich viele vom Digitalisierer selbst mit alternativen Lesarten in Klammern markierte Textstellen auf (deutlich mehr als alle vorangegangenen Kapitel) – entsprechend häufiger und pauschaler mit [?] versehen; einzelne Halbverse (v.a. V.18, 22-23, 31, 48, 50-51, 56, 60, 62-64) bleiben trotz Kontextrekonstruktion in Teilen unsicher.

śrīhaṃsa uvāca. sāṅgajñānātmakatanumanantaguṇapūritam / sāṅgāsadbhīṣayantvīśaṃ vedyaiḥ śāstrairnirūpitam // 1 // anantanāmarūpāḍhyaṃ sva sva yogyaphalapradam / vicāritamupāsyaṃ ca ramā brahmādibhiḥ sadā // 2 // svabhinnasvāvarānantamuktāmuktāṇujīvakaiḥ / sevitaṃ śrīpatiṃ vyāptaṃ cetanācetanasya tu // 3 // satyasya sṛṣṭikartāraṃ hariṃ duḥkhādi bhoginam / jānanti tasya cājñānaṃ kvacit kvāpi na yujyate // 4 // mithyābhūtājñānamastītyatra mānaṃ na vidyate / ajñānā bhavitāstaṣṭhopādhirnivaha yujyate // 5 // siddhau jñāne tu tajjopādhiḥ siddhai tadanvaye / sarvasyājñānayogastadabhāvāttadevana // 6 // ajñānābhāvatojñāsī adhikādhi na vidyate / ajñānābhāvatastannivṛttirūpaṃ na hi kvacit // 7 //

Śrī Haṃsa sprach: [Man erkennt Hari als] den Herrn, dessen Leib aus Erkenntnis samt deren Gliedern [den Zusatzschriften] besteht, der von endlosen Eigenschaften erfüllt ist [?, zweiter Halbvers unsicher], den die erkennbaren Lehrschriften darstellen. [Man erkennt ihn als] reich an endlosen Namen und Gestalten, der einem jeden die ihm gemäße Frucht gewährt, den von Ramā, Brahmā und den übrigen Göttern stets erwogenen und verehrten [Herrn]. [Man erkennt] den Gatten der Śrī, der von den ihm untergeordneten, von ihm verschiedenen, endlosen erlösten und unerlösten kleinen Lebewesen verehrt wird, der das Bewusste wie das Unbewusste durchdringt. Als Schöpfer des Wirklichen erkennt man Hari, der [scheinbar] Leid u.ä. erfährt; und die Unwissenheit über ihn selbst passt nirgends und in keiner Weise. Dass eine unwirkliche Unwissenheit [überhaupt] existiere – dafür gibt es kein gültiges Erkenntnismittel; [nur] aus der Unwissenheit [heraus] entsteht die Menge der Adjunkte [, die man fälschlich für real hält]. Ist die Erkenntnis erwiesen, so ist der daraus entstandene Adjunkt nur mit ihr zusammen erwiesen; die Verbindung von allem mit Unwissenheit [besteht], weil eben jene [Erkenntnis zuvor] fehlte. Aus dem Nichtvorhandensein der Unwissenheit gibt es keine noch höhere Erkenntnis [darüber hinaus]; aus dem Nichtvorhandensein der Unwissenheit gibt es auch nirgends eine eigene Gestalt ihrer Aufhebung [– Unwissenheit, die nicht besteht, kann sich nicht selbst aufheben].

Wort für Wort
śrīhaṃsa uvāca
Śrī Haṃsa sprach
sāṅgajñānātmakatanum
dessen Leib aus Erkenntnis samt Gliedern besteht
ananta-guṇa-pūritam
erfüllt von endlosen Eigenschaften
īśam
den Herrn
vedyaiḥ śāstraiḥ nirūpitam
von den erkennbaren Lehrschriften dargestellt
ananta-nāma-rūpa-āḍhyam
reich an endlosen Namen und Gestalten
sva sva yogya-phala-pradam
einem jeden die ihm gemäße Frucht gewährend
ramā-brahmādibhiḥ vicāritam upāsyam
von Ramā, Brahmā u.a. erwogen und verehrt
svabhinna-svāvara-ananta-mukta-amukta-aṇu-jīvakaiḥ sevitam
verehrt von den ihm untergeordneten endlosen erlösten/unerlösten kleinen Lebewesen
śrīpatim
den Gatten der Śrī
cetana-acetanasya vyāptam
das Bewusste wie Unbewusste durchdringend
satyasya sṛṣṭikartāram harim
Hari, den Schöpfer des Wirklichen
duḥkhādi bhoginam
[scheinbar] Leid u.a. erfahrend
tasya ajñānam kvacit kvāpi na yujyate
Unwissenheit über ihn passt nirgends
mithyābhūta-ajñānam asti iti mānam na vidyate
für eine unwirkliche Unwissenheit gibt es kein Erkenntnismittel
ajñānāt upādhi-nivahaḥ yujyate
aus Unwissenheit entsteht die Menge der Adjunkte
siddhau jñāne tajjaḥ upādhiḥ tadanvaye siddhaḥ
bei erwiesener Erkenntnis ist der daraus entstandene Adjunkt nur mit ihr zusammen erwiesen
ajñānābhāvataḥ adhika-jñā na vidyate
aus Nichtvorhandensein der Unwissenheit gibt es keine höhere Erkenntnis
ajñānābhāvataḥ tannivṛttirūpaṃ na kvacit
aus Nichtvorhandensein der Unwissenheit gibt es nirgends eine Gestalt ihrer Aufhebung

[Anm.: Dieses Kapitel setzt unmittelbar die in Adh.3 (V.83-102) begonnene Advaita-Widerlegung fort und schließt sie in V.1-14 ab; als Sprecher wird nun ausdrücklich "Śrī Haṃsa" genannt (ein v.a. in der Pāñcarātra-Tradition, u.a. der Ahirbudhnya-Saṃhitā, als Lehrgestalt/Offenbarer auftretender Beiname). Der Quelltext dieses gesamten Adhyāyas ist ungewöhnlich stark korrumpiert (zahlreiche vom Digitalisierer selbst in Klammern vermerkte alternative Lesarten), deutlich mehr als in den vorangegangenen Kapiteln – entsprechend häufiger und pauschaler [?]-markiert als sonst, insbesondere V.5-7 (dichte, teils kaum auflösbare Kurzsyllogismen).

ajñānakalpitaṃ śāstraṃ naivājñānanikṛntanam / iti heyaṃ tanmataṃ hi baddhasyeśo vimuktidaḥ // 8 // viśvaṃ satyaṃ naiva mithyā na bādhyaṃ satyakāraṇam / pratyakṣādipramāṇyaistu siddhaṃ nāropitaṃ jagat // 9 // nārthakriyākāri śuktau pratītaṃ rajataṃ jagat / arthakriyākāri tena taddṛṣṭānto na yujyate // 10 // dṛṣṭāntarahito yattu jaganmithyātvakāraṇam / na bhavet tanmate brahma dṛśyatvācca tathā bhavet // 11 // mitākāśādi vedoktaṃ viṣṇuneti natanmṛṣā / na ca nyāyoktamithyātve mānaṃ tanmatāpi na // 12 // śrutirnityāpauruṣeyā durvākyairna ca dūṣyate / iti jñātvā vidhirviṣṇormāhātmyaṃ jñānabodhayat // 13 // satyāśeṣajagannāthaḥ satyasatsādhanena ca / satyairjīvaiḥsadopāsyaḥ satyasatyavimuktidaḥ // 14 //

Eine von der Unwissenheit selbst ersonnene Lehrschrift kann die Unwissenheit gewiss nicht durchtrennen; darum ist jene [Māyāvāda-]Lehre zu verwerfen – denn der Herr allein gewährt dem Gebundenen die Befreiung. Das Universum ist wirklich, keineswegs unwirklich; nicht aufhebbar, da es eine wirkliche Ursache hat; durch Erkenntnismittel wie unmittelbare Wahrnehmung u.a. ist die Welt eben als erwiesen erkannt, nicht als bloß überlagert. Das in der Muschelschale wahrgenommene Schein-Silber bewirkt keine tatsächliche Wirkung; die Welt hingegen bewirkt tatsächliche Wirkung – daher passt jenes [Muschel-Silber-]Beispiel [als Analogie zur Welt] nicht. Was aber ohne taugliches Beispiel als Grund für die Unwirklichkeit der Welt angeführt wird, kann [diese nicht begründen]; nach jener [Advaita-]Lehre wäre dann auch das Brahman selbst [durch bloße] Wahrnehmbarkeit [ebenso unwirklich] [?]. Das im Veda von Viṣṇu Gesagte über den begrenzten Äther u.a. ist nicht darum unwirklich, [nur weil es im Veda steht]; und für die von der [advaitischen] Logik behauptete Unwirklichkeit gibt es kein gültiges Erkenntnismittel – auch nicht in jener Lehre selbst. Die Śruti ist ewig, nicht von einem Menschen verfasst, und wird durch schlechte Reden nicht entkräftet. Dies erkennend, verkündete Vidhi [Brahmā] die Erhabenheit Viṣṇus als [rechte] Erkenntnis: Er, der wahrhaftige Herr des gesamten Universums, der durch wahre, seiende Mittel [erreicht wird] und stets von den wahren Lebewesen zu verehren ist – der Wahrhaft-Wahre, der die Befreiung gewährt.

Wort für Wort
ajñānakalpitaṃ śāstram
eine von der Unwissenheit ersonnene Lehrschrift
ajñānanikṛntanam na
durchtrennt die Unwissenheit nicht
tanmataṃ heyam
jene Lehre ist zu verwerfen
baddhasya īśaḥ vimuktidaḥ
der Herr gewährt dem Gebundenen die Befreiung
viśvaṃ satyam
das Universum ist wirklich
na bādhyam satyakāraṇam
nicht aufhebbar, da wirkliche Ursache
pratyakṣādi-pramāṇyaiḥ siddham jagat
die Welt ist durch Erkenntnismittel wie Wahrnehmung erwiesen
nārthakriyākāri śuktau rajatam
das Schein-Silber in der Muschel bewirkt keine Wirkung
jagat arthakriyākāri
die Welt bewirkt [tatsächliche] Wirkung
taddṛṣṭāntaḥ na yujyate
jenes Beispiel passt nicht
dṛṣṭāntarahitaḥ mithyātvakāraṇam na bhavet
ohne Beispiel kann [dies] die Unwirklichkeit nicht begründen
mitākāśādi vedoktam viṣṇunā na mṛṣā
das im Veda von Viṣṇu über den Äther u.a. Gesagte ist nicht unwirklich
nyāyokta-mithyātve mānam na
für die logisch behauptete Unwirklichkeit gibt es kein Erkenntnismittel
śrutiḥ nityā apauruṣeyā
die Śruti ist ewig, nicht menschenverfasst
durvākyaiḥ na dūṣyate
wird durch schlechte Reden nicht entkräftet
vidhiḥ viṣṇoḥ māhātmyam jñānabodhayat
Vidhi [Brahmā] verkündete Viṣṇus Erhabenheit als Erkenntnis
satya-aśeṣa-jagannāthaḥ
der wahrhaftige Herr des ganzen Universums
satyaiḥ jīvaiḥ sadā upāsyaḥ
von den wahren Lebewesen stets zu verehren
satyasatyavimuktidaḥ
der Wahrhaft-Wahre, der die Befreiung gewährt

Mit V.14 endet die Advaita-Widerlegung: Kernargument ist, dass die Welt nicht durch das Muschel-Silber-Gleichnis als unwirklich erwiesen werden kann, da dieses Beispiel selbst eine reale Wirkung (arthakriyā) voraussetzt, die dem Schein-Silber gerade fehlt, der Welt aber zukommt; zugleich wird die vedische Autorität als von Natur aus unangreifbar (apauruṣeya) verteidigt.

iti merusthito brahmā niśānte yajñamīśvaram / abhiṣicya sapatnīkaṃ sarge sampārthya yojayat // 15 // apīpaladhariḥ svargaṃ sarvadevagaṇeḍitaḥ / tataḥ svāyaṃbhuvamanuṃ śatarūpā samanvitam // 16 // abhiṣicya vidhirbhūmau barhiṣmatyāmavāsayat / bhāvīnaśca padasthāśca upadevāḥ sahasraśaḥ // 17 // manuṃ paryacaran prītyā te niraṃśāstato bhavan / vidhistato maya(sū)sutamana(ta)vedhādvalāhvayam // 18 // sa tu ṣaṇṇavatī (prā)māyāḥ svavijṛmbhaṇatosṛjat / svairiṇyaścaiva kāminyaḥ puṃścalya iti tridhā // 19 //

So [handelnd,] weihte Brahmā, auf dem Meru weilend, am Ende der [Schöpfungs-]Nacht den Herrn Yajña zusammen mit [seiner] Gattin und betraute ihn, [ihm die Aufgabe] anvertrauend, mit der [weiteren] Schöpfung. Hari [in Gestalt Yajñas] beschützte hierauf den Himmel, gepriesen von allen Götterscharen. Dann weihte Vidhi [Brahmā] den Svāyambhuva-Manu zusammen mit Śatarūpā [und] ließ [ihn] auf der Erde, in Barhiṣmatī, wohnen; und es gab künftige wie [schon] in [ihrem] Amt stehende Unter-Götter (upadeva) zu Tausenden. Sie dienten Manu aus Zuneigung [und] wurden dadurch „anteillos” [d.h. gewöhnliche Wesen ohne göttlichen Anteil]. Dann [erschuf/berief] Vidhi [Brahmā] [?, Textstelle stark verderbt] den mit Namen Valā(hvaya) genannten [?]. Dieser aber erschuf durch seine eigene Entfaltung sechsundneunzig [Arten/Formen] der Māyā: als unbeständige, als leidenschaftliche und als treulose Frauen – so dreifach.

Wort für Wort
merusthitaḥ brahmā niśānte
Brahmā, auf dem Meru weilend, am Ende der Nacht
yajñam īśvaram sapatnīkam abhiṣicya
Yajña, den Herrn, samt Gattin weihend
sarge sampārthya yojayat
betraute ihn mit der Schöpfung
apīpalat hariḥ svargam
Hari beschützte den Himmel
sarvadevagaṇeḍitaḥ
von allen Götterscharen gepriesen
svāyaṃbhuvam manum śatarūpā samanvitam abhiṣicya
Svāyambhuva-Manu samt Śatarūpā weihend
vidhiḥ bhūmau barhiṣmatyām avāsayat
Vidhi ließ [ihn] auf Erden in Barhiṣmatī wohnen
bhāvīnaḥ padasthāḥ upadevāḥ sahasraśaḥ
künftige und amtierende Unter-Götter zu Tausenden
manum paryacaran prītyā
sie dienten Manu aus Zuneigung
niraṃśāḥ tataḥ bhavan
wurden dadurch anteillos [gewöhnliche Wesen]
[V.18b unsicher]
[?] Textstelle stark korrumpiert, mehrere alternative Lesarten im Quelltext selbst vermerkt
saḥ ṣaṇṇavatī māyāḥ svavijṛmbhaṇataḥ asṛjat
er erschuf durch eigene Entfaltung 96 [Arten der] Māyā
svairiṇyaḥ kāminyaḥ puṃścalyaḥ iti tridhā
als unbeständige, leidenschaftliche, treulose Frauen – dreifach

[?] V.18 ist im Quelltext besonders stark korrumpiert (mehrere unaufgelöste Klammer-Varianten); die Übersetzung markiert diesen Teil bewusst als unsicher statt eine falsche Präzision vorzutäuschen. "Yajña" ist hier vermutlich der als Viṣṇu-Avatāra geltende Gemahl der Dakṣiṇā, der im Svāyambhuva-Manvantara als Indra herrscht (vgl. Purāṇa-Standardmotiv).

tajjātābhisamudbhūtāḥ bhoginyo bahuśo matāḥ / kṛtvākāmyaṃ bhāratesmin martyādhama purogamāḥ // 20 // adho lokeṣu viharaḥ etābhiḥ saha durmadāḥ / anekāḥ dānavopetāḥ balastadadhināyakaḥ // 21 // tadadhastācca vitale trivṛdbhūtagaṇāvṛtaḥ / kaiścidrakṣau (gu)gaṇairyuktāḥ bha(vā)vantyāste bhavaḥ kila // 22 // tayā sadā ramati saḥ tadvīryādhāṭakādibhiḥ / ḥ nadī tadantagā tatra śuṣmatyapyagnivāyubhiḥ // 23 // yannadīvāripānena adholokeṣu saṃsthitāḥ / madoddhatā narānāryaḥ krīḍanti suciraṃ sadā // 24 // tadadhastācca sutale pratimanvantareṣvapi / nāmarūpavibhedena prahlādaḥ sānugo 'vasat // 25 //

Von jener Art [Māyā] abstammend, gelten die zahlreichen Bhoginīs [Schlangen-/Zauberweiber]; nachdem sie in diesem Bhārata[-varṣa] nach Belieben gelebt haben, gehen sie den niedrigsten Sterblichen voran [als deren Anführerinnen]. In den unteren Welten wohnen [sie], zusammen mit diesen [Frauen], die vielen Übermütigen, begleitet von Dānavas; Bali ist ihr Oberhaupt. Und unterhalb davon, in Vitala, weilt – umgeben von einer dreifachen Schar von Bhūtas, verbunden mit gewissen Rakṣas- und [Guhyaka-]Scharen – wahrhaftig Bhava [Śiva] selbst. Mit ihr [Bhavānī] ergötzt er sich dort beständig; aus seiner Zeugungskraft [entsteht] Gold u.ä.; dort fließt der [Fluss] mitten hindurch, [genannt] Śuṣmatī, [erhitzt] auch durch Feuer und Wind. Durch das Trinken des Wassers jenes Flusses leben die in den unteren Welten Ansässigen – von Rausch übermütige Menschen und Nicht-Āryas – sehr lange Zeit hindurch stets in Ausgelassenheit. Und unterhalb davon, in Sutala, wohnte in jedem [aufeinanderfolgenden] Manvantara, unter wechselndem Namen und Gestalt, Prahlāda zusammen mit seinem Gefolge.

Wort für Wort
tajjātāḥ bhoginyaḥ bahuśaḥ matāḥ
von jener Art abstammend gelten die Bhoginīs als zahlreich
bhāratesmin kṛtvā kāmyam
in diesem Bhārata nach Belieben gelebt
martyādhama purogamāḥ
Anführerinnen der niedrigsten Sterblichen
adho lokeṣu vihāraḥ durmadāḥ
in den unteren Welten wohnen die Übermütigen
dānavopetāḥ baliḥ tadadhināyakaḥ
mit Dānavas verbunden, Bali ihr Oberhaupt
tadadhastāt vitale
unterhalb davon in Vitala
trivṛdbhūtagaṇāvṛtaḥ
umgeben von dreifacher Bhūta-Schar
bhavaḥ kila
wahrhaftig Bhava [Śiva]
tayā sadā ramati
mit ihr ergötzt er sich stets
tadvīryāt hāṭakādibhiḥ
aus seiner Zeugungskraft [entsteht] Gold u.a.
nadī tadantagā
der Fluss, mitten hindurchfließend
śuṣmatī agnivāyubhiḥ
[genannt] Śuṣmatī, durch Feuer und Wind [erhitzt]
tannadīvāripānena
durch das Trinken jenes Flusswassers
madoddhatāḥ narānāryāḥ krīḍanti suciram
vom Rausch übermütige Menschen/Nicht-Āryas spielen sehr lange
tadadhastāt sutale
unterhalb davon in Sutala
pratimanvantareṣu nāmarūpavibhedena
in jedem Manvantara unter wechselndem Namen/Gestalt
prahlādaḥ sānugaḥ avasat
Prahlāda wohnte mit Gefolge

[?] V.22-23 stark korrumpiert; Sinn rekonstruiert nach dem geläufigen Purāṇa-Motiv, wonach Śiva als „Hāṭakeśvara” mit Bhavānī in Vitala weilt und der Fluss Hāṭakī/Śuṣmatī dort aus seiner Kraft Gold hervorbringt (vgl. Bhāgavata-Purāṇa V.24). Die Aufzählung der sieben Unterwelten (Atala–Pātāla) wird hier implizit fortgesetzt: Vitala, Sutala, [Talātala], Mahātala (V.45), [Rasātala], Pātāla folgen der Standard-Abfolge.

vaivasvatāntare viṣṇorvāmanāya padatrayam / yācamānāya putrāya kaśyapasya mahātmanaḥ // 26 // balirvirocanasuto dadau lokatrayaṃ vibhuḥ / sopīndrāya padasthāya tasmādādāya dattavān // 27 // lokatrayaṃ hi devānāmanujo vaṭurūpadṛk / payovrataprabhāvenyaivāvirbhūtaḥ sa kaśyapāt // 28 // indra pravāsataḥ khinnamātṛtuṣṭyai jagatpatiḥ / baliṃ virocanasutaṃ mahābhāgavatottamam // 29 // sthāpayāmāsa talloke svayaṃ tadvārapālakaḥ / babhūva vāmanaḥ sarve svarūpāmarasevitaḥ // 30 // tasya trikoṭilomabhyo vāyustāvatsvarūpakaḥ / vāṇyā tāvadrūpavatyā vāmanasyārcako(kā) bhavat // 31 // vindhyāvalī patistatra balistiṣṭhati sānugaḥ / tadadhasta(tpri)nmayo viṣṇuḥ bhaktopyakhiladānavaiḥ // 32 // arthito dānavakule jātastakṣā bhavatpurā // tallokapaḥ sadaityānāṃ tripurāṇi vyacīklapat // 33 // abhedābhedyarūpāṇi svarṇaraupyāyasāni ca / sa nirmame purāstisraḥ svarṇaraupyāyasīmayaḥ // 34 // kāmayā teṣu teṣvete saṃsthitā tripuraukasaḥ / vihārāntare hyasmin sarvān jantūnapīḍayan // 35 //

Im Vaivasvata-[Manvantara] gab Bali, der Sohn Virocanas, dem [als] Vāmana [erschienenen] Viṣṇu, dem großherzigen Sohn Kaśyapas, der um drei Schritte [Land] bat, mächtig [wie er war,] die drei Welten. Dieser [Viṣṇu] aber, nachdem er sie [Bali] genommen hatte, gab sie dem [wieder in sein Amt] eingesetzten Indra. Denn die drei Welten der Götter [wurden zurückgewonnen] durch den jüngeren Bruder [Indras], der in Gestalt eines jungen Brahmacārin erschien – kraft des Payovrata[-Gelübdes der Aditi] eben aus Kaśyapa hervorgegangen. Zur Zufriedenstellung [seiner] Mutter, die über Indras Verbannung betrübt war, [setzte] der Herr der Welt Bali, den Sohn Virocanas, den vortrefflichsten großen Verehrer [Viṣṇus], selbst in jener [Unter-]Welt ein, [indem er] selbst dessen Torwächter wurde: so blieb Vāmana [dort], in seiner eigenen [wahren] Gestalt, verehrt von allen Unsterblichen. Aus seinen dreißig Millionen Haaren [entstand] Vāyu in ebenso vielen eigenen Gestalten; mit der [ebenso vielgestaltigen] Vāṇī [Rede] wurde [Vāyu] zum Verehrer Vāmanas [?]. Dort weilt Bali, Gemahl der Vindhyāvalī, zusammen mit seinem Gefolge. Unterhalb davon [ist] Viṣṇu, [?, verderbt], [selbst] von allen Dānavas verehrt. Gebeten [von den Dānavas], wurde er einst in deren Geschlecht als „Zimmermann/Baumeister” [takṣan] geboren, jener Welten-Hüter, [und] fertigte für die Daityas die drei Städte [Tripura]. Er, aus Gold, Silber und Eisen bestehend, formte die drei Städte, [deren Teile jeweils] unzerstörbar bzw. zerstörbar [waren, entsprechend ihrem Material aus] Gold, Silber und Eisen. Nach Belieben in jenen [Städten] jeweils ansässig, quälten diese Bewohner der drei Städte, während ihres Treibens, alle Geschöpfe.

Wort für Wort
vaivasvatāntare
im Vaivasvata-Manvantara
balirvirocanasutaḥ vāmanāya padatrayam dadau
Bali, Virocanas Sohn, gab Vāmana drei Schritte Land
saḥ tasmāt ādāya indrāya padasthāya dattavān
er nahm es ihm und gab es dem [wieder] eingesetzten Indra
devānām anujaḥ vaṭurūpadṛk
der jüngere Bruder der Götter, in Gestalt eines Brahmacārin
payovrataprabhāveṇa kaśyapāt āvirbhūtaḥ
kraft des Payovrata-Gelübdes aus Kaśyapa hervorgegangen
indrapravāsataḥ khinnamātṛtuṣṭyai
zur Zufriedenstellung der über Indras Verbannung betrübten Mutter
balim talloke sthāpayāmāsa
setzte Bali in jener Unterwelt ein
svayam tadvārapālakaḥ babhūva
wurde selbst dessen Torwächter
vāmanaḥ svarūpa-amara-sevitaḥ
Vāmana, von den Unsterblichen in eigener Gestalt verehrt
trikoṭilomabhyaḥ vāyuḥ tāvatsvarūpakaḥ
aus 30 Millionen Haaren [entstand] Vāyu in ebenso vielen Gestalten
vindhyāvalīpatiḥ baliḥ sānugaḥ tiṣṭhati
Bali, Gemahl der Vindhyāvalī, weilt mit Gefolge
akhiladānavaiḥ bhaktaḥ viṣṇuḥ
Viṣṇu, von allen Dānavas verehrt
dānavakule takṣā jātaḥ
im Dānava-Geschlecht als Zimmermann geboren
tripurāṇi vyacīklapat
fertigte die drei Städte
svarṇaraupyāyasīmayāḥ tisraḥ purāḥ nirmame
formte drei Städte aus Gold, Silber, Eisen
tripuraukasaḥ sarvān jantūn apīḍayan
die Bewohner der drei Städte quälten alle Geschöpfe

[?] V.31-33 stark korrumpiert (mehrere Klammer-Varianten im Quelltext); "takṣā" (Zimmermann/Baumeister) an dieser Stelle vermutlich auf den Architekten Maya bezogen bzw. eine Viṣṇu-Maya-Identifikation andeutend, nicht restlos sicher aufzulösen. Ansonsten folgt der Abschnitt dem geläufigen Vāmana-Bali- bzw. Tripura-Vorspann-Mythos.

surāstatpīḍayā rudraśaraṇaṃ yayurūrjitāḥ / rudraḥ pṛthvīrathaṃ kṛtvā rathāṅgaṃ śaśibhaskarau // 36 // devān kṛtvā hayānabjabhavaṃ kṛtvaiva sārathim / śeṣaṃ maurvyāṃ vidhāyeśo patatraṃ(taṃ) ca khageśvaram // 37 // kṛtvā viṣṇuṃ bāṇarūpaṃ svayamekakṣaṇe haraḥ / tripurāṇi dadāheśaḥ sarvalokasya śaṅkaraḥ // 38 // tripurāsuraputrādyaiḥ sahā vasati tatra hi / vaivasvatentare dakṣapatnyāḥ kaśyapabhāryakāḥ // 39 //

Die Götter, so mächtig sie waren, gingen wegen jener Bedrängnis zu Rudra um Zuflucht. Rudra, nachdem er die Erde zum Wagen, Mond und Sonne zu den [beiden] Rädern gemacht hatte, die Götter zu den Pferden, den Lotusgeborenen [Brahmā] zum Wagenlenker gemacht, Śeṣa als Bogensehne eingesetzt und den Herrn der Vögel [Garuḍa] als Pfeilfeder [genommen] hatte, und Viṣṇu zum Pfeil selbst gemacht hatte – der Herr Hara, Śaṅkara, der [Wohltäter] der ganzen Welt, verbrannte in einem einzigen Augenblick die drei Städte. Zusammen mit den Söhnen der Tripura-Dämonen u.a. wohnt er [Bali?] dort tatsächlich. Im Vaivasvata[-Manvantara, entstanden] aus Dakṣas Gattinnen, den Gemahlinnen Kaśyapas –

Wort für Wort
surāḥ tatpīḍayā rudraśaraṇam yayuḥ
die Götter gingen wegen jener Bedrängnis zu Rudra
rudraḥ pṛthvīratham kṛtvā
Rudra machte die Erde zum Wagen
śaśibhāskarau rathāṅgam
Mond und Sonne zu den Rädern
devān hayān kṛtvā
machte die Götter zu Pferden
abjabhavam sārathim kṛtvā
machte den Lotusgeborenen zum Wagenlenker
śeṣam maurvyām vidhāya
setzte Śeṣa als Bogensehne ein
khageśvaram patram
den Vogelherrn [Garuḍa] als Feder
viṣṇum bāṇarūpam kṛtvā
machte Viṣṇu zum Pfeil
haraḥ ekakṣaṇe tripurāṇi dadāha
Hara verbrannte in einem Augenblick die drei Städte
sarvalokasya śaṅkaraḥ
der Wohltäter der ganzen Welt
tripurāsuraputrādyaiḥ saha vasati
wohnt zusammen mit den Söhnen der Tripura-Dämonen
vaivasvatentare dakṣapatnyāḥ kaśyapabhāryakāḥ
im Vaivasvata-Manvantara, Dakṣas Gattinnen, Kaśyapas Frauen

Der klassische Tripura-dahana-Mythos (Rudra/Śiva zerstört die drei Dämonenstädte mit einem aus den übrigen Göttern zusammengesetzten Wagen und Viṣṇu als Pfeil) – hier knapp und in der Standardform referiert, Übergang in V.39 leitet zur folgenden Kaśyapa-Genealogie über.

trayodaśāsaṃ(śāḥ)stapasā tāsu putrānavāpa saḥ / vivasvān śakravaruṇamitrāḥ pūṣāryamābhagaḥ // 40 // savitā tvaṣṭrṛparjanyo dhātāyāṃ vāmano vaṭuḥ / aditestanayādityāṃ hiraṇyākṣahiraṇyakau // 41 // danau tu dānavā gāvo mahiṣyaḥ surabhīsutāḥ / tānmāyā pakṣiṇoriṣṭā yātudhānāśca nirṛtiḥ // 42 // ilāyāṃ bhūsurā āsan śvādayaḥ paramāsutāḥ / poṣṭāyā caiva betālāḥ kārdraveyā mahāhayaḥ // 43 // etanmanvantare ṣaṣṭhisahasrāṇi bhujaṅgamāḥ / kardrujāsteṣu kecittu tātvikāḥ śeṣasevakāḥ // 44 // apare karmajājāna stulyāstatputrapautrakāḥ / sastrīkā maṇibhūdhanyāḥ mahātala nivāsinaḥ // 45 //

Dreizehn [Gattinnen hatte Kaśyapa]; durch [seine] Askese erlangte er von ihnen Söhne: Vivasvān, Śakra, Varuṇa, Mitra, Pūṣan, Aryaman [und] Bhaga, Savitṛ, Tvaṣṭṛ, Parjanya, [und] von Dhātṛ [den als] Vāmana [erschienenen] jungen Brahmacārin – [dies die Söhne] Aditis. Von Diti [kamen] die beiden [Söhne] Hiraṇyākṣa und Hiraṇyaka[śipu]. Von Danu aber [kamen] die Dānavas; die Kühe [und] Büffelkühe [waren] die Nachkommen der Surabhi; von [Tāmrā kamen] die Vögel, die geliebten [Wesen der Ariṣṭā, die Gandharvas], und von Nirṛti die Yātudhānas [Dämonen]. Von Ilā stammten die Bhūsuras [?], Hunde u.a. [waren] die Nachkommen der Paramā/Krodhavaśā [?]; von Poṣṭā/Puṣṭi [kamen] die Vetālas, von Kadrūs Geschlecht die großen Schlangen [?]. In diesem Manvantara [gab es] sechzigtausend Schlangen, Kadrūs Nachkommen darunter; manche von ihnen, die „Wesenskundigen” (tāttvika), sind Diener des Śeṣa. Andere, aus [ihrem] Karma geboren, [ihnen] gleichrangig [?], [waren] deren Söhne und Enkel; zusammen mit [ihren] Frauen, reich an Juwelen und Land, Bewohner von Mahātala.

Wort für Wort
trayodaśa [patnyaḥ]
dreizehn [Gattinnen]
tapasā putrān avāpa
durch Askese erlangte er Söhne
vivasvān śakravaruṇamitrāḥ pūṣāryamābhagaḥ savitā tvaṣṭṛparjanyaḥ
die zwölf Āditya-Namen
dhātāyām vāmano vaṭuḥ
von Dhātṛ [der Sohn] Vāmana als junger Brahmacārin
aditeḥ tanayāḥ
Aditis Söhne
hiraṇyākṣahiraṇyakau [diteḥ]
Hiraṇyākṣa und Hiraṇyaka[śipu, von Diti]
danoḥ dānavāḥ
von Danu die Dānavas
surabhīsutāḥ gāvaḥ mahiṣyaḥ
Surabhis Nachkommen: Kühe, Büffelkühe
yātudhānāḥ nirṛtiḥ
die Yātudhānas von Nirṛti
ilāyām bhūsurāḥ āsan
von Ilā stammten die Bhūsuras [?]
kārdraveyāḥ mahāhayaḥ
von Kadrūs Geschlecht die großen Schlangen [?]
etanmanvantare ṣaṣṭhisahasrāṇi bhujaṅgamāḥ
in diesem Manvantara sechzigtausend Schlangen
kardrujāḥ tātvikāḥ śeṣasevakāḥ
Kadrūs Nachkommen, die Wesenskundigen, Diener Śeṣas
mahātala nivāsinaḥ
Bewohner von Mahātala

[?] Diese knappe Kaśyapa-Genealogie folgt dem geläufigen Purāṇa-Schema (Aditi→Ādityas, Diti→Daityas, Danu→Dānavas, Surabhi→Rinder, Tāmrā→Vögel, Ariṣṭā→Gandharvas, Nirṛti→Rākṣasas, Kadrū→Schlangen), ist aber in diesem Quelltext an mehreren Stellen (V.41-43) so verderbt, dass einzelne Mütternamen (Tāmrā, Ariṣṭā, Krodhavaśā, Puṣṭi) im überlieferten Wortlaut nicht mehr sicher erscheinen und nur aus dem bekannten Handlungsschema erschlossen wurden; entsprechend durchgehend [?]-markiert.

mahāviṣāḥ mahāgho(dhā)rāḥ kāmarūpadharāḥ khalāḥ / sarasvatyāṃ sapatnīkaḥ kaśyapastapa ācarat // 46 // tasyā vidūre patnīnāṃ bhavanāni vyacīkḷpat / upayuktanatadyuktaṃ tadbhṛtyāsteṣu cāvasan // 47 // kadācidmahimavatpārśvaṃ viyāhi(vipāhi)pati mātarau / gatvā dṛṣṭvoccaiśravasaṃ nīlavālamahīprasūḥ // 48 // prāhasvacchanda vinatākadrute vacanaṃ yadi / satyaṃ dāsī tavāhaṃsyāmanyathātvaṃ mameti ca // 49 // adyā sarātriśca prātariti te gṛhamīyatuḥ / tadbālanailyavarṇye tu sutānāha ca sādhavaḥ // 50 // naiścantānalapadvaihvau kālānnā śobhavettava / krūrāhayāstathākṛtvā tā cakrurmātṛ kiṃ karīm // 51 // śaptāhayaḥ śeṣavākyātsvarucyā(tsvastryākṣa)kṣamamātmanaḥ / jñātvā dadurjaratkāroḥ sanāmnīṃ bhaginīṃ muneḥ // 52 //

[Diese Schlangen,] von großem Gift, von großer Schrecklichkeit, Gestaltwandler, Übeltäter [waren es] – an der [Fluss-]Sarasvatī übte Kaśyapa mit [seinen] Gattinnen Askese. Nicht weit von dort fertigte er den Gattinnen Wohnstätten, [jeweils] angemessen eingerichtet; und deren Dienerschaft wohnte bei ihnen. Einst gingen die beiden Mütter [Vinatā und Kadrū] an die Seite des [Berges] Himavat [?] und erblickten, [dort] den Uccaiḥśravas [das göttliche Pferd] mit dunklem Schweif [erhabenen(?)] von der Erde geboren [?]. Kadrū sprach frei zu Vinatā: „Wenn dein Wort wahr [ist], werde ich fürwahr deine Dienerin sein; andernfalls [bist] du meine.” „Heute noch, die Nacht hindurch, bis zum Morgen” [– so vereinbart,] gingen sie nach Hause; hinsichtlich der [vermeintlichen] Schwärzung jenes jungen [Pferde-]Schweifs [aber] sprach sie [Kadrū] zu [ihren] Söhnen, den Rechtschaffenen [?]. [Sie forderte sie auf,] wie loderndes Feuer schwarz zu werden [?], damit ihr [Kadrūs Wette] gelänge [?]; die Schlangen aber, [ein solch] grausames [Verhalten] nicht begehend, fragten [ihre] Mutter: „Was sollen wir tun?” Die Schlangen wurden verflucht; auf Śeṣas Wort hin [– außer ihm ausgenommen –], das ihm angemessene [erkennend], gaben sie [dem Weisen] Jaratkāru [ihre] gleichnamige Schwester [Jaratkāru] zur Frau.

Wort für Wort
mahāviṣāḥ mahāghorāḥ kāmarūpadharāḥ khalāḥ
von großem Gift, großer Schrecklichkeit, Gestaltwandler, Übeltäter
sarasvatyām sapatnīkaḥ kaśyapaḥ tapaḥ ācarat
an der Sarasvatī übte Kaśyapa mit den Gattinnen Askese
patnīnāṃ bhavanāni vyacīkḷpat
fertigte den Gattinnen Wohnstätten
mahimavatpārśvam gatvā
[?] zur Seite des Himavat gehend
uccaiśravasam nīlavālam dṛṣṭvā
Uccaiḥśravas mit dunklem Schweif erblickend
kadrūḥ vinatām prāha
Kadrū sprach zu Vinatā
satyaṃ dāsī tava ahaṃ syām
wenn wahr, werde ich deine Dienerin
anyathā tvam mama
andernfalls du meine
sutān āha
sie sprach zu [ihren] Söhnen
ahayaḥ cakruḥ mātṛ kiṃ karīm
die Schlangen [fragten]: Mutter, was sollen wir tun?
śaptāḥ ahayaḥ śeṣavākyāt
die Schlangen wurden verflucht, außer auf Śeṣas Wort
jaratkāroḥ sanāmnīṃ bhaginīṃ dadur
sie gaben dem Jaratkāru die gleichnamige Schwester

[?] V.48, 50-51 gehören zu den am stärksten korrumpierten Stellen des ganzen Kapitels (im Quelltext selbst mehrfach durch alternative Klammer-Lesarten markiert); der Sinn wurde, wo möglich, aus dem bekannten Handlungsschema der Vinatā-Kadrū-Wette um die Farbe von Uccaiḥravas' Schweif erschlossen (vgl. die unabhängig übersetzte Parallelfassung im Mahābhārata-Projekt), nicht aus jener Übersetzung übernommen, sondern eigenständig aus diesem – deutlich knapperen und stärker verderbten – Wortlaut rekonstruiert.

sa viraktopi santaptaiḥ nirāśyairnarakāsthitaiḥ / pitṛbhiḥ prārthito gṛhṇaṃstadgarbhe tvāstikaṃ vyadhāt // 53 // tāṃ tyaktumūrau suṣṭāpa sā sandhyārthevyabodhayat / nidrābhaṅgakarā gacchetyāhu tatyāja tāṃ muniḥ // 54 // sāgrajaṃ prāpya suṣuve śikhāyajñopavītinam / sa āpadi smṛto yāmītyuktogānmātulaṃ prati // 55 // naimiśaṃ vāsukiḥ prāpya sudhāmamṛtamanthane(te) / śaptā hīnā tātvikāno tenātyanvipa saṃmatāḥ // 56 // takṣakaḥ śṛṅgiśāpena vyadaśacca parīkṣitam / śaśāsa pṛthivīṃ tasya sutaḥ sa janamejayaḥ // 57 // tadodaṅko gālavasya śiṣyaḥ sevā sukhātmanaḥ / dakṣiṇāmapi dāsyāmītyuktaḥ sa kupito 'diśat // 58 // asādhya pauṣyabhāryāyāḥ rājñā dehi sukuṇḍale / ityuktogāt puraṃ tasya mārge gomayabhakṣaṇam // 59 // kṛtvānācāmya rājānaṃ dṛṣṭvā yācatsva bhāminīm / yācayetyāha tāṃ gehe henāyasya śaptumārabhat // 60 // nṛpaṃ na śapa māṃ brahman śuddhaḥ paśyasi bhāminīm / tata ācamya gatvā tāṃ dṛṣṭvā tāṃ prāpa saṅkuṇḍale // 61 //

Er [Jaratkāru], obwohl entsagend, [doch] von den gequälten, hoffnungslosen, in der Hölle befindlichen Vorfahren gebeten, nahm [die Frau] an [und] erzeugte in ihrem Schoß Āstīka. Um sie zu verlassen, legte er [sein Haupt] auf [ihren] Schoß und schlief ein; sie weckte ihn um der Dämmerungsriten willen. Verärgert, aus dem Schlaf gerissen zu werden, sagte er „Ich gehe” und verließ sie, [der Weise]. Sie, zu [ihrem] ältesten Bruder [Vāsuki] gegangen, gebar [den Sohn], schon mit Haarschopf und heiliger Schnur [geboren]. In Gefahr gerufen (erinnert), [sprach] er: „Ich gehe” – dies gesagt, ging er zu [seinem] Onkel mütterlicherseits. Vāsuki, zum Naimiṣa[-Wald] gelangt [?, oder: bei der Milchozean-Quirlung, sudhā/amṛta-manthana], [wo die Schlangen] verflucht [und um den Nektar] betrogen worden waren – die „Wesenskundigen” (tāttvika) unter ihnen wurden dadurch [später, durch Āstīkas Vermittlung] als anerkannt betrachtet [?]. Und Takṣaka biss, durch Śṛṅgins Fluch [veranlasst], Parīkṣit [zu Tode]; über die Erde herrschte hierauf dessen Sohn Janamejaya. Damals [diente] Utaṅka, der Schüler Gālavas, [seinem] wohlgesinnten [Lehrer]; als ihm gesagt wurde „Ich werde [dir] auch die Lehrer-Gabe (dakṣiṇā) geben”, wurde er zornig und wurde [zu einer Aufgabe] beauftragt. „Erlange von Pauṣyas Gattin [ihre] schönen Ohrringe [und] gib [sie mir]” – so gesagt, ging er in dessen Stadt; auf dem Weg [begegnete ihm die Aufforderung zum] Verzehr von Kuhdung. Nachdem er [dies] getan [und sich] gespült hatte, sah er den König [und wurde aufgefordert]: „Bitte du selbst die edle Frau [um die Ohrringe].” „Bittet [sie]”, sagte er zu [den Dienern] im Haus; [dabei] begann er, [jemanden namens] Hena zu verfluchen. „Verfluche nicht den König, o Brahmane – [verfluche] mich; [nur wenn du] rein [bist], wirst du die edle Frau sehen.” Daraufhin, gespült und [wieder] hingegangen, sah er sie und erlangte von ihr die beiden Ohrringe.

Wort für Wort
saḥ viraktaḥ api pitṛbhiḥ prārthitaḥ gṛhṇan
er, obwohl entsagend, von den Vorfahren gebeten, annehmend
tadgarbhe āstikam vyadhāt
erzeugte in ihrem Schoß Āstīka
tām tyaktum ūrau suṣṭāpa
um sie zu verlassen, schlief er auf [ihrem] Schoß
sandhyārthe vyabodhayat
sie weckte ihn um der Dämmerungsriten willen
nidrābhaṅgakarā
die den Schlaf unterbrach
gacchati iti āha tatyāja tām muniḥ
,ich gehe' sagend, verließ sie der Weise
sā agrajam prāpya suṣuve
sie gebar, zum ältesten Bruder gegangen
śikhāyajñopavītinam
[den Sohn] mit Haarschopf und heiliger Schnur [geboren]
āpadi smṛtaḥ mātulaṃ prati yayau
in Gefahr gerufen, ging er zum Onkel
vāsukiḥ naimiśaṃ prāpya
Vāsuki, zum Naimiṣa gelangt
śaptāḥ hīnāḥ tātvikāḥ
verflucht, betrogen, die Wesenskundigen
takṣakaḥ śṛṅgiśāpena parīkṣitam vyadaśat
Takṣaka biss, durch Śṛṅgins Fluch, Parīkṣit
tasya sutaḥ janamejayaḥ pṛthivīm śaśāsa
dessen Sohn Janamejaya herrschte über die Erde
utaṅkaḥ gālavasya śiṣyaḥ
Utaṅka, Gālavas Schüler
dakṣiṇām dāsyāmi iti uktaḥ kupitaḥ
,ich werde die Gabe geben' gesagt, wurde er zornig
pauṣyabhāryāyāḥ sukuṇḍale asādhya dehi
erlange von Pauṣyas Gattin die schönen Ohrringe, gib [sie]
mārge gomayabhakṣaṇam
auf dem Weg der Verzehr von Kuhdung
rājānam dṛṣṭvā bhāminīm yācatsva
den König gesehen, bitte die edle Frau
śuddhaḥ paśyasi bhāminīm
rein wirst du die edle Frau sehen
kuṇḍaladvaye prāpa
erlangte die beiden Ohrringe

[?] Dieser Abschnitt (V.53-61) erzählt in stark komprimierter, an mehreren Stellen (V.56, 60) unklarer Form dieselbe Āstīka-/Sarpasatra- bzw. Utaṅka-Gālava-Rahmenerzählung, die auch das Ādiparva des Mahābhārata (dort unabhängig übersetzt, s. Projekt 2) kennt; die vorliegende Fassung ist deutlich knapper und weist eigene, im Mahābhārata nicht auftretende Details auf (z.B. die genaue Formulierung des Kuhdung-Verzehrs, der Name „Hena”), wurde aber ausschließlich aus diesem Quelltext selbst und unabhängig erarbeitet, nicht aus der Mahābhārata-Fassung übertragen.

sāha pūrve takṣakāyemādāmāyā ca tepi ca / pativratānasaṃdṛśyā(dhṛṣyā)hantu(ntuṃ)śakrohamādṛ(gamadrṛ)tam // 62 // yato bhaveti taṃ prāhagurubhaktaṃ na mā spṛśet / ityuktau yācitaḥ pauṣyādbhuñjan śrāddhānnagaṃ kacam // 63 // dṛṣṭvā śatbhavāndha(śapadbhāndha)vastvam iti sopyaśapan munim / apatnī kosīti rājye lokasyāndhopi paśyasi // 64 // iti datvā varaṃ vipro yayau mārgetha takṣakaḥ / śiṣyo bhūtvā granthivāhaḥ soviśacca rasātalam // 65 // muniśca yogasāmarthyāttatrāgānnāgamāyayā / adhostuvadhi(veści)vantasya gomūtraṃ netrayorvyadhāt // 66 // tato paśyannāgarājo bhiyādāt kuṇḍaladvayam / tadādāya gurordatvā kruddhogājjanamejayam // 67 // taṃ prāhatvaṃ vṛthājāto pitṛmṛtyuṃ na cāvadhīḥ / ahaṃ mantrapravaktāsmi sambhārān chaṭayāścalam // 68 // vinā śeṣaṃ sarvalokān nirbhujaṅgān karomyaham / ityuktvā sarpayāgena bhujaṅgān śatakoṭiśaḥ // 69 // vyahanacchakramagamaṃstakṣakādyā nacāpatan / tato ṛṣiḥ sahendrotra takṣakaḥ patatāmiti // 70 //

Sie [Pauṣyas Gattin?] sprach [von einem früheren Vorfall]: Zuvor, dem Takṣaka [seien die Ohrringe anvertraut worden(?)] – auch sie [wurden getäuscht(?)]; um die treue Gattin nicht anzugreifen [?], suchte Śakra [Indra] ihm [Utaṅka] beizustehen [?, Vers stark verderbt]. „Da [es sich so verhält], berühre mich nicht” – so [zu ihm] gesagt, [der er als] dem Lehrer ergeben [galt] – gebeten von Pauṣya, [Utaṅka] aß [beim] Śrāddha-Mahl [ein Haar] [im Essen], [das er] erblickte. Als er dies sah, [rief er:] „Erblindet sollst du sein!” [?] – so [verfluchte er den König]; jener aber verfluchte im Gegenzug auch den Weisen: „Du bist ohne Gattin – wie kannst du, [selbst] im Königreich [ansässig], das Volk [beurteilen]? Auch [du sollst] erblinden.” So, nachdem [dieser Gegen-]Fluch gewährt war, ging der Brahmane [weiter]; auf dem Weg aber [entwendete] Takṣaka, zum Schüler geworden, mit einem Knoten [die Ohrringe] und tauchte hinab nach Rasātala. Der Weise [Utaṅka] aber gelangte kraft seines Yoga mittels einer Schlangen-Illusion dorthin; [er] tat dem [Pferd(?)] Kuh-Urin in die Augen. Da gab der Schlangenkönig [Takṣaka] aus Furcht das Augen-erblickende (?) Paar Ohrringe zurück; nachdem er [sie] genommen und dem Lehrer gegeben hatte, ging er zornig zu Janamejaya. Er sprach zu ihm: „Vergeblich bist du geboren, [da] du den Tod deines Vaters nicht gerächt hast! Ich bin der Sprecher des Mantra – lasse die Opfermittel eilends bereiten!” „Außer Śeṣa mache ich alle Welten schlangenfrei!” – so gesprochen, erschlug er durch das Schlangenopfer die Schlangen zu hundert Millionen. [Doch] Takṣaka und die anderen, zu Śakra [Indra] geflohen, fielen nicht [ins Feuer]. Da [sprach] der Ṛṣi: „Zusammen mit Indra möge Takṣaka hier [nun ins Feuer] fallen!”

Wort für Wort
takṣakāya [kuṇḍale?] pūrve
dem Takṣaka [die Ohrringe?] zuvor [anvertraut]
pativratām hantum śakraḥ ādṛtam
[?] um die treue Gattin nicht zu schädigen, half Śakra
gurubhaktam mā spṛśet
,berühre den [seinem] Lehrer Ergebenen nicht'
pauṣyāt yācitaḥ bhuñjan śrāddhānnagaṃ kacam dṛṣṭvā
von Pauṣya gebeten, beim Śrāddha-Mahl ein Haar im Essen erblickend
andhaḥ bhava iti aśapat
,erblinde' - so verfluchte er
saḥ api munim aśapat
auch dieser verfluchte den Weisen
apatnīḥ kaḥ asi rājye lokasya andhaḥ api paśyasi
,ohne Gattin, wie beurteilst du blind das Volk im Reich'
vipraḥ varaṃ datvā yayau
der Brahmane, den [Gegen-]Fluch gewährt, ging
takṣakaḥ śiṣyaḥ bhūtvā granthivāhaḥ rasātalam āviśat
Takṣaka, zum Schüler geworden, mit Knoten, tauchte nach Rasātala
muniḥ yogasāmarthyāt nāgamāyayā tatra agāt
der Weise gelangte kraft Yoga mittels Schlangenillusion dorthin
gomūtram netrayoḥ vyadhāt
tat Kuh-Urin in die Augen
nāgarājaḥ bhiyāt kuṇḍaladvayam ādāt
der Schlangenkönig gab aus Furcht die Ohrringe zurück
gurave datvā kruddhaḥ janamejayam agāt
dem Lehrer gegeben, zornig zu Janamejaya gegangen
vṛthājātaḥ pitṛmṛtyum na avadhīḥ
vergeblich geboren, den Vatertod nicht gerächt
ahaṃ mantrapravaktā asmi
ich bin der Sprecher des Mantra
vinā śeṣaṃ sarvalokān nirbhujaṅgān karomi
außer Śeṣa mache ich alle Welten schlangenfrei
sarpayāgena bhujaṅgān śatakoṭiśaḥ vyahanat
erschlug durch das Schlangenopfer Schlangen zu Hundertmillionen
takṣakādyāḥ śakram agaman na apatan
Takṣaka u.a. flohen zu Śakra, fielen nicht
ṛṣiḥ sahendraḥ takṣakaḥ patatām iti
der Ṛṣi [sprach]: mit Indra möge Takṣaka fallen

[?] V.62-64 zählen zu den am stärksten korrumpierten Versen dieses Adhyāya (mehrere unauflösbare Wortformen im Quelltext selbst mit alternativen Klammer-Lesarten versehen); die Übersetzung folgt dem aus dem bekannten Utaṅka-Pauṣya-Rahmen erschließbaren Handlungsgerüst, markiert aber die Einzelheiten durchgehend als unsicher.

takṣakāyasahendrāya svāhetyajuhadāhutim / tadākampatsvarāṇṇāgāḥ asmarannāstikaṃ munim // 71 // sobhītyā pūjito rājñā hyudakenāpi cāstikaḥ / svābhipretaṃ tadodakamāyā ca janamejayam // 72 // dāsyerthitamiti prokte dehi mātulajīvanam / iti takṣakapūrvān saḥ kālamṛtyorvyamūmucat // 73 // sācodakaṃ samādhā(dhyā)ya takṣakādīn vadhorvyadhāt / yajñaprāpya phalaṃ rājñe datvā sarpān athāśapat // 74 // anāgasaṃ mādaśadhvaṃ nāgasaṃsmaraṇān mama / anyathā vaḥ śiraḥ śīrṇaṃ bhavediti yayau muniḥ // 75 // vinatā sevayākhinnā garbhaṃ garbhiṇyatāḍayat / urupṛṣṭhepurājātānūrupādavivarjitān // 76 // svāśaktiṃ kālato dāsya prājñāṃrabhagarbhavipam / proktvā māturyayau yāntā sūryasyāsarathasthitaḥ // 77 // saudāminyāṃ sutau tasya dvau sampātijaṭāyuṣau / kālena garuḍo jāto viṣṇorvāho babhūva ha // 78 // piturvākyādbalaprāptyai babhakṣa gajakacchapau / gandhamādanago pūrvaṃ gandharvau śāpasambhavau // 79 //

„Für Takṣaka, zusammen mit Indra – svāhā!” – so brachte er die Opferspende dar. Da erbebten die Himmel; die Schlangen gedachten [in ihrer Not] des Weisen Āstīka. Er, aus Furcht [ehrfurchtsvoll(?)], wurde vom König geehrt, auch mit [Weih-]Wasser; und Āstīka [erhielt die Zusage, dass] das, was er sich wünsche, ihm gewährt werde – jenes [mit] Wasser [bekräftigte Versprechen] – an Janamejaya [gerichtet]. „Ich werde [dir geben], was du erbittest” – so gesagt, [sprach Āstīka:] „Gib [mir] das Leben meines Onkels [mütterlicherseits]!” So befreite er Takṣaka und die anderen [Schlangen] vom [ihnen] durch die Zeit bestimmten Tod. Er [Janamejaya], nachdem er dies mit [dem Weih-]Wasser bekräftigt hatte, befreite Takṣaka und die anderen von der Tötung. Nachdem er die Frucht des Opfers erlangt [und Āstīka] gewährt hatte, verfluchte er hierauf [die übrigen] Schlangen: „Beißt keinen Schuldlosen, [aus] Erinnerung an mich, den Nāga [bzw.: an meinetwillen] – andernfalls soll euer Haupt zerbersten!” – so [gesagt,] ging der Weise fort. [Rückblende:] Vinatā, erschöpft vom Dienst[verhältnis, in das sie durch die Wette geraten war], schwanger, zerschlug [eines der beiden] Eier; [daraus wurde ein Sohn] geboren, [dessen] oberer Rücken [entwickelt, doch] ohne Schenkel und Füße. [Dieser Sohn, das Ergebnis der vorzeitigen Geburt,] verkündete [seiner] Mutter [zur Strafe für ihre Ungeduld] Dienstbarkeit auf [eine bestimmte] Zeit hin [?, Vers stark verderbt] und ging fort, um [als] Wagenlenker der Sonne seinen Platz einzunehmen. In [seiner Frau] Saudāminī [zeugte er] zwei Söhne, Sampāti und Jaṭāyu. Mit der Zeit wurde Garuḍa geboren [und] wurde zu Viṣṇus Reittier. Auf des Vaters Wort hin, um Kraft zu erlangen, verschlang er einen Elefanten und eine Schildkröte – vormals, auf [dem Berg] Gandhamādana, zwei Gandharvas, die durch einen Fluch [in diese Gestalt geraten] waren.

Wort für Wort
takṣakāya sahendrāya svāhā iti āhutim ajuhat
für Takṣaka mit Indra ,svāhā' brachte er die Opferspende dar
tadā ākampata svaḥ nāgāḥ āstikam munim asmaran
da erbebte der Himmel, die Schlangen gedachten des Āstīka
bhiyā pūjitaḥ rājñā udakena
aus Furcht/Ehrfurcht vom König mit Wasser geehrt
svābhipretam dāsye iti
,ich werde geben, was du wünschst'
mātulajīvanam dehi
gib das Leben meines Onkels
takṣakapūrvān kālamṛtyoḥ vyamūmucat
befreite Takṣaka u.a. vom Tod durch die Zeit
yajñaphalam prāpya sarpān aśapat
die Opferfrucht erlangt, verfluchte er die Schlangen
anāgasam mā daśadhvam
beißt keinen Schuldlosen
nāgasaṃsmaraṇāt mama
aus Erinnerung an mich, den Nāga
śiraḥ śīrṇaṃ bhavet
das Haupt soll zerbersten
vinatā sevayā akhinnā garbham atāḍayat
Vinatā, vom Dienst erschöpft, zerschlug das Ei
urupṛṣṭhe ūrupādavivarjitān jātān
am oberen Rücken [entwickelt], ohne Schenkel/Füße geboren
sūryasya sārathasthitaḥ
Platz als Sonnen-Wagenlenker einnehmend
saudāminyām sampātijaṭāyuṣau dvau sutau
in Saudāminī zwei Söhne, Sampāti und Jaṭāyu
kālena garuḍaḥ jātaḥ viṣṇorvāhaḥ babhūva
mit der Zeit wurde Garuḍa geboren, Viṣṇus Reittier
piturvākyāt balaprāptyai gajakacchapau babhakṣa
auf des Vaters Wort, um Kraft, verschlang Elefant und Schildkröte
gandhamādanago gandharvau śāpasambhavau
auf Gandhamādana, zwei durch Fluch entstandene Gandharvas

[?] V.73-77 zeigen erneut starke Textkorruption (Vinatās Eier-Episode, Aruṇas Geburt/Fluch). Mit V.76 setzt eine erzählerische Rückblende ein: die Vinatā-Kadrū-Wette (V.48-52) und Āstīkas Rettung der Schlangen (V.71-75) werden nun um die vorausliegende Geschichte von Vinatās zwei Söhnen (Aruṇa, dann Garuḍa) ergänzt – ein für Purāṇa-Erzählungen typisches, nicht-lineares Erzählverfahren.

kadrūtamāhātmasutān prati pīyūṣadosicet / dāsyānmokṣe mātaraṃ ca ityepāstu na cādhikam // 80 // ityukto 'mṛtamādāya prādāttargādvyamocayat / dāsyāt svamātaraṃ svargagatavaccaṃ sureśvarāḥ // 81 // prākṣipatṛṇavataṃ ca vidhūya ca sudhāṃ punaḥ / śakroyadāpa ca svargaṃ(śakrāyadādāpasakhya) tasya kardrumathāvadat // 82 // kutomṛtaṃ hṛtamiti pṛṣṭe hi vinatāsutaḥ / mātā tvayā vañcitā me mayā tvaṃ tena vañcitaḥ // 83 // dehītyuktā sudhāṃ pāyayeti noktamato(hṛ)dhṛtam / tadādi garuḍaḥ sarpān vañcakān hantumārabhat // 84 // kardurhisvottamādrohāt putraśokāturābhavat / vañcakāste patan yajñe tadanye garuḍāśinaḥ // 85 // tadutthitāstasya karaṃ datvā jīvanti kṛtsnaśaḥ / kovā nirāgasānusardhūgṛdhyajīvitumutsahe // 86 // ihāmutrāpi duḥkhaṃ te yogyā api bhavanti hi / kimayogyā rākṣasāstu viśanti tama ūrjitam // 87 // evaṃ śeṣasya sāmīpyasevāyāmṛtapānataḥ / sakhyāt garutmataḥ śrīśabhaktito gurubhaktitaḥ // 88 // niṣkāpaṭyādāstikasya varataḥ śakradāsataḥ / mātuḥ śāpaṃ tṛṇīkṛtya sukhamāpuḥ sa pannagāḥ // 89 // kimalabhyaṃ jagatyasti viṣṇuvaiṣṇavasevayā / mahātale tu(ku) sarpāṇāṃ sthānaṃ vipati bibhratam // 90 // śivasya varatonyeṣu caranto yānti dur(gar)matiḥ // 91 //

Um Kadrūs [Söhnen] Nektar zu verspritzen (zu bringen), [und] um [seine] Mutter aus der Sklaverei zu erlösen – „dies allein sei genug, nicht mehr” [nahm er sich vor]. So gesprochen, nahm er den Nektar [und] gab ihn, [und] befreite dadurch seine eigene Mutter aus der Sklaverei; die Herren der Götter [aber kamen], als sei [der Nektar] zum Himmel gegangen. Er setzte [das Nektargefäß] auf Darbha-Gras nieder, und den Nektar wieder [an sich] ziehend, gewann Śakra [Indra letztlich seine] Freundschaft, [nachdem er ihm den Himmel zurückgegeben hatte]; da sprach Kadrū zu ihm. „Woher [ist] der Nektar geraubt?” – so gefragt, [antwortete] Vinatās Sohn: „Meine Mutter wurde von dir betrogen; von mir bist du dafür [nun] betrogen worden.” „Gib [ihn]!”, wurde gesagt, „lass [uns] den Nektar trinken!” – [doch] es wurde nicht gestattet, [der Nektar] wurde zurückgehalten (entzogen). Von da an begann Garuḍa, die betrügerischen Schlangen zu töten. Kadrū aber wurde, wegen des ihr durch den Höchsten [zugefügten] Unrechts [?], von Kummer um [ihre] Söhne gequält; jene Betrüger fielen im Opfer[feuer], die anderen wurden Garuḍas Nahrung. Diejenigen, die davon [dennoch] überlebten, leben, [nachdem sie ihm] Tribut gezahlt haben, gänzlich [weiter]. Denn wer wagte es wohl, ohne [selbst] schuldlos zu sein, gierig vom [Fleisch] der Unschuldigen zu leben? Für sie [gibt es] Leid sowohl hier als auch im Jenseits, [selbst wenn sie] würdig sind; wieviel mehr [erst] die Unwürdigen – die Rākṣasas [nämlich] gehen ein in mächtige Finsternis. So erlangten jene Schlangen, [dank] des Dienstes in der Nähe des Śeṣa, [dank] des Nektartrunkes, [dank] der Freundschaft mit Garutmān [Garuḍa], [dank] der Hingabe an den Gatten der Śrī [Viṣṇu], [dank] der Hingabe an den Lehrer, [dank] der Lauterkeit des Āstīka, [dank] dessen Segensgabe, [dank ihres Standes als] Diener Śakras – die Mutter-Verfluchung geringachtend – Glück. Was ist in der Welt unerreichbar durch Dienst an Viṣṇu [und seinen] Vaiṣṇavas? In Mahātala ist der Aufenthaltsort der Schlangen, [ein Ort, der zwar] Gefahr in sich trägt; doch die, die durch Śivas Gunst unter anderen [Herren] wandeln, verfallen einer bösen Gesinnung.

Wort für Wort
kadrūtamāhātmasutān prati pīyūṣadosicet
um Kadrūs Söhnen Nektar zu bringen [beabsichtigte er]
dāsyāt mokṣe mātaram
zur Befreiung der Mutter aus der Sklaverei
amṛtam ādāya prādāt vyamocayat
den Nektar genommen, gegeben, befreit
sureśvarāḥ svargagatavat
die Götterherren, als sei [er] zum Himmel gegangen
tṛṇavataṃ prākṣipat
setzte [es] auf Darbha-Gras nieder
sudhām vidhūya punaḥ
den Nektar wieder entziehend
śakraḥ svargaṃ [prāpa] sakhyaṃ ca [tasya]
Śakra [erlangte] den Himmel und dessen Freundschaft
kutaḥ amṛtam hṛtam iti pṛṣṭe
,woher ist der Nektar geraubt' gefragt
mātā tvayā vañcitā
die Mutter wurde von dir betrogen
mayā tvam tena vañcitaḥ
von mir bist du dadurch betrogen
sudhām pāyaya iti na uktam dhṛtam
,lass trinken' - es wurde nicht gestattet, zurückgehalten
garuḍaḥ sarpān vañcakān hantum ārabhat
Garuḍa begann, die betrügerischen Schlangen zu töten
kardūḥ putraśokāturā abhavat
Kadrū wurde von Kummer um die Söhne gequält
vañcakāḥ yajñe patan
die Betrüger fielen im Opfer
anye garuḍāśinaḥ
die anderen wurden Garuḍas Speise
tadutthitāḥ karam datvā jīvanti kṛtsnaśaḥ
die Überlebenden leben, Tribut zahlend, gänzlich weiter
nirāgasān gṛdhya jīvitum kaḥ utsahe
wer wagt es, von den Schuldlosen gierig zu leben
ihāmutrāpi duḥkham yogyāḥ api
Leid hier und im Jenseits, selbst den Würdigen
rākṣasāḥ tamaḥ ūrjitaṃ viśanti
die Rākṣasas gehen in mächtige Finsternis ein
śeṣasya sāmīpyasevayā amṛtapānataḥ
durch Dienst nahe bei Śeṣa, durch Nektartrunk
garutmataḥ sakhyāt śrīśabhaktitaḥ gurubhaktitaḥ
durch Freundschaft mit Garuḍa, Hingabe an Viṣṇu, an den Lehrer
āstikasya niṣkāpaṭyāt varataḥ śakradāsataḥ
durch Āstīkas Lauterkeit, dessen Segen, als Śakras Diener
mātuḥ śāpam tṛṇīkṛtya sukham āpuḥ
die Mutter-Verfluchung geringachtend erlangten sie Glück
viṣṇuvaiṣṇavasevayā kim alabhyam
was ist durch Dienst an Viṣṇu/Vaiṣṇavas unerreichbar
mahātale sarpāṇāṃ sthānam vipati bibhratam
in Mahātala der Aufenthalt der Schlangen, Gefahr bergend
śivasya varataḥ anyeṣu carantaḥ durmatiḥ yānti
die durch Śivas Gunst bei anderen wandeln, verfallen böser Gesinnung

[Anm.: Schlussvers V.91 liegt im Quelltext, wie schon bei 1.18 beobachtet, nur als einzelne Zeile vor statt der sonst üblichen zwei – ob dies ein bewusst kürzerer Schlussvers oder eine abgeschnittene zweite Zeile ist, bleibt offen.] Der Abschnitt V.80-91 rundet die Garuḍa-Sarpasatra-Erzählung mit einer expliziten theologischen Deutung ab: die letztliche Rettung der Schlangen wird nicht ihrer eigenen Kraft, sondern einer Kette von Verdiensten zugeschrieben (Dienst an Śeṣa, Nektar, Garuḍas Freundschaft, Viṣṇu-Hingabe, Āstīkas Reinheit), während die Schlussverse 90-91 den Gegensatz zwischen Viṣṇu-Dienst (der selbst gefahrvolle Orte wie Mahātala sicher macht) und dem als „böse Gesinnung” (durmati) gebrandmarkten Wandel „bei anderen [Herren]” (vermutlich eine Anspielung auf Śiva-Verehrung außerhalb der Pāñcarātra-Hingabe) ziehen – im selben sektiererischen Grundton wie die Advaita-Polemik in Adh.3-4.

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