Quellen der Menschheit

Prakāśa-Saṃhitā

Paṭala 16: brahmaṇo 'jñānabhayaśokavaikuṇṭhadarśana-sṛṣṭikramavarṇanam Teil 2, Adhyāya 1: Brahmās Unwissenheit, Furcht und Zweifel, die Vision Vaikuṇṭhas und die Schöpfung in vier Nachtabschnitten

PS_2,1.1-34 (erster Adhyāya des zweiten Paricheda/Teils). Sprachlich und theologisch außerordentlich dichtes Kapitel: introspektiver Monolog Brahmās über seine eigene 'manifeste Unwissenheit' (bhāvarūpājñāna) und deren Zusammenhang mit Durgā/Ramā (V.1-10); eine syllogistisch anmutende Argumentation Brahmās über die Ursache seiner eigenen Existenz (V.11-15); eine Krise mit Sturm, Furcht und einer schreckenerregenden Erscheinung der 'Großen Zeit' (Mahākāla) mit dem Antlitz Nṛsiṃhas, gefolgt von Viṣṇus Anweisung zur Askese (V.16-20); die Vision Vaikuṇṭhas und Verleihung universaler Herrschaft an Brahmā (V.21-24); und schließlich die eigentliche Schöpfung in vier Nachtabschnitten – Weltenei, Welten-Lotos, Zeigen Vaikuṇṭhas, Virāṭ-Schöpfung mit dreifach-dreifacher Aufteilung der Prinzipien für die Grobstoffkörper aller Wesensklassen (V.25-34). Zahlreiche Verse (bes. 1-9, 14, 16, 18) sind sprachlich sehr unsicher; mehrere Lesarten sind im Quelltext selbst alternativ in Klammern vermerkt. Der Duktus unterscheidet sich deutlich vom eher deskriptiv-kosmographischen Teil 1.

kañjasthitaḥ svayaṃ brahmā nāpaśyat sarvagaṃ harim / yatnavānapi tatpūrvamanasītthamacintayat // bhāvarūpājñānamāninyapi durgājagadguroḥ / nityānugrahapātratvāt putra(ucca)tvācca ramā mama // svopāsanāratatvācca nājñānaṃ bhāvarūpakam / icchatisma saliṅgasyānādyavidyāyutasya ca // svakīyasyendireṣanme hyabhiprāyaṃ śivādayaḥ / aviditvānyathābrūyuḥ durgājñānapradaiva sā // na samarthājñānadāne vidherityasurāśrayāḥ / ityajñāvākyairmā(turme 'yaśasaḥ kāraṇaṃ vacaḥ //

Brahmā, im Lotos weilend, sah selbst Hari, den Allgegenwärtigen, nicht; / obwohl bemüht, dachte er zuvor in seinem Geist so [bei sich] [?, Vers sehr komprimiert]. Auch Durgā, die sich selbst für von der Natur manifester Unwissenheit [bhāvarūpa-ajñāna] hält, [ist die Śakti] des Weltenlehrers [Hari]; / wegen [meiner] ewigen Würdigkeit für [ihre] Gnade und wegen [meiner] Sohnschaft [?, Lesart 'ucca' = 'Erhabenheit' unsicher] ist Ramā [Lakṣmī] die Meine. Und wegen [ihrer] Hingabe an die Verehrung ihrer selbst begehrt die 'manifeste Unwissenheit' [Durgā] nicht / [die Verehrung] dessen, der mit einem Feinstoffkörper und mit anfangsloser Nescience [avidyā] versehen ist [?]. Śiva und andere, meine eigene Indirā [Lakṣmī] betreffend, kennen wahrlich nicht meine [wahre] Absicht; / ohne [sie] zu kennen, würden sie anders sprechen; sie [Durgā] gewährt fürwahr Unwissenheit. '[Sie ist] nicht fähig, Vidhi [Brahmā] Unwissenheit zu geben' – so [sprechen] jene, die den Asuras [d.h. den Unwissenden] zuflucht suchen; / durch solch unwissende Worte [entsteht] eine Rede, die Ursache für die Schande meiner Mutter [ist] [Anm.: der gesamte Abschnitt ist außerordentlich unsicher und lässt sich nur andeutungsweise philologisch sichern; Grundgedanke scheint eine theologische Rechtfertigung von Brahmās vorübergehender 'Unwissenheit' (ajñāna) durch das Wirken Durgās/Ramās zu sein].

Wort für Wort
kañjasthitaḥ svayaṃ brahmā nāpaśyat sarvagaṃ harim
Brahmā im Lotos sah Hari nicht
bhāvarūpājñānamāninī durgā jagadguroḥ
Durgā, sich für manifeste Unwissenheit haltend, [Śakti] des Weltenlehrers
nityānugrahapātratvāt ramā mama
wegen ewiger Gnadenwürdigkeit ist Ramā die Meine
svopāsanāratatvācca nājñānaṃ bhāvarūpakam icchatisma
wegen Hingabe an eigene Verehrung begehrt die manifeste Unwissenheit nicht
śivādayaḥ aviditvānyathābrūyuḥ
Śiva u.a. würden, ohne es zu kennen, anders sprechen
durgājñānapradaiva sā
sie [Durgā] gewährt fürwahr Unwissenheit
asurāśrayāḥ ityajñāvākyaiḥ
die den Asuras zuflucht Suchenden, mit unwissenden Worten

Beginn von Teil 2 (Paricheda 2): ein sprachlich und theologisch außerordentlich dichter, introspektiver Monolog Brahmās über seine eigene zeitweilige 'Unwissenheit' (ajñāna) und deren Ursache in Durgā/Ramā. Der Duktus unterscheidet sich deutlich von der eher deskriptiven Kosmographie in Teil 1; zahlreiche Stellen bleiben trotz sorgfältiger Analyse unsicher [?] und wurden nicht geglättet.

tatrāhaṃ saṃmato mātuḥ kīrtyarthaṃ prārthayāmi tām / durgāmiti tathā cakre tenādātsasya saṃśayam // datvājñānaṃ kṣaṇārdhantu svabharturbhaktimātanot / bhayaśokau ca tenāsāvajñobhīto babhūva hā // tadajñanaṃ bhāvarūpaṃ caturvāraṃ harerbhayam / śoko dvivāraṃ ramayā prārthito jagadīśvaraḥ // dadāvalocanābhāva daśāyāṃ niyamaḥ kṛtaḥ / vṛtyajñānasya bahuśaḥ sambhavādbrahmaṇopi tu // saṃkhyāviśeṣasyoktatvāt bhāvājñānaṃ vadanti tat / tatastvitthaṃ saṃśayobhūt trivāraṃ padmajanmanaḥ //

'Dort bin ich, von [meiner] Mutter geschätzt, bitte sie um ihretwillen [d.h. um Ruhm] um dies'; / so tat er zu Durgā; dadurch entstand jenem [Brahmā] Zweifel [Anm.: Vers sehr unsicher]. Nachdem sie für einen halben Augenblick Unwissenheit gegeben hatte, erwies sie [zugleich] ihrem eigenen Gatten Hingabe; / und durch sie wurde jener, [nun] unwissend, von Furcht und Trauer ergriffen, ach! Jene manifeste Unwissenheit [trat] viermal [auf]; Furcht vor Hari, / Trauer zweimal – [so wurde] der Herr der Welt von Ramā angefleht [Anm.: gemeint offenbar, dass Ramā für Brahmā um Gnade bat]. Im Zustand der Sehlosigkeit gab er [eine Regel]; eine Regel wurde aufgestellt / wegen des mehrfachen Auftretens der Modifikation der Unwissenheit, auch bei Brahmā. Weil eine bestimmte Anzahl genannt wird, nennt man dies 'manifeste Unwissenheit'; / danach entstand so, dreimal, Zweifel beim Lotos-Geborenen [Brahmā].

Wort für Wort
tatrāhaṃ saṃmato mātuḥ prārthayāmi tāṃ durgām
'ich, von der Mutter geschätzt, bitte Durgā'
tenādātsasya saṃśayam
dadurch entstand ihm Zweifel
datvājñānaṃ kṣaṇārdhantu svabharturbhaktimātanot
nach halbem Augenblick Unwissenheit gab sie zugleich Hingabe an ihren Gatten
bhayaśokau tenāsāvajñobhīto babhūva
durch sie wurde er, unwissend, von Furcht und Trauer ergriffen
tadajñanaṃ bhāvarūpaṃ caturvāraṃ
jene manifeste Unwissenheit viermal
harerbhayam śoko dvivāraṃ
Furcht vor Hari, Trauer zweimal
ramayā prārthito jagadīśvaraḥ
der Weltenherr von Ramā angefleht
saṃkhyāviśeṣasyoktatvāt bhāvājñānaṃ vadanti
wegen genannter Anzahl nennt man es manifeste Unwissenheit

Zählung der Episoden von Brahmās 'manifester Unwissenheit' (viermal), Furcht vor Hari (unbestimmt oft) und Trauer (zweimal) sowie dreifachem Zweifel – ein numerisch strukturiertes, aber sprachlich sehr komprimiertes theologisches Schema, dessen genaue Bezüge unsicher bleiben [?].

svataḥ padmamidaṃ jātaṃ kiṃpuṃsānyena kenacit / iti sañcintya puṃsyaiva jātaṃ naiva jaḍasya tat // svataḥ pravṛttirghaṭate jñānecchāderabhāvataḥ / ahaṃ padmena vā jātaḥ matsṛṣṭiḥ puruṣeṇa vā // iti saṃścitya matsṛṣṭiḥ puruṣeṇai no vā / iti niścitya sa pumān svatantro vāsvatantrakaḥ // iti sañcintyāsvatantraḥ kathaṃ māṃ sraṣṭumarhati / tasmāt svatantrājjātohaṃ taṃ pasyāṃ punarutthitaḥ (paśyeyaṃ) // iti nālaṃ praviśyāntaḥ nāpaśyat punarutthitaḥ / kañjastha āsa tajjñānaṃ viparītamajasya hi //

'Ist dieser Lotos von selbst entstanden, oder durch irgendeine andere Person?' / so nachdenkend [schloss er]: er entstand tatsächlich durch eine Person, keineswegs aus etwas Unbewusstem. Selbstverursachte Tätigkeit kommt [bei Unbewusstem] nicht zustande, wegen des Fehlens von Wissen, Willen und dergleichen [dort]; / 'bin ich durch den Lotos entstanden, oder ist meine Erschaffung durch eine [bewusste] Person [geschehen]?' Nachdem er so überlegt hatte: 'ist meine Erschaffung durch eine Person, oder nicht?', / nachdem er so entschieden hatte, [fragte er weiter]: 'ist jene Person unabhängig, oder nicht unabhängig?' So nachdenkend [schloss er]: 'Wie könnte ein Nicht-Unabhängiger mich erschaffen können? / Daher bin ich aus einem Unabhängigen entstanden; möge ich ihn sehen' – [so] erhob er sich [erneut, um zu suchen]. So [dachte er, und] eingedrungen in den Stängel, sah er, wieder erhoben, [ihn dennoch] nicht; / [Brahmā] blieb im Lotos; jenes Wissen des Unerschaffenen [Brahmā] war fürwahr verkehrt [Anm.: gemeint ist, dass Brahmās Schlussfolgerung, den Ursprung durch bloßes Suchen im Inneren des Lotosstängels finden zu können, ein Fehlschluss war].

Wort für Wort
svataḥ padmamidaṃ jātaṃ kiṃpuṃsānyena kenacit
'ist der Lotos von selbst oder durch eine Person entstanden?'
puṃsyaiva jātaṃ naiva jaḍasya
entstanden durch eine Person, nicht durch Unbewusstes
svataḥ pravṛttirghaṭate jñānecchāderabhāvataḥ
selbstverursachte Tätigkeit kommt bei fehlendem Wissen/Willen nicht zustande
ahaṃ padmena vā jātaḥ matsṛṣṭiḥ puruṣeṇa vā
'bin ich durch den Lotos oder durch eine Person entstanden?'
sa pumān svatantro vāsvatantrakaḥ
'ist jene Person unabhängig oder nicht?'
asvatantraḥ kathaṃ māṃ sraṣṭumarhati
'wie könnte ein Unabhängiger mich nicht erschaffen können?' [wörtl. Nicht-Unabhängiger]
tasmāt svatantrājjātohaṃ taṃ paśyeyam
'daher bin ich aus einem Unabhängigen entstanden; möge ich ihn sehen'
praviśyāntaḥ nāpaśyat punarutthitaḥ
eingedrungen, sah er auch wieder erhoben [ihn] nicht
tajjñānaṃ viparītamajasya
jenes Wissen des Unerschaffenen war verkehrt

Bemerkenswert rationale, syllogistisch anmutende Argumentationskette Brahmās über die Ursache seiner eigenen Existenz (nicht aus Unbewusstem, sondern aus einer unabhängigen Person) – eine Art impliziter kosmologischer Gottesbeweis innerhalb der Erzählung, dessen Fehlschluss (bloßes Suchen im Lotosstängel genügt nicht) im letzten Vers markiert wird.

bahirnadṛṣṭaḥ sa kathamantardṛṣṭi pa(ka)thaṃ vrajet / tataḥ pracaṇḍavātotthādbhūmirmajjalakampitāt // padmāt patanniva mahābhayagrastho babhūva ha / tadā kṣaṇārdhaṃ śokobhūdbrahmaṇaḥ parameṣṭhinaḥ // sṛṣṭvā kālaṃ mahākālaṃ māninaṃ vidhimātanot / kālāvāsāne tvāsanne taṅgraniṣyati cādadat // āsyaṃ nṛsihmastu tadā bhayaśokānvito bhavat / atraiva tatkāraṇena bhāvājñānayuto bhavet // nānyatra duḥkhājñānādyaṃ ya(ma)duktaṃ tanmṛṣaiva hi / tatastapatapa iti viṣṇoreva vaco śṛṇot //

Wenn er [Hari] schon außen nicht gesehen wurde, wie sollte er auf dem Weg des inneren Sehens [allein gefunden werden können]? [Anm.: rhetorische Zurückweisung von Brahmās vorigem Fehlschluss]. Dann, durch einen aufkommenden heftigen Sturm, wurde der Grund [der Lotosstängel], im Wasser versinkend, erschüttert; / wie vom Lotos fallend, wurde [Brahmā] von großer Furcht ergriffen; / da entstand für einen halben Augenblick Trauer bei Brahmā, dem Höchstgestellten. Nachdem [Hari] die Zeit erschaffen hatte, ließ er Mahākāla [die 'Große Zeit'], den Selbst-Bewussten, sich zu Vidhi [Brahmā] erstrecken; / und bei der nahenden Vollendung der Zeit werde jener [Mahākāla ihn, Brahmā,] ergreifen [?, Vers unsicher]. Sein [Mahākālas] Antlitz aber [war] das Nṛsiṃhas [des Mann-Löwen]; da wurde [Brahmā] von Furcht und Trauer erfasst; / genau hier, aus diesem Grund, sollte er mit manifester Unwissenheit versehen worden sein [Anm.: erklärende Rückbindung an die vorher gezählten Episoden]. Nirgendwo sonst [trat] das erste Leid-Unwissenheit-[Ereignis, wie zuvor] gesagt, [auf]; das ist fürwahr falsch [Anm.: Korrektur einer vorher genannten, offenbar irrigen Lehrmeinung]. Dann hörte er die Worte Viṣṇus selbst: 'tapas, tapas' ['übe Askese, übe Askese'].

Wort für Wort
bahirnadṛṣṭaḥ sa kathamantardṛṣṭi vrajet
wenn außen nicht gesehen, wie durch inneres Sehen [allein]?
pracaṇḍavātotthādbhūmirmajjalakampitāt
durch heftigen Sturm wurde der im Wasser versunkene Grund erschüttert
padmāt patanniva mahābhayagrastho babhūva
wie vom Lotos fallend, von großer Furcht ergriffen
sṛṣṭvā kālaṃ mahākālaṃ vidhimātanot
nach Erschaffung der Zeit ließ er Mahākāla sich zu Vidhi erstrecken
āsyaṃ nṛsihmastu bhayaśokānvito bhavat
sein Antlitz war Nṛsiṃhas; er wurde von Furcht und Trauer erfasst
nānyatra duḥkhājñānādyaṃ tanmṛṣaiva hi
nirgendwo sonst das erste Leid-Ereignis; das ist falsch
tatastapatapa iti viṣṇoreva vaco śṛṇot
dann hörte er Viṣṇus Worte: 'übe Askese, übe Askese'

Höhepunkt der Krise: Brahmā erlebt in der personifizierten 'Großen Zeit' (Mahākāla) ein furchterregendes Antlitz in Gestalt Nṛsiṃhas (des Mann-Löwen-Avatāras), woraufhin ihm von Viṣṇu die Anweisung zur Askese ('tapas tapas') zuteilwird – Wendepunkt der Erzählung. Mehrere Verse (bes. 16, 18) bleiben grammatisch/lexikalisch unsicher [?].

tato dhyānaṃ jagaddhātuḥ kṛtvā paśyat sasarvagam / brahmā dadarśa vaikuṇṭhaṃ harerlokaṃ mahādbhutam // pūrvoktāśeṣasumahāviśeṣārthaguṇonnatam / dṛṣṭvā tuṣṭāva natveśaṃ kṛtārthobhūt sakañjajaḥ // sarvādhipatyaṃ tasyādāt sarvajñatvaṃ vikuṇṭhapaḥ / tadvaśobhūt svatantropi bhagavān bhaktavatsalaḥ // dvisaptamanubhogārhakālaṃ dhāturaho vyadhāt / yathā tathā rātrikālaṃ vyabhajadbhagavān vibhuḥ //

Dann, nachdem er Meditation über den Träger der Welt vollzogen hatte, sah [Brahmā] den Allgegenwärtigen; / Brahmā erblickte Vaikuṇṭha, Haris wundervolle Welt, / erhöht durch die Gesamtheit der zuvor genannten, überaus großen, besonderen Eigenschaften; / nachdem er [sie] gesehen hatte, pries er [sie], verneigte sich vor dem Herrn, [und] der Lotosgeborene wurde in seinem Zweck erfüllt. Der Herr Vaikuṇṭhas gab ihm Herrschaft über alles [und] Allwissenheit; / obwohl unabhängig, wurde der Erhabene, den Verehrern zugetan, [dennoch] seinem [Brahmās Wunsch] gefügig. Für die vierzehn [dvisapta = 2×7] Manus [je] genussfähige Zeit [ihrer Herrschaft] bestimmte der Ordner [Brahmā] fürwahr; / ebenso teilte der allgegenwärtige Erhabene die Nachtzeit [in Abschnitte] ein.

Wort für Wort
dhyānaṃ jagaddhātuḥ kṛtvā paśyat sasarvagam
nach Meditation über den Weltenträger sah er den Allgegenwärtigen
brahmā dadarśa vaikuṇṭhaṃ harerlokaṃ mahādbhutam
Brahmā erblickte Vaikuṇṭha, Haris wundervolle Welt
dṛṣṭvā tuṣṭāva natveśaṃ kṛtārthobhūt
nach dem Anblick pries er, verneigte sich, wurde erfüllt
sarvādhipatyaṃ sarvajñatvaṃ vikuṇṭhapaḥ tasyādāt
der Herr Vaikuṇṭhas gab ihm Herrschaft über alles und Allwissenheit
svatantropi bhagavān tadvaśobhūt
obwohl unabhängig wurde der Erhabene ihm gefügig
dvisaptamanubhogārhakālaṃ dhāturaho vyadhāt
für die vierzehn Manus bestimmte der Ordner die Zeit
rātrikālaṃ vyabhajadbhagavān vibhuḥ
der allgegenwärtige Erhabene teilte die Nachtzeit ein

Auflösung der Krise: Brahmā erlangt durch Meditation die Vision Vaikuṇṭhas (bereits ausführlich in Adh.15 beschrieben) und wird von Hari mit universaler Herrschaft und Allwissenheit betraut. Übergang zur folgenden Schöpfungsschilderung in vier Nacht-Abschnitten.

tatrādyarātribhāge tu sāṅgaṃbrahmāṇḍamātanot / tatrāṇḍanāmako viṣṇuḥ praviśyāntaḥ samedhayat // rātridvitīyabhāge tu padmanābhasya nābhitaḥ / saṃsṛṣṭasyānyabhāgena lokapadmaṃ vyadhāddhariḥ // padmāgragaṃ ca brahmāṇaṃ tadajñānabhayādikam / tacchāntiṃ tasya tadbhaktyudrekaṃ tasya tapasthitim // tasminpūrṇānugrahaṃ ca kṛtavān harirūrjitam / rātri tṛtīyabhāge tu vaikuṇṭhamatisundaram // sasarja tallokapatirajasyādarśayaddhariḥ / sa dṛṣṭvā taṃ vidadhyau muktāmukteśvaraṃ harim //

Dort, im ersten Nachtabschnitt, entfaltete er das kosmische Ei mitsamt seinen Teilen; / dort machte Viṣṇu, 'das Ei' genannt, [es] gedeihen, indem er hineinging. Im zweiten Nachtabschnitt aber, von Padmanābhas Nabel, / durch einen anderen Teil des Verbundenen, formte Hari das Welten-Lotos. Und Brahmā, an der Spitze des Lotos befindlich, [mit] jener Unwissenheit, Furcht und dergleichen, / deren Beruhigung, das Übermaß seiner Hingabe, seinen Zustand der Askese – / auf ihn gewährte Hari vollständige und mächtige Gnade; und im dritten Nachtabschnitt, das überaus schöne Vaikuṇṭha / erschuf [Hari], der Herr jener Welt, und zeigte [es] dem Unerschaffenen [Brahmā]. Nachdem er es gesehen hatte, meditierte er über jenen Hari, den Herrn der Befreiten und Unbefreiten.

Wort für Wort
ādyarātribhāge sāṅgaṃbrahmāṇḍamātanot
im ersten Nachtabschnitt entfaltete er das Weltenei
aṇḍanāmako viṣṇuḥ praviśyāntaḥ samedhayat
Viṣṇu, 'das Ei' genannt, ließ es durch Eintritt gedeihen
rātridvitīyabhāge padmanābhasya nābhitaḥ lokapadmaṃ vyadhāddhariḥ
im zweiten Nachtabschnitt formte Hari aus Padmanābhas Nabel das Welten-Lotos
padmāgragaṃ brahmāṇaṃ tadajñānabhayādikam
Brahmā an der Lotosspitze, mit jener Unwissenheit und Furcht
tasminpūrṇānugrahaṃ kṛtavān hariḥ
auf ihn gewährte Hari vollständige Gnade
rātri tṛtīyabhāge vaikuṇṭhaṃ sasarja ajasyādarśayat
im dritten Nachtabschnitt erschuf und zeigte er Vaikuṇṭha dem Unerschaffenen
muktāmukteśvaraṃ harim vidadhyau
er meditierte über Hari, den Herrn der Befreiten und Unbefreiten

Die Schöpfung vollzieht sich in vier Nachtabschnitten (rātri-bhāga): Weltenei (1.), Welten-Lotos aus Viṣṇus Nabel (2.), Zeigen Vaikuṇṭhas an Brahmā als Gnadenakt (3.) – der vierte Abschnitt (Virāṭ-Schöpfung) folgt in der nächsten Einheit.

caturthāṃśe niśāyāṃśca virāṭsṛṣṭiṃ dadarśa ha / dṛṣṭvā dvisaptalokeṣu virāṭdehasthitān surān // sūkṣmadehasthān pūrvamanirūddhāt sasūkṣmakān / tathājastatra tatraiva sthūladehayutān vyadhāt // aṇḍanirmāṇakāle tu hyasaṃsṛṣṭāni sarvaśaḥ / tatvānyādāya saṃyojya tatridhāvyabhajaddhariḥ // aṇḍaṃ tadāditaścakre dvītīyenābjamātanot / tṛtīyaṃ tu tridhābhitvā punarekaikaśāstridhā // devopadevamartyānāṃ sthūlānyādaistribhirvyadhāt / dvitīyāṃśaistribhisthūlānyāsurāṇāṃ śrī harīcchayā //

Und im vierten Teil der Nacht sah er fürwahr die Schöpfung des Virāṭ [der kosmischen Gestalt]; / nachdem er, in den vierzehn [dvisapta] Welten, die im Virāṭ-Körper befindlichen Götter gesehen hatte, / [zunächst] in Feinstoffkörpern befindlich, ursprünglich von Aniruddha [her] mit ihren feinstofflichen [Formen] – / ebenso versah [sie] der Unerschaffene [Brahmā] dort, an eben jenen Orten, mit Grobstoffkörpern. Zur Zeit der Bildung des [kosmischen] Eis aber, [waren] die [Prinzipien] durchweg unverbunden; / Hari, die Prinzipien [tattvas] aufnehmend und verbindend, teilte sie in drei Weisen. Aus dem ersten [Teil] machte er sogleich das [kosmische] Ei; mit dem zweiten entfaltete er das Lotos; / das dritte aber, nachdem er es dreifach geteilt hatte, [teilte er] wiederum jedes einzelne [nochmals] dreifach. Mit den ersten drei [davon] machte er die Grobstoffkörper der Götter, Untergötter [und] Sterblichen; / mit den zweiten drei Teilen die Grobstoffkörper der Asuras, nach Śrī-Haris Willen.

Wort für Wort
caturthāṃśe niśāyāṃ virāṭsṛṣṭiṃ dadarśa
im vierten Nachtteil sah er die Virāṭ-Schöpfung
dvisaptalokeṣu virāṭdehasthitān surān
in den vierzehn Welten die im Virāṭ-Körper befindlichen Götter
sūkṣmadehasthān pūrvamanirūddhāt
zuerst in Feinstoffkörpern, von Aniruddha her
ajastatra sthūladehayutān vyadhāt
der Unerschaffene versah sie dort mit Grobstoffkörpern
aṇḍanirmāṇakāle tatvānyādāya saṃyojya tridhāvyabhajaddhariḥ
bei der Ei-Bildung nahm Hari die Prinzipien, verband und teilte sie dreifach
aṇḍaṃ cakre dvītīyenābjamātanot
aus dem ersten das Ei, mit dem zweiten das Lotos
tṛtīyaṃ tridhābhitvā punarekaikaśāstridhā
das dritte dreifach geteilt, jedes wieder dreifach
devopadevamartyānāṃ sthūlānyādaistribhirvyadhāt
mit den ersten drei die Grobkörper von Göttern, Untergöttern, Sterblichen
āsurāṇāṃ sthūlāni dvitīyāṃśaistribhiḥ śrī harīcchayā
die Grobkörper der Asuras mit den zweiten drei, nach Śrī-Haris Willen

Abschluss des Kapitels: die Schöpfung der Grob- und Feinstoffkörper aller Wesensklassen (Götter, Untergötter, Sterbliche, Asuras) im vierten Nachtabschnitt, mittels einer dreifach-dreifachen Aufteilung der Prinzipien (tattvas) durch Hari. Grundlegendes Muster der Pāñcarātra-Kosmogonie, das an frühere Kapitel (u.a. Adh.11 Guṇa-Klassifikation) anknüpft.

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