Quellen der Menschheit

Prakāśa-Saṃhitā

Paṭala 3: Tṛtīyo 'dhyāyaḥ (Paratattvanirṇaya, Prathamaparicchedaḥ) Dritter Adhyāya – Die Zeitlehre: vom Zeitatom bis zu den zwei Parārdhas, und Haris Zeitlosigkeit

Dritter Adhyāya der Prakāśa-Saṃhitā (Pāñcarātra), gelehrt von Śrī Haṃsa. Eine der dichtesten Passagen des Werks: Definition des kleinsten Zeitmaßes (paramāṇu) über das im Sonnenstrahl sichtbare Staubkorn bzw. die Haarwuchszeit, gestufte Zeitatom-Hierarchie Sterbliche-Götter-Brahmā-Ramā-Hari (V.1-5); Aufbau der Zeiteinheiten-Skala bis zum Tag-und-Nacht (V.6-16); die klassische Vier-Yuga-Lehre in Menschen- und Götterjahren mit Dämmerungszeiten, Summe 4.320.000 Jahre/Mahāyuga (V.16-26); Manvantara- und Kalpa-Rechnung, Brahmās hundertjähriges Leben aus zwei Parārdhas, Auflösung und Wiedererschaffung der Wesen, Weltenei-Kosmologie (V.27-43); philosophischer Kernteil zur Zeitlosigkeit Viṣṇus: kein Fehler haftet ihm an, Zeit ist ihm nur übertragen zugeschrieben, die ganze Zeitmaß-Lehre dient allein dazu, Todesfurcht zu überwinden (V.44-66); Abschluss mit der Lehre von den endlosen, in Haris Haarporen wohnenden Universen (romāṅkura-Motiv, vgl. Brahma-Saṃhitā) und der bleibenden Verschiedenheit (bheda) von Gott, Seelen, Materie und Śrī trotz aller Abhängigkeit (V.67-77). Mehrere Verse mit Zahlenangaben zu Manvantara-Auflösungsintervallen (V.27-29, 33, 36, 38, 42) sind im vorliegenden Quelltext unsicher/verderbt und entsprechend [?] markiert. Quelle: GRETIL prakassu.htm (Sansknet-Projekt, keine benannte moderne kritische Edition – gemeinfrei nutzbar).

jālarandhrāt grahāviṣṭā sūryaraśmiprabhā bhuvi / yadā bhavanti tasyāḥ samīpe tirgāsthitaḥ // keśaṃ yadodgamayato so martyānāṃ paramāṇukaḥ / martyottamo bhaktipākāt maharādiṣu saṃsthitaḥ

Wenn die Lichtstrahlen der Sonne, durch das Loch eines Gitters eingedrungen, auf dem Boden nahe [dem Loch] sichtbar werden, quer stehend [als Staubteilchen erkennbar] – die Zeit, die ein Haar zum Wachsen [um diese sichtbare Weite] braucht, das ist das 'Zeitatom' (paramāṇu) der Sterblichen. Der beste der Sterblichen weilt, durch Reifung der Hingabe, in Mahar[loka] und den [höheren Welten].

Wort für Wort
jāla-randhrāt
durch das Loch eines Gitters
grahā-viṣṭā
eingedrungen
sūrya-raśmi-prabhā
das Licht der Sonnenstrahlen
bhuvi
auf dem Boden
yadā bhavanti
wenn sie sichtbar werden
tasyāḥ samīpe
nahe ihm [dem Loch]
tiryak-sthitaḥ
quer/schräg stehend
keśam
ein Haar
yadā udgamayataḥ
wenn es wachsen lässt
saḥ martyānām paramāṇukaḥ
das ist das Zeitatom der Sterblichen
martya-uttamaḥ
der beste der Sterblichen
bhakti-pākāt
durch die Reifung der Hingabe
mahar-ādiṣu saṃsthitaḥ
weilt in Mahar[loka] und den [höheren Welten]

[?][Anm.] Klassische Definition des kleinsten Zeitmaßes über das im Sonnenstrahl sichtbare Staubkorn (vgl. Vaiśeṣika trasareṇu) bzw. über die Haarwuchs-Zeit; Formulierung an mehreren Stellen unsicher.

yaṃ kālaṃ sūkṣmadṛgveda sa kālaḥ paramāṇukaḥ / tacchatāṃśo hi devānāṃ tacchatāṃśobjajasya tu

Die Zeitspanne, die ein Feinsichtiger [als kleinste Einheit] erkennt, das ist das Zeitatom; ein Hundertstel davon ist das der Götter, und ein Hundertstel wiederum davon ist das des Lotusgeborenen [Brahmā].

Wort für Wort
yam kālam
die Zeitspanne, die
sūkṣma-dṛk veda
ein Feinsichtiger erkennt
saḥ kālaḥ paramāṇukaḥ
das ist das Zeitatom
tat-śata-aṃśaḥ hi devānām
ein Hundertstel davon [ist] das der Götter
tat-śata-aṃśaḥ abjajasya tu
und ein Hundertstel davon [ist] das des Lotusgeborenen

bhūmau sthitānāṃ martyānāṃ yaḥ kālaḥ paramāṇukaḥ / tacchatāṃśo devaloke sthitasya paramāṇukaḥ

Das Zeitatom der auf der Erde weilenden Sterblichen – ein Hundertstel davon ist das Zeitatom dessen, der in der Götterwelt weilt.

Wort für Wort
bhūmau sthitānām martyānām
der auf der Erde weilenden Sterblichen
yaḥ kālaḥ paramāṇukaḥ
das Zeitatom, das [gilt]
tat-śata-aṃśaḥ
ein Hundertstel davon
deva-loke sthitasya paramāṇukaḥ
ist das Zeitatom dessen, der in der Götterwelt weilt

tatkoṭyaṃśo ramāyāśca tadanantāṃśako hareḥ / paramāṇuriti proktaḥ tadanyairnyaiva budhyate

Ein Zehnmillionstel davon ist [das Zeitatom] Ramās, und ein unendlich-kleiner Bruchteil davon ist das Haris – [diese Stufenfolge] wird 'Zeitatom' genannt; sie wird von keinem anderen [als diesen] verstanden.

Wort für Wort
tat-koṭi-aṃśaḥ ramāyāḥ ca
ein Zehnmillionstel davon [ist das] Ramās
tad-ananta-aṃśakaḥ hareḥ
ein unendlich-kleiner Bruchteil davon [ist das] Haris
paramāṇuḥ iti proktaḥ
[dies] wird Zeitatom genannt
tad-anyaiḥ na eva budhyate
von keinem anderen wird es verstanden

[Anm.] V.1-5: gestufte Zeitatom-Hierarchie Sterbliche→Götter→Brahmā→Ramā→Hari, jeweils um Größenordnungen feiner.

paramāṇudvayātmātu kālo dvyaṇukar iritaḥ / paramāṇutrayātmasya tryaṇukaḥ parikīrtitaḥ

Die Zeiteinheit aus zwei Zeitatomen wird 'Doppelatom' (dvyaṇuka) genannt; die aus drei Zeitatomen wird 'Dreifachatom' (tryaṇuka) benannt.

Wort für Wort
paramāṇu-dvaya-ātmā
aus zwei Zeitatomen bestehend
kālaḥ dvyaṇukaḥ iritaḥ
die Zeiteinheit wird Doppelatom genannt
paramāṇu-traya-ātmasya
aus drei Zeitatomen bestehend
tryaṇukaḥ parikīrtitaḥ
wird Dreifachatom benannt

[Anm.] V.6-12: aufbauende Zeiteinheiten-Skala (paramāṇu→dvyaṇuka→tryaṇuka→truṭi→vedha→lava→nimeṣa→kṣaṇa→kāṣṭhā→laghu→vināḍikā→nāḍikā→muhūrta→ahorātra), ein aus Vaiśeṣika/Purāṇa-Kosmologie bekanntes Schema.

truṭiḥ tribhiśca tryaṇukaiḥ vedhaḥ syāttatrayeṇa tu / lavovedhatrayātmāsyāt nimeṣastu tribhirlavaiḥ

Eine 'Truṭi' [besteht] aus drei Dreifachatomen; ein 'Vedha' sei aus drei von diesen [Truṭis]; ein 'Lava' bestehe aus drei Vedhas; und ein 'Nimeṣa' [Augenblick] aus drei Lavas.

Wort für Wort
truṭiḥ tribhiḥ tryaṇukaiḥ
eine Truṭi aus drei Dreifachatomen
vedhaḥ syāt tat-trayeṇa
ein Vedha sei aus drei davon
lavaḥ vedha-traya-ātmā syāt
ein Lava bestehe aus drei Vedhas
nimeṣaḥ tribhiḥ lavaiḥ
ein Nimeṣa aus drei Lavas

kṣaṇastrinamiṣaḥ proktaḥ kāṣṭhākhyā kṣaṇapañcakāt / kāṣṭhābhiḥ pañcadaśabhiḥ laghukālaḥ prakīrtitaḥ

Ein 'Kṣaṇa' wird als drei Nimeṣas bezeichnet; aus fünf Kṣaṇas [entsteht] die 'Kāṣṭhā' genannte [Einheit]; aus fünfzehn Kāṣṭhās wird die Zeit 'Laghu' benannt.

Wort für Wort
kṣaṇaḥ tri-nimeṣaḥ proktaḥ
ein Kṣaṇa wird als drei Nimeṣas bezeichnet
kāṣṭhā-ākhyā kṣaṇa-pañcakāt
die Kāṣṭhā genannte [Einheit] aus fünf Kṣaṇas
kāṣṭhābhiḥ pañcadaśabhiḥ
aus fünfzehn Kāṣṭhās
laghu-kālaḥ prakīrtitaḥ
wird die Zeit Laghu benannt

laghubhiḥ pañcadaśabhiḥ vināḍikā prakīrtitā / vināḍikā ṣaṣṭhibhiryā nāḍikaikā bhaviṣyati

Aus fünfzehn Laghus wird eine 'Vināḍikā' benannt; aus sechzig Vināḍikās wird eine 'Nāḍikā'.

Wort für Wort
laghubhiḥ pañcadaśabhiḥ
aus fünfzehn Laghus
vināḍikā prakīrtitā
wird eine Vināḍikā benannt
vināḍikā ṣaṣṭhibhiḥ yā
die aus sechzig Vināḍikās [besteht]
nāḍikā ekā bhaviṣyati
wird eine Nāḍikā sein

tābhyāṃ muhūrtatriṃśadbhiḥ ahorātramitīritam / aṣṭamāṃśānnyūnasaptaghaṭikābhiśca saptabhiḥ // sapādasaptabhirvāpi sārdhasaptabhireva vā / yāmaḥ kāloṣṭabhirvāpi kālabhedena coditaḥ

Aus zwei Nāḍikās [entsteht] ein 'Muhūrta'; aus dreißig Muhūrtas wird ein Tag-und-Nacht (ahorātra) bezeichnet. Die Zeiteinheit 'Yāma' [Nachtwache] wird je nach unterschiedlicher Zählweise bald als sieben Ghaṭikās minus ein Achtel, bald als sieben ganze, bald als sieben-und-ein-Viertel, bald als sieben-und-ein-halb, bald sogar als acht [Ghaṭikās] angegeben.

Wort für Wort
tābhyām muhūrta-triṃśadbhiḥ
aus zwei [Nāḍikās, und] aus dreißig Muhūrtas
ahorātram iti īritam
wird Tag-und-Nacht bezeichnet
aṣṭama-aṃśāt nyūna-sapta-ghaṭikābhiḥ ca saptabhiḥ
durch sieben Ghaṭikās minus ein Achtel, und durch [ganze] sieben
sa-pāda-saptabhiḥ vā api
oder auch durch sieben-und-ein-Viertel
sārdha-saptabhiḥ eva vā
oder auch durch sieben-und-ein-halb
yāmaḥ kālaḥ aṣṭabhiḥ vā api
die Zeiteinheit Yāma auch durch acht
kāla-bhedena coditaḥ
je nach unterschiedlicher Zählweise angegeben

[Anm.] Verse 10-11 grammatisch als eine Aussage verbunden; die uneinheitliche Yāma-Definition wird im Text selbst als Variantenreichtum benannt.

yāmaiścaturbhiḥ ahaḥ syāt tāvadbhiryāminīmatā / ahorātratriṃśatā ca māsaḥ pakṣadvayātmakaḥ

Aus vier Yāmas bestehe ein Tag, aus ebenso vielen werde eine Nacht gerechnet; aus dreißig Tag-und-Nächten [ergibt sich] ein Monat, der aus zwei Halbmonaten (pakṣa) besteht.

Wort für Wort
yāmaiḥ caturbhiḥ
aus vier Yāmas
ahaḥ syāt
bestehe ein Tag
tāvadbhiḥ yāminī matā
aus ebenso vielen werde eine Nacht gerechnet
ahorātra-triṃśatā ca
und aus dreißig Tag-und-Nächten
māsaḥ pakṣa-dvaya-ātmakaḥ
ein Monat, aus zwei Halbmonaten bestehend

tābhyāṃ ṛtustatrayeṇaivā ayanaṃ parikīrtitam / karkādi kārmukānteṣu yadā carati bhaskaraḥ

Aus zwei jener [Monate ergibt sich] eine Jahreszeit; aus drei jener [Jahreszeiten] wird ein Halbjahr (ayana) benannt; wenn die Sonne von [dem Tierkreiszeichen] Krebs bis zum Ende des Schützen wandert,...

Wort für Wort
tābhyām ṛtuḥ
aus zwei jener [Monate] eine Jahreszeit
tat-trayeṇa eva ayanam parikīrtitam
aus drei jener [Jahreszeiten] wird ein Halbjahr benannt
karka-ādi kārmuka-anteṣu
von Krebs bis zum Ende des Schützen
yadā carati bhaskaraḥ
wenn die Sonne wandert

dakṣiṇāyanamuddhiṣṭaṃ devānāṃ rātrisaṃjñakam / yāvannakrādike bhānau mithunānteṣu tiṣṭhati // uttarāyaṇamuddhiṣṭaṃ tāvatkālaṃ vicakṣaṇaiḥ / ayanābhyāṃ vatsarastu dviṣaṇmāsātmakaḥ smṛtaḥ

...das wird als der südliche Sonnenlauf (dakṣiṇāyana) bezeichnet, welcher für die Götter 'Nacht' heißt. Solange die Sonne von [dem Zeichen] Steinbock bis zum Ende der Zwillinge steht, wird diese Zeitspanne von den Weisen als der nördliche Sonnenlauf (uttarāyaṇa) bezeichnet. Aus den beiden Sonnenläufen [zusammen] wird ein Jahr, bestehend aus zweimal sechs Monaten, gebildet.

Wort für Wort
dakṣiṇa-ayanam uddhiṣṭam
das wird als südlicher Sonnenlauf bezeichnet
devānām rātri-saṃjñakam
für die Götter 'Nacht' genannt
yāvat nakra-ādike bhānau mithuna-anteṣu tiṣṭhati
solange die Sonne von Steinbock bis Ende Zwillinge steht
uttara-ayanam uddhiṣṭam
wird als nördlicher Sonnenlauf bezeichnet
tāvat kālam vicakṣaṇaiḥ
diese Zeitspanne von den Weisen
ayanābhyām vatsaraḥ
aus den beiden Sonnenläufen ein Jahr
dvi-ṣaṇ-māsa-ātmakaḥ smṛtaḥ
aus zweimal sechs Monaten bestehend, wird erinnert

ṣaṣṭhyuttaratriśatakaiḥ ahorātraiśca vatsaraḥ / aṣṭāviṃśatsahasraistu lakṣasaptadaśābdataḥ

Ein Jahr [besteht] aus dreihundertsechzig Tag-und-Nächten; [das Kṛta-Zeitalter aber wird gebildet] aus achtundzwanzigtausend und siebzehn Hunderttausend Jahren [= 1.728.000 Jahre],

Wort für Wort
ṣaṣṭhi-uttara-triśatakaiḥ ahorātraiḥ ca
aus dreihundertsechzig Tag-und-Nächten
vatsaraḥ
ein Jahr [besteht]
aṣṭāviṃśat-sahasraiḥ tu
aus achtundzwanzigtausend
lakṣa-saptadaśa-ābdataḥ
und siebzehn Hunderttausend Jahren

[Anm.] 1.728.000 Jahre = klassische Länge des Kṛta-Yuga (vgl. Manusmṛti 1,69ff.).

kḷptaḥ kṛtayugastasmāt tretāpādonamucyate / sahasraṣaṇṇavatyetalakṣadvādaśa saṃmitaḥ

...ist das Kṛta-Zeitalter bemessen; das Tretā [-Zeitalter] wird als um ein Viertel geringer bezeichnet, gemessen zu sechsundneunzigtausend und zwölf Hunderttausend [Jahren = 1.296.000 Jahre].

Wort für Wort
kḷptaḥ kṛta-yugaḥ tasmāt
davon ist das Kṛta-Zeitalter bemessen
tretā pāda-ūnam ucyate
Tretā wird als um ein Viertel geringer bezeichnet
sahasra-ṣaṇṇavati etat lakṣa-dvādaśa saṃmitaḥ
gemessen zu 96.000 und 12 Hunderttausend

tretāyugastataḥ pādanyūno dvāparar iritaḥ / catuḥṣaṣṭhisahasreta aṣṭalakṣamitismṛtaḥ

Um ein Viertel geringer als das Tretā-Zeitalter wird das Dvāpara[-Zeitalter] genannt; es wird zu vierundsechzigtausend und acht Hunderttausend [Jahren = 864.000 Jahre] gerechnet.

Wort für Wort
tretā-yugāt tataḥ pāda-nyūnaḥ
um ein Viertel geringer als das Tretā-Zeitalter
dvāparaḥ iritaḥ
wird Dvāpara genannt
catuḥṣaṣṭhi-sahasra etat aṣṭa-lakṣa-mitaḥ smṛtaḥ
zu 64.000 und 8 Hunderttausend gerechnet

dvāpararāttu kalistasmādardhapādamitismṛtaḥ / dviṣoḍaśasahasretāccaturlakṣātmakaḥ kaliḥ

Geringer als das Dvāpara[-Zeitalter] um ein halbes Viertel wird Kali gerechnet; Kali besteht aus zweiunddreißigtausend und vier Hunderttausend [Jahren = 432.000 Jahre].

Wort für Wort
dvāparāt tu kaliḥ tasmāt ardha-pāda-mitaḥ smṛtaḥ
Kali wird als um ein halbes Viertel geringer als Dvāpara gerechnet
dvi-ṣoḍaśa-sahasretāt catur-lakṣa-ātmakaḥ kaliḥ
Kali besteht aus 32.000 und 4 Hunderttausend

kṛtatretādvāparaśca kaliśceti caturyugāḥ / caturyugātmakaḥ kālo mahāyuga itīryate

Kṛta, Tretā, Dvāpara und Kali – dies sind die vier Zeitalter (yuga); die aus den vier Zeitaltern bestehende Zeitspanne wird 'Großes Zeitalter' (mahāyuga) genannt.

Wort für Wort
kṛta-tretā-dvāparaḥ ca kaliḥ ca iti catur-yugāḥ
Kṛta, Tretā, Dvāpara und Kali sind die vier Zeitalter
catur-yuga-ātmakaḥ kālaḥ
die aus den vier Zeitaltern bestehende Zeit
mahāyugaḥ iti īryate
wird Mahāyuga genannt

viṃśatsahasretalakṣatricatvāriṃśadabdakaiḥ / kḷptaḥ kālaḥ kāladṛgbhiḥ mahāyuga itīryate

Von den Zeitkennern wird die Zeit von zwanzigtausend und dreiundvierzig Hunderttausend Jahren [= 4.320.000 Jahre] bemessen [und] 'Mahāyuga' genannt.

Wort für Wort
viṃśat-sahasreta-lakṣa-tricatvāriṃśat-abdakaiḥ
von 20.000 und 43 Hunderttausend Jahren
kḷptaḥ kālaḥ kāla-dṛgbhiḥ
von den Zeitkennern bemessene Zeit
mahāyugaḥ iti īryate
wird Mahāyuga genannt

[Anm.] 1.728.000+1.296.000+864.000+432.000 = 4.320.000 Jahre, stimmt mit der klassischen Summe der vier Yugas überein.

ṣaṣṭhyuttarābdatriṃśatāddevānāmabdar iritaḥ / tādṛgabdasahasrāṇāṃ catuṣkoṇaḥ kṛtāhvayaḥ

Aus dreißig-plus-sechzig [d.h. 360 Menschen-]Jahren wird ein 'Götterjahr' gebildet; ein Vierfaches von tausend solcher [Götter-]Jahre trägt den Namen 'Kṛta'.

Wort für Wort
ṣaṣṭhi-uttara-abda-triṃśatā
aus dreißig-plus-sechzig Jahren [= 360]
devānām abdaḥ iritaḥ
wird ein Götterjahr gebildet
tādṛk-abda-sahasrāṇām catuṣ-koṇaḥ
ein Vierfaches von tausend solcher Jahre
kṛta-āhvayaḥ
trägt den Namen Kṛta

[Anm.] V.22-26: dieselbe Yuga-Skala nun in 'Götterjahren' (1 Götterjahr = 360 Menschenjahre) ausgedrückt: Kṛta 4000, Tretā 3000, Dvāpara 2000, Kali 1000 Götterjahre, plus Dämmerungszeiten – klassisches Schema (vgl. Manusmṛti 1,69-73).

tretā tu trisahasrābdā dvisahasrābdasaṃmitaḥ / dvāparastu tato nyūnasahasrābdamitaḥ kaliḥ

Tretā aber [misst] dreitausend [Götter-]Jahre; [Dvāpara] wird zu zweitausend Jahren gerechnet; und Kali, geringer als jenes, wird zu tausend Jahren gerechnet.

Wort für Wort
tretā tu tri-sahasra-abdā
Tretā aber [misst] dreitausend Jahre
dvi-sahasra-abda-saṃmitaḥ
zu zweitausend Jahren gerechnet [ist Dvāpara]
dvāparaḥ tu tataḥ nyūna-sahasra-abda-mitaḥ kaliḥ
und Kali, geringer als jenes, zu tausend Jahren gerechnet

kṛtasyādau kṛtānte ca pṛthagabdaścatuḥśatam / sandhistretāyugādyante pṛthagabdaśatatrayam

Am Anfang des Kṛta und an seinem Ende [stehen] je gesondert vierhundert [Götter-]Jahre [als Dämmerungszeit]; die Dämmerung am Anfang und Ende des Tretā-Zeitalters [beträgt] je gesondert dreihundert Jahre.

Wort für Wort
kṛtasya ādau kṛtānte ca
am Anfang des Kṛta und an seinem Ende
pṛthak abdaḥ catuḥśatam
je gesondert vierhundert Jahre
sandhiḥ tretā-yuga-ādyante
die Dämmerung am Anfang und Ende des Tretā-Zeitalters
pṛthak abda-śata-trayam
je gesondert dreihundert Jahre

sandhistu dvāparādyante pṛthagabdaśatadvayam / śatābdaḥsaṃmitaḥ kālaḥ sandhirādyantayoḥ kaleḥ

Die Dämmerung am Anfang und Ende des Dvāpara[-Zeitalters] beträgt je gesondert zweihundert Jahre; die Dämmerungszeit am Anfang und Ende des Kali wird zu hundert Jahren bemessen.

Wort für Wort
sandhiḥ tu dvāpara-ādyante
die Dämmerung am Anfang und Ende des Dvāpara aber
pṛthak abda-śata-dvayam
je gesondert zweihundert Jahre
śata-abdaḥ saṃmitaḥ kālaḥ
zu hundert Jahren bemessene Zeit
sandhiḥ ādyantayoḥ kaleḥ
die Dämmerung am Anfang und Ende des Kali

evaṃ daivena mānena dvadaśābdāḥsahasrataḥ / kḷptaḥ kālaḥ kālavidbhiḥ mahāyuga itīryate

So wird von den Zeitkennern, nach göttlichem Maß, die Zeit von zwölftausend [Götter-]Jahren bemessen [und] 'Mahāyuga' genannt.

Wort für Wort
evam daivena mānena
so nach göttlichem Maß
dvādaśa-abdāḥ sahasrataḥ
zwölf Jahre, [gerechnet] in Tausenden [= 12.000]
kḷptaḥ kālaḥ kāla-vidbhiḥ
von den Zeitkennern bemessene Zeit
mahāyugaḥ iti īryate
wird Mahāyuga genannt

[Anm.] 4000+3000+2000+1000 Götterjahre plus Dämmerungen = 12.000 Götterjahre = 4.320.000 Menschenjahre, deckt sich mit V.21.

sārdhāṣṭādaśalakṣābde yugānām ekasaptati / milito manusandhātabhogakāla udīritaḥ

Bei achtzehneinhalb Hunderttausend Jahren, vereint mit einundsiebzig Mahāyugas, wird die Genusszeit (bhoga-kāla) eines Manu samt seiner Dämmerungszeit angegeben.

Wort für Wort
sārdha-aṣṭādaśa-lakṣa-abde
bei achtzehneinhalb Hunderttausend Jahren
yugānām eka-saptati
einundsiebzig Zeitaltern [Mahāyugas]
militaḥ manu-sandhāta-bhoga-kālaḥ udīritaḥ
vereint, wird die Genusszeit eines Manu samt Dämmerung angegeben

[?][Anm.] Ein Manvantara umfasst traditionell 71 Mahāyugas (≈306.720.000 Jahre) plus eine Dämmerungszeit von der Länge eines Satya-/Kṛta-Yuga (1.728.000 Jahre); die genaue Arithmetik dieses Verses ('18,5 Lakh') ist im vorliegenden Quelltext nicht restlos aufzulösen, evtl. verderbt.

dviṣaṭśatābdasamito layaḥ svāyambhuvottaraḥ / svārociṣādikānāntu ṣaṇṇāmapyantare layaḥ

Die auf das Svāyambhuva[-Manvantara] folgende Auflösungszeit wird zu zwölfhundert [?] Jahren bemessen; und auch zwischen den sechs [Manvantaras], angeführt von Svārociṣa, [liegt jeweils] eine Auflösungszeit.

Wort für Wort
dvi-ṣaṭ-śata-abda-samitaḥ
zu zwölfhundert [?] Jahren bemessen
layaḥ svāyambhuva-uttaraḥ
die auf das Svāyambhuva[-Manvantara] folgende Auflösungszeit
svārociṣa-ādikānām tu ṣaṇṇām api antare
auch zwischen den sechs, angeführt von Svārociṣa
layaḥ
[liegt] eine Auflösungszeit

[?] Zahlenangabe 'dviṣaṭśata' unklar (wörtl. 'zwei-sechs-hundert'); Bedeutung/Umfang der Auflösungsintervalle zwischen den 14 Manvantaras im Detail nicht sicher rekonstruierbar.

pañcādaśaśatābdātmā layaḥ kāla udīritaḥ / caturdaśaśatābdātmā layaḥ kāla udāhṛtaḥ

Eine Auflösungszeit von fünfzehnhundert Jahren wird angegeben; eine [andere] Auflösungszeit von vierzehnhundert Jahren wird genannt.

Wort für Wort
pañcadaśa-śata-abda-ātmā layaḥ kālaḥ udīritaḥ
eine Auflösungszeit von 1500 Jahren wird angegeben
caturdaśa-śata-abda-ātmā layaḥ kālaḥ udāhṛtaḥ
eine Auflösungszeit von 1400 Jahren wird genannt

[?] Weitere, im Einzelnen nicht sicher zuzuordnende Auflösungsintervalle zwischen einzelnen Manvantaras.

tadanya manvantareṣu niyamātsarvadaiva tu / caturyugasahasrantu brahmaṇo dina ucyate

In den übrigen Manvantaras aber [gilt] stets, der Regel gemäß: tausend Mahāyugas [zusammen] werden 'ein Tag Brahmās' genannt.

Wort für Wort
tad-anya manvantareṣu
in den übrigen Manvantaras
niyamāt sarvadā eva tu
stets, der Regel gemäß
catur-yuga-sahasram tu
tausend Mahāyugas aber
brahmaṇaḥ dinam ucyate
werden 'ein Tag Brahmās' genannt

[Anm.] 1 Kalpa = 1000 Mahāyugas = 1 Tag Brahmās, klassische Lehre.

rātriśca tāvatī tasya ahorātrā tu tādṛśā / ṣaṣṭhyuttaratriśatakādvatsaro 'jasya kīrtitaḥ

Und seine Nacht ist ebenso lang; sein Tag-und-Nacht ist demgemäß [ein Kalpa je]; aus dreihundertsechzig solcher [Tag-und-Nächte] wird ein Jahr Ajas [Brahmās] genannt.

Wort für Wort
rātriḥ ca tāvatī tasya
und seine Nacht ist ebenso lang
ahorātrā tu tādṛśā
sein Tag-und-Nacht ist demgemäß [bemessen]
ṣaṣṭhi-uttara-triśatakāt
aus dreihundertsechzig [solchen]
vatsaraḥ ajasya kīrtitaḥ
wird ein Jahr Ajas [Brahmās] genannt

evaṃ vidhaśatābdātmā kālo 'jasyāyuṣo mataḥ / vāsudevātsūkṣmatanuṃ svaśatābdādime kṣaṇe

So gilt eine aus hundert solchen Jahren bestehende Zeitspanne als [die volle] Lebensdauer Ajas [Brahmās]; von Vāsudeva [erhielt Brahmā] einen feinstofflichen Körper, im allerersten Augenblick seiner hundert [Brahmā-]Jahre,

Wort für Wort
evam vidha-śata-abda-ātmā kālaḥ
eine derart aus hundert Jahren bestehende Zeitspanne
ajasya āyuṣaḥ mataḥ
gilt als Ajas [Brahmās] Lebensdauer
vāsudevāt sūkṣma-tanum
von Vāsudeva einen feinstofflichen Körper
sva-śata-abda-ādime kṣaṇe
im allerersten Augenblick seiner hundert Jahre

yaḥ prāpa saśatābdāyuḥ tadrūpāṇītarāṇi tu / māsatrayādhikādabdaṣaṭkāt pūrvatanādabhūt

...[Brahmā,] der eine Lebensdauer von hundert Jahren erlangte; die anderen Formen jenes [feinstofflichen Körpers] aber entstanden [schon] früher, aus sechs Jahren und drei Monaten davor.

Wort für Wort
yaḥ prāpa sa-śata-abda-āyuḥ
der [Brahmā], der eine Lebensdauer von hundert Jahren erlangte
tad-rūpāṇi itarāṇi tu
die anderen Formen davon aber
māsa-traya-adhikāt abda-ṣaṭkāt pūrvatanāt
aus sechs Jahren und drei Monaten früher
abhūt
entstanden

[?][Anm.] V.32-33: technische, im Detail unsichere Aussage über eine dem eigentlichen hundertjährigen Brahmā-Leben vorausgehende Phase feinstofflicher Verkörperung.

sṛjyānāṃ sūkṣmasāṃśānāṃ sūkṣmasṛṣṭiścatustanoḥ / sṛṣṭānāṃ sūkṣmataḥ pūrvaṃ sthūladehastato 'bhavat

Für die zu erschaffenden Wesen, die [zunächst als] feinstoffliche Teilchen [existieren], [geschieht] die feinstoffliche Schöpfung durch den Viergestaltigen [die vier Vyūhas]; für die so Erschaffenen entstand danach, nach dem feinstofflichen [Zustand], der grobstoffliche Körper.

Wort für Wort
sṛjyānām sūkṣma-sāṃśānām
für die zu erschaffenden, [zunächst] feinstofflich-partikelhaften Wesen
sūkṣma-sṛṣṭiḥ catus-tanoḥ
die feinstoffliche Schöpfung durch den Viergestaltigen
sṛṣṭānām sūkṣmataḥ pūrvam
für die Erschaffenen, nach dem [zunächst] Feinstofflichen
sthūla-dehaḥ tataḥ abhavat
entstand danach der grobstoffliche Körper

nārāyaṇādajādrudrāt kramāt kālānusārataḥ / yāvatāṃ sūkṣmataḥ sṛṣṭiḥ sthūlasṛṣṭistu tāvatā

Von Nārāyaṇa, von Aja [Brahmā], von Rudra, der Reihe nach, dem Zeitverlauf gemäß – für so viele [Wesen] die feinstoffliche Schöpfung [erfolgt], für ebenso viele [erfolgt dann auch] die grobstoffliche Schöpfung.

Wort für Wort
nārāyaṇāt ajāt rudrāt
von Nārāyaṇa, von Aja [Brahmā], von Rudra
kramāt kāla-anusārataḥ
der Reihe nach, dem Zeitverlauf gemäß
yāvatām sūkṣmataḥ sṛṣṭiḥ
für so viele [Wesen] die feinstoffliche Schöpfung
sthūla-sṛṣṭiḥ tu tāvatā
die grobstoffliche Schöpfung aber für ebenso viele

aṇḍādūrdhvaṃ cāvṛtayaḥ sthūladehāśca tanmayāḥ / ādyasya brahmaṇaḥ pūrvaṃ pañcāśadvatsarānti me // dine vyatīte tadrātrāvaṇḍasṛṣṭirathābhavat / tadantaḥ svapato viṣṇorjalamadhyagatasya tu

Oberhalb des Weltenei sind die [sieben kosmischen] Hüllen, und die aus ihnen bestehenden grobstofflichen Körper; vor dem ersten Brahmā [gab es], nach meiner Zählung, fünfzig [Brahmā-]Jahre [einer vorausgehenden Schöpfungsperiode – Anm.: Textstelle unsicher]. Als [dieser] Tag vergangen war, entstand in jener Nacht die Erschaffung eines [neuen] Welteneis; in dessen Innerem [ruht] Viṣṇu schlafend, inmitten der Wasser befindlich.

Wort für Wort
aṇḍāt ūrdhvam ca āvṛtayaḥ
oberhalb des Welteneis die Hüllen
sthūla-dehāḥ ca tanmayāḥ
und die aus ihnen bestehenden grobstofflichen Körper
ādyasya brahmaṇaḥ pūrvam
vor dem ersten Brahmā
pañcāśat vatsarā anti me
fünfzig Jahre, nach meiner [Zählung] am Ende
dine vyatīte
als der Tag vergangen war
tad-rātrau aṇḍa-sṛṣṭiḥ atha abhavat
in jener Nacht entstand darauf die Erschaffung eines Welteneis
tad-antaḥ svapataḥ viṣṇoḥ
in dessen Innerem des schlafenden Viṣṇu
jala-madhya-gatasya tu
der inmitten der Wasser befindlich ist

[?] V.36 in sich unklar/möglicherweise verderbt ('pañcāśadvatsarānti me'); als eine grammatische Einheit mit V.37 übersetzt, da der Satz über die Versgrenze fortläuft.

nābhyutthitāllokamayāt prākṛtāt padmakośataḥ / pādmaḥ brahmotthitaḥsārdhaṃ saptatriṃśaccatanmaye

Aus dem aus seinem Nabel emporgestiegenen, aus den Welten und aus Urstoff (prakṛti) bestehenden Lotuskelch erhob sich der lotusgeborene Brahmā, zusammen mit siebenunddreißig [Hüllenwelten(?)], die aus jenem [selben Lotusstoff] bestehen.

Wort für Wort
nābhi-utthitāt loka-mayāt prākṛtāt padma-kośataḥ
aus dem aus dem Nabel emporgestiegenen, welten- und urstoffhaften Lotuskelch
pādmaḥ brahmā utthitaḥ
erhob sich der lotusgeborene Brahmā
sārdham saptatriṃśat tan-maye
zusammen mit siebenunddreißig aus demselben [Stoff] bestehenden [Welten/Hüllen(?)]

[?] 'saptatriṃśat' (37) bezieht sich vermutlich auf eine Zahl kosmischer Hüllen/Welten; im Quelltext nicht eindeutig spezifiziert.

dināntime niśāyāṃ ca nāśo 'ṇḍasya jagatpateḥ / vyutkramātpūrvamānena sthūlasūkṣmasya nāśanam

Am Ende des Tages, und [dann] in der Nacht, [erfolgt] die Zerstörung des Welteneis des Weltenherrn; in umgekehrter Reihenfolge, nach demselben Maß wie zuvor, [erfolgt] die Zerstörung des Grobstofflichen und [dann] des Feinstofflichen.

Wort für Wort
dina-antime niśāyām ca
am Ende des Tages, und in der Nacht
nāśaḥ aṇḍasya jagat-pateḥ
die Zerstörung des Welteneis des Weltenherrn
vyutkramāt pūrva-mānena
in umgekehrter Reihenfolge, nach dem früheren Maß
sthūla-sūkṣmasya nāśanam
die Zerstörung des Grobstofflichen und Feinstofflichen

evaṃ śatāyuṣaḥ pūrṇedviparārdhātmakāyuṣī / svayaṃ cātmasvarūpāṇām ekībhāvaṃ karotyajaḥ

So bewirkt, wenn die aus zwei Parārdhas bestehende, hundertjährige Lebenszeit vollendet ist, Aja [Brahmā] selbst die Vereinigung seiner eigenen [ausgesandten] Selbst-Formen [wieder zu Einem].

Wort für Wort
evam śata-āyuṣaḥ pūrṇe dvi-parārdha-ātmaka-āyuṣi
so, wenn die aus zwei Parārdhas bestehende hundertjährige Lebenszeit vollendet ist
svayam ca ātma-svarūpāṇām
und selbst der eigenen [emanierten] Selbst-Formen
ekībhāvam karoti ajaḥ
bewirkt Aja [Brahmā] die Vereinigung zu Einem

[Anm.] 1 Brahmā-Leben = 100 Brahmā-Jahre = 2 Parārdhas (die klassische Gesamtdauer eines Weltzeitalters).

yāvatkālenātmasṛṣṭirekībhāvastu tāvatā / ekībhūtepi ramati tathaikībhūtamāyayā

In derselben Zeitspanne, in der die Erschaffung seiner [eigenen] Wesen [erfolgte], [erfolgt] auch deren Vereinigung zu Einem; und obwohl [alles] zu Einem geworden ist, ergötzt er sich [dennoch weiter, zusammen] mit der ebenso zu Einem gewordenen Māyā.

Wort für Wort
yāvat kālena ātma-sṛṣṭiḥ
in derselben Zeitspanne, in der die Erschaffung seiner Wesen [erfolgte]
ekībhāvaḥ tu tāvatā
die Vereinigung zu Einem aber in ebenso [langer Zeit]
ekībhūte api ramati
obwohl [alles] zu Einem geworden ist, ergötzt er sich
tathā ekībhūta-māyayā
ebenso mit der zu Einem gewordenen Māyā

tāvatkālaṃ tataḥ paścāt suptavat svāpayatyajaḥ / sārdhadviṣaḍbrahmavarṣamiti śiṣṭe niśānti me

Für dieselbe Zeitspanne danach lässt Aja [alles], wie im Schlaf, [weiter] ruhen; dies, so [heißt es] bei den Gelehrten, [ist] am Ende der Nacht [noch verbleibend]: zwölfeinhalb Brahmā-Jahre [?].

Wort für Wort
tāvat kālam tataḥ paścāt
für dieselbe Zeitspanne danach
suptavat svāpayati ajaḥ
lässt Aja, wie im Schlaf, [weiter] ruhen
sārdha-dvi-ṣaṭ-brahma-varṣam iti śiṣṭe
zwölfeinhalb Brahmā-Jahre, so bei den Gelehrten
niśā anti me
am Ende der Nacht, [nach] meiner [Darstellung]

[?] Zahlenangabe ('12,5 Brahmā-Jahre') widerspricht der sonst üblichen Lehre, dass Brahmās Nacht genau gleich lang wie sein Tag (je 1 Kalpa) ist; möglicherweise eine dieser Saṃhitā eigentümliche Zusatzangabe oder Textverderbnis – nicht sicher aufzulösen.

bhāge punaḥ pūrvavacca ātmasṛṣṭyādimīśvaraḥ / karoti puruṣastasya nāyurmānaṃ vidhīyate

Dann wieder, wie zuvor, vollzieht der Herr Puruṣa in [gebührendem] Anteil die Erschaffung seiner eigenen [Wesen] und so fort; für ihn aber ist kein Maß der Lebenszeit festgesetzt.

Wort für Wort
bhāge punaḥ pūrvavat ca
dann wieder, wie zuvor, in [gebührendem] Anteil
ātma-sṛṣṭi-ādi īśvaraḥ karoti puruṣaḥ
vollzieht der Herr Puruṣa die Erschaffung seiner eigenen [Wesen] und so fort
tasya na āyur-mānam vidhīyate
für ihn ist kein Maß der Lebenszeit festgesetzt

evaṃ vidhāparimitānantānantaparātmake / kāle bhāvinyapi hariḥ sṛṣṭyādīśaḥ kariṣyati

So wird Hari, der Herr der Schöpfung und so fort, auch in der künftigen Zeit – die unbemessen, endlos und im weiteren Endlosen gegründet ist – ebenso handeln.

Wort für Wort
evam vidhā aparimita-ananta-anantaparātmake kāle
in der solcherart unbemessenen, endlosen, im weiteren Endlosen gegründeten Zeit
bhāvini api
auch in der künftigen
hariḥ sṛṣṭi-ādi-īśaḥ kariṣyati
wird Hari, der Herr der Schöpfung und so fort, [ebenso] handeln

svantantrasyāsya maryādā asvatantrairna śakyate / laṅghituṃ pūrṇaśakterhi vaśe sarvaṃ carācaram

Die Grenze/Ordnung dieses Unabhängigen kann von den Nicht-Unabhängigen nicht überschritten werden; denn alles, Bewegliche und Unbewegliche, steht in der Gewalt dessen von voller Macht.

Wort für Wort
sva-tantrasya asya maryādā
die Grenze/Ordnung dieses Unabhängigen
a-svatantraiḥ na śakyate laṅghitum
kann von den Nicht-Unabhängigen nicht überschritten werden
pūrṇa-śakteḥ hi vaśe
denn in der Gewalt dessen von voller Macht
sarvam cara-acaram
alles, Bewegliche und Unbewegliche

ye 'nantakālatastasya mṛtijanmajarādayaḥ / āyāsaduḥkhadaurbhāgyacintāsantāpapūrvakāḥ

Die [Übel], die seit anfangloser Zeit [andere Wesen treffen] – Tod, Geburt, Alter und dergleichen, denen Anstrengung, Leid, Unglück, Sorge und Qual vorausgehen –,

Wort für Wort
ye ananta-kālataḥ tasya
die, die seit anfangloser Zeit [andere treffen]
mṛti-janma-jarā-ādayaḥ
Tod, Geburt, Alter und dergleichen
āyāsa-duḥkha-daurbhāgya-cintā-santāpa-pūrvakāḥ
denen Anstrengung, Leid, Unglück, Sorge, Qual vorausgehen

ajñānerṣyāsūyapīḍā kāmakrodhabhayādayaḥ / kṛśatārogaduritapuṇyalepādayastathā

Unwissenheit, Neid, Missgunst, Bedrängnis, Begierde, Zorn, Furcht und dergleichen, ebenso Abmagerung, Krankheit, Missetat und selbst der Makel [scheinbaren] Verdienstes,

Wort für Wort
ajñāna-īrṣyā-asūyā-pīḍā
Unwissenheit, Neid, Missgunst, Bedrängnis
kāma-krodha-bhaya-ādayaḥ
Begierde, Zorn, Furcht und dergleichen
kṛśatā-roga-durita-puṇya-lepa-ādayaḥ tathā
ebenso Abmagerung, Krankheit, Missetat, der Makel [selbst] des Verdienstes

āśāhāniśca vṛddhiśca kṣuttṛṭkampādayastathā / nāsan doṣāḥ nottaratra bhaviṣyantyakhileśvare

sowie Abnahme und Zunahme der Hoffnung, Hunger, Durst, Zittern und dergleichen – [all] diese Fehler waren nicht und werden künftig nicht sein im Herrn von allem.

Wort für Wort
āśā-hāniḥ ca vṛddhiḥ ca
Abnahme und Zunahme der Hoffnung
kṣut-tṛṭ-kampa-ādayaḥ tathā
Hunger, Durst, Zittern und dergleichen
na āsan doṣāḥ
diese Fehler waren nicht
na uttaratra bhaviṣyanti akhila-īśvare
und werden künftig nicht sein im Herrn von allem

[Anm.] V.46-48: eine Liste der Übel, die dem gewöhnlichen Geschöpf anhaften, wird kontrastierend verneint für den Höchsten Herrn.

tattaddurjanasaṅghaiśca ye kalpyāḥ doṣasañcayāḥ / tattadvirodhi suguṇānantyapūrṇasya mīluṣaḥ

Und was für Anhäufungen von Fehlern auch immer von den jeweiligen Scharen böser Menschen ausgedacht werden mögen – [sie] widersprechen jeweils [der Wahrheit] dessen, der von endlosen guten Eigenschaften erfüllt ist, des Gütigen.

Wort für Wort
tat-tad-durjana-saṅghaiḥ ca
und von den jeweiligen Scharen böser Menschen
ye kalpyāḥ doṣa-sañcayāḥ
was für Anhäufungen von Fehlern ausgedacht werden mögen
tat-tad-virodhi
dies widerspricht jeweils
su-guṇa-ānantya-pūrṇasya mīḷuṣaḥ
dem von endlosen guten Eigenschaften erfüllten Gütigen

[?] 'mīluṣaḥ' unklare Form, vermutlich für 'mīḍhuṣaḥ' ('der Gütige, Freigebige', vedisches Epitheton).

taddoṣaleśagandhopi na viṣṇoriti niścayaḥ / yaḥ kālaḥ paramāṇvādi dviparārdhāvasānakaḥ

Nicht einmal der Hauch eines Bruchteils solcher Fehler [haftet] an Viṣṇu – das ist die feste Lehre. Die Zeit, die vom Zeitatom bis zu ihrem Ende in den zwei Parārdhas [reicht],

Wort für Wort
tad-doṣa-leśa-gandhaḥ api na viṣṇoḥ
nicht einmal der Hauch eines Bruchteils solcher Fehler [haftet] an Viṣṇu
iti niścayaḥ
das ist die feste Lehre
yaḥ kālaḥ paramāṇu-ādi dvi-parārdha-avasānakaḥ
die Zeit, die vom Zeitatom bis zum Ende der zwei Parārdhas reicht

teṣu sarveṣu kāleṣu tattannāmnā ramāpatiḥ / tatsāmarthyavyañjakaśca sthitvā rakṣatyajaḥ prabhuḥ

in all diesen Zeiten weilt der Gemahl Ramās, der ungeborene Herr, unter dem jeweils entsprechenden Namen, seine jeweilige Macht offenbarend, und beschützt [so alles].

Wort für Wort
teṣu sarveṣu kāleṣu
in all diesen Zeiten
tat-tan-nāmnā ramā-patiḥ
der Gemahl Ramās, unter dem jeweils entsprechenden Namen
tat-sāmarthya-vyañjakaḥ ca
und seine jeweilige Macht offenbarend
sthitvā rakṣati ajaḥ prabhuḥ
weilend beschützt der ungeborene Herr

nityaḥ kālapravāhoyamanityāstu kṣaṇādayaḥ / naṣṭeṣu satsukāleṣu vartamāneṣu vai kramāt

Dieser Strom der Zeit ist ewig, wenngleich die Augenblicke und dergleichen [selbst] unbeständig sind; während die wirklichen Zeiteinheiten vergehen, treten der Reihe nach [neue] in Erscheinung.

Wort für Wort
nityaḥ kāla-pravāhaḥ ayam
dieser Strom der Zeit ist ewig
anityāḥ tu kṣaṇa-ādayaḥ
die Augenblicke und dergleichen aber sind unbeständig
naṣṭeṣu sat-su-kāleṣu
während die wirklichen Zeiteinheiten vergehen
vartamāneṣu vai kramāt
der Reihe nach treten [neue] in Erscheinung

avināśya svarūposau tatpravāhasya rakṣakaḥ / śatābdaḥsaṃmitaḥ kālo brahmaṇaḥ parasaṃjñakaḥ

Er, ohne seine eigene Natur zu zerstören, ist der Erhalter dieses Stromes; die hundertjährige [Lebens-]Zeit [Brahmās] wird, im höchsten Sinne, [eigentlich nur] als [Attribut] Brahmās bezeichnet.

Wort für Wort
avināśya svarūpaḥ asau
er, ohne seine eigene Natur zu zerstören
tat-pravāhasya rakṣakaḥ
der Erhalter dieses Stromes
śata-abdaḥ saṃmitaḥ kālaḥ
die hundertjährige [Lebens-]Zeit
brahmaṇaḥ para-saṃjñakaḥ
wird im höchsten Sinne als [Attribut] Brahmās bezeichnet

sakālastu nimeṣākhyaḥ ahaśca parameśituḥ / ityajñajanabuddhīnāṃ śuddhyarthamupacaryate

Die 'Augenblick' genannte Zeiteinheit sowie 'Tag', [wenn] vom Höchsten Herrn [gesprochen], werden [nur] übertragen angewandt, zum Zweck der Läuterung des Verständnisses unwissender Menschen.

Wort für Wort
sa-kālaḥ tu nimeṣa-ākhyaḥ ahaḥ ca parama-īśituḥ
die 'Augenblick' genannte Zeiteinheit sowie der 'Tag' des Höchsten Herrn
iti ajña-jana-buddhīnām śuddhi-artham upacaryate
werden zum Zweck der Läuterung des Verständnisses unwissender Menschen [nur] übertragen angewandt

ata āhurmahāprājñāḥ kālatonantamīśvaram / athāpi parakālāntaṃ brahmāṇaṃ janayanvibhuḥ

Daher erklären die großen Weisen den Herrn als jenseits der Zeit (kālataḥ ananta); und dennoch, der Alldurchdringende, indem er am Ende der höchsten Zeitspanne Brahmā hervorbringt,

Wort für Wort
ataḥ āhuḥ mahā-prājñāḥ
daher erklären die großen Weisen
kālataḥ anantam īśvaram
den Herrn als jenseits/endlos der Zeit
atha api para-kāla-antam brahmāṇam janayan vibhuḥ
und dennoch, indem der Alldurchdringende am Ende der höchsten Zeitspanne Brahmā hervorbringt

aṅgīkaroti taṃ kālamahoyadakhileśvaraḥ / rātrimānādi śūnyopi tāvantaṃ kālamīśvaraḥ

nimmt er jene Zeitspanne, [genannt] 'Tag', an, die der Herr von allem [selbst festsetzt]; obwohl frei von [der Beschränkung durch] das Maß der 'Nacht' und dergleichen, [beobachtet] der Herr dieselbe Zeitspanne [dennoch als Nacht].

Wort für Wort
aṅgīkaroti tam kālam ahaḥ
nimmt jene Zeitspanne, [genannt] Tag, an
yat akhila-īśvaraḥ
die der Herr von allem [festsetzt]
rātri-māna-ādi śūnyaḥ api
obwohl frei vom Maß der Nacht und dergleichen
tāvantam kālam īśvaraḥ
dieselbe Zeitspanne [dennoch] der Herr

rātritvena caratyevaṃ brahmādīnsvāpayatyajaḥ / niśāyāścarame bhāge ātmasṛṣṭyādimīśvaraḥ

So verfährt er in der Weise der 'Nacht' und lässt Brahmā und die anderen [Wesen] ruhen; und im letzten Teil jener Nacht [beginnt] der Herr [wieder] die Erschaffung seiner eigenen [Wesen] und so fort.

Wort für Wort
rātritvena carati evam
so verfährt er in der Weise der Nacht
brahma-ādīn svāpayati ajaḥ
lässt Aja Brahmā und die anderen ruhen
niśāyāḥ carame bhāge
im letzten Teil jener Nacht
ātma-sṛṣṭi-ādi īśvaraḥ
[beginnt] der Herr [wieder] die Erschaffung seiner eigenen [Wesen] und so fort

karoti puruṣastasya āyurmānaṃ vidhīyate / evaṃ vidhāparimitānantānantaparātmakaḥ

Puruṣa vollzieht [dies]; für ihn wird [wiederum] kein Maß der Lebenszeit festgesetzt. So ist er von unbemessener, endloser, im weiteren Endlosen gegründeter Natur.

Wort für Wort
karoti puruṣaḥ
Puruṣa vollzieht [dies]
tasya na āyur-mānam vidhīyate
für ihn wird kein Maß der Lebenszeit festgesetzt
evam vidhā aparimita-ananta-anantaparātmakaḥ
so von unbemessener, endloser, im weiteren Endlosen gegründeter Natur

[Anm.] Wiederaufnahme der Formel aus V.43-44.

kālāvyatītā sṛṣṭyādi karturviṣṇoḥ parātmanaḥ / svarūpendriyavadyosau kālorūpādivarjitaḥ

Die Zeit geht nicht über den Schöpfer der Schöpfung und so fort, Viṣṇu, das Höchste Selbst, hinweg; wie seine eigene Wesensnatur und seine Sinne [zeitlos sind], so ist auch er frei von Zeit, Form und dergleichen.

Wort für Wort
kālā avyatītā
die Zeit geht nicht hinweg über
sṛṣṭi-ādi kartuḥ viṣṇoḥ para-ātmanaḥ
den Schöpfer der Schöpfung und so fort, Viṣṇu, das Höchste Selbst
sva-rūpa-indriyavat
wie [seine] eigene Wesensnatur und Sinne
asau kāla-rūpa-ādi-varjitaḥ
so ist er frei von Zeit, Form und dergleichen

pūrvapūrvasu kāleṣu naṣṭeṣvanye bhavanti hi / uttaratrāyāsyamānaparamāṇupravāhataḥ

Während die früheren und früheren Zeiteinheiten vergehen, entstehen ja andere [neue] danach, aus dem stets neu heranströmenden Fluss der Zeitatome.

Wort für Wort
pūrva-pūrvasu kāleṣu naṣṭeṣu
während die früheren und früheren Zeiteinheiten vergehen
anye bhavanti hi
entstehen ja andere [neue]
uttaratra āyāsyamāna-paramāṇu-pravāhataḥ
danach, aus dem stets heranströmenden Fluss der Zeitatome

saṃyojyaghaṭikādyāstu kālojñeyaḥ samānataḥ / ghaṭikāyāmamāsādyā naikadā sambhavanti hi

Durch Zusammenfügung [der kleinsten Einheiten] sind die größeren Zeiteinheiten, angeführt von der Ghaṭikā, in gleicher Weise zu verstehen; [doch] Einheiten wie Ghaṭikā, Yāma, Monat und so fort entstehen ja nicht alle auf einmal.

Wort für Wort
saṃyojya ghaṭikā-ādyāḥ tu
durch Zusammenfügung [entstehend], die von der Ghaṭikā angeführten [größeren Einheiten] aber
kāla-jñeyaḥ samānataḥ
sind in gleicher Weise als Zeit zu verstehen
ghaṭikā-yāma-māsa-ādyāḥ
Einheiten wie Ghaṭikā, Yāma, Monat und so fort
na ekadā sambhavanti hi
entstehen ja nicht alle auf einmal

āyurmānavihīnasyānantānantaparātmakaiḥ / viṣṇoḥ kālānantyamitau kālajñānaṃ prayojakam

Für die Erkenntnis der Zeitlosigkeit Viṣṇus – der ohne Maß der Lebenszeit ist, dessen Natur endlos [und] im weiteren Endlosen [gegründet ist] – ist das Wissen um [diese gestufte] Zeit das notwendige Mittel.

Wort für Wort
āyur-māna-vihīnasya
des ohne Maß der Lebenszeit Seienden
ananta-ananta-para-ātmakaiḥ viṣṇoḥ
Viṣṇus, dessen Natur endlos [und] im weiteren Endlosen [gegründet] ist
kāla-ānantya-mitau
für die Erkenntnis der Endlosigkeit der Zeit [in Bezug auf ihn]
kāla-jñānam prayojakam
ist das Wissen um die Zeit das notwendige Mittel

[Anm.] Beginn des zusammenfassenden Schlussteils: die ganze vorangehende Zeitmaß-Lehre dient dem Zweck, Viṣṇus Zeitlosigkeit erfassbar zu machen.

vedānāmakṣarāṇāñca deśanyāvyākṛtasya ca / ramāyāḥ sarvajīvānāṃ muktānāṃ liṅgasaṃyujām // samastaliṅgadehānāṃ jaḍāyāḥ prakṛtestathā / eteṣāmasvatantrāṇāṃ svatantravaśavartinām

[Ebenso ist es das notwendige Mittel] für [die Erkenntnis der Endlosigkeit] der Veden, ihrer Silben, der Regionen des Unentfalteten (avyākṛta), [ferner] Ramās, aller Seelen (jīva) – der befreiten wie der noch mit einem feinstofflichen Leib verbundenen –, aller feinstofflich verkörperten [Wesen], und ebenso der leblosen Urmaterie (prakṛti): all dieser Nicht-Unabhängigen, die dem Willen des Unabhängigen unterworfen sind.

Wort für Wort
vedānām akṣarāṇām ca
der Veden und ihrer Silben
deśanyā avyākṛtasya ca
und der Regionen des Unentfalteten
ramāyāḥ sarva-jīvānām
Ramās, aller Seelen
muktānām liṅga-saṃyujām
der befreiten wie der mit dem feinstofflichen Leib verbundenen
samasta-liṅga-dehānām
aller feinstofflich verkörperten [Wesen]
jaḍāyāḥ prakṛteḥ tathā
und ebenso der leblosen Urmaterie
eteṣām asvatantrāṇām
all dieser Nicht-Unabhängigen
svatantra-vaśa-vartinām
die dem Willen des Unabhängigen unterworfen sind

kālānantyamitau nityaṃ kālajñānaṃ prayojakam / anityā(anantā)nāṃ jaḍānāṃ ca sūkṣmasthūlaśarīriṇām

Für die Erkenntnis der Endlosigkeit der Zeit ist das Wissen um die Zeit stets das notwendige Mittel – [dies gilt] für die unbeständigen(?)/endlosen leblosen [Dinge] ebenso wie für die fein- und grobstofflich verkörperten [Wesen].

Wort für Wort
kāla-ānantya-mitau nityam
für die Erkenntnis der Endlosigkeit der Zeit stets
kāla-jñānam prayojakam
ist das Wissen um die Zeit das notwendige Mittel
anityānām(anantānām) jaḍānām ca
der unbeständigen(?)/endlosen leblosen [Dinge]
sūkṣma-sthūla-śarīriṇām
der fein- und grobstofflich verkörperten [Wesen]

[?] Textvariante im Quelltext ('anityā/anantā') – beide Lesarten vermerkt, Sinn im Kontext ('endlos' passend zur vorausgehenden Aufzählung) leicht wahrscheinlicher.

āyurmāne śarīrāṇāṃ kālajñanaṃ prayojakam / evaṃ kālagatiṃ jānan kālabhītiṃ tariṣyati

Für das Maß der Lebenszeit der [verkörperten Wesen] ist das Wissen um die Zeit [ebenso] das notwendige Mittel. Wer so den Gang der Zeit erkennt, wird die Furcht vor der Zeit [d.h. vor dem Tod] überwinden.

Wort für Wort
āyur-māne śarīrāṇām
für das Maß der Lebenszeit der [verkörperten Wesen]
kāla-jñānam prayojakam
ist das Wissen um die Zeit das notwendige Mittel
evam kāla-gatim jānan
wer so den Gang der Zeit erkennt
kāla-bhītim tariṣyati
wird die Furcht vor der Zeit überwinden

[Anm.] Abschluss der Zeitlehre (V.1-66): ihr didaktischer Zweck ist die Überwindung der Todesfurcht durch Erkenntnis von Viṣṇus Zeittranszendenz.

ekasminparakāletu ekamaṇḍaṃ jagadguruḥ / daśāvaraṇasaṃyuktaṃ sṛjatyavati hantyajaḥ

In einer [einzigen] höchsten Zeitspanne erschafft, erhält und zerstört der Weltenlehrer, der Ungeborene, ein einziges, mit zehn Hüllen versehenes Weltenei.

Wort für Wort
ekasmin para-kāle tu
in einer [einzigen] höchsten Zeitspanne
ekam aṇḍam jagat-guruḥ
ein einziges Weltenei der Weltenlehrer
daśa-āvaraṇa-saṃyuktam
mit zehn Hüllen versehen
sṛjati avati hanti ajaḥ
erschafft, erhält, zerstört der Ungeborene

naikadājāṇḍabahulaṃ sraṣṭumicchati keśavaḥ / brahmāṇaṃ garuḍaṃ śeṣam idraṃ prāṇaṃ raviṃ surān

Keśava wünscht nicht, zur selben Zeit eine Vielzahl von Weltenei[ern] zu erschaffen – [noch] Brahmā, Garuḍa, Śeṣa, Indra, [den kosmischen] Lebensodem, die Sonne, die Götter [alle zugleich, in Vielzahl].

Wort für Wort
na ekadā aja-aṇḍa-bahulam
nicht zur selben Zeit eine Vielzahl von Weltenei[ern]
sraṣṭum icchati keśavaḥ
wünscht Keśava zu erschaffen
brahmāṇam garuḍam śeṣam indram prāṇam ravim surān
Brahmā, Garuḍa, Śeṣa, Indra, den Lebensodem, die Sonne, die Götter

ekamekaṃ harirmuktaṃ(kta)parakāle karotyajaḥ / tathāpyajāṇḍānantānāṃ niyantājāṇḍarūpavān

Einen nach dem anderen bringt Hari, der Ungeborene, [jeweils] in [seiner] höchsten Zeit hervor; dennoch ist er, der Regler der endlosen ungeborenen Weltenei[er], von der Form [jedes einzelnen] Weltenei[s].

Wort für Wort
ekam ekam hariḥ muktam(kta) para-kāle karoti ajaḥ
einen nach dem anderen bringt Hari, der Ungeborene, in [seiner] höchsten Zeit hervor
tathā api aja-aṇḍa-anantānām niyantā
dennoch, der Regler der endlosen ungeborenen Weltenei[er]
aja-aṇḍa-rūpavān
von der Form [jedes einzelnen] Weltenei[s]

hariḥ tādṛṅmahārūpānantānantāni vai hareḥ / romāṅkureṣvananteṣu saṃvasantīti hi śrutiḥ

Hari [ist] von solcherart großer Gestalt; und Haris endlose [Scharen von] endlosen [Universen] wohnen fürwahr in [seinen] endlosen Haarwurzeln – so lehrt es die heilige Überlieferung (śruti).

Wort für Wort
hariḥ tādṛk-mahā-rūpa
Hari, von solcherart großer Gestalt
ananta-anantāni vai hareḥ
und Haris endlose endlosen [Universen] fürwahr
romāṅkureṣu ananteṣu saṃvasanti
wohnen in [seinen] endlosen Haarwurzeln
iti hi śrutiḥ
so lehrt fürwahr die Überlieferung

[Anm.] Berühmtes vaiṣṇavisches Bild unzähliger Universen in den Haarporen Haris (vgl. Brahma-Saṃhitā 5,48).

tādṛśānantarūpāṇām anantyānantyayogataḥ / adhaścordhvaṃ cāṣṭadikṣu saṃyuktānāmanantaśaḥ

Solcher endlosen Formen, durch die Verbindung von Endlosigkeit auf Endlosigkeit, unten und oben und in den acht Himmelsrichtungen endlos miteinander verbunden,

Wort für Wort
tādṛśa-ananta-rūpāṇām
solcher endlosen Formen
anantya-anantya-yogataḥ
durch die Verbindung von Endlosigkeit auf Endlosigkeit
adhaḥ ca ūrdhvam ca aṣṭa-dikṣu
unten und oben und in den acht Himmelsrichtungen
saṃyuktānām anantaśaḥ
endlos miteinander verbunden

rūpānantyairapūrṇoru deśe pūrṇatanurhariḥ / atyabhinnorucitsaukhyabalādi guṇavigrahaḥ

wird Hari durch [diese] Endlosigkeit der Formen [dennoch] nicht unvollständig; sein weiter Körper ist an [jedem] Ort vollständig; er, dessen Gestalt aus Eigenschaften wie Bewusstsein, Glückseligkeit und Kraft besteht, ist [dabei] völlig ungeteilt.

Wort für Wort
rūpa-ānantyaiḥ a-pūrṇaḥ na
durch die Endlosigkeit der Formen [wird er] nicht unvollständig
uru deśe pūrṇa-tanuḥ hariḥ
an [jedem] weiten Ort vollständigen Körpers ist Hari
ati-abhinna-uru-cit-saukhya-bala-ādi-guṇa-vigrahaḥ
dessen Gestalt aus den Eigenschaften Bewusstsein, Glückseligkeit, Kraft und dergleichen besteht, völlig ungeteilt

nirviśeṣaḥ sarvagataḥ sūkṣmasthūlādirūpakaḥ / samaśaktiḥ samajñānabalādiśubhasadguṇaḥ

[Er ist] undifferenziert, allgegenwärtig, von feiner, grober und anderer Gestalt zugleich; von überall gleicher Macht, von überall gleichem Wissen, gleicher Kraft und den anderen heilvollen, wahren Eigenschaften.

Wort für Wort
nirviśeṣaḥ sarvagataḥ
undifferenziert, allgegenwärtig
sūkṣma-sthūla-ādi-rūpakaḥ
von feiner, grober und anderer Gestalt
sama-śaktiḥ
von überall gleicher Macht
sama-jñāna-bala-ādi-śubha-sat-guṇaḥ
von gleichem Wissen, gleicher Kraft und den anderen heilvollen, wahren Eigenschaften

samādhikavihīnaśca ramayānantarupayā / sahasvādhīnayā satyāśeṣacijjaḍabhṛddhariḥ

Frei von [jedem] Gleichen oder Höheren, trägt Hari, zusammen mit der ihm ganz unterworfenen, endlosgestaltigen Ramā, wahrhaftig das gesamte Bewusste und Unbewusste.

Wort für Wort
sama-adhika-vihīnaḥ ca
frei von [jedem] Gleichen oder Höheren
ramayā ananta-rūpayā
mit der endlosgestaltigen Ramā
sahasā adhīnayā
zusammen mit der ihm unterworfenen
satyā aśeṣa-cit-jaḍa-bhṛt hariḥ
der wahrhaftige Hari trägt das gesamte Bewusste und Unbewusste

[?] 'sahasvādhīnayā' unsicher segmentiert (evtl. 'saha sva-adhīnayā', 'zusammen mit der ihm eigens unterworfenen'), sinngemäß übersetzt.

svabhinnāyāḥ śriyāḥ bhinnāḥ muktāmaktāsucidguṇaiḥ / bhinnairnityajaḍaiḥsatyaiḥ bhinnaiḥ jīveśvaraiḥ sadā

[Er ist] verschieden von der [ihrerseits] von ihm verschiedenen Śrī; verschieden von den befreiten und unbefreiten [Seelen] mit ihren reinen Bewusstseins-Eigenschaften; verschieden von den ewigen, wahrhaften unbewussten [Substanzen]; und allzeit verschieden von den individuellen Seelen (jīva) [wie] vom Herrn [selbst, als je eigenständige Wirklichkeiten].

Wort für Wort
sva-bhinnāyāḥ śriyāḥ bhinnaḥ
verschieden von der [ihrerseits] von ihm verschiedenen Śrī
mukta-amukta-asu-cit-guṇaiḥ bhinnaiḥ
verschieden von den befreiten und unbefreiten [Seelen] mit reinen Bewusstseins-Eigenschaften
nitya-jaḍaiḥ satyaiḥ bhinnaiḥ
verschieden von den ewigen, wahrhaften unbewussten [Substanzen]
jīva-īśvaraiḥ bhinnaiḥ sadā
allzeit verschieden von den individuellen Seelen und dem Herrn

[Anm.] Formuliert die für den Pāñcarātra-Viśiṣṭādvaita typische Lehre bleibender Verschiedenheit (bheda) der Wesenskategorien trotz aller Abhängigkeit vom Höchsten.

vibhinno viśvato viṣṇuḥ deśato guṇato vibhuḥ / anantānantarūpeṇa abhinnobhinnavaddhariḥ

Viṣṇu, der Alldurchdringende, ist verschieden vom Weltall in jeder Hinsicht – dem Ort und den Eigenschaften nach; doch durch seine endlose Vielfalt endloser Formen erscheint Hari, obwohl ungeteilt, wie geteilt.

Wort für Wort
vibhinnaḥ viśvataḥ viṣṇuḥ
Viṣṇu ist verschieden vom Weltall in jeder Hinsicht
deśataḥ guṇataḥ vibhuḥ
der Alldurchdringende, dem Ort und den Eigenschaften nach
ananta-ananta-rūpeṇa
durch seine endlose Vielfalt endloser Formen
abhinnaḥ abhinnavat hariḥ
erscheint Hari, obwohl ungeteilt, wie geteilt

pūrṇopi jaḍacidrūpaṃ sṛjatyavati hantyajaḥ

Obwohl [stets] vollständig, erschafft, erhält und zerstört der Ungeborene die Gestalten des Unbewussten und des Bewussten.

Wort für Wort
pūrṇaḥ api
obwohl [stets] vollständig
jaḍa-cit-rūpam
die Gestalten des Unbewussten und des Bewussten
sṛjati avati hanti ajaḥ
erschafft, erhält, zerstört der Ungeborene

[Anm.] Abschließender Vers des Adhyāya: Zusammenfassung der Kosmogonie-Lehre.

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